Ein Gefühl unbeschreiblichen Hasses befiel mich bei dem Bewußtsein, daß

jener -- mein eigener Doppelgänger -- hier schwelgte und praßte, seit ich

lebte, und daß ich selber es gewesen war, der ihn ins Dasein gerufen und

mit Reichtum beschenkt hatte, indem ich mir die magische Kraft meines Ichs

in Hoffen, Ersehnen und Warten aus der Seele entströmen ließ.

Mit Schrecken wurde ich mir klar, daß mein ganzes Leben nur aus Warten in

jeglicher Form bestanden hatte und _nur_ aus Warten -- aus einer Art

unaufhörlichen Verblutens, -- und daß die gesamte Zeit, die mir

übriggeblieben war zum Empfinden von Gegenwart, kaum nach Stunden zählte.

Wie eine Seifenblase zerplatzte vor mir, was ich bis dahin für den Inhalt

meines Lebens gehalten. Ich sage Ihnen, was wir auch auf Erden

vollbringen, immer gebiert es ein neues Warten und ein neues Hoffen; das

ganze Weltall ist getränkt von dem Pesthauch des Absterbens einer kaum

geborenen Gegenwart. Wer hätte nie die entnervende Schwäche gefühlt, die

uns befällt, wenn wir im Wartezimmer eines Arztes, eines Advokaten, einer

Amtsstube sitzen? Was wir Leben nennen: es ist der Wartesaal des Todes.

Plötzlich begriff ich -- damals -- was die Zeit ist: Wir selbst sind

Gebilde, aus Zeit gemacht, Leiber, die Stoff zu sein scheinen und nichts

anderes sind als geronnene Zeit.

Und unser tägliches Hinwelken dem Grabe entgegen, was ist es denn sonst

als Wiederum-zu-Zeit-Werden unter der Begleiterscheinung des Wartens und

Hoffens, -- so, wie Eis auf dem Ofen unter Zischen wiederum zu Wasser

wird!

Ich sah, daß ein Beben die Gestalt meines Doppelgängers durchlief, als

diese Erkenntnis in mir wach wurde, und daß Angst sein Gesicht verzerrte.

Da wußte ich, was ich zu tun hatte: kämpfen bis aufs Messer mit jenen

Phantomen, die uns aussaugen wie Vampire.

Oh, sie wissen genau, warum sie den Menschen unsichtbar bleiben und sich

vor ihren Blicken verbergen, diese Schmarotzer an unserem Leben; auch des

Teufels größte Gemeinheit ist, daß er so tut, als ob er nicht existiere.

Und seitdem habe ich die Begriffe 'Warten und Hoffen' für immer

ausgerottet aus meinem Dasein.«

»Ich glaube, Herr Obereit, ich würde zusammenbrechen schon beim ersten

Schritt, wenn ich den schrecklichen Weg gehen wollte, den Sie gegangen

sind,« sagte ich, als der Alte schwieg; »ich kann mir wohl denken, daß man

durch unausgesetzte Arbeit das Gefühl des Wartens und Hoffens in sich

betäuben kann; dennoch -- -- -- -- -- -- -- -- -- --«

»Ja, aber nur betäuben! _Innerlich_ bleibt das 'Warten' lebendig. Sie

müssen das Beil an die Wurzel legen!« unterbrach mich Obereit. »Werden

Sie wie ein Automat hier auf der Erde! Wie ein Scheintoter! Greifen Sie

nie nach einer Frucht, die Ihnen winkt, wenn auch nur das geringste

Warten damit verbunden ist, rühren Sie keine Hand, und alles wird Ihnen

reif in den Schoß fallen. Anfangs ist's wohl wie ein Wandern durch

trostlose Wüsten, oft lange Zeit, aber plötzlich wird rings um Sie her

eine Helle sein, und Sie werden alle Dinge, die schönen und die

häßlichen, in einem neuen, ungeahnten Glanze sehen. Dann gibt's kein

'Wichtig' mehr für Sie und kein 'Unwichtig', jedes Geschehnis wird gleich

'wichtig' sein und gleich 'unwichtig', und dann werden Sie im Drachenblut

gehörnt sein wie Siegfried und von sich sagen können: ich fahre hinaus

ins uferlose Meer eines ewigen Lebens mit schneeweißem Segel.«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Es waren die letzten Worte, die Johann Hermann Obereit zu mir gesprochen;

-- ich habe ihn nicht mehr wiedergesehen.

Viele Jahre sind inzwischen verflossen; ich habe mich bemüht, so gut ich

konnte, der Lehre zu folgen, die Obereit mir gab, aber das Warten und

Hoffen will nicht aus meinem Herzen weichen.

Ich bin zu schwach, das Unkraut auszureißen, und wundere mich auch nicht

mehr, daß unter den zahllosen Grabsteinen auf den Friedhöfen so selten

einer die Inschrift trägt:

V | I

--+--

V | O

Der Kardinal Napellus

Wir wußten nicht viel mehr von ihm außer seinen Namen: Hieronymus

Radspieller, als daß er jahraus, jahrein in dem zerfallenen Schlosse lebte

und von dem Besitzer, einem weißhaarigen, mürrischen Basken -- dem

hinterbliebenen Diener und Erben eines in Trübsinn und Einsamkeit

verwelkten Adelsgeschlechtes -- ein Stockwerk für sich allein gemietet und

mit kostbarem, altertümlichem Hausrat wohnbar gemacht hatte.

Ein greller phantastischer Gegensatz, wenn man eintrat in diese Räume aus

der wegverwachsenen Wildnis draußen, in der nie ein Vogel sang und alles

vom Leben verlassen schien, wenn nicht hin und wieder die morschen,

wirrbärtigen Eiben schreckerfüllt aufächzten unter der Wucht des Föhns,

oder der grünschwarze See wie ein in den Himmel starrendes Auge die

weißen, ziehenden Wolken spiegelte.

Fast den ganzen Tag war Hieronymus Radspieller in seinem Boot und ließ ein

funkelndes Metall-Ei an langen, feinen Seidenfäden hinab in die stillen

Wasser -- ein Lot, um die Tiefen des Sees zu ergründen.

Er wird wohl in Diensten einer geographischen Gesellschaft stehen,

mutmaßten wir, wenn wir von unseren Angelfahrten heimgekehrt des Abends

noch ein paar Stunden in dem Bibliothekzimmer Radspiellers beisammen

saßen, das er uns gastfreundlich zur Verfügung gestellt hatte.

»Ich habe heute von der alten Botenfrau, die die Briefe über den Bergpaß

trägt, zufällig erfahren, daß die Rede geht, er solle in seiner Jugend ein

Mönch gewesen sein und habe sich Nacht für Nacht blutig gegeißelt -- sein

Rücken und seine Arme seien über und über mit Narben bedeckt«, mischte

sich Mr. Finch ins Gespräch, als sich wieder einmal der Austausch der

Gedanken um Hieronymus Radspieller drehte, -- ȟbrigens, wo er heute nur

so lange bleibt? Es muß längst 11 Uhr vorbei sein«.

»Es ist Vollmond,« sagte Giovanni Braccesco und deutete mit seiner welken

Hand durch das offene Fenster hinaus auf den flimmernden Lichtweg, der

quer über dem See lag; »wir werden sein Boot leicht sehen können, wenn wir

Ausschau halten.«

Dann, nach einer Weile, hörten wir Schritte die Treppe heraufkommen; aber

es war nur der Botaniker Eshcuid, der da, so spät von seinen Streifzügen

heimgekommen, zu uns ins Zimmer trat.

Er trug eine mannshohe Pflanze in der Hand mit stahlblau glänzenden

Blüten.

»Es ist weitaus das größte Exemplar dieser Gattung, das jemals gefunden

wurde; ich hätte nie geglaubt, daß der giftige 'Sturmhut' noch in solchen

Höhen wächst«, sagte er klanglos, nachdem er uns einen Gruß zugenickt, und

legte die Pflanze mit umständlicher Sorgfalt, damit ihr kein Blatt

geknickt werde, auf das Fensterbrett.

»Es geht ihm wie uns,« kroch es mir durch den Sinn, und ich hatte die

Empfindung, daß Mr. Finch und Giovanni Braccesco in diesem Momente

dasselbe dachten, »er wandert ruhelos als alter Mann über die Erde, wie

einer, der sein Grab suchen muß und nicht finden kann, sammelt Pflanzen,

die morgen verdorrt sind; wozu? warum? Er denkt nicht nach darüber. Er

weiß, daß sein Tun zwecklos ist, wie wir es von dem unsrigen wissen, aber

ihn wird wohl auch die traurige Erkenntnis zermürbt haben, das _alles_

zwecklos ist, was man beginnt, ob es groß scheint oder klein, -- so wie

sie uns andern zermürbt hat ein Menschenleben lang. Wir sind von Jugend an

wie die Sterbenden,« fühlte ich, »deren Finger unruhig über die Bettdecke

tasten; die nicht wissen, wonach sie greifen sollen, wie Sterbende, die

einsehen: der Tod steht im Zimmer, was kümmert es ihn, ob wir die Hände

falten oder die Fäuste ballen.«

»Wohin reisen Sie, wenn die Zeit zum Fischen hier vorüber ist?«, fragte

der Botaniker, nachdem er abermals nach seiner Pflanze gesehen und sich

dann langsam zu uns an den Tisch gesetzt hatte.

Mr. Finch fuhr sich durch sein weißes Haar, spielte, ohne aufzublicken,

mit einem Angelhaken und zuckte müde die Achseln.

»Ich weiß es nicht«, antwortete nach einer Pause Giovanni Braccesco

zerstreut, als sei die Frage an ihn gerichtet gewesen.

Wohl eine Stunde verrann in bleierner, wortloser Stille, daß ich das

Rauschen des Blutes in meinem Kopfe hören konnte.

Endlich tauchte das fahle, bartlose Gesicht Radspiellers im Türrahmen auf.

Seine Miene schien gelassen und greisenhaft wie immer und seine Hand

ruhig, als er sich ein Glas Wein einschenkte und uns zutrank, aber es war

eine ungewohnte Stimmung voll verhaltener Erregtheit mit ihm

hereingekommen, die sich bald auf uns übertrug.

Seine sonst müden und teilnahmslosen Augen, die die Eigentümlichkeit

hatten, daß sich wie bei Rückenmarkskranken ihre Pupillen niemals

zusammenzogen oder ausdehnten und scheinbar auf Licht nicht reagierten, --

sie glichen grauen, mattseidenen Westenknöpfen mit einem schwarzen Punkt

darin, wie Mr. Finch zu behaupten pflegte, -- suchten heute fiebrig

flackernd im Zimmer umher, glitten die Wände entlang und über die

Bücherreihen hin, unschlüssig, woran sie haften bleiben sollten.

Giovanni Braccesco brach ein Gesprächsthema vom Zaun und erzählte von

unsern seltsamen Methoden, die uralten, moosbewachsenen Riesenwelse zu

fangen, die in ewiger Nacht da unten leben in den unergründlichen Tiefen

des Sees, nie mehr heraufkommen ans Tageslicht und jede Lockspeise, die

die Natur bietet, verschmähen, -- nur nach den bizarrsten Formen

schnappen, die der Angler ersinnen kann: nach gleißendem Silberblech,

geformt wie Menschenhände, die an der Schnur taumelnde Bewegungen im

Wasser machen, oder nach Fledermäusen aus rotem Glas mit tückisch

verborgenen Haken an den Flügeln.

Hieronymus Radspieller hörte nicht hin.

Ich sah ihm an, daß sein Geist wanderte.

Plötzlich brach er los, wie jemand, der ein gefährliches Geheimnis hinter

verbissenen Zähnen jahrelang gehütet hat und es dann in einer Sekunde

unvermittelt, mit einem Aufschrei, von sich wirft: »Heute endlich -- ist

mein Senkblei auf Grund gestoßen.«

Wir starrten ihn verständnislos an.

Ich war so gefangen genommen von dem fremdartig zitternden Ton, der aus

seinen Worten geklungen hatte, daß ich eine Weile lang nur halb erfaßte,

wie er den Vorgang der Tiefseemessung erklärte: es gäbe da unten in den

Abgründen -- viele tausend Faden tief -- kreisende Wasserwirbel, die jedes

Lot verbliesen, es schwebend erhielten und den Boden nicht erreichen

ließen, wenn nicht ein günstiger Zufall zu Hilfe käme.

Dann wieder stieg aus seiner Rede gleich einer Rakete triumphierend ein

Satz empor: »Es ist die tiefste Stelle auf Erden, zu der je ein

menschliches Instrument gedrungen ist«, und die Worte brannten sich

schreckhaft in mein Bewußtsein ein, ohne daß ich die Ursache dafür finden

konnte. Ein gespenstischer Doppelsinn lag in ihnen, so, als hätte ein

Unsichtbarer hinter ihm gestanden und in verhüllten Symbolen aus seinem

Munde zu mir gesprochen.

Ich konnte den Blick nicht wenden von Radspiellers Gesicht; wie war es mit

einemmal so schemenhaft und unwirklich geworden! Wenn ich eine Sekunde die

Augen schloß, sah ich es von blauen Flämmchen umzuckt; -- »die Sankt

Elmsfeuer des Todes«, drängte es sich mir auf die Zunge, und ich mußte

gewaltsam die Lippen geschlossen halten, um es nicht laut

herauszuschreien.

Traumhaft zogen durch mein Hirn Stellen aus Büchern, die Radspieller

geschrieben und die ich gelesen in müßigen Stunden, voll Staunen über

seine Gelehrsamkeit, Stellen sengenden Hasses gegen Religion, Glaube und

Hoffnung und alles, was in der Bibel von Verheißung spricht.

Es ist der Rückschlag, der seine Seele nach der heißen Askese einer

inbrunstgequälten Jugend aus dem Reich der Sehnsucht herab auf die Erde

geschleudert hat -- begriff ich dumpf: der Pendelschwung des Schicksals,

der den Menschen vom Licht in den Schatten trägt.

Mit Gewalt riß ich mich aus dem lähmenden Halbschlaf, der meine Sinne

überfallen hatte, und zwang mich, der Erzählung Radspiellers zuzuhören,

deren Beginn wie ein fernes, unverständliches Murmeln noch in mir

nachhallte.

Er hielt das kupferne Senklot in der Hand, drehte es hin und her, daß es

aufblitzte gleich einem Geschmeide im Lichtschein der Lampe, und sprach

dabei:

»Sie als leidenschaftliche Angler nennen es schon ein erregendes Gefühl,

wenn Sie an dem plötzlichen Zucken Ihrer doch nur 200 Ellen langen Schnur

spüren, daß sich ein großer Fisch gefangen hat, daß gleich darauf ein

grünes Ungetüm emporsteigen wird an die Oberfläche und das Wasser zu

Gischt zerpeitschen. Denken Sie sich dieses Gefühl vertausendfacht und Sie

werden vielleicht verstehen, was in mir vorging, als dieses Stück Metall

hier mir endlich meldete: ich bin auf Grund gestoßen. Mir war, als hätte

meine Hand an eine Pforte geklopft. -- Es ist das Ende einer Arbeit von

Jahrzehnten«, setzte er leise für sich hinzu, und es klang eine Bangigkeit

aus seiner Stimme: »was -- was werde ich morgen tun?!«

»Es bedeutet nichts Geringes für die Wissenschaft, den tiefsten Punkt

unserer Erdschichte ausgelotet zu haben«, warf der Botaniker Eshcuid hin.

»Wissenschaft -- für die Wissenschaft!« wiederholte Radspieller

geistesabwesend und blickte uns der Reihe nach fragend an. »Was kümmert

mich die Wissenschaft!« fuhr es ihm endlich heraus.

Dann stand er hastig auf.

Ging ein paarmal im Zimmer hin und her.

»Ihnen ist die Wissenschaft ebenso Nebensache wie mir, Professor«, wandte

er sich mit einem Ruck, fast schroff an Eshcuid. »Nennen Sie es doch beim

Namen: die Wissenschaft ist uns nur ein Vorwand, um etwas zu tun, irgend

etwas, gleichgültig was; das Leben, das furchtbare, entsetzliche Leben hat

uns die Seele verdorrt, unser eigenstes innerstes Ich gestohlen, und, um

nicht immerwährend aufschreien zu müssen in unserm Jammer, jagen wir

kindischen Marotten nach -- um zu vergessen, was wir verloren haben. Nur,

um zu vergessen. Belügen wir uns doch nicht selbst!«

Wir schwiegen.

»Aber es liegt noch ein anderer Sinn darin«, -- eine wilde Unruhe kam

plötzlich über ihn, -- »in unseren Marotten, meine ich. Ich bin so ganz,

ganz allmählich dahintergekommen: ein feiner geistiger Instinkt sagt

mir, jede Tat, die wir vollbringen, hat einen magischen doppelten Sinn.

Wir _können_ gar nichts tun, was _nicht_ magisch wäre. -- Ich weiß ganz

genau _weshalb_ ich gelotet habe fast ein halbes Leben lang. Ich weiß

auch, was es zu bedeuten hat, daß ich doch -- und doch -- und doch auf

Grund stieß und mich durch eine lange, feine Schnur mitten durch alle

Wirbel hindurch mit einem Reich verbunden habe, wohin kein Strahl dieser

verhaßten Sonne mehr dringen kann, deren Wonne darin besteht, ihre

Kinder verdursten zu lassen. Es ist nur ein _äußeres_ belangloses

Geschehnis, das sich heute vollzog, aber jemand, der sehen und deuten

kann, der erkennt schon im formlosen Schatten an der Wand, wer vor die

Lampe getreten ist«; -- er lächelte mich grimmig an, »ich will's Ihnen

kurz sagen, was mir dieses äußere Geschehnis _innerlich_ bedeutet: ich

habe erreicht, was ich gesucht habe, -- ich bin hinfort gefeit gegen die

Giftschlangen des Glaubens und der Hoffnung, die nur im Licht leben

können; ich hab's an dem Ruck gespürt, den es mir im Herzen gab, als ich

heute meinen Willen durchgesetzt und mit dem Senkblei den Grund des

Sees berührt habe. Ein belangloses äußeres Geschehen hat sein inneres

Gesicht gezeigt.«

»Ist Ihnen denn so Schweres zugestoßen im Leben -- in der Zeit -- ich

meine, als Sie Geistlicher waren?«, fragte Mr. Finch, »daß Ihre Seele so

wund ist?« setzte er leise für sich hinzu.

Radspieller gab keine Antwort und schien ein Bild zu sehen, das vor ihm

auftauchen mochte; dann setzte er sich wieder an den Tisch, blickte

unbeweglich in das Mondlicht zum Fenster hin und erzählte wie ein

Somnambuler, fast ohne Atem zu holen:

»Ich war niemals Geistlicher, aber schon in meiner Jugend hat mich ein

finsterer, übermächtiger Trieb von den Dingen dieser Erde weggezogen. Ich

habe Stunden erlebt, wo sich das Gesicht der Natur vor meinen Augen in

eine grinsende Teufelsfratze verwandelt hat und mir Berge, Landschaft,

Wasser und Himmel, sogar mein eigener Leib, als unerbittliche Kerkermauern

erschienen sind. Wohl kein Kind empfindet etwas dabei, wenn sich der

Schatten einer über die Sonne ziehenden Wolke auf eine Wiese senkt, mich

hat schon damals ein lähmendes Entsetzen befallen und ich blickte, als

hätte mir eine Hand mit einem Ruck eine Binde von den Augen gerissen, tief

hinein in die heimliche Welt voll Todesqual der Millionen winziger

Lebewesen, die sich, verborgen unter den Halmen und Wurzeln der Gräser, im

stummen Haß zerfleischten.

Vielleicht war's erbliche Belastung -- mein Vater starb im

Religionswahnsinn --, daß ich die Erde bald nur mehr wie eine einzige

bluterfüllte Mördergrube sah.

Allmählich wurde mein ganzes Leben zur immerwährenden Folter seelischen

Verdurstens. Ich konnte nicht mehr schlafen, nicht mehr denken, und Tag

und Nacht, ohne stillzustehen, zuckten und bebten meine Lippen und formten

mechanisch den Satz des Gebetes: 'Erlöse uns von dem Übel', bis ich vor

Schwäche das Bewußtsein verlor.

In den Tälern, wo ich zu Hause bin, gibt es eine religiöse Sekte, die man

die 'Blauen Brüder' nennt, deren Anhänger, wenn sie ihr Ende nahen fühlen,

sich lebendig begraben lassen. Heute noch steht ihr Kloster dort, über

dem Eingangstor das steinerne Wappenschild: eine Giftpflanze mit fünf

blauen Blütenblättern, deren oberstes einer Mönchskapuze gleicht: -- das

#Aconitum napellus#, der 'blaue Sturmhut'.

Ich war ein junger Mann, als ich mich in diesen Orden flüchtete, und fast

ein Greis, als ich ihn verließ.

Hinter den Klostermauern liegt ein Garten, darin blüht im Sommer ein Beet

voll von jenem blauen Todeskraut, und die Mönche begießen es mit dem Blut,

das aus ihren Geißelwunden fließt. Jeder hat, wenn er Bruder der

Gemeinschaft wird, eine solche Blume zu pflanzen, die dann, wie in der

Taufe, seinen eigenen christlichen Namen erhält.

Die meinige hieß Hieronymus und hat mein _Blut_ getrunken, indes ich selbst

verschmachtete in jahrelangem vergeblichem Flehen um das Wunder, daß der

'Unsichtbare Gärtner' die Wurzeln meines Lebens auch nur mit einem Tropfen

_Wasser_ begösse.

Der symbolische Sinn dieser seltsamen Zeremonie der Bluttaufe ist, daß der

Mensch seine Seele magisch einpflanzen soll in den Garten des Paradieses

und ihr Wachstum düngen mit dem Blut seiner Wünsche.

Auf dem Totenhügel des Gründers dieser asketischen Sekte, des sagenhaften

Kardinals Napellus, sagt die Legende, schoß in einer einzigen

Vollmondnacht in Mannshöhe ein solcher 'blauer Sturmhut' auf, -- über und

über mit Blüten bedeckt, -- und als man das Grab öffnete, war die Leiche

darin verschwunden. Es heißt, daß sich der Heilige in die Pflanze

verwandelt hat, und von ihr, als der ersten, die damals auf Erden

erschien, sollen alle übrigen stammen.

Wenn die Blumen im Herbst verdorrten, sammelten wir ihre giftigen

Samenkeime, die kleinen menschlichen Herzen gleichen und nach der geheimen

Überlieferung der Blauen Brüder das 'Senfkorn' des Glaubens vorstellen,

von dem geschrieben steht, daß Berge versetzen könne, wer es hat, -- --

und aßen davon.

So, wie ihr furchtbares Gift das Herz verändert und den Menschen in den

Zustand zwischen Leben und Sterben bringt, so sollte die Essenz des

Glaubens unser Blut verwandeln, -- zur wunderwirkenden Kraft werden in den

Stunden zwischen nagender Todespein und ekstatischer Verzückung.

Aber ich tastete mit dem Senkblei meiner Erkenntnis noch tiefer hinab in

diese wunderlichen Gleichnisse, ich tat noch einen Schritt weiter und sah

der Frage ins Gesicht: Was wird mit meinem Blut geschehen, wenn es endlich

geschwängert ist von dem Gift der blauen Blume? Und da wurden die Dinge

rings um mich lebendig, selbst die Steine am Wege schrien mir zu mit

tausend Stimmen: Wieder und wieder, wenn der Frühling kommt, wird es

ausgegossen werden, auf daß ein neues Giftkraut sprossen kann, das deinen

eignen Namen trägt.

Und in jener Stunde hatte ich dem Vampir, den ich bis dahin gefüttert, die

Maske abgerissen, und ein unauslöschlicher Haß ergriff von mir Besitz. Ich

ging hinaus in den Garten und stampfte die Pflanze, die mir meinen Namen

Hieronymus gestohlen und sich an meinem Leben gemästet hatte, in die Erde,

bis keine Faser mehr sichtbar war.

Von da an schien mein Weg plötzlich wie besät mit wunderbaren Ereignissen.

Noch in derselben Nacht trat eine Vision vor mich: der Kardinal Napellus,

in der Hand -- mit der Fingerstellung eines Menschen, der eine brennende

Kerze trägt -- das blaue Akonit mit den fünfblättrigen Blüten. Seine Züge

waren die einer Leiche, nur aus seinen Augen strahlte ein unzerstörbares

Leben.

Ich glaubte mein eigenes Antlitz vor mir zu sehen, so glich er mir, und

ich fuhr in unwillkürlichem Schrecken nach meinem Gesicht, wie jemand, dem

eine Explosion den Arm abgerissen hat, mit der andern Hand nach der Wunde

fahren mag.

Dann schlich ich mich ins Refektorium und erbrach in wildem Haß den

Schrein, der die Reliquien des Heiligen enthalten sollte, um sie zu

zerstören.

Ich fand nur diesen Globus, den Sie dort in der Nische stehen sehen.«

Radspieller erhob sich, holte ihn herab, stellte ihn vor uns auf den Tisch

und fuhr in seiner Erzählung fort: »Ich habe ihn mit mir genommen auf

meiner Flucht aus dem Kloster, um ihn zu zerschlagen und damit das

einzige, was greifbar zurückgeblieben ist von dem Gründer jener Sekte, zu

vernichten.

Später überlegte ich mir, daß ich der Reliquie mehr Verachtung antäte,

wenn ich sie verkaufte und das Geld einer Dirne schenkte. Ich führte es

aus, als sich mir die erste Gelegenheit dazu bot.

Seitdem sind viele Jahre vorübergegangen, aber ich habe keine Minute

verstreichen lassen, den unsichtbaren Wurzeln jenes Krautes nachzuspüren,

an denen die Menschheit krankt, und sie aus meinem Herzen zu tilgen. Ich

habe vorhin gesagt, daß von der Stunde an, da ich zur Klarheit erwachte,

ein 'Wunder' nach dem andern meinen Pfad kreuzte, doch ich bin fest

geblieben: kein Irrlicht mehr hat mich in den Sumpf gelockt.

Als ich anfing, Altertümer zu sammeln, -- alles, was Sie hier im Zimmer

sehen, stammt aus jener Zeit, -- war so manches darunter, das mich an die

dunkeln Riten gnostischen Ursprungs gemahnte und an das Jahrhundert der

Kamisarden; selbst der Saphirring hier an meinem Finger -- er trägt

seltsamerweise als Wappen einen Sturmhut, das Emblem der blauen Mönche, --

kam zufällig, als ich den Vorrat eines Tabulettkrämers durchstöberte, in

meine Hände: es hat mich nicht einen Augenblick erschüttern können. Und

als mir eines Tages ein Freund den Globus hier -- denselben Globus, den

ich aus dem Kloster geraubt und verkauft hatte, die Reliquie des Kardinals

Napellus --, als Geschenk ins Haus schickte, mußte ich hell auflachen, als

ich ihn wiedererkannte, über diese kindische Drohung eines albernen

Schicksals.

Nein, hier herauf zu mir in die klare, dünne Luft der Firnenwelt soll das

Gift des Glaubens und der Hoffnung nicht mehr dringen, in diesen Höhen

kann der blaue Sturmhut nicht gedeihen. An mir ist der Spruch in einem

neuen Sinn zur Wahrheit geworden: Wer in die Tiefe forschen will, muß auf

die Berge steigen.

Darum gehe ich nie wieder hinunter in die Niederungen. Ich bin genesen;

und wenn die Wunder aller Engelswelten mir in den Schoß fielen, ich würfe

sie von mir wie verächtlichen Tand. Soll das Akonit eine giftige Arznei

bleiben für die Siechen am Herzen und die Schwachen in den Tälern, -- ich

will hier oben leben und sterben im Angesicht des starren diamantnen

Gesetzes unwandelbarer Naturnotwendigkeiten, das kein dämonischer Spuk

durchbrechen kann. Ich werde weiter loten und loten, ohne Ziel, ohne

Sehnsucht, froh wie ein Kind, das sich genügen läßt am Spiel und noch

nicht verpestet ist an der Lüge: das Leben hätte einen tieferen Zweck, --

-- werde loten und loten, -- aber, so oft ich auf Grund stoße, wird's mir

wie ein Jubelruf klingen: es ist immer wieder nur die Erde, die ich

berühre, und nichts als die Erde, -- dieselbe stolze Erde, die das

heuchlerische Licht der Sonne kalt zurückwirft in den Weltraum, die Erde,

die sich außen und innen getreu bleibt, so wie dieser Globus, das letzte

jämmerliche Erbstück des großen Herrn Kardinals Napellus, dummes Holz ist

und bleibt, außen und innen.

Fledermäuse: Sieben Geschichten · 第 7 / 9 段