Mitten im Raum dicht vor ihm schwebt frei -- ein goldner Kopf mit drei

Gesichtern; das eine gegenüber, in das er flüchtig blickt, deucht ihm sein

eigenes, nur jung, der Ausdruck des Todes ist darin und dennoch strahlt

aus dem Schein des Metalls, der die Züge halb verblendet, der Einfluß

unzerstörbaren Lebens; es ist nicht die Larve seiner Jugend, die Leonhard

sucht, er will die beiden andern Gesichter sehen, die in die Dunkelheit

schauen und das Geheimnis ihrer Miene erkennen, aber immer wenden sie sich

von ihm ab: der goldene Kopf dreht sich, wenn er ihn zu umschreiten

versucht, hält ihm stets dasselbe Antlitz entgegen.

Leonhard späht umher nach dem Zauber, der das Kopfwesen in Bewegung setzt,

da sieht er plötzlich die Wand im Hintergrund durchscheinend wie öliges

Glas, und jenseits steht, die Arme ausgebreitet, in zerlumptem Gewand,

bucklig, einen Schlapphut tief über die Augen, regungslos wie der Tod, auf

einem Hügel aus Leichengebein, daraus spärliche grüne Halme sprießen, --

-- -- der Herr der Welt.

Die Posaunen verstummen.

Das Licht erstirbt.

Der goldene Kopf verschwindet.

Nur der fahle Schein der Verwesung, der die Gestalt umgibt, bleibt

bestehen.

Leonhard fühlt, wie Starrheit über seinen Körper kriecht, ihm Glied für

Glied lähmt, sein Blut stocken macht, wie sein Herz langsamer und

langsamer schlägt und endlich erlischt.

Das einzige, mit dem er noch »ich« sagen kann, ist ein winziger Funke

irgendwo in der Brust.

Stunden sickern wie zögernd sich lösende Tropfen -- dehnen sich zu

endlosen Jahren.

Kaum merkbar gewinnt der Umriß der Gestalt Wirklichkeit: unter dem Anhauch

dämmernden Morgengrau's schrumpfen langsam ihre Hände an den

ausgebreiteten Armen zu Stümpfen aus morschem Holz, die Totenschädel

räumen zaudernd runden staubigen Steinen den Platz.

Mühsam richtet Leonhard sich auf; vor ihm reckt sich in drohender Haltung,

mit Fetzen umhüllt, das Gesicht zerbrochene Scherben, eine -- bucklige --

Vogelscheuche empor.

Die Lippen brennen ihm im Fieber, seine Zunge ist wie verdorrt; neben ihm

glimmt noch die Asche des Reisigfeuers unter dem Napf mit dem Rest des

giftigen Trankes. Der Quacksalber ist fort, -- mit ihm die letzte

Barschaft; Leonhard erfaßt es nur mit halbem Sinn: die Eindrücke des

nächtlichen Erlebnisses wühlen zu tief durch ihre nagende Innerlichkeit;

wohl ist die Vogelscheuche da nicht länger der Herr der Welt: aber der

Herr der Welt ist selber nur mehr eine jämmerliche Vogelscheuche,

schreckhaft bloß für die Furchtsamen, unerbittlich gegen die Flehenden,

mit Tyrannenmacht bekleidet für die, die Sklaven sein wollen und sie mit

dem Nimbus der Macht behängen, -- ein erbärmliches Zerrbild allen, die

frei und stolz sind.

Das Geheimnis des Doktor Schrepfer liegt plötzlich offenbar: die

rätselhafte Kraft, die durch ihn wirkt, ist nicht sein eigen, steht auch

nicht hinter ihm mit der Tarnkappe. Sie ist die magische Gewalt der

Gläubigen, die an sich selbst nicht zu glauben vermögen, sie selber nicht

zu gebrauchen wissen, sie auf einen Fetisch übertragen müssen, sei er

Mensch, ein Gott, Pflanze, Tier oder Teufel, damit sie wie aus einem

Brennspiegel wundertätig zurückstrahle, -- ist der Zauberstab des _wahren_

Herrn der Welt, des innersten allgegenwärtigen, alles in sich

verschlingenden Ichs, der Quelle, die nur geben und niemals nehmen kann

ohne ein machtloses »Du« zu werden, das Ich, auf dessen Geheiß der Raum

zerbrechen muß und die Zeit zum goldenen Gesicht ewiger Gegenwart

erstarren, -- das königliche Zepter des Geistes, gegen das zu sündigen der

einzige Frevel ist, der nicht vergeben werden kann -- ist die Macht, die

kund wird durch den Lichtkreis magischer unzerstörbarer Gegenwart, alles

in ihren Urgrund saugt.

Götter und Wesen, Vergangenheit und Zukunft, Schatten und Dämonen

verhauchen ihr scheinbares Leben darin. Sie ist die Macht, die keine

Grenzen kennt und in dem am stärksten wirkt, der selbst der Größte ist,

die immer innen ist und niemals außen -- alles, was außen bleibt, sofort

zur Vogelscheuche macht.

Die Verheißung des Quacksalbers von der Vergebung der Sünden erfüllt sich

an Leonhard: kein Wort, das nicht Wahrheit wird; der Meister ist gefunden:

Leonhard ist es selbst.

Wie ein großer Fisch ein Loch in das Netz reißt und entrinnt, so ist er

erlöst durch sich selbst von dem Vermächtnis des Fluches -- ein Erlöser

denen, die ihm folgen wollen.

Alles ist Sünde oder nichts ist Sünde, alle Ichs sind ein gemeinsames Ich,

-- klar ist er sich dessen bewußt.

Wo lebt die Frau, die nicht zugleich seine Schwester ist, welche irdische

Liebe ist nicht zugleich Blutschande, welches weibliche Tier, und sei es

das kleinste, darf er töten, ohne nicht Muttermord und Selbstmord zugleich

zu begehen? Ist sein eigener Leib etwas anderes als eine Erbschaft von

Myriaden von Tieren?

Niemand ist da, der das Schicksal verhängt, als das eine große Ich, das

sich als zahllose Ichbilder spiegelt; als große und kleine, klare und

trübe, böse und gute, fröhliche, traurige und doch von Leid und Freude

nicht berührt wird, in Vergangenheit und Zukunft als immerwährende

Gegenwart bestehen bleibt -- gleich wie die Sonne nicht schmutzig und

nicht runzlig wird, wenn auch ihr Spiegelbild in Pfützen oder sich

kräuselnden Wellen schwimmt, und nicht in Vergangenheit hinabsteigt, nicht

aus der Zukunft emportaucht, ob nun die Wasser versiegen oder neue aus

Regen sich bilden: niemand ist da, der das Schicksal verhängt, als das

große gemeinsame Ich -- die Ursache: die Sache, die der Urgrund ist.

Wo bleibt da Raum für die Sünde? Der tückische unsichtbare Feind, der

vergiftete Pfeile aus der Finsternis schießt, ist dahin; Dämonen und

Götzen sind tot, -- verreckt wie Fledermäuse am Glanze des Lichts.

Leonhard sieht seine tote Mutter auferstehen mit den ruhelosen Zügen,

seinen Vater, seine Schwester und Gattin Sabine: sie sind nur mehr Bilder

wie seine eigenen vielen Körper in Kindesgestalt, als Jüngling und Mann;

ihr wahres Leben ist unvergänglich und ohne Form, so wie sein eigenes Ich.

Er schleppt sich zu dem Weiher, den er in der Nähe erblickt, um seine

brennende Haut zu kühlen; er empfindet die Schmerzen, die seine Eingeweide

zerreißen, nicht mehr als die seinen, -- so, als seien sie die eines

andern.

Vor dem Morgenrot ewiger Gegenwart, die jedem Sterblichen so

selbstverständlich dünkt wie das eigene Gesicht und doch so urfremd ist

wie das eigene -- Gesicht, verbleichen alle Schemen, auch die der

leiblichen Qual.

Und wie er die weiche Krümmung der Ufer sinnend betrachtet und die kleinen

mit Schilf bestandenen Inseln, überkommt ihn Erinnerung.

Er sieht, daß er wieder daheim im Park seiner Jugend ist.

Eine Wanderung durch die Nebel des Lebens im großen Kreise umher!

Tiefe Zufriedenheit beruhigt sein Herz, Furcht und Grauen sind ausgetilgt,

er ist versöhnt mit den Toten und den Lebenden und mit sich selbst.

Das Geschick birgt fortan keine Schrecken für ihn, nicht in der

Vergangenheit und nicht in der Zukunft.

Der goldne Kopf der Zeit hat nur mehr ein einziges Gesicht: die Gegenwart

als Gefühl nie endender seliger Ruhe kehrt ihm ihr ewig junges Antlitz zu;

die beiden andern sind für immer abgewandt wie die dunkle Hälfte des

Mondes von der Erde.

Der Gedanke, daß alles, was sich bewegt, sich zum Kreise schließen muß,

daß auch er ein Teil des großen Gesetzes ist, das die Weltenkörper rund

macht und rund erhält, bekommt etwas unendlich Tröstliches für ihn; klar

erfaßt er den Unterschied zwischen dem Satanszeichen mit den ruhelos

laufenden vier Menschenbeinen und dem stillstehenden aufrechten Kreuz. --

Ob seine Tochter wohl noch lebt? Sie muß eine alte Frau sein, kaum zwanzig

Jahre jünger als er.

Gelassen schreitet er dem Schlosse zu; der Kiesweg trägt ein buntes Fell

aus Fallobst und wilden Blumen, die jungen Birken sind knorrige Riesen in

hellen Mänteln, ein schwarzer Trümmerhaufen bedeckt, mit silbernen

Unkrautdolden durchwachsen, die Kuppe des Hügels.

Seltsam berührt wandert er in den sonnenheißen Schutthalden umher: eine

alte wohlbekannte Welt hebt sich neu in Glanz verklärt aus der

Vergangenheit, Bruchstücke, die er findet, da und dort unter verkohltem

Gebälk, fügen sich zu einem Ganzen; ein verbogener bronzener Pendel

zaubert die braune Uhr der Kinderjahre hinein in wiedergeborene Gegenwart,

tausend Blutstropfen alter Qual werden leuchtende rote Sprenkel im

Phönixgefieder des Lebens.

Eine Schafherde, von lautlosen Hunden zu breitem grauen Viereck

gescheucht, zieht die Wiesen hinunter; er frägt den Hirten nach den

Bewohnern des Schlosses, der Mann murmelt etwas von verwunschener Gegend

und einem alten Weib, der letzten Bewohnerin der Brandstätte, -- einer

bösartigen Hexe mit einem Blutmal auf der Stirn wie Kain, die unten im

Meiler wohnt, -- zieht eilig und mürrisch seines Weges.

Leonhard betritt die Kapelle, die in einem Urwald versteckt liegt: die Tür

hängt in den Angeln, nur noch der vergoldete Betstuhl steht

schimmelumzogen darin, die Fenster trüb, Altar und Bilder vermodert, das

Kreuz auf der erzenen Falltür von Grünspan zerfressen, braunes Moos quillt

durch die Fugen.

Er fährt mit dem Fuß darüber hin, da kommt aus einem Glanzstreifen des

Metalls eine halberloschene Inschrift hervor: eine Jahreszahl und daneben

die Worte:

»Erbaut von

Jakob de Vitriaco«.

Die feinen Spinnenfäden, die die Dinge der Erde mitsammen verbinden,

entwirren sich vor Leonhards Erkenntnis: der belanglose Name eines fremden

Baumeisters, kaum eingeritzt in sein Gedächtnis, so und so oftmal in der

Zeit der Jugend gelesen und so und so oftmal wieder vergessen -- sein

alter unsichtbarer im Kreis der Wanderung als rufender Meister

verkleideter Begleiter: er liegt vor seinen Füßen, zum gleichgültigen Wort

geworden in derselben Stunde, wo seine Sendung zu Ende und die geheime

Sehnsucht der Seele, heimzukehren zum Ausgangspunkt, erfüllt ist.

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Meister Leonhard sieht den Rest seines Lebens als Einsiedler inmitten der

Wildnis des Daseins, er trägt ein härenes Kleid aus rauhen Decken, die er

unter den Trümmern der Brandstätte findet, baut einen Herd aus rohen

Ziegeln.

Die Gestalten der Menschen, die sich bisweilen in die Nähe der Kapelle

verirren, scheinen ihm wesenlos wie Schemen, werden erst lebendig, wenn er

ihr Bild hineinzieht in den Zauberkreis seines Ichs und sie darin

unsterblich macht.

Die Formen des Daseins sind ihm dasselbe wie die wechselnden Gesichter der

Wolken: mannigfaltig und doch im Grunde nichts als Wasserdampf. -- -- --

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Er hebt seinen Blick über die beschneiten Baumgipfel.

Wieder wie damals in der Nacht der Geburt seiner Tochter stehen zwei große

Sterne dicht beisammen am südlichen Himmel, starren auf ihn herab.

Fackeln wimmeln durch den Wald.

Sensen klirren.

Wutverzerrte Gesichter schweben zwischen den Stämmen, halblaute Stimmen

murren, das alte bucklige Weib aus dem Meiler steht wieder vor der

Kapelle, fuchtelt mit hageren Armen, deutet auf die Teufelssilhouette im

Schnee, winkt den abergläubischen Bauern, glotzt mit irren Augen wie mit

zwei grünlichen Sternen unverwandt durch die Scheiben.

Auf ihrer Stirne glüht ein rotes Muttermal.

Meister Leonhard rührt sich nicht, er weiß, daß die da draußen ihn

erschlagen kommen, weiß, daß der Teufelsschatten, der aus ihm herausfällt

auf den Schnee und ein Nichts bedeutet und jeder Bewegung seiner Hand

folgen muß, die Ursache der Wut der abergläubischen Menge ist, aber er

weiß auch, daß der, den sie erschlagen wollen: sein Leib, nur ein

Schatten ist, so wie sie nur Schatten sind -- wesenloser Schein im

Scheinreich der rollenden Zeit, und daß auch die Schatten dem Gesetze des

Kreises gehorchen.

Er weiß, daß die Alte mit dem Blutmal seine Tochter ist, die die Züge

seiner Mutter trägt, und von ihr das Ende kommt, damit sich der große

Bogen schließe:

Die Wanderung der Seele im Kreis durch die Nebel der Geburten zurück zum

Tod.

Das Grillenspiel

»Nun?«, fragten die Herren wie aus einem Munde, als Professor Goclenius

rascher als es sonst seine Gewohnheit war und mit auffallend verstörtem

Gesicht eintrat, »nun, hat man Ihnen die Briefe ausgefolgt? -- Ist

Johannes Skoper schon unterwegs nach Europa? -- Wie geht es ihm? Sind

Sammlungen mit angekommen?« -- riefen alle durcheinander.

»Nur das hier,« sagte der Professor ernst und legte ein Bündel Schriften

und ein Fläschchen, in dem sich ein totes, weißliches Insekt in der Größe

eines Hirschkäfers befand, auf den Tisch, »der chinesische Gesandte hat es

mir selbst mit dem Bemerken übergeben, es sei heute auf dem Umweg über

Dänemark angekommen.«

»Ich fürchte, er hat schlimme Nachrichten über unsern Kollegen Skoper

erfahren«, flüsterte ein bartloser Herr hinter der Hand seinem

Tischnachbar zu, einem greisenhaften Gelehrten mit wallender Löwenmähne,

der, -- wie er selbst, Präparator am naturwissenschaftlichen Museum, --

die Brille auf die Stirn geschoben hatte und mit tiefstem Interesse das

Insekt in der Flasche betrachtete.

Es war ein seltsames Zimmer, in dem die Herren -- sechs an der Zahl und

sämtlich Forscher auf dem Gebiet der Schmetterlings- und Käferkunde --

saßen.

Ein stumpfer Geruch nach Kampfer und Sandelholz verstärkte aufdringlich

den Eindruck des fremdartig Totenhaften, das von den Igelfischen, die an

Schnüren von der Decke herabhingen, -- glotzäugig, wie abgeschnittene

Köpfe gespenstischer Zuschauer, -- von den weiß und rot grellbemalten

Teufelsmasken wilder Insulanerstämme, von den Straußeneiern, den

Hairachen, Narwalzähnen, verrenkten Affenkörpern und all den tausenderlei

grotesken Formen einer fernen Zone, ausging.

An den Wänden über braunen, wurmstichigen Schränken, die etwas

klösterliches hatten, wie das morsche Licht des Abendrots aus dem

verwilderten Museumsgarten herein durch das bauchige Gitterfenster

spielte, hingen, liebevoll in Gold gerahmt, gleich ehrwürdigen

Ahnenbildern verblaßte Porträts ins Riesenhafte vergrößerter Baumwanzen

und Maulwurfsgrillen.

Verbindlich den Arm gekrümmt, verlegenes Lächeln um die Knopfnase und die

gelben, kreisrunden Glasaugen, den Zylinderhut des Herrn Präparators auf

dem Haupte, beugte sich in der Haltung eines vorsintflutlichen

Dorfschulzen, der sich zum erstenmal im Leben photographieren läßt, ein

Faultier aus der Ecke, umwimpelt von baumelnden Schlangenhäuten.

Den Schwanz in den dämmerigen Fernen des Ganges geborgen und die edleren

Teile laut Wunsch des Unterrichtsministers im Frischlackiertwerden

begriffen, starrte der Stolz des Institutes, ein zwölf Meter langes

Krokodil, mit treulosem Katzenblick durch die Verbindungstür herein ins

Gemach. --

Professor Goclenius hatte Platz genommen, die Schnur von dem Briefbündel

gelöst und die einleitenden Zeilen unter Gemurmel durchgeflogen.

»Datiert ist es aus Bhutan -- Südosttibet, -- und zwar vom 1. Juli 1914,

-- also vier Wochen vor Kriegsausbruch; der Brief war demnach länger als

ein Jahr unterwegs«, setzte er dann laut hinzu. »Kollege Johannes Skoper

schreibt hier unter anderem: Ȇber die reiche Ausbeute, die ich auf meiner

langen Reise aus den chinesischen Grenzgebieten durch Assam in das bisher

unerforschte Land Bhutan machte, werde ich Ihnen nächstens ausführlich

berichten; heute nur kurz über die seltsamen Umstände, denen ich die

Entdeckung einer neuen weißen Grille« -- Professor Goclenius deutete auf

das Insekt in der Flasche -- »verdanke, die von den Schamanen zu

abergläubischen Zwecken gebraucht und 'Phak' genannt wird, ein Wort, das

zugleich ein Schimpfname ist für alles, was einem Europäer oder

weißrassigen Menschen ähnlich sieht.

Also: Eines Morgens erfuhr ich von lamaistischen Pilgern, die nach Lhasa

zogen, es befinde sich unweit meines Lagerplatzes ein sehr hoher,

sogenannter Dugpa, -- einer jener in ganz Tibet gefürchteten

Teufelspriester, die, an ihren scharlachroten Kappen kenntlich,

behaupten, direkte Abkömmlinge des Dämons der Fliegenschwämme zu sein.

Jedenfalls sollen die Dugpas der uralten tibetischen Religion der Bhons

angehören, von der wir so gut wie nichts wissen, und Nachkommen einer

fremdartigen Rasse sein, deren Ursprung sich im Dunkel der Zeit verliert.

Jener Dugpa, erzählten mir die Pilger und drehten dabei voll

abergläubischer Scheu ihre kleinen Gebetmühlen, sei ein Samtscheh

Mitschebat, das ist ein Wesen, das man nicht mehr mit dem Namen Mensch

bezeichnen dürfe, das 'binden und lösen' könne, dem, kurz und gut, infolge

seiner Fähigkeit, Raum und Zeit als Wahnvorstellungen zu durchschauen,

nichts unmöglich sei auf Erden zu vollbringen. Es gäbe, sagte man mir,

zwei Wege, um jene Stufen zu erklimmen, die über das Menschentum

hinausführen: den einen, den des 'Lichtes' -- der Einswerdung mit Buddha

-- und einen zweiten, entgegengesetzten: den 'Pfad der linken Hand', zu

dem nur ein geborener Dugpa die Eingangspforte wüßte -- ein geistiger Weg

voll Grauen und Entsetzlichkeit. Solche 'geborene' Dugpas kämen -- wenn

auch sehr vereinzelt -- unter allen Himmelsstrichen vor und wären

merkwürdigerweise fast immer die Kinder besonders frommer Leute. 'Es ist,'

sagte der Pilger, der es mir erzählte, 'wie wenn die Hand des Herrn der

Finsternis ein giftiges Reis aufpfropft auf den Baum der Heiligkeit', und

man wisse nur ein Mittel, an einem Kinde zu erkennen, ob es geistig zum

Bunde der Dugpas gehört oder nicht, das ist -- wenn der Haarwirbel auf dem

Scheitel von links nach rechts, statt umgekehrt, läuft.

Ich sprach sofort -- rein aus Neugierde -- den Wunsch aus, den erwähnten

hohen Dugpa zu Gesicht zu bekommen, aber mein Karawanenführer, selber ein

Osttibeter, widersetzte sich mit Hartnäckigkeit. Das alles sei dummes

Zeug, Dugpas gäbe es im Bhutangebiet überhaupt nicht, schrie er in einem

fort, auch würde ein Dugpa -- schon gar ein Samtscheh Mitschebat -- nie

und nimmer einem Weißen seine Künste zeigen.

Der allzu eifrige Widerstand des Mannes wurde mir immer verdächtiger, und

nach stundenlangem Kreuz- und Querfragen brachte ich denn auch aus ihm

heraus, daß er selbst Anhänger der Bhonreligion sei und ganz genau wisse,

-- aus der rötlichen Färbung der Erddünste, wollte er mir vorlügen, -- daß

ein 'eingeweihter' Dugpa in der Nähe weile.

'Aber er wird dir niemals seine Künste zeigen', schloß er jedesmal seine

Rede.

'Warum denn nicht?', fragte ich schließlich.

'Weil er die -- Verantwortung nicht übernimmt.'

'Was für eine Verantwortung?', forschte ich weiter.

'Er würde infolge der Störung, die er damit im Reiche der Ursachen

anrichtet, von neuem in den Strudel der Wiederverkörperung verstrickt

werden, wenn nicht etwas noch viel viel Schlimmeres.'

Es interessierte mich, Näheres über die geheimnisvolle Bhonreligion zu

erfahren, und ich fragte daher: 'Hat ein Mensch nach deinem Glauben eine

Seele?'

'Ja und Nein.'

'Wieso?'

Als Antwort nahm der Tibeter einen Grashalm und machte einen Knoten

hinein: 'Hat das Gras jetzt einen Knoten?'

'Ja.'

Er löste den Knoten wieder auf: 'Und jetzt?'

'Jetzt hat es keinen mehr.'

'Genau so hat der Mensch eine Seele und hat keine', sagte er einfach.

Ich versuchte es auf andere Weise, mir ein Bild über seine Ansicht zu

machen: 'Gut, nimm an, du wärest auf dem schrecklichen, kaum handbreiten

Gebirgspaß, den wir neulich überschritten, in die Tiefe gestürzt, -- hätte

deine Seele weitergelebt oder nicht?'

'Ich wäre nicht abgestürzt!'

Ich wollte ihm anders beikommen, deutete auf meinen Revolver: 'Wenn ich

dich jetzt totschieße, lebst du dann weiter oder nicht?'

'Du kannst mich nicht erschießen.'

'Doch!'

'Also versuch's.'

Ich werde mich hüten, dachte ich bei mir, das wäre eine schöne Geschichte,

ohne Karawanenführer in diesem grenzenlosen Hochland umherirren. Er schien

meine Gedanken erraten zu haben und lächelte höhnisch. Es war zum

Verzweifeln. Ich schwieg eine Weile.

'Du kannst eben nicht 'wollen'', fing er plötzlich wieder an. 'Hinter

deinem Willen stehen Wünsche, solche, die du kennst, und solche, die du

nicht kennst, und beide sind stärker als du.'

'Was ist also die Seele nach deinem Glauben?', fragte ich ärgerlich;

'habe zum Beispiel ich eine Seele?'

'Ja.'

'Und wenn ich sterbe, lebt meine Seele dann weiter?'

'Nein.'

'Aber deine, meinst du, lebt weiter, wenn du stirbst?'

'Ja. Weil ich einen -- Namen habe.'

'Wieso einen Namen? Ich habe doch auch einen Namen!'

'Ja, aber du kennst deinen wirklichen Namen nicht, besitzest ihn also

nicht. Das, was du für deinen Namen hältst, ist nur ein leeres Wort, das

deine Eltern erfunden haben. Wenn du schläfst, vergißt du ihn, ich

vergesse meinen Namen nicht, wenn ich schlafe.'

'Aber, wenn du tot bist, weißt du ihn auch nicht mehr!' wendete ich ein.

'Nein. Aber der Meister kennt ihn und vergißt ihn nicht, und wenn er ihn

ruft, so stehe ich wieder auf; aber nur ich und kein anderer, denn nur ich

habe meinen Namen. Kein anderer hat ihn. Das, was du deinen Namen nennst,

das haben viele andere mit dir gemeinsam -- so wie die Hunde', murmelte er

verächtlich vor sich hin. Ich verstand die Worte zwar, ließ es mir aber

nicht anmerken.

'Was verstehst du unter dem 'Meister'?' warf ich scheinbar unbefangen hin.

'Den Samtscheh Mitschebat.'

'Den, der hier in der Nähe ist?'

'Ja, aber nur sein Spiegelbild ist in der Nähe; der, der er in

Wirklichkeit ist, ist überall. Er kann auch nirgends sein, wenn er will.'

'Er kann sich demnach unsichtbar machen?' -- wider Willen mußte ich

lächeln, -- 'du meinst: einmal ist er innerhalb des Weltenraumes und dann

außerhalb; einmal ist er da -- und dann ist er wieder nicht da?'

'Ein Name ist doch auch nur da, wenn man ihn ausspricht, und nicht mehr

da, wenn man ihn nicht ausspricht', hielt mir der Tibeter vor.

'Und kannst zum Beispiel du auch einmal ein 'Meister' werden?'

'Ja.'

'Dann wird es also zwei Meister geben, was?'

Ich triumphierte innerlich, denn offen gestanden verdroß mich der geistige

Hochmut des Kerls; jetzt hatte ich ihn in der Falle, glaubte ich (meine

nächste Frage hätte gelautet: wenn der eine Meister die Sonne scheinen

lassen will und der andere regnen, welcher behält recht?); um so mehr

verblüffte mich die sonderbare Antwort, die er mir gab: 'Wenn ich ein

Meister sein werde, dann bin ich doch der Samtscheh Mitschebat. Oder

glaubst du, es könnte zwei Dinge geben, die einander vollkommen gleich

sind, ohne daß sie ein und dasselbe wären?'

'Immerhin seid ihr dann zwei und nicht einer; wenn ich euch begegnete,

wäret ihr zwei Menschen und nicht einer', widersprach ich.

Der Tibeter bückte sich, suchte unter den in Menge umherliegenden

Kalkspatkristallen einen besonders durchsichtigen aus und sagte

spöttisch: 'Halte das ans Auge und schau den Baum dort an; du siehst ihn

nunmehr doppelt, nicht wahr? Aber sind es deshalb -- zwei Bäume?'

Ich wußte ihm nicht gleich etwas zu entgegnen, auch wäre es mir schwer

gefallen in mongolischer Sprache, deren wir uns zur gegenseitigen

Verständigung bedienen mußten, ein so verwickeltes Thema logisch zu

erörtern: ich ließ ihm daher seinen Triumph. Innerlich konnte ich aber

nicht genug staunen über die geistige Gelenkigkeit dieses Halbwilden mit

seinen schiefen Kalmückenaugen und dem schmutzstarrenden Schafspelz. Es

ist etwas Seltsames um diese Hochlandsasiaten, äußerlich sehen sie aus wie

Tiere, aber rührt man an ihre Seele, kommt der Philosoph zum Vorschein.

Ich griff wieder auf den Ausgangspunkt unseres Gespräches zurück: 'Du

glaubst also, der Dugpa würde mir seine Künste nicht zeigen, weil er die

-- Verantwortung ablehnt?'

'Nein, gewiß nicht.'

'Wenn aber ich die Verantwortung übernähme?!'

Das erstemal, seit ich den Tibeter kannte, geriet er außer Fassung. Eine

Unruhe, die er kaum bemeistern konnte, lief über sein Gesicht. Der

Ausdruck wilder, mir unerklärlicher Grausamkeit wechselte mit dem eines

tückischen Frohlockens. Wir haben in den vielen Monaten unseres

Beisammenseins oft wochenlang Todesgefahren aller Art ins Auge geblickt,

haben schauerliche Abgründe überschritten auf schwankenden, nur fußbreiten

Bambusbrücken, daß mir vor Entsetzen das Herz stillstand, haben Wüsten

durchquert und sind fast verdurstet, aber niemals verlor er auch nur eine

Minute sein inneres Gleichgewicht. Und jetzt? Was konnte die Ursache sein,

daß er mit einemmal so außer sich geriet? Ich sah ihm an, wie in seinem

Hirn die Gedanken sich jagten.

Fledermäuse: Sieben Geschichten · 第 3 / 9 段