Sache liegt, Macht über Leben und Tod der eingereichten Stücke in Bezug
auf die Aufführung derselben, und von ihrem Urtheilsspruche ging es ohne
Appell zur Execution. Rahbek und Etatsrath Olsen waren Censoren. Daß
Rahbek es war, fand man trotz all' seiner Grillen und Einseitigkeiten
in der Ordnung. Etatsrath Olsen war ein geselliger, angenehmer Mann,
sehr sprachkundig und war Notarius publicus. Bei der Concurrenz um
dieses Amt war er P. A. Heiberg vorgezogen, weßhalb dieser ihn in einer
Streitschrift zum Gegenstande seines Spottes machte und versuchte,
ihn, wenn auch in ein komisches Licht, so doch nicht in ein solches zu
stellen, welches ihn zu einem Theatercensor geeignet machte. Olsen
hatte selbst einige sehr unbedeutende Gedichte geschrieben; ich weiß
nicht, ob er auf Grund derselben Censor wurde; wenn es der Fall war,
so geschah dies damals vielleicht weder zum ersten noch zum letzten
Male. Bredahl war schon zu Ewald's Zeiten Theaterdirector gewesen. Mein
persönliches Verhältniß zum Etatsrath Olsen war ein höfliches. In sein
Haus kam ich der Damen und der angenehmen Gesellschaft wegen. Er war
auch einmal mein Gast; aber als Baggesen immer gröber und gröber gegen
mich wurde, und da er zu Olsen's kam, zog ich mich zurück. Baggesen
erwies Olsen große Achtung auch als Kunstrichter und gewann ihn ganz.
Daß Olsen also, wenn es ohne Gefahr und Unannehmlichkeit geschehen
könne, gegen mich sein würde, war im höchsten Grade wahrscheinlich.
Was Rahbek anbetraf, so war, wie bereits gesagt, sein Geschmack
beschränkt; das Burleske und Ausgelassene hielt er als unter der Würde
der Kunst stehend. Die Wirkung, die es hervorbrachte, wenn das Genie,
wie in Molière's und Holberg's Stücken, es schuf, bemerkte er nicht;
übrigens konnte er auch nicht zu außerordentlicher Heiterkeit gestimmt
und begeistert werden. Ich habe ihn nie ordentlich lachen sehen; ein
schallendes Gelächter war Etwas, das ganz außerhalb seiner Natur lag;
er bewunderte das Witzige verständig, ja selbst witzig, schelmisch und
nicht ohne Humor; aber es war der gleichmüthige Humor, der nur in der
Asche glüht und nicht zur Flamme emporschlägt. Das Starkkomische bei
Molière und Holberg betrachtete er als Etwas, das nicht fortgesetzt
werden dürfe, das der geschmacklosen Zeit angehörte, in der diese großen
Männer gelebt hatten, und das diesen, ihrer wahren Verdienste wegen,
verziehen werden müsse; diese bestanden in den Characterschilderungen
und der moralischen Tendenz der Stücke. Für den eigentlich poetischen
Duft dieser Werke hatte der gute Rahbek durchaus keinen Sinn, so wenig
wie körperlichen Sinn für Blumenduft und andere Wohlgerüche, die er so
sehr haßte, daß er ihnen Gestank vorzog.
Aber so eigensinnig er war, so gutmüthig war er, so leicht war er zu
gewinnen, wenn man sich ein klein Wenig nach ihm richtete. Hätte ich
mich zuerst an ihn gewandt und ihm gesagt: »Hör' einmal Rahbek! ich
habe die Absicht, Freia's Altar umzuarbeiten; ich fühle selbst, daß das
Stück zu ausgelassen ist; nimm Du es und mache mir einige Anmerkungen
und Striche, wo Du es verändert wünschtest;« so bin ich überzeugt, er
hätte fast gar keine gemacht. Er, der lange Zeit ruhig zugesehen hatte,
wie der Theaterübersetzer N. T. Brun jeden zweiten Abend die Stücke
mit seinen eigenen unanständigen zweideutigen Späßen anfüllte, würde
auch Freia's Altar mit seinen poetischen Scherzen durch den kritischen
Schlagbaum haben schlüpfen lassen; der Theaterchef wäre dann auf seine
Seite übergetreten, und Olsen war zu schwach, um dann den Schlagbaum
allein niederzuhalten. Aber das that ich nun nicht; ich wollte es,
wie gesagt, erzwingen. Es genügte nicht, daß ich Bilbo noch toller
machte, als er zuerst war; ich schrieb auch eine Vorrede, in der ich
einen schlechten Kritikus mit einem Manne mit belegter Zunge verglich,
der nicht schmecken könne, weil sein Magen verdorben sei. Diesen Mann
bezogen sowohl Rahbek wie Olsen auf sich; und da die Rache ihnen nur
ein »Nein« kostete, so sagten sie Beide: Nein -- waren zum ersten
und letzten Male in ihrem Leben einig -- und das Stück wurde nicht
aufgeführt.
Ich will den Leser nicht durch eine weitläufige Erzählung des
Federkrieges ermüden, der hierdurch entstand. Ich schrieb eine Pieçe an
das Publikum, die vielleicht einmal in einer Sammlung meiner kleinen
Abhandlungen gedruckt werden wird. Rahbek und Olsen antworteten.
Letzterer besonders mit vornehmer Verachtung über meinen schlechten
Geschmack. Mehrere übernahmen meine Vertheidigung, unter Andern
=Sibbern=, der in einer langen Abhandlung das Stück und die Einwendung
der Censoren durchging und trotz ihres Tadels glaubte, daß es durch die
Umarbeitung gewonnen habe.
* * * * *
[Sidenote: Ein Reiseantrag.]
In diesem Herbst, als die Theatersaison schon lange wieder angefangen
hatte, und ich eines Abends auf meinem gewöhnlichen Platze im Parquet
saß, saß auch der Oberpräsident Moltke auf dem seinigen, gerade vor mir.
Im Zwischenacte erzählte er mir, daß der junge (spätere Baron) Bertouch
eine Reise ins Ausland machen solle, daß sein Vater ihm einen ältern
Mann zur Gesellschaft mitzugeben wünsche, der fremde Länder kenne und
dem jungen Manne durch Rath und That nützen könnte. Er fragte mich, ob
=ich= nicht Lust zu dieser Reise hätte, die, wenn ich wollte, nicht über
ein Jahr währen sollte? Ich nahm das Anerbieten gern an.
Aber als sich die Stunde des Abschieds näherte, wurde mir das Herz
schwer, und mich erfüllte eine tiefe Wehmuth, weil ich meine Familie
verlassen sollte. Ich lag am Abend auf dem Fußboden im Zimmer beim
Kaminfeuer, und ließ die Kleinen um mich herkrabbeln; ich spielte mit
ihnen, wie ein Kind; sie lachten und waren lustig und merkten nicht, daß
mein Gesicht jeden Augenblick in Thränen schwamm.
Mir war, als ob wir uns nicht Alle wiedersehen sollten. Aber in
der Liebe liegt stets Furcht vor dem Scheiden, und ein wehmüthiges
Gefühl folgt dem Gedanken an irdische Trennung und himmlische
Wiedervereinigung, deshalb erweckt jeder Abschied auf lange oder kurze
Zeit die himmlische Liebe in der Menschenbrust, und selbst in dem
täglichen =Lebewohl=, einem Freunde gegenüber, liegt ja Etwas von diesem
heiligen Gefühle.
* * * * *
=Auszug aus meinen Reisebriefen= 1817.
[Sidenote: Beginn der Reise.]
Es war kein Spaß für einen gegen Frost und Wind nicht sonderlich
abgehärteten Dichter, der sich eben erst von einem ziemlich starken
Anfall des Podagra erholt hatte, sich in den kalten Decembernächten
auf offene Wagen zu setzen, dann in einem Boote von Laaland über das
Meer und von Heiligenhafen durch Holstein zu reisen, bis wir an die
Diligencen kamen; denn damals hatte man noch keine Eisenbahnen und keine
Dampfschiffe. Ich beschloß deshalb so gekleidet zu reisen, daß ich nicht
frieren =konnte=, und dies setzte ich auf folgende Art ins Werk. Ueber
meinen täglichen Kleidern hatte ich folgende Kleidungsstücke. Ein Paar
dicke mit Leder besetzte Reithosen gingen hoch auf die Brust hinauf.
Dann ein Paar Seehundsstiefeln, die bis über die Kniee reichten. Ueber
dem Rock, dem Ueberzieher und dem Mantel einen großen, dicken Bärenpelz.
Auf dem Kopf eine Mütze von Bärenfell, die unter dem Kinn zugeknöpft
werden konnte und den Nacken bedeckte. So hätte ich Parry und Roß auf
ihrer Reise nach dem Nordpol, den ich ebenso wenig, wie sie, fand,
begleiten können. Von der Kälte spürte ich also auf der ganzen Reise
Nichts, außer, wenn ich in eine sogenannte warme Stube kam, wo ich mich
auskleiden mußte. Von Friedrichsberg aus, wo ich von meinem Vater,
der erst lachte und scherzte, aber in dem letzten Augenblick weinte,
Abschied nahm, fuhr ich noch im geschlossnen Wagen und nicht so stark
gegen die Kälte gewaffnet. Feldborg hatte Lust bekommen; mich ein Stück
Wegs zu begleiten. Er hatte nichts Anderes mit, als ein kleines in ein
Stück Papier gewickeltes Buch. Es war kein Platz im Wagen, da ich einen
Reisegefährten hatte; ich gab ihm meinen Pelz und er setzte sich auf
den Bock, wo sich der Schwager doch breit machte, weil ihm Feldborg's
Liebkosungen nicht gefielen, der ihn, aus Furcht herabzufallen, zu fest
und innig umarmte. Wir fuhren nach Kiöge. Am Morgen, als wir weiter
reisen sollten, hielt ich meinem Gefolge eine Rede und sagte: »Meine
Herren! Wenn man von einer fremden Stadt fortreist, so muß man erst all'
die Dinge laut nennen, die man bei sich hat, um Nichts zu vergessen.« Um
ihnen nun gleich ein Beispiel meiner Lehre zu geben, nannte ich Alles,
was mir an losen Reiseeffekten gehörte, vergaß aber meinen Hut, weil ich
glaubte, ich hätte ihn auf dem Kopfe; das war aber unglücklicher Weise
meine Mütze, und so vergaß ich auch wirklich den Hut. Jetzt verließ
uns Feldborg. Wir gingen erst ein langes Stück dem Wagen voran, und
er stolperte sehr gutmüthig mit seinen schwarzen Gammaschenstiefeln
auf den gefrorenen Erdklumpen umher, um mich in dem bequemeren Geleise
zu lassen. In schönem Wetter fuhr ich über Gaabensee nach Laaland.
In meinen Pelz eingepackt litt ich weder von der Kälte noch von der
Seekrankheit.
[Sidenote: Ankunft beim Kammerherrn Bertouch.]
Bei dem Kammerherrn Bertouch und seiner Gattin brachte ich angenehme
Tage zu, und lernte den jungen, freundlichen Mann kennen, mit dem ich
reisen sollte. In Wasserstiefeln watete ich mit dem Kammerherrn in Wald
und Feld umher. Die Natur gewinnt nicht, wenn man sie im Winterkleide
sieht, doch hat jede Jahreszeit ihren eignen Character; das Grün
verschwindet nicht ganz. Laaland ist doch ein sehr flaches Land, und
wenn man dort ist, bekommt man Lust, mit Hieronymus in Erasmus Montanus
zu glauben: Die Erde ist =flach=.
* * * * *
[Sidenote: Ankunft in Hamburg.]
Ich bin nun in Hamburg, »sechzig Meilen weit von meinem Herzen,« wie
der Dichter Kruse sang. Meinen letzten dänischen Abend brachte ich in
Kiel bei meinem alten Landsmanne Fischer, dem Gastwirth in der Stadt
Kopenhagen zu. Er ist Däne mit Leib und Seele, erzählt den Holsteinern,
daß er in der kleinen Königsstraße geboren sei, und an den Wänden hängen
lauter nationale Bilder. Hier sieht man den Thurm der Frauenkirche von
englischen Bomben in Brand geschossen, dort arbeiten Matrosen auf einem
Schiffe, hier wieder steht der Schauspieler Knudsen an der Zollbude und
singt vor dänischen Seeleuten. Ich war in Kiel auch Mittags beim Grafen
Bernstorff; ich sah die liebenswürdige Frau Berger Weihnachtsgeschenke
für die Kinder zubereiten und dachte an die meinigen. Einen angenehmen
Abend brachte ich bei dem feurigen, witzigen Professor Pfaff zu. Hier
traf ich Falk und Dahlmann, der seine literarische Laufbahn mit einer
Abhandlung über meine Schriften, welche, ins Dänische übersetzt,
gedruckt wurde, begann. Später scheint er sich nicht viel um dänische
Literatur bekümmert zu haben, doch war er sehr höflich und artig.
* * * * *
Wir schliefen in Bramstedt. Am nächsten Morgen war Glatteis. Wir
schnallten den einen Wagenstuhl rückwärts gegen den Wind; das milderte.
Von Kiel nach Hamburg geht es über die Haide. Am ersten Tage ging ich
über eine Meile in gutem Wetter zu Fuß; aber je mehr wir uns Hamburg
näherten, desto schlimmer wurde es. Die Alster war weit über ihre Ufer
hinausgetreten. Einige Bauern mußten uns den Wagen aus dem Morast und
dem Eise herausholen. In der Nähe lag ein gestürztes Pferd auf dem Eise,
das sich todt geschleppt hatte und der Karren stand umgeworfen daneben.
Endlich kamen wir an den neuen, halbfertigen Landhäusern vorüber, die
sich wieder aus ihrer Asche erhoben.
* * * * *
Heute war der erste Weihnachtstag; er fing mit einem außerordentlichen
Nebel an, wie man ihn selten in Kopenhagen sieht. Es kommt daher, daß
Hamburg nahe am Meere und bei der Alster und Elbe liegt. Gegen Mittag
wurde es etwas klarer; ich hörte das Glockenspiel vom Kirchthurm. Man
hat oft bei uns das Glockenspiel verspottet; nun haben wir keins. Es ist
wahr; die Melodien lösen sich fast in Klingklang auf, aber sie tönen
doch über die ganze Stadt, vor Aller Ohren, und das ist feierlich.
Auf den Straßen begegnete ich Rathsherren mit Allongeperücken, wie
in dem politischen Kannegießer; die Reutendiener gleichfalls mit
Modesten, Pumphosen und Bratspießen an der Seite, wie die Alkalden
in den spanischen Stücken. In der Kirche hörte ich die Kinder einen
Weihnachtspsalm singen. Ich höre Kinder gern, und besonders zu
Weihnachten in der Kirche singen. Der Organist spielte schön. Ich
dachte an meinen Vater, der auch Organist war, und daß meine Vorältern
es ununterbrochen viele Glieder hindurch in Schleswig und Holstein
gewesen waren. Ich dachte an den großen =Bach=, der hier wahrscheinlich
gespielt hat, an die Orgelkraft und an die tiefe Musik, die von dem
Geschlechte Bach's über die weite Welt ausging.
* * * * *
[Sidenote: Theaterbesuch. Bekanntschaft mit Perthes.]
Wir haben uns einen Wagen von dem Juden Lazarus gekauft, der für dessen
Tüchtigkeit einstehen will. Gestern hörte ich Don Juan und bewunderte
=Madame Becher= als Anna; aber ich hätte beinahe das Stück nicht zu
sehen bekommen, da ich meine Brille vergessen hatte, wenn nicht ein
gutmüthiger Mensch mir ein Perspectiv geliehen hätte. Madame Becher
singt gut; aber ich hätte fast über Mozart's Musik alle ihre Triller und
Rouladen überhört.
* * * * *
Gestern Abend spielten sie das =Käthchen von Heilbronn= von =Kleist=.
Walthers und Käthchens Charactere sind vortrefflich durchgeführt und
zeigen sich in schönen Situationen. Den Cherub, der Käthchen beschützt,
hätte ich lieber fortgewünscht; der liebe Gott hätte ihr doch helfen
können; ebenso hätte ich gern gesehen, wenn sie Bürgerin geblieben
wäre, und wenn Graf Strahl seine Eitelkeit ihrer seltnen Persönlichkeit
geopfert hätte, statt daß sie nun, wie in allen Mährchen, des Kaisers
Tochter wird.
* * * * *
Ich habe die Bekanntschaft des Buchhändlers =Perthes=, eines sehr
gebildeten und begabten Mannes, gemacht. Im Anfange stritten wir etwas
über den Correggio; er kam mit den Tieck'schen Einwendungen; schien
mir aber in meiner Vertheidigung Recht zu geben. Seine Frau ist eine
Tochter von Claudius, und aus ihren Augen strahlt die ganze gutmüthige
Begeisterung und der originelle Humor des Wandsbecker Boten. Bei
dem Herrn Poël, dem Herausgeber des Altonaer Merkurs, war ich auch.
Hier traf ich den Legationsrath Bockelmann und Baron Voigt, dessen
Bekanntschaft ich vor neun Jahren bei Frau Staël-Holstein gemacht hatte.
[Sidenote: Der zeitig entdeckte Irrthum.]
Heute Mittag fuhr ich mit Bertouch nach Altona, wo wir zu Poëls
eingeladen waren. Ein junger norwegischer Kaufmann, Herr Flood, dessen
Bekanntschaft wir gemacht hatten, fuhr mit, da er von Herrn Donner
eingeladen war. Wir wollten ihn dorthin fahren; aber er gestattete auf
keine Weise, daß wir seinetwegen einen Umweg machten, und der Kutscher
bekam Befehl, uns direct zu Poël's zu fahren. Als wir abstiegen,
fragte ich den Diener an der Thüre: »Ist es hier?« und er antwortete:
»»Ja, ganz richtig!«« -- Flood war gerade bereit, mit dem Wagen
fortzufahren, als mir glücklicherweise einfiel zu fragen: »Hier wohnt
doch Herr Poël?« -- »»Nein,«« antwortete der Diener, »»hier wohnt Herr
Donner.«« Wir riefen also unsern Norweger zurück, und nun mußte er aus
dem Wagen ins Haus, wir dagegen setzten uns wieder in den Wagen und
fuhren weiter. Es wäre sehr unangenehm für uns Alle gewesen, wenn wir
in fremde Gesellschaft gekommen wären und erst später unsern Irrthum
entdeckt hätten, obgleich es vielleicht Veranlassung zu einem recht
interessanten, kleinen Lustspiele für die Zuschauer geworden wäre.
* * * * *
Es freute mich sehr, meine Freundin =Louise Reichardt= hier
wiederzusehen. Wir gedachten der verschwundenen Jahre, vor zehn Jahren
in Giebichenstein; der angenehmen Sommerabende, wo Reichardt am Kamine
saß und die Töchter sangen. Jetzt liegt Reichardt in finstrer Erde; der
Garten in Giebichenstein gehört Anderen; Steffens wohnt in Breslau;
Schleiermacher in Berlin, Louise in Hamburg, ich in Kopenhagen. So
werden alte Verhältnisse wie die Spreu vor dem Winde zerstreut.
* * * * *
[Sidenote: Kleine Reiseleiden.]
Wir hatten viel Mühe, von Hamburg nach Haarburg zu kommen, so kurz der
Weg auch ist. Wir mußten den Wagen zur See einen Tag vorausschicken.
Nun bekamen wir einen Brief von dem Diener Christian, der mit dem
Wagen gefahren war, worin er berichtete, daß Verschiednes am Wagen
gebrochen sei, einige Riemen, einige Schrauben; daß er das Ganze für
fünf Species habe in Stand setzen lassen, und nun hoffe, daß der Wagen
vorläufig halten würde. Hierüber wurden wir sehr bestürzt und ließen
gleich Herrn Lazarus holen, der uns den Wagen verkauft und mit seiner
eignen Unterschrift für denselben von Hamburg bis Paris eingestanden
hatte. Ich hörte ihn zu Bertouch sagen: »Können Sie beweisen, daß ich
für die Riemen und Schrauben garantirt habe? ich habe nur für die Federn
garantirt«. Nun wurde es mir zu arg; ich fing an, ihn zu bombardiren
und drohte mit der Polizei. Das half; er bezahlte die fünf Species, und
diese kamen einem armen Lohndiener zu gut, der uns kurz vorher seine
Noth geklagt hatte.
* * * * *
Zwischen Hamburg und Welle hatten wir am Nachmittag Schneegestöber,
dazu kam, daß der Schwager betrunken war. Wir segelten kreuz und quer
über Acker und Wiesen, über Stock und Stein, wie Columbus, als er
Amerika entdecken wollte. Endlich wurden wir dessen müde, und wollten
den Betrunknen vom Pferde herunter haben. Aber er wollte nicht. »Lassen
Sie mich ruhig sitzen, meine Herren«, sagte er mit schläfrigen Augen
und lallender Zunge, indem er taumelte; »lassen Sie mich nur dafür
sorgen, den Weg zu finden; damit hat's gute Wege; nun finden wir gleich
das Gleis wieder!« -- Wir blieben mitten auf dem Felde stehen, das
Schneegestöber war dicht, der Abend näherte sich, und es wurde dunkel.
Es war kein Spaß; er war nahe daran, uns jeden Augenblick umzuwerfen.
»Du bist besoffen,« rief ich, »Du kannst nicht fahren, nicht sehen! Laß
den Diener fahren, der ist Kutscher gewesen, der versteht es, er ist
nüchtern!« -- »»Nein, das ist er nicht, mein Herr!«« sagte der Schwager,
»»lassen Sie mich nur fahren. Ich verlasse meine Pferde nicht. Wir sind
nicht betrunken! Wir werden schon wieder in Gang kommen! daran sind
wir gewöhnt.«« Was war zu thun? Wir kannten den Weg nicht; wir mußten
ihn also langsam fahren lassen, während Christian nebenher ging und
bald die Pferde, bald den Kutscher schlug, wie gerade der Augenblick
es erforderte. Endlich kamen wir mitten in der Nacht in ein Dorf, wo
der Schwager die Wagenstange zerbrach, gerade als wir hineinfuhren. Nun
mußten wir eine von den Bauern kaufen. Sie kamen mit einer Laterne,
einer Axt, Nägeln und Hämmern heraus, und wirthschafteten, während wir
ungeduldig dastanden und uns nach Abendbrod und Nachtlager sehnten.
Endlich kamen wir fort; aber nun ging ein Wagestock entzwei, und wir
mußten eine Latte von einem Zaume nehmen und ihn selbst wieder in Stand
setzen. Endlich erblickten wir doch das Ziel unsrer Reise, und um zwei
Uhr in der Nacht kamen wir erst in eine Herberge, nachdem wir acht
Stunden auf vier Meilen zugebracht hatten.
* * * * *
In =Brügge= zerbrach ein Rad, weil unser Wagen nicht die Spur in dem
gefrornen Geleise halten konnte. »Ein Rad kann leicht geknickt werden,
wer sieht es voraus?« sagt Giulio Romano. Eine schöne Gegend! Wir
spielten des Abends vor langer Weile Karten zusammen, das erste, und
wie ich glaube das letzte Mal auf dieser Reise, aßen gut, tranken die
Gesundheit des Herrn Lazarus, wünschten ihn zu dem reichen Mann im
Evangelium und fuhren am nächsten Morgen weiter. Nun haben wir bald
einen nagelneuen Wagen; die Federn am alten sind gut und verantwortlich
gemacht, und wir haben es schwarz auf weiß, daß sie bis Paris halten
sollten. Vorwärts!
[Sidenote: Das Celler Schloß.]
In =Celle= pilgerten wir nach dem für alle Dänen merkwürdigen Schlosse.
Es ist jetzt sehr verfallen. Die Franzosen haben es in der Kriegszeit
zerstört. Hier sieht es sehr traurig aus. In diesen finstern Hof
rollte die blühende zwanzigjährige Fürstin hinein. Schnell, wie eine
Sternschnuppe hatte sie ihre kurze, glänzende Bahn geendet, und
verschwand hier im Dunkel. Wir sahen ihren Speisetisch, wo sie täglich
einige Gäste hatte. Auch ein Theater war hier auf dem Schlosse, wo sie
zuweilen dem Schauspiele beiwohnte. Der große =Schröder= spielte vor
ihr. Ein hübsches Zimmer mit hellgrünem Dammast, mit gebohntem Boden,
und der herrlichsten Aussicht war ihr gewöhnlicher Aufenthalt, hier
hatte sie ihre kleine Bibliothek und die Bilder ihrer Kinder. In einem
finstern Zimmer daneben hatte sie nach drei Tagen einer plötzlichen
Krankheit ihren Geist aufgegeben. Sie liegt in der großen Kirche der
Stadt begraben.
In =Hannover= hielten wir uns nur einen Tag auf. Ich hatte nicht Lust
länger in einem Orte zu bleiben, wo deutscher Adelshochmuth in seinem
ganzen Flor blühen soll, obgleich ich vielleicht für meine Person Nichts
davon gefühlt hätte. Hier wird adliger Thee getrunken, und man muß die
nothwendigen Ahnen haben, um ihn genießen zu dürfen. Das wichtigste
Staatsamt, die ausgezeichnetsten persönlichen Eigenschaften helfen
Nichts, wenn das =Von= fehlt.
Herrn =Holbein= und Madame =Renner= besuchte ich auf dem Theater bei der
Probe, im Dunkel, das nur durch eine einzige Lampe erhellt wurde. Am
Abend sah ich in strenger Kälte ein Lustspiel von Holbein: »Die treue
Witwe.« Bertouch und ich waren des Abends bei Herrn und Madame Renner.
Sie gedachten mit Vergnügen des Beifalls, den sie in Kopenhagen gefunden
hatten und sangen uns einige hübsche Lieder zur Guitarre vor.
In =Göttingen= ging ich zu unsrem Freund, Professor =Welcker=.
Er brachte mich zum Hofrath =Heeren=, dem berühmten Gelehrten,
der mit Heyne's Tochter verheirathet ist. Wir besuchten auch Frau
=Rodde-Schlösser=, die in ihrer Jugend die Doctorpromotion gemacht
hat. Im reifern Alter ist die Gelehrtheit in echte weibliche Bildung
übergegangen.
[Sidenote: Kassel. Die Gebrüder Grimm.]
In =Kassel= hielten wir uns ein paar Tage auf. Ich ging gleich, um
die Bekanntschaft der Gebrüder =Grimm=, der Uebersetzer unserer alten
dänischen Kämpeweisen, und der Herausgeber vieler deutschen Sagen, zu
machen. Ich mußte lange mit einem Lohndiener umhergehen, ehe ich sie
fand. Endlich kamen wir in ein Haus, von dem man uns sagte, daß Grimm
hier wohne. Ich klopfte. »Herein!« Ich trete ein, finde einen alten
hübschen Priester an seinem Schreibtische, und frage, ob ich die Ehre
habe, mit Herrn Grimm zu sprechen. »Ja, ganz richtig.« -- Ich hatte
mir Grimms als junge Männer vorgestellt, die, sowie Riepenhausens in
Rom, unzertrennlich in einem Zimmer arbeiteten. Nachdem ich Etwas mit
dem Mann gesprochen hatte, merkte ich endlich, daß er Prediger in der
Stadt und ein entfernter Verwandter meiner Grimms sei. Ich bat um
Verzeihung; aber der Prediger war sehr freundlich und zeigte mir den
rechten Weg. Ich war in der ganzen Stadt umhergelaufen, und nun traf es
sich, daß sie gerade unserm Gasthofe gegenüber wohnten. Ich fand sie
=zusammen= auf der Bibliothek. Sie zeigten mir verschiedene merkwürdige
Manuscripte. Ich ging mit dem jüngsten Grimm gestern Nachmittag in
einem Garten spazieren, der Aehnlichkeit mit dem Südfelde hatte. Wir
eilten leicht hin über die gefrorene weiße Erde; die hohen Lindenalleen
standen zwar blätterlos; aber wir brauchten auch keinen Schatten. Wir
sprachen vom Mittelalter und der Gegenwart, und die ganze Situation in
dem schönen Winterwald mitten in einer unbekannten Gegend an der Seite
des Mährchenfreundes Grimm, schien mir selbst ein schönes Mährchen. --
Plötzlich standen wir an einem breiten Deiche, über dessen spiegelklare
Fläche mehrere Schlittschuhläufer wie Schatten dahinschwebten. In
einem Augenblick hatte unser Norweger, der mit uns ging, sich ein paar
Schlittschuhe gemiethet, und freute sich, indem er auf dem Eise große
Bogen beschrieb, wie eine wilde Ente, die nach einer langen Flucht durch
die Luft, endlich wieder das Wasser erreicht hat. Sein Beispiel steckte
mich an. Zum ersten Mal seit sechzehn Jahren lief ich Schlittschuh.
* * * * *
[Sidenote: Interessante Bekanntschaften.]
Wir haben durch Grimm die Bekanntschaft des Fräulein von Kahlenberg und
der Frau von Malzburg, zweier gebildeten Damen, gemacht. Ich bin ein
paar Abende bei ihnen gewesen und habe ihnen einige kleine Gedichte
vorgelesen. In einem ziemlich großen Kreise haben wir einmal die Rollen
des Correggio vertheilt, und so die beiden ersten Acte gelesen. Den
dritten Act las ich allein, um ihnen eine rechte Idee davon zu geben,
wie ich ihn mir gedacht hatte. Es war da ein junger Dichter in der
Familie, der denselben Namen hatte. Den fünften Act von Hagbarth und
Signe habe ich auch vorgelesen.