daß ich viele davon sehen würde, wie in Roeskilde oder Westminster.
-- Mit diesem Gedanken trat ich in die alte gothische Kirchthür; aber
statt der =Gräber der Todten= erblickte ich in dem großen hellgelben
Steingewölbe nichts als einen =lebenden Todtengräber=, der eine
Mütze aufhatte, weil es nicht gestattet war, einen Hut in der Kirche
aufzubehalten. Er ging auf und ab, und wartete wahrscheinlich auf einige
=Kunden=, d. h. =Lebende=, welche sich umherführen lassen und ihm
Trinkgeld gehen würden. Ich fragte ihn, ob ich die königlichen Gräber
sehen könnte; aber er schlug es mir mit vieler Wichtigkeit ab, und
sagte: daß sich das nicht ohne besondere Erlaubniß thun ließe. Dies that
mir leid, und ich glaubte bereits, die Reise vergebens gemacht zu haben;
als er in demselben Augenblicke mein Herz durch den Zusatz erleichterte,
daß auch nichts weiter zu sehen sei, als die Särge Ludwigs XIV. und
seiner Familie. -- »Aber mein Gott,« rief ich, »wo sind denn alle
Merowinger, die Karolinger, die Valois, und die Bourbons geblieben?« --
»»Es ist Nichts mehr an ihnen zu sehen,«« sagte der Todtengräber. --
»Das kann ich mir wohl denken,« entgegnete ich, »aber ihrer Gräber?«
-- »»Existiren nicht mehr; denn in der Revolutionszeit wurden sie
vernichtet, und Robespierre ließ alle ihre Gebeine herausnehmen und sie
auf dem Kirchhofe dort begraben.«« -- Hier öffnete er eine Seitenthür
zu einem kleinen, grünen Kirchhof. -- =Ich=: Liegen sie da noch?
=Der Todtengräber=: Nein, später hat man sie wieder in die Kirche
gebracht. =Ich=: Das heißt, =alle Gebeine zusammen=; denn es war wohl
nicht leicht, Chlodowigs Gebeine von denen Chilperichs, Merowings von
denen Dagoberts, und Chlodions von denen Pharamunnds zu trennen. =Der
Todtengräber=: Sie können sich denken, daß das ein artiger Haufen war.
=Ich=: Und wenn man ihnen auch, wie den Abderiten einen Schlag über
die Beine gegeben hätte, so würden sie doch vergessen haben, die Beine
an sich zu ziehen. Ja ich möchte wohl solch' eine =Schiebkarre voll
der Königsasche mehrerer Jahrhunderte= sehen! Der Gedanke: »von Erde
bist du, zu Erde sollst du werden,« würde bei einem solchen Anblicke
sehr einleuchtend werden. -- Nun erzählte der Todtengräber mir mit
vieler Routine die Geschichte der Kirche. Der Chor ist in dem elften
Jahrhundert mit runden unverhältnißmäßigen Säulen erbaut. Die Kirche
selbst hat Ludwig der Heilige errichtet und Thüre und Eingang sind noch
aus der Zeit Karls des Großen. Vom Anfange des neunten Jahrhunderts?
Unter dem Chor war die alte Kirche, eine niedrige Kapelle, von Dagobert
im siebenten Jahrhunderte gebaut. Nun führte der Todtengräber mich in
eine Kapelle hinab, welche mehrere Jahrhunderte hindurch von Gerölle und
Steinen verschüttet lag, bis man sie endlich wiederfand. Eine Kirche
aus dem siebenten Jahrhundert ist nichts Geringes. -- Es ist angenehm,
in das dunkle Mittelalter einzudringen; aber hier begegnet uns die
sonderbare Erscheinung: je tiefer man ins Mittelalter hineinkommt,
destomehr nähert man sich wieder der hellern, modernern Römerzeit; und
dadurch wird der mysteriöse Eindruck geschwächt. Dagobert's kleine
Kirche glich mehr dem verdorbenen Geschmack der antiken Baukunst,
als der ersten selbsterfundenen romantischen; und als antik ist sie
wieder sehr =jung=. Indessen hat man nicht viele Denkmäler aus dem
siebenten Jahrhunderte außerhalb Italien und Griechenland, und es war
mir interessant, in dieser kleinen niedrigen Kapelle umherzugehen, auf
der nun die große Kirche stand, und die _le bon roi Dagobert_ hatte
bauen lassen. Einige alte Leichensteine aus dem elften und zwölften
Jahrhundert lagen umher. Sie sahen älter aus und stellten ein paar
Könige vor: Childerichs oder Chilperichs. Es kam mir vor, als ob diese
steifen, weißen Steinbilder Leichen wären, und sie glichen den alten
Königen. Ein paar gezeichnete Figuren waren auch aus dem siebenten
Jahrhunderte da, und zeugten gleichfalls von dem vorbyzantinischen
Geschmacke. Später sah ich ein Versammlungszimmer der Geistlichkeit der
Kirche, das schön und mit den besten Bildern der neuesten französischen
Maler geschmückt ist.
* * * * *
[Sidenote: Die stille Woche in Paris.]
Die =stille Woche= in Paris entspricht ungefähr der =Thiergartenzeit=
bei uns. Freilich wird die ganze Woche hindurch auf den vier großen
Theatern nicht gespielt; und auf den kleinern nicht am Gründonnerstage
und dem Charfreitage; aber dafür hat denn auch Lucifer auf andere Weise
für das Vergnügen gesorgt. -- In alten Tagen befand sich außerhalb der
Stadt eine Kapelle der =heiligen Jungfrau=. Zu dieser Kapelle gingen
die Vornehmsten der Stadt, Könige und Königinnen nicht ausgenommen, in
Procession, beteten dort fromm und gingen dann wieder zurück. Später
meinte man, der Weg sei doch zum =Gehen= zu lang; man meinte, man könne
ebenso gut zur heiligen Jungfrau beten, wenn man hinaus =fahre=. Endlich
verfeinerte man die Idee so weit, daß man meinte, =man könnte wohl auch
hinausfahren, ohne zu beten=. Und dabei blieb es. Am Aschermittwoch,
Grünendonnerstag und Charfreitag fährt also Alles hinaus, was Pferde
und Wagen hat, oder miethen kann. Der Zug fängt am Boulevard an, geht
über den Platz Ludwigs XV., durch die elyseischen Felder, zur Barrière
hinaus, nach dem Bois de Boulogne, wo Viele aussteigen und wieder
zurückgehen. Alle die prächtigen Equipagen, Schritt vor Schritt fahrend
mit schön geschmückten Damen, die dort zur Schau sitzen! Man kann nicht
leugnen, daß das Ganze ein elegantes und lebendiges Bild giebt. Nur Eins
ist verkehrt, daß es in der stillen Woche geschieht! und Charfreitag
ist der brillanteste und lustigste Tag. In diesen Tagen wetteifern die
Damen in der Erfindung schöner Toiletten. Künstler, Maler und Schneider
sind als Richter zugegen und nun wird gewählt; was man am Schönsten
findet, das wird dann die neue Mode, die sich in kurzer Zeit über
ganz Europa ausbreitet. Was besonders dazu beiträgt, es unterhaltend
zu machen, ist die außerordentlich lächerliche Verschiedenartigkeit,
welche dort herrscht. Ein Jeder kann natürlich fahren. Nun kommt bald
ein prächtig lackirter Wagen mit geschminkten Damen mit Spitzenhüten
und Sonnenschirmen, hinterdrein knarrt ein elender Miethwagen, mit
Heubündeln statt der Sitze, voller Poissarden mit Häubchen oder
Mützchen; darauf segelt ein englischer Wagen mit einem Kutscher vorüber,
dessen spitziger Hut, in Form eines gleichschenkeligen Triangels ihm mit
der Krempe gerade über der Nasenspitze sitzt. Dann kommt die Herzogin
von Berry mit einer Suite ihrer Garden. Darauf Demoiselle Bourgoin,
die Schauspielerin im _Théâtre français_, verschleiert, aus Devotion
damit ja Niemand merke wie alt sie wird. -- Man muß gestehen, die
französischen Damen kleiden sich mit vielem Geschmack. Sie gehen in
prächtiger Toilette auf ihren kleinen, graziösen Füßen mit filirten oder
brodirten Seidenstrümpfen, und sie gleichen hierin durchaus nicht dem
Pfau, bei dem die Füße die schwächste Seite sind. Eine große Menge von
Gensd'armen ist da, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. So bringt man
hier die stille Woche zu.
Aber es ist auch Gottesdienst da. Ich ging Abends auch in die Kirche
St. Roche, und da war es voll. Aber ich fand keine sonderliche Andacht.
Ein Prediger heulte auf der Kanzel, schrie, schlug um sich und war
sehr aufgebracht. Er sprach nicht wie ein Vater oder Freund zu seinen
Kindern und Schülern; sondern wie ein Gefangnenwärter, der Schelme
oder Verbrecher ausschilt. Wir wären gern Alle zusammen wieder draußen
gewesen; aber die Thüren waren während der Predigt geschlossen, sodaß
man bleiben mußte. Es nahm gar kein Ende, und ich war nahe daran, ihn
von der Kanzel in die Hölle hinab zu wünschen. Endlich kamen wir hinaus.
-- Da hast Du ein Bild von einem pariser Charfreitag.
* * * * *
[Sidenote: _Potage à la turc._]
In meinen Briefen gehe ich zuweilen den Krebsgang. So will ich nun
erzählen, wie ich am Gründonnerstage beinahe gefastet hätte, und zwar
aus lauter Heidenthum. Ich war nämlich im _Long-champ_ -- so wird
der vorher erwähnte Zug genannt -- so lange, daß ich nicht mehr zu
=Very= ins Palais royal kommen konnte. -- Bertouch ißt in einem Hôtel
zu Mittag, wo eine geschlossene Gesellschaft ist, und da bin ich
zuweilen auch; aber da es mich mehr amüsirte, umherzugehen, ihn aber
Bekanntschaften fortzusetzen, so bleibt er noch dort und ging auch mit
einigen Freunden vom Hause spazieren. -- Da die Uhr über Fünf Uhr war,
ging ich in eine Restauration am Boulevard zu Monsieur le Riche. Bei den
Reichen pflegt man gut zu diniren, und ich kann auch im Ganzen nicht
klagen. Aber man höre! Das Erste, auf das meine Augen auf der großen
Speisekarte fielen, war _potage à la turc_. -- _Potage à la turc_? das
klang mir so kräftig. Ich verlange also potage à la turc. Der Garçon
sagt: _bien, Monsieur_! -- Es kommen andere Gäste, welche _potage à
la julienne, aux choux, aux ris, aux vermicelles_ etc. verlangen. --
Sie bekamen Alle ihre Suppen früher als ich die meinige. Endlich kommt
der Diener mit einem silbernen Teller, auf dem eine in einer Obertasse
befindliche Portion gekochten gelben Reißes ganz trocken wie ein harter
Kuchen steht. Ich dachte: das kommt wohl in die Suppe. Ich warte. Nichts
mehr! Endlich werde ich ungeduldig und rufe: »_Eh bien? le potage?_« --
Garçon: »_Le voilà, Monsieur!_« Ich: »_Comment, c'est du potage ça?_«
Garçon: »_Oui, Monsieur!_« --
* * * * *
[Sidenote: Das Museum.]
Vor der Thüre zum Museum steht ein Schweizer, und ich hatte im Anfange
immer Mühe, an ihm vorüberzukommen. Bald war es nicht geöffnet, bald
sollte man seinen Paß vorzeigen. Einmal, als ich den Paß bei mir hatte,
sagte er: »_Monsieur le chevalier, ce n'est pas nécessaire, mais la
galérie n'est pas ouverte aujourd'hui_.« -- Ein anderes Mal, wo ich
den Paß in der Hand hielt, wollte er ihn lesen, und ich trat endlich
ungehindert in die Wunderwerke der Kunst ein, ohne daß Cerberus mich
ferner daran gehindert hätte.
Die Galerie hat viele ihrer Krähenfedern verloren. Das Geschwätz: daß
es schade sei, daß sich nicht Alles mehr auf einer Stelle finde, und
daß dies die Möglichkeit zu studiren, sowohl für Künstler, als für
Kunstverständige erschwere, hat mich oft verdrossen. Als ob Kunstwerke
nur für die Künstler da wären! Im Gegentheil: die Künstler sind für
die Kunstwerke da. Wenn man Alles nur in Bezug auf das Bedürfniß der
Künstler einrichten will, so kommt mir das so vor, als ob man die Speise
in der Küche stehen ließe, wenn der Koch sie fertig gemacht, damit die
Küchenjungen am nächsten Tage daraus lernen, eine ähnliche Speise zu
bereiten.
Die Werke sollen gerade in die Welt hinausgebracht und =vertheilt=
werden, damit Alle Etwas haben können. Jede irgend wichtige Stadt hatte
früher ein einigermaßen bedeutendes Kabinet, so ist es jetzt wieder.
Hier war Alles zu einem Haufen zusammengefegt. Erstens war es ein
gemeiner Raub; aber es war auch ohne Nutzen: es machte die früheren
Kunstsammlungen leer, und die außerordentliche Menge auf einem Punkte
stumpfte den Sinn ab und zerstreute, sodaß man auch hier die Kunstwerke
nicht recht genoß. Das Seltenste erschien alltäglich, wenn man an der
Masse vorüberging.
Während früher ein Altarbild die Kirche feierlich und schön machte, und
oft gerade in Bezug und berechnet auf den Ort gemalt war, hingen sie nun
oft in einem Winkel hoch oben im Schatten, wie in einer Rumpelkammer.
Eine Statue, welche dazu bestimmt war, frei zu stehen, sodaß man rund
um sie umhergehen, und sie von allen Seiten betrachten konnte, mußte
sich hier oft damit begnügen, an einer Wand und in unvortheilhafter
Beleuchtung zu stehen. Weßhalb soll man auch so Vieles sehen? Es
verbreitet den Geschmack für das Schöne weit mehr, wenn Alle Etwas,
als wenn Einige Alles sehen. Und was kommt überhaupt bei diesem ewigen
Besehen und Copiren heraus? Davon haben wir traurige Beweise!
Ich kann es nie lange aushalten, Gemälde und Statuen zu sehen; aber
ich sehe sie gern jeden Tag wieder. Ich habe mich oft über Menschen
gewundert, die mit ununterbrochener Aufmerksamkeit dergleichen mehrere
Stunden lang hinter einander betrachteten. Im Anfange glaubte ich, es
sei Mangel an Sinn für das Schöne, der mich müde werden ließ; aber
später, als ich oft Aehnliches bei Leuten gesehen habe, die gerade
ihres Schönheitsgefühls wegen geachtet waren, tröstete ich mich. So
viele Gemälde und Statuen auf einmal zu sehen, kommt mir vor, als wenn
man viele Gedichte auf einmal liest. Der eine Eindruck verdrängt den
andern. Es ist als ob man in einen Raritätenkasten, oder in eine Laterna
magica blickt. Das Gefühl wird gezwungen, uns treulos zu werden. Die
Phantasie muß ihr Bild fahren lassen, gerade in dem Augenblicke, wo sie
es genießen wollte; vor lauter Lust, Alles zu sehen, sieht man zuletzt
gar Nichts und verläßt die Sammlung mit leerem Herzen. -- Meine Seele
wird von solchem Anblicke =befruchtet=, und wenn der Geist Gedanken und
Bilder in sich aufgenommen hat, sucht er die Einsamkeit, um selbst zu
schaffen.
* * * * *
Bertouch, der kein großes Vergnügen daran findet, Kunstwerke zu
sehen, war jüngst mit mir in der Galerie; als er ganz gleichgültig
vor Raphael's heiligem Georg stand, wollte ich doch versuchen ihm zu
imponiren und sagte: »Wissen Sie wohl, daß dieses Bild vielleicht ebenso
viel, als ihre Baronie gekostet hat?« -- »»Möglich,«« antwortete er
gleichgültig, »»die Liebhabereien sind verschieden.«« Ich lachte und
gab ihm vollkommen Recht.
* * * * *
[Sidenote: Das Ballet. -- Galeotti.]
Das Ballet nähert sich hier bei Weitem nicht so sehr der eigentlichen
Mimik, wie die Composition unsers =Galeotti=, ist aber viel mehr mit
Tanz verbunden. Galeotti war eigentlich ein =Dichter=. Die Compositionen
seiner Fabeln, die, wenn auch anderen Stücken entnommen, doch ganz
umgearbeitet waren, können als =Entwürfe= zu guten Schauspielen dienen.
Jede Kunst hat ihre =Eigenthümlichkeit=, in der sie vollkommen werden
muß; sie kann sich unmöglich =über sich selbst= erheben, unmöglich
ihre Vorzüge von einer =andern= Kunst entlehnen. In den Ausdrücken
der Leidenschaft, in der Entwickelung der Charactere kann das Ballet
sich nicht mit einem guten Schauspiele messen; denn das Wichtigste,
das =Wort= fehlt. Das Ballet ist die Kunst der äußern Bewegung.
Seine Hauptaufgabe ist, den Menschen in allen schönen Formen der
Bewegung darzustellen. Hier kommen also Tanz, Gruppen, anmuthige
Verwickelungen, die sich in Harmonie auflösen u. s. w. in Betracht[2].
So wie das Singspiel die =Stimme= des Menschen, als Ausdruck für seine
Gefühle und Leidenschaften behandelt, so behandelt das Ballet seine
Körperbewegungen. Die Pantomime stellt eine Handlung in so weiter
Entfernung gesehen dar, daß man nicht mehr die Worte vernehmen, sondern
sie sich nur durch die Bewegungen versinnlichen kann. Da es nun bloß
sehr wenige Stimmungen giebt, welche diese äußere Bewegung gestatten,
wenn sie nicht der Deutlichkeit wegen =unschön übertrieben= werden
sollen, so sehen wir ein, daß der Kreis der Pantomime sehr beschränkt
ist. Einzelne Gedanken kann sie nur selten ganz deutlich ausdrücken.
Unser Galeotti handelte deshalb sehr klug, indem er Stoffe wählte,
die bereits durch die =Poesie= bekannt waren, sodaß die Erinnerung an
die Worte des Gedichts den mimischen Vortrag unterstützen konnten.
Will die Pantomime dagegen auf ihren eigenen Füßen stehen und tanzen,
so muß sie sich in ihrer Sphäre halten. In dem Tragischen sind nur
einzelne pathetische und erotische Gegenstände für dieselbe geeignet;
dagegen ist der Tanz ein Ausdruck jugendlichen Lebens und jugendlicher
Munterkeit, und wir sehen also deutlich, daß jugendlicher Scherz in
anmuthigen Bewegungen ihre Hauptsache ist. Das fühlen die Franzosen
als geborene Tänzer und suchen, indem sie keinen großen Werth auf die
Balletcomposition legen, den Zweck durch die richtigste Wahl des Stoffes
und durch die vollkommenste Darstellung zu erreichen.
[2] Als ein Meister dieser Kunst zeigte sich viele Jahre später unser
=Bournonville=.
[Sidenote: Das Ballet.]
Ich habe zwei Ballete dieser Art hier ganz vortrefflich gesehen:
=Zephyr und Flora= und =der Carneval in Venedig=. Wenn Zephyr
überhaupt menschlich verkörpert werden könnte, so wäre es hier durch
die anmuthigsten Bewegungen und Wendungen geschehen. Die blühende
Flora tanzte in holder Grazie mit ihrem Geliebten: es war wie die
Frühlingsluft in einer Rose. Der Carneval ist ein amüsanter Wirrwarr
der verschiedenartigsten Masken: italienische Phantasie und Munterkeit,
verbunden mit französischer Leichtigkeit und Grazie. Alles unterstützte
diese Vorstellungen: Costüme und Decorationen waren vollkommen schön;
das Wasser rieselte, die Böte segelten dahin, die Bäume warfen ihren
Schatten, die Blumen schmückten Alles, wie in der schönen Natur.
Welche Menge schöner, junger Menschen beider Geschlechter! Einer
verdrängt den Andern. Alles geschieht ohne Prätension, und das
Schwierigste mit einer so nachlässigen Leichtigkeit, daß man glauben
sollte, man könne es selbst machen. So muß alle Kunst sein: wo man die
Schwierigkeit bemerkt, da ist Anstrengung; Anstrengung setzt Mühe, ja
wohl selbst Schmerz voraus, und die Folge davon ist, daß man mit dem
Leidenden Mitleid oder gegen den Schwachen Verachtung empfindet, anstatt
sich mit über das Blühende zu freuen und den Starken zu bewundern.
Man frage mich nicht nach den Namen dieser Phantome! Worte scheinen
mir nichts mit ihnen zu thun zu haben, und ein Name ist ein Wort. Ich
betrachte sie wie die Blumen im Winde: die Linné'schen Bezeichnungen
sind für mich von geringer Bedeutung. Es erfreut mich stets, sie
gleichsam jedesmal aufs Neue zu entdecken. Aber wenn man durchaus einen
Namen haben will, so diene zur Nachricht, daß Mademoiselle Bigottini
eine der vorzüglichsten Tänzerinnen ist.
* * * * *
[Sidenote: Die Haupttheater von Paris.]
Ich gehe gern ins _Théâtre des Variétés_ und sehe Brunet und Potier.
»_Le ci-devant jeune homme_« dieses Letzteren ist meisterhaft. Brunet's
»_Jocrisse_« ist eine Stereotypausgabe komischer Dummheit.
Im _Théâtre de la Gaiété_ bin ich nur einmal gewesen. Vor zehn Jahren,
als ich das letzte Mal hier war, spielten sie ein Stück: _Le pied de
mouton_, einhundertundsiebenzigmal hinter einander. Während ich fort
war, hat es geruht. Nun hat man es wieder hervorgeholt.
In diesem Theater, das übrigens hübsch gebaut ist, trinkt man im
Parterre Bier. Es ging auch ein Verkäufer umher, der die wunderbarste
Fertigkeit besitzt, seine Waare Demjenigen zuzuwerfen, der sie verlangt.
Ich war eines Abends da, als das Haus überfüllt war; er stand auf einer
Bank mitten im Parterre und rief seine Waaren aus. Wenn nun Einer oben
auf der dritten Galerie Etwas verlangte, so warf er es hinauf, so daß
Dieser es fangen konnte. Auf diese Weise that er es nach allen Seiten
hin, ohne daß es ihm ein einziges Mal mißglückte. Später ging er die
Treppe hinauf, öffnete die Logenthüren und cassirte sein Geld ein.
Zur _Ambigu comique_ und im _Théâtre porte St. Martin_ spielt man
nichts Anderes, als zusammengewürfelte Melodramen. Und mit diesen
Pfuscherarbeiten vergleicht man hier die Meisterwerke fremder Nationen.
Deshalb nennt man Shakespeare's und Schiller's Tragödien nur Melodramen.
Das kommt mir so vor, als wollte man ein schönes Mädchen einen Hund
nennen, weil sie Beide ein Halsband tragen.
* * * * *
[Sidenote: Das Examen auf den Boulevards.]
Auf den Boulevards sind eine Menge kleiner Buden und Zelte, in denen
alle Tage, wie bei uns während der Thiergartenzeit, gespielt wird.
Zuweilen giebt es vor dem Altane ein Vorspiel, um die Zuschauer
anzulocken. Jüngst als ich an einer dieser Buden vorüberging, hörte ich
folgendes Bruchstück eines Intermezzo für den Pöbel: Ein junger Mensch
mit rother Zopfperücke und rothem Rocke examinirt einen närrischen
Greis in der Geschichte folgendermaßen: =Er=: _Monsieur, pouvez vous me
définir l'histoire? Qu'est ce que c'est que l'histoire?_ =Der Greis=:
_Permettez moi premièrement de vous définir une =poire=_. =Der junge
Lehrer=: _Bien!_ =Der Greis=: _Une poire est un fruit allongé avec une
peau et une tige_. =Der Junge mit Zufriedenheit=: _Bien! C'est une
poire! Et l'histoire?_ =Der Greis=: _C'est un -- l'histoire française?_
=Der Junge=: _Oui! Qu'est ce que c'est que ça: »l'histoire française?«_
=Der Greis=: _C'est un récit de tous les évènements passés, du temps
de Pharamond, jusqu'à nos jours._ =Der Junge=: _=Bien!= Ah c'est bien
répondu._ -- Hier wurde die Darstellung zu meinem großen Verdruß
unterbrochen; das wahre Bild eines =Examens=.
* * * * *
Ich war letzthin in der =Tapetenweberei=, wo man Bilder in Teppiche
webt. Blumen eignen sich am meisten durch ihre gefleckten stark
getrennten Farben für diese Kunst. Es ist amüsant, die Leute arbeiten
zu sehen. Sie sitzen unsichtbar hinter Rahmen oder Harfen, in denen die
Kette die Saiten bildet, und den Einschlag weben sie ganz mechanisch
nach kleinen abgemessenen Quadraten in die Kette, und bringen so die
Bilder hervor. Steht man nun eine Zeitlang und sieht diesen fleißigen,
klugen Arbeitern zu, so sieht man allmälig hier ein grünes Blatt, dort
eine kleine rothe Knospe entstehen. Uebrigens geht die Arbeit sehr
langsam trotz allen Fleißes und ist also außerordentlich kostbar.
* * * * *
[Sidenote: Das Treiben im Palais royal.]
Die arbeitende Klasse in Paris ist schnell, tüchtig in ihrem Fach,
mäßig und unternehmend. Es ist hübsch, einen Graveur oder Uhrmacher
im Palais royal in seinem kleinen Glaskasten zu sehen; denn so kann
man seine Werkstatt nennen, in der der größte Theil der Wände Fenster
sind. Fleißig sitzt er da, sieht durch seine Vergrößerungsgläser, und
arbeitet, während die müßige Menge vor seinem Fenster vorübergeht.
Er sieht selten hinaus, sondern blickt auf seine Arbeit, gebraucht
Meißel, Feile und Zange, und ist gewohnt, den Menschenstrom draußen wie
einen andern Fluß zu betrachten, der ihn nur durch seine Beweglichkeit
interessirt, und weil er ihm ab und zu den Goldstaub zuführt, den er zur
Unterhaltung für sich und seine Familie gebraucht.
Ueber den Werkstätten dieser fleißigen Arbeiter ist das =Spielhaus=, wo
die ungeheuersten Summen ebenso rasch durch Leichtsinn vergeudet, wie
unten die kleinen Summen langsam durch Fleiß verdient werden. Man hört
jeden zweiten Tag von jungen Leuten, die sich ertränkt, aufgeknüpft und
erschossen haben. Vor einiger Zeit saß Bertouch des Abends in einem
Kaffee des Palais royal und hörte einen Schuß draußen im Dunkeln in
einem kleinen Garten. Es war ein junger Engländer, der sich eine Kugel
durch den Kopf geschossen hatte. Er war vor ein paar Tagen nach Paris
mit 20,000 Fr. gekommen; diese hatte er in zwei Tagen verloren, und noch
40,000 Fr. auf sein Ehrenwort verspielt.
[Sidenote: Die gesprengte Bank.]
Man hat übrigens im vorigen Jahre die Bank, in der strengsten Bedeutung
des Wortes, =gesprengt=. Das heißt nämlich mit Pulver. Einige
Glücksritter wußten eine kleine Dose unter den Tisch gerade unter die
Geldhaufen zu praktiziren, und Feuer so anzulegen, daß es nicht gleich
zündete. Während des Spieles springt nun die Dose in die Luft. Das
Zimmer wird voller Rauch. Die Spieler, welche sonst nicht fürchteten,
von dem ungeheuren Glücksrade zermalmt zu werden, springen entsetzt
von ihren Sitzen auf, weil ihnen hier der Untergang auf eine andere
ungewöhnliche Weise droht. In diesem Augenblick springen die Spitzbuben
herbei, raffen das Geld zusammen und schleichen sich in der allgemeinen
Verwirrung davon. -- Jetzt ist es verboten, mit dem Hute herein zu
kommen. Er muß im Vorzimmer gegen eine Marke zurückgelassen werden.
* * * * *
Unser Diener Christian hat einige Anfälle vom kalten Fieber gehabt, er
ist aber wieder dadurch genesen, daß er wie toll durch die Boulevards
rannte. Es war gut, daß er nicht als verdächtig aufgegriffen wurde; denn
da er weiter nichts Französisches sprechen kann, als: »_Donnez moi um
=sangdael= (chandelle)!_« _etc._; so wäre er nicht im Stande gewesen,
Rechenschaft zu geben, wenn man ihn ergriffen hätte. Wir übergaben ihm
die ersten Tage einem Doctor, der ihn einen halben Eimer lauwarmes
Wasser mit Citronen trinken ließ; aber als er mich später flehentlich
bat, es nicht mehr trinken zu müssen, erlaubte ich es ihm unter der
Bedingung, daß er in zwei Tagen gesund sein müsse. Darauf gab er mir
sein Ehrenwort und hat es auch wie ein ehrlicher Kerl gehalten. Das
Fieber verließ ihn, und er starb doch nicht. Uebrigens wird er von
den Leuten hier im Hause wie ein Taubstummer behandelt, da er nichts
verstehen und nichts reden kann. Aber er versteht sich prächtig auf
Pantomimen, und hier kommt das angeborene theatralische Talent den
Leuten im Hause zu Statten.
* * * * *
[Sidenote: Der Hund kein Dichter.]