Bekanntschaft machte, war der Capellmeister =Maria von Weber=, der
sich meiner aus Stuttgart v. J. 1809 erinnerte. Er ist ein beredter,
witziger und freundlicher Mann. Er führte mich in die Vorlesung des
Hofrath =Böttiger=, über die Kunst des Alterthums. Der alte muntere
Böttiger empfing mich freundlich, umarmte und küßte mich mehrmals
mitten im Auditorium vor allen Zuhörern, wodurch ich etwas verlegen
wurde; darauf bat er mich Platz zu nehmen und begann. Ich hörte eine
Vorlesung von ihm über die verschieden Arten, wie die Griechen plastisch
gearbeitet hätten; in Erz, gebranntem Thon, Marmor und endlich, was
man für das Wichtigste und Schönste hielt, in einer Verbindung aller
harten Stoffe, die (weil Gold und Elfenbein das Wichtigste dabei
waren) Chryselephantine genannt wurde. Er ließ das Bild einer Minerva
umhergehen, an welchem man sah, daß das Nackte Elfenbein gewesen war,
der Panzer und Helm Gold, und das Gewand schöne Blumenemaille, im
Uebrigen Alles reich mit Edelsteinen besetzt. Wie die Zusammensetzung
gemacht wurde, darüber sind die Gelehrten noch uneinig.
* * * * *
[Sidenote: Dresden. Sammlungen.]
Das =grüne Gewölbe= habe ich gleich den ersten Nachmittag, den ich hier
war, besucht, und wunderlicherweise sah ich es das letzte Mal, als ich
in Dresden war, gar nicht, wahrscheinlich aus dem Grunde: Du kannst es
ja noch immer zu sehen bekommen. Aus solchem Grunde geschieht oft Vieles
nicht. In diesem Bewußtsein mochten wohl einmal drei Berliner von ihrer
Vaterstadt aus nach Potsdam gereist und mit der Post zurückgefahren
sein; dann stiegen sie in einem Wirthshaus ab, und ließen sich von einem
Lohnbedienten alle Merkwürdigkeiten der Stadt zeigen.
Endlich bekam ich es doch überdrüssig alle diese Seltenheiten zu
sehen. Es ging mir wie Morgiane unter alten »Demanten und Smafiren.«
In Mahomed's Turban nimmt sich ein schöner Smaragd, auf dem Busen
der Favoritin ein schöner Rubin herrlich aus, aber wenn man sie in
den Schränken in Reihen da liegen sieht, so macht es nur den halben
Eindruck. Diese Edelsteine entbehrten des Schimmers der =wunderbaren
Lampe=, und ich war philiströs genug, mir das Geld für einen einzigen
Diamanten in meine Tasche zu wünschen. Dann mögen, dachte ich, die
Andern meinetwegen alles Uebrige behalten!
* * * * *
[Sidenote: Dresden. Die Gemäldegalerie.]
Die =Gemäldegalerie= habe ich in diesen Tagen fleißig besucht. O wie
erfreut es doch, etwas Herrliches und Schönes wiederzusehen! Es ist
ein zwiefacher Genuß: die Gegenwart und die Erinnerung! Hier ging ich
vor elf Jahren umher, und empfand eine Ahnung, was Kunst sei. Ich hatte
oft die Madonna Raphael's besucht, die trotz des schmutzigen Rauches,
der sie zum Theil verschleiert, frisch in ihrer Schönheit mit dem Kinde
auf dem Arme emporsteigt, wie ich sie in meinem =Mönchsbruder= besungen
habe. Ich besuchte meine bunten =Correggiobilder=, die aussehen, als
ob sie gestern gemalt seien. Die Arbeiten aus jener ersten Zeit sind
die poetischsten. Es war mir ein eigenes Gefühl, vor diesen Gemälden zu
stehen, die ich nicht gesehen, nachdem ich Correggio geschrieben. Rubens
bewunderte ich stets halb im Vorübergehen. Das Flüchtige und rasch
Gemalte muß flüchtig und rasch betrachtet werden. Van Dyk hat seine
Bilder oft wahr ausgeführt, hat aber nicht Rubens' Genie und Erfindung.
Rembrandt bewundere ich als einen poetischen, höchst =genialen
Schornsteinfeger=. Seine Bilder haben immer die Schornsteinfarbe; aber
er weiß ihnen mit wenigen leichten Partien eine starke Wärme, ja sogar
Feuer zu geben, wie die Kohle auf dem Heerde. Seine (=Schweine-=)
=Hirten-Idyllen= oft aus der biblischen Geschichte, tragen das
Gepräge tiefer Wahrheit. Wenn man den rechten Gegensatz zu Rembrandts
romantischen Kohlenbrennerscenen haben will, so gehe man hin und öffne
die Glasschränke zu =Van der Werft's Bisquit-= und =Porzellanboutiquen=.
Das ist fein gemalt, wie die Leute zu sagen pflegen. Doch kann man nicht
leugnen, daß Van der Werft Grazie, ja zuweilen selbst Physiognomie
in den ausgeführten Formen hat; aber er hat größtentheils vergessen,
seinen Emailestücken einen lebendigen Geist einzuhauchen. Von Murillo
hängt nur eine Madonna mit ihrem Kinde da. Titian's Venus liegt auf
ihrem Lager, aber ich finde sie gar nicht schön. Von Michel Angelo
ist hier nur ein tüchtiger, starker, nackter Jüngling in Fesseln, der
lebendig verbrannt werden soll. Aber er sieht mit einem eigenthümlich
vornehmen und wilden Blicke zum Scheiterhaufen hin, indem er sein
Antlitz halb hinter dem Arme verbürgt, als ob er sagen wollte: Diese
dumme Behandlung ist unverständig und unverschämt, aber sie ist bald
überstanden. Niederländische Gemälde sind in Menge hier. Eins der
liebsten ist mir =Holbein's Madonna=, vortrefflich conservirt. Sie steht
mit dem Jesuskinde auf dem Arm, und der Bürgermeister kniet ehrlich und
gutmüthig vor ihr, in seiner altdeutschen Tracht, lauter Portraits,
außer Maria und dem Kinde. Ich finde es schön sich so auf fromme Weise
ein Familienbild malen zu lassen.
[Sidenote: Dresden. Theater.]
Der bekannte Dichter, Herr =Kind=, hat ein Stück geschrieben: =Van Dyk=;
worin viel Schönes und Anmuthiges vorkommt, obgleich dass Ganze etwas
lose und weitläufig[5] und die Katastrophe unmotivirt ist.
[5] Tieck hat das Stück weit besser als Correggio gefunden.
In diesem Stücke hat der Dichter Gelegenheit gegeben, viele Bilder von
Rubens, Ostade und Tenniers auf dem Theater darzustellen, was eine
gute Wirkung hervorbringt und die Dresdner amüsirt, die ihre liebe
Gemäldegalerie wiedererkennen.
Ich habe Ludlam's Höhle bei Böttigers vor Mehreren vorgelesen; sie
machte auf meine Zuhörer Eindruck, und der Regisseur, Herr Helbig, hat
die Absicht, das Stück auf die Bühne zu bringen.
Heute Abend spielt man mir zu Ehren Axel und Valborg mit einigen
nothwendigen Abänderungen. Ich war auch bei der Schauspielerin Madame
=Schirmer=, welche mir einmal die Ehre erwies, auf einem Declamatorium
mein Bild zugleich mit dem Göthe's zu bekränzen. Sie wird die Valborg
spielen.
* * * * *
[Sidenote: Dresden. Axel und Valborg.]
Es waren dieselben Veränderungen vorgenommen wie in Wien. Das Stück
wurde gut gegeben, und die Vorstellung gefiel; aber ich erkannte auch
die Ursache, weshalb Madame Schirmer früher wenig Eindruck in dieser
Rolle gemacht hatte, als man vermuthete. Sie glaubte das ganze Stück
hindurch Valborg's Tod vorbereiten und motiviren zu müssen; als ob
ein Wurm heimlich an ihr nagte von dem Augenblick an, wo der Ring in
Harald Gille's Grab fällt. Das ist richtig; nur darf man sich nicht
durch Valborg's Worte, die sie an Axel richtet, irre leiten lassen,
und glauben, sie sei ruhig oder resignirt, und dies selbst in der
Trennungsscene im dritten Acte. Zeigt Valborg sich äußerlich zu ruhig,
so bleiben die Zuschauer kalt, denn auf dem Theater kann man das Innere
nur durch das Aeußere sehen. Die Hauptsache ist außerdem nicht Valborg's
Tod -- sondern das Poetische besteht in der schönen Schwärmerei der
jungen Leute und ihrem rührenden Unglück. Damit dies zum Herzen gehen
soll, muß Valborg kräftig, voller Feuer und Gefühl sein; sie will Axel
durch ihre Worte beruhigen, und merkt nicht, daß sie ebenso sehr des
Trostes bedarf, wie Er und daß sie sein Schicksal theilt. Ohne dieses
Feuer könnte Valborg auch nicht zuletzt so in der Kirche träumen. Es
ist auch unnatürlich, sich Valborg's Tod in der kurzen Zeit motivirt zu
denken. Valborg stirbt vom Schlage getroffen. Die Zeit kann sie nicht
hinzehren, abgesehen davon, daß dieses Zehren, wie kurz man es auch
darstellen mag, etwas Unschönes hat, das womöglich vermieden werden muß.
Und das habe ich auch immer gethan. Es ist ganz unrichtig, wenn man sich
Correggio als einen Siechen denkt, der die ersten vier Acte hindurch
ächzt und im letzten unterliegt. Die kleine innere Wunde, die vor Kurzem
geheilt war, öffnet sich durch seine Heftigkeit und er fällt gerade,
weil er so unvorsichtig lebhaft, bewegt und leidenschaftlich gewesen
war. Alles muß Feuer und Leben sein, sowohl bei Valborg als Correggio.
* * * * *
Ich muß hier noch eine Anekdote von Helwig erzählen, der den Wilhelm
vortrefflich spielte und Regisseur des Theaters ist. Er hatte den Abend
vorher wegen Axel und Valborg einen Schreck gehabt. Als er ausgekleidet
war und ins Bett gehen wollte, fiel es ihm ein, daß er den Theaterzettel
nicht richtig geschrieben habe; sondern daß auf der Correctur Erland
=Erzbischof= statt =Kanzler= stehe. Da nun dieser Fehler zum größten
Skandal Veranlassung gegeben hätte, da die katholische Geistlichkeit in
Harnisch gerathen, das Stück in Zukunft verboten -- Helbig vielleicht
bestraft worden wäre -- ward es ihm heiß im Kopf und er schickte sein
Mädchen sogleich in die Druckerei. Aber als sie unverrichteter Sache
zurückkehrte (Alle waren bereits im Bett), so lief er selbst hin;
klopfte den Setzer heraus, ging mit ihm in die Druckerei und sah nun --
daß er gegen Schatten gekämpft hatte und daß wirklich auf dem Zettel
Kanzler und nicht Erzbischof stand. Froh und leicht ums Herz ging er
nach Hause, kleidete sich aus, legte sich ins Bett und schlummerte süß.
* * * * *
[Sidenote: Dresden. Katholischer Gottesdienst.]
Ich habe in der katholischen Kirche schöne Musik gehört und freute mich
in dem freundlichen hellen Gebäude zu sitzen, das, ohne gerade schön zu
sein, etwas sehr Belebendes hat. Wenn der =Schweizer= sich nur nicht
immer so viel Mühe gäbe, die Männer von den Frauen zu trennen und Jeden
auf eine besondere Seite zu treiben. Es kommt mir so vor, als ob der
jüngste Tag wäre, wo die Böcke von den Schafen getrennt werden. Lehnt
sich Einer unvorsichtiger Weise an eine Säule oder Wand, so kommt er
auch gleich und klopft ihm auf die Schulter. Er macht den meisten
Spectakel in der Kirche aus lauter Eifer für die Ruhe, -- und ich dachte
an die Geschichte von den acht Männern, die Einen in das Getreide
trugen, damit dieser nicht die Saat zertrete. Ein schönes Altarblatt von
Raphael Mengs schmückt den Hintergrund der Kirche.
[Sidenote: Wieland und der Kurfürst.]
Von der Kirche führt ein verdeckter Gang zum Schlosse, durch den die
königliche Familie mit dem ganzen Gefolge nach dem Gottesdienste geht.
Dieser ist immer voll von Menschen und ich war jetzt auch einmal da,
wie vor elf Jahren. Mir war es als ob es gestern gewesen wäre; so ganz
gleich schien mir der Anblick. Es macht einen wunderbaren Eindruck,
eine so schöne, große katholische Kirche mitten in dem Lande zu sehen,
von dem die Reformation ausging. In Bezug auf die kurfürstliche Familie
und den bedeckten Gang muß ich eine kleine Geschichte erzählen. Zur
Zeit, als =Wieland= in seiner höchsten Blüthe stand, war er einmal
nach Dresden gekommen. Einer seiner Bewunderer am Hofe, vielleicht
der Marschall, hatte große Lust, ihn dem Kurfürsten vorzustellen, da
aber Wieland nicht den dazu erforderlichen Rang hatte (er ließ sich
nicht wie Göthe, Schiller und Herder adeln), so ging es nicht an, ihn
an den Hof zu bringen. Hier dagegen auf dem Gange zur Kirche glaubte
sein Beschützer wohl, daß es sich machen ließe. Als also der Kurfürst
vorüberging, faßte ihn der Andere bei der Hand und stellte ihn vor. Der
Kurfürst stand einen Augenblick still und blätterte im Buche seines
Gedächtnisses, ob es anginge, daß ein Kurfürst mit einem Poeten auf
einem öffentlichen Wege spräche; da er aber wahrscheinlich kein Beispiel
hierfür fand, ging er weiter, ohne von Wieland Notiz zu nehmen.
* * * * *
Obgleich wir mit Extrapost reisen, geht der Wagen durch den
brandenburger Sand doch wie bei einem Leichenzuge, und will man sich
eine richtige Vorstellung von unserer Fahrt machen, so denke man sich
eine Kalesche mit Koffern und drei Menschen auf ein =Pflug= gesetzt, man
denke sich vor diesen Pflug vier magere Gäule gespannt, und daß es fast
überall Schritt vor Schritt geht; so hat man eine Idee von unserer Fahrt
von Dresden nach Berlin.
[Sidenote: Ein zudringlicher Gast.]
In einem Kruge hier in der Nähe ist jüngst eine hübsche Geschichte
passirt. Ein Elephant hat die Ehre für den Augenblick das dresdener
Publikum zu unterhalten. Da nun Elephanten auf ihren eigenen dicken
Beinen einherschreiten müssen, so begab es sich, daß benannter dicker
Fleischklumpen nach langsamer Wanderung mit seinem Herrn eines Abends
bei diesem Bauernkrug ankam, wo man ihn, wie jedes andere Pferd, an
den Schlag anband. Im Kruge saßen die Bauern, spielten bei Licht
Karten, rauchten Tabak, tranken Branntwein, zankten sich, und gewannen
einander das Geld ab. Der Elephant mußte dies lustige Treiben innerhalb
der hellen Fenster bemerkt haben, während er selbst draußen in der
finstern Nacht melancholisch stehen, und den großen Wagen und das
Siebengestirn angähnen mußte, und da er sie Karten spielen sah, hatte
er wahrscheinlich Lust bekommen, daran Theil zu nehmen; er erhob also
mit philosophischer Ruhe seinen Rüssel, zerbrach mit Leichtigkeit
die Scheiben und das Fensterkreuz, steckte den Rüssel ins Zimmer und
wühlte umher. Man stelle sich vor, was betrunkene Bauern geglaubt haben
müssen, indem sie so plötzlich mitten in ihrem Landsknecht durch eine
so ungeheure Schlangengestalt gestört wurden. Als der Wirth hereinkam
und sie Alle schreiend über einander liegen sah, hatte er alle seine
Geistesgegenwart nöthig, um ihnen aus der Naturgeschichte zu beweisen,
daß es nicht der Satan sei, der sie (nach ihrem eigenen wiederholten
Verlangen) hole, sondern ein unschuldiger Elephant, der mit ihnen
spiele; der nur Gemüse, und weder Ochsen- noch Bauernfleisch fräße.
* * * * *
[Sidenote: Fahrt durch die Haide.]
Wir fuhren durch lauter Haideland, wo nichts war, als Sand,
Sonnenstrahlen und Fliegen. Von einzeln stehenden Büschen am Wege
brachen wir Zweige ab, womit wir unsere Pferde bedeckten, um sie etwas
zu schützen; denn mit den gestutzten Schweifen, mit denen sie unablässig
umherschlugen, konnten sie sich nicht selbst vertheidigen.
Der Abend war schön, und nun kamen wir plötzlich zu einem herrlichen
kühlen Nußwald, wo die Früchte in den Zweigen uns winkten. Wir stiegen
ab, und pflückten unsere Mützen voll von den noch nicht ganz reifen,
aber doch wohlschmeckenden Früchten.
Weiterhin kamen wir an einen kleinen Tannenwald, wo die wenigen
Brombeeren, die wir im Gebüsch fanden, uns erfrischten.
Um Ein Uhr gelangten wir an eine Station. Als ich auf dem Sopha lag,
halb im Schlaf mein Butterbrod aß, das ich mit einem kleinen Hunde
theilte, den ich von seinem Lager verjagt hatte, um selbst darauf zu
liegen, kam Christian ganz bleich herein und sagte: »Wir können heute
Nacht nicht weiter reisen; draußen auf dem Wege liegt ein armer Mann,
der todtgeschlagen ist und jämmerlich stöhnt. Der Hausknecht und der
Postillon haben eine Laterne angezündet, und sind hinausgegangen, zu
sehen, wie es steht!« -- Ich lief zur Thür hinaus, die Leute kamen aber
gleich zurück und sagten, daß es ein armer, kranker Mann aus einem der
Nachbarhäuser gewesen sei, der gestöhnt habe. Je weiter wir fuhren,
destomehr Pferde bekamen wir. Erst hatten wir zwei, dann bekamen wir
drei; nun mußten wir vier nehmen und der Postmeister sagte, wir sollten
eigentlich fünf bekommen, aber weil =wir= es seien, sollte es bei vier
sein Bewenden haben. Hätten wir die Ehre mehr als das Geld geliebt, so
hätten wir wohl mit sechsen fahren können.
Der Wagen ging, wie gewöhnlich, etwas entzwei. Im Ganzen hat er, was den
Rumpf anbetrifft, eine gute Gesundheit, aber die Räder und die Stange
kränkeln zuweilen. Hier zerriß ein Riemen. Glücklicherweise hatten wir
eine eiserne Kette, mit der wir uns behalfen, bis am andern Morgen der
Riemen wieder hergestellt war.
In einer kleinen Stadt stieg ich vom Wagen und eilte zu einem armen
Barbier, um mich rasiren zu lassen. Die Frau gab dem schwachen
abgezehrten Kinde -- Kaffee. Armuth und Elend herrschte in allen
Winkeln. Der Mann sah bleich und finster aus. Als er mir das Messer
an's Kinn setzte, dachte ich: Du bist hier wildfremd! Weder Bertouch
noch Christian haben gesehen, wo Du hingegangen bist. Du hast alles
Reisegeld in einem Gürtel um den Leib. Wenn nun der Mann dies
vermuthete, in der Verzweiflung wär, dir den Hals abschnitte und deine
Leiche in einen abgelegenen Brunnen würfe? Mit diesen Gedanken blickte
ich ihm starr in die Augen, um ihm zu imponiren, wenn er etwas Böses im
Sinne hätte. Als er fertig war fühlte ich mich ihm unsäglich verbunden
und steckte dem kleinen Kinde einen Thaler in die abgezehrte Hand. Die
armen Leute dankten innig, und ich schämte mich, daß ich dergleichen
hatte denken können. Aber ich dachte es eigentlich auch nicht, es war
nur ein Spiel der Phantasie. Wenn ein Dichter die Phantasie nicht spuken
und träumen lassen könnte, ohne davon ergriffen zu werden, so wäre es
schlecht mit ihm bestellt.
Am nächsten Tage kamen wir, nachdem wir die Haiden durchpflügt hatten,
an einen schönen See, wo wir die Pferde beneideten, daß sie sich im
frischen Wasser abkühlen konnten. Wir kamen wieder an Brombeerhecken
vorüber. Da stand eine Frau, die einen großen irdenen Topf voll
gepflückt hatte. Statt auszusteigen und sich welche mit eigener Hand zu
pflücken, fand Bertouch es bequemer, der Frau alle Beeren abzukaufen.
Für vier Groschen bekam er die ganze Ernte. Ich fragte ihn, ob er
wirklich die Absicht hätte, sie alle zu verzehren. Er schwieg lächelnd,
nahm sie in sein Taschentuch, legte sie in den Schooß, streifte die
Aermel auf und nun begann ein Beerenessen: eine Hand voll nach der
andern in den Mund. Christian ahmte seinem Herrn nach. Da saßen sie,
als ob sie als Kannibalen Hände in Blut getaucht hätten. Endlich sagte
ich zu Bertouch: »Darf ich um =meine= Portion bitten?« Und da er, wie
immer, mir höchst gutmüthig und gastfrei die größte Hälfte gab, nahm ich
sie, und warf sie mit den Worten zum Wagen hinaus: »Das ist ein Opfer,
das ich Ihrem Magen bringe.« -- Später machte es mir Spaß, die beiden
blutrothen Schlächter allmälig ganz dunkelblaue Hände, wie Färber,
bekommen zu sehen. So machten sie in kurzer Zeit zwei Handwerke mit
größter Leichtigkeit durch.
* * * * *
[Sidenote: Ankunft in Berlin.]
Welch wunderbares Gefühl, Berlin wieder zu sehen! Die ehernen Pferde
über dem Brandenburger Thor haben unterdessen eine Reise nach Paris und
wieder zurück gemacht.
Am zweiten Tag nach unsrer Ankunft ward ein großes Manöver in
Großbeeren, zwei Meilen von Berlin, abgehalten; und darauf wurde die
Hülle von einem großen eisernen Kreuze, einem Grabdenkmal für die
gefallenen Krieger, abgenommen.
Eine Menge Menschen war hinausgegangen, um an dem Feste Theil zu nehmen.
Aber da das Wetter nicht schön war und ich eben erst eine lange Reise
gemacht hatte, fühlte ich nicht Lust, gleich wieder auszufahren, blieb
zu Hause, und ließ mir von Bertouch erzählen, was er gesehen hatte.
* * * * *
[Sidenote: Aufenthalt in Berlin.]
Ich habe die Geheimräthe =Pistor= und =Alberti= besucht, besonders
ihrer Frauen wegen, der Töchter Reichardts, die stets freundlich gegen
mich gewesen waren. Pistor ist ein Sonderling, der so thut, als ob
er mich nicht mehr kennt, das ist aber gleichgültig. Den Buchhändler
=Reimer= besuchte ich in dem schönen großen Hause, das er jetzt besitzt.
Schleiermacher wohnt bei ihm, befindet sich aber auf einer Fußreise. Bei
=Bernstorff's= fand ich die gewöhnliche liebenswürdige Gastfreundschaft.
Ich habe Göthe's =Geschwister= vortrefflich von Wolf und der Madame
Stich darstellen sehen. Wolf und seine Frau, die Weimars Perle waren,
sind nun in Berlin. Als ich Frau Wolf fragte, warum sie nicht in Weimar
geblieben sei, antwortete sie: »Ich konnte es da nicht länger aushalten,
Göthe ist ein großer Mann, aber ein kleiner Mensch.« Bei Frau von
=Zschokke=, Pistor's Schwester, fand ich die alte Freundschaft. Ich
las da eines Abends Holberg's »Die Unsichtbaren« aus demselben alten
Exemplare vor, wie vor elf Jahren.
* * * * *
Ich habe meinen alten Freund =Kienlen= hier in Berlin wiedergefunden. Er
ist arm, ohne Anstellung. Göthe's Claudine von Villabella, die er schon
in Paris 1809 componirt hatte, soll nun hier bald aufgeführt werden. In
Zelter's Singakademie und bei seiner Liedertafel bin ich auch gewesen.
Er ist ein Mann von 60 Jahren und leitet diese Akademie mit Humor und
Kraft. Man beschuldigt ihn grob zu sein und er ist nicht sonderlich
beliebt, gegen mich war er sehr freundlich[6].
[6] Wie ehrlich er dies meinte, hat man aus dem Vorhergehenden gesehen.
* * * * *
[Sidenote: Berlin. Theater.]
Ich habe =Hoffmann's= Bekanntschaft gemacht. Seine Märchen und
Erzählungen sind trotz des Convulsivischen und Entsetzlichen, das
zuweilen zur Manier wird, voll von poetischem Feuer, einer starken
Phantasie und von Humor. Er ist Regierungsrath, klein, mager. Er zeigt
in seiner Unterhaltung viel Verstand. Er ist auch ein guter Musiker,
und hat Fouqué's Undine übersetzt. Er und der Buchhändler (später
Kriminaldirector) Hitzig luden mich ein, mit ihnen in einer Restauration
zu essen, wo ich auch Berlins größten Komiker, =Devrient=, fand. Ich
habe ihn einen französischen Kammerdiener spielen sehen, der einen
deutschen Kutscher unterrichtet und ihm bei einer Flasche Wein, die
sie an einem kleinen Tisch zusammen trinken, imponirt. (Den Namen des
Stückes habe ich vergessen.) Man kann sich nichts Lustigeres denken. Nie
kann Prahlerei und ein albernes Wesen auf eine hübschere Art persiflirt
werden; all die vornehmen Manieren carrikirt, und doch mit einer
bewundernswürdigen, französischen Nonchalance.
* * * * *
Jüngst, bei Alberti's, disputirte ich mit dem Professor Buttmann über
die wissenschaftliche Terminologie. Er sagte, sie sei nöthig; ich
behauptete: Nein; man könne das, was man in seiner eigenen Sprache
nicht klar auszudrücken vermöge, auch noch nicht klar denken. Gewisse
Schattirungen des Denkens ließen sich freilich nicht aus einer Sprache
in die andere übersetzen; aber gerade dieser Unterschied mache, daß
mehrere und nicht eine Sprache existire; das konnte der gelehrte
Grammatiker nicht leugnen.
Das Opernhaus ist sehr schön. Seitdem das Schauspielhaus abgebrannt ist,
wird hier immer gespielt; aber kommt es nun daher, daß das Opernhaus
mehr abgelegen, oder daß es Sommer ist, es ist sehr wenig besucht. Der
Theaterintendant Herr Graf =Brühl= schickt mir jeden Morgen ein Billet
zu einem Sperrsitz. Ich habe =Unzelmann= wieder gesehen. Er wird nun
alt, ein herrlicher Komiker. Er besaß nicht Iffland's Feinheit und
Portraitmalertalent, aber mehr komische Begeisterung und ein lustigeres
Naturel. Er hatte die Gewohnheit, zuweilen ein paar Worte seiner Rolle
hinzuzufügen. Dies wurde verboten, und man mußte Strafe zahlen, wenn man
das Verbot übertrat. Einmal spielte man das kleine schöne Singspiel:
=Richard Löwenherz=, wo die Prinzessin reitend zur Burg kommt. Das Pferd
machte gefährliche Capriolen auf der Bühne nach dem Orchester zu, und
Unzelmann, der mitspielte, ging hin, griff in den Zügel, hob drohend
seine Finger und sagte: »Weißt du nicht, daß es verboten ist, in der
Rolle Zusätze zu machen?« -- Ein starker Applaus belohnte diesen Witz,
und Unzelmann bezahlte mit Freuden seine Strafe.
Unzelmann stand am Vormittag mit anderen Schauspielern auf der Bühne,
nachdem zu Schiller's Räubern die Probe gehalten war, gerade als das
Schauspielhaus zu brennen anfing. Als er nun das Feuer unter dem Dache
bemerkte, winkte er den Anderen zu und sagte leise: »Still Kinder! das
muß um Gottes willen geheim gehalten werden! Das darf Niemand wissen.
Wir werden es wohl bald löschen können.« Indessen wirbelten die starken
Flammen bereits zum Dach hinaus, hoch in die Luft empor, und der ganze
Markt war voller Menschen, die dem Brande zusahen. Die Schauspieler
mußten eilen, um sich selbst zu retten.
Ich muß hierbei noch eine andere Geschichte erzählen. Ein Mensch hat
am Vormittag ein Parterrebillet zur Vorstellung der Räuber genommen.
Als nun das Schauspielhaus Abends 6 Uhr vernichtet war und noch in den
Ruinen brannte, und ein Piquet Soldaten umherstand, um die Menschenmenge
abzuhalten, kam der Mann, klopfte einem Soldaten auf die Schulter und
wollte auf die Brandstätte, weil er ein Billet hatte.
* * * * *
[Sidenote: Frau von Arnim.]
[Sidenote: Brentano. Fouqué.]