»Ich muß immerhin noch einen andern Weg zur Hilfe in Erwägung ziehen,«

beendete halblaut nach längerem unverständlichem Gebärdenspiel

#Dr.# Paupersum irgendeinen offenbar nur gedachten Satz, »das -- das mit

den -- Ambraser Riesen.«

»Ambraser Riesen! Donnerkeil, da sind Sie ja plötzlich bei meinem Thema.

Das ist's doch, was ich von Ihnen wissen möchte!« Der Impresario ließ sich

nicht mehr halten: »Wie verhält sich das mit den Ambraser Riesen? Ich

weiß, Sie haben einmal einen Aufsatz darüber geschrieben. Aber warum

trinken Sie denn nicht, Herr Doktor?! Julius, rasch noch ein Weinglas!«

Sofort war #Dr.# Paupersum wieder ganz Gelehrter.

»Die Ambraser Riesen,« erzählte er trocken, »waren mißgestaltete Menschen

mit ungeheuern Händen und Füßen, und ihr Vorkommen beschränkte sich

ausschließlich auf das Tiroler Dorf Ambras, was zu der Vermutung Anlaß

gab, es müsse sich dabei um eine seltene Krankheitsform handeln, deren

Erreger an Ort und Stelle zu suchen sei, da er anderwärts offenbar keinen

Nährboden finden könne. Ich aber war der allererste, der nachgewiesen hat,

daß der gewisse Krankheitserreger im Wasser einer dortigen, inzwischen

nahezu versiegten Quelle zu suchen ist, und gewisse Versuche, die ich in

dieser Richtung machte, berechtigten mich, den Beweis an mir selbst in

der Weise anzubieten, daß ich mich anheischig machen kann, nötigenfalls

bereits in wenigen Monaten -- trotz meines vorgeschrittenen Alters -- an

meinem eigenen Körper derartige und noch weit darüber hinausgehende

Mißwachserscheinungen herbeizuführen.«

»Welcher Art zum Beispiel?« fragte der Impresario gespannt.

»Meine Nase würde sich fraglos um eine Spanne ins Rüsselartige verlängern

-- etwa in der Form, die dem amerikanischen Wasserschwein eigentümlich

ist, die Ohren würden sich zu Tellergröße auswachsen, meine Hände hätten

sicherlich schon nach einem Vierteljahr das Ausmaß eines mittleren

Palmenblattes (#Lodoicea Sechellarum#) erreicht, wohingegen meine Füße

leider die Dimensionen eines 100-Liter-Faßdeckels schwerlich übertreffen

würden. Was ferner die immerhin zu erhoffende knollenartige Wucherung der

Knie nach Art des mitteleuropäischen Baumschwammes anbelangt, sind meine

theoretischen Berechnungen noch nicht abgeschlossen, so daß ich eine

wissenschaftliche Garantie nur mit Vorbehalt übernehmen -- --«

»Das genügt! Sie sind mein Mann!« fiel der Impresario atemlos ein. »Bitte,

unterbrechen Sie mich nicht. -- Kurz und gut: Sind Sie willens, das

Experiment an sich zu machen, wenn ich Ihnen ein jährliches Einkommen von

einer halben Million garantiere und einen Vorschuß von ein paar tausend

Mark -- sagen wir -- na, sagen wir: fünfhundert Mark erlege?«

#Dr.# Paupersum war wie betäubt. Er schloß die Augen. Fünfhundert Mark! --

Ja, gab's denn überhaupt so viel Geld auf der Welt!

Ein paar Minuten lang sah er sich bereits in ein vorsintflutliches Ungetüm

mit langem Rüssel verwandelt, hörte im Geiste einen Neger, grell als

Jahrmarktsbudenausrufer gekleidet, in eine bierschwitzende Menge

hinabkreischen: »Nurr herreinspaziert, meine Herrschaften, -- das größte

Scheusal des Jahrhunderts für lump'je zehn Fenn'je!« -- -- Dann aber sah

er seine liebe, liebe Tochter voll blühender Gesundheit, in weiße Seide

reich gekleidet, mit dem Myrtenkranz als Braut vor dem Altare selig knien

-- und die ganze Kirche war strahlend erhellt -- und von dem

Muttergottesbild ging ein Glanz aus -- und -- und -- einen Augenblick

krampfte sich ihm wohl das Herz zusammen: er selbst mußte sich hinter

einem Pfeiler verborgen halten, er durfte seine Tochter ja nie mehr

küssen, sich nicht einmal von weitem sehen lassen, um ihr seinen Segen

zuzuwinken, -- er, er, das grauenhafteste Monstrum der Erde! Denn er hätte

doch sonst den Bräutigam verscheucht! Und er würde fortan in der Dämmerung

leben müssen, wie ein lichtscheues Tier, sich bei Tag sorgfältig verborgen

halten, -- aber was lag an all dem! Plunder! Kleinigkeiten! Wenn nur seine

Tochter wieder gesund werden kann! Und glücklich! Und reich! -- Eine

stumme Verzückung kam über ihn. -- Fünfhundert Mark! Fünf -- hundert --

Mark! -- --

Der Impresario, der das lange Schweigen des Gelehrten als

Unentschlossenheit deutete, fing an, seine ganze Überredungskunst

aufzubieten: »Herr Doktor! So hören Sie doch! Sie treten ja Ihr Glück mit

Füßen, wenn Sie 'nein' sagen! Ihr ganzes Leben war bisher verfehlt. Und

warum? Sie haben Ihren Verstand vollgepfropft mit lauter Lernen. Lernen

ist doch Blödsinn. Schauen Sie mich an: hab' ich vielleicht was gelernt?

Das Lernen können sich Leute leisten, die wo von Haus aus schon reich sind

-- und die haben's dann eigentlich erst recht net nötig. -- Der Mensch muß

demütig sein und -- dumm, sozusagen, dann hat ihn die Natur gern. Die

Natur ist doch auch dumm. Haben Sie schon einmal g'sehn, daß ein dummer

Mensch zugrund' 'gangen is? -- Sie hätten von Anfang an die Talente

dankbar entwickeln sollen, die Ihnen das Schicksal als Geschenk in die

Wiege gelegt hat. Oder haben Sie sich 'leicht noch nie in den Spiegel

geschaut? Wer so aussieht wie Sie, selbst jetzt, wo Sie noch kein Ambraser

Trinkwasser eing'nommen haben, hätt' sich schon längst als Clown eine

solide Existenz gründen können, -- Gott, die Fingerzeige der gütigen

Mutter Natur sind doch so blitzeinfach zu verstehen. Oder fürchten Sie

sich 'leicht, als Monstrosität keine Ansprache zu haben? Ich kann Ihnen

nur sagen, ich hab' schon ein stattliches Angsambel beisammen. Und lauter

Leute aus den besten Kreisen. -- Da hab' ich zum Beispiel einen alten

Herrn, der wo ohne Arme und Beine geboren worden ist. Den führ' ich

demnächst Ihrer Majestät der Königin von Italien als belgischen Säugling

vor, den die deutschen Generäle verstümmelt haben.«

#Dr.# Paupersum hatte nur die letzten Worte klar erfaßt. »Was reden Sie

da für Zeug zusammen?« fuhr er unwirsch auf. »Erst sagen Sie, der Krüppel

sei ein alter Herr, und dann wollen Sie ihn als belgischen Säugling

vorstellen!«

»Das erhöht doch gerade den Reiz!« widersprach der Impresario; »ich

behaupte ganz einfach, er sei so rapid gealtert -- aus Gram, weil er hat

zuschauen müssen, wie ein preußischer Ulan seine Mutter bei lebendigem

Leib aufgefressen hat.«

Der Gelehrte wurde unsicher; die Schlagfertigkeit des andern war zu

verblüffend. »Na gut, meinetwegen. Aber sagen Sie mir vor allem: Wie

gedenken Sie mich zur Schau zu stellen, bis ich erst einen Rüssel habe,

Füße wie ein Faßdeckel und so weiter?«

»Blitzeinfach! -- Ich schmuggle Sie mit falschem Paß über die Schweiz nach

Paris. Dort kommen Sie in einen Käfig, haben alle fünf Minuten zu brüllen

wie ein Stier und dreimal täglich ein paar lebende Ringelnattern zu essen

(die Sache kriegen wir schon, es hört sich nur ein bissel grausig an).

Abends ist dann Galavorstellung: ein Turko zeigt, wie er Sie in den

Urwäldern Berlins mit dem Lasso eingefangen hat. Und draußen auf einem

Plakat steht: Dieses ist ein garantiert echter deutscher Professor (und

das ist doch die Wahrheit; zu einem Schwindel gebe ich meine Hand nicht

her), das erstemal lebend nach Frankreich gebracht! -- und so weiter.

Übrigens wird mein Freund d'Annunzio den Text gern verfassen, der findet

den richtigen poetischen Schwung schon.«

»Was aber, wenn inzwischen der Krieg beendet ist?« gab der Gelegte zu

bedenken, »wissen Sie, bei meinem Pech -- -- --«

Der Impresario lächelte: »Seien Sie unbesorgt, Herr Doktor; die Zeit, wo

ein Franzose nicht alles glaubt, was gegen die Deutschen spricht, kommt

nie. Auch in tausend Jahren nicht.« -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

War das ein Erdbeben gewesen? Nein, -- nur der Pikkolo hatte seinen

Nachtdienst im Café angetreten und als musikalisches Vorspiel ein

Kredenzblech mit Wassergläsern heruntergeschmissen.

#Dr.# Paupersum blickte verstört umher. Die Göttin von »Über Land und Meer«

war verschwunden und statt ihrer hockte ein alter unverbesserter

Gewohnheits-Theaterkritiker auf dem Sofa, »verriß« im Geiste eine

Premiere, die nächste Woche stattfinden sollte, tupfte mit nassem

Zeigefinger ein paar Semmelbrösel vom Tisch, zernagte sie mit den

Vorderzähnen und schnitt Iltisgesichter dazu.

Allmählich wurde sich #Dr.# Paupersum darüber klar, daß er selbst

sonderbarerweise mit dem Rücken gegen das Lokal saß -- vermutlich die

ganze Zeit über so gesessen hatte -- und alles, was er mit dem Auge

erlebt, in dem großen Wandspiegel vor sich gesehen haben mußte, denn sein

eigenes Gesicht starrte ihn jetzt nachdenklich an. -- Der Weltmann war

auch noch da, fraß auch wirklich kalten Lachs -- mit dem Messer natürlich

--, aber er saß ganz drüben im Winkel und nicht hier am Tisch.

»Wie bin ich eigentlich ins Café Stefanie gekommen?« fragte sich der

Gelehrte.

Er konnte sich nicht entsinnen.

Dann legte er sich langsam zurecht: Es kommt von dem ewigen Hungern, und

wenn man andere Lachs essen sieht und Wein dazu trinken. Mein Ich hat sich

eine Weile gespalten. Alte Sache das und ganz natürlich; in solchen Fällen

sind wir mit einem Male wie Zuschauer im Theater und doch auch

gleichzeitig die Darsteller unten auf der Bühne. Und die Rollen, die wir

spielen, setzen sich zusammen aus dem, was wir einst gelesen und gehört

und heimlich -- gehofft haben. Ja, ja, die Hoffnung ist ein grausamer

Dichter! Wir malen uns da Gespräche aus, die wir zu erleben glauben, sehen

uns Gebärden machen, bis die Außenwelt fadenscheinig wird und unsere

Umgebung zu anderen trügerischen Formen gerinnt. Selbst die Sätze, die in

unserem Hirn geboren werden, denken wir nicht mehr wie sonst; sie sind mit

Phrasen und Begleitbemerkungen umhüllt wie in einer Novelle. -- Ein

seltsames Ding, dieses »Ich«! Es fällt zuweilen auseinander wie ein Bündel

Ruten, von dem man die Schnur löst ... -- und wieder ertappte sich #Dr#.

Paupersum dabei, daß seine Lippen murmelten: »Wie bin ich eigentlich ins

Café Stefanie gekommen?«

Plötzlich zerriß ein Jubelschrei in seinem Innern alles Grübeln: »Ich habe

doch eine Mark gewonnen im Schachspiel. Eine ganze Mark! Jetzt ist ja

alles gut; mein Kind kann wieder gesund werden. Rasch eine Flasche roten

Wein, und Milch, und -- -- --.«

In wilder Aufregung durchwühlte er seine Taschen, da fiel sein Blick auf

den Trauerflor, den er am Ärmel trug, und mit einem Schlage stand die

nackte entsetzliche Wirklichkeit vor ihm: seine Tochter war doch gestern

nacht gestorben!

Er griff mit beiden Händen nach seinen Schläfen -- -- ja, ge--stor--ben.

Jetzt wußte er auch, wieso er ins Café gekommen war -- vom Friedhof, vom

Begräbnis. Am Nachmittag hatten sie sie doch bestattet. Eilig,

teilnahmslos, verdrossen. Weil es so geregnet hatte.

Und dann war er durch die Straßen geirrt, stundenlang, hatte die Zähne

zusammengebissen und krampfhaft auf das Klappen seiner Absätze gehorcht

und dabei gezählt, immer gezählt und gezählt von eins bis hundert und

wieder von vorn, um nicht wahnsinnig zu werden vor Furcht, seine Schritte

könnten ihn gegen seinen Willen nach Hause führen in sein kahles Zimmer

mit dem ärmlichen Bett, in dem sie gestorben, und das jetzt -- leer war.

Irgendwie mußte er dann hier gelandet sein. Irgendwie.

Er hielt sich am Tischrand, um nicht zusammenzubrechen. Abgerissen und

unvermittelt zog es durch sein Gelehrtenhirn: »Hm, ja, ich hätte -- ich

hätte ihr durch Transfusion Blut aus meinen Adern überleiten sollen; --

Blut überleiten sollen -- --« wiederholte er ein paarmal mechanisch; da

schreckte ihn ein Gedanke auf: »Ich kann mein Kind doch nicht allein

lassen -- draußen in der nassen Nacht,« wollte er aufschreien, aber es kam

nur ein leises Winseln aus seiner Brust. -- -- -- -- -- -- --

»Rosen, ein Strauß Rosen war ihr letzter Wunsch gewesen,« scheuchte es ihn

nochmals auf -- -- -- »so kann ich ihr doch wenigstens einen Strauß Rosen

kaufen, ich habe ja eine Mark im Schachspiel gewonnen,« -- er wühlte

wieder in seinen Taschen und eilte hinaus, ohne Hut in die Dunkelheit,

einem letzten winzigen Irrlicht nach.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Am nächsten Morgen fanden sie ihn auf dem Grab seiner Tochter. Tot. Die

Hände tief in die Erde gewühlt. Er hatte sich die Pulsadern

durchschnitten, und sein Blut war hinabgesickert zu der, die da unten

schlief.

Auf seinem weißen Gesicht aber lag ein Glanz jenes stolzen Friedens, den

keine Hoffnung mehr stören kann.

Amadeus Knödlseder

Der unverbesserliche Lämmergeier

»Knödlseder, schleich dich!« hatte der bayerische Steinadler Andreas

Humplmeier gesagt und das Fleischstück, das des Wärters spendende Hand

durchs Gitter gesteckt, brüsk an sich gerissen.

»Sauviech, verfluachts«, schimpfte, vor Wut außer sich, der hochbetagte,

in der langen Gefangenschaft bereits kurzsichtig gewordene Lämmergeier --

denn dies war der solchergestalt auf geringschätzige Weise Angeredete,

flog auf eine Stange und spuckte dünn nach seinem Widersacher.

Doch Humplmeier ließ sich nicht beirren; den Kopf in die schützende Ecke

gesteckt, verzehrte er das Fleisch, hob nur verächtlich die Schwanzfedern

und höhnte: »Geh her! Kriagst a Watschn.«

Es war nun schon das drittemal, daß Amadeus Knödlseder um sein Abendessen

kam!

»Das geht nicht länger so weiter«, brummte er und schloß die Augen, um

das unverschämte Grinsen des Marabus nebenan im Käfig nicht zu sehen, der

regungslos im Winkel saß und angeblich »Gott dankte«, -- eine

Beschäftigung, der er als heiliger Vogel rastlos obliegen zu müssen

glaubte, »das geht nicht länger so weiter«.

Knödlseder ließ die Ereignisse der verflossenen Wochen im Geiste an sich

vorüberziehen: anfangs, nun ja, da hatte er selbst oft über des

Steinadlers urwüchsige Art lächeln müssen; besonders bei einer

Gelegenheit: in den anstoßenden Raum waren damals zwei engbrüstige,

hochmütige Gesellen -- stelzbeinig wie Störche -- gebracht worden, und der

Steinadler hatte ausgerufen: »Ja, was wär denn jetzt dös? Was seid's denn

ös für welche?«

»Wir sind Jungfernkraniche«, war die Antwort gewesen.

»Wer's glaubt«, hatte der Steinadler zur allgemeinen Heiterkeit gesagt,

aber gar bald kehrte sich die Spottlust des rüden Burschen auch gegen ihn:

So zum Beispiel besprach er sich heimlich einmal mit einem Raben, der bis

dahin ein sehr umgänglicher Kollege gewesen, und sie entwendeten einer

unvorsichtigerweise zu nahe am Gitter vorbeifahrenden Kindsfrau aus deren

Säuglingswagen einen roten Gummischlauch. Dann legten sie den Schlauch in

die Freßmulde, und der Steinadler hatte mit dem Daumen hingedeutet und

gesagt: »Amatöus, da hast du eine Wurscht.« Und er -- er, der bislang

einstimmig als die Zierde des Zoologischen Gartens gegolten, der

hochgeehrte königliche Lämmergeier Knödlseder! -- hatte es geglaubt, war

mit dem Schlauch auf die Stange geflogen, hatte ihn zwischen die Fänge

genommen und mit dem Schnabel daran gezogen und gezogen, bis er selbst

schon ganz lang und dünn geworden und dann war das elastische Zeug

plötzlich gerissen und er nach hinten heruntergefallen, wobei er sich den

Hals scheußlich verrenkte. Unwillkürlich befühlte Knödlseder die noch

immer schmerzende Stelle. Wieder schüttelte ihn ein Wutausbruch, aber er

bezwang sich rasch, um dem Marabu keinen Anlaß zur Schadenfreude zu geben.

Er warf einen raschen Blick hinunter: nein, zum Glück hatte der ekelhafte

Kerl nichts bemerkt -- er saß im Winkel und »dankte Gott«. --

»Heute nacht wird entflohen,« beschloß der Lämmergeier nach längerem Hin-

und Hergrübeln endlich bei sich; »besser die Freiheit mit ihren Sorgen ums

Dasein, als mit diesen Unwürdigen auch nur einen Tag noch beisammen sein!«

-- Ein kurzer Versuch zeigte ihm, daß die Klappe -- oben im Käfig am

Scharnier durchgerostet -- noch immer leicht zu öffnen war, ein Geheimnis,

um das er seit geraumer Zeit schon wußte.

Er zog seine Taschenuhr zu Rate: Neun Uhr! Also mußte es bald finster

werden!

Er wartete noch eine Stunde und packte dann geräuschlos seinen Handkoffer.

Ein Nachthemd, drei Taschentücher (er hielt sie ans Auge: mit A. K.

gemerkt?, ja, es waren die seinigen), sein abgegriffenes Gesangbuch mit

dem vierblättrigen Kleeblatt drin und dann -- eine Träne der Wehmut

feuchtete seine Lider -- das alte liebe Bruchband, das, bunt als

Brillenschlange bemalt, ihm einst Mütterlein zum Osterfeste kurz bevor er

von Menschenhand aus dem Neste genommen worden, zum Spielen geschenkt

hatte. So, das war alles. Zugesperrt und den Kofferschlüssel im Kropfe

geborgen.

»Eigentlich sollte ich mir«, überlegte Knödlseder, »noch vom Herrn

Vorstand ein Leuschnabelzeugnis ausstellen lassen! Man kann nie wissen --

--«; aber er verwarf den Gedanken; nicht mit Unrecht sagte er sich, die

Direktion des Zoologischen Gartens könnte trotz ihrer sprichwörtlichen

Harmlosigkeit seiner Abreise mißbilligend gegenüberstehen. »Nein, lieber

noch ein Stündchen schlafen.«

Schon wollte er den Kopf unter den Flügel stecken, da schreckte ihn ein

Klappern auf. Er horchte. Es war nichts weiter von Bedeutung: der Marabu,

der insgeheim dem Hazard fröhnte, spielte bei Mondenschein unter dem

Schutze der Nacht, »grad ungrad auf Ehrenwort« mit sich selber. Und das

machte er so: er schluckte einen Haufen Kieselsteine und spuckte sie zum

Teil wieder aus; war die Zahl ungrad, hatte er »gewonnen«. Eine Weile sah

der Lämmergeier zu und freute sich mordsmäßig, da der Marabu unausgesetzt

verlor, bis wiederum ein Geräusch, -- diesmal aus dem künstlichen

Zementbaum, der das Innere des Käfigs verschönte, kommend -- seine

Aufmerksamkeit anderweitig in Anspruch nahm. Es war eine Flüsterstimme,

die ihm zuraunte: »Pst, pst, Herr Knödlseder!«

»Ja, was gibts?« antwortete der Lämmergeier ebenso leise und flog lautlos

von seiner Stange herab.

Es war ein Igel, der ihn angeredet hatte, zwar auch ein gebürtiger Bayer,

aber im Gegensatz zu dem widerwärtigen Steinadler ein schlichter biederer

Charakter und rohen Späßen von Grund aus abhold.

»Sie wollen entfliehen«, begann der Igel und wies mit dem Kopf nach dem

gepackten Handkoffer. Einen Augenblick überlegte der Lämmergeier, ob er

dem Sprecher sicherheitshalber nicht den Kragen umdrehen sollte, aber der

offene ehrliche Blick des Wackern entwaffnete ihn. »Kennen S' Ihna denn

aber auch in der Gegend bei München aus, Herr Knödlseder?«

»Nein«, gab der Lämmergeier betroffen zu.

»No, so seg'n S'. Da kann i Ihna rat'n. Also zerscht, bal S' außa kemman:

links ums Eck umi; nacher halten S' Eahna rechterhand. Na seg'n S' scho

selber. Und nacher« -- der Igel machte eine Pause, schüttelte sich aus

seinem Schmalzlerglas eine Prise Tabak auf die Daumengrube und schnupfte

sie zischend auf -- »und nacher pfeilgrad füri, bis S' zu aner Oasn kemman

-- Daglfing hoaßt mer's, na' müass'n S' weiterfrag'n. Und viel Glück auf

d' Reis', Herr Nachbar«, schloß der Igel und verschwand.

* * *

Alles war gut gegangen. Noch vor Tagesgrauen hatte Amadeus Knödlseder

vorsichtig die Gitterklappe geöffnet, schnell das Edelweißhütlein und die

gestickten Hosenträger Humplmeiers, des Steinadlers, der auf seiner Stange

wie eine Brettsäge schnarchte, mit seinen eignen abgetragenen vertauscht

und sich, das Köfferchen in der Linken, in die Lüfte geschwungen. Wohl war

bei dem Geräusch der Marabu aus dem Schlummer erwacht, aber ohne etwas zu

bemerken, denn er hatte sich sofort, noch schlaftrunken, in den Winkel

gestellt und dankte Gott.

»Eine Flachheit ist das!« brummte der Lämmergeier beim Anblick der

träumenden Stadt, wie er durchs rosige Dämmerlicht nach Süden flog, »und

so was nennt sich Kunstmetropole!«

Bald war das liebliche Daglfing erreicht, und Amadeus Knödlseder ließ sich

herab, um, von der ungewohnten Anstrengung erhitzt, eine Maß Bier käuflich

an sich zu bringen.

Gemächlich schlenderte er durch die ausgestorbenen Gassen. Doch weit und

breit kein Ausschank, der so früh schon offen gewesen wäre. Ein einziger

Laden nur, der eine Ausnahme machte: die »Handlung« von Barbara

Mutschelknaus.

Eine Weile musterte der Lämmergeier die bunte Auslage, dann schoß ihm ein

Gedanke durch den Kopf. Entschlossen drückte er auf die Klinke.

* * *

Schon in der Nacht hatte ihn die Sorge gequält, womit er wohl in der

Freiheit sein Dasein fristen sollte. Beute erjagen? Bei _meiner_

Kurzsichtigkeit? hatte er sich gefragt.

Hm. Oder eine kleine Guanofabrik errichten? Dazu gehört in erster Linie

Essen, und zwar viel, sehr viel Essen; #ex nihilo nihil fit#; -- doch jetzt

mit einem Male eröffnete sich ihm ein neuer Plan. Er betrat den Laden.

»Teifi, was is denn jetzt dös für a scheißlichs Viech!« kreischte die alte

Frau Mutschelknaus beim Anblick des sonderbaren frühen Kunden auf; doch

gar bald besänftigte sie sich, als Amadeus Knödlseder ihr freundlich die

Wangen tätschelte und in wohlgesetzter Rede zu verstehen gab, er gedenke

behufs Vervollständigung seiner Reisetoilette umfangreiche Einkäufe zu

machen, wofür hauptsächlich farbige Krawatten aller Arten und Formen in

Betracht kämen.

Durch das joviale Benehmen des Lämmergeiers bestrickt, türmte die Alte

denn auch in Windeseile ganze Berge der prächtigsten Halsbinden auf den

Ladentisch.

Und alles nahm der »gnä Herr« ohne zu feilschen und ließ es in eine große

Pappschachtel packen. Nur einen feuerroten Schlips wählte er selbst aus

mit dem Ersuchen, ihn an seinem langen kahlen Hals zu befestigen, dabei

mit sengendem Blick verführerisch das Liedchen trällernd:

»Ein heißer Kuß von deinem Rosenmundö

erinnert mich

an jenes Morgenrot, hurra;

hurra, hurra!«

»No, die steht Eahna«, rief die Alte selig, als die Krawatte endlich

richtig saß, »und ausschaugn tuan S' (wie ein Schnallentreiber, hätte sie

beinahe gesagt) -- wie ein leibhaftiger Baron.«

»So, nun noch ein Glas Wasser, liebe Frau, wenn ich bitten darf«, flötete

der Lämmergeier.

Dienstbeflissen eilte die Betörte in die rückwärtigen Gefilde des Hauses;

doch kaum war sie dem Blick entschwunden, ergriff Amadeus Knödlseder die

Pappschachtel, stürmte ohne zu zahlen aus dem Laden und schwebte in der

nächsten Minute dem klaren Himmelszelt zu. Wohl gellte alsbald eine Flut

von Verwünschungen seitens der geschädigten Handelsfrau in die Luft, doch

ohne jeglichen Gewissensbiß -- im linken Fang den Handkoffer, rechts die

gefüllte Pappschachtel -- gaukelte der Ruchlose fürbaß durch den blauen

Äther.

Erst spät am Nachmittage -- die scheidenden Strahlen des zur Rüste

gehenden Sonnenballes schickten sich bereits an, die roterglühenden

Alpengipfel zu küssen -- lenkte er seinen Flug erdwärts. Der balsamische

Duft der heimatlichen Bergwelt umfächelte kosend sein Antlitz und trunken

schwelgte das Auge in köstlichem Fernblick.

Melodisch klang aus grünenden Triften der schwermütige Gesang der

Hirtenknaben empor zum schwindelnden Firn, gar lieblich durchflochten von

dem Silberschall der heimziehenden Herden. Von dem richtigen Instinkt des

Sohnes der Lüfte geleitet, erkannte Amadeus Knödlseder gar bald zu seiner

Freude, daß ein günstiges Schicksal wohlwollend seine Schwingen gelenkt

und ihn in die Nähe eines wohlhabenden Murmeltierstädtchens geführt hatte.

Wohl suchten die Bewohner sofort bei seinem Erscheinen den schützenden

Herd auf und schlossen die Türen, aber rasch legte sich ihre Furcht, als

sie sahen, daß Knödlseder einem greisen Hamster, der in der Ortschaft ein

Getreidegeschäft leitete und nimmer schnell genug hatte fliehen können,

nicht nur kein Haar krümmte, vielmehr ehrerbietig vor ihm den Hut zog, um

Feuer bat und sich nach einer Herberge erkundigte.

»Sie sind gewiß kein Hiesiger, nach dem Dialekt zu schließen?«, fragte er,

leutselig ein längeres Gespräch anknüpfend, als ihm der Hamster, vor

Zittern kaum der Rede fähig, die gewünschte Auskunft erteilt hatte.

»Nein, nein«, stotterte der alte Herr.

»Wohl aus dem Süden?«

»Nein. Aus -- aus Prag.«

»Demnach mosaischen Glaubensbekenntnisses, wie?« forschte Amadeus

Knödlseder und drückte lächelnd ein Auge zu.

Fledermäuse: Sieben Geschichten · 第 5 / 9 段