Den nächsten Tag hatten wir tüchtigen Regen, durch den die Bäume

ausschlugen, das Leder aber auf unserem Wagen einkroch. Es war schade,

daß Christian nicht auch zusammenschrumpfen konnte, denn er saß draußen

auf dem Bock und wurde durch und durch naß. Wir reisten über Braunau,

Altheim, Ried, nach Lambach, wo es schlecht war und wir elende Betten

bekamen, da unsere unbekannte Reisegesellschaft die besten erhalten

hatten. Hier hörten wir, daß es die Churfürstin Witwe von Baiern, eine

österreichische Prinzessin sei, mit der wir reisten, das machte uns

etwas verlegen. Wir waren oft in der Thür vor ihr vorübergegangen, ohne

sie anders zu grüßen, als indem wir den Hut lüfteten. Aber da Ihre

Hoheit _incognito_ reiste, so war auch hierdurch ihre Absicht erreicht.

Doch beschlossen wir fernerhin nicht voran, sondern hinterher zu fahren

und ehrerbietig in der Entfernung zu grüßen. Nun konnte ich auch die

Entschuldigungen und die Alteration des Herrn begreifen, als er sich

letzthin irrte. Es war nämlich ein Kammerherr. Man denke sich seine

Bestürzung, als er statt schöngekleideter Damen einen halbnackten Poeten

fand.

Am dritten Tage war schönes kühles Wetter. Alles war frisch und grün.

Das schlaffe neugeborene gelbe Laub hing matt in dicken Büscheln an den

Zweigen und saugte die Sonnenstrahlen ein, um größere Kraft und grünere

Farbe zu erlangen. Wir fuhren an einem Abgrunde hin. Das Land ist

voll der schönsten Berge. Herrliche Aussichten auf Dörfer, Städte und

Kirchen, die tyroler Schneefelsen im Hintergrunde. Morgens und Abends

ging ich stets eine lange Strecke.

[Sidenote: Ein Incognito.]

Im Wirthshause in Kleinmünchen bekamen die Churfürstlichen die Lust

zu wissen, wer wir seien. Die Dame fragte Christian darnach, und er

erzählte es in seinem Patois, sodaß sie gewiß eine sehr verwirrte Idee

von unserer Existenz bekam. Wir hielten uns stets entfernt; aber am

vierten Tage wurden wir doch mit der Herrschaft bekannt und zwar durch

folgendes Abenteuer. -- In einem kleinen Dorfe vor einer Schmiede wurden

unsere Pferde scheu, weil sie unvermuthet zwei Esel vor einer Karre

sahen; sie sprangen zur Seite, und knack brach die Wagenstange wieder

entzwei! Bertouch wurde ungeduldig, ich aber stellte ihm vor, daß wir

froh sein müßten, daß es nicht mitten auf dem Wege, am allerwenigsten

bei dem Abgrunde -- sondern gerade vor einer Schmiede geschehen sei, wo

bereits das Eisen glühte, das die Wagenstange wieder fest machen sollte.

Während nun der Schmied mit seinem Handwerkszeuge kam, stiegen wir aus

und gingen den Weg entlang. Da rollte die Churfürstin an uns vorüber

und grüßte uns. »Sie ist glücklich,« sagten wir, »sie hat einen ganzen

Wagen. Wir kommen nur langsam nach.« -- Unter diesen Betrachtungen

schlugen wir unsere Augen auf und sahen weit hin den Wagen der

Churfürstin halten, und die Herrschaft uns zu Fuß entgegenkommen. »Was

Teufel!« dachte ich -- »ist ihr Wagen auch gebrochen?« -- Eins der Räder

hatte Feuer gefangen. -- Nun erwiesen wir uns sehr dienstfertig, machten

Entschuldigungen, weil wir Ihre Hoheit so lange nicht erkannt hatten,

und darauf lief ich zum nächsten Dorfe um Wasser zu holen. -- Nach einer

Viertelstunde brachte ich einen Mann mit einem Eimer auf dem Kopfe

herbei. Der Kammerdiener kam uns entgegen und sagte: es sei nicht mehr

nöthig. Der Mann goß das Wasser aus und ging wieder. Wir kamen zum Wagen

-- das Feuer dachte gar nicht daran aus zu sein, das Eisen glühte. Die

Churfürstin kam auf mich zu und dankte mir. Auf dem Wege hatte ich eine

Pfütze gesehen; ich nahm die leeren Weinflaschen aus ihrem Wagen füllte

sie mit Pfützenwasser, und begoß das Eisen so lange bis es kalt wie Eis

wurde. Inzwischen kam der Diener mit Licht -- das heißt: mit Talglicht

um den Wagen zu schmieren; denn die Sonne stand hoch am Himmel. Und nun

fuhren sie langsam zur nächsten Station und wir mit unserem in Stand

gesetzten Wagen hinterher.

Auf der nächsten Station sahen wir die Churfürstin mit ihrem Gefolge

in das nächste Wirthshaus gehen. Wir hielten uns in der Entfernung und

ich schlug Bertouch vor, in einen andern Gasthof zu gehen. Wie wir eben

beim Essen saßen, kam der Kammerdiener ganz außer Athem zu uns herein;

er hatte uns überall gesucht und sollte uns einladen mit Ihrer Hoheit zu

speisen.

Da wir nun bereits gegessen hatten, so kam er zurück um uns zum Kaffee

bei der Churfürstin auf der nächsten Station einzuladen. Dies geschah,

und Ihre Hoheit war sehr gnädig und freundlich.

* * * * *

Bei meiner letzten Abendwanderung traf ich in einer schönen

Gebirgsgegend einen Bauer, der mit einigen irdenen Gefäßen nach Hause

ging, die er im nächsten Dorfe für seine Wirthschaft gekauft hatte.

Ich ließ mich in ein Gespräch mit ihm ein. Er erzählte mir von seinen

Kindern und seinem Glücke. Ich sagte ihm, daß ich auch Kinder hätte.

»Ja das ist wohl die größte Freude« fuhr er fort; »wohnen Sie weit von

hier?« -- »»In Kopenhagen in Dänemark«« war meine Antwort. -- »Ach

das muß sehr weit sein,« rief er aus, »dort wohne =ich=.« -- Und in

demselben Augenblicke sah ich ein hübsches Haus am Wege, die Thüre stand

offen und zwei blühende Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, saßen auf der

Schwelle. Kaum erblickten sie den Vater, als sie ihm entgegensprangen.

Er hob sie auf, küßte sie und schenkte jedem von ihnen einen kleinen

irdenen Topf mit hübscher Glasur. Ich sagte niedergeschlagen Lebewohl

und eilte fort. -- Alle Heiligenbilder am Wege waren zum Pfingstfeste

mit Blumen und Laubwerk geschmückt. Die bunten Laubhütten in denen Maria

mit dem Jesuskinde stand, waren erleuchtet. Ich sah Maria's und Jesus'

vergoldete Kronen durch die Blätter schimmern, und eine große Schaar

kleiner Kinder lag rund umher auf den Knieen und sang und betete in der

Abendröthe.

* * * * *

[Sidenote: Ankunft in Wien.]

Ich bin nun hier in =Wien=, und habe durch unsern _Chargé d'affaires_,

Herrn von =Koss= mehrere Bekanntschaften gemacht. Ich war bei den

Baronen =Arnstein= und =Eskeles= auf ihrem hübschen Landhause in

Hitzing. Die Damen dieser Familie sind sehr gebildet und lieben

die Poesie. Bei meinem alten Freunde =Breuß=, bei der Dichterin

=Karoline Pichler=, die so geistreich und gutmüthig ist, mit ihrem

österreichischen Accent. Die Schauspielerin und Dichterin Frau

=Weißenthurn= habe ich auch besucht, und fand bei ihr die besten

Schauspieler: =Korn=, =Koch=, =Koberwein= u. s. w. Man hat hier im

Burgtheater Axel und Valborg und Correggio gegeben, welche, besonders

das letztere, viele Glück machten. Hakon Jarl im Theater an der Wien

aufgeführt, mundete nicht recht; er ist zu nordisch. -- Ich bin bei

dem Fürsten =Metternich= gewesen, und fand hier die Großen des Landes,

die Liechtensteine, Esterhazy, Dietrichsteine beim Spieltische sitzen.

Eben als sich Metternich in ein Gespräch mit mir einlassen wollte, kam

der Kronprinz von =Baiern= und zog ihn in ein andres Zimmer. Den Tag

darauf reiste Metternich nach Italien, sodaß ich fast gar nicht mit ihm

gesprochen habe. Fürst Odescalchi lud mich zu Mittag in seinen großen

Palast ein; er ist ein eifriger Freund der Poesie und des Schauspiels,

und obgleich geborner Italiener, durchaus Deutsch. Im Hofrath

=Sohnleitner= fand ich einen sehr angenehmen gastfreien Mann. Er war

bei der Leitung des Burgtheaters betheiligt, wurde aber der Sache bald

überdrüssig. Er hatte meinen Hugo von Reinberg zu übersetzen angefangen,

hielt aber damit inne, als er hörte, daß ich es selbst thun wollte.

* * * * *

Solchen Staub hab ich noch nie gesehen. Die Luft wird oft ganz damit

angefüllt. So südlich Wien liegt, hat es doch ein nördliches Klima.

Bei dem häufigen Winde hier muß man Tacitus beistimmen, wenn er sagt:

»_Terra ventosior, qua Noricum ac Pannoniam adspicit._« --

* * * * *

[Sidenote: Bekanntschaften in Wien.]

Das Fest auf Veranlassung der Abreise der Prinzessin war im Augarten, in

prächtigen dazu aufgeführten Sälen; der Hof in Galla. In Gallakleidern

konnte man auch auf die Galerie kommen. Hätten wir Billete erhalten, so

hatten wir beschlossen, uns ein paar alte gallonirte Kleidungsstücke

bei einem Trödler zu miethen. Das Frohnleichnamsfest sah' ich von einem

Fenster aus bei dem Grafen =Pachta=. Hier kamen in Prozession: Bürger,

Priester, Hofleute, Beamte, Aerzte, Gelehrte, Kaiser, und Diener.

Die schönen Krucifixe waren mit Fahnen geschmückt, die Straßen mit

Brettern, Laub und Blumen belegt. Während des Zuges fing es zu regnen

an; aber Kaiser Franz wollte den heiligen Zug nicht unterbrechen; er

ging mit seiner brennenden Kerze hinter dem Erzbischofe. Bürger, Mönche,

kleine vater- und mutterlose Kinder dem Kaiser voran. Hinterher die

prächtige ungarische Garde auf den schönsten Pferden.

* * * * *

[Sidenote: Wien. -- Das Theater.]

Ich habe Axel und Valborg hier aufführen sehen. Korn war ein

vortrefflicher Axel. Mademoiselle Adamberger war als Valborg erhaben

und rührend. Koch gab den Erzbischof mit Würde und Vatergefühl;

Koberwein als Hakon, Ochsenheimer als Knut waren auch gut. Schwarz war

ein kräftiger Sigurd. In Bezug aus das religiöse Element hat manche

Veränderung stattgefunden. Die Decoration hatte nichts verloren,

obgleich sie nur eine =Vorhalle= zur Kirche darstellte. Dagegen hatte

die poetische Würde dadurch Abbruch erlitten, daß der Erzbischof zum

=Kanzler= und Bruder Knut zum =Kirchenvoigt= gemacht war.

* * * * *

Mademoiselle Adamberger hatte zwei Tage vor ihrer Hochzeit mit Arnet,

einem Gelehrten, ihr letztes Benefiz, als welches die =Schuld= gegeben

wurde. Sie sprach mit Thränen und vieler Anmuth einen Epilog der Frau

Pichler, der sehr viel Werkung hervorbrachte. Die Schuld ist eins der

Stücke, die Furore und Epoche zu einer gewissen Zeit gemacht haben

ohne daß sie sich für die Zukunft in frischem Leben erhalten werden.

Der Stoff ist spannend, die Versification fließend, das Stück ist an

mehrern Stellen nicht ohne Pathos; aber es ist durchaus unnordisch,

wenn gleich nach den Norden hin versetzt; es ist auf einer häßlichen

Unnatur durch die =Vorausbestimmung= erbaut, welche als Schicksal

gelten soll, den Muth niederdrückt, und die Tugend und die moralische

Zurechnungsfähigkeit schwächt. Die Schuld ist mit Werner's 24. Februar

und Grillparzer's Ahnfrau verwandt. Diesen Dichter sah ich eines Abends

bei Frau Pichler, wo ich Ludlam's Höhle vorlas; aber wir näherten uns

einander nicht weiter; unsere Naturen schienen zu verschieden zu sein.

* * * * *

In der italienischen Oper hat man Mozart so lange gespielt, bis man

seiner müde geworden ist, und sich nach der modernen _Opera seria_

sehnt. Madame Borgondio mit einer sehr guten Altstimme, spielte letzthin

den König Cyrus mit halblangen Handschuhen. Sie war auch Tankred in

schwarzer Rüstung. Ich bin ein solcher Heide, daß ich keinen Geschmack

an den vergötterten Tankred finden kann. Die Musik ist brillant aber

nicht herzergreifend, mit zu vielen Trillern und Roulladen.

* * * * *

[Sidenote: Beethoven.]

=Beethoven= habe ich gesehen aber nicht mit ihm gesprochen. Er hat

schwarze Haare, rothe Wangen und sieht recht tüchtig aus, aber er

ist sehr taub, der arme Mann! Ein großes Unglück für einen Musiker.

Beethoven wollte gern, daß ich ihm ein Singspiel dichten sollte, was

ich auch gern gethan haben würde, wenn ich mich dazu aufgelegt gefühlt

hätte. Er soll eine sehr schöne Oper componirt haben.[3]

[3] Diese »sehr schöne Oper« war sein göttlicher Fidelio, den ich erst

einige Jahre darauf kennen und als ein Werk schätzen lernte, das

neben Mozart's Meisterwerken steht. Zweimal sandte der große

Künstler einen Freund mit der Aufforderung zu mir, ihm ein Singspiel

zu schreiben -- und ich ließ es sein! Hätte ich es gethan, und es

wäre mir wie Ludlam's Höhle und die Räuberburg geglückt, und

Beethoven hätte eine Oper, wie Fidelio, dazu geschrieben, -- welch

ein Triumph! Eine edlere Rache hätte mir nicht über den zwar großen

Künstler aber mir ungetreuen Weyse werden können, der mit Baggesen

befreundet wurde, gerade als dieser Ludlam's Höhle am allerärgsten

herunterriß, Verse schrieb, um Baggesen's Räthsel zu lösen, und

dann stets verwarf, was ich ihm zum componiren geben wollte.

* * * * *

Wir sind noch hier in Wien; aber Wien ist nicht hier; das ist auf's

Land gereist, und kommt erst wieder, wenn wir fort sind.

* * * * *

[Sidenote: Schöne Aussichten.]

[Sidenote: Kleine Leiden.]

Das kaiserliche Lustschloß Laxenburg liegt ungefähr zwei Stunden von

der Stadt. Man geht durch schöne Alleen dorthin, und hat nach allen

Seiten Aussichten auf Bergpartieen. Breuß nahm Bertouch und mich zu

seinem Freunde, dem =Schloßhauptmann Riedel=, mit. Er führte uns erst

auf das Schloß, das hübsch, einfach und freundlich ist. Die Zimmer

sind ungefähr wie bei einem wohlhabenden Privatmanne auf dem Lande.

Von da mußten wir in der Mittagshitze in den Garten hinunter. Eine

ungewöhnliche Menge Rosen waren bei der starken Wärme bereits verblüht.

Die Gluth war unerträglich. Ich ging mit Castelli, der auch nicht gerade

für Aussichten schwärmt. Wir bewunderten die Lusthäuser, während die

Andern, ich weiß nicht Was bewunderten, und ich sagte zu Castelli:

»Könnte ich wählen, wollte ich lieber Hausarrest haben, als diese Freude

jetzt genießen.« Indessen mußte ich gute Miene zum bösen Spiel machen,

verbindlich lächeln und sagen: »Das ist ganz scharmant, allerliebst!«

was es auch wirklich war. Stets wollte ich in den Schatten, und stets

mußte ich im Sonnenschein bei den anmuthigen Aussichten stehen bleiben.

Das waren schlimme Aussichten für mich. »»Nun wie finden Sie es?««

fragte Breuß. »Sehr schön,« sagte ich; »ich wollte nur wünschen, daß

ich ein paar Stunden im Schatten hier auf der Bank sitzen und ein

gutes Buch lesen könnte.« -- »»Jetzt sind wir nicht hergekommen, um zu

lesen,«« sagte er und zog mich mit sich fort. Bertouch bemerkte, daß

ich todtenbleich sah. (Stets werde ich in der Mittagshitze bleich). Man

fragte mich, wie mir die englischen Anlagen gefielen. »Gut« antwortete

ich; »aber ich liebe auch die alten Alleen sehr, die lassen sich sehr

gut mit einer englischen Anlage verbinden.« -- »»Ach,«« versetzte Einer

der Anderen, »»das ist gar nicht hübsch, kann man sich etwas teiferes

als solch' eine Allee denken?«« =Ich=: »Warum kann das Steife nicht

auch schön sein!« =Er=: »»Es ist unnatürlich.«« =Ich=: »Ich finde es

durchaus nicht unnatürlich, daß der Mensch schöne Bäume in eine Reihe

pflanzt, um auf dem =kürzesten= Wege von einem Ort zum andern im

Schatten zu gehen. Weßhalb darf die Menschennatur sich nicht auch zur

übrigen Natur gesellen?« =Er=: »»Die Menschen können nicht Etwas schöner

bilden, als die Natur es gebildet hat.«« =Ich=: »Das ist wahr; aber die

Natur (oder der Schöpfer) hat auch =unsere= Natur gebildet. Und es ist

ein Naturtrieb bei uns, die Natur zu unserem Gebrauche, nach unserem

Verstande, unseren Ideen, unserer Bequemlichkeit einzurichten. Eine

schöne Allee ist der herrlichste Frühlingstempel, in welchem sich eine

leichte Architektur mit der ewigen Schöpfungskraft vereint.« Nachdem ich

ihn durch diese Gründe fast dahin gebracht hatte, mir Recht zu geben,

bombardirte ich ihn mit der Vaterliebe, und fragte ob er nicht finde,

daß es schön sei wenn man etwas stehen lasse, was eine verschwundene

Zeit hervorgebracht habe; und ob es nicht erhebend und angenehm zugleich

sei, in den ehrwürdigen Baumgängen zu wandeln, dessen Blätter vor vielen

Sommern die Stirne unsrer Vorväter beschatteten. Nun gaben sie mir Alle

Recht; und so disputirte ich mich aus der Sonnenhitze in den Schatten

hinein. -- In dem herrlichen kühlen Buchenlaub erquickte ich mich nun

recht. Zu Lust und Leben in den warmen Sommertagen gehört Schatten. Pan,

alle Faune, Nymphen und Tryaden lieben Schatten und frische Quellen. Sie

spielen unter den dunkelgrünen Wölbungen, fürchten aber den gelben Staub

und die Mittagshitze.

[Sidenote: Eine Ueberraschung.]

Mein Freund =Breuß=, der sich vorgenommen hatte, mich mit allen

Laxenburgischen Herrlichkeiten zu tractiren, gönnte mir aber keinen

Augenblick Ruhe. Er zog mich unbarmherzig mit sich fort, und verlangte

daß Freude und Bewunderung von meinen Lippen strömen sollte. Ich

beschloß mich etwas zu rächen, indem ich gleichgültig that, und als

er mich fragte, wie mir dies Alles gefiele, antwortete ich: »Ei

recht gut, aber glauben Sie denn, ich habe früher keinen grünen Park

gesehen?« Breuß meinte: niemals einen solchen. Ich versicherte ihm,

daß das Südfeld und der Friedrichsberger Garten eben so schön seien.

Er behauptete, das sei unmöglich. Ich behauptete, daß der Norden

gerade die Heimath der reichbelaubten Bäume, er, daß dieß übertriebene

Vaterlandsliebe sei. So kamen wir wieder zur übrigen Gesellschaft, und

da konnte ich denn merken, daß Etwas im Werke sei, und ich von irgend

etwas Neuem überrascht werden sollte. »Nun gut« sagte Herr Riedel

lächelnd, »da Sie das Alte so sehr lieben, wollen wir die Gegenwart

verlassen.« Indem er diese Worte sagte, langten wir bei einem kleinen

See mit einem Boot an, und gerade gegenüber stand eine -- =Ritterburg=!

-- Eine alte Ruine? nein -- eine neue vollständige, bunte, fix und

fertige Ritterburg, als wäre sie etwa vor ein paar Jahren gebaut, was

auch wirklich der Fall war. Wir fuhren auf einer Fähre hinüber. Auf dem

Thore war ein Ritter im Harnisch gemalt. Das Thor ging auf, wir traten

ein, und befanden uns nun in einem kleinen Hofe. Gerade vor uns war die

Ritterwohnung mit ihrem Thurme; auf der einen Seite die Kapelle mit

den bunten Fenstern, der Stall, das Zimmer der Knappen u. s. w. In der

Mitte des Hofes ein Brunnen mit altmodischer Architektur, Heiligen und

Schnörkeln.

[Sidenote: Eine neue Ritterburg.]

Der plötzliche Eindruck all' dieser alten Sachen rührte mich; aber

ich konnte mich beinahe nicht des Lachens enthalten, als Mehrere

der Gesellschaft auf mich zukamen und mir stark ins Antlitz anstatt

auf die Gegenstände schauten, die sie wahrscheinlich kannten, um zu

beobachten welche Wirkung sie auf mich machten, und wie es aussähe

wenn ich gerührt wäre. Alles zu erzählen, was an diesem Orte gesammelt

ist, wäre unmöglich. Aber man staunt, wenn man erfährt, daß diese Burg

aus lauter =wirklichen= Alterthümern zusammengesetzt ist. Hier giebt

es nichts Neues, nicht einmal die Mauern; sie sind von fernen Ruinen

herbeigeschafft. Ganz Oesterreich mußte seine alten Merkwürdigkeiten

diesem Orte abgeben. Wir wollen eine kurze Wanderung durch die

wichtigsten Zimmer machen.

Hier gehen wir also erst in den Richtersaal hinauf. Mitten in diesem

runden Saale ist ein runder Tisch; mitten in diesem Tische ein Loch mit

einem Rost. Dieses Loch führt gerade in das Burgverließ. Durch eine

solche Oeffnung wurde der Sünder in alter Zeit aus seinem Gefängniß

heraufgewunden, mit dem Kopf über der Oeffnung, um von den Richtern, die

rings um den Tisch saßen, verhört zu werden; und es war nicht selten,

daß sie ihm in dieser Stellung gleich den Kopf abschlagen ließen. In

dem mittelsten Theile des Thurmes ist ein hoher runder Saal mit bunten

langen Fenstern aus dem achten Jahrhundert. Von dort gingen wir ins

Gastzimmer, wo die Ritter gesessen und aus großen Bechern gezecht

hatten. In einem Seitenzimmer findet man prächtige Sachen, silberne

Becher, Perlmutterhörner, Elfenbein, Bergkrystall, alte Gold- und

Silbergefäße. Die Rüstkammer ist voll von köstlichen Kleinodien aus

dem Mittelalter: Schwertern, Büchsen, Lanzen. Die Büchsen wie kleine

Handkanonen mit Lunten. Ein grauer runder Filshut mit Eisenblech und

Spangen versehen hängt an der Wand, und es soll historische Sicherheit

dafür da sein, daß er Karl dem Großen gehört habe. Alte Harnische finden

sich in solcher Menge, daß man mehrere Wochen brauchte um dieses Alles

anzusehen.

Nun kommen wir zu den Frauengemächern. Alte Bilder hängen rund umher

an den mit vergoldetem Leder bedeckten Wänden; Meublesreliquien,

Kaiser Karls IV. Bett zum Beispiel. Das Auge findet Nichts, das nicht

historischen Werth hätte. Plötzlich steigen wir von dieser hellen

Pracht durch finstere Gänge und enge Treppen hinab zu dem schauerlichen

Burgverließ. Eine matte Lampe erleuchtete die trübe Wölbung, ein

weißer Schatten steht im Hintergrunde. Ein Gefangener mit bleichem,

eingefallenem Gesicht, eine weiße Kappe über dem Kopf; das rothe Kreuz

auf dem Mantel zeigt mir, daß es ein Tempelherr sei. Ich will näher

treten, plötzlich streckt er seine Arme gegen mich aus und rasselt mit

den Ketten. Ein schreckliches Bild, das in dem tiefen Gewölbe, dessen

Dunkel den Eindruck festhält, tragisch täuscht. -- In der schönen

prächtigen Kapelle hatte Herr Riedel alle Lichter anzünden lassen.

Altäre, Gebetbücher, Heiligenbilder füllen den kleinen Raum. Das Meiste

ist von Kloster Neuburg gekommen. An der Wand hängt eine Copie von

Albrecht Dürer.

Man hört übrigens viel darüber klagen, daß die alten wirklichen

Burgen, die noch ganz dastehen, ihre Merkwürdigkeiten durch dieses

Zusammenschleppen nach einem Ort verloren haben, und daß diese

Verbindung von Dingen verschiedener Jahrhunderte sehr willkürlich sei.

Man findet Sachen aus dem zehnten und fünfzehnten Jahrhunderte oft

in einem und demselben Zimmer. Aber -- welche Zeit hätte nicht die

Gegenstände der vorhergehenden Zeit angehäuft? Das thaten die alten

Ritter auch. Jean Paul sagt sehr richtig: »Jede Zeit besteht aus zwei

Theilen; dem Schluß der vorhergehenden und dem Anfang der folgenden

Periode.« Die Burg ist schön! Herr Riedel verdient Dank für den

Kunstsinn, mit dem er sie aufführen ließ.

* * * * *

Am Nachmittag gingen wir wieder spazieren, und nun war es viel kühler

und angenehmer. Der Theil der Anlage, zu dem wir nun kamen, war auch

waldreicher. Ehe wir nach Hause fuhren, mußten wir Abendbrot essen.

Es war im großen Saal gedeckt, der Tisch war herrlich mit Blumen

geschmückt; aber der Garten war doch besser, und es dauerte nicht lange,

so nahm Jeder seinen Stuhl, seine Serviette und Teller, und lagerte sich

draußen vor der Gartenthür. Einige setzten sich auf die Treppe. Castelli

war sehr heiter, setzte sich früher als wir an den Tisch, spielte den

Gourmand in Wiener Dialect und kostete alle Gerichte, ehe wir etwas

davon bekamen. Wenn die Wirthin lachend fragte, was er haben wollte, so

sagte er: »Küß' die Hoand, i will Oalles hoaben, gäben's mir erscht a

was Schuncken.« So endigten wir diesen Tag in heiterem Kreise und fuhren

wieder zur Stadt zurück.

* * * * *

[Sidenote: Eine Hinrichtung.]

Vor ein paar Tagen wurde ein Mensch hingerichtet, der seine Schwester

ermordet hatte. Er wurde vor der Stadt an einer hohen Säule, die die

Spinnerin am Kreuz heißt, aufgeknüpft. Die Säule ist altgotisch; eine

weibliche Gestalt in Stein ausgehauen spinnt unter dem Kreuze. Sie

sollte eher, gleich der dritten Parze, mit der Scheere schneiden.

Vielleicht spinnt sie Hanf. Die eigenthümliche Lust, die ich in meiner

Jugend hatte, Hinrichtungen zu sehen, war bei mir vergangen, und ich

war nicht Zuschauer. In einem gedruckten Berichte versicherte der

Prediger, daß der Sünder bekehrt, bevor er gehängt worden sei. Ich las

ihn nicht; aber ich hatte Struensee's Bekehrungsgeschichte von Mynter

gelesen und glaubte, es würde wohl etwas Aehnliches sein. Es traf sich

ein paar Tage darauf, daß ich in der Bildergalerie war, wo ich ein sehr

merkwürdiges Bild betrachtete, welches auch eine Bekehrungsgeschichte

vorstellte. Das Bild zeigt Christus wie er nach Golgatha geht, gebeugt

sein Kreuz tragend. Aber vor ihm fahren die zwei Schächer auf Karren und

haben Mönche bei sich, welche den Sündern das =Krucifix= vor die Augen

hielten, und sie durch die =Erinnerung= an den Tod Christi trösten.

* * * * *

[Sidenote: Hammer-Purgstall.]

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3 · 第 13 / 17 段