Die Katakomben. -- San Sebastian fuori le mura. -- Das Abenteuer in
den Katakomben. -- Die Karnevalsfreuden. -- Noch ein Mordanfall. --
Die junge Witwe. -- Antiquar Vasi und seine Tochter. -- Canova. --
Beendigung des Karnevals. -- Die Entführung einer Nonne. -- Der
Kardinal-Bischof und der Impressario. -- Ich werde zum dritten
Bataillon versetzt. -- Herzbrechender Abschied und Abreise von Rom.
Eine ziemliche Strecke vor den Mauern Roms, etwas rechts von der Via
Appia, liegt die Kirche des heiligen Sebastian fuori le mura, bei der
man zu dem größten Grab der Erde, den Katakomben Roms hinabsteigt, denn
nur das Meer mag eine größere Menge von Leichen bergen; ein finsteres
Labyrinth, dessen endlose Irrgänge noch kein Sterblicher genau ermessen
konnte, die wenigstens sechs Miglien im Umfang haben müssen, sich nach
allen Seiten hin unter Rom verlieren und mit noch anderen unterirdischen
Gewölben und kleinen Katakomben in Verbindung stehen. Bald kommt man
durch schmale, enge Gänge, in denen keine zwei Personen nebeneinander
Raum haben, bald befindet man sich in schauerlichen, mit Schädeln und
Knochen angefüllten Gewölben, in denen nicht selten unabsehbare
Abgründe, Löcher und Gruben vorhanden sind, weshalb man ohne Fackeln
oder Laternen und Führer nicht wagen darf, diese Souterrains zu
betreten. Viele Tausende der ersten Christen fanden hier ihr Grab, und
die Knochen von nicht weniger als 170000 Märtyrern sollen hier liegen,
ohne die der gewöhnlichen Toten zu rechnen.
[Fußnote 3: _Pane tedesco_ nennt man in Rom das von deutschen Bäckern
daselbst gebackene mürbe Brot. Die Zahl der deutschen Bäcker übertrifft
die der einheimischen, und ihr Backwerk ist sehr beliebt.]
Es war kaum acht Uhr des Morgens, als ich mich schon unter der Tür der
San Sebastianskirche harrend befand und mit unbeschreiblicher Sehnsucht
meine Blicke dem Weg nach Rom zuwandte, von wo mir die höchste
Glückseligkeit kommen sollte. Mit so großer Ungeduld und so heißem
Verlangen hatte ich noch nicht auf die Erscheinung einer geliebten Dame
gewartet, als diesen Morgen, der mich unnennbar glücklich machen sollte.
Wäre mir in diesem Augenblick die heilige Jungfrau in ihrer ganzen
Glorie selbst erschienen, so hätte dies schwerlich eine so entzückende
Wirkung auf mich gemacht, als das Kommen der heißersehnten Prinzessin
Cesarini, auch zitterte ich, daß es unterbleiben möchte.
Nach beinahe zwei Stunden Harrens sah ich endlich einen unansehnlichen
altmodischen Fiaker ziemlich langsam von Rom aus antraben, so daß ich
zweifelte, daß dieser den mir so teuren Schatz enthalten könne. Bald
hielt er vor der Kirchentür still, und zwei verschleierte
Frauengestalten, von denen die eine einen göttlichen Wuchs verriet,
entstiegen dem alten Rumpelkasten und traten in die Kirche. Sie ist's,
flüsterte mir mein Genius zu, und sie war es. Schnell eilte ich, als mir
kein Zweifel übrig war, an den Weihkessel, mich tief verneigend ihr das
Wasser reichend, das sie, den Schleier zurückwerfend, mir auf das
freundlichste abnahm, indem sie mir ein »_Ben venuto_« mit einem
vielsagenden Blick zuflüsterte. Sie kniete nun mit ihrer Begleiterin
nieder, und nachdem sie ein kurzes Gebet verrichtet hatte, stand sie
auf, drehte sich zu mir um -- ich hatte dicht hinter ihr Platz genommen
-- und sprach: »Nun kommen Sie, wir wollen in die Katakomben
hinabsteigen.« -- Ich winkte dem Kustoden, der, schon von mir
unterrichtet, eine Fackel brachte und auch mir eine angezündete Kerze
reichte. Wir folgten unserem Führer und stiegen durch die sich in der
Nähe der San Sebastian-Kapelle befindliche Tür in das unermeßliche
Totenreich hinab. Auf der Treppe angekommen, reichte ich der schönen
Fürstin die Hand, deren Berührung mich durch Mark und Bein
elektrisierte; ihre Begleiterin, eine gefällige Freundin und vertraute
Gesellschafterin, mußte auf ihr Geheiß mit einem Laternchen vor uns und
dicht hinter unserem Führer gehen. Unten in dem ersten Gang angekommen,
drückte ich die in der meinigen ruhende Hand beinahe zitternd an mein
schon hochpochendes Herz und dann auf den Mund einen Feuerkuß, streifte
aber dabei mit der Kerze an die Mauern, so daß ihr Licht schnell
erlosch.
Unser Führer eilte indessen unaufhaltsam voran, und bald wurden die
Gänge so eng, daß wir nicht mehr nebeneinander gehen konnten, ohne uns
fest aneinander zu schmiegen, und nun schlang ich meinen Arm um die
schönste und schlankste aller Taillen Roms, die ich mit jedem Schritt
vorwärts fester und inniger an mich drückte, so daß bald ein glühendes
Feuer alle meine Adern durchzuckte, meine Pulse beben machte, und als
ich endlich den Führer mit der ihm folgenden Schönen, denn häßlich war
der Prinzessin Begleiterin nicht, in ziemlicher Entfernung von uns sah
-- ich war absichtlich langsam gegangen --, da wagte ich einen langen
Kuß auf den niedlichsten Rosenmund, den ich noch gesehen, und die
reizende Nymphengestalt fester und fester an mich zu drücken; ich fühlte
den Kuß mit brennenden Lippen erwidert und ein klopfendes Herz an meinem
Busen pochen. Mehrere Sekunden blieben wir in dieser Stellung und würden
Minuten und Viertelstunden so verweilt haben, wenn nicht der Kustode,
immer von Märtyrern und Heiligen faselnd, endlich stillgestanden wäre
und sich nach uns umgesehen hätte, um uns auf die Inschrift eines Steins
aufmerksam zu machen. Als er sah, daß ich kein Licht mehr hatte, rief er
mir zu: »Was ist Ihnen begegnet, Ihre Kerze brennt ja nicht mehr.«
»Hat nichts zu sagen, Signor; ein Windzug hat sie gelöscht, nur immer
vorwärts.«
Nun hielt er wieder an, um uns einen Haufen Knochen zu zeigen, lauter
heilige Märtyrerknochen, von denen etwas wegzunehmen bei Strafe des
Kirchenbannes verboten war. Niemand von uns spürte einige Lust, sich
diesem auszusetzen, und wir ließen die Knochen unberührt. Es ging weiter
die Kreuz und die Quere in diesem Knochenlabyrinth, in dem ich endlich
so weit mit meiner schönen Principessa zurückblieb, daß wir zuletzt
Fackel- und Laternenschein, die sich in den krummen Seitengängen
verloren, aus dem Gesicht bekamen und, Aphroditen huldigend, den Hauch
der Liebe in vollen Zügen atmend, uns so ganz vergaßen, daß es uns nicht
im entferntesten in den Sinn kam, daß wir hier Gefahr liefen, wenn wir
unseren Führer verlieren möchten, das Tageslicht nicht mehr zu schauen.
Nach einigen Minuten ließ jedoch der gute Mann seine Stimme mehrmals
kreischend erschallen, aber wir waren in diesem Augenblick ganz
außerstande, ihm zu antworten, da der Mund des einen dem des anderen ein
absolutes Stillschweigen auferlegte und mit Glutküssen bedeckte. Endlich
fanden wir die Sprache wieder, aber die Stimme des Kustoden war jetzt
verstummt, und nach gepflogener Götterlust war es uns doch nicht so ganz
einerlei, uns ohne Führer und Licht in diesen stockfinsteren
unterirdischen Irrgängen zu befinden.
»Das wäre die Lust zu teuer gebüßt,« meinte Gertrude (der Taufname der
Prinzessin), halb scherzend, halb ernst, »wenn wir zur Strafe hier
verhungern sollten.«
»Dahin soll es nicht kommen, _mia dolcissima_,« erwiderte ich und schrie
nun aus vollem Halse mit einer Donnerstimme: »Signor Kustode! Signor
Kustode!«
Aber alles blieb still und stumm.
Ich wiederholte mein Rufen, keine andere Antwort, als der Widerhall
meiner Stimme.
»Das beginnt bedenklich zu werden,« meinte die Cesarini.
»Bewahre der Himmel,« versetzte ich; »wie, wenn es dem Herrn Kustode
eingefallen wäre, sich einstweilen so auf seine Faust mit Ihrer hübschen
Begleiterin zu verlustieren?«
Die Cesarini lachte und sagte: »Wo denken Sie hin; der Kustode der
heiligen Märtyrer ist schon ziemlich betagt und Bianchetta auch nicht
mehr in der ersten Jugendblüte.«
»Das will nichts sagen, im Gegenteil ein Grund mehr für beide, sich
gegenseitig zu trösten.«
»Allen Scherz beiseite, mir fängt an bange zu werden.«
Die Wahrheit zu gestehen, fing es auch mir an, nicht ganz wohl bei der
Sache zu werden, da mein mehrmals wiederholtes starkes Rufen noch immer
ohne Erfolg blieb und von allen Todesarten mir das Verhungern oder
Lebendigbegrabenwerden die schrecklichste schien; doch tröstete ich
mich, in diesem Fall wenigstens in den Armen der Liebe eines Engels und
mit demselben zu sterben.
Unsere Lage wurde aber immer bedenklicher, denn wir konnten nur mit der
äußersten Vorsicht einen Schritt vor-, rück- oder seitwärts wagen, aus
Furcht, in eine der Gruben oder Abgründe zu fallen. Wir schmiegten uns
nun inniger aneinander und hielten uns so fest umschlungen, daß wir nur
noch ein Leib und eine Seele schienen, die Furcht schwand abermals in
einem seligen Vergessen, aus dem aber das Erwachen um so ängstlicher
war, da immer noch kein Kustode und kein hoffnungsvoller Lichtstrahl
erscheinen wollte. Jetzt verdoppelte ich mein Rufen und Schreien, wir
schritten endlich aufs Geratewohl vor- oder rückwärts, jedoch mit aller
Behutsamkeit mit den Händen längs den Wänden streifend, denn ich hatte
weder Stock noch Degen, da ich, um Aufsehen zu vermeiden, in
Zivilkleidern gekommen war. Es mochten etwa drei Viertelstunden sein,
abwechselnd Augenblicke der höchsten Wonne und der höchsten Pein, und
nachdem ich mich matt und heiser geschrieen und meine schöne Gefährtin
schon einen Strom von Tränen aus ihren holden Augensternen, die mir aber
jetzt nicht leuchteten, vergossen hatte, als wir plötzlich einen
Lichtstrahl in weiter Ferne gewahrten, der aber auch ebenso schnell
wieder verschwand, so daß ich nicht einmal Zeit zum Rufen gehabt. Jetzt
schrie ich aus allen Kräften, und wir hatten das Vergnügen, den Strahl
zum zweitenmal zu erblicken; endlich wurden wir gehört, und immer
schreiend näherten wir uns dem Licht, aber erkannten bald, daß dasselbe
nicht unserem Kustode und seiner Begleiterin angehörte, sondern einer
anderen Gesellschaft von Fremden, die ebenfalls die Katakomben mit einem
Führer besuchten.
»Mein Gott, wenn es nur keine Personen sind, die mich kennen,« rief die
Principessa aus.
»Und wenn auch, immer noch besser, dem Teufel selbst hier zu begegnen,
als so elend umzukommen.«
Als wir uns der Gesellschaft näherten, erkannte ich die Familie des
dänischen Gesandten, der in Albano wohnte, wandte mich an den Führer, um
meine, wie ich sagte, durch den Wind ausgelöschte Kerze anzuzünden, und
erzählte den dänischen Fräuleins, daß mich und die fremde Dame -- die
Prinzessin hatte ihren dichten Schleier herabgezogen und hielt sich
möglichst im Düstern, um nicht erkannt zu werden -- ein unglücklicher
Zufall von unserer Gesellschaft getrennt habe. Ich bat um die Erlaubnis,
uns anschließen zu dürfen, was freundlich gewährt wurde. Nachdem wir der
Gesellschaft stumm durch einige Gänge gefolgt waren, kam plötzlich unser
Kustode aus einem Seitengange mit Bianchetta zum Vorschein, und wir
verließen dankend die Dänen, erfreut, nicht genötigt zu sein, uns
vielleicht noch lange in ihrem Gefolge hier herumtreiben zu müssen.
Als wir allein waren, sagte der Führer, daß sie uns schon seit einer
Stunde mit der größten Angst und Sorgfalt, ebenfalls beständig schreiend
und rufend, gesucht hätten und Bianchetta bereits der Verzweiflung nahe
gewesen sei. Froh, uns so wieder gefunden zu haben, schlugen wir jetzt
den kürzesten Weg nach der Oberwelt ein und waren alle entzückt, als wir
das Tageslicht erblickten. Die beiden Damen verrichteten abermals ihr
Gebet vor einer Madonna, deren Schutz sie sich inbrünstig empfahlen, und
eilten sodann nach dem sie erwartenden Wagen.
»Und wann und wo werden wir uns wiedersehen?« fragte ich, meine Schöne
an den Wagen geleitend.
»Finden Sie sich um ein Uhr nach Sonnenuntergang in der Kirche della
Trinità de Monte ein.«
Sie fuhr mit dem Fiaker nach der Wohnung ihrer Freundin Bianchetta, von
wo sie sich durch ihre Equipage, die sie auch dahin gebracht hatte,
damit man ihr nicht auf die Spur kommen konnte, wieder abholen ließ.
Daß ich auch das zweite Rendezvous nicht verfehlte und mich schon eine
halbe Stunde früher in Trinità de Monte einfand, kann man sich denken.
Um es bequemer zu haben, nahm ich mein Pranzo (Mittagessen) bei einem
Restaurateur auf dem Spanischen Platz gegen Abend ein, wartete nach
diesem, auf einer Ottomane behaglich ruhend, im Vasi lesend, ohne zu
wissen, was ich las, Zeit und Stunde ab und verfügte mich dann in die
mir angegebene Kirche, wo mir meine Ungeduld die Zeit so lang werden
ließ, daß ich abermals an dem Kommen meiner Dame verzweifelte. Doch sie
fehlte auch diesmal nicht, kam aber allein, unterließ nicht, ihre kurze
Andacht zu verrichten, worauf sie mir ein Zeichen gab, ihr zu folgen.
Wir bestiegen einen auf dem nahen Spanischen Platz haltenden Fiaker und
fuhren nach der Kirche San Nicolo a Cesarini, die sich ganz nahe bei dem
Palazzo Cesarini befand, unterwegs gaben wir uns die unverkennbarsten
Zeichen unserer gegenseitigen Zuneigung, und sie teilte mir mit, daß sie
mich in ihren Gemächern empfangen wolle. Wir stiegen in der Nähe der
Kapelle Cesarini ab, traten, jedoch nicht zusammen, in dieselbe ein, und
sie verließ mich bald darauf, sich durch eine kleine Tür entfernend,
nachdem sie mir noch in dem Wagen gesagt hatte, daß ich einer Donzella
folgen solle, die mir in der Kapelle das Zeichen dazu mit einem blauen
Tuch geben würde. Es dauerte nicht lange, so trat ein solches Mädchen
durch die kleine Tür ein, kniete ein paar Augenblicke betend nieder,
erhob sich dann, das bewußte Tuch in die Höhe und vor das Gesicht
haltend, und ich folgte dem leitenden Genius durch den Ausgang, den er
gekommen war. Aus der Kapelle traten wir unbemerkt in den Palazzo,
gingen eine ziemlich finstere Treppe hinan, durch eine Reihe von
Stanzen, ebenfalls nicht erleuchtet; endlich öffnete Priscilla, der Name
der Zofe, die Tür eines durch eine Alabasterlampe nur düster erhellten
Zimmers, wo sie mich eine kleine Weile zu warten bat, da ihre Herrin,
die noch Besuch habe, dessen sie sich bald zu entledigen wissen werde,
in wenigen Minuten erscheinen würde. Hierauf ließ sie mich allein. Trotz
der Sehnsucht, mit der ich diese Erscheinung erwartete, kam mir doch in
meiner Einsamkeit der Gedanke, wie leicht es möglich sei, daß ich hier
vom Herzog oder durch von ihm angestellte Leute überfallen werden und,
da ich durchaus unbewaffnet, mich nicht einmal verteidigen könnte. Ich
nahm mir vor, mich den anderen Tag mit einem Stockdegen zu versehen und
bei solchen Gelegenheiten auch immer ein paar geladene Terzerolen in der
Tasche zu tragen, was in Italien bei dergleichen Intrigen unumgänglich
notwendig ist, um sich, wenn man überfallen wird, gehörig verteidigen zu
können; denn wenn es auch längst keine zünftigen Banditen, wie sie uns
in so vielen Romanen und in Zschokkes Abällino geschildert werden, mehr
gab, so ist doch nicht zu leugnen, daß man in Rom für Geld, ohne viel zu
suchen, leicht ein paar Kerle dingen kann, die einen Menschen mit dem
größten Anstand, noch größerer Gewandtheit und dem besten Humor von der
Welt durch ein paar gut treffende Messerstiche in die andere Welt
spedieren. Würde man aber in Rom, Venedig, Genua und so weiter nach
jenen handwerkszünftigen Roman-Banditen fragen, so würde man sich ebenso
lächerlich machen, als wenn man sich in Köln, Koblenz oder Mainz nach
den Raubrittern erkundigte, welche von ihren Burgen den reisenden
Kaufleuten auflauern, um sie zu überfallen und zu plündern, und sich
deshalb ein Geleit ausbitten wollte. Beide gehören vergangenen Zeiten
an. An Straßenräuberbanden fehlte es indessen nicht, namentlich im
südlichen Teil des Kirchenstaates und im Königreich Neapel, doch wußten
wir auch diesen bald das Räuberhandwerk zu legen.
Bald den Banditengedanken Raum gebend, bald an die Heißersehnte denkend,
ging ich unruhig in dem düsteren Gemach auf und nieder, bei dem
geringsten Geräusch die Ohren spitzend. Jetzt knarrte und öffnete sich
leise eine Tapetentür, und Madonna trat in einem blendend weißen
faltenreichen Gewand herein. Ich wähnte Ariosts Alcine zu erblicken, so
reizend nahm sich diese Erscheinung in dem _chiaroscuro_ aus. Sie schloß
die Tür hinter sich und lag in meinen Armen, ich umschlang sie glühend
und sank mit ihr auf die schwellenden Kissen einer seidenen Ottomane.
Ich glaube, wenn Rom in diesem Augenblick durch ein Erdbeben
untergegangen wäre, wir hätten in unserem Dahintaumeln nichts davon
wahrgenommen, sondern stöhnten nur in abgebrochenen Silben: _carissima_,
_dolcissima_, _angelina_. Rom blieb aber stehen, wenn schon die Ottomane
gewaltig erschüttert wurde, bis wir endlich nach drei Viertelstunden
wieder eine zusammenhängende Sprache fanden.
Bei Sinnen und etwas abgekühlter, fragte ich Gertrude, ob sie sich auch
hier vollkommen sicher glaube, da ich unbewaffnet, und ob kein Überfall
vom Herzog zu befürchten sei. -- »Oh, der Herzog,« fiel sie mir lächelnd
ein, »der fragt nichts mehr nach mir, ich bin ihm so gleichgültig und
gleichgültiger wie die schlechteste Statue seines Palastes, gräme mich
aber deshalb nicht im mindesten, wie ich es anfänglich getan; wir gehen
jetzt jedes seiner Wege, ohne daß sich eines um das andere kümmert. Es
sei fortan nicht mehr die Sprache von ihm, _caro Fernando_.« Sie fiel
mir um den Hals, und ich küßte und tröstete sie abermals. -- »Doch,«
fing sie später wieder an, »wenn wir auch nichts von meinem Manne zu
fürchten haben, so mußt du dennoch auf deiner Hut sein, anima mia, denn
du hast Nebenbuhler, die wir weit mehr zu fürchten haben. Dies der
Grund, warum ich unser intimes Verhältnis möglichst geheim zu halten
suche, sonst läge mir wenig daran, daß es die ganze Stadt wüßte, ich
wäre im Gegenteil noch stolz darauf. Aber da ist der Kardinal L..., wenn
auch ein starker Vierziger, der Marchese T..., der Conte G... und noch
ein paar Dutzend andere Kavaliere und Prälaten, die mich mit ihrer
widerlichen Liebe und ihren Nachstellungen verfolgen und die ich alle
bisher zum besten gehabt oder mit Spott und Verachtung zurückgewiesen
habe. Aber ich kenne diese Menschen ganz: ahnen sie in dir den von mir
begünstigten Geliebten, so sind mehrere unter ihnen, deren Rachsucht
keine Grenzen kennt, und ich muß dann jede Minute für dein Leben
fürchten. Ohne diese Furcht würde ich dich bitten, mich von jetzt an
nicht mehr zu verlassen und mich allenthalben und an jeden öffentlichen
Ort zu begleiten, denn ich möchte dich gerne gleich meinem Schatten um
mich sehen, ohne mich im mindesten nach dem Gerede der Leute zu kehren,
was ohnehin hier, wo jeder in dieser Hinsicht, Geistlicher wie
Weltlicher, ganz nach Lust und Gefallen lebt, nichts sagen will. Als
französischer Offizier betrachtet man dich mit doppelt mißgünstigen
Augen. Deshalb, wenn du mich liebst, wenn dir dein und mein Leben wert
ist, gehe nur mit der größten Vorsicht zu Werke und nimm dich in
acht, in der Gesellschaft nie mehr als die gewöhnlichen
Höflichkeitsbezeugungen, die man gegen jede Dame beobachtet, auch mir zu
erweisen.« Ich versprach, was Gertrude begehrte, und erhielt dagegen die
Versicherung von ihr, daß sie es wohl zu veranstalten wissen werde, daß
selten ein Tag verginge, an dem wir uns nicht insgeheim sehen und
sprechen würden. So geschah es auch, denn außer, daß sie mich häufig in
der Abendzeit in ihren Gemächern empfing, machten wir auch nächtliche
Promenaden in dem ödesten Teil der Stadt, wo die alte Römerwelt gehaust,
zwischen den Trümmern, Gräben und Gärten derselben. Mehr als einmal
betrachteten wir erstaunt im Mondschein das Kolosseum, die Ruinen des
Friedenstempels und auch den Petersplatz, die sich dann unendlich größer
und imposanter ausnehmen.
Die eingetretene Karnevalszeit begünstigte unser häufiges Zusammensein
außerordentlich, und bald in türkischem, bald in spanischem und anderen
Kostümen fuhren wir des Nachmittags über den Korso und durch die anderen
Straßen Roms in Mietwagen oder gingen auch bisweilen zu Fuß,
restaurierten uns in Kaffeehäusern und kehrten nicht selten erst gegen
Morgen heim, wobei Bianchetta und Priscilla, die zwei Vertrauten unseres
Einverständnisses, alle Hindernisse aus dem Weg räumen halfen, was
übrigens in der Karnevalszeit nicht schwer war, da sich dann die
römischen Damen der unbeschränktesten Freiheit zu erfreuen haben. Die
Donzelleta kleidete ihre Gebieterin oft in meinem Absteigequartier in
persische oder indische Gewänder, während sie den Palazzo im
Kolombinenkostüm verlassen hatte und ich einen Tartarenfürsten
vorstellte.
Ich hatte unterdessen auch die Bekanntschaft eines wegen einer
unbedeutenden galanten Krankheit im Lazarett zu Rom, einem wahren Palast
in der Nähe des Petersplatzes, in dem die kranken Offiziere fürstlich
bedient wurden und wohnten, befindlichen Dragonerleutnants namens
Bonnier in einem Kaffeehause gemacht und denselben mehrmals
wiedergesehen. Wir schlossen bald engere Freundschaft, und er erwies mir
bei meinen Intrigen zu Rom mehr als einmal wesentliche Dienste durch
Wachehalten, Patrouillieren und so weiter, wenn ich mich an gefährlichen
Orten befand, was ich ihm durch einen außerordentlichen Dienst, den ich
ihm leistete, wieder vergalt, wie wir bald sehen werden.
Indessen wird nichts so fein gesponnen, es kommt an die Sonne, sagt ein
deutsches Sprichwort und sollte sich auch hier bewähren; denn trotz
aller List, Vorsicht und Verschlagenheit kam ein junger Abbate,
Anverwandter des Hauses Cesarini, unserm Verhältnis auf die Spur, ohne
es geahnt zu haben. Hier war es nicht die Rache verschmähter Liebe oder
eines zurückgewiesenen Liebhabers, die ihn antrieb, die geheimen Gänge
seiner Cugina zu erforschen, ihr nachzustellen und Fallen zu legen,
sondern ein gekränkter Familien- und Adelsstolz, den er wie die ganze
Verwandtschaft des Cesarini besaß, die ihre Abstammung nicht weiter als
bis zu Cäsar selbst zurückzuführen suchte, von dem aber auch kein
männliches Glied ein Äderchen hatte. Diese Verwandtschaft konnte es dem
Fürsten Francesco, dem Gatten Gertrudens, nicht vergeben, das alte, wenn
auch faule Haus der Cesarini mit unedlem Bürgerblut vermischt und
verunreinigt zu haben, wie sie sich auszudrücken beliebte. Das war wohl
mit ein Grund, daß sich die junge Frau in dieser Familie so unglücklich
fühlte, und ihr Gatte, von seinen Verwandten fortwährend angeregt, sie
so bald vernachlässigt hatte. Der Abbate schöpfte zuerst Verdacht, weil
seine schöne Cugina während dieses Karnevals nicht wie in den
vorhergehenden Jahren jeden Nachmittag den Korso in prächtiger Equipage
und brillantem Kostüm auf- und niederfuhr, um dort die Huldigungen der
großen und eleganten Welt zu empfangen und alle Blicke auf sich zu
ziehen, sondern sich kaum einigemal daselbst auf kurze Zeit hatte sehen
lassen, was nicht allein ihm, sondern allgemein auffiel, da man sie als
eine der ersten lebenden Zierden Roms ungern vermißte. Im allgemeinen
schrieb man es jedoch dem Mißverständnis mit ihrem Gatten, das bekannt
war, zu. Eines Abends, als wir maskiert in einem Wagen den Korso
verlassen hatten, um uns in meine Wohnung zu begeben, daselbst die
Kostüme zu vertauschen und spanische Trachten anzulegen, in denen wir
ein Festino besuchen wollten, hatte ich bemerkt, daß uns eine Maske in
dem Anzug eines peruanischen Sonnenpriesters in einiger Entfernung
gefolgt war und stille stand, uns nachsehend, als wir in das Haus
traten, in dem ich mein Absteigequartier hatte. Ich teilte es der
Cesarini mit, die mir ein gleichgültiges: »_non sarà niente_« erwiderte.
Ich hatte meinen Spanier schon angezogen, aber die Herzogin konnte mit
ihrem Kostüm nicht fertig werden und beschloß nun, sich als Kolombine,
was ihr so allerliebst stand, zu kleiden und einen Rosa-Domino über
diesen Anzug zu werfen. Als der wiederbestellte Fiaker kam und wir in
denselben steigen wollten, bemerkte ich in geringer Entfernung wieder
den Sonnenpriester, sowie, daß, als wir abfuhren, sich zwei als
türkische Sklaven verkleidete Masken hinten auf den Wagen schwangen. Ich
rief dem Kutscher zu, die beiden Kerls herunterzupeitschen, wozu er aber
den Mut nicht hatte, sondern sie nur ziemlich höflich ersuchte,
herabsteigen zu wollen, wovon sie aber keine Notiz nahmen, sondern
blieben ruhig hinten sitzen. Einen Straßenskandal wollte und mußte ich
vermeiden und befahl dem Kutscher, nach einem kurzen Umweg wieder an
meiner Wohnung vorzufahren. Die Cesarini sagte mir, sie vermute, daß
dies Nachstellungen von dem jungen Sforza seien, dessen Gestalt auch der
Priester gehabt. Angekommen, sprang ich aus dem Wagen und rief meinem
Burschen Louis, der mutig und gewandt weder Gefahr noch Händel
fürchtete, von denen ich ihn eher zurückzuhalten als dazu anzufeuern
hatte. Diesem befahl ich, sich hinten aufzusetzen. Die beiden
Türkensklaven waren, während ich aus dem Wagen sprang, gleichfalls
hinten abgesprungen und standen wieder observierend in einiger
Entfernung. Leutnant Bonnier hatte sich auch in meiner Wohnung
eingefunden, um daselbst eine Zeitlang zu verweilen, wie er die
Gewohnheit hatte. Ich sagte ihm mit einigen Worten, daß uns ein paar
verdächtige Masken verfolgten. Als ich nun wieder abfahren wollte,
trieben die Kerls die Frechheit so weit, sich abermals neben Louis
hintenaufsetzen zu wollen, dieser aber stieß den ersten mit einem so
kräftigen Fußtritt zurück, daß er hinterrücks niederfiel, und dem
zweiten drohte er mit seinem derben Knotenstock, so daß dieser sich
nicht mehr zu nahen wagte. Wir fuhren jetzt auf mein Geheiß in
möglichster Schnelle auf die Piazza Kolonna, wo wir ausstiegen, in,
einer Masken-Bodega weite graue Kambridgemäntel überwarfen, weiße Larven
vormachten, schwarze Federhüte aufsetzten und so mehrere Festini und
Theater besuchten. Nach Mitternacht brachte ich meine teure Amica in
ihren Palazzo zurück, wo sie die getreue Zofe an der kleinen Pforte
empfing und von wo ich mich zu Fuß in meine Wohnung begeben wollte. Ich
mochte ungefähr noch einige dreißig Schritte von derselben entfernt
sein, als ich von zwei verlarvten Kerls angefallen wurde, in deren
Händen blanke Dolche schimmerten; etwas dergleichen vermutend, hatte ich
schon den Degen gezogen, noch ehe sie mir an den Leib konnten, und ein
gespanntes Terzerol in der linken Hand. Die Kerls, hierdurch stutzig
gemacht, schienen sich einen Augenblick zu besinnen, versuchten indessen
doch mit ihren ziemlich langen Dolchen auf mich einzudringen, ich
versetzte aber einem derselben einen Hieb auf die rechte Hand, daß er
das Messer schnell und mit einem Schrei zur Erde fallen ließ, der zweite
wagte es nun nicht, auf mich loszugehen, sondern gab Fersengeld. Ich sah
noch einen dritten, der sich bis jetzt verborgen, eine passive Rolle
gespielt hatte und nun ebenfalls Reißaus nehmen wollte, dem ich aber
nacheilte und einen tüchtigen Hieb auf den Kopf versetzte, so daß er mit
einem lauten: »_Ajuto, ajuto!_« davon zu springen versuchte, aber meinem
Louis und Bonnier, die, den Lärm hörend, beide bewaffnet gerannt kamen,
in die Hände fiel. Ich wollte den Kerl auf die nächste Wache bringen, er
fiel mir aber zu Füßen, bat flehentlich um Gnade, ein _Illustrissima_,
_Eccellenza_, _Monsignore_ nach dem anderen stammelnd und mit einem
»_fatemi grazia voglio tutto confessare_« endigend.
Unter der Bedingung, daß er mir die volle und ganze Wahrheit haarklein
gestehe, versprach ich, ihn nach seinem Geständnis laufen zu lassen,
bemerkte aber, daß, wenn er von mir auf der geringsten Lüge ertappt
würde, ich ihn ohne weiteres nach Albano transportieren ließe, um ihn
dort vor ein Kriegsgericht zu stellen und erschießen zu lassen, denn ich
sei der Kommandant von Albano. Dies wirkte, der dumme Teufel glaubte in
allem Ernst, daß dies in meiner Gewalt stünde, und rief aus: »_Ah in che
malanno mi sono precipitato._« Wir nahmen ihn nun zwischen uns, führten
ihn in meine Wohnung, um daselbst ein förmliches Verhör mit ihm
vorzunehmen. Hier gestand er, daß er mit noch ein paar anderen seines
Gelichters wirklich vom jungen Sforza gedungen worden, mir für
einhundertundfünfzig Zechinen das Lebenslicht auszublasen, er sei aber
ein _Galantuomo_, der kein Mestiero von solchem Handwerk mache und sich
nur deshalb habe verleiten lassen, weil man ihm gesagt, ich sei ein
französischer Vagabund, ein Glücksritter und Ketzer, den in die andere
Welt zu spedieren ein Verdienst um die Jungfrau sei, er sähe aber wohl
ein, daß man ihn hintergangen habe; denn er würde es nimmer gewagt
haben, seine Hand an einen _Signor Uffiziale_ und gar an die geheiligte
Person des Kommandanten von Albano zu legen. Der arme Teufel, der
ziemlich viel Blut aus der Kopfwunde, die ich ihm beigebracht, verlor,
wurde zuletzt ganz matt und schwach. Ich ließ ihm etwas Wein geben und
Louis verband ihm, nachdem er die Haare an dieser Stelle abgeschnitten
und die Wunde gehörig ausgewaschen hatte, dieselbe. Noch immer hatte er
Angst, daß ich ihn nach Albano bringen und dort erschießen lassen werde.
Ich suchte ihn zu beruhigen, stärkte ihn mit noch einigen Gläsern
Albanerwein, und kündigte ihm dann an, daß es ihm freistünde, hinzugehen
wo er wolle. Diese Großmut hatte er nicht erwartet, und es kostete Mühe,
ihn davon zu überzeugen. Er war dadurch so gerührt, daß er sich mir
abermals zu Füßen warf und sich ganz zu meiner Disposition stellte,
indem er sagte, der junge Sforza sei ein _gran birbone_, der ihn
betrogen, und daß er mir fortan von allem Nachricht geben wolle, was
derselbe noch gegen mich im Schilde führen möge, so daß ich, gehörig
präveniert, immer meine Maßregeln nehmen könne. Der Kerl hielt wirklich
Wort und warnte mich, sich fortwährend in Sforzas Vertrauen erhaltend,
vor allen Fallstricken, die der Cesarini und mir von dieser Seite gelegt
werden sollten, so daß wir sie durch unsere Gegenminen immer nichtig zu
machen wußten, was jenem unerklärbar war, und er unbegreiflich fand.
Sforza war einer der gefährlichsten Feinde der Cesarini und glaubte sich
als naher Verwandter des Herzogs Francesco zurückgesetzt, auch hatte ihn
Gertrude immer in gehöriger Entfernung zu halten gewußt, und da er durch
seine Spione endlich Wind von dem Verhältnis, indem wir miteinander
stehen müßten, erhalten hatte, so warf er nun seine ganze Wut auf mich.
Ich fand aber für gut, dies alles zu ignorieren und nur immer mehr auf
meiner Hut zu sein, was jetzt nicht mehr schwer war, da sein Hauptagent
in meinem und Gertrudens Sold stand und wir denselben reichlich
beschenkten. Nur einmal ließ ich mich verleiten, bei einer
Abendgesellschaft im Palast des Fürsten Oldeschalchi im Vorübergehen die
Worte: »Die Zeit ist nicht mehr fern, wo alle Banditen und Meuchelmörder
den Galgen zieren werden,« mit großem Nachdruck an Sforza zu richten.
Monsignore schien etwas verlegen, zwang sich zu lächeln, aber seine
Lippen bebten, versagten ihm diesen Dienst, und das Lächeln artete in
ein konvulsivisches Verzerren des ganzen Gesichts aus.
Unbekümmert über diese Nachstellungen, fuhren wir nach wie vor fort, uns
den Vergnügungen zu überlassen; die Cesarini selbst versicherte mich,
daß ich dem Menschen nun unbedingt alles Zutrauen schenken könne; denn
dies läge im Charakter eines braven Römers, besonders wenn man so wie
wir von Zeit zu Zeit seinen guten Willen durch kleine Regali anfeuerte.
Ja er trieb seine Ehrlichkeit so weit, daß sich sein zartes Gewissen
Skrupel machte, solche Geschenke anzunehmen, da er uns eigentlich noch
keine reellen Dienste geleistet habe.
Es waren nun schon beinahe zwei Monate vergangen, daß ich mit der
Cesarini auf dem vertrautesten Fuß lebte und ihr ganz treu geblieben
war, aber ewig konnte es nicht dauern, dies war wider meine Natur und
lag nun einmal nicht in meinem Charakter. Im Theater Aliberti machte ich
eines Abends die Bekanntschaft einer noch ganz jungen, kaum
siebzehnjährigen Witwe namens Vernetti, die ihren Mann erst vor wenigen
Monaten, und zwar schon vier Wochen nach der Hochzeit, verloren hatte.
Ich befand mich diesen Abend zufällig allein im Theater, Gertrude, an
Migräne leidend, hütete Bett und Zimmer. Die blutjunge Frau hatte noch
eine ältere Schwester und beide einen alten Herrn, ihren Oheim, bei
sich. Das Ungefähr führte mich in eine Loge mit den Damen, die ich beide
noch für Mädchen hielt. Ich war erstaunt, als ich erfuhr, in der
jüngsten schon eine Witwe zu finden. Eine Unterhaltung war bald
angeknüpft, das Theater selbst lieferte den Stoff dazu; ich erlaubte
mir, den Damen einige Erfrischungen anzubieten, die mit Dank akzeptiert
wurden, und so war die Bekanntschaft schnell gemacht; nicht nur erhielt
ich die Erlaubnis, die Signora in Begleitung des Oheims nach Haus
geleiten, sondern auch die, ihr am anderen Tage meine gehorsamste
Aufwartung machen zu dürfen. Ich wurde auf das freundlichste empfangen,
die ältere unverheiratete Schwester, auch ein recht hübsches Mädchen,
wohnte seit dem Tode ihres Schwagers mit der jungen Witwe zusammen,
beide sangen artig, spielten, wie alle Römerinnen, Gitarre und
Mandoline, wir musizierten, scherzten, es dauerte nicht lange, so küßten
wir auch, und bald brachte ich fast alle meine Vormittage hier zu,
während ich die Nachmittage und den Abend noch immer meistens der
Cesarini widmete. Diese Abwechslung war mir sehr wohltuend; denn das
ewige Einerlei, und wenn es auch _toujours perdrix_ ist, tötet, sobald
der Reiz der Neuheit vorüber ist, und macht jeder ewigen Liebe ein
baldiges Ende.
Meine neue Bekanntschaft, die Signora Vernetti, war wieder von einer
allerliebsten Naivität und in der Blütezeit einer eben aufbrechenden
Rose, sie hatte sehr regelmäßige, schöne Züge, und dennoch viel Ausdruck
im Gesicht, Hals und Nacken waren ganz zum Küssen geschaffen. Schon in
den ersten Tagen entdeckte sie mir, daß sie sich schon beinahe seit drei
Monaten in der Hoffnung befände und sich ihre Taille zu runden beginne,
weshalb wir uns ohne alle Gefahr für sie ganz den innigsten Vergnügungen
der Liebe hingeben könnten. Das gute Kind hatte mir ohne Zweifel diese
Entdeckung gemacht, um mich zu ermutigen; denn ich hatte mich bis jetzt
noch immer ziemlich zurückhaltend bei ihr benommen, was ihr, da sie die
geheimen Freuden der Liebe schon kannte, aber nur so kurze Zeit genossen
hatte und deshalb um so lüsterner darnach war, gerade nicht sehr gefiel,
weshalb sie mir auch das naive Geständnis gemacht haben mochte. Ich war
aber nicht der Mann, der sich von einer hübschen jungen Frau so etwas
zweimal sagen ließ, sondern vertrat noch in derselben Stunde die Stelle
des verstorbenen Ehemannes; nach einem Duett, das wir zusammen sangen,
verirrten wir uns zu einem _tête-à-tête_ in das Kamerino, während die
Schwester Patience im Wohnzimmer spielte, und wiederholten solche
Verirrungen so oft, daß diese zuletzt alle Patience verlor und uns
einmal zürnend überraschte, weil wir sie doch gar zu lange ganz allein
ließen. Ich küßte nun auch diese, um ihren gerechten Unwillen zu
besänftigen, und -- weil sie eben küssenswert war. Endlich aber machte
ich noch eine dritte weibliche Bekanntschaft zu Rom, und zwar meine
_passion predominante, una giovan' principiante_, das fünfzehnjährige
scharmante Töchterchen des Buchhändlers und Antiquars Vasi, die ich, in
dessen Bottega manches Buch, römische Ansichten, Karten und Pläne
kaufend, kennen lernte. Während ich mit dem Papa mich in gelehrte
Disputationen einließ, führte ich mit dem Töchterchen einen verstohlenen
Augenstreit, lancierte Occhiaten und wechselte Blicke. Ich ließ den
Alten manche lateinische und altitalienische Scharteke in seinem
antiquarischen Magazin suchen und holen, nahm die Augenblicke seiner
Abwesenheit wahr, dem schönen Mädchen meine unnennbare Liebe zu
gestehen, und wußte mich bald so sehr in des _caro Papa_ Gunst zu
setzen, dem ich seine Bücher zu raisonnabeln Preisen bezahlte, daß er
mir gestattete, mit der holden Eurichetta manches Stündchen Musik zu
machen, wobei denn auch noch manche andere Saite als die der Gitarre
gegriffen wurde, wenn wir uns unter vier Augen in dem hinteren Zimmer
befanden und neue Käufer den Antiquarius in seinem Laden zu unserer
großen Freude oft sehr lange beschäftigten. So hatte ich nun der Schönen
drei, unter denen mir oft die Wahl wehe tat, und ich wußte manchmal
nicht, zu welcher ich zuerst meine Schritte wenden sollte.
Indessen machte ich damals auch eine Bekanntschaft, die nicht minder von
Interesse als die meiner Schönen, ja wohl noch von höherem und
bleibenderem war, nämlich die des berühmten Canova. Vasi war es, der
mich bei diesem Fürsten der modernen Bildhauerkunst einführte, in dessen
Werkstätte wir einen kolossalen, ganz nackten Napoleon, aus kararischem
Marmor gehauen, sahen, an den der berühmte Meister nur noch die letzte
Meißelfeile zu legen hatte. Diese Statue, die nächstens nach Paris
abgehen sollte, sprach mich nicht sehr an, dagegen entzückte mich die
vollendete Bildsäule einer Nymphe von weißem Marmor, die einen Wuchs und
Formen hatte, welche, trotzdem sie von Stein waren, dennoch das Blut der
Lebendigen in Wallung und Glut zu versetzen vermochten; ich habe keine
Statue mehr gesehen, die einen so lebhaften Eindruck wie diese Nymphe,
eine Auloniade, auf mich gemacht hätte, und glaube schwerlich, daß sich
in der Wirklichkeit eine solche Gestalt auffinden läßt. Auch eine
Bildsäule Ferdinand IV., des verjagten Königs von Neapel, stand in
Canovas Atelier, die letzte Feile erwartend, die sie aber vorerst nicht
erhielt. Wir sahen noch mehrere andere Schöpfungen des hochberühmten
Meisters, die zum Teil erst halbvollendet waren, und mit der
liebenswürdigsten Gefälligkeit zeigte uns derselbe seine Säle, uns alle
nur zu wünschenden Erklärungen gebend. Noch führte mich Vasi in die
Werkstätte eines anderen berühmten Bildhauers namens Massimiliano; auch
dieser hatte einen kolossalen Napoleon, aber im kaiserlichen Ornat, mit
Zepter und Krone, beinahe fertig, der mir minder mißfiel als der nackte,
obgleich Arbeit und Kunst jenem bei weitem nicht gleichkamen. Was Canova
besonders auszeichnete, war daß er die Natur mit den idealischen antiken
Schönheiten so zu verschmelzen wußte, daß alle seine Schöpfungen eine
Lieblichkeit atmeten, wie keine anderen mehr; und dabei war er selbst
von der liebenswürdigsten Bescheidenheit, er schien fast beschämt, so
viel Verdienst, Talent und Genie zu haben.
Der Karneval ging nun zu Ende, ich hatte ihn gottlob ordentlich
mitgetobt, werde mich aber hüten, eine Beschreibung desselben zu geben,
da ihn mein berühmter, wenn auch etwas steifer Landsmann so meisterhaft
als lebendig geschildert hat, und er außerdem dieses Jahr (1807) bei
weitem nicht so glänzend und lebhaft ausfiel, wie dies gewöhnlich der
Fall ist, woran die Okkupation des Kirchenstaates durch die Franzosen
schuld war.
Die nun beginnenden Fasten, die ich mir recht langweilig vorgestellt
hatte, vergingen mir indessen außerordentlich angenehm.
Ich hatte meine Damen und machte jeden Morgen in Bonniers Gesellschaft
weite Spaziergänge in dem öden, verwilderten und romantisch gelegenen
Teil der Stadt, wo man nur Weingärten, Ruinen, Palmen, Lorbeerhecken,
hier und da ein Kloster oder eine Kirche antrifft.
Eines Morgens nahmen wir unsere Richtung nach dem Lateran, bewunderten
die Raritäten dieser Kirche, in der sich, wie zu Loretto, Beichtstühle
für die Sünder aus allen Nationen befinden, in denen der Deutsche, der
Pole, der Franzose, der Spanier und so weiter seine Sünden in seiner
Muttersprache bekennen und auch in dieser zu seinem großen Trost
absolviert werden kann. -- Von hier begaben wir uns zu der ganz nahen
Scala Santa, die mein Freund noch nicht gesehen hatte. Obgleich wir
beide gute Christen waren, so schien uns doch die Ersteigung der
heiligen Treppe auf den Knieen etwas zu umständlich und langweilig, auch
würden wir der vielen Gebete wegen, die man auf jeder Stufe herzusagen
hat, in große Verlegenheit gekommen sein, da weder der eine noch der
andere ein Paternoster oder Ave-Maria wußte, und außerdem würden unsere
schönen, mit Silber besetzten Uniformbeinkleider dabei sehr Not gelitten
haben; wir faßten demnach ein Herz und stiegen festen und sicheren
Trittes, auf die uns für Ketzer haltenden Leute nicht achtend, die
rechts angebrachten profanen Treppen hinauf. Vor dem heiligsten aller
Altäre angekommen, knieten wir jedoch nieder und staunten das von Engel
gepfuschte Bild an, richteten aber auch mitunter einen weltlichen Blick
auf die heranknieenden Sünder und besonders auf die Sünderinnen. --
Wir waren noch nicht lange in dieser Position, als eine Prozession
andächtiger Klosterfrauen, von ihrer Äbtissin angeführt, an der
untersten Stufe der Scala Santa erschien und sich bereitete, dieselbe
knieend zu erklimmen. -- Vier und vier beknieten nebeneinander eine
Stufe, ihre Schleier hatten sie, da sie viel küssen mußten[4], natürlich
zurückgeworfen, und ihre Gesichter ganz enthüllt. Daß wir nun nicht mehr
auf das heilige Bild, sondern auf die ankommenden lebendigen schauten,
unter denen sich manch reizendes Madonnenköpfchen befand, brauche ich
nicht erst zu versichern, und wir hatten alle Zeit, die frommen
Schwestern, die so langsam Stufe für Stufe betend zu uns heranknieten,
gehörig zu mustern. Gleich müssen uns die guten Kinder nicht bemerkt
haben, wenigstens die Frau Äbtissin nicht, denn sie hatte schon ein
Dritteil der Stufen überkniet, als sie mit Schrecken zwei französische
Uniformen mit Epauletten und Mordgewehren, und dabei einen schwarzen
Schnurrbart gewahrte. Aber was sollte die gute Frau machen? -- An ein
Umkehren war nicht mehr zu denken, eine Retirade auf den Knieen
unmöglich, ohne zu riskieren, die Hälse zu brechen, und stehenden Fußes
wieder hinabzugehen, hätte Bann und vielleicht ewige Verdammnis bewirkt;
die fromme Herde, die schon etwas durch unsere bunten Uniformen in ihrer
Andacht gestört worden, mußte samt der Hirtin _nolens volens_ vorwärts,
wobei manches Schäfchen auf uns Sünder einen neugierigen aber
verstohlenen Blick warf, der nicht verloren ging.
[Fußnote 4: Auf jeder Stufe küssen die frommen Gläubigen den Schmutz,
den die vor ihnen Hinaufknienden gemacht, wieder weg.]
Je näher die Nonnen dem heiligen Altar und folglich uns kamen, desto
häufiger schielten sie nach uns, wahrscheinlich waren wir die ersten
französischen Militärs, welche die guten Kinder zu Gesicht bekamen, und
der Glanz unserer Uniformen muß den des heiligen Bildes noch übertroffen
haben, da sogar die älteren Schwestern ihren Rosenkranz ziemlich
verwirrt abzubeten schienen. Meinem Freund und mir fiel bald eine junge,
kaum sechzehnjährige Nonne von ausgezeichneter Schönheit auf, die in der
vierten Reihe auf der linken Seite kniete, ein wahres Engelsgesichtchen,
dessen überaus feine Züge, blendend weißer Teint und seelenvoller Blick
ihr das Ansehen einer halb Verklärten gaben, wozu ein etwas
schwermütiger Zug, der sie noch um so interessanter machte, das seinige
beitrug, sowie das sie sehr gut kleidende Nonnengewand. Je näher sie
herankam, je mehr ruhten unsere Blicke auf ihr, die sich zuletzt
unbeweglich fixierten. Auch sie schien es bald bemerkt zu haben, daß sie
ausschließlich der Gegenstand war, der unsere Augen fesselte; bei der
Erknieung einer jeden neuen Stufe sah sie uns zuerst nur flüchtig und
dann immer etwas länger an; als sie endlich die letzte erreicht hatte,
warf sie uns noch einen vielsagenden und bedeutungsvollen Blick zu, der
von einem halbunterdrückten Seufzer begleitet war. Der Saum ihres
Gewandes hatte das Kleid meines Freundes berührt, dem diese Berührung
einen elektrischen Schlag gegeben zu haben schien; denn ein sehr
merkliches Zittern durchbebte in diesem Augenblick seinen Körper,
welches von der schönen Büßenden gleichfalls bemerkt worden sein muß;
ihr Gesicht färbte sich in demselben Augenblick glühend rot, sie neigte
sich hierauf zur Erde und schien in tiefster Andacht vor dem Altar zu
beten. Als endlich alle Nonnen oben angekommen und auch die letzte ihr
Gebet verrichtet hatte, standen sie sämtlich, auf ein von der Äbtissin
gegebenes Zeichen, auf, und gingen auf der entgegengesetzten Seite, wo
wir standen, die profane Treppe hinab. Noch einen flüchtigen Blick warf
das holde Kind im Vorübergehen auf uns und verschwand. -- Auch wir
gingen bald darauf die andere Treppe hinab und folgten der frommen Herde
in einiger Entfernung. -- Mein Freund gestand mir sogleich, daß dies
überirdische Wesen, wie er sich ausdrückte, einen unauslöschlichen
Eindruck auf ihn gemacht, und da er auf keine Weise Hoffnung habe, zu
ihrem Besitz zu gelangen, ja sie je wieder sehen zu können, so mache ihn
dies zum unglücklichsten Menschen von der Welt.
Der Zug nahm nun seine Richtung nach San Balbino zu; wir folgten ihm
gewissermaßen mechanisch, und bemerkten deutlich, wie manche der Nonnen
sich öfters umsahen. Hinter San Balbino kam die Prozession durch lauter
einsame, von Mauern, Gärten und Ruinen begrenzte Straßen; endlich
gelangte sie an ein von hohen Mauern umgebenes und mit fest verwahrten
Gitterfenstern versehenes Gebäude, das wir seiner Bauart und den Türmen
nach zu urteilen, sogleich für ein Frauenkloster erkannten. An der
eisernen Pforte angekommen, zog die Äbtissin eine Klingel, worauf sich
sogleich die schwere Türe knarrend öffnete, sämtliche Schwestern folgten
ihrer Gebieterin, nachdem einige von ihnen noch einen sehnsuchtsvollen
Blick rückwärts in die freie Natur getan hatten, die sich ihnen nun
wieder auf eine halbe Ewigkeit verschloß. Wir beobachteten dies alles,
ungesehen hinter einem Gesträuch verborgen.
Endlich war auch die letzte Nonne über die verhängnisvolle Schwelle
getreten, die Pforte drehte sich abermals zentnerschwer in ihren Angeln,
fiel prasselnd zu, und wir hörten deutlich, wie das schwerfällige Schloß
dreimal herumgedreht und drei Riegel vorgeschoben wurden. Mein Gefährte
stieß, als die Türe zugefallen war, einen tiefen Seufzer aus, stützte
sich auf meine Schultern, und wir blieben einige Minuten bewegungslos in
dieser Attitüde.
Endlich richtete er sich wieder auf, indem er tief Atem holend sagte:
»Nun ist sie auf immer für mich und die Welt verloren!« -- Ich sprach
ihm Mut ein und stellte ihm vor, daß Rom ja so viele außerordentliche
Schönheiten besitze, die man täglich sehen, sprechen und bewundern
könne, es demnach töricht sei, sich in eine lebendig begrabene
Klosterschwester zu verlieben. Doch ich predigte tauben Ohren und muß
aufrichtig gestehen, daß das Engelsgesicht auch auf mich einen
gewaltigen Eindruck gemacht hatte, der, wenn ich nicht die Bekanntschaft
der Prinzessin Cesarini gemacht, der ich mit ganzer Seele zugetan war,
auch mich leicht zu Torheiten hätte verleiten können. Langsamen
Schrittes und Arm in Arm entfernten wir uns beide, nachdem wir durch
einen vorübergehenden Gärtnersjungen erfahren hatten, daß das Kloster,
welches die seltene Perle auf Lebenszeit in Verwahrung genommen hatte,
der heiligen Ursula angehörte. Alle drei Schritte wurde ein Halt von
einigen Minuten gemacht, wobei wir die grauen düsteren Mauern
anstarrten, was so lange dauerte, bis auch die höchsten Zinnen und
Spitzen der Türme unseren Blicken entschwunden waren. Da schon längst
die Essenszeit vorüber war, gingen wir zu einem Restaurateur, wo ich
mir's trefflich schmecken ließ, denn die Promenade hatte mir großen
Appetit gemacht; mein verliebter Kamerad brachte aber kaum einen Bissen
über den Mund und saß, den Kopf auf die Hände gestützt, gedankenvoll und
stumm da. Der arme Teufel erregte wirklich mein Mitleid, so sehr es
sonst meine Gewohnheit ist, mich über solche schmachtende Seladons
lustig zu machen. -- Ich wandte alles mögliche an, ihn aufzuheitern,
ließ San Giorgio und Champagner bringen, doch alles vergeblich; ich
mußte allein trinken; von da besuchten wir mehrere Kaffeehäuser, in
denen wir manche schöne Römerin trafen, die in Gesellschaft eines
Violettstrumpfs oder eines Abbate ihren Sorbett zu sich nahm, aber auch
diese machten nicht den mindesten Eindruck auf meinen Freund; wir
verließen die Kaffeehäuser, und ich schlug einen Spazierritt auf dem
Korso vor, da die Stunde herangekommen war, wo sich die ganze schöne
Welt Roms daselbst zeigt. Mein gemütskranker Freund nahm es an, und wir
ritten, Kapriolen und Lanzaden neben den zahlreichen Wagen machend,
daselbst auf und nieder. Bald erschien auch meine schöne Cesarini in
einem Halbwagen mit ihrer Tante, sie sah schöner wie je aus, und ich
hatte Nonnenkloster und die ganze Begebenheit rein vergessen, schloß
mich dem Wagen an, und vertiefte mich so in ihr Anschauen und ein
angeknüpftes Gespräch, daß ich die Abwesenheit meines Kameraden erst
dann bemerkte, als wir auf der Piazza Popolo Halt machten, um der
Konversation besser pflegen zu können, wie es daselbst gebräuchlich ist.
Nach Verlauf einer Stunde sah ich Bonnier in gestrecktem Galopp, sein
Roß mit Schweiß bedeckt und ihn sehr erhitzt, von der Piazza Venezia
hersprengen, und hätte, wenn er mir's auch nicht gestanden, doch
erraten, wo er herkam; er hatte unterdessen eine Runde zu Pferd um das
Ursulinerkloster gemacht und die hohen Mauern und eisernen Gitter
angeseufzt. Ich empfahl mich nun, nachdem ich versprochen, mich im
Apollotheater einzufinden, wohin ich denn auch meinen so schwer
verwundeten Freund beredete. Um ein Uhr nach Mitternacht war das
Schauspiel beendigt; der Mond stand hoch und hell am Horizont. Bonnier
erklärte mir, daß er unmöglich schon zu Bette gehen könne und gar keinen
Schlaf verspüre, sondern noch eine Promenade _au clair de la lune_
machen wolle, wozu er mich dringend einlud.
Ohne eine besondere Divinationsgabe zu besitzen, war es leicht zu
erraten, wo diese Promenade hingehen sollte; lächelnd und kopfschüttelnd
hing ich mich an seinen Arm, und ehe eine halbe Stunde verging, waren
wir unter den bewußten Mauern. Das hohe Kloster mit seinen Kuppeln und
Türmen nahm sich im Mondschein recht schauerlich aus, und dreimal
machten wir die Runde um dasselbe. Jetzt schlug die Turmuhr, es war die
zweite Stunde nach Mitternacht, und nur mit Mühe brachte ich meinen
ächzenden und stöhnenden Freund dahin, sich endlich mit mir zur Ruhe zu
begeben.
Von den Strapazen des Tages ermüdet, fiel ich bald in einen festen
Schlaf, der mir trefflich bekam; doch kaum graute der Morgen, so wurde
ich auch schon durch ein ziemlich fühlbares Rütteln aus dem besten
Schlummer geweckt, und meine kaum halb geöffneten Augen erblickten
wieder den verliebten Narren Bonnier, der mir mit möglichster
Beredsamkeit die Schönheiten des anbrechenden Tages vordemonstrierte und
mich mit aller Gewalt zu einem romantischen Morgenspaziergang bereden
wollte. Ich schlug es ihm aber schlaftrunken ab, legte mich unwillig auf
das andere Ohr und schlief, auf die verliebten Narren scheltend, wieder
ein.
Es war beinahe Mittag, als Bonnier von seinem Spaziergang zurückkehrte
und mich noch im Bette antraf. Er rief aus: »Wie ist es möglich, so die
schönste Zeit seines Lebens zu verschlafen, ich habe schon das ganze
alte Rom durchwandert.« Ich sprang nun aus dem Bette und erwiderte:
»Ebensoviel wert, als diese Zeit wachend in fruchtlosen Träumereien
hinzugeben.« Dies brachte den guten Bonnier ein wenig in Wallung, und er
äußerte mir, daß seine Liebe ebensowenig frucht- als hoffnungslos sei.
Klostermauern seien noch lange keine Festungsmauern, er habe die des
Ursulinerklosters heute Morgen hinlänglich rekognosziert und gefunden,
daß man sie mit Feuerhaken und Strickleitern bequem übersteigen könne,
es wäre nicht das erstemal, daß eine Nonne entführt worden sei, ein
guter Soldat müsse sich durch nichts abschrecken lassen, und je größer
die Schwierigkeiten, desto mehr Ehre, sie zu überwinden. Ich gab dies
alles gerne zu, endigte aber damit, ihm zu bemerken: er wisse ja noch
gar nicht einmal, ob seine Geliebte ebensolche Gesinnungen hege, ja ob
sie nur etwas für ihn fühle, das man Liebe nennen könne, sogar ihr Name
sei ihm unbekannt. -- »Das könnte wohl der Fall sein, wenn ich so lange
wie du geschlafen hätte,« gab er mir zur Antwort; »es ist eine Tochter
aus der Familie Narelli zu Pesaro, die erst seit vier Monaten
eingekleidet, und was die Liebe anbetrifft, so habe ich auf der Scala
Santa hinlänglich gesehen, woran ich mich zu halten habe.« Voll
Verwunderung fragte ich ihn, wie er ihren Namen erfahren hätte. --
»Durch den Klostergärtner, den ich diesen Morgen über eine Stunde
sprach,« versetzte er, »und nachdem ich ihm eine deutliche Beschreibung
meiner Geliebten gemacht, ohne ihn jedoch die Ursache ahnen zu lassen,
warum ich nach ihr forsche, versicherte er mich, daß es keine andere als
die Narelli sein könne. Ich erkundigte mich noch nach manchen von den
übrigen Schwestern, um Verdacht zu vermeiden, und er nannte mir noch
viele Namen, die ich bereits wieder vergessen habe. Auch über die
inneren Verhältnisse des Klosters gab er mir Aufschluß, und da ich ihn
fragte, ob ich den Klostergarten nicht einmal sehen dürfe, antwortete er
mir, daß dies ohne eine besondere Erlaubnis der Frau Äbtissin nicht
angehe, die er jedoch darum fragen und mir morgen schon Bescheid geben
wolle, in jedem Fall aber könne dies nur zu einer Stunde geschehen, in
welcher die Nonnen in ihren Zellen seien. -- Du siehst also, Freund, daß
ich schon um einige Schritte dem Ziele näher gerückt bin und daß ich es
mit deiner Hilfe wohl noch erreichen kann.« -- »Das muß ich gestehen, du
hast schon Riesenschritte gemacht,« erwiderte ich lächelnd, »und wenn es
so fortgeht, so bist du übermorgen in der Zelle der Geliebten, nur sehe
ich nicht recht ein, was dir das Besehen des Klostergartens nützt und
was ich bei der Sache viel tun kann.«
»Wie magst du nur so fragen! Wenn ich den Garten kennen lerne, so
orientiere ich mich im Innern, ersehe mir die Stelle, wo meine
Angebetene am leichtesten zu entführen ist, und dies ist schon viel,
sehr viel. Du kannst mir vermittelst deiner intimen Bekanntschaft mit
der Cesarini von außerordentlichem Nutzen sein. Damenbesuche dürfen die
Nonnen zu jeder Zeit annehmen, die Cesarini hat, wie du weißt, in
mehrern Frauenklöstern Verwandte, sie ist mit den Gebräuchen in
denselben bekannt, durch sie könnte man leicht die Narelli erforschen
und dann ein Einverständnis mit ihr anknüpfen.«
»Du siehst, Lieber,« fuhr Bonnier fort, »daß ich alles wohl überlegt
habe, und du mußt mir dein Wort geben, heute noch mit der Cesarini über
diese Angelegenheit zu sprechen, oder ich sehe dich nicht mehr als
meinen Kameraden an, hoffentlich hast du noch nicht vergessen, wie
manche Schildwache ich bei deinen verliebten Abenteuern schon gestanden,
wie manche Runde und Patrouille ich bei solchen Gelegenheiten für dich
gemacht habe, und bin ferner bereit, dir zu dienen, wo ich nur immer
kann.« -- »Schon gut,« unterbrach ich den immer ungestümer werdenden
Bonnier, »hier meine Hand darauf, heute abend spreche ich noch die
Cesarini, und du sollst morgen früh das Resultat wissen.« »Warum morgen
früh? Ich erwarte dich heute nacht wachend, und so wie du zurückkommst,
und wenn es erst gegen Morgen wäre, mußt du mir Bericht von dem Erfolg
abstatten.« Ich versprach alles, kleidete mich an, machte meine
gewöhnlichen Touren, auf den Korso, ins Theater und so weiter, erfuhr
aber zu meinem größten Leidwesen von der Cesarini, daß es ihr heute
unmöglich sein würde, mich zu sprechen, da ihr Mann und ihre Schwägerin
den ganzen Abend mit ihr zuzubringen sich vorgenommen hätten, wir müßten
daher das Rendezvous auf den anderen Tag verschieben. Bonnier war gleich
wieder nach St. Ursula gegangen, wo er durch Hecken, Gesträuche, Ruinen
und Gärten patrouillierte, das finstere Gebäude, welches seine ganze
Seligkeit einschloß, von allen Seiten anstöhnte, und erspähte, wo er
wohl die Laufgräben am besten eröffnen könnte. Erst eine Stunde nach
Mitternacht kam er zurück und traf mich zu seiner Verwunderung schon
wieder schlafend im Bette an.
Er weckte mich sogleich auf und fragte mich nach dem Resultat meiner
Unterredung mit der Cesarini; als ich ihm sagte, daß ich sie gar nicht
habe sprechen können, stampfte er mit dem Fuß so gewaltig auf den Boden,
daß alle Fenster klirrten, und nur mit der größten Mühe gelang es mir,
ihn zu besänftigen, ihm die Ursache mitzuteilen und ihm verständlich zu
machen, daß ich den kommenden Abend unfehlbar die Sache abmachen, und
keine Verhinderung denkbar wäre, was ihn endlich etwas beruhigte; er
warf sich nun angekleidet auf sein Bett, welches er mit den ersten
Morgenstrahlen schon wieder verließ, um nach dem bewußten Ort zu eilen.
Ich sah ihn den ganzen Tag nicht wieder. Am Abend hatte ich endlich die
ersehnte Zusammenkunft mit der Cesarini, der ich die ganze Sache
mitteilte und mir ihren Rat erbat. Sie erschrak nicht wenig über den
tollkühnen Plan meines Freundes, und ihr Rat war, diesen zu bereden,
denselben als unausführbar aufzugeben, da uns beiden die Geschichte
höchst verderblich werden und uns in die größte Gefahr bringen könne.
Dagegen wandte ich den unerschütterlichen Vorsatz Bonniers, dessen
heiße, grenzenlose Liebe ein, und brachte es endlich so weit, daß sie
mir versprach, in einigen Tagen das Kloster unter irgendeinem Vorwande
zu besuchen, um die nötigen Erkundigungen wegen der Narelli einzuziehen
und mir den Erfolg alsdann mitzuteilen, weiter würde sie sich aber auch
in nichts einlassen, denn sie habe keine Lust, der heiligen Inquisition
in die Hände zu fallen und ihre Seligkeit auf das Spiel zu setzen; die
Sünde, eine Braut Christi zu verführen, sei die größte von allen, die
der Papst selbst nicht einmal vergeben könne.
Mit diesen schlimmen Aussichten mußte ich sie verlassen; ich teilte sie
Bonnier bei meiner Nachhausekunft mit, der um so untröstlicher wurde, da
ihm auch die Hoffnung, das Innere des Gartens zu sehen, gänzlich
fehlgeschlagen war. Die Äbtissin wollte zwar anfänglich die Erlaubnis
dazu geben, als sie aber hörte, daß der Fremde ein Franzose und gar ein
Offizier sei, verbot sie dem Gärtner bei Strafe des Wegjagens und des
Bannes, ihr je wieder einen ähnlichen Antrag zu machen; dieser war weder
durch Versprechungen noch durch Geschenke zu irgend etwas zu bewegen und
die Unternehmung jetzt viel schwieriger, da man gewiß schon aufmerksam
geworden war. Eine Ewigkeit schienen Bonnier die wenigen Tage, in denen
die Cesarini das Kloster besuchen sollte; er strich während der Zeit wie
gewöhnlich von Sonnenaufgang bis Mitternacht um dasselbe herum, jedoch
in Bürgertracht verkleidet, mit abgeschorenem Schnurrbart und eine
Perücke auf dem Kopf, was ich ihm geraten hatte, um sich unkenntlich zu
machen. Endlich kam der Tag heran, an dem ich Antwort von der Cesarini
haben sollte; ich selbst konnte kaum die Stunde erwarten. Sie war
wirklich dagewesen und hatte zur Ausrede genommen, eine alte Bekannte
ihrer verstorbenen Großmutter, die in diesem Kloster war, wegen einiger
Familienangelegenheiten zu besuchen. Der guten alten Schwester wußte sie
auch trefflich einen blauen Dunst vorzumachen, sie wurde sehr
gesprächig, erzählte viel und mancherlei; endlich brachte sie die
Cesarini auch auf die jungen Schwestern und auf die Narelli, an der sie
besonderen Anteil zu nehmen affektierte, und sie vermochte Beatrice (so
hieß die Alte), sie ins Sprechzimmer zu bringen und der Narelli
vorzustellen. Dort knüpfte sie mit dem jungen Mädchen ein ziemlich
vertrauliches Gespräch an, ließ sich von ihr die Zeremonien ihrer
Einkleidung erzählen, welche diese mit mancher unterdrückten Träne
vortrug; endlich kam sie auch auf ihr Klosterleben und auf die vor
einigen Tagen stattgehabte Prozession nach der Santa Scala. Mit Willen
ließ sich die Cesarini auch die kleinsten dabei vorgefallenen Umstände
berichten, und die Nonne sagte ihr, daß sie zum erstenmal in ihrem Leben
bei dieser Gelegenheit Franzosen gesehen, die ihr außerordentlich
gefallen hätten (dies begleitete sie mit einem tiefen Seufzer);
besonders der eine schien ein sehr guter Mensch gewesen zu sein und habe
sie unaufhörlich angesehen. Auch sie habe nicht umhin gekonnt, manchmal
nach ihm zu blicken und sei dadurch in ihrem Gebete etwas gestört
worden; indessen hoffe sie, daß ihr die Madonna diese Sünde vergeben
werde, sie sei so schon unglücklich genug; sie sprach noch ferner und
viel von uns, und zwar so, daß die Cesarini deutlich merkte, daß auch
sie von derselben Leidenschaft wie Freund Bonnier gequält wurde, nur
schien es der Cesarini, daß nicht dieser, sondern ich der Gegenstand
sei, der ihr Herz erfüllte; doch konnte sie darüber keine vollkommene
Gewißheit erlangen. Sie versprach, sie wieder zu besuchen, und entfernte
sich, ihr ein herzliches Lebewohl wünschend; die Alte begleitete sie bis
an die Treppe, die Äbtissin war nicht sichtbar. Ich erzählte meinem
Freunde alles Wort für Wort wieder, bis auf den letzten Umstand, den ich
ihm zu verschweigen für nötig erachtete. Er schwamm in Entzücken und
glaubte sich schon im Besitz der Geliebten. Unter Plänen und Projekten
brachte er abermals die Nacht zu.
Noch einmal gelang es meiner Überredungskunst, die Cesarini ins Kloster
zu persuadieren, um die Denkungsart der Narelli und ihre Meinung über
eine Klosterentführung so beiläufig und nur von weitem zu erforschen.
Sie sprach dieselbe abermals und glaubte bemerkt zu haben, daß das
Mädchen, wiewohl mit einiger Mühe, dazu zu bewegen sei, beteuerte mir
aber zu gleicher Zeit, daß sie nun ein für allemal nichts mehr mit
dieser Sache zu schaffen haben wollte und daß, wenn ich nur noch einen
Funken von Liebe für sie fühle, ich sie mit allen ferneren Auf- und
Anträgen der Art verschonen möchte; auch würde sie auf den Fall, daß die
Sache zur Ausführung käme, darin verwickelt werden, wenn sie noch ferner
Besuche im Kloster machte, welches natürlich einen dringenden Verdacht
auf sie werfen müsse. Die Wichtigkeit dieses Grundes sah ich nur
allzugut ein und hätte um keinen Preis der Welt der mir so teuern
Cesarini die geringste Unannehmlichkeit verursachen mögen. Doch schlug
sie folgenden Ausweg vor, der mir auch der einzige und beste schien:
Eine junge Französin, die sich bei einer ihrer Freundinnen seit einiger
Zeit aufhalte und der italienischen Sprache vollkommen mächtig sei,
müsse man in das Geheimnis ziehen; auf ihre Verschwiegenheit dürfe man
bauen, diese habe man erprobt, und in Religionssachen sei sie eben auch
nicht sehr skrupulös; ich solle selbst mit ihr reden, und dann wolle sie
durch Aufträge an Beatrice ihr den Eingang ins Kloster verschaffen, käme
dann die Entführung zustande, so könnte sie sich zugleich mit entführen
lassen, und alle Schuld fiel alsdann auf sie. -- Ich bewunderte
meiner Freundin Scharfsinn, sowie ich über ihre sonderbare
Gewissensängstlichkeit staunte, da sie sich ganz unschuldig glaubte,
wenn sie nur nicht selbst Hand ans Werk legte, dabei aber die
trefflichsten Ratschläge zur Vollbringung desselben erteilte. Noch
erfuhr ich von ihr, daß auch nahen Anverwandten männlichen Geschlechts
der Eingang in das durch ein Gitter getrennte Sprechzimmer gestattet
sei, um ihre Schwestern, Töchter oder Cousinen zu sprechen, jedoch nur
im Beisein und unter der Aufsicht älterer, eigens dazu bestimmter
Nonnen. Wenn wir uns also für Anverwandte der Narelli aus Pesaro
ausgäben, uns gehörig verkleideten und unkenntlich machten, so könnten
wir wohl selbst einigemal mit ihr reden, natürlich müsse sie aber auf
alles erst durch die Französin vorbereitet sein und einwilligen. --
Diese unerwartete Entdeckung überraschte mich sehr und machte mir viele
Freude; nun erst fing ich an, an die Möglichkeit einer Entführung zu
glauben, die ich bis jetzt immer bezweifelt hatte. -- Als ich Bonnier
dies alles mitteilte, war er ganz außer sich, nannte mich einmal über
das andere seinen besten Freund, für den er jeden Augenblick das Leben
lassen wolle, packte mich beim Kopf und küßte mich, so daß ich Mühe
hatte, mich seiner gewaltigen Zärtlichkeit zu entziehen. Demoiselle
Lenier, so hieß die Französin, wurde nun durch die Cesarini zur
Vertrauten gemacht, und sie gab sich nicht nur sehr gerne zu allem her,
sondern das Abenteuer schien ihr sogar viel Vergnügen zu gewähren, und
was die Sünde sowie die Verdammnis jenseits anbelangte, so wollte sie
die Verantwortung und die Schuld herzlich gern auf sich nehmen, -- sie
war eine Pariserin! --
Sowohl ich als Bonnier hatten nun öfters Unterredungen mit der Lenier,
wo wir uns gegenseitig unsere Meinungen und Gedanken mitteilten. Endlich
kam der Tag, wo sie zum erstenmal ins Kloster fuhr, um sich ihrer
fingierten und wirklichen Aufträge zu entledigen. -- Es ging alles
glücklich vonstatten, sie sprach nicht nur Beatrice, sondern auch die
Narelli, und zwar lange und viel, und ließ sie merken, daß sie jene
Offiziere kenne und öfters spräche und daß der eine von ihnen, wie es
schien, in eine junge Nonne dieses Klosters sterblich verliebt sein
müsse; dies brachte sie scherzend und lachend hervor, indem sie ihn
einen Narren schalt, der sich ohne die mindeste Hoffnung, den geliebten
Gegenstand je wieder zu sehen, so unsinnig verlieben könne. -- Die junge
Nonne wurde dabei blutrot, was die Lenier bemerkte und sie sogleich,
ebenfalls scherzend, damit aufzog, indem sie ihr geradezu sagte, es
schiene, als sei auch sie nicht gleichgültig bei dieser Erzählung; sie
sprach ihr nun Mut und Trost ein und wußte sich schon bei diesem ersten
Besuch ganz in ihr Vertrauen einzuschleichen, so daß jene sie sehr
dringend bat, doch ja bald wiederzukommen und sie oft zu besuchen, was
die Lenier denn auch recht gerne versprach.
Beim zweiten Besuche, den die Lenier zu St. Ursula machte, rückte diese
näher mit der Sprache heraus und sagte zu Angelika (dies war der Narelli
Klostername), daß, wenn es ihr Vergnügen mache, die beiden Offiziere
noch einmal zu sehen, so könne schon Rat dazu werden, sie müsse sich
aber um Himmelswillen nichts merken lassen und äußerst verschwiegen
sein. Angelika schien anfänglich über den Vorschlag zu erschrecken,
konnte jedoch zu gleicher Zeit ihre Freude darüber kaum verbergen und
fragte nun, wie dies wohl möglich sei. -- Die Lenier gab ihr allen
erforderlichen Aufschluß und sagte, sie würden sich als ein paar nahe
Anverwandte aus Pesaro bei ihr anmelden lassen und so verkleidet im
Sprechzimmer erscheinen, dann müsse sie aber auch die Unbefangene so gut
als möglich spielen und die neuen Vettern wie alte Bekannte mit
Herzlichkeit empfangen. Angelika meinte, das sei eine schwere Aufgabe,
aber die Lenier sprach ihr Mut ein und gab ihr die gehörigen
Instruktionen, so daß nach manchen Unterredungen mit jener sie
einwilligte, uns zu sehen und auf alles gefaßt zu sein versprach. -- Um
die Sache noch leichter zu machen, waren wir überein gekommen, daß wir
uns als junge, angehende Geistliche aufführen lassen wollten, welche auf
einige Zeit nach Rom gekommen seien, um sich Protektoren wegen baldiger
Beförderung zu verschaffen und angesehene Bekanntschaften aus der
höheren Geistlichkeit zu machen. -- Endlich war der verhängnisvolle Tag
herangekommen, an dem wir die heiligen Mauern betreten sollten. Schon
den Tag vorher hatten wir uns als Angelikas Vettern bei der Frau
Äbtissin anmelden lassen, und die elfte Stunde vormittags war zu unserem
Empfang bestimmt. In aller Frühe eilten wir zur Lenier, wo wir unsere
neuen Uniformen vorfanden, welche diese nach einem ungefähren Maß für
uns hatte verfertigen lassen, indem sie dem Schneider sagte, sie seien
zum Geschenk für ein paar junge Geistliche in Civita-Vecchia bestimmt.
Wir kostümierten uns mit Hilfe der Lenier, sahen einander an und
lachten; mein Kamerad hatte seinen Bart abrasiert, was bei mir noch
nicht nötig war, und wir fanden uns in den geistlichen Kleidern ganz
bequem; als wir angekleidet waren, erschien auch die Cesarini. Sie
lachte zwar, äußerte aber zugleich, sie wolle nichts davon wissen, wir
seien die größten Sünder, die es je gegeben. Endlich rollte der Wagen
vor, der wohl verschlossen war; wir stiegen ein, und man wünschte uns
eine glückliche Reise. Unterwegs stellten wir allerlei Betrachtungen an,
unter anderen auch, was man wohl mit uns anfangen werde, wenn man uns
erwischte und für das erkennen würde, was wir wirklich seien. Bonnier
meinte, dann würden wir ohne weiteres der heiligen Inquisition
überliefert und verbrannt werden, ich aber glaubte, wir würden als
Franzosen wohl glimpflicher davonkommen, besonders da wir einem Kaiser
angehörten, der Geniestreiche liebte und deren selbst täglich ausführe,
genug, ich war von der muntersten Laune der Welt, denn das Abenteuer
fing an, mir das größte Vergnügen zu machen. Doch hatten wir uns auf
alle Fälle jeder mit ein paar scharf geladenen Terzerolen versehen. --
Unter diesen und ähnlichen Gesprächen gelangten wir an die Pforten der
Wohnung der heiligen Jungfrauen. Der Wagen hielt an, wir stiegen recht
ehrenfest heraus und klingelten. Die Tür drehte sich knarrend in ihren
Angeln. -- Husch waren wir drin, und die Falle hinter uns fiel zu. --
Daß mir in diesem Augenblick ganz sonderbar zumute war, will ich nicht
leugnen, auch mein bis über die Ohren verliebter Freund schien etwas
betreten. Dies gab uns aber gerade ein gewisses frommes und schüchternes
Ansehen, was uns in diesem Augenblick sehr gut zustatten kam, und die
Schwester Pförtnerin führte uns durch lange, düstere Gänge, graue Hallen
und enge Stiegen hinauf in das Sprechzimmer, wo sie uns warten hieß,
indem sie sagte, sie gehe, uns der Frau Äbtissin zu melden. Diese war,
nach ihren Äußerungen, von der Absicht unseres Besuches schon
unterrichtet und wußte, daß wir der Narelli Anverwandte seien.
Wir waren jetzt allein und hatten Zeit, das Sprechzimmer zu besehen, uns
vorzubereiten und unsere Betrachtungen anzustellen. Daß die Äbtissin
selbst kommen würde, wie es schien, war uns eben nicht sehr angenehm;
wir fürchteten, da man sie uns als eine sehr schlaue Frau geschildert
hatte, durch ihre Fragen in Verlegenheit zu kommen. Jetzt hörten wir
Tritte, eine Tür jenseits des Gitters wurde geöffnet, und vier
verschleierte Nonnen traten ein, von denen sich jedoch die eine, die
Pförtnerin, sogleich wieder entfernte; die übrigen drei traten nahe ans
Gitter. Wir erkannten bald Angelika und zwei ältere Schwestern; die
Äbtissin war zu unserer großen Freude nicht dabei. Ich redete erstere
sogleich mit »_carissima cugina_« an, schüttete eine Tasche voll
Empfehlungen von ihren Eltern und Geschwistern zu Pesaro aus, so daß
niemand zu Worte kommen konnte und mein verlegener Freund sowohl wie
Angelika Zeit gewannen, sich zu sammeln. Anfangs konnte das schöne,
fromme Kind nichts anderes als si und no stammeln, bald aber wurde ihr
die Zunge etwas geläufiger, und sie fing an, sich nach ihren
Anverwandten zu Pesaro zu erkundigen, was ich so gut als möglich
beantwortete; endlich hatte Bonnier auch ein Herz gefaßt und knüpfte
eine Konversation an. Ich nahm die Gelegenheit wahr und unterhielt mich
recht eifrig mit den beiden anderen Damen von himmlischen und irdischen
Dingen und wußte sie so gut zu amüsieren, daß sie weder von den Worten
noch von den Blicken etwas gewahr wurden, welche man auf der anderen
Seite wechselte; mir aber war es nicht entgangen, daß das Briefchen,
welches Bonnier schon seit vierzehn Tagen dreißigmal umgeschrieben,
glücklich durch das enge Gitter in Angelikas niedliche Händchen passiert
und von dieser schnell unter dem Busenschleier verborgen ward. Über eine
gute Stunde waren wir bereits da, als ich meinem Freund durch Zeichen
und Worte zu erkennen gab, daß es nun Zeit sei, sich zu entfernen. Wir
empfahlen uns den frommen Schwestern bestens, welche uns ihren
reichlichen Segen mit auf den Weg gaben und unseren gottesfürchtigen
Vorsatz, recht fromme Geistliche zu werden, über die Maßen lobten, uns
auch baten, den Besuch recht bald zu wiederholen, was wir gerne
versprachen. -- Noch einen Blick auf Angelika, und wir waren zum
Sprechzimmer hinaus, wo uns die Pförtnerin empfing und bis vor die
äußeren Klosterpforten geleitete.
Freund Bonnier schwamm abermals in Entzücken und beteuerte wiederholt,
er müsse Angelika besitzen und wenn er, ein zweiter Nero, das Kloster
und ganz Rom in Brand stecken solle. -- »So arg wird es hoffentlich
nicht werden,« fiel ich ein und bat ihn, mir zu sagen, wie weit er mit
ihr gekommen sei. Hierauf erzählte er mir, was ich schon wußte, nämlich
daß er das Billett glücklich angebracht, aber mündlich nur mehr im
allgemeinen gesprochen und es nicht gewagt habe, ihr eine förmliche
Liebeserklärung zu machen, aus Furcht, die anderen hätten etwas merken
können, morgen aber müsse die Lenier ins Kloster, um die Wirkung zu
erfahren, welche unser Besuch und der Brief gemacht habe, und demnach
die weiteren Vorkehrungen so bald als möglich zu treffen. Bei unserer
Zurückkunft trafen wir die Damen an, welche uns mit der gespanntesten
Neugierde erwartet hatten, um das Resultat unseres Besuchs zu erfahren,
das wir bis jetzt selbst noch nicht wußten. Es wurde nun einstimmig
beschlossen, daß Mademoiselle Lenier den kommenden Morgen dahin fahren
sollte, um sich davon zu unterrichten. Wir wechselten unsere Kleider und
ritten gegen Abend auf den Korso; um allen möglichen Verdacht zu
vermeiden, waren wir übereingekommen, daß weder Bonnier noch ich uns
wieder in Uniform in der Nähe des Klosters dürften blicken lassen. Den
Tag darauf erwarteten wir die Lenier mit eben der Ungeduld, als sie uns
gestern erwartet hatte; es war beinahe Mittag, als sie zurückkam und
Bericht über ihre Ambassade erstattete.
Alles stand zum Besten, man hatte nicht den geringsten Verdacht auf uns
geworfen, die alten Schwestern waren von mir und die junge Nonne von
Bonnier entzückt. Letztere hatte lange und viel mit der Lenier
gesprochen und sich so gut wie zu allem bereit erklärt; diese
versicherte uns, daß, wenn wir noch einige Besuche machten, die Sache
mit Angelika gewiß in Richtigkeit sein würde, auch habe sie ihr
zugeredet, doch einige Zeilen an ihren Freund zu schreiben und ihm
solche bei der nächsten Zusammenkunft zu übergeben, was sie ihr nach
einigem Sträuben endlich versprochen. -- Genug, es ging bis jetzt alles
nach Wunsch, wir wiederholten unseren Besuch, so oft es möglich war,
ohne Argwohn zu erregen, in der geistlichen Tracht, und ein vollkommenes
Einverständnis sowie ein regelmäßiger Briefwechsel zwischen Angelika und
Bonnier war bald hergestellt, und ebenso schnell waren beide Liebende
einig. Angelika willigte in alles, und jetzt war nur noch die
Schwierigkeit, die Entführung aus dem Kloster zu bewerkstelligen, was
freilich keine leichte Aufgabe war. Doch welche löst nicht Liebe und
List? -- Daß das Entkommen aus dem Kloster über die Gartenmauern
vollbracht werden müsse, darüber waren alle einig, sowie daß dies nur
kurz vor oder nach Mitternacht geschehen könne. Wegen der ungeheuren
Höhe dieser Mauern sei dies auf jeden Fall eine halsbrechende Arbeit,
deren Gefahr die Finsternis der Nacht noch vergrößere; indessen war dies
unsere Sorge und mein Plan schon gemacht. Die größere Schwierigkeit
bestand darin, wie Angelika durch drei Türen, welche zum Garten führten
und jeden Abend wohl verschlossen und verriegelt wurden, gelangen könne.
-- Aber auch dafür erdachte die erfinderische Liebe bald Hilfe. Angelika
mußte die Größe und Form aller dieser Schlüssellöcher in Wachs
abdrücken, und wir ließen fünf Hauptschlüssel verfertigen, mit denen sie
die Türen öffnen und so den Weg in den Garten finden sollte. Um das
Übersteigen der Mauern möglich zu machen, ließ ich in Civita-Vecchia,
wohin ich selbst ritt, Strickleitern verfertigen und kaufte Seile auf,
denn außerdem, daß man schwerlich solche hohe Leitern gefunden hätte,
wie sie hierbei erforderlich waren, würde deren An- und Herbeischaffung
auch weit mehr Umstände und Verdacht verursacht haben.
Diese Strickleitern mußten nun auf eine solide Art auf der äußeren und
inneren Seite befestigt werden. Zu dem Ende hatte ich einen Franzosen
von der zu Civita-Vecchia liegenden Marine mitgenommen, welcher ein
Schlosser von Profession war (einem Italiener wäre hier nicht zu trauen
gewesen), der zu diesem Zweck einhundertundzwanzig sehr lange und starke
eiserne Haken geschmiedet hatte, die er bei Nachtzeit zuerst von außen
an der Mauer befestigen mußte, und zwar so, daß jedesmal in einem
Zwischenraum von dritthalb Schuhen drei dieser Haken nebeneinander
eingeschlagen wurden. Glücklicherweise waren die Mauern fast überall
dicht mit Efeu und anderen Gesträuchen bewachsen, und man konnte die
Eisen fast alle so anbringen, daß man, wenigstens bis zu einer
beträchtlichen Höhe, nichts davon wahrnehmen konnte. Natürlich mußte
sich der Mann mit Hilfe der Seile und seiner eingesetzten Haken
hinaufarbeiten, welches, je höher er kam, desto schwieriger wurde und
das umgekehrt auf gleiche Weise jenseits der Mauer bewerkstelligen, als
er oben angekommen. Zehn Nächte dauerte diese gefährliche Operation,
wobei jedesmal eine Stunde vor Mitternacht angefangen und eine Stunde
vor Sonnenaufgang geendet wurde. Während dieser ganzen Zeit standen
Bonnier und ich Schildwache in der Nähe und unsere Bedienten auf
Vorposten, um uns von dem geringsten Geräusch zu benachrichtigen; das
Kloster lag aber so einsam und abseits, daß wir auch keine lebende Seele
außer uns gewahrten. Als endlich alles so weit in Ordnung war, kamen wir
überein, daß wir acht Tage vor der zur Entführung bestimmten Zeit unsere
Abschiedsvisite im Kloster machen, sowie auch das Lazarett verlassen und
uns als Fremde in einem Privathause die letzte Zeit verborgen halten
müßten, damit man nicht sogleich Verdacht gegen uns haben könnte, indem
wir angeblich schon einige Zeit vorher abgereist waren. -- Dies alles
war in Ordnung, nur die Lenier besuchte noch fast täglich das Kloster,
um Angelika in ihrem Vorsatz zu bestärken und ihr Mut einzusprechen, da
sie, je näher der entscheidende Zeitpunkt heranrückte, desto ängstlicher
wurde. Endlich war die verhängnisvolle Nacht da, Angelika hatte noch am
Morgen ihrer Freundin versprochen, alles zu versuchen. Um elf Uhr hielt
ein Wagen mit vier Postpferden, in dem die Lenier saß, in der Nähe des
Klosters, um alle drei nach Civita-Vecchia zu bringen, von wo sie
sogleich mit einer segelfertigen Felukke nach Genua abgehen sollten,
wohin sich Bonnier Urlaub zu verschaffen gewußt. Angelika hatte
versprochen, mit dem Schlag Mitternacht in den Garten zu kommen; alle
Schlüssel waren ihr eingehändigt worden. Bonnier und der Marinesoldat
überstiegen die Mauern, ich blieb diesseits, um auf alles acht zu haben,
und die Bedienten standen wieder auf ihren Lauerposten. Schon lange
hatte die Klosterglocke Mitternacht geläutet, eine, zwei, drei Stunden
vergingen, und Angelika erschien nicht, der Tag fing zu grauen an, und
sie erschien noch immer nicht. Es war nun die höchste Zeit, an die
Retirade zu denken, -- schon fing es an, sich im Kloster zu regen.
Endlich gelang es mir, meinen der Verzweiflung nahen Freund zum
Zurücksteigen zu bewegen, nachdem ich selbst hinüber geklettert war, um
ihn zu holen, was mir nur durch die Vorstellung gelang, daß dies das
einzige Mittel sei, nicht alles zu verderben; ich würde noch heute die
Ursache von Angelikas Ausbleiben erforschen. -- Der Wagen wurde
heimgeschickt, und wir begaben uns in einem mißmutigen, sehr traurigen
Zustande in unsere Wohnung.
Daselbst angelangt, war mein erstes Geschäft, mit der Lenier Rücksprache
zu nehmen, wie man den Grund von Angelikas Nichterscheinen erfahren
könne. Die Sachlage war nun viel mißlicher geworden, gerne wäre ich mit
Bonnier ins Kloster geeilt, aber da wir schon Abschied genommen hatten,
war es nicht mehr möglich. Zum Glück war dies nicht der Fall mit der
Lenier; aber diese fürchtete, die ganze Intrige sei entdeckt, man habe
vermutlich Angelika auf der Tat ergriffen, und sie getraute sich nicht,
in das Kloster zu gehen. Bonnier geriet bei dieser Vermutung außer sich,
und ich hatte alle Mühe, ihn von tollen Streichen abzuhalten. Wir kamen
endlich überein, da auf die Cesarini gar kein Verdacht habe fallen
können, diese zu bitten, sogleich einen Besuch in dem Kloster zu machen;
aber auch sie war auf keine Weise dazu zu bewegen, indessen war sie wie
gewöhnlich mit vortrefflichem Rat bei der Hand und schlug vor, ihr
Kammermädchen mit einem Auftrag an Beatrice abzuschicken, wodurch man
alsbald erfahren würde, ob etwas Außerordentliches unter den Nonnen
vorgefallen sei; das Mädchen solle sich nur ganz unbefangen nach der
Narelli erkundigen, was um so eher tunlich, da wir verabredet hatten,
daß sie sich zwei Tage vor der beabsichtigten Flucht krank stellen und
das Bett hüten solle. Die Gesandte wurde abgeschickt, und wir blieben
sämtlich eine lange Stunde in der äußersten Spannung und Erwartung.
Endlich kam der Wagen zurück, wir eilten ihr entgegen, und sie konnte
uns nicht schnell genug berichten, daß nichts Besonderes vorgefallen
sei, aber daß die Narelli noch als krank im Bett läge und nach
Beatricens Versicherung wirklich sehr übel aussehe. Nun war uns allen
ein schwerer Stein vom Herzen, ich schrieb Angelikas Ausbleiben keinem
anderen Umstande als ihrer großen Ängstlichkeit zu und hatte recht; denn
als die Lenier von einem Besuch, den sie ihr auf unsere Bitten hatte
machen müssen, zurückkehrte, erzählte sie, daß das arme Mädchen jetzt in
der Tat unwohl sei und Fieber gehabt habe; sie sei zur bestimmten Stunde
durch die langen öden Klostergänge an die Pforten, welche nach dem
Garten führten, geschlichen, wobei sie schon unterwegs die tödlichste
Angst befallen habe, und als sie endlich bei der ersten angekommen, sei
es ihr unmöglich gewesen, das Schlüsselloch zu finden, und noch weniger
hatte sie Kräfte gehabt, den Riegel zurückzuschieben, nur mit der
größten Anstrengung habe sie sich wieder bis in ihre Zelle schleppen
können und sei fast ohnmächtig auf ihr Bett niedergefallen, wonach sie
den übrigen Teil der Nacht in einem beständigen Fieberschauer
zugebracht; sie sehe wohl ein, daß es ihr unmöglich wäre, das Vorhaben
auszuführen, sie würde einen zweiten Versuch wahrscheinlich mit ihrem
Leben bezahlen müssen. Nun war abermals guter Rat teuer; Bonnier wollte
verzweifeln. Verliebte verlieren gewöhnlich bei Widerwärtigkeiten alle
Besinnung, machen dann einen dummen Streich nach dem anderen, wenn sie
auch sonst Verstand und Scharfsinn besitzen.
Er wollte auf der Stelle zum Papst, sich Seiner Heiligkeit zu Füßen
werfen, alles eingestehen und um Angelikas Entbindung vom Klostergelübde
anhalten; nur mit vieler Mühe konnten wir ihm den unsinnigen Vorsatz
ausreden, indem wir ihm vorstellten, das wäre der gerade Weg, sie ohne
Rettung zu verlieren und ihr vielleicht gar zum Einmauern zu verhelfen.
Die unerschöpfliche Cesarini fand wieder einen Ausweg und meinte, man
würde es der Lenier schwerlich abschlagen, einige Tage bei ihrer kranken
Freundin zuzubringen und wohl auch einige Nächte an ihrem Bette zu
wachen, ihr von neuem zuzureden und mit ihr vereint in der wieder zu
bestimmenden Nacht das Kloster zu verlassen. Die Aufgabe wäre wirklich
für ein so junges, unerfahrenes Mädchen zu schwer gewesen, aber mit
Hilfe der mutigen und schlauen Freundin würde sie solche gewiß lösen;
denn es sei ein ganz anderes, wenn man bei solchen Unternehmen zu zwei
sei und sich einander Mut und Trost einsprechen könne. Auch diesen
Vorschlag fanden wir sehr zweckmäßig und überredeten leicht der Lenier
kleine Bedenklichkeiten. Sie eilte den kommenden Morgen wieder nach St.
Ursula, teilte den neuen Plan Angelika mit, die in der Tat schon wieder
auf dem Wege der Besserung war und herzlich gern einwilligte, in
Gemeinschaft zu fliehen. Nun mußte sie sich noch kränker stellen und
gewaltige Sehnsucht nach ihrer Freundin äußern; es gelang auch, von der
Äbtissin die Erlaubnis zu dem Aufenthalt der Lenier im Kloster sowie zu
den Nachtwachen zu erlangen, und täglich stattete sie uns Bericht über
den guten Fortgang der Sache ab; endlich wurde zum zweitenmal die Stunde
der Flucht bestimmt, alle Anordnungen wie das erstemal getroffen, und um
vier Uhr (elf nach unserer Uhr) stand wieder alles auf seinem Posten;
wir warteten wieder und warteten abermals vergeblich, der Tag graute
schon, als wir notgedrungen die zweite Retirade antraten.
Noch waren wir über das abermalige Ausbleiben in der größten Bestürzung
und erschöpften uns in Mutmaßungen, als die Lenier zu uns ins Zimmer
trat und das Rätsel löste. Beide Mädchen hatten um elf Uhr die Zelle
verlassen und waren bis an die innere Tür gekommen, die sie zu öffnen
versuchten, konnten aber den rechten Schlüssel nicht gleich
herausfinden, und während sie probierten und drehten, glaubten sie ein
Geräusch zu hören, liefen beide davon und in die Zelle zurück, wo sie
außer Atem ankamen und sich ganz erschöpft auf das Bett warfen; selbst
die Lenier hatte eine gewaltige Herzensangst gehabt, auch hätten mehrere
Nonnen heute morgen von einem Geräusche, was sie die Nacht gehört,
gesprochen. -- Ich machte ihr Vorwürfe und stellte ihr vor, daß man so
lange zaudern würde, bis alles entdeckt wäre, denn mit jedem mißglückten
Versuch werde die Gefahr größer. Dies sah sie wohl ein und versicherte,
sie würde die kommende Nacht gewiß entschlossener sein, sie habe
nochmals mit Angelika darüber gesprochen, beide sich wechselseitig über
ihre Furcht Vorwürfe gemacht und würden, es koste auch, was es wolle,
die Sache durchsetzen; sie müsse bald wieder zurück und habe die
Schlüssel mitgebracht, damit wir die letzte Tür von außen aufschließen
möchten und sie alsdann nur noch den Riegel wegzuschieben hätten; ferner
würden sie sich in große weiße Bettücher hüllen, damit im Falle die
anderen Nonnen etwas merkten, man sie für Gespenster halte und es nicht
wage, sich ihnen zu nähern. -- Dürfte man die große Klosterpforte,
welche auf die Straße führt, öffnen, so hätte man freilich weit weniger
Umstände, meinte die Lenier, doch dies sei zu gefährlich, weil die
Pförtnerin und noch ein Wächter in der Nähe schliefen. Sie fuhr abermals
ab, mit der kräftigsten Versicherung und dem heiligsten Versprechen, daß
diese Nacht oder nie die Geschichte beendigt und sie die Türen öffnen
würde. Wir alle und besonders ich, der ich anfing, der Sache herzlich
müde zu werden, wünschten ihr den besten Erfolg mit auf den Weg.
Es wurde Nacht, und wir begaben uns zum drittenmal auf unsere Posten,
überstiegen die Mauern, probierten die Schlüssel und sperrten endlich
das Schloß der äußeren Tür glücklich auf, doch der innere Riegel
verhinderte das Öffnen derselben; wir lauschten, hörten aber nicht das
mindeste Geräusch; schon verzweifelten wir an dem Kommen der Mädchen,
als wir ganz leise Schlösser aufgehen und Riegel zurückschieben hörten.
Bonnier bebte vor Verlangen und Entzücken, man kam näher, wir hörten
Tritte und endlich den Riegel der letzten Tür gehen, sie öffnete sich,
und -- beide Geister fielen uns halb ohnmächtig in die Arme. -- Wir
verloren indessen keine Zeit, sondern trugen sie in den Garten an den
Ort, wo die Strickleitern angebracht waren. Es war wahrhaftig keine
kleine Arbeit, die beiden Damen, eine nach der anderen, mehr tot als
lebendig über die himmelhohen Mauern zu bringen; die junge Pariserin,
welche zuerst den seltsamen Weg antrat, kletterte noch so ziemlich, aber
Angelika mußten wir einen Strick um den Leib befestigen und Bonnier und
ich nachhelfen, so daß wir nur jeder einen Arm für uns übrig hatten.
Doch wurde auch diese saure Arbeit, ob mit Gottes oder des Bösen Hilfe,
will ich hier nicht entscheiden, vollbracht, und wir standen in Zeit von
einer halben Stunde sämtlich jenseits des Gartens auf festem Boden,
warfen uns in den Wagen und jagten mit verhängtem Zügel über die
Engelsbrücke und durch das nach Civita-Vecchia führende Tor voran, die
beiden Bedienten zu Pferde hinterdrein und der Marinesoldat auf dem
Bock.
Als wir Rom eine Miglia weit im Rücken hatten, ließ ich halten, nahm
zärtlichen Abschied von Freund Bonnier, seiner Geliebten und der Lenier,
wünschte allen eine glückliche Reise, warf mich auf mein Pferd und
sprengte mit meinem Bedienten _ventre à terre_ durch Rom zurück nach
Albano, wo ich mich schon seit acht Tagen als _présent sous les armes_
gemeldet und fast jeden Morgen ein Stündchen zugebracht hatte. Bei
Tagesanbruch kam ich daselbst an, und schon gegen zehn Uhr wußte man
auch hier, daß die vergangene Nacht eine Nonne aus dem Ursulinerkloster
entflohen sei. Die Sache machte in der Hauptstadt der christlichen Welt
ein ungeheures Aufsehen, der heilige Vater schickte erst den
Kardinal-Staatssekretär nach dem Kloster, den Tatbestand zu untersuchen,
und fuhr dann selbst dahin. Alle Sbirren und Karabiniere wurden in
Bewegung gesetzt, St. Ursula förmlich geschlossen, Haussuchungen
veranstaltet, besonders in der Lenier Wohnung und bei ihren Hausleuten;
kurz, kein Mittel blieb unversucht, die Täter herauszukriegen und die
Entwichenen wieder zu erwischen, doch alles vergeblich, es kam nichts
heraus, und Angelika mit Bonnier waren bereits auf der hohen See in
Sicherheit. Man mußte sich damit begnügen, einen geistlichen Bannfluch
auf die Entflohenen und alle dabei beteiligten Verbrecher zu schleudern.
Alle möglichen Vorkehrungen wurden nun in sämtlichen Frauenklöstern
getroffen, damit dergleichen sobald nicht wieder passieren könne. (Wenn
das Brot gestohlen, schließt man den Schrein zu.) Die armen
zurückgebliebenen Nonnen mußten am meisten dadurch leiden, und die Frau
Äbtissin entging nur mit Mühe schwerer Strafe und der Absetzung. Alle
Schlosser, Maurer und Seiler Roms wurden scharf inquiriert, ob sie nicht
Haken, Seile und so weiter geliefert. Die Cesarini stand Todesangst aus,
doch ritt ich nach wie vor täglich zu ihr nach Rom. Von Bonnier erhielt
ich bald Briefe aus Genua, worin er mir seine glückliche Ankunft
daselbst meldete. --
An fünf Monate hatte ich nun schon in Albano und Rom recht unbekümmert
zugebracht und in den Tag hineingelebt, außer den erwähnten Intrigen
noch so manche kleine nebenher gehabt, namentlich auch mit einem
hübschen Albanermädchen, einer _giovan principiante_, und dies
Schlaraffenleben fing endlich an, mir langweilig zu werden, als mich
plötzlich eine sehr unangenehme Begebenheit, bei der ich wider Willen
und halb gezwungen eine aktive Rolle gespielt, aus demselben riß und ihm
ein tragikomisches Ende machte.
Gleich nach Ostern kam eine wandernde Schauspielertruppe nach Albano, um
daselbst Vorstellungen zu geben. Eines Morgens in aller Frühe besuchte
mich der Impressario derselben, um sich und sein Theater mir zu
empfehlen. Als Verehrer und womöglich Protektor aller dramatischen
Kunst, versprach ich ihm auch meinen besonderen Schutz, sowie zu tun,
was in meiner Macht stünde, seinem Unternehmen förderlich zu sein; ich
nahm ihm auch gleich ein paar Dutzend Billetts für einige Scudi ab. Der
Mann sah ärmlich und gedrückt aus, hatte eine fast kalabresische braune
Hautfarbe und einen ungeheuren Backenbart. Der Zufall oder mein Unstern
wollte, daß in diesem Augenblick gerade der Kapitän Caguenec, der mit
seiner Kompagnie in dem nahen Velettri lag, wo er Platzkommandant war,
zu mir kam, um mich zu einer Jagd einzuladen und mir zugleich
anzuzeigen, daß dieser Tage unser Bataillonschef Düret eine Rundreise
machen würde, um alle detachierten Kompagnien zu inspizieren. Er wollte
wissen, wer der so elendwild aussehende Mann sei. Ich teilte ihm das
Anliegen desselben mit, und wir fragten ihn, was er diesen Abend, es war
gerade ein Sonntag, aufzuführen gedenke.
»_Ah eccellenza illustrissima_,« erwiderte der Impressario, »wenn ich so
glücklich wäre, am Sonntag spielen zu dürfen, dann wäre mein Glück
gemacht.«
»Und warum dürfen Sie das nicht?«
»Seine Eminenz, der Herr Bischof-Kardinal, haben es bei Bann- und
Gefängnisstrafe verboten, man würde mir sogleich das Theater schließen;
auch dürfen keine Frauen auftreten, sondern alle Frauenrollen müssen von
Männern gespielt werden.«
Wir fanden dies sonderbar, besonders da doch in Rom selbst alle
weiblichen Rollen mit Frauen besetzt wurden, und machten dem Signor
Impressario diese Bemerkung, der aber nur mit Achselzucken antwortete.
Da man gerade das Frühstück auftrug, so lud ich den armen Teufel ein,
teil daran zu nehmen, was er mit großem Dank und freudig akzeptierte.
Wir waren zu fünf, denn Caguenec hatte seine Geliebte, ein artiges
Mädchen aus Velettri, mitgebracht, Leutnant Felix, mein Unterleutnant,
der Impressario und ich, und ließen uns das Frühstück und den
Albanerwein so trefflich schmecken, daß wir alle äußerst munter wurden
und, bis auf das Mädchen und ich, etwas in dem Dach _vulgo_ Kopf hatten;
Caguenec aber trank sich nach seiner löblichen Gewohnheit wieder einen
bösen Rausch an und war bald so _en train_, daß er übersprudelte; dieser
Mensch war mein böser Geist.
»Höre,« fing er beim Nachtisch an, »sage mir doch, wer ist denn
eigentlich hier Kommandant? -- Du oder der Bischof? -- So ein Pfaffe
sollte sich in Velettri unterstehen, zu verbieten, daß man am Sonntag
Komödie spiele, ich wollte ihm seine Bischofsmütze zurechtsetzen, daß er
daran denken sollte. Befiehl du nur, daß heute abend Komödie gespielt
werde, du hast das Recht dazu!«
Ich hatte auch den Kopf etwas warm, Felix noch mehr, er gab dem Caguenec
vollkommen recht, und wir sagten dem Impressario, er müsse diesen Abend
eine Vorstellung geben, was er jedoch abzulehnen suchte, sich mit dem
Verbot der geistlichen Behörde entschuldigend; das Mädchen pflichtete
ihm bei, sie meinte, der _poveretto_ würde ja ewig verdammt, wenn er
sich so etwas unterstünde. Caguenec wollte, daß wir zum Bischof gehen
und diesem befehlen sollten, seine Einwilligung zu geben; wir, die vier
Männer, fanden diesen Vorschlag vernünftig und machten uns nach dessen
Palazzo auf, wo aber der Impressario unten an der Tür stehen blieb,
während wir dessen Stufen hinaufeilten. Der Gang durch die Luft hatte
uns und besonders Caguenec noch mehr erhitzt, und die Köpfe glühten. --
Nachdem wir die Treppen hinaufgestürmt waren, begegneten wir einem
geistlichen Diener, den wir nach seinem Herrn fragten und ihm befahlen,
uns zu ihm zu führen, der Kommandant von Albano habe mit ihm zu
sprechen; dieser wollte uns erst melden, indem er sagte, er wisse nicht,
ob Seine Eminenz schon zu sprechen sei.
»Was sollen die Umstände,« fiel ihm Caguenec ins Wort, »für französische
Offiziere muß er immer zu sprechen sein!« Wir folgten alle drei dem
Diener auf dem Fuß in das Gemach, wo Seine Eminenz noch im tiefsten
Negligé auf einem Faulbett ausgestreckt Schokolade zu sich nahm.
Ohne alle weitere Entschuldigung brachte ich sogleich mein Gesuch vor,
aber der erschrockene Prälat gab mir nach einigen Augenblicken zur
Antwort, daß er unmöglich in dasselbe einwilligen könne, und schützte
geistliche Verordnungen vor.
»Was Verordnungen,« fiel ihm Caguenec ins Wort, »hier hat niemand etwas
zu verordnen als der Platzkommandant von Albano, und Sie haben sich um
das Messelesen und sonst um nichts und den Teufel um das Komödienspielen
zu bekümmern.«
»_Questo è vero_,« fiel ich ein und begehrte seine Einwilligung, damit
diesen Abend gespielt werden könne, schriftlich, wozu er sich aber
schlechterdings nicht verstehen wollte.
»Wer wird so viele Umstände mit dem Pfaffen machen!« rief jetzt
Caguenec, faßte die Eminenz, ehe wir's uns versahen, beim Kragen, riß
sie vom Ruhebett herab und schrie: »Pfaffe, jetzt schreib, oder es setzt
Hiebe.« Aber der arme Bischof schrie aus vollem Halse: »_Ajuto, ajuto,
son assassinato!_« Caguenec, wütend, versetzte dem geistlichen Herrn nun
derbe Püffe und Stöße mit geballter Faust, drei bis vier Diener sprangen
zwar ins Gemach, blieben jedoch vor Schrecken, als sie ihren Herrn so
behandeln sahen, unbeweglich an der Tür stehen. Endlich gelang es uns,
dem Leutnant Felix und mir, den tollen Caguenec von dem Kardinal
abzuhalten, den ich nun noch einmal ersuchte, das an ihn gestellte
Begehren zu bewilligen, indem er sich sonst noch größeren
Unannehmlichkeiten aussetzen würde. Jetzt gebot er einem seiner Diener,
ihm das Calamajo (Schreibzeug) zu geben, und schrieb nieder, daß er dem
Impressario für diesen Abend eine Vorstellung erlaube. -- Caguenec
sagte: »Warum tatest du dies nicht gleich, dummer Pfaffe, dann würdest
du dir die Püffe erspart haben.« -- Wir empfahlen uns, das Papier in der
Hand, dem Bischof einen _buon giorno_ wünschend, und zeigten es
triumphierend dem unten harrenden Impressario, der, ignorierend, wie wir
dasselbe erlangt hatten, darüber ganz entzückt war und uns ein
vortreffliches Schauspiel, >_I brigandi_< betitelt, versprach. Caguenec
und Felix gingen Arm in Arm zu dem nach Rom führenden Tor hinaus bis zu
dem Grabmal des Ascanius, wo sie sich niedersetzten und einschliefen,
während ich mich heim begab, um auf ein paar Stunden nach Rom zu reiten,
mir aber vornahm, zur Vorstellung der Brigandi wieder zurück zu sein.
Als ich in das Zimmer trat, sprang mir Caguenecs Geliebte entgegen, mich
fragend, wo ich ihren Capitano gelassen habe und wie die Sache
abgelaufen sei. Ich gab ihr über beides die gehörige Auskunft und fand
jetzt, daß Regina eine recht hübsche, schlanke Brünette sei und ein Paar
recht feurige, funkelnde Augen habe, was ich vorher gar nicht
wahrgenommen. Ich ließ mich in ein Gespräch mit ihr ein und erfuhr, daß
sie die Tochter einer Uhrmacherswitwe in Velettri wäre, die einige Wein-
und Obstgärten daselbst besaß, in denen sie zufällig Caguenecs
Bekanntschaft gemacht und er ihr den Antrag gestellt, sie als seine
Geliebte zu unterhalten, worin ihre Mutter auch eingewilligt, da er viel
versprochen habe und ihre Umstände nicht die glänzendsten seien; bis
jetzt aber habe er von den Versprechungen keine gehalten, außer Nahrung
und Wohnung habe sie noch nichts von ihm bekommen und ihm doch ihre
Jungfrauschaft gebracht, dazu sei er noch obendrein sehr oft _imbriaco_,
da hätte sie denn ihre liebe Not mit ihm, sie habe sich schon die
unsäglichste Mühe gegeben, ihm diese Sünde abzugewöhnen, aber
vergeblich, öfters komme er in einem solchen Zustand heim, daß er sich
ganz angekleidet auf das Bett fallen lasse und ohne sich zu rühren bis
zum anderen Morgen schlafe.
Die naive Einfalt, mit der mir Regina diese Erzählung machte, brachte
mich zum Lachen. Ich nahm sie in meinen Arm, küßte sie und sagte zu ihr,
es sei gewiß recht fatal, daß der Mann einen so festen Schlaf habe. --
»Freilich,« erwiderte sie, »und das Fatalste ist, daß ich dabei nicht
einschlafen kann.« -- »Du mußt dich dafür rächen und entschädigen,«
versetzte ich ihr, sie auf meinen Schoß ziehend. -- »Ei, das möchte ich
wohl, wenn ich nur Gelegenheit dazu hätte.« -- »Oh, die soll sich leicht
finden,« meinte ich, küßte das schon glühend werdende Mädchen recht
innig, verriegelte die Stubentür und zog sie in mein anstoßendes
Schlafgemach. -- Nach einer halben Stunde verließen wir dasselbe wieder,
und um bei Caguenec allen Verdacht zu vermeiden, schwang ich mich auf
mein Pferd und ritt zum Tor hinaus, der Landstraße nach Rom zu, wo ich
die beiden Schläfer noch an Ascanius' Mausoleum schnarchend fand, sie
mit einem lauten Hallo aufweckte und ihnen verkündete, daß ich nach Rom
reite, dem Caguenec lachend zurufend: »Du bist mir ein sauberer Held,
deine Regina sitzt bei mir verlassen und seufzt und langweilt sich.«
»Himmelsapperment,« schrie Caguenec, sich die Augen reibend, »ich habe
ganz vergessen, daß ich die Hexe bei mir habe; höre, du wirst mir doch
keine Streiche gemacht haben, sonst könntest du mir leicht vor die
Klinge müssen.«
»Wo denkst du hin, ich habe mehr zu tun, als mich um deine Geliebte zu
bekümmern.«
»Wenn auch, ich kenne dich, du bist mir ein sauberer Zeisig.«
Ich sprengte indessen mit einem: »Albernes Zeug!« davon, suchte in Rom
die Vernetti auf, bei der ich über Mittag blieb und sie dann gegen Abend
in einem Wagen mit nach Albano nahm, damit sie der vom Impressario
versprochenen Extravorstellung beiwohnen könnte. Das war sie in jedem
Betracht, ich hatte noch nie so etwas gesehen. In einer Art Scheune war
eine Erhöhung von einigen Holzblöcken und Brettern gemacht und mit alten
Lumpen behangen, deren Farbe der beste Chemiker nicht mehr hätte
ausfindig machen können; einige abgerissene und davor gestellte
Baumzweige sollten einen Wald vorstellen. Und nun erst die Schauspieler!
Die Briganten in Kalabrien waren noch wie Fürsten im Vergleich mit
diesen gekleidet. Das Ärgste waren aber die rot- und schwarzbärtigen
Aktricen und deren Kostüme, schmutzige Tücher auf Poissardenart um die
Köpfe gewunden, Unterröcke um die Hüften hängend, welche hinten und vorn
so große Löcher hatten, daß man einen Kopf durchstecken konnte.
Zerrissene Hemdärmel und ein über das Hemd und den bloßen Hals
geworfenes lumpiges Tuch vervollständigten das Erbärmliche ihrer
Garderobe; diese vom Galgen gefallenen Burschen machten die zärtlichen
Liebhaberinnen. In den ersten Reihen des Publikums saßen Caguenec und
seine Geliebte, die Vernetti, ich, Felix, ein paar Lieferanten und so
weiter und dann noch einige zwanzig andere Zuschauer, Einwohner aus
Albano, aber kein einziges weibliches Wesen außer den beiden
angeführten. Der Herr Impressario hatte sich verrechnet, die Leute in
Albano waren zu devot, um eine Sonntagskomödie zu besuchen. Um den Saal,
eine Art Stall, zu füllen, ließ ich sämtlicher Mannschaft und den
Unteroffizieren der Kompagnie, die nicht im Dienst waren, Gratisbilletts
geben, für die ich zwei Scudi bezahlte. Nicht leicht wieder wird sich
eine solche Künstlergesellschaft und ein solches Publikum
zusammenfinden, und dennoch amüsierte ich mich, wenigstens eine
Zeitlang, königlich, denn die Geberden, Grimassen, Deklamationen,
Zärtlichkeiten und das Herumvagieren der Schauspieler mit Händen und
Füßen war über alle Maßen komisch-heroisch und possierlich; Blicke
warfen sie um sich, welche auch Steine zum Erbarmen, zum Schaudern und
zum Lachen hätte bringen können. Das Sujet des Stücks war schwer zu
erraten, Mord und Raub aber der Hauptinhalt. Wir blieben bis zur Hälfte
der Vorstellung, nahmen dann eine Cena ein, und Caguenec mit seiner
Dulcinea blieben über Nacht bei mir, an Zimmern und Betten fehlte es mir
ja nicht, ich hätte noch ein paar Dutzend solcher Paare beherbergen
können. Am anderen Morgen empfahlen sich meine Gäste, nachdem sie noch
gehörig gefrühstückt hatten, und gegen Abend brachte auch ich meine
junge Witwe wieder in ihre Wohnung zurück.
Drei Tage nach dieser Vorstellung, als ich eben im Begriff war, meinen
gewohnten Ritt nach Rom zu machen, fuhr eine Postchaise an meiner
Wohnung vor, aus der mein Bataillonschef Düret und sein Adjutant-Major
sprangen, die zu mir heraufstürmten. Ersterer begrüßte mich mit den
Worten: »_Voilà une belle affaire, que diable avez-vous fait?_« Er zog
dabei einen Bericht aus der Tasche, der den Vorgang bei dem Kardinal mit
den grellsten Farben aufgetragen enthielt und in dem zugleich von seiten
der päpstlichen Regierung auf die strengste Untersuchung und Bestrafung
angetragen wurde. Ich erzählte Düret den Zusammenhang der ganzen
Geschichte, der dann ausrief: »Das wird eine saubere Sauce werden,
_toujours ce diable de Caguenec_, aber über Sie wird das ganze Wetter
kommen, denn Sie sind hier Kommandant; der kommandierende General in
Civita-Vecchia ist sehr aufgebracht, und ich habe sogar den Auftrag von
ihm, nach Befinden der Umstände Ihnen sogleich _arrêts forcés_ zu geben.
Ich will indessen mein Möglichstes tun, diese unangenehme Sache so
glimpflich, als es tunlich, zu beseitigen, aber ganz mit heiler Haut
werden Sie nicht davonkommen.« Nachdem er ein Frühstück genommen, fuhr
Düret nach Velettri ab, um auch den Caguenec zu verhören, setzte dann
seine Inspektionsreise nach Biberno, Porto d'Anzio und so weiter fort
und kehrte nach Beendigung derselben nach Civita-Vecchia zurück.
Indessen war mir diese Sache nicht gleichgültig, ich teilte den Vorfall
der Cesarini mit, die mir den Rat gab, dem Kardinal einen Besuch zu
machen und mich bei ihm zu entschuldigen. Hierzu konnte ich mich aber
nicht entschließen, und während ich so zwischen dem, was ich zu tun und
zu lassen hätte, schwankte, kam eines Morgens der Kapitän Stahl an und
verkündete mir, daß er die Order habe, mich abzulösen, indem ich zum
dritten Bataillon, das noch in Genua lag, versetzt sei, und Düret
schrieb mir dazu, ich könne Gott und ihm danken, daß die Sache so
gelinde abgelaufen sei, der General habe anfangs durchaus auf einem
Kriegsgericht bestanden, und nur mit großer Mühe habe man ihn davon
abgebracht. -- So unangenehm mir auch diese Versetzung war, so wurde ich
denn doch jetzt von aller peinlichen Ungewißheit befreit, die mich seit
acht Tagen quälte. Ich erhielt meine Marschroute mit der Order, mich
sogleich an meinen neuen Bestimmungsort zu verfügen. Hier blieb nichts
übrig, als zu gehorchen. Nicht ohne Wehmut nahm ich von all meinen
Bekannten und den Familien in Rom, in deren Häusern ich so manche
Freude, soviel Annehmlichkeiten genossen und mit so liebenswürdiger
Liberalität aufgenommen worden war, Abschied. Torlonia, dem ich die
Ursache meiner Versetzung gesagt, antwortete, daß, wenn ich ihm den
Vorfall gleich mitgeteilt, er die Sache gewiß ausgeglichen haben würde
und es dann zu keiner Klage gekommen wäre. Aber wer sich meine Abreise
am meisten zu Herzen nahm, war die Cesarini, trotzdem ich sie in der
letzten Zeit so ziemlich gleichgültig behandelt oder doch sehr
vernachlässigt hatte. Sie wollte sich anfänglich gar nicht darein finden
und entwarf allerlei Pläne, mich nach Genua zu begleiten, daselbst zu
wohnen und so weiter. Ich hatte große Mühe, ihr die Unausführbarkeit
eines solchen Vorhabens begreiflich zu machen, und um sie einigermaßen
zu beschwichtigen, beschloß ich, noch acht bis zehn Tage inkognito in
Rom zu bleiben und dann, statt mich an die Marschroute zu halten, mit
Extrapost nach Genua zu reisen, wodurch ich beinahe einen ganzen Monat
Zeit gewann. Dies schien sie etwas zu beruhigen, aber nun machte sie mir
eine Eröffnung, die mich nicht wenig überraschte. Sie gestand mir
nämlich, daß sie in der Hoffnung sei und daß sie, seit sie mich kenne
und schon vorher, durchaus keinen vertrauten Umgang mit ihrem Gatten
mehr gehabt habe, daher nicht wisse, was dies noch für Folgen nach sich
ziehen könne; sie mache sich indessen gerade deshalb keine großen
Sorgen, denn der Herzog halte sich ja auch Mätressen und bekümmere sich
gar nicht um sie, auch könne sie es wohl veranstalten, ihre Niederkunft
geheim zu halten. Ich verkaufte jetzt mein Pferd, schaffte mir dafür
eine schon gebrauchte Kalesche an, indem ich einen Wagen, den mir
Gertrude zum Geschenk machen wollte, ausschlug, und brachte die wenigen
Tage, die ich noch in Rom war, fast ausschließlich in ihrer Gesellschaft
zu. -- Noch hatte ich die Trajanssäule nicht bestiegen, und als ich
diesen Wunsch äußerte, versetzte sie: »Das können wir ja noch zusammen
tun.« Bei der Ausführung dieses Planes fiel mir Madame Gasqui und die
Antoninsäule ein, bei deren Besteigen ich die erste Veranlassung zu
einer intimeren Bekanntschaft mit ihr gehabt. Als wir kaum oben waren,
sah mich meine Begleiterin plötzlich mit einem grellen Blick an und
sprach: »Wie, wenn ich mich da hinabstürzte, dann hätten auf einmal alle
Sorgen und alle Pein ein Ende.« -- »Sind Sie toll,« fiel ich ihr ins
Wort und faßte sie schnell am Arm, sie sah mich aber nur lachend an und
sagte: »Habe keine Angst, so weit ist es noch nicht, wenigstens müßtest
du dich mit mir hinabstürzen wollen.« -- »Dazu spüre ich noch keine
Lust,« erwiderte ich ihr, »es wäre ein dummer und nicht einmal gewisser
Tod, ich will doch zehnmal lieber durch eine Kugel fallen.« Ich umfaßte
und küßte sie und machte, daß wir bald wieder hinabkamen.
Am Abend vor meiner Abreise fand sich Gertrude zum letztenmal bei mir
ein und brachte die Nacht bis zwei Uhr morgens mit mir zu, mir zum
ewigen Andenken eine über vier Schuh lange Locke von ihrem schönen Haar
und einen goldenen Ring gebend, auf dem das Kolosseum, wo wir so manche
trauliche Stunde zugebracht hatten, in Mosaikarbeit abgebildet war;
andere prächtigere Geschenke hatte ich mir durchaus verbeten. Ich führte
sie endlich in ihre Wohnung zurück, wo ich ihr den letzten langen
Abschiedskuß in ihrem Schlafgemach gab und sie in Tränen gebadet
verließ. -- Ihre letzten Worte waren: »_Non dimenticarmi!_« Ich
erwiderte, daß ich hoffe, sie bald wiederzusehen. Ich hatte ihr
versprochen, mein Möglichstes zu tun, um wieder meine Versetzung zum
ersten, im Kirchenstaat liegenden Bataillon zu bewirken, was ich mir
auch vornahm.
Um vier Uhr morgens hatte ich die Pferde bestellt, als aber der Wagen
vorfuhr, sah ich statt der alten Kalesche, die ich gekauft, einen ganz
eleganten modernen Reisewagen, und als ich meinen Burschen fragte, was
dies zu bedeuten habe, gestand mir derselbe, daß diese Verwechslung
gestern nachmittag auf die dringende Bitte einer Dame geschehen sei, die
ihm zu gleicher Zeit ein Geschenk von zehn Zechinen gemacht und ihm
dabei gesagt habe, der Wagen komme aus so lieben Händen, daß er seinem
Herrn die größte Freude, die man ihm heimlich zu machen wünsche,
verursachen würde. Zugleich stellte mir der Bursche noch ein
Schlüsselchen zu, das zu einem Wagenkistchen gehöre, was außerdem noch
versiegelt war. Hier blieb nichts übrig, als mich des Geschenks zu
bedienen, von dem ich wohl denken konnte, wo es herkam. Der Koffer war
gepackt, die Pferde angespannt, meine Kalesche fort, und ohne die
splendide Geberin zu beleidigen und tief zu kränken, konnte ich das
Geschenk nicht wohl zurückschicken. Ich stieg in den Wagen, befahl dem
Postillon, im starken Trabe davon- und zur Porta Popolo hinauszufahren
und warf mich, tief in meinen Mantel gehüllt, in den Hintergrund des
Wagens, über die seltsamen Wege des Schicksals meditierend, Rom mit
Bedauern verlassend, ohne mich noch einmal nach der ewigen Stadt
umzusehen, in der ich so viele Freuden genossen, deren Erinnerungen ich
nun an meiner Phantasie vorübergehen ließ.