»Ich? I -- ich? Was denken Sie von mir, Herr Lämmergeier!« leugnete der

Hamster in seiner Angst, möglicherweise einen Russen vor sich zu haben,

drauflos. »Ich mosaisch? Im Gegenteil, ich war doch zehn Jahr lang

Schabbesgoj bei einer zwar jüdischen, aber armen Familie!«

Nachdem der Lämmergeier sich noch eingehend über alles Mögliche erkundigt

und insbesondere seiner hohen Freude Ausdruck verliehen, daß es im

Städtchen keinerlei wie immer geartete Nachtlokale gab, entließ er den

Ärmsten, der von beständiger Furcht inzwischen beinahe den Veitstanz

bekommen hätte, und begab sich auf die Suche nach einer Wohnung.

Das Glück lächelte ihm, und noch ehe die Nacht hereinbrach, war es ihm

gelungen, auf dem Marktplatz einen schmucken Laden mit anstoßender Kammer

sowie Nebenräumen, die alle ihre eigenen Ausgänge hatten, zu mieten.

* * *

Friedlich flossen Tage und Wochen dahin, die Bürgerschaft hatte ihre

Besorgnisse längst fahren lassen, und fröhliches Gemurmel belebte wiederum

von früh bis spät die Straßen.

Fein säuberlich mit Rundschrift auf ein Brett geschrieben stand über dem

neuen Laden zu lesen:

Krawattengeschäft in allen Farben,

ausgeübt

von

Amadeus Knödlseder.

(Braune Rabattmarken.)

und gaffend staute sich die Menge vor den ausgestellten Herrlichkeiten.

Früher, wenn die Wildenten -- protzig, daß ihnen die Natur so schöne

grünschillernde Halsbinden geschenkt -- in Schwärmen vorübergezogen kamen,

hatte jedesmal Verstimmung und Bitterkeit im Orte geherrscht -- wie anders

war das jetzt geworden! Wer halbwegs auf Rang und Ansehen hielt, besaß

einen Schlips von primissima Qualität, aber noch viel, viel greller. Da

gab's rote und blaue, dieser trug einen gelben, jener einen gewürfelten,

und gar der Herr Bürgermeister, der hatte einen so langen, daß er sich

beim Gehen beständig mit den Vorderpfoten dreinverwickelte.

Die Firma Amadeus Knödlseder war in aller Munde, und der Inhaber galt als

Vorbild für sämtliche Untertanentugenden. Sparsam, fleißig, erwerbsfreudig

und mäßig (er trank bloß Limonade).

Tagsüber bediente er vorn im Laden die Kundschaft: nur zuweilen führte er

besonders wählerische Käufer in das rückwärtige Zimmer, wo er dann

auffallend lang zu verweilen pflegte, wahrscheinlich um Eintragungen im

Hauptbuch vorzunehmen; wenigstens hörte man ihn in solchen Fällen oft und

laut rülpsen -- bei Kaufleuten seiner Branche stets ein Zeichen

angestrengter, geistiger Tätigkeit.

Daß der betreffende Käufer das Geschäft niemals wieder durch das vordere

Lokal verließ, war nicht weiter befremdlich. Gab es doch so viele

rückwärtige Ausgänge!

In den Stunden nach Feierabend liebte es Amadeus Knödlseder, auf einem

steilen Schroffen zu sitzen und schwärmerische Weisen auf der Schalmei zu

blasen, bis er die heimlich Angebetete seines Herzens -- ein ältliches

Gemsenfräulein mit Hornbrille und schottischem Plaid -- auf dem schmalen

Felsenbande gegenüber einhertrippeln sah. Dann grüßte er stumm und

ehrerbietig. Und sie dankte mit züchtigem Neigen des Köpfchens. Man

munkelte bereits, die beiden würden ein Paar werden, und alle, die um die

zarten Beziehungen wußten, konnten sich nicht genugtun in Ausrufen der

Bewunderung, wie erfreulich es doch sei, die segensreiche Wirkung

gesitteten Lebenswandels selbst bei einem erblich so schwer belasteten

Individuum, wie es ein Lämmergeier naturgemäß sein mußte, mit eigenen

Augen ansehen zu dürfen.

Daß trotzdem keine rechte Freude unter den Bewohnern des

Murmeltierstädtchens einziehen wollte, war lediglich dem ebenso

befremdenden wie betrüblichen Umstande zuzuschreiben, daß die Zahl der

Bürgerschaft auf erschreckende Weise und ohne ersichtlichen Grund abnahm,

sozusagen von Woche zu Woche abnahm. Fast keine Stunde verging, ohne daß

nicht irgendein Familienmitglied als »vermißt« gemeldet wurde. Man riet

auf dies, man riet auf jenes, man wartete -- aber niemals kehrte eines der

Verschollenen jemals wieder.

Eines Tages fehlte sogar -- das Gemsenfräulein! Man fand ihr

Riechfläschchen auf dem Felsenbande; sie selbst mußte infolge eines

Schwindelanfalles verunglückt sein.

Amadeus Knödlseders Schmerz kannte keine Grenzen.

Immer wieder und wieder stürzte er sich mit ausgebreiteten Schwingen hinab

in den Abgrund -- wie er sagte, um die Leiche der Teuern zu suchen. Oder

er saß in der Zwischenzeit, einen Zahnstocher im Schnabel, unverwandt in

die Tiefe starrend am Rande der Schlucht.

Sein Krawattengeschäft vernachlässigte er ganz und gar. -- -- --

Da, eines Nachts, enthüllte sich Schreckliches! Der Besitzer des Hauses,

in dem der Lämmergeier wohnte, -- ein alter mürrischer Murmler, --

erschien auf der Polizei und verlangte die sofortige zwangsweise Öffnung

des Ladens, sowie die Beschlagnahme der darin befindlichen Waren seines

Mieters, da er nicht länger gesonnen sei, auf Zahlung des schuldigen

Zinses zu warten.

»Hm! Seltsam. Herr Knödlseder sollte die Miete nicht gezahlt haben?« --

der Beamte mochte es gar nicht glauben -- und ob Herr Knödlseder denn

nicht zu Hause sei? Man brauche ihn doch nur zu wecken!

»Der, und zu Hause?« -- der alte Murmler lachte schrill auf -- »der? Der

kommt doch nie vor fünf Uhr früh heim und dann jedesmal schwer besoffen!«

»So?! Besoffen?!« -- der Beamte gab seine Befehle.

Der erste Morgenschein zog bereits herauf, und noch immer arbeiteten die

Schergen schweißtriefend an dem schweren Vorhängschloß, das den

rückwärtigen Teil des Krawattenladens versperrte.

Eine aufgeregte Menge flutete auf dem Marktplatz hin und her.

»Schuldbare Krida!« -- »Nein: Wechselreiterei«, lief es von Schnauze zu

Schnauze.

»Tj, schuldbare Krida! -- Ihnen gesaaagt! Tj. Ich versteh immer:

schuldbare Krida?« höhnte gestikulierend der greise Hamster, der sich

ebenfalls eingefunden hatte, dazwischen; -- es war das erstemal seit jenem

schreckhaften Zusammentreffen mit Knödlsedern, daß er sich wieder in der

Öffentlichkeit zeigte.

Die allgemeine Unruhe wuchs und wuchs.

Selbst die feinen Murmeltierdämchen, die, in kostbare Pelze gehüllt, nach

Hause fuhren von Lustbarkeit und Mummenschanz, ließen halten, reckten die

Hälschen und fragten, was es gäbe.

Plötzlich ein Krachen: die Türe war dem Drucke gewichen. Grauenvoll, was

sich da den Blicken bot!

Ein bestialischer Gestank entströmte der geöffneten Kammer, und wohin sich

das Auge wandte: ausgespienes Gewöll, fast bis zur Decke hinauf abgenagte

Knochen, Gebein auf den Tischen, Gebein auf den Regalen, selbst in den

Schubladen und im Geldschrank: Gebein und Gebein.

Entsetzen lähmte die Menge; jetzt war mit einem Schlage klar, wohin alle

die Vermißten gekommen waren. Knödlseder hatte sie gefressen und ihnen die

verkaufte Ware wieder abgenommen -- ein zweiter »Juwelier Cardillac« im

Roman des Fräuleins von Scuderi!

»Nu, was i i -- is mit der schuldbaren Krida? Waas?« höhnte schon wieder

der Hamster. Man umringte ihn und staunte ihn an, daß er so klug gewesen

und sich und seine Familie ferngehalten hatte von dem Verkehr mit dem

tückischen Mordbuben.

»Wie konnte es nur sein, Herr Kommerzienrat,« riefen alle durcheinander,

»daß Sie allein ihm mißtrauten? Man _mußte_ doch annehmen, er habe sich

gebessert und -- -- --«

»Ä Lämmergeier und sich bessern?!« rief höhnisch der Hamster, drückte die

Fingerspitzen zusammen, als hielte er eine Prise Salz darin und bewegte

sie vor den Augen seiner Zuhörer ausdrucksvoll hin und her: »was ämol ä

Lämmergeier is, is ä Lämmergeier und bleibt ä Lämmergeier und wird ä

Lämmergeier bleiben, bis -- --« er kam nicht weiter: laute menschliche

Stimmen näherten sich. Touristen!

Im Nu waren sämtliche Murmeltiere verschwunden.

Er auch.

»Herrlich! Zückend! So'n Sonnenaufgang! Achch!« schrillte die eine

Menschenstimme. Sie gehörte einer spitznasigen, idealgesinnten Jungfrau

an, die gleich darauf, an ihren Bergstock geschmiegt, das Hochplateau

betrat, den Busen wogend, so gut es gehen wollte, und die treuherzigen

Augen rund und offen wie Spiegeleier. Nur nicht so gelb! (Sondern

veilchenblau): »achch! Nu, im Angesicht der 'zückenden Natua -- wo allens

so schön ist -- dürfen Se auch nich mehr sagen, Herr Klempke, was Se unten

im Tale üwah das italien'sche Volk gesacht haben. Sie werden sehen, wenn

der Kriech ma' vorüwer ist, werden die Italienah die ersten sein, die

komm' und uns die Hand hinstrecken und sagen:

'Liewes Deutschland, verzeih uns, awa wir haben uns -- gebessert.'«

J. H. Obereits Besuch bei den Zeit-egeln

Mein Großvater liegt auf dem Friedhof des weltvergessenen Städtchens

Runkel zur ewigen Ruhe bestattet. Auf einem dicht mit grünem Moos

bewachsenen Grabstein stehen unter der verwitterten Jahreszahl, in ein

Kreuz gefaßt und so frisch im Golde glänzend, als seien sie erst gestern

gemeißelt worden, die Buchstaben:

V | I

--+--

V | O

»#Vivo#« das heißt: »ich lebe«, bedeute das Wort, sagte man mir, als ich

noch ein Knabe war und das erstemal die Inschrift las, und es hat sich mir

so tief in die Seele geprägt, als hätte es der Tote selbst aus der Erde zu

mir empor gerufen.

#Vivo# -- ich lebe, -- ein seltsamer Wahlspruch für ein Grabmal!

Er klingt heute noch in mir wider, und wenn ich daran denke, wird mir wie

einst, als ich davor stand: ich sehe im Geist meinen Großvater, den ich

doch niemals im Leben gekannt, da unten liegen, unversehrt, die Hände

gefaltet und die Augen, klar und durchsichtig wie Glas, weit offen und

unbeweglich. Wie einer, der mitten im Reiche des Moders unverweslich

zurückgeblieben ist und still und geduldig wartet auf die Auferstehung.

Ich habe die Friedhöfe so mancher Stadt besucht: immer war es ein leiser,

mir unerklärlicher Wunsch, auf einem Grabstein wieder dasselbe Wort zu

lesen, der meine Schritte lenkte, aber nur zweimal fand ich dieses »#vivo#«

wieder, -- einmal in Danzig, und einmal in Nürnberg. In beiden Fällen

waren die Namen ausgetilgt vom Finger der Zeit; in beiden Fällen leuchtete

das »#vivo#« hell und frisch, als sei es selber voll des Lebens.

Von jeher nahm ich als erwiesen hin, daß, wie man mir schon als Kind

gesagt, mein Großvater keine Zeile von seiner Hand hinterlassen habe, um

so mehr erregte es mich, als ich vor nicht langer Zeit in einem

versteckten Fache meines Schreibtisches, unseres alten Erbstückes, auf

ein ganzes Bündel Aufzeichnungen stieß, die offenkundig von ihm

geschrieben waren.

Sie lagen in einer Mappe, auf der der sonderbare Satz zu lesen stand: »Wie

will der Mensch dem Tod entrinnen, es sei denn, daß er nicht warte noch

hoffe.« Sofort flammte das Wort »#Vivo#« in mir auf, das mich mein ganzes

Leben hindurch wie ein lichter Schein begleitet hatte und nur weilenweis

schlafen gegangen war, um, bald in Träumen, bald in Wachen, ohne äußeren

Anlaß, wieder und wieder neu in mir zu werden. Wenn ich zuzeiten geglaubt,

es könne Zufall gewesen sein, daß jenes vivo auf den Grabstein kam, --

eine Inschrift, der Wahl des Pfarrers überlassen, -- so wurde mir, als ich

den Sinnspruch auf dem Buchdeckel gelesen, zu voller Gewißheit, es müsse

sich dabei um eine tiefere Bedeutung handeln, um etwas, was vielleicht das

ganze Dasein meines Großvaters erfüllt hatte.

Und was ich weiter las -- in seinem Nachlaß -- bestärkte mich in meiner

Ansicht von Seite zu Seite.

Es stand zu viel von privaten Beziehungen darin, als daß ich es fremden

Ohren enthüllen dürfte, und so mag es genügen, daß ich flüchtig nur das

berühre, was zu meiner Bekanntschaft mit Johann Hermann Obereit führte und

mit dessen Besuch bei den Zeit-egeln im Zusammenhang steht.

Wie aus den Aufzeichnungen hervorging, gehörte mein Großvater der

Gesellschaft der »Philadelphischen Brüder« an, ein Orden, der mit seinen

Wurzeln zurückreicht bis ins alte Ägypten und den sagenhaften Hermes

Trismegistos seinen Begründer nennt. Auch die »Griffe« und Gesten, an

denen die Mitglieder einander erkannten, waren ausführlich erklärt. --

Sehr oft kam der Name Johann Hermann Obereit, eines Chemikers, der mit

meinem Großvater eng befreundet gewesen schien und in Runkel gelebt haben

mußte, vor, und da es mich interessierte, Näheres über das Leben meines

Vorfahren und die dunkle weltabgewandte Philosophie, die aus jeder Zeile

seiner Briefe sprach, zu erfahren, beschloß ich nach Runkel zu reisen, um

dort zu erkunden, ob nicht vielleicht Nachkommen des erwähnten Obereit

existierten und eine Familienchronik vorhanden sei. -- -- -- -- -- -- --

Man kann sich nichts Traumhafteres denken als jenes winzige Städtchen, das

wie ein vergessenes Stück Mittelalter mit seinen krummen, totenstillen

Gassen und dem grasdurchwachsenen buckligen Pflaster zu Füßen des

Bergschlosses Runkelstein, dem Stammsitz der Fürsten von Wied, unbekümmert

den gellenden Schrei der Zeit verschläft.

Schon am frühen Morgen zog es mich hinaus zu dem kleinen Friedhof, und

meine ganze Jugend wachte wieder auf, wie ich in dem strahlenden

Sonnenschein von einem Blumenhügel zum andern schritt und mechanisch die

Namen derer von den Kreuzen ablas, die dort unten schlummerten in ihren

Särgen.

Von weitem erkannte ich an der funkelnden Inschrift den Grabstein meines

Großvaters.

Ein alter Mann mit weißem Haar, bartlos, die Züge scharf geschnitten, saß

davor, den Elfenbeingriff seines Spazierstocks ans Kinn gedrückt, und

blickte mich mit merkwürdig lebhaften Augen an, wie jemand, bei dem die

Ähnlichkeit eines Gesichtes allerlei Erinnerungen weckt.

Altmodisch gekleidet, fast in Biedermeiertracht, mit Vatermördern und

schwarzseidner breiter Halsbinde, sah er aus wie ein Ahnenbild aus längst

vergangener Zeit.

Ich war über seinen Anblick, der ganz und gar nicht in die Gegenwart

paßte, dermaßen erstaunt und hatte mich überdies so vergrübelt in all das,

was ich dem Nachlaß meines Großvaters entnommen, daß ich, mir kaum bewußt,

was ich tat, halblaut den Namen »Obereit« aussprach.

»Ja, mein Name ist Johann Hermann Obereit,« sagte der alte Herr, ohne sich

im geringsten zu wundern.

Mir verschlug es fast den Atem, und was ich im Verlauf des sich

entwickelnden Gespräches noch weiter erfuhr, war ebenfalls nicht danach

angetan, meine Überraschung zu vermindern.

Es ist an sich kein alltäglicher Eindruck, einen Menschen vor sich zu

haben, der nicht viel älter scheint, als man selbst ist, und doch

anderthalb Jahrhunderte gesehen hat: -- ich kam mir vor wie ein Jüngling

trotz meiner schon weißen Haare, als wir nebeneinander hergingen und er

mir von Napoleon und andern geschichtlichen Persönlichkeiten, die er

gekannt, erzählte, wie man von Leuten spricht, die erst vor kurzem

gestorben sind.

»In der Stadt gelte ich als mein eigener Enkel,« sagte er lächelnd und

deutete auf einen Grabstein, an dem wir vorüberkamen und der die

Jahreszahl 1798 trug, »von Rechts wegen sollte ich hier begraben liegen;

ich habe das Todesdatum draufschreiben lassen, denn ich wünsche nicht, von

der Menge als moderner Methusalem angestaunt zu werden. Das Wort '#Vivo#'«

fügte er bei, als habe er meine Gedanken erraten, »kommt erst hinzu, wenn

ich wirklich tot bin.« --

Wir schlossen bald enge Freundschaft, und er bestand darauf, daß ich bei

ihm wohnte.

Wohl ein Monat war verflossen und oft saßen wir bis tief in die Nacht in

angeregter Unterhaltung beisammen, aber immer lenkte er ab, wenn ich die

Frage stellte, was wohl der Satz auf der Mappe meines Großvaters: »Wie

will einer dem Tod entrinnen, es sei denn, daß er nicht warte noch

hoffe,« bedeuten möge: eines Abends jedoch, -- der letzte, den wir

zusammen verbrachten (das Gespräch kam auf die alten Hexenprozesse, und

ich vertrat die Ansicht, es müsse sich in solchen Fällen wohl nur um

hysterische Frauenzimmer gehandelt haben), -- unterbrach er mich

plötzlich: »Sie glauben also nicht, daß der Mensch seinen Körper verlassen

kann und, sagen wir mal, nach dem Blocksberg reisen?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Soll ich es Ihnen vormachen?«, fragte er kurz und sah mich scharf an.

»Ich gebe gerne zu,« erklärte ich, »daß die sogenannten Hexen durch den

Gebrauch gewisser narkotischer Mittel in einen Zustand der Entrückung

gerieten und felsenfest glaubten, auf einem Besen durch die Luft zu

fliegen.«

Er dachte eine Weile nach. »Freilich, Sie werden immer sagen, auch ich

bilde es mir nur ein« -- erwog er halblaut und versank wieder in

Nachsinnen. Dann stand er auf und holte vom Bücherbord ein Heft. »Aber

vielleicht interessiert es Sie, was ich hier niedergeschrieben habe, als

ich vor Jahren das Experiment machte? Ich muß vorausschicken, ich war

damals noch jung und voller Hoffnungen« -- ich sah an seinem versinkenden

Blick, daß sein Geist zurückwanderte in ferne Zeiten -- »und glaubte an

das, was die Menschen das Leben nennen, bis es dann Schlag auf Schlag kam:

ich verlor, was einem auf Erden lieb sein kann, mein Weib, meine Kinder,

-- alles. Da führte mich das Schicksal mit Ihrem Großvater zusammen und er

lehrte mich verstehen, was Wünsche sind, was Warten ist, was Hoffen ist,

wie sie miteinander verflochten sind, und wie man diesen Gespenstern die

Maske vom Gesicht reißt. Wir haben sie die 'Zeit-egel' genannt, weil sie,

wie die Blutegel das Blut, uns die Zeit, den wahren Saft des Lebens, aus

dem Herzen saugen. Hier in diesem Zimmer war's, da lehrte er mich den

ersten Schritt auf den Weg tun, auf dem man den Tod besiegt und die Vipern

der Hoffnung zertritt. -- -- -- Und dann« -- er stockte einen Augenblick

-- »ja -- und dann bin ich geworden wie Holz, das nicht fühlt, ob man es

streichelt oder zersägt, ins Feuer oder ins Wasser wirft. Mein Inneres ist

leer seitdem; ich habe keinen Trost mehr gesucht. Habe keinen mehr

gebraucht. Wofür hätte ich ihn suchen sollen? Ich weiß: ich bin, und jetzt

erst lebe ich. Es liegt ein feiner Unterschied zwischen: 'ich lebe' und

'ich lebe'.«

»Sie sagen das alles so einfach, und es ist doch furchtbar!« fiel ich

erschüttert ein.

»Es scheint nur so,« beruhigte er mich lächelnd; »es strömt ein

Glücksgefühl aus der Unbeweglichkeit des Herzens, das Sie sich nicht

träumen lassen. Es ist wie eine ewige süße Melodie, dieses 'ich bin', die

nie mehr erlöschen kann, wenn sie einmal geboren ist, -- weder im Schlaf,

noch, wenn die Außenwelt wieder aufwacht in unsern Sinnen, noch auch im

Tod. -- -- -- -- -- -- -- Soll ich Ihnen sagen, warum die Menschen so früh

sterben und nicht 1000 Jahre leben, wie's in der Bibel steht über die

Patriarchen? Sie sind gleich den grünen Wassertrieben eines Baumes, -- sie

haben vergessen, daß sie zum Stamme gehören, darum verwelken sie im ersten

Herbst. Doch ich wollte Ihnen erzählen, wie ich das erstemal meinen Körper

verließ.

Es gibt eine uralte verborgene Lehre, so alt wie das Menschengeschlecht;

sie hat sich vererbt von Mund zu Ohr bis heutigentags, aber nur wenige

kennen sie. Sie zeigt uns die Mittel, die Schwelle des Todes zu

überschreiten, ohne das Bewußtsein zu verlieren, und wem es gelingt, der

ist von da an Herr über sich selbst: -- er hat ein neues Ich erworben und

was ihm bis dahin als 'Ich' erschienen, ist nur mehr ein Werkzeug, so wie

jetzt Hand oder Fuß unsere Werkzeuge sind.

Herz und Atem stehen still wie bei einer Leiche, wenn der neuentdeckte

Geist auszieht, -- wenn wir 'wegwandern, wie die Israeliten von den

Fleischtöpfen Ägyptens, und zu beiden Seiten die Wasser des Roten Meeres

stehen wie Mauern.' Lange und vielemal mußte ich es üben unter namenlosen,

zermürbenden Qualen, bis es mir endlich gelang, mich vom Leibe loszulösen.

Anfangs fühlte ich mich schweben, so wie wir wohl im Traume zuweilen

glauben fliegen zu können, -- mit angezogenen Knien und ganz leicht, --

aber plötzlich trieb ich in einem schwarzen Strom dahin, der von Süden

nach Norden floß, -- wir nennen es in unserer Sprache das Aufwärtsfließen

des Jordan, -- und sein Brausen klang wie das Rauschen des Blutes im Ohr.

Viele aufgeregte Stimmen, deren Urheber ich nicht sehen konnte, schrien

mich an, ich solle umkehren, bis mich ein Zittern befiel und ich in

dumpfer Angst einer Klippe zuschwamm, die vor mir auftauchte. Im Mondlicht

sah ich ein Geschöpf dortstehen, so groß wie ein halbwüchsiges Kind, nackt

und ohne die Merkmale männlichen oder weiblichen Geschlechtes; es hatte

ein drittes Auge auf der Stirn wie der Polyphem und deutete regungslos in

das Innere des Landes.

Dann schritt ich durch ein Dickicht dahin auf einem glatten, weißen Wege,

doch ich spürte den Boden mit meinen Füßen nicht, und auch, wenn ich die

Bäume und Sträucher ringsum berühren wollte, konnte ich ihre Oberfläche

nicht greifen: immer lag eine dünne Schicht Luft dazwischen, die sich

nicht durchdringen ließ. Ein fahler Glanz wie von faulem Holz bedeckte

alles und machte das Sehen deutlich. Die Umrisse der Dinge, die ich

wahrnahm, schienen locker, molluskenartig aufgeweicht und wunderlich

vergrößert. Junge federlose Vögel mit runden frechen Augen hockten feist

und gedunsen gleich Mastgänsen in einem riesigen Nest und kreischten auf

mich herab; eine Rehkitz, kaum noch fähig zu laufen und doch schon so groß

wie ein völlig entwickeltes Tier, saß träge im Moos und drehte, fett wie

ein Mops, schwerfällig den Kopf nach mir.

Eine krötenhafte Faulheit in jedem Geschöpf, das mir zu Gesichte kam.

Allmählich ging mir die Erkenntnis auf, wo ich mich befand: In einem Land,

so wirklich und wahrhaftig wie unsere Welt und dennoch nur ein Widerschein

von ihr: in dem Reich der gespenstischen Doppelgänger, die sich von dem

Mark ihrer irdischen Urformen nähren, sie ausplündern und selber ins

Ungeheuere wachsen, je mehr sich jene verzehren in vergeblichem Hoffen und

Harren auf Glück und Freude. Wenn auf der Erde jungen Tieren die Mutter

weggeschossen wird, und sie voll Vertrauen und Glauben auf Nahrung warten

und warten, bis sie in Qualen verschmachten, entsteht ihr gespenstisches

Ebenbild auf dieser verfluchten Geisterinsel und saugt wie eine Spinne das

versickernde Leben der Geschöpfe unserer Erde in sich: die im Hoffen

entschwindenden Kräfte des Daseins der Wesen werden hier Form und

wucherndes Unkraut, und der Boden ist geschwängert von dem düngenden Hauch

einer verwarteten Zeit.

Und wie ich weiterwanderte, kam ich in eine Stadt, die voller Menschen

war. Viele von ihnen kannte ich auf Erden, und ich erinnerte mich ihrer

zahllosen fehlgeschlagenen Hoffnungen und wie sie von Jahr zu Jahr

gebeugter gingen und doch die Vampire, -- ihre eigenen dämonischen Iche,

-- die ihnen das Leben und die Zeit fraßen, sich nicht aus dem Herzen

reißen wollten. Hier sah ich sie zu schwammigen Scheusalen aufgebläht, mit

dickem Wanst, die Augen stier und gläsern über den speckverquollenen

Wangen, umherschwabbern.

Aus einem Bankladen mit dem Aushängeschild

Wechselstube _Fortuna_

Jedes Los gewinnt den Haupttreffer

drängte Kopf an Kopf eine grinsende Menge, Säcke von Gold hinter sich

herschleifend, die wulstigen Lippen in sattem Schmatzen verzogen: die zu

Fett und Gallert gewordenen Phantome aller derer, die auf Erden

dahinsiechen in unstillbarem Durst nach Spielergewinn.

Ich trat in eine tempelartige Halle, deren Säulen bis zum Himmel ragten;

darin saß auf einem Thron aus geronnenem Blut ein Ungeheuer mit

Menschenleib und vier Armen, die gräßliche Hyänenschnauze triefend vor

Geifer: der Kriegsgott wilder afrikanischer Stämme, die in ihrem

Aberglauben Opfer darbringen, um den Sieg über die Feinde zu erflehen.

Voll Entsetzen floh ich aus dem Dunstkreis der Verwesung, der die Stätte

erfüllte, zurück in die Straßen und blieb voll Staunen vor einem Palast

stehen, der an Pracht alles übertraf, was ich jemals gesehen. Und doch kam

mir jeder Stein, jeder First, jede Treppe so seltsam bekannt vor, als

hätte ich in Phantasien einst selber all das erbaut.

Als sei ich unumschränkter Herr und Besitzer des Hauses, stieg ich die

breiten Marmorstufen empor, da las ich auf einem Türschild -- meinen

eigenen Namen:

Johann Hermann Obereit.

Ich trat ein und sah mich selbst im Purpur an einer prunkvollen Tafel

sitzen, von tausend Sklavinnen bedient, und ich erkannte in ihnen alle

die Frauen wieder, die im Leben meine Sinne erfüllt hatten, wenn auch

manche nur für einen flüchtigen Augenblick.

Fledermäuse: Sieben Geschichten · 第 6 / 9 段