ihm eifrig zu.
'Ich will es mir überlegen', antwortete er endlich.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Es war noch tiefe Nacht, da weckte er mich in meinem Zelt. Er sei bereit,
sagte er.
Er hatte zwei unserer zottigen Mongolenpferde, die nicht viel höher sind
als große Hunde, gesattelt, und wir ritten hinein in die Finsternis.
Die Leute meiner Karawane lagen um die verglimmenden Reisigfeuer herum in
festem Schlaf. Stunden vergingen und wir wechselten kein Wort; der
eigentümliche Moschusgeruch, den die tibetischen Steppen in Julinächten
auszuströmen pflegen, und das eintönige Zischen des Ginsters, wie die
Beine unserer Pferde hindurchfegten, betäubte mich fast, so daß ich, um
wach zu bleiben, unverwandt emporblicken mußte zu den Sternen, die hier in
diesem wilden Hochland etwas Loderndes, Flackerndes haben wie brennende
Papierfetzen. Ein erregender Einfluß geht von ihnen aus, der das Herz mit
Unruhe erfüllt.
Als die Morgendämmerung über die Berggipfel kroch, bemerkte ich, daß die
Augen des Tibeters weit offen standen und ohne zu zwinkern immerwährend
auf einen Punkt am Himmel starrten. -- Ich sah, daß er geistesabwesend
war.
Ob er denn den Aufenthalt des Dugpas so genau kenne, daß er nicht auf den
Weg zu achten brauche, fragte ich ihn ein paarmal, ohne eine Antwort zu
bekommen.
'Er zieht mich, wie der Magnetstein das Eisen anzieht', lallte er
schließlich mit schwerer Zunge wie aus dem Schlaf.
Nicht einmal mittags machten wir Rast, immer wieder trieb er stumm sein
Pferd zu neuer Eile an. Ich mußte im Sattel meine paar Stücke gedörrtes
Ziegenfleisch verzehren.
Gegen Abend hielten wir, um den Fuß eines kahlen Hügels biegend, in der
Nähe eines jener fantastischen Zelte, wie man sie im Bhutan zuweilen zu
Gesicht bekommt. Sie sind schwarz, oben spitz, unten sechseckig mit
aufwärts gebauchten Rändern und stehen auf hohen Stelzen, sodaß sie einer
riesigen Spinne gleichen, die mit dem Bauch die Erde berührt.
Ich hatte erwartet, einen schmutzigen Schamanen mit verfilztem Haar und
Bart zu treffen, eines der wahnsinnigen oder epileptischen Geschöpfe, die
unter den Mongolen und Tungusen häufig sind, die sich mit dem Absud von
Fliegenschwämmen betäuben und dann Geister zu sehen glauben oder
unverständliche Prophezeiungen ausstoßen; statt dessen stand da --
unbeweglich -- ein Mann vor mir, gut sechs Fuß hoch, auffallend schmal im
Wuchs, bartlos, das Gesicht olivgrünlich schimmernd, von einer Farbe, wie
ich sie noch nie bei einem Lebenden gesehen, die Augen schräg und
unnatürlich weit auseinander. Der Typus einer mir vollkommen fremden
Menschenrasse.
Seine Lippen, gleich der Gesichtshaut faltenlos wie aus Porzellan, waren
scharfrot, messerdünn und so stark geschwungen -- besonders an den weit
empor gezogenen Mundwinkeln -- wie unter einem erbarmungslosen erstarrten
Lächeln, daß sie aussahen, als seien sie aufgemalt.
Ich konnte den Blick nicht von dem Dugpa wenden -- lange nicht -- und wenn
ich jetzt daran zurückdenke, möchte ich fast sagen: ich kam mir vor wie
ein Kind, dem der Atem stehenbleibt vor Entsetzen beim Anblick einer
plötzlich aus dem Dunkel auftauchenden grauenhaften Maske.
Auf dem Kopf trug der Dugpa eine glattanliegende scharlachrote Kappe ohne
Rand; im übrigen bis zu den Knöcheln einen kostbaren Pelz aus orangegelb
gefärbtem Zobel.
Er und mein Führer sprachen kein Wort mitsammen, ich nehme jedoch an, daß
sie sich durch heimliche Gesten verständigt haben, denn ohne zu fragen,
was ich von ihm wolle, sagte der Dugpa plötzlich und unvermittelt, er sei
willens mir zu zeigen, was immer ich wünsche, doch müsse ich ausdrücklich
alle Verantwortung, auch wenn ich sie nicht kennte, übernehmen.
Ich erklärte mich -- natürlich -- sofort bereit.
Ich solle zum Zeichen dafür mit der linken Hand die Erde berühren,
verlangte er.
Ich tat es.
Schweigend ging er sodann eine Strecke voraus und wir folgten ihm, bis er
uns niedersitzen hieß.
Es war eine tischähnliche Bodenerhebung, an deren Rand wir uns lagerten.
Ob ich ein weißes Tuch bei mir trüge?
Ich suchte vergeblich in meinen Taschen, fand aber nur im Rockfutter eine
alte, verblaßte, zusammenlegbare Karte von Europa (ich hatte sie offenbar
die ganze lange Zeit meiner Asienreise bei mir getragen), breitete sie
zwischen uns aus und erklärte dem Dugpa, die Zeichnung sei ein Bild meinem
Heimat.
Er wechselte einen raschen Blick mit meinem Führer, und wieder sah ich auf
dem Gesicht des Tibeters jenen Ausdruck haßerfüllter Bosheit aufleuchten,
der mir schon am Abend vorher aufgefallen war.
Ob ich den Grillenzauber zu sehen wünschte?
Ich nickte und war mir im Augenblick klar, was kommen würde: ein bekannter
Trick -- das Hervorlocken von Insekten aus der Erde durch Pfeifen oder
dergleichen.
Richtig, ich hatte mich nicht getäuscht; der Dugpa ließ ein leises,
metallenes Zirpen hören (mit einem kleinen, silbernen Glöckchen, das sie
versteckt bei sich tragen, machen sie das), und sofort kamen aus ihren
Schlupfwinkeln im Boden eine Menge Grillen und krochen auf die helle
Landkarte.
Immer mehr und mehr.
Unzählige.
Ich hatte mich schon geärgert, wegen eines läppischen Kunststückes, das
ich bereits in China oft genug gesehen hatte, einen so mühvollen Ritt
unternommen zu haben, aber was sich mir jetzt darbot, entschädigte mich
reichlich: Die Grillen waren nicht nur eine wissenschaftlich ganz neue
Spezies -- daher an und für sich schon interessant genug -- sie benahmen
sich auch höchst absonderlich. Kaum hatten sie nämlich die Landkarte
betreten, liefen sie zuerst planlos im Kreise herum, dann bildeten sie
Gruppen, die einander mißtrauisch musterten. Plötzlich fiel auf die Mitte
der Karte ein regenbogenfarbener Lichtfleck (er stammte von einem
Glasprisma, das der Dugpa gegen die Sonne hielt, wie ich mich rasch
überzeugte), und ein paar Sekunden später war aus den bisher friedlichen
Grillen ein Klumpen sich auf die schauderhafteste Weise gegenseitig
zerfleischender Insektenleiber geworden. Der Anblick war zu ekelhaft, als
daß ich ihn schildern möchte. Das Schwirren der tausend und aber tausend
Flügel gab einen hohen, singenden Ton, der mir durch Mark und Bein ging,
ein Schrillen, gemischt aus so höllischem Haß und grauenvoller Todesqual,
daß ich es nie werde vergessen können.
Ein dicker, grünlicher Saft quoll unter dem Haufen hervor.
Ich befahl dem Dugpa augenblicklich innezuhalten -- er hatte das Prisma
bereits eingesteckt und zuckte nur die Achseln.
Vergebens bemühte ich mich, die Grillen mit einem Stock auseinander zu
treiben: ihre wahnwitzige Mordlust kannte keine Grenzen mehr.
Immer neue Scharen liefen herbei und türmten den zappelnden, scheußlichen
Klumpen höher und höher -- mannshoch.
Auf weite Strecken war der Erdboden lebendig von wimmelnden,
tollgewordenen Insekten. Eine weißliche, aneinandergequetschte Masse, die
sich der Mitte zudrängte, nur von dem einen Gedanken beseelt: morden,
morden, morden.
Einige der Grillen, die halbverstümmelt von dem Haufen herabfielen und
nicht mehr hinaufkriechen konnten, zerfetzten sich selbst mit ihren
Zangen.
Der schwirrende Ton wurde bisweilen so laut und grausig schrill, daß ich
mir die Ohren zuhielt, weil ich es nicht mehr länger glaubte ertragen zu
können.
Gott sei Dank, endlich wurden der Tiere weniger und weniger, die
hervorkriechenden Scharen schienen dünner zu werden und hörten schließlich
ganz auf.
'Was macht er denn noch immer?' fragte ich den Tibeter, als ich sah, daß
der Dugpa keine Miene machte, aufzubrechen, vielmehr angestrengt seine
Gedanken auf irgend etwas zu konzentrieren schien. Er hatte die Oberlippe
hochgezogen, so daß ich seine spitzgefeilten Zähne deutlich sehen konnte.
Sie waren pechschwarz, vermutlich von dem landesüblichen Betelkauen.
'Er löst und bindet', hörte ich den Tibeter antworten.
Trotzdem ich mir beständig vorsagte, daß es ja nur Insekten gewesen waren,
die hier den Tod gefunden hatten, fühlte ich mich doch aufs äußerste
angegriffen und einer Ohnmacht nahe, und die Stimme klang, als käme sie
aus weiter Ferne her: 'Er löst und bindet.'
Ich begriff nicht, was das bedeuten sollte, und begreife es auch heute
nicht; es geschah auch nichts weiter, was auffällig gewesen wäre. Warum
ich trotzdem noch -- vielleicht stundenlang, ich weiß es nicht mehr --
sitzen blieb? Der Wille, aufzustehen, war mir abhanden gekommen, ich kann
es nicht anders nennen.
Allmählich sank die Sonne, und Landschaft und Wolken nahmen jene schreiend
rote und orangegelbe unwahrscheinliche Färbung an, die jeder kennt, der
einmal in Tibet war. Man kann den Eindruck des Bildes nur mit den
barbarisch bemalten Zeltwänden europäischer Menageriebuden, wie man sie
auf Jahrmärkten sieht, vergleichen. --
Ich konnte die Worte nicht loswerden: 'Er löst und bindet'; nach
und nach bekamen sie etwas Schreckhaftes in meinem Hirn; -- in der
Phantasie verwandelte sich der zuckende Grillenhaufen in Millionen
sterbender Soldaten. Der Alp eines rätselhaften, ungeheuerlichen
Verantwortungsgefühls, das für mich um so folternder war, als ich in
mir vergeblich nach seiner Wurzel suchte, würgte mich.
Dann wieder schien es mir, als sei der Dugpa plötzlich verschwunden, und
statt seiner stünde da -- scharlachrot und olivgrün die widerwärtige
Statue des tibetischen Kriegsgottes.
Und ich kämpfte gegen den Anblick, bis ich die nackte Wirklichkeit wieder
vor Augen hatte, aber es war mir nicht genug Wirklichkeit: die Erddünste,
die aus dem Boden stiegen, die zackigen Gletschergipfel der Bergriesen am
fernen Horizont, der Dugpa mit der roten Kappe, ich selbst in meinen halb
europäischen, halb mongolischen Kleidern, dann das schwarze Zelt mit den
Spinnenbeinen, -- alles konnte doch gar nicht wirklich sein! Wirklichkeit,
Phantasie, Vision, was war echt, was Schein? Und mein Denken dazwischen
immer von neuem auseinanderklaffend, wenn die drosselnde Angst vor dem
unfaßbaren, fürchterlichen Verantwortungsgefühl wieder in mir aufstieg.
Später, viel später -- auf der Heimreise -- wuchs die Begebenheit in
meiner Erinnerung wie eine wuchernde Giftpflanze, die ich vergebens
ausreißen will.
Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, dämmert leise in mir eine
grauenhafte Ahnung auf, was der Satz bedeuten mag: 'Er löst und bindet',
und ich suche sie zu ersticken, daß sie nicht zu Wort kommen kann, so wie
man ein ausbrechendes Feuer im Keim ersticken möchte. -- Aber es hilft
nichts, daß ich mich wehre, -- im Geiste sehe ich, wie aus dem toten
Grillenhaufen ein rötlicher Dunst aufsteigt und zu Wolkengebilden wird,
die sich, den Himmel verfinsternd wie die Schreckgespenster des Monsuns,
nach Westen wälzen. --
Und auch jetzt wieder, wo ich dies schreibe, überfällt's mich, -- ich --
ich -- -- --«
Hier scheint der Brief plötzlich abgebrochen worden zu sein,« schloß
Professor Goclenius; »leider muß ich Ihnen jetzt mitteilen, was ich auf
der chinesischen Gesandtschaft über das unerwartete Ableben unseres lieben
Kollegen Johannes Skoper im fernen Asien« -- -- -- der Professor kam nicht
weiter; ein lauter Schrei der Herren unterbrach ihn: »Unglaublich, die
Grille lebt ja noch, jetzt nach einem Jahr! Unglaublich! Einfangen! Sie
fliegt davon!« rief alles wild durcheinander. Der Forscher mit der
Löwenmähne hatte das Fläschchen geöffnet und das anscheinend tote Insekt
herausgeschüttelt.
Einen Augenblick später war die Grille zum Fenster hinausgeflogen in den
Garten und die Herren rannten in ihrem Eifer, sie einzufangen, an der Tür
den greisen Museumsdiener Demetrius, der ahnungslos hereinkam, um die
Lampe anzuzünden, beinahe über den Haufen.
Kopfschüttelnd sah ihnen der Alte durch das Gitterfenster zu, wie sie
draußen mit Schmetterlingsnetzen umherjagten. Dann blickte er zum
dämmernden Abendhimmel empor und brummte: »Was in der schrecklichen
Kriegszeit doch die Wolken für merkwürdige Formen annehmen! Da sieht jetzt
eine wieder mal ganz so aus wie ein Mann mit einem dunkeln Gesicht und
roter Kappe; wenn er die Augen nicht so weit auseinanderstehen hätte, wäre
es fast wie ein Mensch. Wahrhaftig, man könnte noch abergläubisch werden
auf seine alten Tage.«
Wie #Dr.# Hiob Paupersum seiner Tochter rote Rosen brachte
In vorgerückter Nachtstunde saß in dem bekannten Münchener Prunkcafé
»Stefanie«, regungslos vor sich hinstarrend, ein Greis von höchst
bemerkenswertem Aussehen. Die zerschlissene, selbständig gewordene
Krawatte, sowie die mächtige bis auf den Nacken herabwallende hohe Stirn
verrieten den bedeutenden Gelehrten.
Außer einem silbernen schütteren Knebelbarte, der, einem Siebengestirn von
Kinnwarzen entspringend, mit seinem unteren Ende gerade noch jene Stelle
inmitten der Weste verdeckte, wo bei weltabgewandten Denkern regelmäßig
ein Knopf zu fehlen pflegt, besaß der alte Herr nur wenig Nennenswertes an
irdischen Gütern.
Genau genommen eigentlich gar nichts mehr.
Um so belebender wirkte es daher auf ihn, als plötzlich der bezwickerte
weltmännisch gekleidete Gast mit dem gewichsten schwarzen Schnurrbart, der
bislang an dem Tisch in der Ecke schräg gegenüber ein Stück kalten Lachs
bissenweise mit dem Messer zum Munde geführt (wobei ein kirschgroßer
Brillant an dem elegant weggestreckten kleinen Finger jedesmal prächtig
aufblitzte) und zwischendurch forschend gestielte Blicke herübergeworfen
hatte, sich mundwischend erhob, das fast menschenleere Zimmer durchmaß,
sich vor ihm verbeugte und fragte:
»Ist dem Herrn eine Partie Schach gefällig? -- Vielleicht um eine Mark die
Partie?«
Farbenglühende Phantasmagorien von Schwelgerei und Üppigkeit aller Art
taten sich vor dem geistigen Auge des Gelehrten auf, und noch während sein
Herz entzückt raunte: »Dieses Rindvieh hat mir Gott geschickt«, herrschten
bereits seine Lippen dem Kellner zu, der soeben angebraust kam, um
gewohnheitsmäßig an den elektrischen Glühbirnen eine Reihe umfassender
Beleuchtungsstörungen einzuleiten: »Julius, ein Schachbrett«. »Wenn ich
nicht irre, habe ich die Ehre mit Herrn #Dr.# Paupersum?« -- begann der
Weltmann mit dem gewichsten Schnurrbart das Gespräch.
»Hiob,-- -- ja, hm, ja, -- Hiob Paupersum«, bestätigte der Gelehrte
zerstreut, denn er war wie gebannt von der Pracht des Mordssmaragden, der,
ein Automobillaternchen darstellend, als Schlipsnadel die Gurgel seines
Gegenübers verzierte.
Erst das Erscheinen des Schachbrettes löste seine Verzauberung; dann aber
waren im Nu die Figuren aufgestellt, die lockern Köpfe der Rössel mit
Spucke befestigt und der fehlende Turm durch ein geknicktes Streichholz
ersetzt.
Nach dem dritten Zuge entzwickerte sich der Weltmann, nahm eine
verkrampfte Stellung an und versank in dumpfes Brüten.
»Er scheint den dümmsten Zug auf dem Brett herausfinden zu wollen, -- ich
wüßte nicht, weshalb er sonst so lange nachdächte!« murmelte der Gelehrte
und stierte dabei geistesabwesend die schweinfurtergrünseidene Dame -- das
einzige Lebewesen im Zimmer außer ihm und dem Weltmann -- an, die ruhevoll
wie die Göttin auf dem Titelkopf von »Über Land und Meer« auf dem
Wandsofa thronte, vor sich einen Teller Schaumrollen, und das kühle
Frauenherz mit hundertpfündigem Speck umpanzert.
»Ich geb's auf«, meldete sich endlich der Herr mit der edelsteinernen
Automobillaterne, schob die Schachfiguren zusammen, entnahm seiner
Rippengegend ein güldenes Futteral, fischte eine Visitenkarte heraus und
reichte sie dem Gelehrten. #Dr.# Paupersum las:
Zenon Sawaniewski
Impresario für Monstrositäten.
»Hm. Tja. Hm -- für Monstrositäten, hm, -- für Monstrositäten«,
wiederholte er eine Weile verständnislos. »Aber gedenken Sie nicht noch
ein paar Partien zu spielen?«, fragte er dann laut, den Sinn auf
Kapitalsvermehrung gerichtet.
»Gewiß. Natürlich. Soviel Sie wünschen,« sagte der Weltmann höflich, »aber
wollen wir nicht vorerst von etwas Einträglicherem sprechen?«
»Von etwas noch -- noch Einträglicherem?«, fuhr es dem Gelehrten heraus,
und leise Falten des Mißtrauens legten sich um seine Augenwinkel.
»Ich habe zufällig gehört,« begann der Impresario und bestellte bei dem
Kellner durch plastische Handbewegungen eine Flasche Wein und ein Glas,
»ganz zufällig, daß Sie trotz Ihres großen Rufes als Leuchte der
Wissenschaft zur Zeit keine feste Anstellung haben?«
»Doch. Ich wickle tagsüber Liebesgaben ein und versehe sie mit
Postwertzeichen.«
»Und das ernährt Sie?«
»Nur insofern, als durch das damit verbundene Ablecken der Briefmarken
meinem Organismus eine gewisse Menge von Kohlehydraten zugeführt wird.«
»Ja, warum verwerten Sie denn nicht lieber Ihre Sprachkenntnisse? Zum
Beispiel als Dolmetscher in einem Gefangenenlager?«
»Weil ich nur Altkoreanisch, dann die spanischen Mundarten, ferner Urdu,
drei Eskimosprachen und ein paar Dutzend Suahelinegerdialekte gelernt habe
und wir mit diesen Völkerschaften vorläufig leider noch nicht verfeindet
sind.«
»Sie hätten eben statt dessen Französisch, Russisch, Englisch und Serbisch
lernen sollen«, brummte der Impresario.
»Dann wäre natürlich mit den Eskimos und nicht mit den Franzosen der Krieg
ausgebrochen«, wendete der Gelehrte ein.
»So? Hm.«
»Ja, ja, lieber Herr, da gibt's nichts zu hmen; es ist leider so.«
»Ich an Ihrer Stelle, Herr Doktor, hätte es mit Abhandlungen über den
Krieg bei irgendeiner Zeitung versucht. So ganz vom Schreibtisch aus.
Erfundenes Zeug selbstredend, nichts sonst.«
»Hab ich doch,« klagte der Greis, »Frontberichte, knapp sachlich,
erschütternd einfach gehalten in der Schilderung, aber -- --«
»Mensch, Sie sind toll«, fuhr der Impresario auf. »Frontberichte knapp
gehalten? Frontberichte schreibt man im Gemsjägerstil! Sie hätten --«
Der Gelehrte wehrte müde ab: »Ich habe alles Menschenmögliche im Leben
versucht. Als ich für mein Buch, eine vierbändige populäre Erschöpfung des
Stoffes: 'Über den vermutlichen Gebrauch des Streusandes im
vorgeschichtlichen China' keinen Verleger finden konnte, warf ich mich
auf Chemie«, -- der Gelehrte wurde beim bloßen Zusehen, wie der andere
Wein trank, redseliger, -- »machte alsbald eine Erfindung, 'Stahl auf neue
Art zu härten' -- --«
»Na, aber das hätte doch Geld tragen müssen!« rief der Impresario.
»Nein. Ein Fabrikant, dem ich die Erfindung zeigte, riet mir ab, sie
patentieren zu lassen (er patentierte sie später für sich selbst) und
meinte, Geld könne man nur mit kleinen unscheinbaren Erfindungen
verdienen, die den Neid der Konkurrenz nicht erwecken. Ich befolgte den
Rat und erfand den berühmten zusammenlegbaren Konfirmationsbecher mit
selbsttätig aufwärtssteigendem Boden, um den Methodistenmissionären das
Bekehren wilder Völkerschaften zu erleichtern.«
»Nun und?«
»Ich bekam zwei Jahre Kerker wegen Gotteslästerung.«
»Fahren Sie fort, Herr Doktor,« munterte der Weltmann den Gelehrten auf,
»das ist alles ungemein amüsant.«
»Ach, ich könnte Ihnen tagelang von fehlgeschlagenen Hoffnungen erzählen.
-- So machte ich zum Beispiel, um ein gewisses Stipendium, das ein
bekannter Förderer der Wissenschaft ausgesetzt hatte, zu erlangen,
mehrjährige Studien im Völkermuseum und schrieb ein aufsehenerregendes
Buch: 'Wie, nach der Gaumenbildung bei peruanischen Mumien zu schließen,
die alten Inkas mutmaßlich den Namen Huitzitopochtli ausgesprochen haben
würden, wenn dieses Wort nicht in Mexiko, sondern in Peru bekannt gewesen
wäre.'«
»Und haben Sie das Stipendium bekommen?«
»Nein. Der bekannte Förderer der Wissenschaft sagte mir, -- es war damals
vor dem Kriege, -- er habe zurzeit kein Geld, er sei nebenbei
Friedensfreund und müsse sparen, da es vor allem gelte, die guten
Beziehungen Deutschlands zu Frankreich zum Zwecke der Erhaltung der
allgemeinen mühsam geschaffenen Menschheitswerte und -werke zu
befestigen.«
»Aber, als dann der Krieg ausbrach, hatten Sie doch Aussichten?!«
»Nein. Der Förderer sagte, jetzt müsse er vor allem sparen, um auch
seinerseits ein Scherflein beizutragen, auf daß der Erbfeind für alle
Zeiten niedergeworfen werde.«
»Nun, nach dem Kriege blüht sicher Ihr Weizen, Herr Doktor!«
»Nein. Dann wird der Förderer sagen, erst recht müsse er sparen, damit die
zahllosen zerstörten Menschheitswerte und -werke wiederum aufgebaut und
die abgebrochenen guten Beziehungen der Völker aufs neue hergestellt
werden können.« --
Der Impresario dachte lange und ernst nach; dann fragte er mitleidig:
»Wieso haben Sie sich eigentlich nie erschossen?«
»Erschossen? Um Geld zu verdienen?«
»No nein; ich meine -- nun, hm -- ich meine halt, es ist bewundernswert,
daß Sie nicht den Mut verloren haben, immer wieder von vorn den Kampf mit
dem Leben zu beginnen?«
Der Gelehrte wurde plötzlich unruhig; sein Gesicht, das bis dahin starr
gewesen wie aus Holz geschnitzt, bekam ein ängstliches, flackerndes Leben.
Über die Augen furchtsamer Tiere zieht, wenn sie zu Tode gehetzt vor dem
Abgrund stehen hinter sich den Verfolger -- bevor sie sich in die Tiefe
stürzen, um ihrem Peiniger nicht in die Hände zu fallen, ein ähnlich irrer
Glanz von Qual und tiefster stummer Hoffnungslosigkeit, wie er jetzt in
den Blick des Alten trat. Seine mageren Finger tasteten wie unter dem
Zucken verhaltenen Weinens auf der Tischplatte umher, als wollten sie dort
einen Halt suchen. Die Falte, die vom Nasenflügel zum Munde läuft, war mit
einem Male lang und straff bei ihm geworden und verzog seine Lippen, als
kämpfe er mit einer Lähmung. Er schluckte ein paarmal.
»Ich weiß jetzt alles,« kam es dann mühsam heraus, wie bei einem, der sich
gegen das Lallen seiner Zunge wehrt, »ich weiß schon, Sie sind ein
Versicherungsagent. Ein halbes Leben lang habe ich mich gefürchtet, mit so
einem zusammenzutreffen.« (Der Weltmann bemühte sich vergebens, zu Worte
zu kommen, und protestierte mit Händen und Mienen.) »Ich weiß schon: Sie
wollen mir heimlich zu verstehen geben, ich solle mich versichern lassen
und dann irgendwie umbringen, damit -- nun ja, damit mein Kind wenigstens
leben kann und nicht mit mir verhungert! Reden Sie nicht! Glauben Sie
denn, ich wüßte nicht, daß einem von Ihrer Sorte nichts, aber auch gar
nichts unbekannt ist?! Ihr kennt doch unser ganzes Leben und habt
unsichtbare Gänge gegraben von Haus zu Haus und schielt hinein mit euern
Wolfsaugen in die Stuben, wo etwas zu holen ist, -- ob ein Kind geboren
wird, wieviel Pfennige jeder in der Tasche hat, ob er heiraten wird oder
eine gefahrvolle Reise plant. Ihr führt Buch über uns und verschachert
einander unsere Adressen. Und Sie, Sie schauen mir ins Herz hinein und
lesen da drinnen den Gedanken, der mich zerfrißt jetzt schon ein Jahrzehnt
lang. -- Ja, glauben Sie denn, ich sei ein so niederträchtiger Egoist, daß
ich mich nicht schon längst versichert und erschossen hätte meiner Tochter
zuliebe, -- aus eigenem Antrieb und ohne es erst von euch, die ihr uns
betrügen wollt und eure eigene Anstalt betrügt, nach rechts betrügt und
nach links, untern Fuß zu bekommen, wie man's machen soll, damit nichts
herauskommt?! Glauben Sie, ich wüßte nicht, daß ihr dann, wenn's -- vorbei
ist, hinlauft und verratet -- wiederum gegen 'Provision': Hier liegt
Selbstmord vor, die Versicherungssumme braucht nicht ausgezahlt zu werden!
-- -- Glauben Sie, ich sähe nicht -- so, wie's jeder sieht --, wie die
Hände meiner lieben Tochter immer weißer und durchsichtiger werden von Tag
zu Tag, und verstünde nicht, was es bedeutet: trockene fieberige Lippen
und Hüsteln in der Nacht!? Selbst wenn ich ein Halunke wäre wie
euresgleichen, hätte ich, um Arznei und kräftige Nahrung zu schaffen,
schon längst -- --, aber ich weiß doch, wie's dann käme: das Geld würde
nie ausbezahlt, und -- und dann -- --, nein, nein, es ist nicht
auszudenken!«
Wieder wollte der Impresario unterbrechen, um den Verdacht, er sei
Versicherungsagent, zu entkräften, getraute sich aber nicht, denn der
Gelehrte ballte drohend die Faust.