Sie sind eintönig dahingeflossen und stehen in meiner Erinnerung

aufgezeichnet so vergilbt und verstaubt wie Bruchstücke aus einem alten

Buch mit krausen verschnörkelten Begebenheiten darin, die man einst

irgendwann in dumpfem Fieber mit halbem, versiegendem Gedächtnis gelesen

und kaum begriffen hat.

Nur das eine weiß ich klar: Im Frühjahr 1914 sagte der Herr Graf plötzlich

zu mir: »Ich werde demnächst verreisen. Nach -- -- Mauritius (dabei sah er

mich lauernd an), und ich wünsche, daß du bei meinem Freunde, einem

gewissen Magister Peter Wirtzigh in Wernstein am Inn, in Dienste trittst.

Hast du mich verstanden, Gustav? Übrigens dulde ich keine Widerrede.«

Ich verbeugte mich stumm.

Eines schönen Morgens, ohne irgendwelche Vorbereitungen getroffen zu

haben, hatte der Herr Graf das Schloß verlassen, was ich daraus entnahm,

daß ich ihn nicht mehr zu Gesicht bekam und statt seiner ein fremder

Mensch in dem Himmelbett lag, das der Herr Graf zum Schlafen zu benützen

gepflegt.

Es war, wie man mir später in Wernstein eröffnete, der Herr Magister Peter

Wirtzigh. --

Auf des Herrn Magisters Besitztum, von dem man tief hinabsehen konnte auf

den schäumenden Inn, angelangt, ließ ich es mir sogleich angelegen sein,

den mitgebrachten Kisten und Koffern ihren Inhalt zu entnehmen, um ihn in

die Spinde und Truhen zu räumen.

Eben wollte ich eine höchst sonderbare alte Lampe, geformt wie ein

durchsichtiger japanischer Götze mit unterschlagenen Beinen (den Kopf

bildete eine Kugel aus Milchglas), in deren Innern eine durch Uhrwerk

bewegliche Schlange den Docht mit dem Rachen emporhielt, in einen hohen

gotischen Schrank stellen und öffnete ihn zu diesem Behufe, da erblickte

ich darinnen zu meinem nicht gelinden Entsetzen, aufgehenkt, die baumelnde

Leiche des Herrn Doktor Haselmayer.

Fast hätte ich vor Schrecken die Lampe fallen lassen, doch zum Glück

erkannte ich noch rechtzeitig, daß es nur die Kleider und der Zylinderhut

des Herrn Doktors waren, die mir das Bild seiner Gestalt vorgetäuscht

hatten.

Immerhin machte das Erlebnis tiefen Eindruck auf mich und hinterließ ein

Gefühl der Vorahnung wie von etwas Drohendem, Unheilvollem, das ich nicht

abschütteln konnte, trotzdem die folgenden Monate nichts Aufregendes

brachten.

Herr Magister Wirtzigh war wohl gleichmäßig gütig und freundlich zu mir,

aber er glich Herrn Doktor Haselmayer in vieler Beziehung zu sehr, als daß

mir nicht immer die Begebenheit mit dem Schrank hätte einfallen müssen, so

oft ich ihn ansah. Sein Gesicht war kreisrund, gleich dem des Herrn

Doktors, nur überaus dunkel, fast wie das eines Mohren, denn er litt seit

Jahren an dem unheilbaren Überbleibsel eines langwierigen Gallenleidens:

an Schwarzsucht. Wenn man einige Schritte von ihm entfernt stand und es

war nicht sehr hell im Zimmer, konnte man oft seine Züge gar nicht

unterscheiden, und der schmale, kaum fingerbreite silberweiße Bart, der

sich ihm unterm Kinn bis zu den Ohren hinzog, hob sich in solchen Fällen

von seinem Antlitz ab wie eine mattschimmernde unheimliche Ausstrahlung.

Der beklemmende Druck, der mich gefangen hielt, wich erst, als im August

die Nachricht von dem Ausbruch eines fürchterlichen Weltkrieges überall

wie der Blitz einschlug.

Ich erinnerte mich sofort, was ich vor Jahren Herrn Grafen du Chazal über

eine Katastrophe, die der Menschheit bevorstünde, hatte sagen hören, und

es wollte mir vielleicht deshalb nicht gelingen, mit voller Überzeugung in

die Verwünschungen einzustimmen, die die Dorfbevölkerung gegen die

feindlichen Staaten ausstieß; schien es mir doch, als stünde hinter all

dem als Urheber der dunkle Einfluß gewisser haßerfüllter Naturkräfte, die

sich der Menschheit bedienen wie einer Marionette.

Völlig unbewegt verhielt sich Herr Magister Wirtzigh. So, wie jemand, der

längst alles vorausgesehen hat.

Erst am 4. September kam eine leichte Unruhe über ihn. Er öffnete eine

Türe, die mir bis dahin verschlossen gewesen, und führte mich in einen

blauen, gewölbten Saal, der nur ein einziges, rundes Fenster in der Decke

hatte. Genau darunter, so daß das Licht unmittelbar darauf fiel, stand ein

runder Tisch aus schwarzem Quarz mit einer muldenförmigen Vertiefung in

der Mitte. Ringsherum goldene, geschnitzte Stühle.

»Hier diese Mulde,« sagte der Herr Magister, »füllst du heute abend, noch

ehe der Mond aufgeht, mit klarem, kaltem Brunnenwasser. Ich erwarte Besuch

aus Mauritius, und wenn du mich rufen hörst, nimmst du die japanische

Schlangenlampe, zündest sie an -- der Docht wird hoffentlich nur glimmen,«

setzte er halb für sich hinzu, -- »und stellst dich mit ihr so, wie man

eine Fackel hält, dort in die Nische.« -- -- -- --

Es war längst Nacht geworden, schlug 11 Uhr, 12 Uhr, und ich wartete und

wartete noch immer.

Niemand konnte das Haus betreten haben -- ich weiß es gewiß, hätte es

bemerken müssen, denn das Tor war verschlossen und kreischte stets laut,

wenn man es öffnete, aber kein Laut war vernehmbar bis jetzt.

Eine Totenstille ringsum, daß sich mir das Brausen des Blutes im Ohr

allmählich zur tosenden Brandung steigerte.

Endlich hörte ich die Stimme des Herrn Magisters meinen Namen rufen -- wie

aus weiter Ferne. So, als käme sie mir aus dem eigenen Herzen.

Mit der glimmenden Lampe in der Hand, fast betäubt von einer

unerklärlichen Schlaftrunkenheit, die ich noch nie an mir wahrgenommen,

tappte ich mich durch die finsteren Räume in den Saal und stellte mich in

die Nische.

In der Lampe surrte leise das Uhrwerk, und ich sah durch den rötlichen

Bauch des Götzen den glühenden Docht im Maul der Schlange funkeln, wie sie

langsam kreiste und kaum merklich in Ringen in die Höhe zu kriechen

schien.

Der Vollmond mußte wohl senkrecht über dem Loch in der Saaldecke stehen,

denn in der Wassermulde des steinernen Tisches schwamm sein Spiegelbild

als regungslose Scheibe aus fahlgrünglühendem Silber.

Eine lange Zeit glaubte ich, die goldenen Stühle seien leer, doch

allmählich unterschied ich, daß in dreien von ihnen Männer saßen, und

erkannte, als sich ihre Gesichter zögernd bewegten: im Norden den Herrn

Magister Wirtzigh, im Osten einen Fremden (Doktor Chrysophron Zagräus mit

Namen, wie ich aus einem Gespräch, das sie später führten, entnahm), und

im Süden, einen Kranz Mohnblumen auf dem kahlen Schädel -- Doktor

Sacrobosco Haselmayer.

Nur der Stuhl im Westen war leer.

Nach und nach mußte wohl auch mein Gehör wach geworden sein, denn Worte

wehten zu mir herüber, zum Teil lateinische, die ich nicht verstand, teils

solche in deutscher Sprache. --

Ich sah den Fremden sich vorbeugen, Herrn Doktor Haselmayer auf die Stirn

küssen und hörte ihn sagen »geliebte Braut«. Es folgte noch ein langer

Satz, aber er war zu leise, als daß er mir hätte zu Bewußtsein kommen

können.

Dann, plötzlich, war Herr Magister Wirtzigh mitten drin in einer

apokalyptischen Rede:

»Und vor dem Stuhl war ein gläsern Meer gleich dem Kristall, und mitten am

Stuhl und um den Stuhl vier Tiere, voll Augen vorne und hinten. -- -- --

Und es ging heraus ein ander Pferd, das war fahl, und der darauf saß, des

Name hieß Tod und die Hölle folgte ihm nach. Ihm war gegeben, den Frieden

zu nehmen von der Erde, und daß sie sich untereinander erwürgten; und ihm

ward ein groß Schwert gegeben.«

»Schwert gegeben«, echoete der Herr Doktor Zagräus, da fiel sein Blick auf

mich, und er hielt inne und fragte flüsternd die übrigen, ob Verlaß auf

mich sei.

»Er ist längst ein lebloses Uhrwerk geworden in meiner Hand«, beruhigte

ihn der Herr Magister. »Unser Ritual fordert, daß ein für die Erde

Abgestorbener die Fackel hält, wenn wir zusammen sind; er ist wie eine

Leiche, trägt -- seine Seele in der Hand und glaubt, es sei eine

schwelende Lampe.«

Wilder Hohn klang aus den Worten, und plötzlicher Schreck lähmte mein

Blut, als ich fühlte, daß ich in Wahrheit kein Glied rühren konnte und

starrgeworden war wie ein Toter.

Wieder nahm Herr Doktor Zagräus das Wort und fuhr fort: »Ja, ja, das Hohe

Lied des Hasses braust durch die Welt. Ich hab ihn mit eigenen Augen

gesehen, der auf dem fahlen Pferde sitzt, und hinter ihm das

tausendgestaltige Heer der Maschinen -- unserer Freunde und

Bundesgenossen. Längst haben sie Selbstmacht gewonnen, aber immer noch

bleiben die Menschen blind und dünken sich Herren über sie.

Führerlose Lokomotiven, mit Felsblöcken beladen, rasen einher in

wahnwitziger Wut, stürzen sich auf sie und begraben Hunderte und aber

Hunderte unter der Last ihrer eisernen Leiber.

Der Stickstoff der Luft ballt sich zu neuen furchtbaren Sprengmitteln: die

Natur selbst drängt sich in atemloser Hast, freiwillig ihre besten Schätze

zu geben, um das weiße Scheusal, das seit Jahrmilliarden Narben in ihr

Gesicht gegraben, auszurotten mit Haut und Haar.

Metallene Ranken mit spitzigen, gräßlichen Dornen wachsen aus dem Boden,

fangen die Beine und zerreißen die Leiber, und mit stummem Jubel zwinkern

die Telegraphen einander zu: Wieder sind Hunderttausend der verhaßten Brut

dahin.

Hinter Bäumen und Hügeln verborgen lauern die Mörserriesen, die Hälse gen

Himmel gereckt, Erzklumpen zwischen den Zähnen, bis ihnen verräterische

Windmühlen mit den Armen tückische Zeichen winken, Tod und Vernichtung zu

speien.

Elektrische Vipern zucken unter dem Boden hin -- da!: ein winziger

grünlicher Funken und aufbrüllt ein Erdbeben und verwandelt die Landschaft

in ein Massengrab!

Mit glühenden Raubtieraugen spähen die Scheinwerfer durch die Finsternis!

Mehr! Mehr! Mehr! Wo sind noch mehr! Und schon kommt's wankend gezogen in

grauen Sterbemänteln -- unabsehbare Scharen, -- die Füße blutig, die Augen

erloschen, taumelnd vor Müdigkeit, halb im Schlaf, mit keuchenden Lungen

und brechenden Knien, -- doch schnell kläffen die Trommeln dazwischen mit

rhythmisch-fanatischem Fakirgebell und peitschen die Furien der

Berserkerwut hinein ins betäubte Gehirn, daß der Wahnwitz des Amoklaufs

heulend losbricht unaufhaltsam, bis der Schauer des Bleiregens nur mehr

auf Leichen trifft.

Aus Westen und Osten, aus Amerika und Asien strömen sie herbei zum

Kriegstanz, die erzenen Ungeheuer, voll Mordlust die runden Mäuler.

Haie aus Stahl umschleichen die Küsten, in ihrem Bauch erstickend, die

ihnen einst das Leben gegeben.

Aber selbst die daheim geblieben sind, die scheinbar »Lauen«, die so lange

weder kalt waren noch warm, -- die früher nur friedliches Werkzeug

gebaren, -- sind aufgewacht und tragen ihr Teil bei zum großen Sterben:

ruhelos fauchen sie ihren glühenden Atem zum Himmel empor Tag und Nacht,

und aus ihren Leibern quillt es, Schwertklingen und Pulverhülsen, Lanzen,

Geschosse. Keines mag da mehr hocken und schlafen.

Immer neue Riesengeier wollen flügge werden, um über den letzten

Schlupfwinkeln der Menschen zu kreisen, und schon laufen unermüdlich

Tausende Eisenspinnen hin und her, ihnen die silberglänzenden Schwingen zu

weben.«

Die Rede stockte einen Augenblick, und ich sah, daß Herr Graf du Chazal

plötzlich zugegen war; er stand hinter dem Stuhl im Westen, die Arme über

der Lehne gekreuzt, sein Gesicht war blaß und verfallen.

Dann fuhr Doktor Zagräus mit eindringlicher Gebärde fort: »Und ist es

nicht eine gespenstische Auferstehung? Was längst zu Petroleum verwest in

Erdenhöhlen geruht hat: -- das Blut und Fett der vorsintflutlichen Drachen

-- regt sich und will wieder lebendig sein. In dickbäuchigen Kesseln

gebrodelt und destilliert, fließt es jetzt als 'Benzin' in die Herzkammern

neuer phantastischer Luftungeheuer und bringt sie zum Stampfen. Benzin und

Drachenblut! -- wer sieht da noch einen Unterschied? Es ist wie das

dämonische Präludium zum Jüngsten Tag.«

»Sprechen Sie nicht vom Jüngsten Tag, Doktor,« fiel der Herr Graf hastig

ein (ich fühlte, daß eine unbestimmte Furcht in seiner Stimme lag) -- »es

klingt wie ein Vorzeichen.«

Die Herren standen erstaunt auf:

»Ein Vorzeichen?«

»Wir wollten heute zusammenkommen als zu einem Feste,« begann der Herr

Graf, nachdem er lang nach Worten gesucht, »aber es hat meinen Fuß bis zur

jetzigen Stunde festgehalten in -- Mauritius (ich begriff dumpf, daß dem

Worte eine verborgene Bedeutung zugrunde lag und der Herr Graf nicht ein

Land damit meinen konnte); und ich habe lang gezweifelt, ob es richtig

ist, was ich an dem Widerschein sah, der von der Erde zum Monde

emporhaucht. Ich fürchte, ich fürchte, -- und mir wird die Haut kalt vor

Grauen, wenn ich daran denke, -- daß über kurz ein Unerwartetes geschehen

könnte und entrisse uns den Sieg. -- Was will's besagen, daß ich errate:

noch ein geheimer Sinn mag in dem heutigen Krieg liegen: der Weltgeist

will die Völker absondern voneinander, damit sie einzeln stehen wie die

Glieder eines zukünftigen Leibes; was nützt es mir, da ich die letzte

Absicht nicht kenne?! Die Einflüsse, die man nicht sehen kann, sind die

mächtigsten. -- Ich sage euch:

Ein Unsichtbares wächst und wächst; und ich kann seine Wurzel nicht

finden.

Ich habe die Zeichen am Himmel gedeutet, die nicht täuschen: ja, auch die

Dämonen der Tiefe rüsten zum Kampf, und bald wird die Haut der Erde sich

schütteln wie das Fell eines Rosses, das von Bremsen geplagt wird; schon

haben die Großen der Finsternis, deren Namen eingeschrieben stehen im

Buche des Hasses, abermalen aus dem Abgrund des Weltraums einen

Kometenstein geschleudert, und dies nach der Erden, wie sie oft einen

solchen Wurf nach der Sonne gerichtet, er aber das Ziel verfehlt hat und

zurückgeflogen ist, wie der Bumerang der australischen Neger rückkehrt in

die Hand des Jägers, wenn er das Opfer nicht getroffen. -- Aber zu wes

Zweck, fragte ich mich, dies große Aufgebot, wo doch der Untergang des

Menschengeschlechts durch das Heer der Maschinen besiegelt scheint?

Und da lösten sich mir Schuppen von den Augen; doch ich bin noch blind

und kann nur tasten.

Fühlt ihr nicht auch, wie das Unwägbare, das der Tod nicht greifen kann,

anschwillt zu einem Strom, dagegen die Meere sind wie ein Eimer

Spülicht?

Was ist es für eine rätselhafte Kraft, die über Nacht alles wegschwemmt,

was klein ist, und das Herz des Bettlers weit macht gleich eines

Apostels! Ich habe gesehen, daß eine arme Lehrerin eine Waise annahm an

Kindesstatt und hat nicht viel Redens davon gemacht -- -- und da kam die

Furcht zu mir.

Wo ist die Macht des Maschinenhaften in der Welt geblieben, wo Mütter

jubeln, wenn ihre Söhne fallen, statt sich das Haar zu raufen? Und soll's

eine prophetische Rune sein, die zurzeit noch keiner lesen kann: in den

Kaufladen der Städte hängt ein Bild, ein Kreuz in den Vogesen, daran das

Holz weggeschossen ist, und der Menschensohn -- _blieb stehen_?

Wir hören die Flügel des Todesengels über die Länder brausen, seid ihr

gewiß, daß es nicht die Schwingen eines -- Anderen sind und nicht die des

Todes? Eines von denen, die »Ich« sagen können in jedem Stein, jeder Blume

und jedem Tier, inner- und außerhalb des Raums und der Zeit?

Nichts kann verloren gehen, heißt es. Wessen Hand sammelt dann diese

Begeisterung, die gleich einer neuen Naturkraft überall frei wird, und was

für Geburt will daraus entstehen und wer wird der Erbe sein!

Soll wieder Einer kommen, des Schritte keiner hemmen kann -- wie es immer

wieder im Laufe der Jahrtausende geschah von Zeit zu Zeit? Der Gedanke

läßt mich nicht mehr los.«

»Mag er doch kommen! -- Wenn er nur auch diesmal wiederkommt in Kleidern

von Fleisch und Blut,« fuhr Herr Magister Wirtzigh höhnisch drein. »Sie

werden ihn schon festnageln mit -- Witzen; über grinsendes Lachen hat noch

keiner gesiegt.«

»Aber er kann kommen _ohne Gestalt_,« murmelte Doktor Chrysophron Zagräus

vor sich hin, »sowie vor kurzem ein Spuk über Nacht die Tiere befiel, daß

Pferde plötzlich rechnen konnten und Hunde -- lesen und schreiben. Was,

wenn er aus den Menschen selbst hervorbricht wie eine Flamme?«

»Dann müssen wir in den Menschen das Licht durch das Licht betrügen,«

kreischte der Herr Graf du Chazal gellend dazwischen, »wir müssen in ihren

Gehirnen von da an wohnen als neuer falscher Glanz eines trügerischen,

nüchternen Verstandes, bis sie Sonne und Mond verwechseln, und müssen sie

mißtrauen lehren allem, was Licht ist.« -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Was der Herr Graf noch weiter sagte, ich erinnere mich nicht. Ich konnte

mich mit einemmal wieder bewegen und der glasartige erstarrte Zustand, der

mich bislang umfangen gehalten, wich langsam von mir. Eine Stimme in mir

schien zu flüstern, ich solle mich fürchten, aber ich brachte es nicht

zuwege.

Dennoch streckte ich wie zum Schutz den Arm mit der Lampe vor.

Mochte sie dabei ein Luftzug getroffen haben oder hatte die Schlange

darin den Raum im Kopfe des Götzen erreicht, sodaß der glimmende Docht

zur Flamme auflodern konnte, -- ich weiß es nicht. Ich weiß nur, ein

blendendes Licht zersprengte mir plötzlich die Sinne, wiederum hörte ich

meinen Namen rufen und dann fiel ein schwerer Gegenstand dumpf krachend

hin. -- --

Es muß wohl mein eigener Körper gewesen sein, denn, als ich einen Moment

meine Augen aufschlug, bevor ich das Bewußtsein verlor, sah ich: ich lag

auf dem Boden, und der Vollmond stand leuchtend über mir; -- das Zimmer

aber schien leer und der Tisch und die Herren waren verschwunden. -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Viele Wochen lag ich in tiefer Betäubung danieder und, als ich langsam

genas, erfuhr ich, -- ich habe vergessen, von wem, -- daß Herr Magister

Wirtzigh inzwischen gestorben war und mich zum Erben seines gesamten

Besitzes eingesetzt hatte.

Aber ich muß wohl noch lange das Bett hüten, und so habe ich denn Zeit,

über das Geschehene nachzudenken und alles niederzuschreiben.

Nur zuweilen des Nachts kommt es gar seltsam über mich und mir ist, als

gähne in meiner Brust ein leerer Raum, unendlich nach Osten, Süden,

Westen und Norden, und mitten darin schwebt der Mond, wächst zur

glänzenden Scheibe, nimmt ab, wird schwarz, taucht wieder auf als

schmale Sichel, und jedesmal sind seine Phasen die Gesichter der vier

Herren, wie sie zuletzt um den runden steinernen Tisch saßen. Dann

lausche ich gespannt, um mich zu zerstreuen, auf das unbändige Johlen,

das durch die Stille ringsum zu mir herüber dringt aus dem in der

Nachbarschaft gelegenen Raubschloß des wilden Malers Kubin, der dort im

Kreise seiner sieben Söhne wüste Orgien feiert bis zum Morgengrauen.

Kommt der Tag, so tritt wohl zuweilen die alte Haushälterin Petronella

an mein Bett und sagt: »Nun wie geht's denn, Herr -- _Herr Magister

Wirtzigh_?« Sie will mir nämlich weismachen, einen Grafen du Chazal habe

es seit dem Jahre 1430, wo das Geschlecht erlosch, wie der Herr Pfarrer

genau wisse, nicht mehr gegeben, ich sei ein Schlafwandler gewesen, in

einem Anfall von Mondsucht vom Dach heruntergefallen und hätte mir

jahrelang eingebildet, mein eigener Kammerdiener zu sein.

Selbstverständlich gebe es auch weder einen Doktor Zagräus noch einen

gewissen Sacrobosco Haselmayer.

»Den roten Tandschur, na ja, den gibt's,« sagt sie zum Schluß jedesmal

drohend. »Er liegt drüben auf dem Ofen und is a chinesisch's Zauberbuch,

hör ich. Aber mer siecht ja, was dabei 'rauskommt, wenn a Christenmensch

so was liest.«

Ich schweige dazu, denn ich weiß, was ich weiß, aber, wenn die Alte

hinausgegangen ist, stehe ich doch jedesmal heimlich auf, um mir

Gewißheit zu verschaffen, öffne den gotischen Schrank und überzeuge

mich:

Aber natürlich ja, da steht sie doch, die Schlangenlampe, und darunter

hängen -- der grüne Zylinderhut, das Wams und die Seidenkniehosen des

Herrn Doktor Haselmayer.

Kurt Wolff Verlag, Leipzig

Der Golem

Ein Roman

von

Gustav Meyrink

Im Verlag von Albert Langen in München

erschien von demselben Verfasser:

Des Deutschen Spießers

Wunderhorn

Gesammelte Novellen

in 3 Bänden. 5. Auflage

Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:

Inhaltsverzeichnis: Zeitegeln --> Zeit-egeln

Seite 24: finstre --> finstere

Seite 40: man fragt den den jungen Herrn, --> 'den' entfernt

Seite 74: Die Posaunen versummen. --> Die Posaunen

verstummen. (Druckfehler)

Seite 94: 'Du kannst eben nicht 'wollen'', fing er

--> einfaches schließendes Anführungszeichen ergänzt

Seite 116: Eskismos --> Eskimos (Druckfehler)

Seite 128: ein fach --> einfach (Druckfehler)

Seite 170: prunktvollen --> prunkvollen (Druckfehler)

Seite 171: Ich sage Ihnen, 'was wir auch auf Erden vollbringen,

--> Einfaches (überflüssiges) Anführungszeichen vor 'was' entfernt.

Seite 218: Punkt nach 'einzuschlafen' ergänzt

Seite 231: deren Namen eingeschrieben 'steht'

--> 'stehen' im Buche des Hasses

Fledermäuse: Sieben Geschichten · 第 9 / 9 段