Wenn Talma und Mademoiselle Duchenois in einer Tragödie und Fleury

und Mademoiselle Mars in einer Comödie spielen, so ist das _Théâtre

français_ stets überfüllt. -- Dann stellen sich die armen Leute

in langen Reihe hin, um Billets zu kaufen und ihre Plätze an die

Theatergänger zu verkaufen, wenn diese zu spät kommen. -- An einem der

ersten Abende, als ich im _Palais royal_ spazieren ging und in die

Nähe des _Théâtre français_ kam, wußte ich gar nicht, was der Auflauf

zu bedeuten habe. Ich hatte mich noch nicht recht gefaßt, als zwei

Poissarden herbeiliefen, mich rasch unter die Arme nahmen, sagend:

»_Venez, Monsieur, venez, à la tête!_« und mit mir davon liefen. Sie

wollten ihren Platz dicht beim Eingang für 8 Sous verkaufen.

=Fleury= hat dieser Tage sein Benefiz für 43jährige Dienste gehabt;

und alle Theater wetteiferten, diesem vorzüglichen, =ältesten=

Schauspieler Liebe und Huldigung darzubringen. Zu seiner Vorstellung

wurde ihm das große Opernhaus eingeräumt, da das _Théâtre français_

bei weitem keinen so großen Raum für Zuschauer bietet. Er spielte in

Molière's »_le bourgeois gentilhomme_,« und hier war Gelegenheit,

um durch Tanz und Gesang Scenen zu seiner Ehre zu arrangiren. Da

waren Schauspieler, Sänger und Tänzer, als Deputirte aller Theater,

welche an dem Divertissement Theil nahmen, das, obgleich für Monsieur

Jourdan eingerichtet, doch zugleich eine Bedeutung in Bezug auf Fleury

hatte. Ich spürte große Lust, bei dieser Vorstellung zugegen zu sein;

aber unglücklicher Weise hatte ein Sprachlehrer, den ich von meinem

frühern Aufenthalte in Paris her kannte, mich gebeten, mir Billets

verschaffen zu dürfen, und es nicht gethan, sonst wäre es mir leicht

gewesen hineinzukommen. In der letzten Stunde lief er zu Fleury, zu

den Cassirern und den Controleuren; er zog mich nutzlos in das Gedränge

hinein, um ein Billet zu kaufen, nachdem alle vergriffen waren. Doch

verlor er noch nicht den Muth, und sagte, nun habe er einen Plan, der

gewiß glücken würde. Ich ließ es ihn versuchen; wir bestimmten einen

Ort, wo wir uns treffen sollten; aber sobald er fort war, ging ich nach

Hause, und freute mich, ihn zur Strafe für seine Unzuverlässigkeit mich

vergebens suchen zu lassen[1].

[1] Dieser Sprachlehrer war =Depping=, der später die »Geschichte der

Normannen« geschrieben hat.

[Sidenote: _Théâtre français._]

Beim _Théâtre français_ sind noch einige sehr gute Schauspieler: eine

vortreffliche Soubrette; die beiden =Baptist's=, =Michaud=, =Thénard= u.

s. w. In den =zwei Brüdern= nach Kotzebue spielte der älteste Baptist

den Seecapitain und Michaud den Matrosen mit unendlicher Wahrheit. Der

jüngere Baptist ist eine vortreffliche Maske in Molière'schen Stücken.

Er spielte letzthin _le malade imaginaire_. In diesem Stücke tritt das

ganze Theaterpersonal, Herren und Damen, im Nachspiel als Doctoren auf.

Die Schauspielerinnen tragen ihr Haar als Allongeperücken in langen

Locken über die Schulter frisirt. Während ein Marsch gespielt wird

kommen sie zu Zwei und Zwei in Procession nach einem Compliment vor

dem Publikum, und gegenseitig vor einander, werden mehr oder weniger

applaudirt, je nachdem sie beliebt sind, und setzen sich auf ihren

Platz. Mir kommen stets die Thränen in die Augen und es ergreift mich

jedes Mal ein feierliches Beben, wenn es in der Doctorcreation zu der

Stelle kommt, wo =Argan= sagt: _Juro!_ Denn bei diesem Worte fiel

Molière ohnmächtig auf der Bühne um, wurde nach Hause getragen, und

starb wenige Stunden darauf. -- Liegt nicht etwas Schönes, Großes und

Rührendes in dem Zufall? Dieser seltne Dichter wurde vor =Aller Augen=

in einem seiner lustigen Stücke abgerufen, gleich als ob das Volk recht

empfinden sollte, was es in ihm verloren! Dieser ausgelassne, burleske

Aufzug, an dem das ganze Theaterpersonal Theil nahm, um als Doctoren den

neuen Doctor einzuweihen, wurde zu einer rührenden =Mythe=, zu einer die

Thränen hervorlockenden =Ironie=. Wenn man es =umgekehrt= betrachtet,

so versteht man den Sinn: Nicht der junge Doctor wurde von den ältern

eingeweiht; der alte Meister wurde in seinem letzten Augenblicke von

seinen Schülern gekrönt. Und er schwor noch wie ein ehrlicher Sohn zur

Fahne der hohen Thalia, als ihn ein freundlicher Engel in ein besseres

Leben hinwinkte. So wurde seine Todtenscene ein Fest; so verwandelte das

Burleske sich in eine feierliche Handlung und Melpomene verbarg sich

einen Augenblick unter der Maske Thalia's, um, wenn sie dann die Maske

abriß, eine ganze Nation durch ihr bleiches Antlitz zu erschüttern.

* * * * *

[Sidenote: Die Pariserinnen.]

Man trifft hier selten schöne Frauengesichter. Die Pariserinnen

sind graziös und haben besonders schöne Füße. Sie kleiden sich sehr

geschmackvoll, aber ihre Züge sind, im Ganzen genommen, grob; ein weißer

Teint und rothe Wangen sind eine Seltenheit, doch verstehen sie es

sehr gut, sich durch Schminke, Spitzen, Rosabänder und pomadeglänzende

Locken Frische zu geben. -- Obgleich es auf der Straße ganz rein war,

standen doch alte Weiber und Jungen mit Besen (an den Stellen, wo es

schmutzig ist, wenn es geregnet hat), fegten ein Wenig die Erde mit

ihren Besen und baten dann um eine Kleinigkeit, weil sie die Straße

gereinigt hätten. Andere boten hübsch gebundene Veilchen zum Verkauf.

Ich kaufte einen kleinen Strauß, und mir war's, als ob mich Primavera

zuerst im Jahre 1817 mit diesem milden Dufte begrüßte. Ich ging von dem

Tuileriengarten über den Platz Ludwigs XV. und stand einen Augenblick

auf der Stelle, wo Louis Capet, Marie Antoinette und ihr Mörder

Robespierre dasselbe Schicksal getheilt haben. Aber so entsetzliche

Mordthaten hier auch begangen sind, so hat der Ort selbst doch nichts

Schreckliches. Es ist ein schöner, offener, freundlicher Platz mit

fortwährendem Menschengewimmel. Man muß sich historisch in das

Schreckliche zurückversetzen; und das macht ungefähr dieselbe Wirkung,

als wenn man davon liest. -- Eine elende Richtstätte auf dem Felde, wo

ein armer Sünder geendet hat, erschüttert viel mehr. Die Einsamkeit,

das Abgelegene, das gräßliche =Rad= auf der Stange weckt diese finstere

Wehmuth, dieses feierliche Beben. Jüngst war ich auf dem Greveplatz,

empfand aber auch dort keine Erschütterung mehr. Nicht =was= geschehen

ist, sondern wie es geschah, wirkt auf das Herz und die Vorstellungen

des Menschen. Wenn die verdammte mechanische Leichtigkeit nicht

dagewesen wäre, wäre die Hinrichtung mit der Guillotine nicht zu einer

=Manufacturarbeit= geworden, sondern hätte der Scharfrichter seine alte

Würde in dem rothen Mantel und mit dem breiten Schwerte bewahrt, dann

wäre es nicht so weit gekommen.

* * * * *

[Sidenote: Physiognomie von Paris.]

Der weiße Kalkstein spielt auch eine große Rolle in Paris und der

Umgegend und ist von keiner guten Wirkung fürs Auge. Er macht den

Weg und die Stiefeln weiß, und blendet das Auge; die Gebäude sind

außerordentlich bleich, wo sie nicht angestrichen sind; und das sind

sie in Paris nur hie und da bis zur ersten Etage. Die Häuser, wenn

man einzelne Gebäude ausnimmt, sind durchaus nicht hübsch; sie sind

außerordentlich hoch und schmal; die Fenster liegen innerhalb der Mauer

und machen die Gebäude hohläugig-melancholisch. Nützliche, aber häßliche

Brandmauern steigen an jeder Seite des Daches empor, und berauben das

Haus seines Ansehens. Wenn man von einem hohen Punkte aus eine Straße

in Paris betrachtet, sieht sie wie lauter unregelmäßige Felsenstücke

aus, wie große Kreidefelsen mit einer schmalen Kluft in der Mitte. Erst

wenn man in die Straßen kommt, so daß man keine Uebersicht hat, wird der

Blick auf eine angenehme Weise durch die brillanten Läden beschränkt,

die fast wie Glashäuser mit lauter Kostbarkeiten, aussehen. Häufig

findet man auch das unterste Stockwerk mit einer hochrothen Farbe

angestrichen. Unzählige Inschriften machen fast jedes Haus zu einem

Titelblatt mit einer Vignette.

Aber oben, wenn man das Auge emporhebt, sieht man das bleiche Kreidehaus

mit den hohläugigen Fenstern und den Eisengittern.

[Sidenote: Entstehung von Paris.]

Und doch war dieser weiße Stein (den man in Menge unter einem Berge an

einem großen Flusse mit ein paar kleinen Inseln gefunden) die Ursache

zu dem ungeheuren Paris. Er ist leicht zu schlagen und hat die gute

Eigenschaft, daß er sich mit der Zeit härtet. So haben die =Pariser=,

ein uraltes celtisches Volk, ihn gefunden und eine Stadt auf der größten

Insel gebaut, die nun _la Cité_ heißt.

* * * * *

[Sidenote: Erinnerung an Passy.]

Ich kam jüngst auf einem Spaziergange in eine Stadt. Ich mochte nicht

mitten im Orte nach dem Namen fragen; mir erschien dies so lächerlich,

und ich dachte: es muß entweder St. Cloud oder Passy sein. Ich sah

eine Menge Placate an den Häusern angeschlagen, und fing an, sie zu

studiren. Aber -- es half Nichts! -- Ich fand nichts Anderes, als:

_maisons à vendre_ -- etc. Die Beschreibungen der Häuser und Zimmer

waren sehr genau. Aber der Name der Stadt, in der ich mich befand,

kam nirgends vor. Das setzte man als Jedem bekannt voraus. Ich ging

weiter und ärgerte mich über die häufigen großen Ueberschriften auf

hochrothem Grunde mit schwarzen, römischen Buchstaben, die mich von

dem Nahrungszweige eines jeden Bürgers unterrichteten, und mich

aufforderten, mir alle möglichen Bedürfnisse anzuschaffen, nur nicht das

Eine, welches ich empfand.

Als ich die Hauptstraße, welche sehr lang ist, durchgangen war, wußte

ich ganz genau, wo ich Kleider, Schuhe, Zimmer, Essen, Trinken und

Diener finden könne; aber =wo ich war=, wußte ich nicht. Es schien mit

zuletzt eine verhexte Stadt ohne Namen, nur von meiner müßigen Phantasie

erfunden. Ich betrachtete die Bürger auf der Straße wie Schatten,

die sich nur den unschuldigen, prosaischen, ja zuweilen einfältigen

Anstrich gaben, mich zu foppen; und ich athmete erst wieder leicht, als

ich jenseits auf dem Felde stand.

Aber als ich nun hier in der jungen hervorkeimenden Märznatur meine

Augen erhob, hefteten sie sich an eine niedrige Mauer, hinter der ich in

einem großen Garten lange Lindenalleen sah. -- »O, das ist ja Passy!«

rief ich; »hier ist ja der Sommersitz des alten =Dreyer=, wohin ich vor

zehn Jahren so oft kam, und mit ihm und Guilleaumeau, Bröndsted und

Koës frohe Stunden verlebte! wo wir nach der Mahlzeit im Grünen Ball

spielten!« -- Die großen Bäume bewegten ihre noch nackten Zweige, als ob

sie mich grüßen wollten; und die weißen Steinurnen auf der Gartenmauer

lächelten bleich in der Sonne, als ob sie sagen wollten: Dreyer,

Guilleaumeau und Koës liegen bereits in den Grabesurnen. Gehe fort von

hier, Wanderer, es ist dies kein Ort der Freude mehr für dich! Da dachte

ich: so will ich denn doch in der Nähe des Ortes, wo die Gastfreiheit

ihren Sitz hatte, auf das Andenken der Freunde trinken. Und darauf ging

ich zu einem Traiteur nicht weit von Dreyer's Garten, außerhalb der (nun

nicht mehr) verhexten Stadt; ließ mir ein =Zimmer mit Sonnenschein=,

einen Eierkuchen und eine halbe Flasche Wein geben; stieß darauf mit dem

Glase an der Flasche an, und rief: Gott erfreue ihre Seelen!

Als ich durch Passy zurückging, konnte ich mich nicht genug über meine

frühere Blindheit wundern. Nun konnte ich es recht deutlich sehen, daß

es Passy war, und wußte den Rückweg sehr gut zu finden.

Ich sah eine große vergoldete Kirchenkuppel sich hoch in die Wolken

erheben. Die vergoldete Kirche führte mich allmälig zu dem =großen

Invalidenhause=. Hier begegnete mir eine Anzahl junger Krieger, die

auf Stühlen umhergerollt wurden, Andere hinkten auf Stelzbeinen

im Sonnenschein umher. Es waren auch einige ältere darunter. Mit

ehrerbietiger Wehmuth trat ich in die melancholischen Hallen, wo

die stolzen Ueberwinder der Welt nun ihre letzten Tage wie alte

Spittelweiber zubrachten. Es schien übrigens gut für sie gesorgt zu

werden. Ich trat in die große Küche; drei bis vierhundert kleine

Würste wurden gerade aus den Töpfen geholt und dampfend auf den

reingescheuerten Eichentisch gelegt. In einem ungeheuren Kupferkessel

stand das gekochte Erbsenmus. Die Helden von Austerlitz und Jena sollten

heute Wurst mit Erbsen essen.

* * * * *

[Sidenote: Ein eigensinniger Kutscher.]

[Sidenote: Ein Ausflug nach St. Cloud.]

Als es heute Ein Uhr war und ich nicht mehr schreiben mochte, schien mir

die Sonne ins Zimmer, als ob sie fragen wollte: Willst du nicht auch

etwas ausgehen? -- Ja, antwortete ich, nahm meinen Hut und ging bei den

Tuilerien vorüber nach dem _Pont neuf_, wo die kleinen Equipagen halten,

denen man in dem geschmackvollen Paris einen sehr unanständigen Namen

giebt. Es sind Karren auf zwei Rädern, in denen aber sechs Menschen

sitzen können. In einem solchen Wagen kann man für dreißig Sous nach

Versailles fahren. Kaum war ich dort hingekommen, als zehn Kutscher,

wie Hornissen auf eine Birne, auf mich losstürzten, und Alle mit lauter

Stimme, indem sie mich bei den Rockschößen faßten, riefen, ob ich nach

Versailles hinausfahren wollte? Ich antwortete, daß ich wohl Lust dazu

hätte, aber weder taub geschrieen noch lebendig zerrissen werden möchte.

Darauf stieg ich, um jeder weitern Unannehmlichkeit zu entgehen, in

eins dieser Fuhrwerke, nachdem der Kutscher mir versichert hatte, daß

wir im Augenblick abfahren würden. Aber wir waren, wie ich merkte, erst

unserer Drei und sollten Sechs sein. Es half Nichts, daß bald noch Zwei

hinzukamen. Der Kutscher wollte noch Einen haben. Wir versicherten,

daß wir nicht drinnen blieben, wenn noch Einer käme, und fragten: »Was

gewinnst Du dabei, wenn Du Einen bekommst und Fünfe verlierst?« Aber er

hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, wurde ärgerlich und war

thöricht genug, uns wieder aussteigen zu lassen. Hierdurch gewannen wir

sehr; denn wir kamen in einen viel bessern Wagen, hatten bessere Pferde

und einen anständigeren Kutscher und nun fuhren wir von dannen. Aber --

o Wunder! -- wir waren noch nicht weit gefahren, als die ganze Umgegend

von Paris sich in einen großen See verwandelte. Die Seine hatte nämlich

ihre Ufer überstiegen. Wir fuhren lange im Wasser und begegneten auf dem

Wege mehreren Booten, sodaß mir anfing bange zu werden, und ich an den

Kutscher Kühleborn in Fouqué's Undine dachte. Indessen währte es doch

nicht lange, so kamen wir auf das höhere Hügelland, wo es ganz trocken

war. Es ist ein großes Glück, daß bei solchen Flüssen Anhöhen sind;

und läge der größte Theil von Paris nicht ziemlich hoch, so würde es

oft schlimmer aussehen, als dies nun der Fall ist. -- Es ist ein noch

größeres Glück für uns in Kopenhagen, daß die Ostsee nicht ähnliche

Launen hat. Sie brauchte nur einige Ellen über die Zollbude zu steigen,

so wäre der größte Theil von Kopenhagen überschwemmt. Es war schönes

Wetter, aber die Uhr war bereits Zwei, ich fand es etwas zu spät, um

nach Versailles hinauszufahren, und ließ deshalb den Kutscher an einem

bequemen Orte halten, von wo aus ich nach St. Cloud gehen konnte. Im

Garten standen die niedrigsten Partieen auch unter Wasser. Ich sah

ein kleines Mädchen, die unter einem Baume saß, von wo aus zwei Wege

abführten. Ich fragte sie: »Welcher Weg ist der beste?« Sie antwortete:

»»Es ist gleich, welchen Weg Sie gehen, mein Herr, sie sind beide gleich

gut; aber auf diesem hier werden Sie des Wassers wegen wohl nicht

fortkommen, deshalb ist es wohl besser, Sie gehen auf dem andern.«« --

Ich dankte ihr und befand mich wohl dabei. Es war noch kein Laub an den

Bäumen, aber das Gras begann hier und da hervorzugucken. Das Schloß

wollte ich nicht sehen; ich war früher dort gewesen, und es war mir

nicht um schön decorirte Zimmer, sondern um einen herrlichen, blauen,

sonnenwarmen Frühlingstag zu thun. Nachdem ich umherspaziert war, ging

ich in ein Wirthshaus, das in der Sonne lag, und hielt dort eine

einfache Mahlzeit. Ich hatte Rousseau's Heloise mitgenommen, war müde,

und setzte mich mit dem Buche in die Sonne. Aber es schmeckte mir nicht

so gut, als da ich sie das erste Mal las, obgleich mir schon damals Viel

daran mißfallen hatte.

Nach dem Essen war ich wieder im Garten. Zwei freundlichen, alten

Männern, welche Gänge kehrten, und mich mit echten unschuldigen

Gärtnergesichtern anlächelten, gab ich jedem Etwas. Sie wurden ganz

bestürzt, als ich ihnen die kleinen Silberstücke in die Hand drückte,

dankten aber herzlich. -- Als ich nach St. Cloud kam, war dort kein

Wagen zur Abfahrt bereit. Die Uhr war erst Fünf und das Wetter herrlich.

Ich beschloß also zu Fuß zu gehen. Als ich bei Passy vorüber kam, fing

das Wasser bereits an, mir den Weg zu sperren, und ich wäre nicht

hinübergekommen (denn der ganze Weg bildete bereits einen Kanal), wenn

nicht einige Männer Bretter gelegt hätten, und mit einem Boot bei den

unpassirbaren Stellen übersetzten. Nun sollte ich Trinkgeld geben; hatte

aber kein kleines Geld mehr bei mir, mußte also in den Augen dieser

Männer wahrscheinlich für einen Geizhals gelten, weil ich den alten

Gärtnern meine letzten Sous gegeben hatte. Als ich nach Paris kam, hatte

die Seine auch hier einige der niedrigst gelegenen Straßen überschwemmt.

Ich mußte einen langen Umweg machen, und war außerordentlich müde. Auf

dem Pont neuf standen Leute und sahen nach einem Zeichen unten an den

Brückenpfeilern wie hoch die Seine gestiegen war; vor vielen Jahren

(1745) hatte sie freilich viel höher gestanden; aber auch diesmal

betrachtete man den hohen Wasserstand als ein seltenes Ereigniß.

* * * * *

[Sidenote: Besuch des _Jardin des plantes_.]

Gestern war das schönste Wetter und ich war im _Jardin des Plantes_, nur

hier und da guckte ein Blümchen hervor. Die grüne Ceder vom Libanon,

die einer Buche mit Tannenblättern gleicht, breitete ihren feierlichen

Schatten über den Hügel aus. Wir sahen die spitzschnauzigen Wölfe; die

Hyänen mit den gemeinen unbarmherzig dummen Glotzaugen. Der alte Löwe

sah wie ein General aus Ludwig's XIV. Zeit mit einer Allongeperücke

aus. Braun, der Bär, ging unten in einem tiefen Graben, in dem er einen

Baum hatte, um daran hinaufzuklettern. Jüngst stieg ein Mann zu ihm

hinab, um einen Thaler zu holen, der darin lag; da kam Braun ihm sehr

freundlich entgegen und drückte ihn so innig an seine Brust, daß der

Mann den Geist aufgeben mußte. Ich sah einige philosophische Eulen,

deren Weisheit gleich der der Sophisten das Licht scheute; einige

Adler, die in das Fleisch hackten. Die Papageien hatten ihre Toilette

gemacht, und glichen alten Weibern, die ihre unschöne Gestalt mit

prächtigen Kleidern behangen und sie ausgeschmückt haben, daß es eine

Lust war; sie waren entsetzlich dumm. Es fanden sich da auch herrliche

Fasanen. Zu denen flogen die Spatzen hinein, und durch das Gitterwerk

wieder hinaus, und es war rührend anzusehen, wie die kleinen Vögel sich

immer, wenn sie wollten, wieder frei machen konnten, die großen aber

darin bleiben mußten. Bei der Löwin lag ein kleiner Hund, der sehr

eitel und prahlerisch aussah, während die Löwin vornehm gähnte und sich

langweilte. Wir sahen einen ehrwürdigen Elephanten. Da waren langhalsige

Sträuße, Stachelschweine; kurz, es war wie in Noah's Arche und in

Aesop's Fabeln. Die Affen spielten die Bajaz- und Harlekinsrollen in

einem stinkenden Nachspiele. Sie bilden sich ein, daß sie mit zur Löwen-

und Tigerfamilie gehören, weil vor ihnen auch ein Gitterwerk ist.

* * * * *

[Sidenote: Versailles.]

Ich kam jüngst nach =Versailles=. Von diesem prächtigen Schlosse war die

Vergoldung in der strengsten Bedeutung des Wortes verschwunden; aber

nun vergoldet man es wieder thunlichst. Ludwig XIV. hat absichtlich

eine Stelle zum Schloß und Garten gewählt, für die der Schöpfer gar

nichts gethan, damit =er selbst= allein die Macht und Ehre davon

habe. Die Gegend war ein Morast; -- dieser ist nun in den festesten

Boden verwandelt. Es war kein Wasser dort; -- aber Ludwig verstand

es, durch künstliche Leitungen sich Wasser, ebenso wie Poesie, zu

verschaffen, und wo man geht, kann nun das Wasser aus mittelmäßig

geformten bronzenen Tritonen und Oreaden spritzen. Kein Unterofficier

kann die Soldaten zwingen, in geraderen Reihen zu stehen, als die

Gärtnerscheere hier die Hecken gezwungen hat. Indessen bekommt das Ganze

durch seine Weitläufigkeit und Kostbarkeit, Ordnung und Reinlichkeit,

etwas Imposantes und Angenehmes. Im Schlosse selbst sind schöne Hallen,

die Plafond's sind köstlich gemalt und es hat etwas Feenhaftes, durch

alle die goldenen Säle mit hohen, gewölbten Kuppeln zu wandeln. Ludwig

XIV. war, wie die Krähe und Narciß in seinen eigenen Namen und sein

eigenes Bild vergafft, =wohin= man das Auge richtet, in =welchen= Saal

man tritt, steht Ludwig XIV. im Harnisch mit der Allongenperücke. Ja,

in dem großen Saal steht er in jeder Wölbung unter der Kuppel. Diese

Gemälde enthalten die wichtigsten Momente seiner (d. h. seiner Generale)

Siege. Ich stand in dem langen Saale allein, und konnte es mir recht

vorstellen, wie es hier von Herren und Damen mit großen Rockschößen,

breiten Reifenröcken, Perücken und Toupee's gewimmelt haben muß. -- Hier

stand der große Racine zitternd und bebend, als Ludwig an ihm vorüber

ging, ohne ihn zu grüßen; ging nach Hause und starb; -- Gott sei seiner

Seele gnädig!

In dem Theater war ich auch, aber hier lag noch Alles in größter

Unordnung. Alte Gemälde und Portraits waren hineingeschleppt, und wie

in einer Rumpelkammer übereinander geschichtet; und mitten zwischen

diesen stand ich. -- Es schien mir wie eine satyrische Scene, die

absichtlich von dem Schloßverwalter veranstaltet sei. Ich wandte mich

deshalb zu ihm und sagte: »Ja, es ist schrecklich, wie der Geschmack

zurückgegangen ist.« -- »»Nein, mein Herr,«« sagte er, »»diese alten

Gemälde und Portraits gehören nicht hier her; wir haben sie nur _ad

interim_ hierher gesetzt.«« -- »Lassen Sie sie nur stehen,« antwortete

ich; »es wird mit ihrem Theater doch nicht gut, bevor sie nicht diese

Helden auf die Bühne bringen.« -- Durch das viele Umhergehen war ich

warm geworden, und nun sollten wir in die Orangerie. Dies ist ein langes

Gewölbe in dem untersten Seitengebäude. Die Fenster waren geschlossen;

wir gingen durch einen langen finstern Keller, wo gerade soviel Licht

war, daß ich die Orangenbäume in viereckigen Holzkasten entdecken

konnte; sie hatten rundgeschnittene Kronen, welche freilich alle grün

waren. -- Es schwebte mir die Frage auf der Zunge: »Was haben diese

Bäume verbrochen?« denn es schien mir, als ob ich durch die Bastille

oder die französische Academie ging, wo die Natur unter der Zuchtruthe

gehalten wird. Zugleich dachte ich aber daran, wie schön es im Sommer

aussehe, wenn sie draußen in der Luft ständen, und Früchte trügen. So

hatte ich sie im Jahre 1807-1808 gesehen. Nun versöhnte ich mich mit der

Einrichtung, und dachte: das ist eine Art Winterschlaf; man muß diese

Orangen wie eine Truppe Schauspieler betrachten, die ihre Rollen in dem

Lustspiele durchlesen, das sie am Geburtstage der Sommerwärme aufführen

sollen.

* * * * *

[Sidenote: Versailles. -- St. Denis.]

Das war nun die Versailler Tour. Einige Tage darauf dachte ich: Du

hast keine der Majestäten auf dem Lustschlosse gefunden, Du mußt sie

einmal auf ihrer Winterwohnung aufsuchen, da sind sie gewiß zu Hause.

-- Mit diesem Gedanken stieg ich in einen Wagen, und fuhr eines schönen

Tages nach =St. Denis= hinaus. Als ich nun an dem Kirchhofe von Paris

vorüberfuhr, wo Alles auf Das hindeutete, was gewesen =war=, erhob sich

nach und nach der ehrwürdige Thurm von St. Denis, und erinnerte mich an

unser altes Roeskilde.

[Sidenote: Die Gräber von St. Denis.]

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3 · 第 10 / 17 段