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Sperrung: _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiqua#
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* * * * *
Fledermäuse
Sieben Geschichten
von
Gustav Meyrink
Das 21. bis 30. Tausend
Kurt Wolff Verlag, Leipzig
1916
#Copyright 1916 by# Kurt Wolff Verlag, Leipzig
Gedruckt in der L. C. Wittich'schen Hofbuchdruckerei
in Darmstadt
Meinem Freunde
August Wärndorfer
gewidmet
Inhalt
Meister Leonhard 7
Das Grillenspiel 86
Wie #Dr.# Hiob Paupersum seiner Tochter
rote Rosen brachte 111
Amadeus Knödlseder. Der unverbesserliche
Lämmergeier 135
J. H. Obereits Besuch bei den Zeit-egeln 156
Der Kardinal Napellus 175
Die vier Mondbrüder 200
Meister Leonhard
Unbeweglich sitzt Meister Leonhard in seinem gotischen Lehnstuhl und
starrt mit weit offenen Augen gerade aus.
Der Flammenschein des lodernden Reisigfeuers in dem kleinen Herd flackert
über sein härenes Gewand, aber der Glanz kann nicht haften bleiben an der
Regungslosigkeit, die Meister Leonhard umgibt, gleitet ab von dem langen
weißen Bart, dem gefurchten Gesicht und den Greisenhänden, die in ihrer
Totenstille mit dem Braun und Gold der geschnitzten Armlehnen wie
verwachsen sind.
Meister Leonhard hält seinen Blick zum Fenster gekehrt, vor dem mannshohe
Schneehügel die ruinenhafte halbversunkene Schloßkapelle umgeben, in der
er sitzt, aber im Geiste sieht er hinter sich die kahlen, engen,
schmucklosen Wände, die ärmliche Lagerstätte und das Kruzifix über der
wurmstichigen Tür -- sieht den Wasserkrug, den Laib selbergebackenen
Bucheckernbrotes und das Messer daneben mit dem gekerbten Beingriff in der
Ecknische.
Er hört, wie draußen die Baumriesen krachen unter dem Frost und sieht die
Eiszapfen im grellen schneidenden Mondlicht herabfunkeln von den
weißbeladenen Ästen. Er sieht seinen eigenen Schatten hinaus durch den
Spitzbogen des Fensters fallen und mit den Silhouetten der Tannen auf dem
glitzernden Schnee ein gespenstisches Spiel treiben, wenn das Feuer der
Kienspäne im Ofen die Hälse reckt oder sich duckt, -- dann wieder sieht er
ihn plötzlich zusammengeschrumpft wie zu einer Bockgestalt auf
schwarzblauem Thron und die Knäufe des Lehnstuhls als Teufelshörner über
spitzigen Ohren.
Ein altes buckliges Weib aus dem Meiler, der stundenweit, jenseits der
Moorheide tief unten im Tale liegt, humpelt mühsam durch den Wald herauf
und zieht einen Handschlitten mit dürrem Holz; erschreckt glotzt sie in
den blendenden Lichtschein und begreift nicht. Ihr Blick fällt auf den
Teufelsschatten im Schnee -- sie erfaßt nicht, wo sie ist und daß sie vor
der Kapelle steht, von der die Sage geht, der letzte gegen den Tod
gefeite Sprosse eines fluchbeladenen Geschlechtes hause darin.
Voll Entsetzen schlägt sie das Kreuz und hastet mit wankenden Knien zurück
in den Wald.
Meister Leonhard folgt ihr eine Weile im Geiste auf dem Weg, den sie
nimmt. Er kommt an den brandschwarzen Trümmern des Schlosses vorüber, in
dem seine Jugend verschüttet liegt, aber es berührt ihn nicht: alles ist
ihm Gegenwart, leidlos und klar wie ein Gebilde aus farbiger Luft. Er
sieht sich als Kind unter einer jungen Birke mit bunten Kieseln spielen
und sieht sich zu gleicher Zeit als Greis vor seinem Schatten sitzen.
Die Gestalt seiner Mutter taucht vor ihm auf mit den ewig zuckenden
Gesichtszügen; alles an ihr bebt in beständiger Unruhe, nur die Haut ihrer
Stirn ist unbeweglich, glatt wie Pergament und straff über den runden
Schädel gespannt, der gleich einer fugenlosen Elfenbeinkugel das Gefängnis
eines summenden Fliegenschwarms unsteter Gedanken zu sein scheint.
Er hört das ununterbrochene, keine Sekunde pausierende Rascheln ihres
schwarzen seidenen Kleides, das wie das nervenaufpeitschende Schwirren von
Millionen Insektenflügeln die Räume des Schlosses erfüllt, durch Boden-
und Mauerritzen dringt und Mensch und Tier den Frieden raubt. Selbst die
Dinge stehen unter dem Bann ihrer schmalen, immer befehlsbereiten Lippen,
sind beständig wie auf dem Sprung und keines wagt sich heimisch zu fühlen.
Sie kennt das Leben der Welt nur vom Hörensagen, über den Zweck des
Daseins nachzuforschen, hält sie für überflüssig und für eine Ausrede der
Faulheit; wenn nur von früh bis spät ein zweckloses ameisenhaftes
Umherrennen im Hause herrscht, ein sinnwidriges Da- und Dorthinstellen von
Gegenständen, ein fiebriges Sichmüdemachen bis in den Schlaf hinein und
ein Zermürben ihrer Umgebung, glaubt sie ihre Pflicht gegen das Leben zu
erfüllen. Nie kommt ein Gedanke in ihrem Hirn zu Ende, kaum entsteht er,
wird er schon zu hastiger zweckloser Tat. Sie ist wie der
vorwärtshaspelnde Sekundenmesser einer Uhr, der in seiner
Zwergenhaftigkeit sich einbildet, daß die Welt ins Stocken gerät, wenn er
nicht dreitausendsechshundertmal zwölfmal des Tages im Kreise
herumzappelt, voll Ungeduld die Zeit in Staub zu zerfeilen, und es nicht
erwarten kann, daß die gelassenen Stundenzeiger die langen Arme heben zum
Schlag auf die Glocke.
Oft mitten in der Nacht reißt die Besessenheit sie aus dem Bette und sie
weckt die Dienerschaft: die Blumentöpfe, die in unabsehbaren Reihen auf
den Fenstersimsen stehen, müssen sogleich begossen werden; sie ist sich
nicht klar über das »warum«, es genügt: sie »müssen« begossen werden.
Niemand wagt ihr zu widersprechen, jeder wird stumm angesichts der
Erfolglosigkeit, mit dem Schwert des Verstandes gegen ein Irrlicht kämpfen
zu wollen.
Nie fängt eine Pflanze Wurzel, denn täglich setzt sie sie um, niemals
lassen sich die Vögel auf dem Dach des Schlosses nieder, in Scharen
durchkreuzen sie in dunklem Wandertrieb den Himmel, schwenken hierhin und
dorthin, aufwärts und abwärts, bald zu Punkten werdend, bald breit und
flach wie schwarze flatternde Hände.
Selbst in den Sonnenstrahlen ist ein ewiges Zittern, denn immer herrscht
Wind und verweht ihr Licht mit jagenden Wolken; es geht ein Schwanken und
Zausen von früh bis abend, von abend bis früh durch die Blätter und Zweige
der Bäume, und nie kommen Früchte zur Reife, -- schon der Mai bläst alle
Blüten davon. Die Natur ringsum ist krank von der Unrast im Schlosse.
Meister Leonhard sieht sich vor seiner Rechentafel sitzen, er ist zwölf
Jahre alt, drückt die Hände fest an die Ohren, um das Schlagen der Türen
und das unablässige Treppauf Treppab der Mägde nicht zu hören und das
Schrillen der Stimme seiner Mutter, -- es nützt nichts: die Ziffern werden
eine Herde wimmelnder boshafter winziger Kobolde, laufen ihm durchs Hirn,
durch Nase, Mund und Augen aus und ein und machen sein Blut rasen und
seine Haut brennen. Er versucht's mit dem Lesen, -- umsonst, die
Buchstaben tanzen vor seinen Blicken: ein nicht zu fassender
Mückenschwarm. -- »Ob er seine Aufgabe denn immer noch nicht kann?«
schrecken ihn die Lippen der Mutter auf; sie wartet die Antwort nicht ab,
ihre irren wasserblauen Augen suchen in allen Ecken, ob nicht irgendwo
Staub liegt; Spinnweben, die nicht da sind, müssen mit Besen abgekehrt,
Möbel umgestellt, hinaus und wieder hereingerückt, Schränke zerlegt und
nachgesehen werden, damit sich keine Motten einnisten, man schraubt die
Tischbeine ab und wieder an, Schubladen fliegen auf und zu, man hängt die
Bilder um, reißt Nägel aus den Wänden und schlägt sie daneben ein, die
Dinge geraten in Tobsucht, der Hammer fliegt vom Stiel, Leitersprossen
brechen, Kalk bröckelt von der Decke, -- der Maurer soll sofort kommen!
--, Wischtücher klemmen sich ein, Nadeln fallen aus der Hand und
verstecken sich in Dielenritzen, der Wachhund im Hof reißt sich los, kommt
mit klirrender Kette herein und rennt die Stehuhr über den Haufen; der
kleine Leonhard bohrt sich von neuem in sein Buch und beißt die Zähne
zusammen, um einen Sinn zu erhaschen aus den schwarzen krummen Haken, die
da drin hintereinander herlaufen, -- er soll sich anderswo hinsetzen, der
Sessel muß ausgeklopft werden; er lehnt sich, das Buch in der Hand, ans
Fensterbrett, -- das Fensterbrett muß gewaschen und weiß gestrichen
werden; warum er denn überall im Weg ist? Und ob er seine Aufgabe jetzt
endlich kann? Dann fegt sie hinaus; die Mägde müssen alles liegen und
stehen lassen und rasch ihr nach und Schaufeln, Äxte und Stangen holen für
den Fall, daß im Keller Ratten sind.
Das Fensterbrett ist halb gestrichen, von den Stühlen fehlen die Sitze und
das Zimmer gleicht einem Trümmerhaufen; ein dumpfer grenzenloser Haß gegen
die Mutter frißt sich in das Herz des Kindes. Jede Faser in ihm lechzt
nach Ruhe; es sehnt die Nacht herbei, aber selbst der Schlaf bringt ihm
die Stille nicht, wirre Träume halbieren seine Gedanken, so daß aus einem
zwei werden, die einander jagend verfolgen und nie erreichen; die Muskeln
können sich nicht entspannen, der ganze Körper ist in beständiger
Abwehrstellung gegen blitzartig hereinbrechende Befehle, das oder jenes
Sinnlose vollbringen zu sollen.
Die Spiele während des Tages im Garten entspringen nicht jugendlicher
Lust, die Mutter ordnet sie an ohne Verständnis, wie alles, was sie tut,
um sie in der nächsten Minute zu unterbrechen; ein längeres Beharren bei
einer Sache erscheint ihr als Stillstand, gegen den sie glaubt ankämpfen
zu müssen wie gegen den Tod. Das Kind traut sich nicht vom Schlosse weg,
bleibt immer in Hörweite, es fühlt: es gibt kein Entrinnen, ein Schritt zu
weit und schon fällt ein lautes Wort aus den offenen Fenstern herab und
hemmt den Fuß.
Die kleine Sabine, ein Bauernmädchen, das unten beim Gesinde wohnt und ein
Jahr jünger ist als er, sieht Leonhard nur von weitem, und gelingt es
ihnen, einmal für kurze Minuten zusammenzukommen, reden sie in hastigen
abgerissenen Sätzen, so wie Leute, die von sich begegnenden Schiffen
einander eilige Worte zurufen.
Der alte Graf, Leonhards Vater, ist lahm auf beiden Füßen, er sitzt den
ganzen Tag im Rollstuhl in seinem Bibliothekszimmer, stets im Begriffe zu
lesen; aber auch hier ist keine Ruhe, stündlich wühlen die nervösen Hände
der Mutter in den Büchern, stauben sie ab und schlagen sie mit den
Deckeln aneinander, Merkzeichen flattern auf den Boden, Bände, die heute
hier stehen, stehen morgen hoch oben auf den Borden oder türmen sich zu
Bergen, wenn plötzlich die Tapeten hinter den Gestellen mit Brot oder
Bürsten abgerieben werden sollen. Und ist die Gräfin für eine Zeit in den
andern Räumen des Schlosses, so steigert sich nur die Qual des geistigen
Wirrwarrs durch das nagende Gefühl der Erwartung, daß sie jeden Augenblick
unversehens zurückkommen kann.
Abends, wenn die Kerzen brennen, schleicht sich der kleine Leonhard zu
seinem Vater, um ihm Gesellschaft zu leisten, aber es kommt zu keinem
Gespräch; wie eine Glaswand, durch die hindurch eine Verständigung
unmöglich ist, steht es zwischen ihnen; zuweilen öffnet der Alte, als
fasse er gewaltsam den Entschluß, seinem Kinde etwas Wichtiges,
Einschneidendes zu sagen, mit einem erregten Vorneigen des Gesichtes den
Mund, aber immer bleiben ihm die Worte in der Kehle stecken, er schließt
die Lippen wieder, fährt nur stumm und zärtlich mit der Hand über die
glühheiße Stirne des Knaben, aber seine Blicke flackern dabei zur Türe
hin, die jeden Augenblick eine Störung bringen kann.
Dumpf ahnt das Kind, was in der alten Brust vorgeht: daß es Übervollsein
des Herzens und nicht Leere ist, die die Zunge seines Vaters stumm macht,
und wieder steigt ihm der Haß gegen die Mutter bitter zum Halse hinauf,
die es in Gedanken mit den tiefen Furchen und dem verstörten Ausdruck des
Greisengesichtes in den Kissen des Rollstuhls in unklare Verbindung
bringt; ein leiser Wunsch, man möge eines Morgens die Mutter tot im Bette
finden, wird in ihm wach, und zu der Folter beständiger innerer Unruhe
treten die Qualen eines höllischen Wartens, -- es belauert im Spiegel ihre
Züge, ob sich keine Spur von Krankheit in ihnen zeigt, beobachtet ihren
Gang voll Hoffnung, die Zeichen beginnender Müdigkeit zu entdecken. Aber
eine unerschütterliche Gesundheit belebt die Frau, sie kennt kein
Schwachsein, scheint immer neue Kraft zu bekommen, je mehr die Menschen in
ihrer Nähe siech und schlaff werden.
Von Sabine und der Dienerschaft erfährt Leonhard, daß sein Vater ein
Philosoph ist, ein Weiser, und daß in den vielen Büchern lauter Weisheit
steht, und er faßt den kindlichen Entschluß, die Weisheit zu erringen, --
vielleicht fällt dann die unsichtbare Schranke, die ihn von seinem Vater
trennt, und die Furchen werden wieder glatt, das gramvolle Greisengesicht
wieder jung.
Aber niemand kann ihm sagen, was Weisheit ist, und die pathetischen Worte
des Geistlichen, an den er sich wendet: »die Furcht des Herrn, das ist
Weisheit«, machen ihn vollends verwirrt.
Daß es die Mutter nicht weiß, steht felsenfest bei ihm, und langsam
dämmert ihm daraus die Erkenntnis, daß alles, was sie tut und denkt, das
Gegenteil von Weisheit sein muß.
Er faßt sich ein Herz und fragt seinen Vater, als sie einen Augenblick
allein sind, was Weisheit ist, -- unvermittelt, abgerissen, wie ein
Mensch, der einen Hilferuf ausstößt; er sieht, wie die Muskeln in dem
bartlosen Gesicht seines Vaters arbeiten vor Anstrengung die richtigen
Worte zu finden, die einem wißbegierigen Kindesverstand angepaßt sind, --
ihm selbst zerspringt der Kopf fast vor krampfhaftem Bemühen, den Sinn der
Rede zu begreifen.
Er fühlt genau, warum die Sätze so hastig und abgebrochen aus dem
zahnlosen Munde kommen, -- daß es wieder die Angst vor Störung durch die
Mutter ist, die Scheu, daß heilige Samenkörner entweiht werden könnten,
wenn sie der zersetzende nüchterne Hauch trifft, den seine Mutter
ausströmt, -- daß sie zum Giftkraut werden können, falls er sie
mißversteht.
All seine Mühe, zu erfassen, ist umsonst, schon hört er laute eilige
Schritte draußen auf dem Gang, die schrillen abgehackten Befehle und das
entsetzliche Rascheln des schwarzen, seidenen Kleides. Die Worte seines
Vaters werden schneller und schneller, er will sie auffangen, um sie sich
zu merken und später darüber nachzudenken, hascht nach ihnen, wie nach
schwirrenden Messern, -- sie entgleiten ihm, lassen blutende Schnittwunden
zurück.
Die atemlosen Sätze: »schon die Sehnsucht nach Weisheit ist Weisheit«, --
»ringe nach einem festen Punkt in dir, dem die Außenwelt nichts anhaben
kann, mein Kind«, -- »sieh alles, was geschieht, wie ein gemaltes lebloses
Bild an und laß dich davon nicht berühren« -- bohren sich in sein Herz
ein, aber sie haben eine Maske vor dem Gesicht, die er nicht zu
durchdringen vermag.
Er will weiter fragen, die Tür springt auf, ein letztes Wort: »laß die
Zeit an dir ablaufen wie Wasser« weht an seinem Ohr vorüber, die Gräfin
rast herein, ein Kübel fällt über die Schwelle, schmutzige Flut ergießt
sich über die Fliesen. »Steh nicht im Weg! Mach' dich nützlich!« gellt
es ihm nach, wie er voll Verzweiflung die Treppen hinunterläuft in sein
Zimmer. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Das Bild der Kindheit erlischt, und Meister Leonhard sieht wieder den
weißen Forst im Mondschein vor seinem Kapellenfenster, -- nicht schärfer
und nicht schwächer als die Szenen aus seiner Jugend: Vor seinem starren
kristallenen Geist ist Wirklichkeit und Erinnerung gleich leblos und
gleich lebendig.
Ein Fuchs trabt vorüber, langgestreckt, ohne Laut; der Schnee staubt
glitzrig auf, wo sein buschiger Schweif den Boden streift, die Augen
leuchten grün aus dem Dunkel der Stämme, verschwinden im Dickicht.
Hagere Gestalten in ärmlicher Kleidung, Gesichter, ausdrucksarm und
nichtssagend, verschieden durch das Alter und doch einander so seltsam
ähnlich, erstehen vor Meister Leonhard; er hört ihre Namen flüsternd im
Ohr, gleichgültige alltägliche Namen, die kaum ein Mittel sind, ihre
Träger zu unterscheiden. Er erkennt sie wieder als seine Hauslehrer, die
kommen und nach einem Monat gehen, -- nie ist seine Mutter mit ihnen
zufrieden, entläßt einen nach dem andern, weiß keinen Grund dafür und
sucht auch keinen; wenn sie nur da sind und gleich wieder fort wie
Blasen in brodelndem Wasser. Leonhard ist ein Jüngling mit keimendem
Flaum auf der Lippe und bereits so groß wie seine Mutter. Wenn er ihr
gegenübersteht, sind seine Augen auf gleicher Höhe wie die ihrigen, aber
immer muß er wegschauen, wagt den Versuch nicht, zu dem es ihn beständig
reizt und stachelt: ihren leeren fahrigen Blick zu bannen und den
tödlichen Haß hineinzusengen, den er gegen sie empfindet; jedesmal
würgt er es herunter, fühlt, daß der Speichel in seinem Munde bitter wie
Galle wird und sein Blut vergiftet.
Er sucht und scharrt in seinem Innern und kann doch die Ursache nicht
finden, die ihn so ohnmächtig macht gegen diese Frau mit ihrem unsteten
fledermaushaften Zickzackflug.
Ein Chaos von Begriffen dreht sich in seinem Kopf wie ein rasendes Rad,
jeder Herzschlag schwemmt neues Trümmerwerk halbfertiger Gedanken in sein
Hirn und schwemmt es wieder weg.
Pläne, die keine sind, Ideen, die sich selbst widerlegen, Wünsche ohne
Ziel, blinde heißhungrige Begierden, sich drängend und aneinander
zerschellend, tauchen empor aus den Wirbeln der Tiefe, die sie sofort
wieder einsaugt; Schreie ersticken in der Brust und können nicht an die
Oberfläche.
Eine wilde heulende Verzweiflung ergreift Besitz von Leonhard, steigert
sich von Tag zu Tag; in jedem Winkel erscheint ihm gespenstig das verhaßte
Gesicht seiner Mutter; aus den Büchern, wenn er sie aufschlägt, springt es
ihm schreckhaft entgegen; er traut sich nicht umzublättern aus Angst, es
von neuem zu sehen, wagt nicht sich umzudrehen, daß es nicht leibhaftig
hinter ihm stehe: jeder Schatten gerinnt in die gefürchteten Züge, der
eigene Atem rauscht wie das schwarze seidene Kleid.
Seine Sinne sind wund und empfindlich wie bloßliegende Nerven; wenn er im
Bette liegt, weiß er nicht, ob er träumt oder wacht, und übermannt ihn
endlich der Schlaf, wächst aus dem Boden ihre Gestalt im Hemde, weckt ihn
und schrillt ihn an: Leonhard, schläfst du schon?
Ein neues, seltsam heißes Gefühl wirft ihn hin und her, beklemmt ihm die
Brust, verfolgt ihn und treibt ihn, die Nähe Sabines zu suchen, ohne daß
er sich klar wird, was er von ihr will; sie ist erwachsen und trägt Röcke
bis zum Knöchel, das Rascheln ihres Kleides erregt ihn noch mehr als das
seiner Mutter.
Mit seinem Vater ist keine Verständigung mehr möglich: tiefe Nacht
umfängt seinen Geist; in regelmäßigen Zwischenräumen dringt das Stöhnen
des Greises grauenhaft durch die Hetzjagd im Hause, Stunde für Stunde
waschen sie sein Gesicht mit Essig, schieben seinen Sessel dahin und
dorthin, quälen den Sterbenden zu Tode. -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Leonhard wühlt sich mit dem Kopf in die Kissen, um nicht zu hören, --
ein Diener zupft ihn am Ärmel: »Um Gotteswillen schnell, schnell, mit
dem alten Herrn Grafen geht's zu Ende«. Leonhard springt auf, begreift
nicht, wo er ist und daß die Sonne scheint, und wieso es nicht finstere
Nacht wird, wenn sein Vater stirbt; er taumelt, sagt sich mit steifen
Lippen vor, daß er das alles nur träumt, läuft hinüber ins
Krankenzimmer; nasse Handtücher hängen in Reihen zum Trocknen an
Wäscheschnüren quer durch den Raum, Körbe versperren den Weg, der Wind
bläst durch die offenen Fenster herein und bauscht die weiße Leinwand,
-- ein Röcheln irgendwoher aus der Ecke.
Leonhard reißt die Stricke herab, daß die Wäsche naß auf den Boden
klatscht, schleudert alles beiseite, kämpft sich hin zu den brechenden
Augen, die ihm aus dem Rollstuhl, als der letzte Vorhang fällt, blind
und gläsern entgegenstarren, stürzt auf die Knie, drückt die
teilnahmslose, vom Todesschweiß feuchte Hand an seine Stirn; er will
das Wort »Vater« rufen und kann nicht, es fehlt plötzlich in seinem
Gedächtnis; es liegt ihm auf der Zunge, aber er vergißt es voll
Entsetzen in der nächsten Sekunde, eine wahnsinnige Angst drosselt ihn,
daß der Sterbende nicht mehr zu sich kommt, wenn er ihm das Wort nicht
zuruft, -- daß nur dieses Wort allein die Macht hat, das erlöschende
Bewußtsein von der Schwelle des Lebens für einen kurzen Augenblick noch
zurückzubringen; er rauft sich das Haar und schlägt sich ins Gesicht:
tausend Worte stürmen zu gleicher Zeit auf ihn ein, nur das eine, das er
mit brennendem Herzen sucht, will nicht erscheinen, -- und das Röcheln
wird schwächer und schwächer.
Stockt.
Fängt wieder an.
Bricht ab.
Verstummt.
Der Mund klappt auf.
Bleibt offen stehen.
»Vater!« schreit Leonhard auf; endlich ist das Wort da, aber der, dem es
gilt, rührt sich nicht mehr.
Tumult entsteht auf den Treppen; schreiende Stimmen, hallende laufende
Schritte auf den Gängen, der Hund schlägt an, heult dazwischen. Leonhard
achtet nicht darauf, er sieht und fühlt nur die furchtbare Ruhe auf dem
starren leblosen Gesicht; sie erfüllt das Zimmer, strahlt auf ihn über,
hüllt ihn ein. Ein betäubendes Gefühl von Glück, das er nicht kennt, legt
die Hand über sein Herz, ein Empfinden einer unbeweglichen Gegenwart, die
jenseits von Vergangenheit und Zukunft steht, -- ein stummes Frohlocken,
daß eine Kraft ringsum schwingt, in die man sich flüchten kann vor der
wirbelnden Unruhe im Haus wie in eine Wolke, die unsichtbar macht.
Die Luft ist voll Glanz.
Leonhard stürzen die Tränen aus den Augen. -- --
Ein prasselndes Geräusch, wie die Türe aufspringt, macht ihn
zusammenfahren, seine Mutter eilt herein, -- »es ist keine Zeit zum
Weinen jetzt; siehst doch, 's gibt alle Hände voll zu tun«, trifft es
ihn mit Peitschenhieb; Befehle schwirren, einer hebt den andern auf, die
Mägde schluchzen, man jagt sie hinaus, in fliegender Hast schleppen die
Diener die Möbel auf den Gang, Glasscheiben klirren, Arzneiflaschen
zerbrechen, man soll den Doktor holen, nein: den Geistlichen, halt halt,
nicht den Geistlichen: den Totengräber, er soll die Schaufel nicht
vergessen, einen Sarg bringen, Nägel zum Zunageln, die Schloßkapelle
aufsperren, die Gruft herrichten jetzt gleich, auf der Stelle, wo die
brennenden Kerzen bleiben und warum niemand die Leiche aufbahrt! -- muß
man denn alles zehnmal sagen!?
Mit Schaudern sieht Leonhard, wie der tolle Hexentanz des Lebens sogar
vor der Majestät des Todes nicht haltmacht und Schritt für Schritt einen
scheußlichen Sieg gewinnt, -- fühlt, daß der Frieden in seiner Brust
zergeht wie ein Hauch.
Sklavisch gehorsame Hände greifen schon nach dem Rollstuhl mit dem
Verstorbenen darin, um ihn fortzutragen; er will dazwischen springen, den
Toten schützen, breitet die Arme aus, -- sie fallen ihm kraftlos herab. Er
beißt die Zähne zusammen und zwingt sich, die Augen seiner Mutter zu
suchen, ob denn keine Spur von Leid oder Trauer in ihnen zu lesen ist:
keine Sekunde ist ihr unsteter, ruheloser Affenblick zu fassen, schweift
von Winkel zu Winkel, auf und nieder, von der Decke zur Wand, vom Fenster
zur Tür in wahnwitziger schmeißfliegenhafter Eile und verrät ein Geschöpf
ohne Seele, -- eine Besessene, an der Schmerz und Empfindung abprallen wie
Pfeile von einer wirbelnden Scheibe, ein scheußliches Rieseninsekt in
Weibsgestalt, das den Fluch ziel- und zweckloser Arbeit auf Erden
verkörpert. Lähmender Schrecken durchzuckt Leonhard, er starrt sie an wie
ein Wesen, das er zum erstenmal sieht, entsetzt sich vor ihr; sie hat
nichts Menschliches mehr für ihn, ist ihm plötzlich ein urfremdes Geschöpf
aus einer teuflischen Welt, halb Kobold, halb boshaftes Tier.
Das Gefühl, daß sie seine Mutter ist, läßt ihm das eigene Blut als etwas
Feindseliges, das ihm Leib und Seele zerfrißt, empfinden, macht sein Haar
sträuben, jagt ihm Furcht ein vor sich selbst, hetzt ihn hinaus, -- nur
fort, fort aus ihrer Nähe; er flieht in den Park, weiß nicht, was er will,
wohin er soll, rennt gegen einen Baum, fällt rücklings zu Boden, verliert
das Bewußtsein. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Meister Leonhard starrt hinein in ein neues Bild, das vorüberzieht wie ein
Fiebertraum: die Kapelle, in der er sitzt, ist hell von Kerzenschein, ein
Priester murmelt vor dem Altar, Geruch von welkenden Kränzen, ein offener
Sarg, der Tote im weißen Rittermantel, die wachsgelben Hände auf der Brust
gefaltet. Goldglanz blinkt um dunkle Heiligenbilder, schwarze Männer
stehen im Halbkreis; betende Lippen, dumpfe kalte Erdluft dringt aus dem
Boden, eine eiserne Falltür mit blankem Kreuz steht halb offen, ein
gähnendes viereckiges Loch darunter führt in die Gruft hinab. Gedämpfter
Gesang in lateinischer Sprache, Sonnenlicht hinter farbigem Glasfenster
wirft grüne, blaue, blutrote Flecken auf schwebende Weihrauchschwaden,
silbernes eindringliches Läuten von der Decke, die Hand des Geistlichen in
spitzenbesetztem Ärmel schwingt den Weihwedel über dem Gesicht des Toten.
-- Plötzlich Bewegung ringsum, zwölf weiße Handschuhe werden flink, heben
die Bahre vom Katafalk, schließen den Deckel, Seile straffen sich, der
Sarg sinkt in die Tiefe; die Männer steigen die steinernen Stufen hinab,
dumpfes Hallen aus dem Gewölbe, Sand knirscht, feierliche Stille. Lautlos
tauchen ernste Gesichter empor aus der Gruft, die Falltür neigt sich,
klappt ins Schloß, Staub wirbelt aus den Fugen, das blanke Kreuz liegt
wagrecht. -- Die Kerzen erlöschen, verglimmen; an ihrer Stelle flackern
wieder die Kienspäne auf dem kleinen Herd, Altar und Heiligenbilder werden
zur kahlen Wand. Erde bedeckt die Quadern, die Kränze zerfallen zu Moder,
die Gestalt des Priesters zergeht in der Luft, Meister Leonhard ist wieder
allein mit sich selbst. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Seit der alte Graf nicht mehr lebt, gärt es unter der Dienerschaft; die
Leute weigern sich, den sinnlosen Befehlen zu gehorchen, einer nach dem
andern schnürt sein Bündel und geht. Die wenigen, die übrigbleiben, sind
trotzig und widerwillig, verrichten nur die nötigste Arbeit, kommen nicht,
wenn man sie ruft.
Mit zusammengekniffenen Lippen rast Leonhards Mutter nach wie vor durch
alle Stuben, aber der helfende Troß fehlt; wutfauchend rüttelt sie an den
schweren Schränken, die sich nicht von der Stelle rühren unter ihren
ungeschickten Griffen, die Kommoden sind wie angeschraubt, Schubladen
spreizen sich, gehen nicht auf, nicht zu; was sie anfaßt, fällt ihr aus
der Hand, niemand hebt es auf; tausend Dinge liegen umher, Gerümpel
sammelt sich an, wächst zu unübersteiglichen Hindernissen -- keiner, der
Ordnung schafft. Die Bücherbretter rutschen von den Leisten, eine Lawine
von Bänden verschüttet das Zimmer, macht es unmöglich zum Fenster zu
gelangen, der Wind rüttelt daran, bis die Scheiben zerbrechen; der Regen
ergießt sich in Strömen herein und bald überzieht Schimmel alles mit einer
grauen Decke. Die Gräfin tobt wie eine Irrsinnige, hämmert mit den Fäusten
gegen die Wände, schnappt nach Luft, kreischt, reißt in Fetzen, was sich
zerreißen läßt. Der ohnmächtige Grimm, daß ihr niemand mehr gehorcht, --
daß sie sogar ihren Sohn, der seit seinem Sturz noch am Stocke geht und
nur mühselig humpelt, nicht als Diener verwenden kann, raubt ihr vollends
den letzten Rest von Besinnung: oft redet sie stundenlang halblaut mit
sich selbst, knirscht mit den Zähnen, schreit zornig auf, läuft wie ein
wildes Tier durch die Gänge.
Aber allmählich geht eine seltsame Veränderung in ihr vor, ihre Züge
werden hexenhaft, die Augen bekommen einen grünlichen Schimmer, sie
scheint Phantome zu sehen, horcht plötzlich mit offenem Mund in die Luft
wie auf Worte, die ihr jemand zuflüstert, frägt: was, was, was, was soll
ich?
Der Dämon in ihr wirft nach und nach die Maske ab, ihr planloser
Tätigkeitsdrang macht einer bewußten berechnenden Bosheit Platz. Sie
läßt die Gegenstände in Ruhe, rührt nichts an; Schmutz und Staub sammelt
sich überall an, die Spiegel erblinden, Unkraut wuchert im Garten, kein
Ding ist mehr am richtigen Ort, die notwendigsten Geräte sind
unauffindbar; das Gesinde macht sich erbötig, den ärgsten Wirrwarr zu
beseitigen, sie verbietet es mit barschen Worten, -- es ist ihr recht,
daß alles drunter und drüber geht, die Ziegel vom Dache fallen, das
Holzwerk verfault, die Leinwand verstockt, -- mit hämischer
Schadenfreude sieht sie, daß eine neue Art Qual an Stelle der alten
lebenvergällenden Ruhelosigkeit tritt, ein Verzweiflung erzeugendes
Unbehagen ihre Umgebung befällt; sie spricht mit niemand eine Silbe
mehr, gibt keine Befehle, aber alles, was sie tut, geschieht mit der
tückischen Absicht, die Dienerschaft beständig in Schrecken und
Aufregung zu versetzen. Sie spielt die Wahnsinnige, schleicht sich
nachts in die Schlafkammern der Mägde, wirft Krüge krachend zu Boden,
lacht schrill auf. Absperren nützt nichts: sie zieht sämtliche Schlüssel
im Hause ab; -- es gibt keine einzige Tür mehr, die sie nicht mit einem
Ruck aufreißen kann. Sie nimmt sich nicht die Zeit, sich zu kämmen, die
Haare hängen ihr wirr um die Schläfen, sie ißt im Gehen, legt sich nicht
mehr schlafen. Halb angezogen, damit das Rascheln der Kleider ihr Kommen
nicht verrät, huscht sie auf leisen Filzschuhen, um wie ein Gespenst da
und dort aufzutauchen, durchs Schloß.
Selbst in der Nähe der Kapelle geistert sie bei Mondschein umher. Niemand
traut sich mehr hin; das Gerede entsteht, daß der Tote dort spukt.
Nie läßt sie sich irgendwelche Hilfe leisten, was sie braucht, holt sie
sich selber; sie weiß genau, daß ihr stummes blitzartiges Erscheinen mehr
Furcht unter dem abergläubischen Gesinde erzeugt, als wenn sie herrisch
auftritt; die Leute verständigen sich nur noch im Flüsterton, keiner wagt
ein lautes Wort, alles ist vom bösen Gewissen befallen, trotzdem nicht der
geringste Grund dazu vorliegt.
Auf ihren Sohn hat sie es besonders abgesehen; heimtückisch benützt sie
bei jeder Gelegenheit ihr natürliches Übergewicht als Mutter, das Gefühl
der Abhängigkeit in ihm zu vertiefen, schürt seine nervöse Angst, sich nie
unbeobachtet zu wissen, zur Wahnvorstellung beständigen Ertapptwerdens,
bis es wie der Alpdruck ewigen Schuldbewußtseins auf ihm lastet.
Wenn er es hie und da versucht, sie anzureden, schneidet sie nur höhnische
Grimassen, daß ihm das Wort im Munde quillt und er sich vorkommt wie ein
Verbrecher, dem die Verworfenheit wie ein Brandmal auf der Stirne
geschrieben steht; die dumpfe Furcht, daß sie seine geheimsten Gedanken
lesen könne und wie es mit ihm und Sabine bestellt sei, wird zur
schreckhaften Gewißheit, wenn ihr stechender Blick auf ihm ruht; beim
leisesten Geräusch, das er hört, bemüht er sich krampfhaft ein
unbefangenes Gesicht zu machen, -- immer weniger gelingt es ihm, je mehr
er sich dazu zwingt.
Heimliche Sehnsucht und Verliebtheit ineinander spinnen sich an zwischen
Sabine und ihm. Sie stecken sich Briefchen zu, empfinden es als Todsünde;
bald verdorren unter dem Pesthauch des immerwährenden Sichverfolgtfühlens
alle zarteren Triebe, und eine unbändige tierische Brunst erfaßt sie. Sie
stellen sich auf an Ecken, wo zwei Gänge sich kreuzen, so daß sie einander
zwar nicht sehen, aber eines der beiden das Kommen der Gräfin bemerken muß
und den anderen Teil warnen kann, -- so sprechen sie mitsammen in der
Angst, die kostbaren Minuten zu verlieren, ohne jede Umschreibung, nennen
die Dinge unverblümt beim Namen, erhitzen gegenseitig ihr Blut immer mehr
und mehr.
Aber der Raum um sie wird enger und enger. Als ob die Alte ahnt, was
vorgeht, versperrt sie das zweite Stockwerk, dann das erste; nur das
Erdgeschoß, wo das Gesinde aus- und eingeht, steht noch zur Verfügung;
sich auf weitere Strecken vom Schloß zu entfernen, ist verboten, der Park
bietet keine Schlupfwinkel weder bei Tag noch bei Nacht; erhellt ihn das
Mondlicht; kann man ihre Gestalten von den Fenstern aus sehen, ist es
dunkel, droht jeden Augenblick die Gefahr beschlichen zu werden.
Ihre Begierden wachsen ins Unbezähmbare, je mehr sie sie unterdrücken
müssen; offen die Schranken zu durchbrechen, kommt ihnen nicht entfernt in
den Sinn: die Zwangsvorstellung, wehrlos wie Sklaven unter einer fremden
dämonischen Macht zu stehen, die über Leben und Tod gebieten kann, ist
ihnen von Kindheit an zu tief eingeimpft, als daß sie auch nur den Versuch
wagten, einander in Gegenwart seiner Mutter ins Gesicht zu sehen. -- --
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Ein glutheißer Sommer dorrt die Wiesen, der Erdboden klafft vor
Trockenheit, abends flammt der Himmel im Wetterleuchten. Das Gras ist
gelb, betäubt die Sinne mit schwülem Heugeruch, heiße Luft zittert um die
Mauern; die Brunst der beiden erreicht ihren höchsten Grad, ihr ganzes
Sinnen und Trachten richtet sich auf einen Punkt; wenn sie sich erblicken,
können sie sich kaum halten, nicht übereinander herzufallen.
Eine schlaflose fiebrige Nacht mit wachen, wilden, begehrlichen Träumen.
So oft sie die Augen öffnen, sehen sie Leonhards Mutter hereinspähen,
hören ihr Schleichen an den Schwellen, -- sie nehmen es wahr halb als
Wirklichkeit, halb als ein Hirngespinst, kümmern sich kaum darum, können
den kommenden Tag nicht erwarten, um sich endlich, koste es was es wolle,
in der Kapelle zu treffen.
Den ganzen Morgen bleiben sie in ihren Zimmern und horchen mit stockendem
Atem und bebenden Knien an den Türspalten auf Anzeichen, daß sich die Alte
in entlegeneren Teilen des Schlosses befindet.
Stunde um Stunde vergeht in markversengender Qual, es schlägt Mittag: da
-- ein Geräusch wie von klirrenden Schlüsseln im Innern des Hauses, das
ihnen Sicherheit vortäuscht; -- sie stürzen hinaus in den Garten; die
Pforte der Kapelle ist angelehnt, sie stoßen sie auf, schlagen sie hinter
sich zu, daß sie knallend in den Riegel schnappt. -- -- -- -- -- -- --
Sie sehen nicht, daß die eiserne Falltür, die hinab zur Gruft führt,
offensteht, nur von einer Holzspreize gestützt, -- sehen das gähnende
viereckige Loch im Boden nicht, fühlen den eiskalten Hauch nicht, der aus
dem Totengewölbe dringt; sie verschlingen sich mit den Blicken wie
Raubtiere; Sabine will reden, -- bringt nur ein lechzendes Lallen hervor;
Leonhard reißt ihr die Kleider vom Leib, wirft sich über sie; keuchend
verbeißen sie sich ineinander.
Im Sinnenrausch entschwindet ihnen das Verständnis für ihre Umgebung;
schlürfende Schritte tasten die steinernen Stufen aus der Gruft herauf,
sie hören es deutlich, aber es bleibt für ihr Bewußtsein dessen, was
vorgeht, belanglos wie Rascheln von Laub.
Hände tauchen aus dem Schacht, suchen einen Halt an den Rändern der
Quadern, ziehen sich empor.
Langsam wächst eine Gestalt aus dem Boden; Sabine sieht es mit
halbgeschlossenen Lidern, wie hinter roten Schleiern; plötzlich
durchzuckt sie die jähe Erkenntnis der Lage, sie stößt einen gellenden
Schrei aus: -- es ist die grauenhafte Alte, dieses furchtbare Überall und
Nirgends, die da aus der Erde steigt.
Entsetzt springt Leonhard auf, starrt einen Moment wie gelähmt in das
hämisch verzerrte Gesicht seiner Mutter, dann bricht eine schäumende
wahnwitzige Wut in ihm los; mit einem Fußtritt schleudert er die
Holzspreize fort: die Falltür saust hernieder, trifft krachend den Schädel
der Alten und schmettert sie in die Tiefe, daß man hört, wie ihr Körper
dumpf unten aufschlägt. --
Unfähig, ein Glied zu rühren, stehen die beiden mit aufgerissenen Augen
und stieren sich wortlos an. Die Beine schlottern ihnen unter dem Leib.
Langsam kauert sich Sabine nieder, um nicht umzufallen, verbirgt stöhnend
das Gesicht in den Händen; Leonhard schleppt sich zum Betstuhl. Laut
schlagen seine Zähne zusammen.
Minuten vergehen. Keines wagt sich zu bewegen, ihre Blicke weichen
einander aus; dann, von demselben Gedanken gepeitscht, stürzen sie zur
Tür ins Freie, zurück ins Haus wie von Furien gehetzt. -- -- -- -- --
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Das Abendrot verwandelt das Wasser im Brunnen in eine Blutlache, die
Fenster des Schlosses glühen in lohenden Flammen, die Schatten der Bäume
wachsen zu langen dünnen schwarzen Armen, die sich mit Zoll um Zoll
vorwärts schleichenden Fingern über den Rasen tasten, das letzte Zirpen
der Grillen zu ersticken. Der Glanz der Luft wird stumpf unter dem Atem
der Dämmerung. Dunkelblaue Nacht zieht auf.
Kopfschüttelnd tauscht die Dienerschaft Vermutungen, wo die Gräfin bleibt;
man fragt den jungen Herrn, er zuckt die Achseln, wendet das Gesicht ab,
damit sie seine Leichenblässe nicht sehen.
Brennende Laternen schwanken durch den Park; man sucht die Ufer des
Teiches ab, leuchtet ins Wasser, es ist schwarz wie Asphalt und wirft den
Schein zurück; die Mondsichel schwimmt darauf, aufgescheucht flattern die
Sumpfvögel im Schilf.
Der alte Gärtner bindet den Hund los, durchstreift den Forst ringsum,
seine rufende Stimme dringt zuweilen herüber aus weiter Ferne; jedesmal
fährt Leonhard auf, das Haar sträubt sich ihm, sein Blut stockt, denn er
glaubt, es kann seine Mutter sein, die da aufschreit unter der Erde.
Die Uhr zeigt auf Mitternacht. Noch immer ist der Mann nicht zurück, das
unbestimmte Gefühl eines drohenden Unheils legt sich dem Gesinde auf die
Brust; sie sitzen zusammengedrängt in der Küche, erzählen einander
schauerliche Geschichten von dem rätselhaften Verschwinden von Menschen,
die dann als Werwölfe die Gräber aufscharren und sich von den Leibern der
Toten nähren.
Tage und Wochen schwinden dahin: keine Spur von der Gräfin; man fordert
Leonhard auf, er soll eine Messe lesen lassen für ihr Seelenheil, er
schlägt es heftig ab. Die Kapelle wird ausgeräumt, nur ein geschnitzter
goldener Betstuhl bleibt darin, in dem er stundenlang zu sitzen pflegt und
vor sich hinbrütet; er duldet nicht, daß irgend jemand den Raum betritt.
Das Gerede entsteht, daß, wenn man durchs Schlüsselloch hineinspäht, man
ihn oft mit dem Ohr auf dem Boden liegen sieht, als horche er in die
Gruft hinunter.
Nachts schläft Sabine in seinem Bett, sie machen kein Hehl daraus, daß sie
zusammenleben wie Mann und Weib.
Das Gerücht von einem geheimnisvollen Mord dringt ins Dorf hinüber, will
nicht verstummen, frißt sich immer weiter und weiter ins Land; eines Tages
fährt ein spindeldürrer Ratsschreiber mit Perücke in einer gelben
Postkutsche vor, Leonhard sperrt sich mit ihm lange ein; der Mann reist
wieder ab, Monate vergehen und man hört nichts mehr von ihm, dennoch will
das bösartige Geraune im Schloß kein Ende nehmen.
Niemand zweifelt, daß die Gräfin tot sein muß, aber sie lebt weiter als
unsichtbares Gespenst, jeder fühlt ihre boshafte Gegenwart.
Man begegnet Sabinen mit finsteren Blicken, mißt ihr irgendwie die Schuld
bei an dem Geschehnis, bricht plötzlich das Gespräch ab, wenn der junge
Graf erscheint.
Leonhard sieht alles, was vorgeht, aber er tut als ob er es nicht merke,
trägt ein abstoßendes herrisches Wesen zur Schau.
Im Hause bleibt alles beim alten; Schlingpflanzen klettern die Mauern
empor, Mäuse, Ratten und Eulen nisten in den Zimmern, das Dach ist
brüchig, freiliegendes Gebälk wird morsch und faul.
Nur in der Bibliothek herrscht einigermaßen Ordnung, aber die Bücher sind
fast vermodert von der Nässe des Regens und kaum mehr leserlich.
Ganze Tage hockt Leonhard über den alten Bänden, sucht mühsam die
halbverwischten Blätter zu entziffern, die die ruckweise hingeworfenen
Schriftzüge seines Vaters tragen; und immer muß Sabine in seiner Nähe
sein.
Wenn sie sich entfernt, erfaßt ihn eine wilde Unruhe, selbst in die
Kapelle geht er nicht mehr ohne sie; aber sie sprechen nie mitsammen, nur
in der Nacht, wenn er bei ihr liegt, kommt es wie ein Delirium über ihn
und seine Erinnerung speit in verworrenen endlosen hastigen Sätzen wieder
aus, was er tagsüber aus den Büchern in sich schlingt; er fühlt genau,
warum er es tun muß, -- daß es nur der Verzweiflungskampf seines Hirns
ist, das sich mit jeder Faser wehrt, um das entsetzliche Bild der
ermordeten Mutter nicht im Dunkeln deutlich werden zu lassen, das
gräßliche schmetternde Krachen der Falltür, das sich wieder und wieder ins
Ohr drängen will, durch den Laut der eigenen Worte zu übertönen; Sabine
hört ihm in starrer Regungslosigkeit zu, unterbricht ihn mit keiner Silbe,
aber er fühlt, daß sie nichts erfaßt von dem, was er sagt, liest aus dem
leeren Blick ihrer Augen, die immerwährend auf ein und denselben Punkt in
der Ferne schauen, woran sie ohne Unterlaß denken muß.
Dem Druck seiner Hand antworten ihre Finger erst nach langen Minuten, aus
ihrem Herzen kommt kein Echo; er sucht sich und sie in den Strudel der
Leidenschaft zu stürzen, um zurückzufinden in die Tage, die vor dem
Geschehnis liegen, und sie zum Ausgangspunkt eines neuen Daseins zu
machen. Sabine erwidert seine Umarmung wie in tiefem Schlummer, und ihm
graut vor ihrem schwangeren Leib, in dem ein Kind als Zeuge einer Mordtat
dem Leben entgegenreift.
Sein Schlaf ist bleiern und ohne Traum, dennoch bringt er kein Vergessen;
es ist das Versinken in grenzenloses Alleinsein, in dem selbst die Bilder
des Schreckens dem Anblick entschwinden und nur das Gefühl einer würgenden
Qual zurückbleibt, -- ein plötzliches Dunkelwerden der Sinne, wie es ein
Mensch empfindet, der mit geschlossenen Augen beim nächsten Pulsschlag den
Hieb des Henkerbeils erwartet.
Jeden Morgen, wenn Leonhard erwacht, will er sich aufraffen, den Kerker
der marternden Erinnerung zu durchbrechen, ruft sich die Worte seines
Vaters, nach einem festen Punkt in seinem Innern zu suchen, ins Gedächtnis
zurück -- da fällt sein Blick auf Sabine, er sieht, wie sie ein Lächeln zu
erzwingen versucht, ihre Lippen nur zu einem Krampf verzerren kann, und
wiederum beginnt die wilde Flucht vor sich selbst.
Er beschließt, sich eine andere Umgebung zu schaffen, schickt die
Dienerschaft fort, behält bloß den alten Gärtner und dessen Weib: die
Einsamkeit mit ihrem Lauern wird nur um so tiefer, das Gespenst der
Vergangenheit lebendiger und lebendiger.
Es ist nicht böses Gewissen und das Schuldbewußtsein der Bluttat, das
Leonhard elend macht, -- keine Sekunde beschleicht ihn Reue: der Haß gegen
die Mutter ist so riesengroß wie am Sterbetag seines Vaters, aber daß sie
jetzt als unsichtbare Kraft zugegen ist, zwischen ihm und Sabine steht als
gestaltloser Schemen, den er nicht bannen kann, daß er die furchtbaren
Augen beständig auf sich ruhen fühlt, die Szene in der Kapelle
immerwährend in sich herumschleppen muß wie eine ewig eiternde Wunde, ist
es, was ihn bis zum Wahnsinn foltert.
Er glaubt nicht, daß die Toten wieder auf Erden erscheinen können, aber
daß sie weiterleben auf viel schrecklichere Art auch ohne Hülle, nur als
teuflischer Einfluß, gegen den nicht Tür, noch Riegel, kein Fluch, kein
Gebet schützen, erfährt er als Gewißheit an sich selbst, sieht es täglich
an Sabine. Jeder Gegenstand im Haus ruft die Erinnerung an seine Mutter
wach, kein Ding, das nicht verseucht ist von ihrer Berührung, nicht
stündlich ihr Bild neu in ihm gebärt; die Falten der Vorhänge, zerknüllte
Wäsche, die Maser der Täfelung, die Linien und Punkte in den Fliesen, --
alles, was er anblickt, formt sich zu ihrem Antlitz; die Ähnlichkeit mit
ihren Zügen springt ihm wie eine Viper aus dem Spiegel entgegen, macht
seinen Herzschlag kalt in dumpfem Bangen: das Unmögliche könne sich
begeben, daß sich sein Gesicht plötzlich in das ihre verwandle, -- ihm
anhafte als grausige Erbschaft bis zum Lebensende.
Die Luft ist voll von ihrer erstickenden geisterhaften Anwesenheit; das
Knacken der Dielen klingt, als stamme es vom Tritt ihres Fußes, weder
Kälte noch Hitze vertreiben sie, ob Herbst ist, klarer eisiger Wintertag,
lauer süchtiger Frühlingswind, sie wehen nur über die Oberfläche, -- keine
Jahreszeit, keine äußere Veränderung kann ihr etwas anhaben,
ununterbrochen ringt sie nach Gestaltung, nach immer deutlicherem
Sichtbarwerden, nach bleibendem Zurformgerinnen.
Leonhard fühlt es wie einen unabwälzbaren Felsblock innerer Überzeugung
auf sich lasten, daß es ihr eines Tages gelingen muß, wenn er es sich auch
nicht ausdenken kann, auf welche Weise es geschehen mag.
Nur aus dem eigenen Herzen kann ihm noch Hilfe kommen, denn die Außenwelt
ist mit ihr im Bündnis, begreift er. Aber die einst von seinem Vater in
ihn gepflanzte Saat scheint verwelkt, der kurze Augenblick des Erlöstseins
und des Friedens von damals will nicht wiederkehren; so sehr er sich auch
abmüht, sie in sich zu erwecken, er kann nur die schalen Eindrücke
heraufbeschwören, die wie künstliche Blumen sind, ohne Duft, mit Stengeln
aus häßlichem Draht.
Er sucht ihnen Leben einzuhauchen, indem er die Bücher liest, die das
geistige Band schlingen zwischen ihm und seinem Vater, doch sie rufen
keinen Widerhall hervor in ihm, bleiben ein Labyrinth von Begriffen.
Fremdartige Dinge geraten in seine Hände, wie er mit dem steinalten
Gärtner zusammen unter dem Wust von Folianten gräbt: Pergamente in
Chifferschrift, Bilder, die einen Bock darstellen mit goldenem bärtigen
Männergesicht Teufelshörner an den Schläfen, und Ritter in weißen Mänteln,
die Hände zum Gebet gefaltet, davor, mit Kreuzen auf der Brust, die nicht
aus Balken gefügt sind, sondern aus vier in den Knien rechtwinkelig
gebeugten, laufenden Menschenbeinen: -- das Satanskreuz der Templer, wie
ihm der Gärtner widerstrebend sagt, -- dann ein kleines verblaßtes Porträt
einer altmodisch gekleideten Matrone, nach dem in bunten Glasperlen
gestickten Namen, der darunter steht: seine Großmutter -- mit zwei Kindern
auf dem Schoß, einem Knaben und einem Mädchen, deren Züge ihm seltsam
bekannt vorkamen, so daß er lange den Blick von ihnen nicht wenden kann
und die dunkle Ahnung in ihm aufsteigt, es müssen seine Eltern sein,
trotzdem es offenbar Geschwister sind.
Die plötzliche Unruhe im Gesicht des Alten, die Scheu, mit der er seinen
Augen ausweicht, hartnäckig alle Fragen, wer die beiden Kinder sein mögen,
überhört, bestärken in ihm den Verdacht, daß er einem Geheimnis auf der
Spur ist, das ihn betrifft.
Ein Bündel vergilbter Briefe scheint zu dem Bild zu gehören, denn es liegt
in derselben Schatulle; Leonhard nimmt es zu sich, beschließt, es noch
heute zu lesen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
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Es ist die erste Nacht seit langem, die er allein und ohne Sabine
verbringt, -- sie fühlt sich zu schwach bei ihm zu sein, klagt über
Schmerzen.
Er geht im Sterbezimmer seines Vaters auf und nieder, die Briefe liegen
auf dem Tisch, er will sie zu lesen beginnen, verschiebt es wie unter
einem Zwang immer wieder.
Eine neue unbestimmte Furcht, als stehe jemand Unsichtbarer hinter ihm und
halte einen Dolch gezückt, drosselt ihn; er weiß: diesmal ist es nicht die
spukhafte Nähe seiner Mutter, die ihm den Angstschweiß aus allen Poren
treibt, -- es sind die Schatten einer fernen Vergangenheit, die an die
Briefe gebunden sind und darauf lauern, ihn in ihr Reich hinabzuziehen.
Er tritt ans Fenster, sieht hinaus: ringsum atemlose Totenstille, zwei
große Sterne stehen dicht beisammen am südlichen Himmel, ihr Anblick ist
ihm sonderbar fremd, wühlt ihn auf, er weiß nicht warum, -- erweckt das
Vorgefühl, daß etwas Riesenhaftes hereinbrechen will; wie zwei leuchtende
Fingerspitzen ist es auf ihn gerichtet.
Er wendet sich zurück ins Zimmer, die Flammen der beiden Kerzen auf dem
Tisch warten regungslos gleich drohenden Boten aus dem Jenseits; es ist,
als komme ihr Schein von weither -- von einem Ort, wohin keines
Sterblichen Hand sie stellen kann; unmerklich schleicht sich die Stunde
heran, leise, wie Asche fällt, wandern die Zeiger der Uhr.
Leonhard glaubt einen Schrei unten im Schloß zu hören; er horcht: alles
liegt stumm.