lebhafte, muntere Dame, trotzig, witzig, geistreich, beredt, scherzhaft
und gutmüthig kennen. Wenn sie mit Männern spricht, so neckt sie gern;
man muß auf jedes Wort achten das man sagt, damit sie sich nicht daran
klammern kann; man muß lustig sein und sie wieder necken, dann lächelt
sie vergnügt. Sie fragte mich, ob bei mir zu Hause auch Damen seien,
die mir die Wahrheit sagen könnten. Ich antwortete ihr: »O ja! wir
haben sehr vernünftige artige Damen in Kopenhagen.« »»Aber,«« sagte
sie, »»wenn sie alle so höflich und artig sind, wer sagt Ihnen dann das
Nothwendige derb und grob?«« »O,« antwortete ich, »wenn ich das zur
Veränderung einmal von =Damen= hören will, so reise ich ins Ausland!«
»»Bravo,«« rief sie und brach in Gelächter aus; »»ich verzeihe Ihnen
Ihre Unverschämtheit, es war eine gute Antwort.«« Arnim ist groß, blond,
hübsch und sehr still. Er hat einen poetischen Geist, nur ist er in
seinen Dichtungen etwas neblig und weitläufig; doch trifft man in seinen
späteren Büchern, z. B. =Berthold's erstes= und =zweites Leben= viele
schöne Schilderungen. =Brentano=, sein Schwager, wollte sich im Anfange
gar nicht mit mir abgeben, aber als er mich später eines Abends bei
Arnims sah, wo ich ein paar Acte aus Freia's Altar vorlas, fand ich
Gnade vor seinen Augen und nun sind wir sehr gute Freunde. Er gleicht
der Schwester. Mit vielem Witz spricht er von Allem, stellt Alles in
ein barockes Licht, und findet leicht Fehler in Dem heraus, was man
sagt; gesteht aber doch selbst, daß auch er ein sündiger Mensch ist.
Er ist in der letzten Zeit etwas fromm geworden, glaube ich, ließ sich
aber mir gegenüber nicht weiter darüber aus, weil er merkte, daß ich es
nicht auf seine Weise sei. Er ist kaum mittelgroß, hübsch, aber ziemlich
bleich und mager; das schwarze lockige Haar hängt ihm wild um den Kopf.
Seine Augen mit großen Lidern sind braun, voller Feuer und unstet. Es
ist keine Frage, daß er viel Geist und Talent besitzt; wenn er nicht zu
negativ wäre und mehr Ruhe hätte, könnte er es gewiß weit bringen. Ich
las ihm etwas aus meinem =Evangelium des Jahres= vor, das er sehr lobte;
aber auf eine Weise die stets unangenehm ist; wenn nämlich der Richter
nicht bloß =einzusehen= sondern auch zu =übersehen= glaubt, was er
beurtheilt.
* * * * *
Vor Kurzem kam =Fouqué= sieben Meilen weit von seinem Gute her, um
meine Bekanntschaft zu machen. Hoffmann bat uns, diesen Abend bei
ihm zuzubringen und so hatten wir Drei nun wirklich einen echten
Dichterabend. Fouqué ist ein offenherziger, freundlicher Mann, gutmüthig
und mittheilend, er hat ein edles Herz und eine reiche Phantasie. Seine
=Undine=, sein =Galgenmännlein=, der =unbekannte Kranke=, =Ixion=
u. s. w. sind vortrefflich. Er ist meiner Ansicht nach am vorzüglichsten
in seinen Märchen. Zu dem Dramatischen fehlt ihm die Aufmerksamkeit
für die wirkliche Natur. Er träumt schön von Tapferkeit, Liebe und
Alterthum. Man könnte etwas mehr Gedankenreichthum in seinen Werken
wünschen und das =Adelige= spielt eine zu große Rolle darin. Er ist
durchaus nicht beißend, polemisch oder satirisch, läßt alles Gute gelten
und auch einen Theil Mittelmäßiges. Dänisch versteht er sehr gut; und
hat die meisten meiner dänischen Werke in seinen Abendzirkeln Deutsch
vorgelesen. Er ist nicht sehr groß, ziemlich stark, blond und hat
krauses Haar. Hoffmann, ein burlesker, phantastischer Gnome, mit vielem
Verstand, stand mit der weißen Schürze wie ein Koch da und bereitete
Cardinal aus Rheinwein und Champagner. Der Pokal ging unablässig umher;
wir erzählten uns einander kleine Geschichten und abenteuerliche
Ereignisse, die entweder uns oder Anderen widerfahren waren. Unter
Anderem kann ich folgende Novelle von einem Juden mittheilen, die
Hoffmann erzählte.
[Sidenote: Fouqué. Hoffmann.]
Dieser Jude fühlte sich von den Wahrheiten der christlichen Religion
überzeugt und ließ sich taufen. Kaum war er getauft, als er in jeder
Nacht von seiner todten Frau beunruhigt wurde. Sie erschien ihm,
rang ihre Hände, starrte ihn mit hohlen Blicken an, zeigte auf ihren
Scheitel, und jammerte darüber, daß sie keine Ruhe im Grabe habe, weil
sie nicht auch Christin geworden sei. Er veränderte seine Wohnung, aber
sie verfolgte ihn, erschien ihm in jeder Mitternacht und verlangte der
heiligen Taufe theilhaftig zu werden. Um der Unglücklichen Ruhe im
Grabe zu schaffen, und um den Lebenden von der gräßlichen Erscheinung
zu befreien, beschloß die Obrigkeit und die Priesterschaft, das Grab
zu öffnen und die Leiche zu taufen, was denn auch geschah. Von diesem
Augenblicke an ließ sich das Gespenst nicht mehr sehen, sondern fand
eine selige Ruhe. -- Aber nun kommt die Erklärung der Fabel: Kurz darauf
bekam der Jude einen Proceß mit den Erben seiner Frau, die sie beerben
wollten; aber da berief er sich darauf, daß seine Frau auch getauft sei
und nun das Erbe ihm gehöre.
[Sidenote: Hitzig. Körners.]
Während wir bei solch' gräßlichen Erzählungen dasitzen und die Phantasie
durch Cardinal erhitzen, wende ich den Kopf zur Seite und sehe -- einen
kleinen schwarzen Teufel -- mit einem Horn auf der Stirn, und einer
rothen Zunge aus dem Munde hängend, sich über meine Schulter beugen.
Es war dies eine Marionettenpuppe, die Hoffmann gekauft hatte (er hat
den ganzen Schrank voll), mit der er manövrirte, um mich in einem
grausigen Märchen zu erschrecken. Einmal erzählte Fouqué etwas, und nun
setzte Hoffmann sich ans Klavier, accompagnirte Fouqué's Erzählung und
malte Alles mit Tönen aus, je nachdem es grausig, kriegerisch, zärtlich
oder rührend war und das machte er ganz vortrefflich. Am nächsten Abend
waren wir bei =Hitzig=, hier aber gerieth Fouqué über Tisch in ein
langwieriges Gespräch mit einer Dichterin, welche wissen wollte, wie
er es machte, wenn er dichtet. Es kam zu keinem Ende und es war mir
unangenehm, indem ich dadurch seine Gesellschaft einbüßte. Er zeigte mir
beim Abschied seinen Degen, auf welchem steht: _Pour moi mon âme, mon
coeur pour ma dame_; oder etwas Aehnliches. Ich mußte versprechen, ihn
zu besuchen, aber diesmal wird wohl nichts daraus werden.
* * * * *
Ich war bei den alten =Körners=. Er, seine Frau und seine Schwägerin
haben sich fast gar nicht verändert, aber die Jugend im Hause ist todt.
Als ich bei ihnen eintrat, brachen beide Frauen in Thränen aus; denn der
Gedanke an Theodor und Emma erwachten wieder lebhaft in ihnen. Theodor
Körner's kurzes Leben war schön und rührend. Ein junger begeisterter
Tyrtäus für sein Vaterland, ein ehrlicher Kämpe. Wäre Friede gekommen,
und er dramatischer Dichter geworden, so hätte er sich kaum auf
dieser Höhe gehalten. Sein »Leyer und Schwert« ist vortrefflich. Als
Theaterdichter zeigt er keine besondere Anlage, sondern ahmt Schiller
sehr in dem zu zierlichen Dialog nach, ohne doch die nöthige Kraft,
Beweglichkeit und Humor in die Charactere und die Handlung zu legen.
* * * * *
[Sidenote: Tieck.]
Vor Kurzem kam Tieck von einer sehr forcirten Reise zurück. Er ist
in England gewesen und hat in den alten Sagen von Shakspeare, seinem
Theater und seinen Schauspielern umhergestöbert; hatte das Verhältniß
erforscht, in dem Shakspeare zu den Dichtern seiner Zeit stand, was von
Anderen geschrieben war, als und bevor er dichtete u. s. w. Dieses Buch
kann sehr interessant werden. -- Ich fand Tieck sehr verändert; er geht
von Gicht gekrümmt an seinem Stocke und ist ziemlich stark geworden.
Wenn ich mit ihm allein spreche, hat er ein freundliches Wesen, einen
einnehmenden schalkhaften Blick und einen gutmüthigen aufrichtigen Ton.
Was seine Ansichten betrifft, bin ich in Vielem anderer Meinung und
erquicke mich mehr an seiner Poesie, als an seiner Philosophie. Er ist
mir zu streng gegen die jetzige Zeit, und betrachtet das Mittelalter,
sein Mönchswesen, Aristokratie und erste Kunstversuche mit allzu
günstigen Augen.
Als er =Canova= einmal zu sehr herunterriß, wurde ich böse und sagte:
»Canova ist ein ausgezeichneter, seltener Künstler, er ist kein
=Thorwaldsen=, aber Silber ist gut, obgleich es kein Gold ist.« Tieck
meinte, daß er gar kein Bildhauer sei und sagte: »»Wenn Er Bildhauer
ist, so weiß ich nicht, was ein Bildhauer ist.«« -- »Das will ich Dir
sagen,« antwortete ich, »das ist ein Mann, der einen Stein mit einem
Meißel behaut und schöne Bilder hervorbringt, und das hat Canova oft
gethan.« -- Indessen kam es doch bald zu einem Vergleich, und als ich
ging, sagte er mit freundlichen Blicken: »Nun sei nicht böse!« -- Bei
Zschokke's hatten wir letzthin eine rechte Künstlermahlzeit, da waren
Tieck, Schinkel, Arnim, Brentano und mehrere Andere. Es wurde Rheinwein
getrunken und gesungen: »An grünen Bergen wird geboren« und »Am Rhein,
da wachsen unsere Reben.« Zuletzt sang ich Dänisch, was die Anderen gern
hörten. --
* * * * *
[Sidenote: Ein talentvoller Barbier.]
Da wir einmal vom Singen sprechen, muß ich eine komische Geschichte
erzählen. Mein Barbier hörte mich letzthin des Morgens trällern und
sagte: »Ach, der Herr Professor singen jewiß scheen.« -- »»Es geht,««
antwortete ich. -- »Ich habe auch eene sehr jude Stimme,« sagte er,
indem er mich einseifte, »und Beschort hat mich vor 30 Jahren jesagd,
deß ick een sehr jroßer Sänger hätte werden können.« -- »»Das hätten
Sie thun sollen,«« entgegnete ich. -- »I nun,« sagte er, indem er mich
bei der Nasenspitze faßte, »ick bin ja och so recht jlücklich.« --
Nach einer kleinen Pause fing er wieder an: »Ick singe den heegsten
Diskant un den tiefsten Baß. Ick kann ooch Alt un Tenor singen. Woll'n
Se hören?« -- Nun stieg er in die Fistel hinauf, wie der Küster Peter
im _Erasmus Montanus_. -- »Herr Gott, das war schön,« dachte ich. --
»»Ach, Herr Professor,«« fuhr er fort und frischte die Seife auf,
»»woll'n Se nich ooch ä bischen singen, denn will ick secundiren.«« --
»Mit Vergnügen,« antwortete ich. Und nun fing ich, eingeseift wie ich
war, sehr feierlich an: »=In diesen heiligen Hallen=,« und er, indem
er eifrig das Messer auf dem Lederriemen strich: »=kennt man die Rache
nicht=.« Wer herein gekommen wäre und uns so gesehen und gehört hätte,
hätte sich zu Schanden gelacht.
* * * * *
Vor einigen Abenden las Tieck seine Uebersetzung: »Der Flurschütz
von Greenfield,« der sich in seinem altenglischen Theater findet. Er
liest vortrefflich vor und hat echtes Schauspielertalent, besonders
für das Komische. -- Ich habe ihm die zwei ersten Acte von Ludlam's
Höhle vorgelesen, mit denen er sehr zufrieden war. -- Als ich jüngst
mit ihm unter den Linden ging, begegneten wir einem sehr schönen,
anmuthigen Mädchen, welches ihn erröthend grüßte, und ihn mit der
innigsten Hingebung fragte, wie es ihm gehe. Sie wünschte ihm recht warm
Gesundheit und langes Leben als sie ihn verließ, und ich konnte an ihrem
Gruße und an der Wärme, mit der sie sprach, sehen, wie lieb sie ihn
hatte.
* * * * *
[Sidenote: Schinkel.]
Mit Tieck besuchte ich den Baurath =Schinkel=, einen seltenen
Architekten und Maler. Wir sahen mehrere seiner Landschaften, in denen
der Gegenstand ebenso romantisch wie die Ausführung kräftig und schön
ist. Wir fanden bei ihm auch die Frau Arnim. Tieck saß vor jedem Bilde
in einem Lehnstuhle und betrachtete es außerordentlich lange mit großer
Aufmerksamkeit und großem Ernst. Frau Arnim huckte sich vor den Bildern
nieder, fing zu scherzen an, neckte mich wie gewöhnlich und fragte, ob
ich mich auf Gemälde verstände; was für Ideen ich hätte u. s. w., Alles
nur, um den gravitätischen Tieck zu stören, der sie von Kindheit auf
kennt und nun halb böse, halb lächelnd wie ein Großvater schalt, weil
sie so unruhig war und ihn in seiner Andacht störte.
Schinkel zeigte uns seine trefflichen Zeichnungen zu einer gothischen
Kirche, so wie es vor ein paar Jahren der Plan war, sie hier zu
bauen. Nun wird aber wohl nichts daraus. Die meisten der schönen
Decorationen, die man auf dem Theater hatte, die aber nun leider beinahe
alle verbrannt sind, verdankte man Schinkel. Besonders sollen die
Decorationen zu Fouqué's Undine, von Hoffmann entworfen, vortrefflich
gewesen sein. Kühleborn's Erscheinung und Undine's Geist in den klaren
Springbrunnen sollen jede Erwartung übertroffen haben.
* * * * *
Ich habe einmal beim Grafen Brühl zu Mittag gegessen. Er hat einen
schönen Garten, wo der Tisch unter einem Zelt in der Nähe hoher,
schattiger Pappeln gedeckt war. Die Gräfin ist eine liebenswürdige,
schöne Dame, voller Geist, und, was merkwürdig ist, liebt und zieht
die deutsche Literatur der französischen vor, obgleich sie Französisch
erzogen ist. Sie spricht auch sehr gut Deutsch und der leise Anklang des
französischen Accents steht ihr gut.
Ich war auch ein paar Mittage in dem großen Garten bei dem Buchhändler
Reimer, der nun nach Hause gekommen ist. In solch schönen Gärten vergißt
man ganz, daß man sich in den Berliner Sandebenen befindet, denn der
Thiergarten ist gar nicht schön. Auch in diesem habe ich einen Mittag
bei dem General =Helvig= und dem jungen schwedischen Dichter =Atterbom=
zugebracht. General Helvig ist ein rascher, lebendiger, gewandter
Weltmann und Atterbom ein blonder, schwärmerischer Jüngling, dessen
Anlagen zu den besten Hoffnungen berechtigen. Ich disputirte mit Helvig
über den Magnetismus, gegen den er sehr stark eiferte und ihm jede
Wirkung absprach; ich führte an, was ich bereits früher erzählt habe.
* * * * *
[Sidenote: Ein Magnetiseur.]
Professor =Wolffhardt= treibt hier den Magnetismus ins Große und hat
eine ordentliche Fabrik für seine Patienten, die er alle mit Hülfe
desselben curirt. Herr =Muhr= aus Kopenhagen, der sich auch auf diesen
Zweig der Wissenschaft legt, führte mich in Wolffhardt's Laboratorium,
einen großen, finstern Saal, voll von Herren und Damen, die stumm wie
das Grab da saßen und sich selbst magnetisirten. Zwei große magnetische
Säulen stehen in jedem Winkel des Saales; von diesen Säulen gehen
dünnere Stahlstäbe aus. Nun setzen die Patienten sich in zwei Kreisen um
die Hauptsäulen; jeder nimmt seine Stahlstange in die Hand, setzt sie
auf die Herzgrube, und fängt nun an so lange darauf zu reiben, bis er in
Schlaf fällt. Darauf führt der Professor die Schlummernden auf einige
kleine Sophas, die sich an den Wänden hinter grünen Gardinen befinden.
Und wenn nun Jeder in seinem Behältniß sitzt, so flüstert er ihnen, wie
ein Beichtvater in einem Beichtstuhle, zu, und erhält Antwort. Uebrigens
herrscht Todtenstille da, und Keiner spricht mit dem Andern ein Wort.
Ich folgte Wolffhardt, und hörte ihn eine Dame Etwas über ihren Zustand
fragen. Sie sagte: daß sie noch einige Wochen das Medicament gebrauchen
müsse, das sie angefangen habe u. s. w. Es war nicht so amüsant, wie
bei Tschöppholz in Wien. Hier waren mir zu Viele, es war nicht so
zauberhaft, wie mit jenem einzelnen Clairvoyant; und mochte es nun
daher kommen, daß ich mich an diese Vorstellung gewöhnt hatte, oder
was es sei -- kurz -- ich hatte genug an dem einen Male und kam nicht
öfter, obgleich der Professor so freundlich war, mir freien Zutritt zu
erlauben, so oft ich wollte.
* * * * *
[Sidenote: Professor Solger.]
Ich habe einen Abend bei Frau =Reichardt= zugebracht. Ihre Tochter
Sophie sang mir einige von den Liedern des Vaters vor und wir träumten
uns nach Giebichenstein zurück. Hier traf ich den Professor =Solger=.
Ich las ihm meine Romanze »der Walrabe«, die ich kurz vorher ins
Deutsche übersetzt hatte, vor. Ich besuchte ihn ein paar Tage darauf mit
Tieck. Der Mann interessirte mich als ein geschmackvoller Gelehrter.
Seine Uebersetzung des Sophokles hatte ich sehr fleißig studirt und mich
dadurch sowohl mit dem Trimeter, wie mit der musikalischen Schönheit
des Chors und der effectvollen Anwendung der Anapästen und Spondeen
bekannt gemacht. Aber ich merkte wohl, daß Solger nicht viel mehr für
mich empfand. Er und Tieck lobten unablässig den verstorbenen Heinrich
Kleist als einen großen Dichter, dessen Tod eine empfindliche Lücke in
der deutschen Literatur zurückgelassen hätte. Darin war ich auch einig
mit ihnen, denn ich achtete selbst dieses Talent sehr hoch. Dagegen
konnte ich nicht ihren Enthusiasmus für die Tragödie »der Prinz von
Homburg« theilen, die mir zu preußisch ist, als daß sie recht poetisch
sein könnte, und in der das Motiv »augenblickliche Feigheit« eines
sonst braven Officiers etwas Peinliches und Kleinliches hat. Solger
war ein blinder Bewunderer Tieck's und nahm all' dessen Ansichten in
seine Philosophie auf. In seinem »Erwin,« den ich etwas später las,
fand ich dies bestätigt. Ich ward in diesem Buche in eine Klasse
mit Werner und Fouqué gestellt und als ein untergeordneter Dichter
betrachtet. Aber daran bin ich bei den norddeutschen Literatoren gewöhnt
(in Süddeutschland spricht man in einem andern Tone). Doch habe ich
den Trost, daß Solger in seinem Buche mit Verachtung von Jean Paul's
Aesthetik, einem Werke, spricht, das leben, beliebt sein und gelesen
werden wird, so lange eine deutsche Literatur existirt. Solger ist fast
schon vergessen.
* * * * *
Es that mir recht leid, mich so bald wieder von meinem guten Tieck,
unleugbar einem der genialsten Dichter Deutschlands, und mit dem ich
in so vielen Dingen sympathisire, trennen zu müssen. »Du bist mir zu
sentimental,« sagte er einmal zu mir mit freundlichem Lächeln. »»Ich
weiß, daß ich Dir das sein muß,«« war meine Antwort. Ich hatte damals
nicht Lust weiter zu antworten, sonst hätte ich gesagt: »»Und Du bist
mir zu phantastisch.««
Ich erinnerte mich des Gesprächs, das ich einmal mit Werner hatte, als
er die Hand auf meine Schulter legte und sagte: »Lieber Freund, Ihr seid
mir gar zu gesund,« und ich ihm antwortete: »»Lieber Freund, Ihr seid
mir gar zu krank!««
* * * * *
[Sidenote: Schleiermacher.]
Ich war auch in der reformirten Kirche und hörte =Schleiermacher=
predigen. Schleiermacher spricht durch den Verstand zum Herzen. Es
scheint, als sollte es eine trockene, moralische Abhandlung werden;
plötzlich verbinden sich all' die ruhig bewiesenen Sätze wie hohe
Blumenstengel zu einem Tempel zur Ehre der Gottheit, in dessen Mitte
der Altar der Liebe steht und seine Flamme mit dem Licht der Wahrheit
vereinigt. Schleiermacher ist im täglichen Leben freundlich und witzig.
Er hat in seinen Gesprächen Etwas von jener schönen sokratischen Ironie,
die sich so gut mit dem höchsten Streben vereinigen läßt. Ich nahm im
Beichtstuhl von ihm Abschied, wo er mit dem Küster stand, und das Geld
zählte, welches im Klingelbeutel eingekommen war.
* * * * *
Mein Reisegefährte, Justizrath Wiedemann, ist ein sehr vernünftiger,
einsichtsvoller Mann. Sein Fach ist die Naturgeschichte, und er war
nach Berlin unter Anderm gereist, um einige Insecten zu erhalten.
Hiervon trug er die besten aus dem Schooß, und es amüsirte mich, in
den vielen freien Stunden, wenn der Wagen nicht allzusehr stieß,
die schönen, blau und roth geschildeten Roßkäfer, die wunderlichen
Hirschkäfer, die Nashörner, kleine coquette Gotteskühchen mit den
Pünktchen zu sehen. All' die Armen waren lebendig gespießt, und der
Insectenkasten war eigentlich eine große Richtstätte voller Galgen.
Indessen saß er doch wie ein liebevoller Vater mit seinen kleinen
lebendig gespießten Schooßkindern auf den Händen die ganze Reise
hindurch, und wiegte sie, damit sie sich nicht stoßen sollten.
* * * * *
Lübeck, den 18. September.
Das Erste, was ich hier that, war, in der Zeitung mich nach einer
Gelegenheit nach Kopenhagen umzusehen. Es gab deren zwei: die eine mit
dem =Delphin=, die andere mit dem =Jungen Lars=. Als Poet versuchte ich
natürlich zuerst auf den Delphin zu kommen, da ich von Arion her weiß,
daß er es mit den Dichtern ehrlich meint. Aber der war erst in drei
Wochen segelfertig. Nun mußte ich mich nach dem =Jungen Lars= umsehen;
aber Lars hatte nicht mehr Geduld gehabt, in Lübeck zu bleiben, sondern
war nach Travemünde hinausgeschwommen, und spähte von dort auf eine
günstige Gelegenheit zum Weiterreisen. Nun schickte ich zum Schiffer,
Herrn =Mörck=, und er antwortete, ich würde willkommen sein.
* * * * *
[Sidenote: Heimkehr.]
Vorgestern morgen legte das Schiff bei, und ich ließ mich an die Treppe
der Zollbude rudern. Es hat etwas viel Anziehenderes, zur See, als zu
Lande nach Hause zu kommen. Zu Lande gewöhnt man sich nach und nach an
das Vaterland; hier aber kommt es auf einmal. Die kräftigen Flüche der
lieben Matrosen klangen mir süßer im Ohre, als Nachtigallengesang; und
ich hätte ihnen beinahe Geld gegeben, um noch mehr zu fluchen. Als ich
am Wirthshause bei der Zollbude stand, überlegte ich, ob ich gleich nach
Hause eilen sollte, wie ich war, oder ob es besser sei, erst einen Boten
vorauszusenden. Dies schien mir zuletzt doch dass Beste zu sein. Ich
schickte also Jemand fort, ließ mich rasiren und kleidete mich um. Welch
wunderbares Gefühl, hier in einem fremden Wirthshause, in einem fremden
Zimmer zu stehen, was ich so oft gethan; aber jetzt nun zum letzten
Male, und so nahe meinem eigenen Heerde. Der Bote kam zurück, berichtete
mir von der Freude der Geliebten, und nun eilte ich heim.
Wie soll ich mein Entzücken beschreiben, als ich sie Alle weinend und
schluchzend mir Kußhände durchs Fenster zuwerfen sah. Sie kamen mir auf
der Treppe entgegen! Alle drei Kinder waren ein gutes Stück gewachsen,
und hatten wegen des Vaters Rückkehr neue Kleider an. William erkannte
mich gleich an meinem Portrait, das er in meiner Abwesenheit so oft
betrachtet hatte; ihm war vor dem halbfremden Vater gar nicht bange,
sondern er klammerte sich neugierig und vertrauensvoll und freundlich
an mich an. Lotte stand sprachlos und weinte und küßte meine Hände; der
kleine Johannes starrte zu seinem Vater schweigend mit schweren Thränen
in den ernsten Augen empor. Meine treue Christiane wußte nicht, wo sie
vor Freude hin sollte. Seligere Augenblicke giebt es auf Erden nicht;
sie sind eben so süß und belebend, wie der Abschied schmerzlich ist.
=Ende des dritten Bandes.=
Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.
* * * * *
Verlag von Carl B. Lorck.
=Literarische Neuigkeiten.=
Ostern bis Michaelis 1850.
Alle unten angezeigten Werke sind in allen Buchhandlungen Deutschlands
und des Auslandes entweder vorräthig oder können zu den beigesetzten
Preisen bezogen werden.
Oersted, Hans Christian, Der Geist in der Natur. Deutsch von Prof. Dr.
K. L. Kannegießer. Nebst einer biographischen Skizze von P. L.
Möller und mit dem Portrait des Verfassers in Stahl gestochen von
Weger. Preis 1 Thlr. 10 Rgr.
Oersted, Hans Christian, Die Naturwissenschaft und die Geistesbildung.
Auch u. d. T.: Der Geist in der Natur. II. Deutsch von Prof. Dr. K.
L. Kannegießer. 1 Thlr. 5 Rgr.
Oersted, Hans Christian, Die Naturwissenschaft in ihrem Verhältniß zur
Dichtkunst und Religion. Ein Supplement zu: Der Geist in der Natur.
Deutsch von Prof. Dr. K. L. Kannegießer, mit einem Vorworte von P.
L. Möller. Preis 15 Rgr.