wachsen auf der Kruste der Erde, von der Sonne gezeugt, entsetzliche
Gifte, doch ihr Inneres, ihre Schluchten und Abgründe, sind frei davon und
die Tiefe ist rein.« -- Radspiellers Gesicht bekam hektische Flecken vor
Erregung und durch seine emphatische Rede ging ein Riß; sein verbissener
Haß brach los. »Wenn ich einen Wunsch frei hätte«, -- er ballte die Fäuste
--, »ich möchte mit meinem Senkblei bis in den Mittelpunkt der Erde loten
dürfen, um es hinausschreien zu können: Siehe hier, siehe da: Erde, nichts
als Erde!«
Wir blickten erstaunt auf, da er plötzlich schwieg.
Er war ans Fenster getreten.
Der Botaniker Eshcuid zog seine Lupe hervor, beugte sich über den Globus
und sagte laut, um den peinlichen Eindruck zu verwischen, den Radspiellers
letzte Worte in uns erweckt hatten:
»Die Reliquie muß eine Fälschung sein und noch aus unserm Jahrhundert
stammen; die fünf Erdteile« -- er deutete auf Amerika -- »sind auf dem
Globus vollzählig verzeichnet.«
So nüchtern und alltäglich auch der Satz klang, er konnte die gepreßte
Stimmung nicht durchbrechen, die sich unser zu bemächtigen begann ohne
faßbaren Grund und von Sekunde zu Sekunde anwuchs bis zu drohendem
Angstgefühl.
Plötzlich schien ein süßer, betäubender Geruch wie von Faulbaum oder
Seidelbast das Zimmer zu erfüllen.
»Er weht aus dem Park herüber«, wollte ich sagen, aber Eshcuid kam meinem
krampfhaften Versuch, den Alp abzuschütteln, zuvor. Er stach mit einer
Nadel in den Globus und murmelte etwas, wie: es sei seltsam, daß sogar
unser See, ein so winziger Punkt, auf der Karte stünde, -- da wachte
Radspiellers Stimme am Fenster wieder auf und fuhr mit schrillem Hohn
dazwischen:
»Warum verfolgt's mich denn jetzt nicht mehr, -- wie früher im Träumen und
im Wachen, -- das Bild Seiner Eminenz des großen Herrn Kardinals Napellus?
Im Codex Nazaräus -- dem Buch der gnostischen blauen Mönche, geschrieben
um 200 vor Christus -- steht doch prophezeit für den Neophyten: 'Wer die
mystische Pflanze begießet bis zum Ende mit seinem Blute, den wird sie
geleiten treulich an die Pforte des ewigen Lebens; wer sie aber ausreißt,
dem Frevler wird sie ins Angesicht schauen als der Tod, und sein Geist
wird hinaus in die Finsternis wandern, bis der neue Frühling kommt!' Wo
sind sie hin, die Worte? Sind sie gestorben? Ich sage: eine Verheißung von
Jahrtausenden ist an mir zerschellt. Warum kommt er denn nicht, daß ich
ihm ins Antlitz speien kann, dem Kardinal Nap -- --« ein gapsendes Röcheln
riß Radspieller die letzte Silbe vom Munde, ich sah, daß er die blaue
Pflanze erblickt hatte, die der Botaniker abends bei seinem Eintritt aufs
Fensterbrett gelegt, und sie anstarrte. Ich wollte aufspringen. Zu ihm
eilen.
Ein Ausruf Giovanni Braccescos hielt mich zurück:
Unter der Nadel Eshcuids hatte sich die vergilbte pergamentene Rinde des
Globus abgelöst, so wie von einer überreifen Frucht die Schale springt,
und nackt vor uns lag eine große gleißende Kugel aus Glas.
Und darinnen -- ein wundersames Kunstwerk, eingeschmolzen auf
unbegreifliche Weise, aufrechtstehend: die Gestalt eines Kardinals in
Mantel und Hut, und in der Hand, mit der Fingerstellung eines Menschen,
der eine brennende Kerze trägt: eine Staude mit stahlblauen fünfblättrigen
Blüten. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Kaum vermochte ich, gelähmt von Entsetzen, meinen Kopf nach Radspieller zu
wenden.
Mit weißen Lippen, die Züge leichenhaft, stand er dort an der Wand --
aufrecht, unbeweglich wie die Statuette in der gläsernen Kugel, -- so wie
sie: in der Hand die blaue giftige Blume, und starrte auf den Tisch
herüber in das Gesicht des Kardinals.
Nur der Glanz seiner Augen verriet, daß er noch lebte; wir andern aber
begriffen, daß sein Geist auf Nimmerwiederkehr versunken war in der Nacht
des Irrsinns.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Eshcuid, Mr. Finch, Giovanni Braccesco und ich schieden am nächsten Morgen
voneinander; wortlos, fast ohne Gruß: die letzten bangen Stunden der Nacht
waren zu beredt für jeden von uns gewesen, als daß es unsere Zungen nicht
hätte in Bann legen sollen.
Lange bin ich noch planlos und einsam über die Erde gewandert, doch keinem
von ihnen bin ich je wieder begegnet.
Ein einziges Mal nach vielen Jahren hat mich mein Weg in jene Gegend
geführt: von dem Schlosse ragten nur mehr die Mauern, aber zwischen dem
verfallenen Gestein sproßte mannshoch auf im sengenden, grellen
Sonnenbrand, Staude an Staude, ein unabsehbares stahlblaues Beet:
das #Aconitum napellus#.
Die vier Mondbrüder
Eine Urkunde
Wer ich bin, ist bald gesagt. Vom 25. bis zum 60. Jahr war ich
Kammerdiener beim Herrn Grafen du Chazal. Bis dahin hatte ich als
Gärtnergehilfe die Blumenzucht im Kloster zu Apanua besorgt, woselbst ich
auch einst meine einförmigen düsteren Jugendtage verlebte und dank der
Güte des Abtes Unterricht im Lesen und Schreiben genoß.
Da ich ein Findling war, nahm mich bei meiner Firmung mein Pate, der alte
Klostergärtner, an Kindes Statt an, und seitdem führe ich rechtmäßig den
Namen Meyrink.
Soweit ich zurückdenken kann, immer ist mir, als trüge ich um den Kopf
einen eisernen Reifen, der mein Gehirn einschnürt und dasjenige zu
entfalten verhindert, was man gemeinhin Phantasey nennen mag. Fast möchte
ich sagen, es fehlt mir ein innerer Sinn, doch dafür sind meine Augen und
Ohren scharf wie die eines Wilden. Wenn ich die Lider schließe, sehe ich
heute noch mit beklemmender Deutlichkeit die schwarzen starren Umrisse der
Zypressen vor mir, wie sie sich damals von den zerbröckelnden
Klostermauern abhoben, sehe die ausgetretenen Ziegelsteine auf dem Boden
der Kreuzgänge, Stück für Stück, daß ich sie zählen könnte, und doch ist
das alles kalt und stumm -- spricht nicht zu mir, wo doch sonst die Dinge
zum Menschen reden sollen, wie ich schon oft gelesen habe.
Es geschieht aus Offenheit, daß ich unumwunden sage, wie es mit mir steht,
denn ich will Anspruch haben auf Glaubwürdigkeit; bewegt mich doch die
Hoffnung, daß, was ich hier niederschreibe, Menschen vor Augen kommen
möge, die mehr wissen als ich und mir Licht und Erkenntnis schenken
können, wenn sie dürfen und wollen, über all das, was einer Kette
unlösbarer Rätsel gleich meinen Lebenspfad begleitet hat.
Sollte nun gar wider jenes vernünftige Ermessen diese Druckschrift den
beiden Freunden meines verewigten zweiten Herrn: Magister Peter Wirtzigh
(gestorben und begraben zu Wernstein am Inn im Jahre des großen Krieges
1914), nämlich den beiden wohlgeborenen Herren Doktores Chrysophron
Zagräus und Sacrobosco Haselmayer, genannt »der rote Tandschur«, zu
Gesicht kommen, so mögen die Herren gerechterweise bedenken, daß es nicht
Schwatzhaftigkeit oder eitel Neugier sein können, die mich bewogen haben,
etwas an den Tag zu geben, was die Herren selbst vielleicht ein
Menschenalter lang geheimhielten, zumal ein Greis von 70 Jahren, wie ich,
über derlei kindischen Firlefanz wohl schon hinausgereift ist, -- daß es
vielmehr Gründe geistiger Art sein dürften, die mich hierzu zwangen,
worunter die Befürchtung meines Herzens: dereinst nach dem Ableben des
Leibes eine -- _Maschine_ zu werden (die Herren werden schon verstehen, was
ich meine), gewißlich kein geringes ist.
Doch nun zu meiner Geschichte:
Die ersten Worte, die der Herr Graf du Chazal zu mir sprach, als er mich
in seine Dienste nahm, waren die Frage:
»Hat je eine Frau in deinem Leben eine Rolle gespielt?«
Als ich mit gutem Gewissen verneinte, schien er sichtlich zufrieden.
Die Worte brennen mich heute wie Feuer, ich weiß nicht warum. Silbe für
Silbe denselben Satz fragte mich 35 Jahre später mein zweiter Brotgeber,
Herr Magister Peter Wirtzigh, als ich bei ihm als Diener eintrat:
»Hat je eine Frau in deinem Leben eine Rolle gespielt?«
Auch damals konnte ich ruhig verneinen -- hätte es bis heutigen Tag können
--, aber ich kam mir voll Schrecken einen Augenblick lang vor wie eine
leblose Maschine, als ich es sagte, und nicht wie ein menschliches Wesen.
So oft ich jetzt darüber grüble, schleicht mir ein grausiger Verdacht ins
Hirn; ich kann es nicht in Worte fassen, was ich mir dann denke, aber --
-- gibt's denn nicht auch Pflanzen, die sich nie recht entwickeln können,
die trostlos verkümmern und wachsgelb bleiben (so als schiene die Sonne
nie auf sie), bloß, weil der Giftsumach in ihrer Nähe wächst und heimlich
an ihren Wurzeln zehrt?
In den ersten Monaten fühlte ich mich in dem einsamen Schloß, das nur von
dem Herrn Grafen du Chazal, der alten Haushälterin Petronella und mir
bewohnt wurde und buchstäblich angefüllt war mit seltsamen altertümlichen
Geräten, Uhrwerken und Fernrohren, recht unbehaglich, zumal der gnädige
Herr Graf allerlei Absonderlichkeiten an sich hatte. So durfte ich ihm zum
Beispiel wohl beim Anziehen helfen, nie aber beim Auskleiden, und wenn ich
mich dazu erbötig machte, gebrauchte er immer die Ausrede, er wolle noch
lesen; in Wirklichkeit aber -- muß ich annehmen -- streifte er in der
Dunkelheit umher, denn oft waren frühmorgens seine Stiefel dick mit
Schlamm und Moorerde bedeckt, auch wenn er tags vorher den Fuß nicht aus
dem Hause gesetzt hatte.
Auch sein Aussehen war nicht sehr anheimelnd: klein und schmächtig, wollte
sein Körper nicht recht zum Kopf passen, und obschon wohlgewachsen, machte
der Herr Graf auf mich lange Zeit den Eindruck eines Buckligen, wiewohl
ich mir darüber keine genaue Rechenschaft zu geben vermochte.
Sein Profil war scharf geschnitten und hatte durch das schmale,
hervorstehende Kinn und den spitzigen, grauen, nach vorn gebogenen Bart
darunter etwas merkwürdig Sichelartiges. Er mußte übrigens eine
unverwüstliche Lebenskraft besitzen, denn er alterte während der langen
Jahre, die ich ihm diente, kaum merklich, höchstens, daß die seinen
Gesichtszügen eigentümliche Halbmondform schärfer und schmäler zu werden
schien.
Im Dorfe gingen allerlei kuriose Gerüchte über ihn: er würde nicht naß,
wenn es regne, und dergleichen, und so oft er nachtschlafender Zeit an den
Bauernhäusern vorüberginge, blieben jedesmal in den Stuben die Uhren
stehen.
Ich achtete nie auf solches Geschwätz, denn daß ähnlicherweise zuzeiten
die metallenen Gegenstände im Schlosse, wie Messer, Scheren, Rechen und
dergleichen für ein paar Tage magnetisch wurden, so daß Stahlfedern, Nägel
und anderes daran haften blieb, ist wohl eine nicht weiter wunderbare
Naturerscheinung, denke ich; wenigstens klärte mich der Herr Graf, als ich
ihn einmal fragte, darüber auf. Der Ort stünde auf vulkanischem Boden,
sagte er, auch hingen solche Vorgänge mit dem Vollmond zusammen.
Überhaupt hatte der Herr Graf eine ungewöhnlich hohe Meinung vom Mond, wie
ich aus folgenden Begebenheiten schließe:
Ich muß vorausschicken, daß jeden Sommer, genau am 21. Juli, aber immer
nur für vierundzwanzig Stunden, ein über die Maßen wunderlicher Gast zu
Besuch kam: derselbe Herr Doktor Haselmayer, von dem später noch die Rede
sein wird.
Der Herr Graf sprach von ihm stets als vom »roten Tandschur«, warum, habe
ich nie begriffen, denn der Herr Doktor war nicht nur nicht rothaarig,
sondern hatte überhaupt kein einziges Haar auf dem Kopf und weder
Augenbrauen noch Wimpern. Schon damals machte er auf mich den Eindruck
eines Greises; -- mag sein, daß es von der seltsamen uraltmodischen Tracht
kam, die er jahraus, jahrein trug: einem glanzlosen moosgrünen
Tuchzylinderhut, der nach oben zu ganz eng, fast spitzig wurde, einem
holländischen Sammetwams, Schnallenschuhen und schwarzen Seidenkniehosen
an den beängstigend kurzen und dünnen Beinchen, -- wie gesagt: mag sein,
daß er nur deshalb so, so -- »verstorben« aussah, denn seine hohe,
liebliche Kinderstimme und die wundersam feingeschwungenen Mädchenlippen
sprachen gegen ein hohes Alter.
Andererseits hat es wohl auf dem ganzen Erdenrund noch nie so erloschene
Augen gegeben, wie er sie besaß.
Ohne den schuldigen Respekt verletzen zu wollen, möchte ich hinzufügen,
daß er einen Wasserkopf hatte, der überdies zum Erschrecken weich zu sein
schien, -- so weich, wie ein gesottenes abgeschältes Ei, -- nicht nur, was
das kugelrunde, fahle Gesicht anbelangte, sondern auch in Hinblick auf den
Schädel selbst. Wenigstens quoll ihm immer, so oft er den Hut aufsetzte,
alsbald eine Art blutleerer Schlauch unter der Krempe ringsherum auf und,
wenn er den Hut abnahm, brauchte es stets eine bedenklich geraume Zeit,
bis sein Kopf glücklich die ursprüngliche Form zurückgewonnen hatte.
Von der Minute der Ankunft des Herrn Doktor Haselmayer bis zu seiner
Abreise pflegten er und der gnädige Herr Graf ununterbrochen, ohne auch
nur einen Bissen zu essen, ohne zu schlafen oder zu trinken, vom Monde zu
sprechen und dies mit einem rätselhaften Eifer, den ich nicht verstand.
Ihre Liebhaberei ging soweit, daß sie, wenn gerade die Zeit des Vollmondes
mit dem 21. Juli zusammentraf, nachts hinaus an den kleinen, sumpfigen
Schloßteich gingen und stundenlang das Spiegelbild der silbrigen
Himmelsscheibe im Wasser anstarrten.
Einmal, als ich zufällig vorbeiging, bemerkte ich sogar, daß beide Herren
weißliche Brocken -- es werden wohl Semmelkrumen gewesen sein -- in den
Weiher warfen, und als Herr Doktor Haselmayer wahrnahm, daß ich es gesehen
hatte, sagte er rasch: »Wir füttern nur den Mond -- äh, Pardon, soll
heißen: den -- den Schwan.« Nun gab es aber weit und breit keinen Schwan.
Auch Fische nicht.
Was ich noch in derselben Nacht mit anhören mußte, schien mir in
geheimnisvollem Zusammenhang damit zu stehen, weshalb ich es denn auch
Wort für Wort meinem Gedächtnis eingeprägt und alsbald umständlich zu
Papier gebracht habe:
Ich lag in meiner Schlafkammer noch eine Weile wach, da hörte ich
plötzlich im Bibliothekzimmer nebenan, das sonst nie betreten wurde, die
Stimme des Herrn Grafen in wohlgesetzter Rede sagen:
»Nachdem, was wir soeben im Wasser gesehen, mein liebwerter und
hochgeschätzter Doktor, müßte ich sehr irren, wenn nicht unsere Sache
vortrefflich stünde und der alte Rosenkreuzerische Satz: '#post centum
viginti annos patebo#', das ist 'nach 120 Jahren werde ich offenbar'
ganz in unserem Sinne zu deuten wäre. Wahrlich, das nenne ich mir eine
erfreuliche Jahrhundertsonnenwendfeier! Schon im letzten Viertel des
kürzlich verflossenen 19. Jahrhunderts gewann das Mechanische schnell
und sicher die Oberhand, dürfen wir getrost feststellen, aber wenn es so
weiter geht, wie wir hoffen wollen, wird im 20sten die Menschheit bald
kaum mehr Zeit finden, das Tageslicht zu sehen, vor lauter Arbeit, die
vielen und immer zahlreicher werdenden Maschinen zu putzen, zu polieren,
in Tätigkeit zu erhalten und sie auszubessern, wenn sie schadhaft
werden.
Schon heute kann man füglich sagen, ist die Maschine ein würdiger Zwilling
des weiland goldenen Kalbes geworden, denn wer sein Kind zu Tode quält,
bekommt höchstens 14 Tage Arrest, wer aber irgendeine alte Straßenwalze
beschädigt, muß drei Jahre ins Loch.«
»Die Herstellung von derlei Triebwerken ist aber auch wesentlich
kostspieliger,« warf Herr Doktor Haselmayer ein.
»Im allgemeinen, gewiß,« gab Herr Graf du Chazal höflich zu. »Doch das ist
sicherlich nicht der einzige Grund. Das wesentliche dabei scheint mir zu
sein, daß auch der Mensch genau genommen nichts anderes darstellt als ein
halbfertiges Ding, das dazu bestimmt ist, dereinst selbst ein Uhrwerk zu
werden, wofür deutlich spricht, daß gewisse keineswegs nebensächliche
Instinkte, wie zum Beispiel: sich behufs Veredelung der Rasse die richtige
Gattin zu wählen, bei ihm bereits ins Automatenhafte versunken sind. Was
Wunder, daß er in der Maschine seinen wahren Sprößling und Erben sieht und
im leiblichen Nachkommen den Wechselbalg.
Wenn die Weiber Fahrräder oder Repetierpistolen gebären würden statt
Kindern, sollten Sie mal sehen, wie flott da plötzlich drauflosgeheiratet
würde. Ja, im güldenen Zeitalter, als die Menschen noch weniger entwickelt
waren, da glaubten sie nur das, was sie 'denken' konnten, dann kam
allmählich die Epoche, wo sie nur das glaubten, was sie fressen konnten,
-- aber jetzt erklimmen sie den Gipfel der Vollkommenheit, das heißt: sie
halten bloß das für wirklich, was sie -- verkaufen können.
Sie nehmen dabei, weil es im vierten Gebot heißt: 'Du sollst Vater und
Mutter ehren' usw. als selbstverständlich an, daß die Maschinen, die sie
in die Welt setzen und mit dem feinsten Spindelöl schmieren, derweilen sie
selbst sich mit Margarine begnügen, ihnen die Mühen der Erzeugung
tausendfach vergelten und Glück in jeder Form bringen werden; nur
vergessen sie ganz: auch aus Maschinen können undankbare Kinder werden.
In ihrem Vertrauensdusel finden sie sich mit dem Gedanken ab, die
Maschinen seien nur tote Dinge, die auf sie nicht rückwirken und die man
wegwerfen könne, wenn man sie satt hat; -- ja Schnecken!
Haben Sie schon mal eine Kanone beobachtet, Schätzbarster? Soll die
vielleicht auch 'tot' sein? Ich sage Ihnen, nicht einmal ein General wird
so liebevoll behandelt! Ein General kann einen Schnupfen bekommen und kein
Hahn kräht danach, aber die Kanonen kriegen Schürzen um, damit sie sich
nicht erkälten -- oder 'rosten', was dasselbe ist -- und Hüte auf, daß es
ihnen nicht hineinregne.
Gut, es ließe sich einwenden: die Kanone brüllt nur, wenn sie mit Pulver
vollgepfropft ist und das Zeichen zum Abfeuern gegeben wird, aber brüllt
denn ein Tenorist nicht auch erst, wenn das Stichwort fällt, und selbst
dann nur, wenn er genügend mit Musiknoten angefüllt ist? Ich sage Ihnen:
im ganzen Weltraum gibt es nicht ein einziges Ding, das wirklich tot
wäre.«
»Aber unsere traute Heimat, der Mond, ist doch ein abgestorbener
Himmelskörper und ist doch tot?« flötete Herr Doktor Haselmayer
schüchtern.
»Er ist nicht tot,« belehrte ihn der Herr Graf, »er ist nur das Gesicht
des Todes. Er ist -- wie soll ich es nennen -- die Sammellinse, die
gleich einer Zauberlaterne die lebenerzeugenden Strahlen dieser
vermaledeiten protzenhaften Sonne zur verkehrten Wirkung bringt,
allerlei magisches Bildwerk aus dem Hirn der Lebenden in die scheinbare
Wirklichkeit hineinhext und das giftige Fluidum des Sterbens und der
Verwesung in mannigfaltigster Form und Äußerung zum Keimen und Hauchen
bringt. -- Über die Maßen kurios -- finden Sie nicht auch? --, daß die
Menschen trotzdem gerade den Mond unter allen Gestirnen am meisten
lieben, -- besingen ihn sogar ihre Dichter, die doch im Geruch stehen,
Seher zu sein, mit schwärmerischem Geseufz und Augenverdrehen, und
keinem werden die Lippen blaß vor Grauen bei dem Gedanken, daß seit
Millionen Jahren Monat für Monat eine blutlose kosmische Leiche die Erde
umkreist! Da sind wahrlich die Hunde gescheiter -- insonderheit die
schwarzen --, die ziehen den Schweif ein und heulen den Mond an.«
»Schrieben Sie mir nicht unlängst, werter Herr Graf, die Maschinen seien
direkt Geschöpfe des Mondes? Wie soll ich das verstehen?«, fragte Herr
Doktor Haselmayer.
»Dann haben Sie mich falsch verstanden,« unterbrach ihn der Herr Graf.
»Der Mond hat nur das Hirn der Menschen mit Ideen _geschwängert_ durch
seinen giftigen Odem, und die Maschinen sind die sichtbarliche Geburt
daraus.
Die Sonne hat den Sterblichen den Wunsch in die Seele gepflanzt, reicher
an Freuden zu werden und schließlich den Fluch: im Schweiße des
Angesichtes vergängliche Werke zu schaffen, zu zerbrechen, aber der Mond
-- die geheime Quelle der irdischen Formen -- hat es ihnen in einen
trügerischen Glast getrübet, also daß sie sich in eine falsche
Imagination verliefen und nach außen -- ins Greifbare -- versetzten, was
sie innerlich hätten anschauen sollen.
Folgedessen die Maschinen sichtbare Titanenleiber worden sind, aus den
Gehirnen entarteter Heroen geboren.
Und wie denn etwas 'begreifen' und 'schaffen' nichts anderes heißt, als
die Seele die Form dessen annehmen lassen, was man 'siehet' oder
'schaffet' und sich damit eins zu machen, so treiben von nun an die
Menschen hilflos auf dem Wege dahin, sich allmählich selbst in
Maschinen zu verzaubern, bis daß sie dereinst nackend dastehen als
nimmerruhendes stampfendes ächzendes Uhrwerk, -- als das, was sie immer
erfinden wollten: als freudloses Perpetuum mobile.
Wir aber, wir Brüder vom Monde, werden dann zu Erben des 'ewigen Seins' --
des einigen unwandelbaren Bewußtseins, das da nicht saget: 'Ich lebe',
sondern 'Ich bin', das da weiß: 'wenn auch das Universum zerbricht
-- ich bleibe.'
Wie könnte es denn auch sein, -- wenn nicht Formen nur Träume wären, --
daß _wir_ nach freiem Willen jederzeit unseren Leib gegen einen anderen
zu tauschen, unter den Menschen in menschlicher Gestalt, unter den
Schemen als Schatten, unter den Gedanken als Idee zu erscheinen vermögen
und dies kraft des Geheimnisses, uns unserer Formen gleich eines im
Traum erwählten Spielzeuges zu entäußern? Sowie ein im Halbschlaf
Befangener sich plötzlich seines Träumens bewußt werden kann, den Trug
des Zeitbegriffes in eine neue Gegenwart rücket und dem Verlauf des
Traumes hierdurch eine andere wünschenswertere Richtung gibt: quasi mit
beiden Füßen in einen neuen Körper hineinspringet, sintemalen der
Körper im Grunde nichts ist, als ein mit der Täuschung der Dichtigkeit
behafteter Krampfzustand des alles durchdringenden Äthers.«
»Vortrefflich gesagt,« jubelte Doktor Haselmayer mit seiner süßen
Mädchenstimme auf, »warum aber wollen wir eigentlich die Irdischen
dieses Glückes der Transfiguration nicht teilhaftig werden lassen? Wäre
das so schlimm?«
»Schlimm? Unabsehbar! Entsetzlich!« schrillte ihm der Herr Graf in die
Rede. »Man denke: der Mensch mit der Kraft begabt, im Kosmos 'Kultur' zu
verzapfen!
Wie glauben Sie, Verehrtester, würde da wohl nach 14 Tagen der Mond
aussehen? In sämtlichen Kraterringen Velodrome und ringsherum ein
Rieselfeld für Kloakenwässer.
Vorausgesetzt, daß man nicht schon früher die dramatische »Kunst«
eingeschleppt und dadurch jeder Vegetationsmöglichkeit ein für allemal
den Boden versauert hätte.
Oder sehnen Sie sich vielleicht danach, daß die Planeten zur
Börsenstunde telephonisch miteinander verbunden würden und die
Doppelsterne in der Milchstraße amtliche Verehelichungszeugnisse
beibringen müßten?
Nein, nein, mein Lieber, vorläufig kommt das Universum noch eine
Zeitlang mit dem alten Schlendrian aus.
Doch, um auf ein erquicklicheres Thema zu kommen, lieber Doktor, --
überdies ist es höchste Zeit, daß Sie abnehmen, wollte sagen: abreisen,
-- also auf Wiedersehen bei Magister Wirtzigh im August 1914; da ist der
Anfang vom großen Ende und wir wollen doch diese Katastrophe der
Menschheit würdig begehen. Nicht?«
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Schon vor den letzten Worten des Herrn Grafen hatte ich mich in meine
Kammerdienerlivree geworfen, um Herrn Doktor Haselmayer beim Einpacken
behilflich zu sein und ihn zum Wagenschlag zu begleiten.
Einen Augenblick später stand ich auf dem Korridor.
Doch was mußte ich sehen: der Herr Graf verließ _allein_ das
Bibliothekzimmer, auf den Armen das holländische Wams, die Schnallenschuhe
und Seidenkniehosen sowie den grünen Zylinderhut des Herrn Doktor
Haselmayer -- während dieser selbst spurlos verschwunden war, und so
schritt der gnädige Herr Graf, ohne mich eines Blickes zu würdigen, in
sein Schlafgemach und schloß die Türe hinter sich ab.
Ich hielt es als wohlerzogener Diener für meine Pflicht, mich über nichts
zu wundern, was meine Herrschaft zu tun für gut fand, konnte aber doch
nicht umhin, den Kopf zu schütteln, und es dauerte längere Zeit, bis ich
zuwege brachte, einzuschlafen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
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Ich muß jetzt viele Jahre überspringen.