Weise den Leuten sagen kann, an welche Karte sie gedacht haben. Er
erweckt die Aufmerksamkeit der ganzen Stadt durch sein mathematisches
Talent. Ich fragte, ob er auch Verse machen könne, und als man: »Nein«
antwortete, freute es mich, daß den Poeten auf diese Weise eine
unschuldige Rache über die Mathematiker wurde, die immer so sehr mit
ihrem menschlichen Verstand prahlen, und die Phantasie zu den =niedrigen
Seelenkräften= rechnen, die wir mit Thieren theilen. Sehen Sie wohl,
meine Herren! Verse konnte der Hund doch nicht machen. »Aber er konnte
ebenso wenig rechnen!« -- Das sage ich auch nicht; ich erzähle nur,
daß ganz Paris es =glaubt=. Dagegen hat Paris nie geglaubt, daß ein
vierbeiniger Hund Verse machen könne.
* * * * *
Ich gehe oft an den Quais der Seine entlang. Letzthin ging ich über
_Pont neuf_, wo Ravaillac den gefühlvollen, verliebten Ritter, den
tapfern Helden und väterlichen König Heinrich IV. ermordete, der, ohne
außerordentliche Geistesgaben und Thaten sich durch seine persönliche
Liebenswürdigkeit und sein gutes Herz unsterblich gemacht hat. Ich höre
nie das Volkslied: »_Où peut-on être mieux, qu'au sein de sa famille_,«
ohne an ihn zu denken, und mir sein bärtiges lächelndes Antlitz in
Rubens' Bild vorzustellen. Auf meiner Wanderung kam ich auch am _Café de
Voltaire_ vorüber. Ich hatte die Absicht hineinzugehen, besann mich aber
gleich, indem ich zu mir selbst sagte: Du triffst ihn doch nicht. Aber
ich hätte viel darum gegeben, wenn er gelebt, und drinnen seinen Witz
zwischen seinen Bewunderern bei dem lieben Kaffee hätte spielen lassen,
diesem =langsamen Gifte=, bei dem er über achtzig Jahre gelebt.
Ich kann mich nie den kleinen Inseln mit _la Cité_ in der Seine nähern,
ohne an meine Vorväter die Normannen zu denken, welche den Fluß herauf
mit ihren kleinen Schiffen kamen, die Stadt belagerten, einnahmen und
anzündeten. Der Fluß und die Inseln sind jetzt fast noch so wie damals,
die Stadt selbst -- welch ein Unterschied! und doch ist es nicht lange
her, daß eine viel abscheulichere Barbarei hier unter den seinen,
polirten Parisern raste, als unter den barbarischen Normannen. Die
Normannen haben niemals wie die Katholiken gegen die Hugenotten, wie
die Jakobiner gegen alle ehrlichen Leute gerast. Man folge mir nun noch
ein paar Schritt auf den Greveplatz! -- Nun stehe ich auf der Stelle,
wo das Blut Tausender geflossen ist, wo man täglich Fenster wie Logen
zu dem blutigsten Schauspiele miethete. -- Aber ich merke Nichts davon,
die Erde, auf der ich stehe, war einmal so vom Blut gesättigt, daß sie
die rothen Ströme nicht mehr einsaugen wollte, und man war genöthigt,
die Richtstätte nach dem Platze Ludwig's XV. hin zu verlegen. Nun aber
sitzen die Poissarden hier ganz ruhig und verkaufen Gemüse. Zuweilen
stehe ich still und höre sie zanken und dann glaube ich in ihren
Schmähworten und wilden Blicken den Funken der Flamme zu sehen, die so
fürchterlich ausbrach.
* * * * *
[Sidenote: Abschied von Paris.]
Ich verlasse Paris nicht ohne Wehmuth. Ich liebe diesen Mittelpunkt
europäischen Lebens und Wirkens. Ich habe nun bereits 21 Monate meines
Lebens in dieser Stadt zugebracht. Das erste Mal 18, jetzt 3. Ich
habe hier meine Tragödien Palnatoke und Axel und Valborg geschrieben;
habe Hroar's Sage ausgearbeitet und Aladdin, Hakon Jarl, Palnatoke
und mehrere Gedichte ins Deutsche übersetzt. In keiner Stadt, nächst
Kopenhagen bin ich so lange gewesen und habe so viel gewirkt; ist es
da nicht natürlich, daß die Erinnerung mir lieb sein muß, wenn ich
dies zu den eigenen, großen Vorzügen der Stadt hinzurechne? -- Es
haben sich hier Einige über diese Vorliebe gewundert und gesagt, es
sei unconsequent von mir, da ich die Franzosen nicht liebe. Aber sie
thaten mir Unrecht. Ich liebe nicht die französische Tragödie, den
französischen Hochmuth und die Unwissenheit über Alles, was nicht
Französisch ist. Aber die französische Nation finde ich im Ganzen
genommen liebenswürdig und angenehm, mit mancherlei Eigenschaften, die
den anderen Nationen fehlen. Und sollte ich mir außerhalb Kopenhagen
einen Aufenthalt nach meinem Sinne wählen, so wäre es Paris; denn hier
findet man Alles, und Jeder kann leben wie er will. Ich habe eigentlich
keine persönlichen Bekanntschaften gemacht; aber oft mit vernünftigen,
gebildeten, freundlichen Franzosen an öffentlichen Orten gesprochen.
Ich sympathisire mit ihrer raschen, kurzen, witzigen Art, die Dinge
zu betrachten. Die Franzosen sind Lebensphilosophen, sind kräftige,
thätige Menschen. Auch das Elegante und doch Oekonomische in Allem, was
die Bedürfnisse des Lebens betrifft, mag ich gern. Man trifft in Paris
viele Fremde aller Nationen. Gute Schauspiele, die die angenehmste
Erholung meines Lebens, nächst Verwandten und Freunden ausmachen, finden
sich hier ganz besonders. Und deshalb schaue ich fortreisend mit einem
schwermüthigen Blick auf das Gewimmel der Boulevards, indem ich zum
letzten Mal an ihnen vorüber fahre. Das Auge haftet an der _porte St.
Martin_, so lange es vermag; ich denke: siehst Du nun Paris nie mehr?
und tröste mich mit dem alten Sprichwort: Alle guten Dinge sind drei!
* * * * *
[Sidenote: Die Reisegesellschaft.]
Am 21. April reisten wir von Paris. Ein französischer Oberst in mittlern
Jahren, der einer Wunde wegen, die er im Krieg bekommen hatte, hinkte,
war ein angenehmer Gesellschafter. Er hatte sich nun zur Ruhe gesetzt,
lebte friedlich mit Frau und Kindern in der Nähe von Verdun, und
unterhielt sich damit, wie er sagte, der Schulmeister seiner Kleinen zu
sein. Er zeigte mir alle die Stellen auf den Wegen, wo die Preußen im
Jahre 1792 zurückgeschlagen waren, aber ohne Haß und Prahlerei. Er war
lustig und jovial, ein brauner, hübscher, vierschrötiger Mann. Während
wir im besten, ernsten Gespräch dasaßen, holte er einen Brummtriesel
aus der Tasche hervor, und als eine Madame im Wagen (_femme savante_)
ihn fragte, was es sei, machte er eine Bewegung, um zu zeigen, wie das
Spielzeug gehe und zischelte mit dem Munde, wie es klingt, wenn der
Brummtriesel auf der Erde singt. Er hatte alle Feldzüge mitgemacht und
erzählte unparteiisch. Mitten in den blutigen Berichten wenn der Wagen
schwankte und der gelehrten Frau bange wurde, streckte er die Hände, so
wie im größten Schreck weit aus, und wenn sie ihm den Rücken zukehrte,
machte er Grimmassen, wie ein Schuljunge in seiner Ausgelassenheit.
Bertouch hatte seine Uhr in Verdun vergessen, und tröstete sich nun,
indem er Zuckerwerk aus einer großen Tüte aß, die er sich daselbst
gekauft hatte. Der altes Oberst versprach, der Uhr wegen zu schreiben,
und hoffte, daß er sie ihm wieder schaffen würde, konnte es aber nicht
unterlassen, mit ihm zu scherzen und zu sagen: »Da sitzt er wahrhaftig
wie ein kleines Kind und nascht, um sich über den Verlust der Uhr zu
trösten.« Bertouch äußerte mir auf Dänisch sein Mißbehagen über diese
Anrede, ich rieth ihm aber davon ab, einen von Napoleons Helden, der
sich erbot, ihm eine kostbare Uhr wieder zu schaffen, eines gutmüthigen
Scherzes wegen herauszufordern. Der Oberst schrieb nach der Uhr, und wir
bekamen sie auch ganz richtig wieder. Ein anderer jüngerer Franzose, der
in Polen, Deutschland und Spanien gewesen war, war sehr zuvorkommend
und bescheiden, und als ich bei Tisch mit einem Stockfranzosen über
französische Zustände disputirte, nahm Jener meine Partei und sagte:
»_Il faut dire la vérité: nous sommes peu de chose à présent!_« -- Ein
ganz junger Mensch von sechzehn Jahren stieg in St. Menehould in den
Wagen, ein hübscher, großer Junge. Er hatte vor Kurzem ein kleines
Amt oder dergleichen bekommen; denn er spielte mit einem Papiere in
der Hand, und als wir ihn fragten, was es sei, sagte er: »es sei ein
Posten, den er erhalten habe.« Das war die erste Reise in seinem Leben.
Seine Geliebte begleitete ihn an den Wagen. Es wurde ein rührender
Abschied, obgleich nur auf zwei Tage genommen. Im Wagen erzählte er
uns umständlich von seinem Vater, seiner Mutter, seiner Tante, seiner
Schwester, seiner Cousine (seiner Geliebten). -- So fuhren wir bald
rasch, bald langsam. In der ersten Nacht kamen wir nicht ins Bett, das
war eine harte Nuß. Am nächsten Abend waren wir in Chalons, an dem
darauf folgenden in Metz.
[Sidenote: Ankunft in Metz.]
Die Gegend um Metz ist sehr schön. Eine Meile vor Metz liegt ein kleines
Dorf, von Fruchtbäumen und Weinbergen eingeschlossen, ein wahres
Paradies.
Es war ein fürchterlicher Wind; aber wir saßen geborgen. In der Nähe
von Metz lag ein Pferd auf dem Wege. Es ist todt, sagte Bertouch. --
»Ist es todt?« rief der junge Franzose, »das glaube ich nicht.« Bertouch
versicherte es, und sagte: daß viele Bauern darum ständen. »Weinten oder
lachten sie?« fragte der Franzose. Er wollte daraus nämlich einen Schluß
ziehen, ob Hoffnung sei, oder nicht.
In Metz fanden wir unsern Wagen, morgen reisen wir über Straßburg nach
Tübingen.
* * * * *
[Sidenote: Das Mißverständniß. Saverne.]
[Sidenote: Der Straßburger Münster. -- Cotta.]
Von Metz bis Straßburg sind 20 Meilen, wir beschlossen, 10 Meilen
täglich zu fahren. In Bourdonnaye trafen wir ein Haus mit einem Wirth
darin, aber es war kein Wirthshaus. Fünf, sechs Leute standen vor der
Thür und sahen zu, wie Christian den Wagen abpackte; Bertouch und ich
hielten Wache. Wir bekamen eine finstere Kammer mit einer zerbrochenen
Fensterscheibe. Der Wein schäumte wie Bier. Als ein altes Frauenzimmer
Spiegeleier auf den Tisch setzte, glaubte ich, Brigitte in der
Räuberburg leibhaftig zu sehen. Am nächsten Morgen stürmte und schneite
es, als wir abfuhren. Endlich hörte das Schneegestöber auf, und durch
die Wolken blickte der blaue Himmel. Wir kamen in ein Dorf und sahen
schöne, große, grün bewachsene Felsen mit mächtigen Burgruinen. Ich
rief Christian, der auf dem Bocke saß, zu, er solle den Schwager fragen,
was das für eine Ruine sei; Christian antwortete »daß es zu =einem=
Grabe gehöre,« woraus ich dann den richtigen Schluß machte, daß ihm
gesagt worden sei, es habe einem Grafen gehört. Die zwei hohen Berge
lagen von einem dünnen, blau-weißen Nebel umgeben; die übrige Landschaft
war nebelfrei. Wir näherten uns dem Dorfe, das malerisch mit seinen
rothen Dächern bisher den muntern Vordergrund der melancholisch-großen
Landschaft gebildet hatte. Wie heißt dieser Ort, fragte ich. =Savern=!
antwortete der Kutscher. -- Plötzlich stand Schiller's herrliche
Romanze: »Ein frommer Knecht war Fridolin« vor meiner Seele. Und nun
wurde mir die finstere Burgruine in der Luft und der schwarze Tannenwald
noch einmal so bedeutungsvoll. Ich sah die schöne Gräfin von Savern
und ihren wilden strengen Gatten. Wir kamen an der Kirche vorüber,
wo Fridolin sich aufgehalten hat. Dort im Walde stellte ich mir die
Höllenknechte, das Feuer anschürend, vor, in das das Ungeheuer selbst
gestürzt werden sollte. Eine leichte weiße Wolke fuhr an den finstern
Wolken rasch vorüber und verschwand hoch im Himmel über den Bergen.
Da glaubte ich den Geist des unsterblichen Schiller zu sehen, und
starrte ihm begeistert nach. -- Der Wagen hielt und die Pferde wurden
gewechselt. Ich war wieder das Kind des Augenblicks. Mir froren die
Füße, ich war hungrig, langweilte mich darüber, daß es so langsam ging,
und statt an Schiller's herrliche Romanze zu denken, dachte ich an Herrn
Holbein's Schauspiel über denselben Stoff. -- Nun wurde das Wetter
milder, und als wir wieder an ein kleines Dörfchen kamen, war der Himmel
klar, ruhig und blau. -- Wenn man Tag und Nacht reist, vergißt man
leicht das Datum; aber aus der Ruhe auf der Straße, und den geputzten
Kleidern, in denen Mädchen, Frauen und Kinder uns begegneten, schlossen
wir, daß es Sonntag sei, was auch wirklich der Fall war. Während ich
so da saß und an den schönen Sonntag, an das lebendige freundliche
Idyll dachte, das ich kurz vorher in dem Dorf gesehen hatte, wozu die
Felsentragödie dort im Sturme ein schöner Gegensatz gewesen war, --
erhob Straßburg in der Ferne seinen feierlichen Thurm vor meinen Augen.
Aber gerade, wie wir in die Stadt einfuhren, brach wieder ein Ungewitter
los. Ein wilder Orkan pfiff durch die kühnen Thurmlöcher, und wir
fuhren in ein gutes Gasthaus, während der Riese draußen dem Schnee und
Wind trotzte, und ebenso jugendlich dastand, als damals, wo Göthe in
seiner Krone Rheinwein trank. Es ist von Göthe so viel Schönes über den
herrlichen Münster gesagt worden, daß jeder Zusatz überflüssig wäre.
Ich stieg in den Thurm hinauf, aber nicht so hoch, als damals, wo ich
noch Junggeselle war. Der Thurm ist so hoch, so schmal, endlich so von
Oeffnungen durchbrochen, daß man gleichsam in einem schwachen Gitterwerk
hoch in der Luft schwebt. Man fürchtet nicht =selbst= hinabzufallen;
denn man kann sich ja anhalten; aber man hat die Empfindung, daß
möglicher Weise der Thurm in einem solchen Augenblick herabstürzen
könnte. In dem Glockengewölbe entdeckte ich die Namen: »C. u. F. Comtes
de Stolberg. Göthe. Lenz u. s. w. 1776.« Ich wandte mich an den alten
Thurmwächter, bezahlte ihn für meinen langen, fast das ganze Alphabeth
umfassenden Namen, und bat ihn, denselben gerade unter den Göthe's
einzuhauen.
* * * * *
In Stuttgart traf ich =Cotta= als Geheimen Hofrath unermüdet, bleich,
mager, voller Feuer beweglich, gesund und fleißig. Wir hatten eine
kleine Rechnung mit einander abzumachen, und ich neckte ihn freundlich,
daß er, der reiche Mann, so genau wenige Groschen nachrechnete.
»Lieber Freund!« sagte er lächelnd, »hätte ich nicht auf die Groschen
gesehen, wäre ich kein reicher Mann geworden.« Hier in Württemberg ist
aller Augenblicke ein Reichs- oder Kreistag. Der Minister Wangenheim
steht mit Cotta und Andern der öffentlichen Meinung gegenüber; er
will zwei Kammern haben und das Volk nur Eine. Jüngst schlugen einige
Volksvertreter Wangenheim die Fenster ein; aber er sagte, wie Fichte
früher zu den Studenten: »Ein Steinwurf ist ein sehr schlechtes
Argument.« Aber obgleich nun Wangenheim an gewissen aristokratischen
Elementen zum Besten des Staates, seiner Ueberzeugung nach, festhält,
so ist er doch so fern von thörichtem Adelshochmuth, daß er, obgleich
Excellenz und ein Mann von feinstem Weltton aus Neigung in seinem
Privatleben fast burschikos ist. Der junge Dichter Rückert ist sein
Duzbruder. Einen langweiligen Kammerherrn mit einem Zuschnitt aus der
_vieux bon-temps_, den Wangenheim nicht leiden konnte, wußte er vor
Kurzem aus einer Dichter- und Künstlergesellschaft, in die derselbe sich
eingeschmuggelt hatte, zu bringen, indem er ihm gewissermaßen die Thür
wies. Wangenheim stand sehr höflich bei Tisch auf, hielt eine Rede an
ihn, in der er ihm bewies, wie wenig er in unsere Gesellschaft passe.
Als wir Abends die Gesellschaft verließen, machte der Minister, der
mit mir Arm in Arm allein ging, da wir in ein interessantes Gespräch
gekommen waren, den Vorschlag, ob wir nicht in ein Wirthshaus gehen,
und eine Bowle Punsch trinken wollten. »Ja,« antwortete ich, »wenn Ew.
Excellenz können, kann ich es auch!« »Ach,« rief er, indem er mit dem
Kopfe schüttelte und weiter ging, »die verfluchte Excellenz!« Er war ein
Vetter des Bischofs Münter, dessen Mutter »eine Edle von Wangenheim«
war, wie meine Freundin, Frau Brun, in ihrer Biographie schreibt.
[Sidenote: Wangenheim. Rückert.]
Rückert ist außerordentlich altdeutsch gewesen. Das hat sich Etwas
gelegt und er zeichnet sich in seiner Kleidung nicht mehr von Andern
aus. Er dichtete mir zum Abschied folgendes Sonnet:
Gen Süden kam vom nord'schen Meeres Sunde,
Ein edler Vogel des Gesang's geflogen,
Der, wie er dän'sche Luft hat eingesogen,
So laut doch singen kann mit deutschem Munde.
Es fühlte gleich sich in der ersten Stunde
Mein Herz zu ihm entschieden hingezogen;
Und, ist mir sein's wie meines ihm gewogen,
So bleiben wir fortan die Zwei im Bunde.
Ist er vom raschen Flug zu seinem Norden
Nun heimgekehrt, und ich bin fern im Süden,
So soll des Raumes Trennung uns nicht stören;
Dazu ist uns die Kunst des Lied's geworden,
Die wollen wir so brauchen ohn' Ermüden
Daß Einer soll des Andern Nachhall hören.
* * * * *
[Sidenote: Uhland. Frau Huber. v. Küster.]
Ein anderer junger Dichter, Uhland, lebt hier als Advokat. Es freute
mich, seinen Fortschritt zu bemerken, vor zehn Jahren sah ich ihn noch
als ein halbes Kind. Man macht viel aus ihm und er verdient es auch
gewiß; aber wie bei Rückert zu viel =Blühendes= ist, so findet sich bei
Uhland etwas Steriles; er ist männlich, ehrlich, zuweilen tieffühlend,
aber oft trocken und gleich dem Ton seiner Gedichte zu sehr Göthe. Ich
besuchte Uhland mit Rückert, was ich nicht gethan haben würde, wenn ich
ihr Verhältniß zu einander gekannt hätte; sie gehörten zu verschiedenen
politischen Parteien und das machte die Unterhaltung gespannt und
verlegen.
* * * * *
Ich habe die Bekanntschaft der Frau Huber gemacht, welche einige gute
Erzählungen geschrieben hat. Ihr erster Mann war Georg Forster, der
herrliche Reisebeschreiber. Sie brachte mich in Kannstadt zu einer
Freundin. Auf dem Heimwege verirrten wir uns in einem interessanten
Gespräche zwischen den Weinbergen Schwabens.
* * * * *
[Sidenote: Dannecker. -- Schelling.]
Bei =Dannecker= sah ich Schiller's colossale Büste. Er hat Schiller
nicht idealisirt, sondern ihm nur wieder verliehen, was dieser zufällig
durch Kränklichkeit verloren hatte. Als der König von Württemberg diese
Büste sah (es war derselbe, vor dem Schiller in seiner Jugend geflohen
war), sagte er: »Aber mein lieber Dannecker, warum so groß?« »»Ew.
Majestät,«« antwortete Dannecker, »»große Leute muß man groß machen!««
Das beste Werk dieses Künstlers ist seine Ariadne. Ein schönes, junges
nacktes Weib auf einem Tiger; der herrlichste Gegensatz von weiblicher
Schönheit und wilder thierischer Kraft. Man fürchtet nur, daß der Tiger
gehen werde; denn dann würde die arme Ariadne, mit dem einen Beine auf
dem Rücken des Thieres und dem andern Fuß nach hinten ausgestreckt, ohne
Zweifel herunterfallen.
* * * * *
[Sidenote: Schelling.]
Ueber Augsburg kamen wir nach München. Hier machte ich gleich
=Schelling's= Bekanntschaft. Schelling ist nicht sehr groß, aber kräftig
und gesund. Sein geniales, sanftes Auge versöhnt durch schwäbische
Milde den nordphilosophischen Trotz der Nase. Die Lippen bewegen sich
zu freundlicher Mittheilung und nur ungern, mit einem Anstrich von
Schmerz, zur Verachtung. Man sieht gleich, daß er ein Mann mit treuem
Herzen ist. Daß er ein großer Philosoph ist, weiß ganz Deutschland und
der Norden. Er lebt still im Schooße seiner Familie und hat gleich mir
drei Kinder. Den kleinen Knaben von zwei Jahren fragte ich, ob er ein
Schellingianer sei? Und er antwortete: Ja. Die Mutter ist eine sehr
artige, gebildete Frau; Schelling ging gleich mit mir aus, um mir die
Münchner Naturschönheiten zu zeigen, aber ich war so beschäftigt mit
ihm, daß ich nichts Anderes sah, obwohl ich bemerkte, daß wir an einem
Fluß und einigen Bäumen vorüberkamen. Er liebt die Poesie und ist mit
ihren besten Producten in allen Sprachen bekannt.
Als wir nach Hause kamen, setzten wir die Unterhaltung mit seiner Frau
beim Theetische fort, vermischten aber das Gespräch mit mehr Heiterkeit.
Zuweilen gebrauchte er die Worte anders als in der allgemeinen
Bedeutung, und dergleichen giebt leicht Veranlassung, daß man über
Ausdrücke statt über Gedanken disputirt. So verstand er unter =Ewigkeit=
das vollendete =Zukünftige=, und nicht das =Ganze= ohne Anfang und
Ende. Ich sagte scherzend: »Nehmen wir an, die Ewigkeit verhalte sich
zur Zeit wie ein Scheffel Erbsen zu den einzelnen Erbsen im Scheffel.
=Alle= Erbsen machen den Scheffel aus, der Scheffel muß also überall vom
Anfang bis zum Ende sein. Das ist die =Ewigkeit=. Die Erbsen dagegen
repräsentiren die =Zeit=.« -- »»Nun,«« sagte er, »»das würde sich gut in
einer aristophanischen Komödie ausnehmen.«« -- Schelling's gewöhnliche
Unterhaltungslectüre ist nämlich Aristophanes, dessen Werke er so
vielfach studirt und gelesen hat, daß er sie fast auswendig kann.
Gestern hatte er einige gute Freunde bei sich. Er bat mich, ihnen
etwas von meinen Arbeiten vorzulesen; da sie nun meine =Mährchen= und
=Erzählungen=, die vor Kurzem bei Cotta herausgekommen sind, nicht
kannten, so las ich ihnen die Glücksritter vor. Schelling ergötzte sich
daran; er sagte, diese Novelle erinnerte ihn an Cervantes und Boccaccio
und versicherte nach der Lectüre, daß es ihn sehr unterhalten hätte zu
hören, wie Xaver zu Ehren gekommen sei.
Ich gestand Schelling, daß ich wohl seine Hauptgedanken und seine
Weltanschauung durch Steffens kenne, daß ich aber nicht viel von ihm
gelesen habe, und daß es die Sprache und die Ausdrucksweise sei, die
mich davon abgehalten habe. »Ich schreibe nun auch Deutsch,« sagte ich,
»weil ich gern von einer großen Brudernation gekannt und gelesen sein
will, und nicht verlangen kann, daß sie eine Sprache lernen soll, die
nur von ein paar Millionen Menschen gesprochen wird; aber, lieber Herr,
es kann doch noch weniger verlangt werden, daß man eine schwierige
Sprache lernen soll, die nur von =Einem= gesprochen wird!« Schelling
lächelte und gab mir Recht; er gestand zu meiner Verwunderung, daß man
mit Deutlichkeit und Klarheit in seiner eignen Sprache denken und sich
aussprechen müsse; daß er als junger Professor wöchentliche Vorlesungen
hielt, dem alten Schlendrian in der Redeweise gefolgt sei, obgleich er
in seinen Ideen so sehr von demselben abwich; und er versicherte mir,
daß ich Das, was er fernerhin schreiben würde, mit Leichtigkeit würde
lesen können. Ich versprach es ihm und entwickelte ihm mit wenigen
Worten meine Lebensphilosophie. »Sie haben eine gesunde und brave
Lebensansicht,« sagte er, meinte aber doch, daß man weiter gehen könne.
* * * * *
In der Gemäldegalerie erfreute es mich ganz besonders, mehrere herrliche
Bilder des spanischen Malers =Murillo= zu finden. Kein Gegenstand ist
für Murillo zu hoch oder zu niedrig. Was von Tasso bei Göthe gesagt
wird, paßt sich gut auf ihn: »Oft adelt er, was uns gemein erschien.«
* * * * *
[Sidenote: Weiterreise.]
In entsetzlicher Hitze und Staub reisten wir den ersten Tag über
Hohenlinden (wo es Moreau's Feinden früher heißer noch wurde) nach
Altötting. Wir wollten bis nach Braunau, aber ein starkes Gewitter zog
herauf und ein Wagen, der uns von München aus gefolgt war, blieb aus
Furcht vor dem Ungewitter in Altötting schon um 7 Uhr Abends. So blieben
wir also auch da und kamen in einen alten Saal, wo sechs Betten standen
und ein messingener Kronleuchter an der Decke hing. Die Fensterscheiben
waren wie in einer Kirche in Blei gefaßt. Auf der einen Seite des Saals
war eine hölzerne ungemalte Galerie mit einer Treppe. Wir öffneten die
Fenster, zogen unsere Röcke und Stiefeln aus, machten uns aus zwei
Stühlen ein Sopha und lasen in einigen Musenalmanachen, die man uns in
Stuttgart verehrt hatte. Unsere unbekannte Reisegesellschaft war im
andern Zimmer, sprach Französisch und zuweilen etwas Italienisch. Es
war ein Herr und zwei Damen. Sie gingen in die Kirche hinüber um ihre
Andacht zu halten. Das Mädchen, welches den Tisch deckte, erzählte,
daß eine Kirche da sei, zu der Viele hinreisen, um ihr Augenlicht
wiederzuerlangen, und fragte, ob wir nicht auch hingehen wollten? Wir
dankten und sagten: »Da wir hier sitzen und lesen, kannst Du wohl sehen,
mein Kind, daß wir nicht blind sind.« -- Die Fremden kamen zurück. Der
Herr verirrte sich, als ich gerade im tiefen Negligee stand, um ins
Bett zu gehen. Er trat ein und redete mich sehr vertraut Französisch
an. Wahrscheinlich hielt er mich für ein Frauenzimmer, welches beweist,
daß er die Kirchenkur noch nicht ordentlich gebraucht hatte. Kaum
ertönte meine Baritonstimme, als er die Hände auf die Brust legte, sich
verbeugte und viel Entschuldigungen machte. Ich begleitete ihn im Hemde
sehr höflich zur Thür hinaus und wir machten uns auf der Treppe viel
Complimente.