Bei dem Bankdirector =Weinach=, der einen schönen Landsitz in Hitzing

hat, traf ich einen magern, lebhaften Mann mit einem ehrlichen,

ernsthaften Gesicht, der, als er mich sah, mir mit offenen Armen

entgegenkam und rief: »Guten Tag, Oehlenschläger! Schönen Dank für

Aladdin!« Dies war Hofrath Hammer, einer von Europa's gelehrtesten

Orientalisten, der Tausend und Eine Nacht übersetzt hat. Er erzählte

mir, wie er sich lange vergebens bemüht habe ein Exemplar dieses

Werkes zu erlangen, weil die Erzähler, die ihr Brod durch die mündliche

Mittheilung finden, sich stets bemühen, die abgeschriebenen Märchen

gleich zu vernichten. Als er es in der Türkei und in Arabien nicht

erhalten konnte, schrieb er einem jungen Engländer, der übrigens kein

Wort Arabisch verstand, den arabischen Titel des Buches für den Fall

auf, daß er in Aegypten, wohin er reiste, glücklicher sein sollte, als

Hammer es in Arabien gewesen war. Als der junge Engländer nach Cairo

kam und auf dem Markte stand, rief er den Titel ganz laut aus. Gleich

kam Jemand mit dem Buche zu ihm, und fragte ob er es kaufen wollte? Auf

diese Weise bekam Hammer ein Exemplar.

Ueber Tische erzählte er uns, daß er in einer Klosterkirche der

Umgegend Basreliefs gefunden habe, welche seine Vermuthungen über die

Ausschweifungen der Tempelherren im Mittelalter zur Gewißheit erheben.

Er glaubte aus diesen Bildern vollständig den Beweis führen zu können,

daß sie Gnostiker gewesen seien und ihre Freidenkerei im Orient gelernt

haben. Im Aeußeren zeigten sie eine gewisse Frömmigkeit und Mäßigkeit,

unter sich aber erlaubten sie sich Alles, spotteten jeden Glaubens und

hatten einen Becher mit einem Antlitz das in der Entfernung wie Christus

aussah aber in der Nähe zum Bilde des Teufels wurde. Kurz Alles, was

ihnen unter Philipp dem Schönen in Frankreich vorgeworfen und weßhalb

achtundsechzig Tempelherren mit ihrem Großmeister Molai verbrannt

wurden, glaubte Hammer aus diesen Basreliefs beweisen zu können. Doch,

fügte er hinzu, sei es nicht abgemacht, daß alle Tempelherren gleich

schuldig waren. Die Ausschweifungen, welche die Ritter trieben, waren

darum noch nicht der Hauptzweck des Ordens; dieser war politisch, mit

Rücksicht auf die Macht des Papstes, sowie später bei dem Orden der

Jesuiten. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat der derbe, ehrliche Molai

gar keinen Theil daran gehabt.

* * * * *

[Sidenote: Der Hund als Schauspieler.]

In Hitzing werden auch Comödien aufgeführt. Letzthin sahen wir einen

Hund die Hauptrolle spielen. -- Ein Trunkenbold soll sein Kind wiegen.

Während er in Gedanken dasitzt, kommt der Hund, springt an die Wiege

hinauf, nimmt das Kind heraus, und spielt mit ihm auf dem Fußboden. Der

Vater sitzt ruhig und wiegt. Nun kommen Mutter und Tanten. Sie wollen

das Kind sehen, es ist kein Kind da. Wo ist es geblieben? Sie suchen

darnach, der Hund spielt mit ihm und zerrt es unter den Tisch. Das Kind,

es ist natürlich eine Puppe, wird glücklich gerettet, und damit endet

der erste Act. Mehr sah' ich nicht, denn ich meinte, die Handlung sei

vorüber und das Interesse habe aufgehört. Man hat _pro_ und _contra_

disputirt, ob Hunde zum Comödienspiele zugelassen werden sollen; Pferde

hat man auf den meisten großen Hoftheatern. Meine Ansicht ist, daß

es jedem Talent unverwehrt sein müsse, sich in einer freien Kunst zu

zeigen.[4] Der Hund ist in diesem Stücke nur ein _deus ex machina_, der

die menschlichen Verhältnisse in Bewegung setzt. Hätte hier z. B. der

Vater besser auf sein Kind in der Wiege geachtet, so würde der Hund es

nicht gefaßt und unter den Tisch geschleppt haben. Das ist doch eine

äußerst moralische Allegorie.

[4] Göthe nahm bekanntlich seinen Abschied als Theaterdirector weil ein

Hund in diesem Stücke auf dem Theater zu Weimar auftreten durfte.

* * * * *

[Sidenote: Vermählungsfest im Augarten.]

Ich habe bereits erzählt, daß ich noch nicht den schönen Saal gesehen

hatte, der im Augarten zur Verlobung der Prinzessin mit dem Kronprinzen

von Brasilien gebaut war.

Letzthin war da nun auch ein Ball für das Volk, damit es doch auch

Ragout von dem Braten bekäme, welchen der Hof kurz vorher gehabt

hatte. Da war ich dabei. Unglücklicherweise waren mehr Leute aus den

Vorstädten als aus der Stadt da, besonders vom schönen Geschlecht,

das an diesem Abend ziemlich unschön war. Das Haus stand da: ein

schöner griechischer Tempel, eine Rotunde voller Kronleuchter, weiß

wie Alabaster, mit unzähligen Säulen, Seitengängen und Nebensälen. Die

Tische voll von -- Blumen und leeren silbernen Terrinen; die Speisen

selbst wurden sehr langsam herbeigeschafft. Es war kaum ein Diener bei

jedem Tisch. Hier in Wien gehen sehr komische Menschen an öffentlichen

Orten und den Schauspielhäusern mit Erfrischungen umher. Sie sind wie

Vorreiter gekleidet, und tragen Hüte mit Aufschlägen und Federn. Aber

man kann sich nichts Zerlumpteres denken; sie sehen wie Don Ranudo's

Diener aus. Die Federn an ihren Hüten sind so schmutzig und klebend,

daß man nicht weiß, wofür man diese Gestalten halten soll. Sie gleichen

schlecht ausgestopften, staubigen und verdorbenen Vögeln in einem

Naturalienkabinet. Mit diesen Federhüten auf dem Kopf, mit diesem halben

Bereiterflitter schreiten sie mit ungeputzten Wasserstiefeln langsam

dahin. Man begreift nicht, was das Costüm bedeuten soll, was sie mit dem

Federputz auf dem Kopfe wollen, um »Gefrorenes« zu verkaufen.

Heute Abend hier im Tempel des Augartens war es ganz anders. Sie sollten

Lakaien vorstellen, und gingen deshalb in alten rothen Theaterlivree'n,

mit alten abgenützten Tressen umher, aber es war sehr schwierig, eine

dieser Gestalten zu erwischen; und wenn man auch mit Einem sprach

und etwas verlangte, so bekam man es doch nicht. Endlich wurde ich

ungeduldig. Ich saß gerade bei meinem guten Freunde Breuß, der hungrig

war. Ich gedachte der Wohlthaten, die ich in seinem Hause genossen

hatte; mein Herz wurde gerührt; ich drängte mich durch den Schwarm

hindurch in die Küche bis an den Heerd, half der Köchin etwas Spinat

auf das Fricandeau legen, schlug mich fast in der strengsten Bedeutung

des Wortes mit einem Lakai um eine Portion Kalbsbraten. Er: »Doa's ist

für einen anderen Herrn bestimmt; euer Gnoad'n könn's nicht hoab'n.«

=Ich=: »Ich =will= es haben, ich habe lange genug gewartet.« Damit nahm

ich meine beiden Teller, reichte sie einem anderen, mir mehr ergebenen

Lakai; und nun ging ich im Triumph wieder nach dem griechischen

Tempel zurück und hatte die Freude, einmal meinen gastfreien Wirth zu

bewirthen, der sich über meine Gewandheit Lebensmittel herbeizuschaffen

wunderte.

Mit dem Tanzen wollte es nicht recht gehen. Ein paar galante Herren mit

Handschuhen walzten mit einem paar Damen. Man erkannte in Einzelnen

dieser Nobili Venetiani Ladendiener und die anwesende _beau monde_ hielt

sich zurück. Der Erzherzog =Rainer= ging umher, blickte freundlich auf

die Leute, und ein Fourier ging voran und machte Platz für ihn.

* * * * *

[Sidenote: Kloster-Neuburg.]

Mit dem Baron =Retzer=, einem ältlichen Dichter und Büchercensor, habe

ich eine Reise nach =Kloster-Neuburg= gemacht, das schön an der Donau,

anderthalb Meilen von Wien liegt. Es existirt davon folgende Sage: Der

Markgraf Leopold IV. hatte ein Schloß auf dem Kahlenberg. Einmal, als

er mit seiner Gattin Agnes am offenen Fenster stand, riß ein Windstoß

ihr den Schleier vom Haupte und trieb ihn weithin in den Wald, so daß

sie ihn aus den Augen verlor. Ein paar Jahre darauf war der Markgraf in

demselben Walde zur Jagd. Plötzlich beginnen seine Hunde zu bellen und

zu heulen. Er folgte ihnen und sieht sie um einen Baum versammelt, an

dem er einen Schleier fand, den er als den seiner Gattin wiedererkannte.

Der fromme Leopold, der lange die Absicht hatte, ein Kloster zu bauen,

ohne mit sich über den Platz einig werden zu können, betrachtete dieses

Ereigniß als einen Wink des Himmels und ließ das Kloster bauen, wo der

Schleier hing.

Der Prälat Herr =Gaudentius= hatte den Baron Retzer mit seinen Freunden

eingeladen, bei ihm Mittag zu essen. In den prächtigen Zimmern wohnen

nun die Augustiner. Wir gingen fast durch alle. Die Tapeten waren der

Ehrbarkeit und der Conservation halber mit weißer Leinwand überhangen.

Die parquettirten Fußböden waren sehr schön gebohnt. In dem letzten

Zimmer trafen wir den Prälaten in seinem schwarzen Rocke, mit einem

kleinen weißen herabhängenden Bande vorn und hinten und mit einem

Sammtkäppchen, das er, uns freundlich grüßend, lüftete. Aber der arme

Herr Gaudentius hatte Zahnschmerzen. Er zeigte uns die Zimmer, die

Aussicht ist schön auf dem Kahlenberge und man sieht viel Weinberge und

Windungen der Donau. Nun mußten wir mit einem andern Bruder hinausgehen,

um das merkwürdige Gebäude zu sehen. Wir speisten bei dem Prälaten in

einem Zimmer, wo unser König auch einmal gespeist hatte. Es waren noch

fünf andere Geistliche da. Ehe man sich setzte, wurde stillschweigend

gebetet, und Herr Gaudentius ertheilte den Segen auf eine, wenn ich

so sagen darf, flüchtige und bescheidene Art, wie wenn man weiß, daß

Fremde (Ketzer) zugegen sind. Die geistlichen Herren waren vernünftige

Leute und fast liberal. Wir sprachen vom Dichter =Werner=, der hier

den ersten Anstoß zu seiner Bekehrung erhalten hat; d. h. durch sich

selbst, nicht durch die Mönche; denn er aß hier mit einem vortrefflichen

=Schauspieler= Rose, (so tolerant sind sie) und Rose hat mir versichert,

daß Werner sich ganz auf eigene Hand in den dritten Himmel versetzt

fühlte.

Die größte Einnahme des Stiftes besteht in Wein, der in ungeheuer

großen, aus drei Etagen bestehenden Kellern aufbewahrt wird. Unter

Anderem soll sich daselbst ein Faß befinden, welches 999 Eimer faßt;

also eine Schwester des Heidelberger.

Die Kirche, welche alt ist, bekamen wir nicht zu sehen. Hier bewahrte

man den Schleier auf, der der Frau Markgräfin vom Kopfe geweht war, und

einige kostbare Becher, unter Anderen einen aus Goldstaub, den man in

der Donau gefunden hat, gefertigten.

Ein ehrwürdiger Frater führte uns nach der Mahlzeit auf sein Zimmer,

und zeigte uns seine kostbare Kupferstichsammlung, auf welche er im

Laufe von 30 Jahren all sein Geld verwendet hatte. Er zeichnete auch

selbst und in seinem Schlafzimmer hingen mehrere Portraits in Pastel;

unter diesen ein gräßliches Bild von einem bis an den Gürtel nackten

Sterbenden, der ein Krucifix in der Hand hält. Dies war ein Mensch,

den der Canonicus einmal zum Tode vorbereitet, und gleich gemalt

hatte, nachdem er verschieden war. Während mir der Augustiner seine

Kupferstiche zeigte, wandte ich immer die Augen nach jenem Schreckbilde

hin. Er wunderte sich darüber, daß dieses Skelett meine Aufmerksamkeit

von den Meisterwerken Raphaël's und Leonardo da Vinci's ablenken könne.

Ich sagte ihm: »Wenn es mein Bild wäre, so würde ich es verbrennen,

ehe ich zu Bett ginge, aber ich kann nicht umhin, es anzublicken. Das

Entsetzen hat einen eigenen Reiz.«

* * * * *

[Sidenote: Castelli als Schuster.]

Letzthin waren wir zu dem jüngeren Herrn =Gaimüller= mit Breuß nach

Hitzing hinaus geladen, um eine Komödie zu sehen, die an seinem

Namenstag aufgeführt werden sollte.

Das Hauptstück war: Der =Schuster=, eine Posse von Schickaneder. Dieses

Stück zeichnet sich nicht durch einen sehr witzigen Dialog, sondern

durch das Nationaldrollige in der Situation aus. Castelli spielte einen

besoffenen Schuhflicker, der auf seine junge Frau eifersüchtig ist, in

dem höchsten Grade der Vollkommenheit, Frau G. spielte das junge Weib,

die uns durch ihre österreichische Volksnaivetät alle Fehler vergessen

macht, mit derselben Vollkommenheit.

Viele begreifen nicht, wie vernünftige Leute Vergnügen daran finden

können, das Benehmen und die Reden trunkner Leute nachgeahmt zu sehen

und zu hören. Es ist wahr, Weisheit reden sie nicht, wenigstens keine

zusammenhängende Weisheit; aber jeden Menschen mit Phantasie müssen

diese Aphorismen, diese Ideenassociationen, Einfälle, verschiedenen

Leidenschaften, dieser Wechsel zwischen Aufbrausen und Schlaffheit, Haß

und Liebe, Aufrichtigkeit und List, unterhalten.

* * * * *

[Sidenote: Der Sct. Annentag.]

Vergangenen Sonntag war der Sct. Annentag. Im Prater ward Feuerwerk

abgebrannt, und der Entrepreneur lud die Nannerls (alle die Damen,

welche Anna heißen) unter der Ueberschrift: =Verehrungswürdigste

Nannetten!= ein, mit zur Unterstützung des Festes beizutragen. Auf

einem anderen Plakate stand: »Erstens: wird eine mechanische Figur

ein verehrungswürdiges Publikum mit seinen Bewegungen zu unterhalten

suchen.« --

Das Feuerwerk war groß und brillant. Obgleich der schelmische Mond schon

hinter den Bäumen stand und etwas von dem Eindruck schwächte, hielt er

sich doch gutmüthig und romantisch hinter einer Wolke, bis das Feuerwerk

vorüber war.

Unter Anderem wurde auch die Liebe feuerwerksmäßig dargestellt. Zwei

brennende Figuren, ein Herr und eine Dame, standen in einem funkelnden

Tempel; und während sie im besten Brennen waren, fingen sie an, sich zu

bewegen und die Köpfe zu einander zu neigen, um sich zu küssen. =Der

Mann verlöschte zuerst.= Ob dieses Feuerwerk Satyre oder Zufall war,

will ich ungesagt lassen.

* * * * *

Den 28. Juli.

Ich hatte Christian, unserem dänischen Diener gesagt, daß er mir

ein Bouquet zu morgen kaufen sollte. Als ich in's Zimmer kam, hatte

er es vergessen. Ich schickte ihn wieder darnach fort. Einige Zeit

darauf kam er mit einem ganz kleinen Blumenstrauß für ein paar Kreuzer

zurück: »Aber Christian,« rief ich, »ich will ein ordentliches, großes,

schönes Bouquet zur Geburtstagsfeier meiner Frau.« -- »»Ja, ich kann

schon so einen bekommen, aber der ist sehr theuer, der kostet vier

bis fünf Gulden!«« -- »Gleichviel, was er kostet! fort!« -- Nun ging

er wieder fort und kam nach einer halben Stunde mit -- einem Busch

künstlicher Rosen von =Leinwand= oder =Seide= und überreichte ihn mir:

»Nein, Christian, daß ist doch zu toll, hast Du mich denn noch nicht

verstanden? Hast Du dein Dänisch oder all das Französich und Deutsch

vergessen? Einen Blumenstrauß, einen schönen, großen, lebendigen

Blumenstrauß will ich haben, um ihn dort auf der Kommode in's Wasser zu

stecken!« -- Nun ging er wieder. Nach einer Viertelstunde kam er endlich

mit einem großen Bouquet zurück. Aber die Blumen hatten keine langen

Stiele. Es waren lauter kleine Sträußer, welche an einem hölzernen Stiel

zusammengebunden waren, und zwar einen großen, aber hölzernen, steifen

Strauß bildeten, gleich einem Federstutz auf einem Czako. Nun war nichts

Anderes zu thun, als ihn wieder aufzumachen, und sich so gut als möglich

damit zu behelfen. »Hol mir ein Glas!« Er brachte mir eine kleine

Medicinflasche. »Ein großes Glas!« Er brachte ein Bierglas. »Taugt

nichts, es muß ein Einmacheglas oder dergleichen sein.« Er blieb etwas

lange fort; ich machte mir alle möglichen Vorstellungen, was er nun

bringen würde und staunte, als er mit einem großen, schwarzgeräucherten

irdenen Gefäße ankam, noch darüber, daß es nicht schlimmer ausgefallen

war. Nun lief ich verzweifelt auf den Vorsaal hinaus, und als ich

daselbst einen Blumentopf mit Erde angefüllt fand, reinigte ich ihn,

verklebte das Loch mit Sieglack, wickelte weißes Papier um den Topf,

schrieb hübsch mit großen Buchstaben »den 28. Juli 1817« darauf, setzte

den Blumentopf auf den Tisch, -- und hatte nun endlich nach vieler Mühe

und Beschwerde einen kleinen Altar meiner Christiane zu Ehren zu Stande

gebracht.

* * * * *

[Sidenote: Ein Magnetiseur.]

Capitain =Wocher=, ein herrlicher Mann, sprachkundig, Kunstkenner,

Gelehrter, witzig, Satyriker, munter in Gesellschaft, treuer Freund,

tapferer Soldat, veranstaltete daß wir einen Doctor =Tschöppholz=

besuchen sollten, der sich viel mit dem sogenannten thierischen

Magnetismus abgiebt. Wir besuchten deshalb erst den Doctor in Hitzing

auf seinen Sommersitz. Als Landsitz betrachtet, war er etwas traurig.

Er hatte ihn selbst, wie er sagte, nach seiner Idee bauen lassen. Das

Haus war hoch und eng, die Treppe schmal, die Zimmer klein, es gab

viele Winkel, und die Wände waren absonderlich gemalt. Um die Aussicht

zu sehen, führte uns der Doctor an ein kleines Fenster, von wo aus man

mühsam auf das Dach klettern mußte. Innerhalb auf dem Boden stand ein

Automat, ein Gespenst mit einer Trommel. Ich hätte ihn gern seinen

Triller schlagen hören, aber da der Doctor sich beklagte, daß er ihn nie

aufziehen könne (es war ein Uhrwerk im Automat), ohne daß ihn die Kinder

gleich austrommeln ließen, so durfte ich nicht darum bitten. Mitten in

dem Wohnzimmer stand ein Spielzeug von gebranntem Thon mit einer Kugel,

die man durch mehrere Schneckengänge fallen lassen kann, und die dann in

numerirte Löcher fiel. In der Mitte war ein =Herz=: Das war die beste

Nummer. Ich versuchte mein Glück und meine Kugel fiel _heuresement_

mitten ins Herz. Der Doctor ist ein kleiner, melancholischer, ernster,

sanfter, magerer Mann mit scharfen eingefallenen Augen und einer

spitzen Nase. Er ist Leibarzt bei dem Fürsten Esterhazy. In seinem

Garten hingen die Weinranken wie Bohnen an den Stangen; Geröll lag in

den Gängen. All' dies gab mir eine vortheilhafte Meinung von dem Mann

als =Magnetiseur=; denn es war deutlich, daß er ein Gelehrter sei, der

nicht so auf das =Aeußere= achtete, und daraus schloß ich, daß er sich

viel mit dem =Innern= beschäftigte, was denn auch der Fall sein soll.

Seit =Mesmer's= Zeit beschäftigte er sich unablässig mit Magnetismus. Er

soll ein sehr guter Mann sein, ein sehr tüchtiger Arzt, er ist fromm und

religiös; Wocher und ich fanden, daß er etwas Stilldurchdringendes in

seinem Gesicht habe. Wir nannten ihn zum Scherz unter uns den Zauberer,

und betrachteten den =melancholischen Lustsitz= als eine Vorhalle

zum Heiligthum. Wir sprachen aus Bescheidenheit diesmal nichts vom

Magnetismus, als beim Abschied, wo ein alter Herr kam, der seine Tochter

magnetisiren lassen wollte. Nun äußerten wir unsern Wunsch und Doctor

Tschöppholz versprach, ihn in einigen Tagen zu befriedigen.

Eine Woche darauf lud er uns eines Vormittags ein, ihn in seiner

Wohnung in Wien zu besuchen. Wir traten in ein Zimmer voller Bücher,

christlicher Bilder an den Wänden, und in einem Winkel stand ein

großer brauner Lederstuhl mit Eisenketten und eisernen Spitzen. Wir

fanden einen vierschrötigen, rothwangigen, starken Mann bei ihm, der

geradezu und, wie es schien, ganz gesund war. Er war ein Chirurg, der

die Gabe besaß, in hohem Grade und mit solcher Leichtigkeit magnetisch

clairvoyant zu werden, daß der Doctor ihn über 4000 Mal gebraucht

hatte, um von dem Zustande der Kranken zu sprechen, und Rath zu

ertheilen, wenn sie zugegen waren. -- Ich hatte kurz zuvor die von

Eschenmeyer herausgegebene Zeitschrift gelesen, in der documentirt

wird, daß der Magnetismus keine Einbildung sei. Zwei Menschen haben in

Württemberg, der Eine vier Jahre, der Andere neun Monate, den Tod des

Königs vorausgesagt, und viele hatten ihren innern Krankheitszustand

vorherbestimmt, hatten vorhergesagt, wie lange die Krankheit währen

würde, =hatten im Dunkeln Worte mit der Herzgrube gelesen= u. s. w.

-- Als wir etwas zusammengesprochen hatten, setzte sich der Chirurg

in einen Stuhl, und während eines gleichgültigen Gesprächs mit uns,

magnetisirte ihn der Doctor mit einer Eisenstange, die er theils nach

seiner Stirn hin bewegte, theils in Zirkelbogen um ihn gehen ließ;

zuweilen berührte er ihm die Herzgrube mit den Fingerspitzen. Es dauerte

nicht lange, so fing der Chirurg an zu gähnen, sich im Kopfe zu kratzen,

sich zu strecken, zu zittern, gähnte dann wieder, und verfiel darauf

in Schlaf, der unverkennbar ein wirklicher war. -- »Nun ist er fort,«

sagte der Doctor, »nun können wir die größten Geheimnisse zusammen

sprechen, er hört nichts, außer was ich mit ihm spreche.« -- Ich bat

den Doctor den Kranken um Gotteswillen nichts über mein Schicksal sagen

zu lassen. -- »Beruhigen Sie sich,« sagte der Doctor, »er kennt nun

die Gefühle ihres Herzens, und sagt Ihnen nichts Unangenehmes.« -- Als

er dies äußerte, streckte der Somnambule seine Hand gegen mich aus,

und der Doctor, der bisher gleichgültig mit mir gesprochen hatte, fing

an mich mit freundlichen Augen zu betrachten und sagte: »Sie gefallen

ihm; er wünscht in Verbindung mit Ihnen zu stehen, reichen Sie ihm

Ihre Hand!« -- Ich reichte sie ihm nicht, ohne etwas zu zittern. --

»Wie finden Sie jetzt die Gemüthsstimmung dieses Herrn?« fragte er.

»»=Weich=,«« antwortete der Somnambule. Bei diesen Worten rollte eine

Zähre von seinen Wangen herab, die der Doctor abwischte und sagte: »Er

weint, Ihre Gegenwart ist ihm angenehm!« darauf fragte er wieder: »Ist

dieser Herr aus Eifer für die Wissenschaft, und um den Magnetismus zu

studiren hergekommen?« -- Der =Somnambule=: »Nein, bloße Neugierde!« --

Der =Doctor=: »Wie finden Sie den Gesundheitszustand dieses Herrn?« --

Der =Somnambule=: »Vollkommene Gesundheit. Er muß sich nur vor dem Zorn

hüten.« Während ich nun an diese eigenthümliche Sache denke, erröthete

ich plötzlich. Da sagte der Somnambule: »In diesem Augenblick schlägt

sein Puls zehn Mal schneller, als gewöhnlich.« Der Arzt fühlte an den

Puls, und dieser ging noch sehr stark. -- »Ist das Krankheit?« fragte

der Doctor. Der =Somnambule=: »Nein, es ist nur die Einbildungskraft,

die ihn erhitzt.«

Als der Doctor ihn fragte, ob Wocher auch käme, um zu sehen, was es für

eine Bewandtniß mit dem Magnetismus habe, lächelte er und sagte: »Er hat

es ja schon einmal gesehen.« Wocher stutzte, es war richtig, obgleich

es nicht hier geschehen war. -- Ich bat den Doctor, den Mann wieder in

seinen gesunden Zustand zu versetzen; er strich nun wieder nach der

entgegengesetzten Seite hin, hauchte nun wieder die magnetische Materie

von seiner Stirn fort, und es währte nicht lange, so gähnte er, streckte

sich, öffnete die Augen, lächelte und erhob sich, ohne zu wissen, was

vorgegangen war. Diesen Auftritt habe ich gesehen und glaube nicht, daß

man Komödie mit mir gespielt hat.

* * * * *

Unter den Gelehrten Wiens habe ich noch die Bekanntschaft des

Baron =Hormayr= gemacht, der das Beste geschrieben hat, was über

österreichische Geschichte existirt. Es ist ein lebhafter Mann, der die

Poesie liebt.

* * * * *

[Sidenote: Abreise von Wien.]

Der Abschied ist ein Anspannen des Lebensfadens nach zwei

entgegengesetzten Seiten, wodurch der Knoten der Liebe fester geschürzt

wird. Wenn es auf unsere Kleider regnet, so weckt der Regen wieder jenen

schlummernden Duft des aromatischen Parfüms, den wir früher darauf

gegossen haben. So auch die Abschiedszähre auf dem Gewande des Lebens.

Ich kann also auch Jeanpaulisiren.

* * * * *

Sowie man Wien verläßt und nach Böhmen hineinkommt wird die Aussicht

weniger schön. Es ist gut, daß wir die Sonne im Rücken haben. Auf dem

Wege stehen oft schöne Eubischbaum-Alleen. Vorgestern Abend kam ich an

einen Teich, wo das braunrothe Rindvieh darin umherwadete und trank,

während die Abendsonne auf ihr rothes Fell schien. Dies ließ mich an die

schönen niederländischen Bilder denken. Es ist herrlich, eine solche

ehrbare Kuh in Abendroth stehen zu sehen, besonders wenn sie hoch steht,

daß der blaue Himmel den Hintergrund bildet. Die Frauen schneiden das

Korn hier mit Sicheln; wenn solch ein großes schönes Mädchen an mir

vorüberging, glaubte ich Ceres in eigener Person zu erblicken. Gestern

früh ging ich ein hübsches Stück in der Sonne, ich kam in die Nähe eines

Waldes und gerade vor mir murmelt eine Quelle. Ich setzte mich an einen

Tannenbaum hin und erwartete den Wagen. »Schöne Natur,« dachte ich,

»wie erfreut es den Dichter, dich zu sehen.« Und mir schien es, als ob

die Natur antwortete: »Und mich freut es oft von einem Dichter gesehen

zu werden.«

* * * * *

[Sidenote: Dresden. Weber. Böttiger.]

=Dresden= kannte ich kaum wieder, obwohl ich elf Jahr vorher mich drei

Monate dort aufgehalten hatte. Es lagen so unzählige Vorstellungen

zwischen der damaligen und jetzigen Zeit, daß sie einen großen Theil der

Erinnerungen verwischt haben. Das heißt in Bezug auf Straßen, Märkte

u. s. w., denn auf der Gemäldegalerie war ich gleich wieder heimisch.

Und kaum war ich ein paar Tage hier gewesen, so fiel es wie ein Nebel

von meinen Augen, und ich wunderte mich, daß ich nicht besser Bescheid

gewußt habe.

Ich wußte, daß ich von dem Kreise, der mir das erste Mal so lieb war,

nämlich von der =Körnerschen= Familie, zu der ich täglich als Hausfreund

kam, nicht einmal Ueberreste finden würde, denn der alte Körner war mit

seiner Frau nach Berlin gezogen, nachdem er einen solchen Sohn, wie

seinen =Theodor=, eine Tochter wie seine =Emma= verloren hatte.

* * * * *

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3 · 第 14 / 17 段