Kampf eines unbändigen Geistes, der sich bäumt gegen alles, was Gesetz
heißt; ein Titan reckt sich vor ihm auf, der keine Ähnlichkeit hat mit dem
gebrochenen Greis, den er als seinen Vater kennt, die Gestalt eines
Menschen, der über Leichen geht, wenn es sein muß, und sich laut rühmt
gleich all seinen Ahnen ein geweihter Ritter der echten Templer zu sein,
die den Satan zum Schöpfer der Welt erheben und schon das Wort »Gnade« als
unauslöschlichen Schimpf empfinden. Tagebuchblätter sind dazwischen, die
die Qual einer verdurstenden Seele schildern und die Ohnmacht eines
Geistes mit von den Mottenschwärmen des Alltags zerfressenen Schwingen
andeuten: umzukehren auf einem Pfad, der hinabführt in Dunkelheit von
Abgrund zu Abgrund, in Wahnsinn enden muß und jegliches »zurück«
vereitelt.
Wie ein roter Faden zieht sich der stetig wiederkehrende Hinweis durch
alles, daß es ein ganzes Geschlecht ist, das hier seit Jahrhunderten von
Verbrechen zu Verbrechen gepeitscht wird, -- vom Vater auf den Sohn das
finstere Vermächtnis vererbt, nicht zur innern Ruhe gelangen zu können, da
jedesmal ein Weib, sei es als Gattin, Mutter oder Tochter, bald als Opfer
einer Blutschuld, bald als Urheberin selbst, den Weg zum geistigen Frieden
durchkreuzt; -- aber immer wieder leuchtet nach Stellen tiefster
Verzweiflung wie ein unbesiegbarer Stern die Hoffnung auf: und doch und
doch kommt einer aus unserem Stamm, der aufrecht stehenbleibt, dem Fluch
ein Ende bereitet und die »Krone des Meisters« erringt.
Mit jagenden Pulsen überfliegt Leonhard Episoden voll glühender
Leidenschaft seines Vaters zur -- eigenen Schwester, die ihm enthüllen,
daß er selbst die Frucht jener Verbindung ist, und nicht nur er: -- auch
Sabine!
Jetzt wird ihm klar, warum Sabine nicht weiß, wer ihre Eltern sind, -- daß
kein Zeichen ihre wahre Herkunft verrät. Er sieht die Vergangenheit
lebendig werden und versteht: sein Vater selber ist es, der schützend vor
ihn die Arme breitet, indem er Sabine als Bauernmädchen -- als Leibeigene
niedersten Ranges -- erziehen läßt, damit sie beide, Sohn und Tochter, --
für immer frei bleiben sollen vom Bewußtsein der Schuld an einer
Blutschande selbst für den Fall, daß der Fluch der Eltern bei ihnen
wiederkehre und sie zusammenführt als Mann und Weib.
Wort für Wort geht es aus einem angsterfüllten Brief seines Vaters, der
fern in einer fremden Stadt daniederliegt, an die Mutter hervor, in dem er
sie beschwört, nichts zu unterlassen, um künftiger Entdeckung vorzubeugen,
und auch den Brief sofort zu verbrennen.
Erschüttert wendet Leonhard die Augen ab; wie ein Magnet zieht es ihn
weiter zu lesen, -- er ahnt, daß da noch Dinge stehen, die dem Geschehnis
in der Kapelle auf ein Haar ähnlich sehen, ihn an die äußerste Grenze des
Entsetzens treiben müssen, wenn er sie erfährt, -- mit einem Schlage,
schreckhaft deutlich, wie wenn der Blitz die Finsternis zerreißt, wird ihm
die tückische Kampfesweise einer riesenhaften dämonischen Macht offenbar,
dahinter der Maske blinden unbarmherzigen Schicksals verborgen, sein Leben
planmäßig zerquetschen will: ein vergifteter Pfeil nach dem andern soll
aus unsichtbarem Versteck sein Inneres treffen, bis er unrettbar
dahinsiecht, die letzten Fasern von Selbstvertrauen seiner Seele verdorren
und er dem gleichen Schicksal wie seine Vorfahren anheimfällt: ohnmächtig
und wehrlos zusammenzubrechen; -- etwas Tigerhaftes schnellt plötzlich in
ihm auf, er hält den Brief in die Flammen der Kerze, bis der letzte
glimmende Zunder seine Finger versengt, -- ein wilder unversöhnlicher
Grimm gegen das satanische Ungeheuer, in dessen Hände das Wohl und Wehe
der Wesen gelegt ist, verbrennt ihn bis ins Mark, er hört den
tausendfachen Racheschrei vergangener, unter den Fängen des Schicksals
jammervoll verendeter Geschlechter in seinen Ohren gellen, jeder Nerv in
ihm wird zur geballten Faust -- seine Seele ist ein einziges
Waffengeklirr.
Er fühlt, daß er etwas Unerhörtes, Himmel und Erde Erschütterndes
vollbringen muß, daß das unabsehbare Heer der Toten hinter ihm steht, mit
Myriaden Augen auf ihn starrt, nur eines Winkes seiner Hand gewärtig:
hinter ihm, dem Lebenden, dem einzigen, der sie in die Schlacht führen
kann -- drein sich auf den gemeinsamen Feind zu stürzen.
Taumelnd unter dem Anprall eines Meeres von Kraft, das auf ihn einstürmt,
steht er auf, blickt um sich: was, was, was soll er zuerst tun: Feuer an
das Haus legen, sich selbst zerfleischen, mit einem Messer in der Hand
hinunterlaufen und alles niedermachen, was ihm zu Gesicht kommt?
Eines dünkt ihm zwergenhafter als das andere; das Bewußtsein der eigenen
Winzigkeit rüttelt an ihm, er bäumt sich dagegen in jugendlichem Trotz,
fühlt ein spöttisches Grinsen ringsum im Raum, das ihn wieder
aufstachelte.
Er versuchts mit Besonnenheit, lügt sich hinein in die Gebärde des alles
erwägenden Feldherrn, geht zu der Truhe neben dem Schlafzimmer, füllt
seine Taschen mit Gold und Juwelen, nimmt Mantel und Hut, schreitet stolz
ohne Abschied hinaus in den nächtlichen Nebel, die Brust voll verworrener
kindischer Pläne: ohne Ziel durch die Welt zu wandern und dem Herrn des
Schicksals ins Antlitz zu schlagen.
Das Schloß verschwindet im weißlich schillernden Dunst hinter ihm. Er will
der Kapelle ausweichen, muß dennoch an ihr vorbei, der Bannkreis seiner
Geschlechter läßt ihn nicht entrinnen, -- -- er ahnt es, fühlt es, zwingt
sich, immerwährend geradeaus zu gehen, stundenlang, aber die Schemen der
Erinnerung halten gleichen Schritt mit ihm. Schwarzes Gebüsch reckt sich
hier und dort, gleicht der mörderischen aufklaffenden Falltür; die Unruhe
um Sabine quält ihn; er weiß, es ist das erdwärtsziehende fluchbringende
Blut der Mutter in seinen Adern, das ihm die Flugkraft hemmen will, mehr
und mehr das junge Feuer seiner Begeisterung mit grauer nüchterner Asche
verschüttet, -- er wehrt sich dagegen mit aller Kraft, tappt sich
vorwärts von Baum zu Baum, bis er in der Ferne ein Licht erblickt, das in
Mannshöhe über dem Boden schwebt. Er eilt darauf zu, verliert es aus den
Augen, sieht es wieder aus dem Nebel blinken, näher und näher, ein
lockender irrlichternder Schein; ein Weg lenkt seine Füße, windet sich
nach links und rechts.
Ein leises kaum vernehmbares rätselhaftes Schreien zittert durch die
Dunkelheit.
Dann wuchten hohe schwarze Mauern mitten drin in der Nacht, ein hohes
offenes Tor und Leonhard erkennt -- das eigene Haus:
Eine Wanderung durch den Nebel im Kreis umher.
Willenlos und gebrochen tritt er ein, drückt auf die Klinke zu Sabines
Zimmer, da packt es ihn plötzlich eiskalt wie tödliche unbegreifliche
Gewißheit, daß da drinnen seine Mutter steht, leibhaftig, von Fleisch und
Bein, ein lebendig gewordener Leichnam, und auf ihn wartet.
Er will umkehren, zurückfliehen in die Finsternis, er kann nicht: eine
unwiderstehliche Macht zwingt ihn die Türe aufzustoßen.
Auf dem Bette liegt Sabine, verblutet, mit geschlossenen Lidern, weiß wie
das Linnen, und vor ihr nackt ein neugeborenes Kind, ein Mädchen, mit
faltigem Gesicht, leerem, unruhigem Blick, auf der Stirne ein rotes Mal:
-- Zug um Zug das grauenhafte Ebenbild der Erschlagenen aus der Kapelle.
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Meister Leonhard sieht einen Mann hinjagen über die Erde mit von Dornen
zerfetzten Kleidern: sich selbst, wie ihn grenzenloses Entsetzen, des
Schicksals ureigene Faust, fortpeitscht von Haus und Hof, -- nicht mehr
der selbstgefällige Wunsch, Großes zu vollbringen. --
Die Hand der Zeit baut Stadt hinter Stadt hinein in seinen Geist, düstere
und helle, große, kleine, freche und furchtsame, ohne Wahl, zerbröckelt
sie wieder, malt Flüsse hin wie gleißende silberne Schlangen, graue
Einöden, ein Harlekinkleid aus Äckern und Feldern gewürfelt braun, violett
und grün, Landstraßen voll Staub, spitzige Pappeln, dunstige Wiesen,
weidendes Vieh und wedelnde Hunde, Heilande an Kreuzwegen, weiße
Meilensteine, Menschen, junge und alte, Regenschauer, Tropfenglitzern,
goldene Froschaugen in Grabenpfützen, Hufeisen mit rostigen Nägeln,
einbeinige Störche, Zäune aus splittriger Rinde, gelbe Blumen, Friedhöfe
und wattige Wolken, Höhendampf und Essenlohe: sie kommen und gehen wie
Nacht und Tag, sinken hinab in Vergessenheit und sind wieder da wie
versteckenspielende Kinder, wenn ein Duft, ein Schall, ein leises Wort sie
ruft.
Länder, Burgen und Schlösser wandern an Leonhard vorüber, nehmen ihn auf,
man kennt den Namen seines Geschlechtes, kommt ihm mit Freundschaft und
Feindschaft entgegen.
Er spricht mit dem Volk in den Dörfern, mit Landstreichern, Gelehrten,
Krämern, Soldaten und Priestern, das Blut seiner Mutter kämpft in ihm mit
dem Blut seines Vaters: -- was ihn heute mit staunendem Grübeln erfüllt
und wie aus tausend Scherben zerbrochenen Glases einen Pfauenschweif von
bunten Farben spiegelt, scheint ihm morgen blind und grau, je nachdem
Mutter oder Vater den Sieg erringen, -- dann wieder brüten die langen
furchtbaren Stunden, wo die beiden Lebensströme sich vermischen und er
sein altes Ich wieder anhat, die Schrecknisse der Erinnerung aus, und er
setzt blind, stumm und taub Schritt vor Schritt, umhüllt von den Schwaden
der Vergangenheit, -- sieht zwischen Augapfel und Lid das Greisengesicht
des kleinen Kindes, die leblosen lauernden Kerzenflammen, die beiden
Sterne, die dicht beisammen am Himmel stehen, den Brief, das mürrische
Schloß mit den zermürbenden Qualen, die tote Sabine und ihre schneeweißen
Leichenhände, hört das Lallen seines sterbenden Vaters, das Rauschen des
seidenen Kleides, das Krachen des berstenden Schädels.
Dann faßt es ihn zuweilen an wie Furcht, abermals im Kreis zu gehen, --
jeder Wald in der Ferne droht sich in den bekannten Park zu formen, jede
Mauer: das eigene Haus zu werden, die Gesichter, die ihm entgegenkommen,
wollen den Mägden und Dienern seiner Jugend ähnlicher und ähnlicher sein;
-- er flüchtet sich in Kirchen, nächtet im Freien, zieht hinter plärrenden
Prozessionen her, betrinkt sich in Schenken mit Dirnen und Strolchen, um
sich vor den spähenden Augen des Schicksals zu verbergen, daß es ihn nicht
wiederum fange. Er will Mönch werden: der Abt des Klosters entsetzt sich,
als er seine Beichte hört und den Namen seines Stammes erfährt, auf dem
der Bannfluch der alten Tempelritter lastet; er stürzt sich kopfüber ins
brausende Leben, es speit ihn wieder aus; er sucht den Teufel: das Böse
ist allgegenwärtig, dennoch kann er den Urheber nicht finden; er sucht ihn
im eigenen Selbst, und schon ist dieses Selbst nicht mehr vorhanden, -- er
weiß: es _muß_ da sein, er fühlt es doch jede Sekunde, trotzdem ist es
augenblicklich fort, sowie er es sucht, ist jeden Tag ein anderes, ein
Regenbogen, der auf der Erde steht und beständig zurückweicht, in der Luft
zerfließt, wenn er danach greifen will.
Wohin er blickt, hinter allem sieht er verborgen das Kreuz des Satans aus
vier laufenden Menschenbeinen gebildet: überall ein sinnloses Zeugen und
Gebären, ein sinnloses Wachsen, ein sinnloses Sterben; er fühlt, daß der
Schoß, aus dem das Leiden entspringt, dieses ewig sich drehende Windrad
ist, aber die Achse, um die es kreist, bleibt ihm unfaßbar wie ein
mathematischer Punkt.
Ein Bettelmönch zieht des Weges, er schließt sich ihm an, betet, fastet,
kasteit sich wie er, die Jahre fallen wie die Perlen eines Rosenkranzes:
nichts ändert sich, nicht innerlich, nicht äußerlich, nur die Sonne
scheint trüber.
Wie früher wird den Armen das Letzte genommen und den Reichen wird doppelt
gegeben; je inbrünstiger er fleht um »Brot«: um so härter die Steine, die
der Tag ihm reicht, -- die Himmel bleiben hart wie blauer Stahl.
Der alte unbändige Haß gegen den heimlichen Feind der Menschen, der die
Geschicke verhängt, bricht wieder auf in ihm.
Er hört den Mönch predigen von Gerechtigkeit und den Höllenqualen der ewig
Verdammten: es klingt ihm wie teuflischer Hahnenschrei, -- er hört ihn
eifern gegen den verruchten Templerorden, der auf Scheiterhaufen
tausendmal verbrannt, immer wieder sein Haupt erhebe, nicht sterben könne
und im geheimen, über die ganze Erde verbreitet, unvertilgbar weiter
bestehe.
Es ist das erstemal, daß er Genaueres über den Glauben der Templer
erfährt: -- daß sie zwei Götter haben, einen obern, der fern von den
Wesen steht, und einen untern: den Satan, der stündlich die Welt neu
erschafft und sie mit Greueln erfüllt, gräßlicher von Tag zu Tag, bis sie
endlich völlig im eigenen Blute erstickt, -- daß über diesen beiden
Göttern ein dritter stehe -- der Baphomet, -- ein Götzenbild mit goldnem
Kopf und drei Gesichtern.
Die Worte sengen sich in ihn ein, als sei es der Mund des Feuers selbst,
der sie ausspricht.
Er kann nicht in die Tiefen dringen, über denen sich ihr Sinn ausspannt
wie ein schwankender Teppich aus Sumpfmoos, aber er fühlt mit
unabweisbarer Gewißheit, daß _dieser_ Weg für ihn der einzige ist, auf dem
er sich selbst entrinnen kann: der Orden der Templer reckt den Arm nach
ihm -- die Erbschaft der Vorfahren, der kein Mensch entgehen kann.
Er verläßt den Mönch.
Wieder sind die Scharen der Toten rings um ihn, rufen ihm einen Namen zu,
bis seine Lippen ihn wiederholen und er ihn allmählich -- Silbe für Silbe
-- versteht, wie sein Mund ihn ausspricht, -- es ist, als wachse er gleich
einem Baum Zweig um Zweig aus seinem Herzen hervor, -- ein Name, ihm
vollkommen fremd und doch mit seinem ganzen Dasein verwachsen, ein Name
mit Purpur und Krone, den er beständig vor sich hinflüstern muß, nicht
mehr loswerden kann, dessen Rhythmus Ja--cob--de--Vi--tri--a--co er im
Takt empfindet, wie seine Füße beim Gehen den Boden berühren.
Nach und nach wird ihm der Name ein gespenstischer Führer, der vor ihm
hergeht, heute als sagenhafter Hochmeister der Ritter vom Tempel, morgen
als gestaltlose innere Stimme.
Wie ein in die Luft geworfener Stein seine Bahn ändert und mit wachsender
Schnelle zur Erde strebt, bedeutet der Name für Leonhard plötzlich einen
Wendepunkt in seinen Wünschen und ein übermächtiger unerklärlicher Trieb,
nichts mehr zu wollen, als den Träger dieses Namens zu finden, verschlingt
nach und nach sein ganzes Sinnen und Trachten.
Manchmal will er schwören, daß der Name ihm vollkommen neu ist, dann
wieder erinnert er sich scharf, daß er in einem Buch seines Vaters steht
an der und der Stelle als Oberhaupt des Ordens verzeichnet; vergeblich
sagt er sich vor, daß es zwecklos ist, nach diesem Hochmeister Vitriaco
auf Erden zu forschen, daß er einem vergangenen Jahrhundert angehört und
seine Gebeine längst im Grabe modern müssen; aber der Verstand hat keine
Macht mehr über den Durst des Suchens: das Radkreuz mit den vier laufenden
Beinen rollt vor ihm her, unsichtbar, zieht ihn hinter sich drein.
Er forscht in den Adelsarchiven der Ratstuben, fragt Wappenkundige:
niemand, der den Namen kennt.
Er stößt endlich in einer Klosterbibliothek auf das gleiche Buch wie das
seines Vaters, liest das Buch durch Seite für Seite, Zeile für Zeile: der
Name Vitriaco steht nicht darin.
Er zweifelt an seinem Gedächtnis, seine ganze Vergangenheit scheint zu
wanken; aber der Name Vitriaco bleibt als einziger fester Punkt,
unverrückbar wie ein Felsblock.
Er beschließt, sich ihn für alle Zeiten aus dem Hirn zu reißen, setzt sich
heute eine bestimmte Stadt als nächstes Ziel: schon morgen ist's ein
ferner undeutlicher Ruf irgendwoher, der wie Vi--tri--a--co klingt, und
eine andere Straße führt ihn weit ab vom Wege, -- ein Kirchturm am
Horizont, der Schatten eines Baumes, der deutende Arm eines Meilenzeigers:
alles wird, so sehr er sich auch zum Zweifel zwingt, zum weisenden Finger,
daß er dem Orte nahe sei, wo der geheimnisvolle Hochmeister Vitriaco lebt
und seine Schritte lenkt.
In einer Herberge trifft er einen fahrenden Quacksalber und eine vage
Hoffnung narrt ihn, es könne vielleicht der sein, den er sucht, aber der
Quacksalber nennt sich -- Doktor Schrepfer. Er ist ein Mann mit kleinen
blanken Marderzähnen, dunkler Gesichtsfarbe und listigen Augen, und es
gibt nichts auf Erden, das er nicht weiß, keinen Ort, den er nicht kennt,
keinen Gedanken, den er nicht errät, kein Herz, in dessen Abgründe er
nicht schaut, keine Krankheit, die er nicht heilt, keine Zunge, die nicht
schwätzt, wenn er will, keinen Pfennig, der vor ihm sicher ist; -- die
Mädchen drängen sich, daß er ihnen wahrsage aus Hand und Karten; die Leute
verstummen, als er ihnen ihre Vergangenheit zuraunt, schleichen scheu
davon.
Leonhard bleibt die ganze Nacht mit ihm beisammen und zecht; im Rausch
übermannt ihn bisweilen ein Grausen, daß es kein Mensch ist, der da vor
ihm sitzt. Oft verschwinden seine Züge -- er sieht nur die weißen Zähne
blitzen, hinter denen Worte hervorkommen, halb Echo dessen, was er selber
spricht, halb Antworten auf kaum gedachte Fragen.
Als lese der Mann in seinem Gehirn die innersten Wünsche: stets bringt er
auch das gleichgültigste Gespräch zum Schluß auf die Templer. Leonhard
will ihn aushorchen, ob ihm ein gewisser Vitriaco bekannt ist -- aber
jedesmal, im letzten Moment, wenn es fast schon zu spät ist, warnt ihn ein
tiefes Mißtrauen und er beißt den Namen entzwei.
Sie reisen zusammen weiter, wohin der Zufall sie führt, von einem
Jahrmarkt zum andern.
Der Doktor Schrepfer frißt Feuer, schluckt Schwerter, verwandelt Wasser in
Wein, sticht sich Dolche durch Wange und Zunge, ohne daß es blutet, heilt
Besessene, bespricht Wunden, zitiert Gespenster, verhext Mensch und Vieh.
Täglich hat Leonhard vor Augen, daß der Mann ein Betrüger ist, weder
lesen noch schreiben kann und dennoch Wunder vollbringt: Lahme werfen die
Krücken fort und tanzen, kreißende Weiber gebären, sobald er die Hände auf
sie legt, die Krämpfe der Epileptischen hören auf, Ratten laufen in Rudeln
aus den Häusern und stürzen sich ins Wasser -- er kann sich nicht von ihm
losmachen, steht unter seinem Bann und dünkt sich frei.
Kaum will die Hoffnung sterben, daß er durch ihn den Hochmeister Vitriaco
jemals finden wird, lodert sie in der nächsten Minute hell wieder auf,
durch irgendein doppelsinniges Wort geschürt, und schlägt ihn von neuem in
Fesseln.
Alles, was der Gaukler spricht und tut, hat ein zwiefältiges Gesicht: er
prellt die Menschen und hilft ihnen damit; er lügt, und seine Reden bergen
die höchste Wahrheit; er spricht die Wahrheit, und die Lüge grinst hervor;
er phantasiert drauf los: seine Worte werden Prophezeiung; er weissagt aus
den Sternbildern: es trifft ein, trotzdem er keine Ahnung hat von
Astrologie; er braut Arzneien aus harmlosen Kräutern: sie wirken wie
Zauber; er lacht über die Leichtgläubigen und ist selber abergläubisch
wie ein altes Weib; er verhöhnt das Kruzifix und schlägt das Kreuz, wenn
eine Katze über den Weg läuft; stellt man ihm Fragen, erwidert er frech
mit den gleichen Worten, die die Wißbegierigen noch im selben Atem
gebrauchen, und sie formen sich in seinem Munde zu Antworten, die den
Nagel auf den Kopf treffen.
Mit Staunen sieht Leonhard eine wundersame Kraft sich in diesem
wertlosesten irdischen Werkzeuge offenbaren; allmählich ahnt er den
Schlüssel zu dem Rätsel: erblickt er in ihm nur den Schwindler, so kraust
sich alles, was er von ihm erfährt, zu Unsinn und Hirngespinst, wendet er
sich aber an die unsichtbare Macht, die sich in dem Doktor Schrepfer
spiegelt wie die Sonne in einer Pfütze, sofort wird der Quacksalber zu
ihrem Sprachrohr und die Quellen lebendiger Wahrheit brechen auf.
Er wagt den Versuch, überwindet sein Mißtrauen, frägt den Mann ohne ihn
anzusehen -- wie in die violetten und purpurnen Wolken des Abendhimmels
hinein, ob er den Namen kennt: Jacob de -- --.
»-- Vitriaco«, ergänzt der andere schnell, bleibt stehen wie in
Verzückung, verneigt sich tief gegen Westen, setzt eine feierliche Miene
auf und erzählt im bebenden Flüsterton, daß endlich die Stunde der
Erweckung gekommen ist, daß er selber ein Templer des dienenden Grades
sei, berufen, Suchende auf den geheimnisvoll verschlungenen Pfaden des
Lebens zum Meister zu führen. Schildert in einem Schwall von Worten die
Herrlichkeit, die des Erwählten wartet, den Glanz, der das Angesicht der
Brüder umgibt und sie freimacht von Reue jeglicher Art, von Blutschuld,
Sünde und Qual und zu Janusköpfen, die in zwei Welten hineinblicken von
Ewigkeit zu Ewigkeit, unsterbliche Zeugen des Diesseits und Jenseits, --
dem Netze der Zeitlichkeit für immer entronnene riesige Menschenfische im
Ozean des Daseins, unsterblich hier und dort.
Dann deutet er ekstatisch auf den dunkelblauen Saum einer Hügelkette am
Horizont: daß dort drinnen tief in der Erde inmitten ragender Säulen das
Heiligtum des Ordens errichtet stehe aus Druidensteinen getürmt, wo
alljährlich ein einziges Mal im Dunkel der Nacht sich die Jünger des
Baphometkreuzes versammeln -- die Auserkorenen des unteren Gottes, der die
Wesen regiert, die Schwachen zertritt und die Starken zur Sohnschaft
erhebt. Nur wer ein wahrhaftiger Ritter sei, ein Frevler vom Haupt bis zur
Ferse, getauft in den Flammen des geistigen Aufruhrs, und keiner der
Winsler, die stündlich zurückbeben vor dem Popanz der Todsünde und sich
ohne Unterlaß kastrieren am heiligen Geist, der doch auch ihr eigenstes
Ich sei, könne der Aussöhnung mit dem Satan, dem einzigen Gegürteten unter
den Göttern, teilhaftig werden, ohne die es nimmermehr eine Heilung des
Zwiespaltes gebe zwischen Wunsch und Geschick.
Leonhard hört der schwülstigen Rede zu mit fadem Geschmack auf der Zunge;
Ekelhaftes geht von der verlogenen Phantastik aus: daß da mitten in einem
Walde deutschen Landes ein verborgener Tempel stehen soll, -- aber der
fanatische Ton, der in den Worten schwingt, dröhnt wie Orgelbrausen sein
Denken nieder, er läßt mit sich geschehen, was der Doktor Schrepfer
befiehlt, zieht die Schuhe aus, sie zünden ein Feuer an, Funken spritzen
hinein in die Finsternis der Sommernacht, er trinkt aus einem Napf den
scheußlichen Trank, den ihm jener aus Kräutern braut, damit er -- rein
werde.
»Lucifer, der du Unrecht leidest, ich grüße dich!« soll er sich einprägen
als Erkennungszeichen. Er hört den Satz; die Silben stehen seltsam
getrennt wie steinerne Pfeiler umher, manche weit weg, wieder welche dicht
vor seinem Ohr, sind für ihn nicht mehr Laute, schießen zu Säulen auf,
bilden Gänge, -- so selbstverständlich, wie sich in Halbträumen Dinge
ineinander verwandeln können und Großes in Kleines schlüpft.
Der Quacksalber faßt ihn an der Hand, sie wandern, lang lang, wie es
scheint; Leonhard brennen die nackten Sohlen. Er fühlt Ackerschollen unter
den Füßen.
Bodenerhebungen quellen in der Dunkelheit zu lockern Gebilden.
Augenblicke nüchternen Zweifels wechseln mit unerschütterlicher
Zuversicht, -- das feste Vertrauen, daß irgend etwas Wahres, wie stets
bisher, hinter den Versprechungen seines Führers wartet, gewinnt die
Oberhand.
Dann kommen seltsam erregende Momente, wo er durch Stolpern über Steine
ruckweise erwacht und erkennt, daß sein Körper in tiefem Schlaf
dahinwandert; gleich darauf vergißt er sein Aufschrecken wieder, leere
Zeiträume von unendlicher Dauer schieben sich dazwischen, drängen seinen
Argwohn aus der Gegenwart ab in scheinbar längst vergangenen Epochen.
Der Weg senkt sich.
Breite, hallende Stufen eilen in die Tiefe.
Dann tastet sich Leonhard kalte glatte Marmorwände entlang; -- er ist
allein, will sich umsehen nach seinem Begleiter -- -- da rauben ihm
Posaunenstöße dröhnend wie der Ruf zur Auferstehung fast die Besinnung,
die Knochen vibrieren in seinem Leib, vor den Augen reißt die Nacht
entzwei: der Sturm der Fanfaren wird grelles Licht -- er steht in einem
weißen Kuppelbau.