Gestern Vormittag war ich mit meinen Landsleuten auf der Gemäldegalerie.

Stelle Dir meinen Zustand vor; nachdem ich in strenger Kälte die

Bibliothek und die ganze Gemäldegalerie gesehen hatte, und nun endlich

nach Hause gehen wollte, um Etwas aufzuthauen, begegne ich der Frau von

Malzburg und ihrem ganzen Gefolge in der Thür. Die Höflichkeit gebot

mir, mit ihnen zurückzugehen. Wie sehr würde es mich bei einer milderen

Temperatur erfreut haben, die Werke der Kunst mit dieser interessanten

Dame zu betrachten. Aber nun! Meine Füße waren Eis, meine Fingerspitzen

erfroren. So mußte ich umhergehen und Ruisdal, Holbein, Albrecht Dürer,

Ostade, Teniers, Caracci und van der Werft sehen. Dieser Letztere machte

mich noch mehr frieren. Die Schönheiten der großen Meister, die ich nun

nicht genießen konnte, erschienen mir wie ein fein erdachter Höllenspott

in dem wahren Nistheim. Auf all' das Richtige und Treffende, das Frau

von Malzburg sagte, hörte ich fast wie ein ganz dummer Mensch. Das

Einzige, womit ich sympathisirte, waren die geflochtenen Babouchen, die

der Gallerieverwalter über seine Stiefeln gezogen hatte. Er betrachtete

uns mit einer Art von mitleidigem Ausdruck, weil wir uns freiwillig das

schlechte Vergnügen bereiteten, all' die Bilder anzusehen, deren er

schon so lange müde war. Ich las deutlich in seinen Zügen die Worte:

»Wenn ich nicht dazu gezwungen wäre, so sollte der Teufel hier stehen,

da ging ich lieber in meine warme Stube.« Ich gab ihm in meinem Herzen

Recht. Und wenn Jemand aus der Gesellschaft sagte: »Ach wie ist das

schön! wie ist das herrlich!« so ließ ich die Blicke sehnsuchtsvoll

auf die geflochtenen Babouchen des Verwalters herabsinken und sagte

seufzend: »Ja wohl, es herrscht ein sehr warmer Ton darin.« So

verschieden war mein Gefühl und meine Stimmung, als ich ein und Dasselbe

an einem Vormittage sah. Ich dankte Gott, daß Alle in der Gesellschaft

meinen Correggio kannten, denn sonst hätten sie mich in Bezug auf

Gemälde für einen Eiszapfen halten müssen. Man darf nicht physische

Schmerzen leiden, wenn man sich einem geistigen Genuß hingeben soll. Als

es anging, nahm ich Abschied von der Gesellschaft und Frau von Malzburg

neckte mich freundlich am Abend, indem sie sagte, daß sie recht gut

gemerkt habe, wie erfroren ich gewesen sei.

* * * * *

[Sidenote: Wir sollen vierspännig fahren.]

Wenn wir des schlechten Wetters wegen bisher langsam gereist waren,

so beschlossen wir, nun um so rascher dahin zu rollen. Aber im

Anfange kamen wir auch nicht weit. Denn obgleich wir mit drei Pferden

eingetroffen waren, wollte der Wagenmeister uns nicht mit weniger,

als mit vieren weiter ziehen lassen, obgleich wir um eine Person und

einen Koffer weniger geworden waren. Dies wollte ich nun durchaus

nicht dulden. Ich suchte ihm erst das Ungerechte und Unsinnige seines

Entschlusses zu beweisen; aber als dies nichts half, als er ärgerlich

wurde und sagte, wenn wir nicht wollten, so ließe er das vierte

Pferd wieder abspannen, und so müßten wir nachher doppelt bezahlen,

versicherte ich ihm, daß daraus Nichts werden würde, und daß er uns doch

noch mit drei Pferden fahren müsse. Dies konnte er wahrscheinlich nicht

begreifen, und ging in der Meinung fort, daß wir als Fremde uns doch

zuletzt seinem Willen fügen müßten. Aber ich lief in die Stadt, wo der

Oberpostdirector wohnte und ließ mich melden. Es war ziemlich früh am

Morgen, und er stand noch im Schlafzimmer in seiner Nachtjacke. Ich bat

um Entschuldigung, sagte ihm meinen Namen, und bat ihn, in dieser Sache

zu entscheiden. Er war sehr artig, schrieb mir einen kleinen Zettel und

äußerte seine Freude darüber, meine Bekanntschaft gemacht zu haben. Als

ich auf die Straße hinaus kam, und den Zettel las, stand auf demselben,

-- »daß der Herr Professor =Ehlers= mit drei Pferden fahren sollte.«

Der Kerl wollte seinen eigenen Augen nicht trauen, als er den Zettel

sah. Aber als er gelesen hatte, rief er dem Schwager: »=Vorwärts!=« zu,

lüftete den Hut und ging ins Haus. So zogen wir im Triumph aus Kassel

heraus und ich reiste vier Meilen incognito als Professor Ehlers.

Aber wir waren doch ganz traurig, und die Munterkeit im Wagen war

verschwunden; denn wir hatten unsern lieben Norweger Flood in Kassel

zurückgelassen. Seine Freundlichkeit und sein muntrer Sinn hatten uns

auf dem Wege sehr erheitert. Auf dem langen Wege von Hamburg nach Kassel

hatte er mich aus bloßer Freundschaft begleitet. Aber nun mußte er über

Amsterdam nach seinem Norwegen zurück, wo ihm die Liebe winkte. Eine

amüsante Geschichte, die in einem Wirthshause eintraf, ehe wir uns

trennten, darf ich nicht vergessen.

Wir hatten zusammen Abendbrot gespeist; zum Dessert gab es Rosinen und

Mandeln; Bertouch hatte eine Zwillings-Mandel gefunden, die er Flood

hinreichte, und so sollte Der, welcher zuerst Vielliebchen sagen würde,

wenn sie sich das nächste Mal sähen, ein Geschenk vom Andern erhalten.

Es war eine schneidende Kälte, als ich am nächsten Morgen bei

Tagesgrauen Bertouch aus seinem Bett heraussteigen (wir lagen alle Drei

in einem Zimmer), und mit nackten Füßen im bloßen Hemde mit listiger

Miene sich in der ziemlich großen Stube nach Flood's Bett hinschleichen

sah. Hier stand er einen Augenblick und betrachtete seinen Gegner

lächelnd mit einer überlegenen, mitleidigen Miene, so wie Einer, der

seines Sieges gewiß ist. Darauf rüttelte er ihn am Arm, und als Flood

erwachte und die Augen aufschlug, rief Bertouch triumphirend: »Philine!«

Flood starrte ihn, verdrießlich darüber, aus seinem guten Schlafe

geweckt zu sein, an, aber als er Bertouch sah, und nun verstand, was er

wollte, sagte er ganz verdrießlich, indem er ihm den Rücken zukehrte:

»Vielliebchen!« Bertouch hatte also die Wette verloren, da er den

falschen Namen genannt hatte. Philine in Wilhelm Meister hatte ihn

irre gemacht, und er mußte mit nackten Füßen über den kalten Fußboden

unverrichteter Sache zurückkehren. Das Wunderlichste war, daß, als ich

später beim Kaffeetische mit ihm über Göthe's Wilhelm Meister sprach, er

diesen gar nicht kannte.

* * * * *

[Sidenote: Ein verlorenes Vielliebchen.]

Heute Morgen um halb sechs Uhr standen wir in Marburg auf. Gerade wie

wir an dem frühen, kalten, finstern Morgen bei einer Laterne in den

Wagen steigen und weiter fahren wollten, kamen zwei andere, gleichfalls

eingehüllte Reisende von der entgegengesetzten Treppe in gleicher

Absicht herab. Das schwache Licht bestrahlte mein Antlitz. Eine der

fremden Personen stutzt, sieht mir ins Gesicht, tritt näher und ruft:

»Ollanslakkero!« Ich sehe ihn an -- »_Olinto dal Borgo di Primo!_«

der italienische Uebersetzer meines Correggio. Ist es möglich? -- Wir

umarmen einander, beklagen, daß wir von dieser Zusammenkunft nicht

früher gewußt hatten. Ich bitte ihn, meine Frau, meine Kinder und

Schimmelmann's zu grüßen. Darauf steigen wir beide in unsere Wagen,

werfen uns Kußhände zu, und setzen, wie zwei in einem Augenblicke

einander begegnende Planeten, unsere entgegengesetzten Bahnen fort.

* * * * *

[Sidenote: Frankfurt a. M. Friedrich Schlegel.]

Wir wohnen nun in Frankfurt in einem sehr guten Hôtel: »Zum römischen

Kaiser!«

Heute aßen wir mit unserer kopenhagener Freundin Frau Pauli bei einem

Kaufmanne, Herrn Pätsch, zu Mittag. Hier war ein merkwürdiges Eßzimmer.

Es besteht nämlich aus einem uralten Stadtgefängnisse, welches nun

mit einem schönen Hause verbunden ist. Die Wölbung ist blau wie die

Luft gemalt, an den Wänden winden sich grüne Büsche und Zweige hinauf.

So treten die beengenden Mauern zurück, und verlieren sich in einer

leichten Luftperspective, und an demselben Orte, wo vor ein paar hundert

Jahren mancher Unglückliche an seiner Kette nagte, und mit seinen Nägeln

an den rauchgeschwärzten Mauern kratzte, während der Henkerstod seiner

wartete, sitzen nun hübsche, lustige und wohlhabende Leute bei hellem

Kerzenscheine und werden in Herrlichkeit und Freude tractirt.

* * * * *

Nach der Komödie war ich bei Friedrich Schlegel. Er ist als

österreichischer Legationsrath hier. Seine Frau ist eine Tochter

von Moses Mendelssohn und wahrscheinlich die Verfasserin des Romans

=Florentin=, in dem viel Schönes ist, obgleich sie selbst jetzt das Buch

als einen Jugendversuch betrachtet. Obwohl ich wußte, daß Schlegel nun

ganz Politiker geworden war, und obgleich ich in vielen Beziehungen,

sowohl in historischen und religiösen, wie in ästhetischen Ansichten

mit ihm differire, so konnte ich mir doch nicht das Vergnügen versagen,

einen so ausgezeichneten, talentvollen und kenntnißreichen Mann wieder

zu sehen und zu sprechen, dessen Schriften eine so wichtige Rolle

in meiner frühern Jugend gespielt und theils dazu beigetragen haben,

mich irre zu leiten, theils mich zu belehren und zu bilden. -- Ich

fand auch sein Aeußeres sehr verändert, denn ich erkannte ihn nicht

wieder, obgleich er mitten im Zimmer stand und mit entgegen lächelte;

so dick und fett war er geworden. Er war sehr freundlich, und mein Herz

öffnete sich ihm, wie einem Manne, mit dem ich in einem gewissen Grade

sympathisirte, und von dem ich in andrer Beziehung ganz verschieden

war. So ging es ihm gewiß auch mit mir. Wir sprachen über viele Dinge

zusammen, von denen wir ungefähr wußten, daß wir in ihnen übereinstimmen

könnten. Ich las ihm einige meiner kleinen deutschen Gedichte vor, die

ihm zu gefallen schienen.

[Sidenote: Ein Brief von Friedrich Schlegel.]

Eine gewisse Verlegenheit herrschte doch zwischen uns Beiden, die ganz

natürlich war. Er hatte mir vor fünf Jahren einen Brief geschrieben, auf

den ich ihm nicht geantwortet hatte. Der Brief lautet folgendermaßen:

Wien, den 17. Januar 1812.

»Erlauben Sie einem alten Bekannten und Freunde, sich bei Ihnen in

Erinnerung zu bringen und vor Ihnen zugleich mit einer Bitte und

=Einladung= wieder zu erscheinen. Ihre Mitwirkung zu dem »Deutschen

Museum,« wovon ich die Ankündigung beilege, würde mir um so willkommner

sein, da mein Hauptzweck bei dieser Zeitschrift auch die allgemeinere

Verbreitung und Würdigung nicht bloß der altdeutschen, sondern auch

der altnordischen Dichtkunst, Saga und Götterlehre ist. Alles, was Sie

uns irgend dafür, sei es Poesie oder Prosa, geben wollten, würde sehr

willkommen sein. -- Ich habe in der letzten Zeit =Dänisch= gelernt, und

Sie dienen mir jetzt in Ihrer nordischen Dichtung als Wegweiser zur

Edda. In Ihrem deutschen Axel und Valborg fand ich viel Schönes. Das

Stück wird, glaube ich, nächstens hier gegeben werden. Aber doch scheint

mir's, als behandelten Sie uns Deutsche etwas stiefbrüderlich, und

behielten das Auserlesenste Ihrer Dichtungen zurück, um es in dänischer

Muttersprache niederzulegen.

Ich hoffe mich bald einer Antwort von Ihnen zu erfreuen, und bin Ihr

Freund,

=Friedrich Schlegel=,

K. K. Hofsecretair.«

Ich wußte nicht, was ich auf diesen Brief antworten sollte. Schlegel

lobte zwar in einem vornehmen Tone Axel und Valborg, warf mit aber vor,

daß ich Deutschland stiefbrüderlich behandelt, und ihm nicht das Beste

meiner Arbeiten mitgetheilt hätte. Indessen hatte ich doch bereits

Aladdin, Hakon Jarl, Palnatoke und Correggio ins Deutsche übertragen und

ich wußte, wie gesagt, nicht, was ich ihm antworten sollte und schwieg

deshalb still.

* * * * *

[Sidenote: Ankunft in Metz.]

Nun sind wir also in =Metz= auf französischem Grund und Boden, haben

gebohnte Zimmer, Kaminfeuer und bessere Mahlzeiten, als in den deutschen

Flecken. Besonders lieb ist mir das Kaminfeuer; es breitet eine

angenehme Wärme aus, die nicht zu stark ist, und es macht auch einen

angenehmen Eindruck, das Feuer zu sehen.

Hier befindet sich ein Theater und eine Garnison. Die Folge davon ist,

daß das Parquet von Majoren, Capitains, Lieutnants, das Parterre von

Soldaten voll ist, die Logen von Generalen und Obersten besetzt sind,

und die Civilisten nur Ausnahmen bildeten. Die Officiere geben also

hier den Ton an, und da bei solchen Gelegenheiten selten die Generale

commandiren, so sind es hauptsächlich die =jungen= Officiere. Daß sich

unter diesen nun ein Theil brutaler Claqueurs findet, ist natürlich.

Diese schwarzhaarigen, breitschulterigen Söhne des Mars sind im Kriege

auferzogen, und verstehen sich wenig auf Kunst und Poesie. Sie redeten

doch auch von Shakespeare, und als der Eine den Namen nicht richtig

aussprach, sagte der Andere zu ihm: »_Il faut dire: J'expire!_«.

* * * * *

Die Kathedrale ist eine der schönsten altdeutschen Kirchen, die ich

gesehen habe. Als ich die leichten hohen Wölbungen, die schlanken Säulen

betrachtete, welche sich wie Bäume im Walde erheben, wurde ich in meinen

Fantasien und Gefühlen durch eine türkische Musik gestört. Dies war eine

Art militärischen Gottesdienstes, der einer Wachtparade glich. Während

einige Compagnien Soldaten in die Kirche zogen und sich da in Ordnung

stellen, wurden allerlei lustige Tänze und Märsche gespielt, die mich an

ein Ballet erinnerten.

* * * * *

[Sidenote: Unser Reisezug.]

Paris den 1. Februar.

Was, seitdem wir Metz verlassen haben, geschehen ist, läßt sich leichter

beschreiben, als erleben; wir waren drei und einen halben Tag unterwegs,

die uns, trotz der kurzen Wintertage, wie die längsten Hundstage

erschienen. Man denke sich eine ungeheure große Karethe mit mächtigen

Vorrichtungen zum Gepäck oben, vorn und hinten; man denke sich, daß

in einem solchen Wagen bequem Vier, unbequem Fünf sitzen können, und

daß Sechs darin saßen; man denke sich diese dickräderige Maschine von

fünf, sechs, zuweilen sieben, ja zehn mageren Schindmähren gezogen,

man stelle sich dann diesen Raritätenkasten langsam über Berge und

Thäler, wie eine Ameise, durch ein Vergrößerungsglas gesehen, über einen

kleinen Haufen dahinkriechen. -- Unsere Gesellschaft bestand aus einer

jungen französischen Dame in einem dünnen Nesseltuchkleide und einem

Taffetüberrock ohne Futter; zweien ältlichen Herren und uns anderen drei

Männern, die wie früher Sadrach, Mesach und Abednego das Personal im

feurigen Ofen ausmachten.

Der eine Fremde, der Officier gewesen war, erzählte uns seine Abenteuer,

wie er in der Revolutionszeit genöthigt gewesen war, sich aus dem

Fenster zu schwingen und mit den Händen am Steincarnise festzuhalten,

während die Mutter das Fenster schloß und versicherte, daß kein Fremder

da sei.

St. Menehould ist bekannt dafür, daß man dort Kalbsfüße so weich kocht,

um selbst die Knochen mitessen zu können. Der arme Ludwig Capet aß sie

auch mit vielem Appetit kurz ehe man ihn erwischte und zur Richtstätte

hinschleppte.

[Sidenote: Wechsel der Reisegesellschaft.]

Unsere Officiere hatten wir verloren und bekamen dafür stumme

Personen in den Wagen; der Eine mit gelbseidnem Tuche um den Kopf und

geflochtenen Bambouchen an den Füßen; der Andre mit einem Flecken auf

dem linken Auge und seinem Rock auf dem Schooße. Er wunderte sich mit

Recht über meine ungeheuer dicke Bekleidung; aber ich war ein langes

Stück gegangen, und hatte den Pelz wieder angezogen, weil ich warm

geworden war, und mich nicht erkälten wollte. Mit einer verdrießlichen

Miene fragte er, nachdem er einen halben Tag geschwiegen hatte: »Aber

mein Herr! wie gehen Sie denn zu Hause, wenn Sie hier so gehen?« Ich

antwortete ihm: »So kleiden wir uns Alle in Kopenhagen, mein Herr, wenn

wir uns warm gegangen haben, uns in den Wagen setzen und uns nicht

erkälten wollen. Ich wundere mich ebenso sehr, Sie mit Ihrem Rocke auf

dem Schooße zu sehen, wie Sie sich über meinen Pelz auf dem Körper

wundern.« Er meinte das komme daher, daß die Franzosen wärmeres Blut

hätten und Strapazen besser ertragen könnten. Ich antwortete: »Der

Wallfisch hat warmes Blut, obgleich er mit einem ellendicken Thranpelz

umherschwimmt; der Häring hat kaltes Blut, obgleich er nur in einen

dünnen Silbermoireeshawl eingehüllt ist.«

Endlich roch das schlechtgegerbte Seebärenfell doch mir selbst zu arg;

ich sprang aus dem Wagen und verkaufte dasselbe für zwei Napoleonsd'or

an den Conducteur.

[Sidenote: Zweites Eintreffen in Paris.]

In den ersten Nächten hatten wir in Wirthshäusern geschlafen, nun

fuhren wir die letzte Nacht ganz durch. Die Dame wollte durchaus, daß

das einzige offne Fenster geschlossen würde. Ich schnappte nach Luft,

wie eine Maus unter der Luftpumpe. Alle zwölf Lungen (wir waren sechs

Personen) verrichteten ihre Blasebalgdienste, um das Bischen Sauerstoff

zu verzehren, das noch übrig war. Der Angstschweiß trat mir auf die

Stirn; ich sprang aus dem Wagen und setzte mich zum Conducteur hinaus.

So fuhr ich in Paris hinein, wo halb vergessene Erinnerungen mir von der

Vorstadt an bis zum _Hôtel de Brétagne_ in der _Rue Richelieu_ hin, wo

ich jetzt wohne, entgegentraten.

* * * * *

Wie erfreute es mich, den vortrefflichen Fleury im _Théâtre français_

wiederzusehen; daß er viel zu alt für seine Rolle war, vergaß man über

das gute Spiel. Fleury verbindet Verstand, Gutmüthigkeit und Naivetät

mit Feinheit und Lebensart, ohne welche die sogenannte =höhere=

französische Comödie ein elendes Machwerk ist. Er ist der Einzige in

ganz Frankreich, der noch den _Marquis du vieux bon-temps_ spielen kann.

Ein noch größeres Schauspielertalent als Fleury ist Mademoiselle Mars,

voller Leben, Grazie, Anmuth, obgleich schon ein gutes Stück über die

jungen Jahre hinaus.

* * * * *

Wir sind bei unserm Minister, General =Waltersdorff= gewesen, der uns

freundlich empfing und uns zu Mittag einlud. Hier traf ich meinen alten

Bekannten, den Legationssecretair (spätern Legationsrath) =Vogt=, und

erfuhr, daß der Capitain (später General-Kriegscommissär) =Abrahamson=

noch in Paris sei. Ich habe ihn später getroffen, und erfreue mich sehr

an dem Umgange dieses talentvollen und dienstfertigen Landsmannes.

[Sidenote: Frau von Staël-Holstein.]

Ich bin auch bei der Baronesse Staël-Holstein gewesen. Sie wohnt in

der _Rue royal_, einer der schönsten Straßen in Paris, und wie ich mir

denken konnte, in einem großen Palast. --

Während ich die Treppe hinaufging, zogen mir die Tage im Geiste vorüber,

wo ich das erste Mal in Paris war, als sie auf dem Lande in _Auberge

en ville_ wohnte und nicht zur Hauptstadt kommen durfte. Nun hatte

sie den Hafen ihrer Wünsche erreicht. -- Der Diener, der mich melden

sollte, hörte meinen Namen, den er natürlich ganz verdreht der gnädigen

Frau mittheilte. Er kam wieder und sagte: »Sie kenne Niemanden dieses

Namens«. Ich war gerade im Begriff, ihn mit Bleistift auf einen Zettel

zu schreiben (denn ich hatte, wie gewöhnlich meine Visitenkarten

vergessen), als ich eine junge Dame im Morgenkleide und in einem

Capüchon an mir langsam in einiger Entfernung vorübergehen, und mich

aufmerksam betrachten sah. Als ich näher kam, war es die Herzogin von

Broglio, die ich von ihrer Kindheit her kannte. Als ich ihr meinen

Namen nannte, beklagte sie, daß ihre Mutter mich nicht gleich empfangen

könne, da sie nicht angekleidet sei, und ging dann auch hinein. Kurz

darauf kam der Diener, der meine Karte hineingebracht hatte, zurück,

und sagte: die Baronesse ließe mich bitten, am Abend zwischen Acht und

Neun wiederzukommen. Es war also eine Soirée, und ich konnte nicht

vorher mit meiner alten Freundin allein sprechen, in deren Hause ich

neun Jahre vorher fünf Monate in Coppet zugebracht hatte. -- Am Abend

kleidete ich mich also in Schuhe und Strümpfe und ging hin. Ich fand

einen Theil besternter Herren, zwischen denen ich mich durcharbeiten

mußte, um Frau von Staël auf dem Sopha bei einem Kamine zu finden, wo

sie, wie gewöhnlich mit einem Turban auf dem Kopfe, saß, und mich mit

einem Scherz empfing, als ob wir uns erst gestern gesehen hätten. Sie

stellte mich Alexander von Humboldt vor, mit dem ich zehn Jahre vorher

in Berlin gesprochen hatte. Ich entdeckte auch A. W. Schlegel in der

Menge, und sprach mit ihm, aber nur kurz. Die Conversation war nicht

frei und allgemein; es herrschte ein steifer und stiller Ton daselbst,

und -- darauf verstehe ich mich nicht. Frau von Staël lud mich ein, den

nächsten Montag bei ihr zu speisen. --

* * * * *

Ich bereitete mich darauf vor, zur bestimmten Zeit um sechs Uhr

einzutreffen; aber da unser Diener Christian mir Bertouch's Schuhe

gegeben, und meine eigenen eingeschlossen hatte, so währte es etwas

lange, sodaß es ungefähr sieben Uhr wurde, als ich bei Frau von Staël

eintraf, um Mittag bei ihr zu speisen. Sie saß an einem kleinen runden

Tisch mit ihrer Tochter, der Herzogin, und zwei anderen älteren Damen;

für mich war ein Platz frei gelassen. Ich entschuldigte mich, erzählte

mein Mißgeschick, beeilte mich, die Speisenden einzuholen, die bereits

beim Fische waren, und gab mir alle Mühe, bei dem Französisch-Sprechen

nicht verlegen zu werden. Wir sprachen von verschiedenen Dingen. Frau

Staël machte mir ein Compliment, weil ich im Norden bekannt geworden

sei, und ich sagte: »Was ist der Norden gegen die =Erde=?« womit ich den

Kreis =ihres= Ruhms meinte. Wir sprachen von Friedrich Schlegels Buch

über die Geschichte, mit dem wir Beide nicht zu sympathisiren schienen,

trotz des Guten, welches sich darin befindet, weil wir es gegen die

Aufgabe der Geschichte fanden, zu beweisen, was man beweisen =will=,

indem man einzelne Züge hervorhebt und die anderen in den Schatten

stellt. Sie fragte mich nach Frau Brun, und es freute sie, zu hören,

daß diese frisch und gesund sei. Von dem Dichter Werner sprachen wir

auch, und waren Beide darin einig, daß die Frömmigkeit bei unserm guten

Freunde sehr weit gegangen sei, und daß der Deutsche Recht habe wenn er

sage: »Allzuviel ist ungesund!« -- Sie hatte den Correggio noch nicht

gelesen, fand es aber sonderbar, daß ich einen Stoff gewählt, wo der

Held unter der Last eines Geldsackes stürbe. Ich entgegnete, ich hätte

gerade Lust bekommen, das Stück dieses Zuges wegen zu schreiben, und daß

ich es als eine Allegorie behandelt hätte, da der Künstler größtentheils

arm ist, und den Nahrungssorgen unterliegt. Dies drückte ich im

Gespräche nicht so ganz richtig Französisch aus, und sagte: »Unter der

Last des Geldes,« was ihr Veranlassung zu einem Scherz gab, indem sie

sagte: »_Mais, mon Dieu, comment peut-on tomber sous ce qu'on n'a

pas_?« Ich antwortete: »_Ce n'est pas =l'argent= sous lequel il tombe,

c'est le =cuivre=_.« Und nun schien sie mich zu verstehen. -- Sie rieth

mir Voltaire's Tancred zu sehen, der an diesem Abend gegeben wurde. Ich

folgte ihrem Rath, fühlte mich aber nicht sonderlich erbaut. Der gute

Lafond schreit außerordentlich, und scheint mir affectirt, überspannt

und unnatürlich.

* * * * *

Ich muß hier (nach Verlauf von 31 Jahren) erzählen, was ich 1817 in

meinen Reisebriefen übersprang, wo Frau von Staël-Holstein noch lebte,

und ich nicht wollte, daß es wie eine Klage oder Rache aussehen sollte.

Ich stand damals in Paris in einem etwas gespannten Verhältniß mit der

Frau von Staël; ein Brief, den ich ihr einmal in der langen Zwischenzeit

geschrieben, war unbeantwortet geblieben. Indessen veränderte dies nicht

den freundlichen Ton zwischen uns, und daß ich das letzte Mal so spät

zu Tisch gekommen war, hatte ich entschuldigt und sie vergeben. Aber

nun lud sie mich dieses letzte Mal ein, sie am Nachmittage zu besuchen.

Als ich ins Zimmer kam, trat gerade eine große Gesellschaft von Herren

und Damen aus dem Speisesaal, wo die Mahlzeit geendigt war, herein.

Ich wurde fast ohnmächtig vor Erbitterung über die Beleidigung, mich

nach Tisch zu sich zu laden, sie, die mich vor wenigen Jahren in Coppet

auf den Händen getragen hatte. Ich wollte gleich wieder aus dem Zimmer

gehen, blieb aber doch noch einen Augenblick, weil ich eine englische

Dame traf, die ich von Coppet her kannte, und der ich meine Gefühle

mittheilte, worauf ich ging. Und von dem Augenblicke an sah ich Frau von

Staël nie mehr. Sie schickte nicht zu mir (vielleicht wußte sie nicht,

wo ich wohnte) und ich besuchte sie nicht wieder. Nicht einmal zu A.

W. Schlegel mochte ich gehen, der nie einer von meinen Leuten gewesen

war, und der mich früher nicht leiden konnte, weil Frau von Staël mir

so viel Freundlichkeit erwies. Dieses ihr Benehmen ist mir stets ein

Räthsel geblieben. Als ich Waltersdorff die Geschichte erzählte, sagte

er scherzend: »Sie hat dieses Mal vielleicht mit Ihnen wenig Umstände

gemacht, weil Sie es letzthin mit ihr ebenso machten.«

* * * * *

[Sidenote: Die Benefizvorstellung Fleury's.]

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3 · 第 9 / 17 段