Die elendesten und dümmsten Gerüchte haben sich später über die Ursache

des Todes dieses edeln Weibes verbreitet, als ob es Gewissensbisse

gewesen wären. Ich, der ich ihr Freund war, und sie kannte, weiß, daß

sie das edelste, reinste Herz war, dessen ganzes Unglück darin bestand,

daß es sich einer allzu überspannten Sentimentalität hingab. Soviel ich

weiß, ist diese Geisteskrankheit auch erblich gewesen, und sie war nicht

die Einzige in ihrer Familie, die daran litt.

* * * * *

[Sidenote: Vorbereitungen zur Königskrönung.]

Im Sommer 1815 fand die Krönung auf Friedrichsberg statt. Ich schrieb

ein Gedicht und ein Lied zu diesem vaterländischen Feste. In einer

Audienz beim Könige bat ich ihn um die Erlaubniß, ihm das Gedicht

vorlesen zu dürfen. Er gestattete es mir, stellte sich gerade vor mich

hin, stützte sich auf seinen Säbel und blickte mich wie ein General an,

der einen Rapport von seinem Adjutanten erwartet. Ich las, und merkte,

daß es ihn rührte. Als ich an die Stelle kam:

»Wer hielt mit Vaterhand

Die grünen Inseln fest an Jotaland

Als rund Europa bebt'? Wer hat's gethan?

Er that es, Friederich, der echte Sohn von Dan!«

rollte eine Thräne aus seinem Auge herab, aber er verzog keine Miene,

blieb in seiner militärischen Position und schlug mit der Hand nach der

Thräne, als ob es eine Fliege gewesen sei, die sich auf seine Wange

setzen wollte.

Als ich an die Stelle vom wunderbaren Glückswechsel des Geschickes kam,

wie:

Margaretha's Vater

Ward der, der kurz zuvor nur Christophs Sohn gewesen,

schlug er das Auge nachdenkend empor, als ob er im Buche seines

Gedächtnisses nachblättern wollte, wen ich damit meinte. Als ich fertig

war, sagte er in einem fast barschen Tone: »Ich will Ihnen Nichts

sagen; Sie haben selbst gesehen, welchen Eindruck Ihr Gedicht auf mich

gemacht hat.« Ich dankte ihm, erzählte, daß ich noch ein Lied zur

Krönung geschrieben habe, und daß ich den Studenten vorschlagen würde,

es auf Friedrichsburg im Schloßgarten zu singen, wenn er es erlaubte. Er

erlaubte es, ich verbeugte mich und ging.

[Sidenote: Der Oberhofmarschall Hauch.]

Aber der Oberhofmarschall hatte indessen mit vieler Mühe, wie solch'

eine Arbeit sie immer macht, ein weitläufiges Ceremoniel darüber

ausgearbeitet, wie der Aufzug und die Einrichtung beim Krönungsfest

sein sollte. Was das Ganze hier schwieriger machte, war die Lage des

Schlosses mitten in einem See, wodurch der Platz sehr beschränkt wurde,

da der Hof nur sehr enge Eingänge hatte. Wenn nun alle königlichen

Personen, Minister und die Beamten der drei ersten Rangklassen, zugleich

mit der Garde zu Pferde und zu Fuß Platz haben sollten, so blieb

natürlich kein Platz für die Studenten übrig; und es wäre in dem engen

Raume sehr schwierig gewesen, sie hin- und zurückgehen zu lassen. Hierin

hatte nun der Oberhofmarschall vollkommen Recht; er hatte auch Ursache,

ärgerlich zu werden, wenn er sahe, daß man seine mühevolle Arbeit

verderben wolle, und da er heftiger Natur war, so war es natürlich,

daß er böse wurde. Er hatte nur Unrecht, diesem Zorne Luft zu machen,

und ihm einem Manne gegenüber zu äußern, der auch böse werden konnte.

Hätte er freundlich geschrieben, mit ein paar Worten erklärt, weshalb

er den Aufschub wünsche, und mich um denselben gebeten, bis der König

nach Friedrichsberg zurückkehrte, so hätte ich mich gleich mit Vergnügen

darein gefunden. Nun aber bekam ich ein paar schroffe Zeilen, in denen

nur stand, »daß es sich auf keine Weise thun ließe, da kein Platz

sei,« mit der Unterschrift: »=Pflichtschuldigst Hauch=.« Eine halbe

Stunde darauf hatte er eine Antwort von mir, in welcher stand: »Se.

Majestät haben uns zu kommen erlaubt und wir kommen. =Pflichtschuldigst

Oehlenschläger=.« Mit dieser Antwort ging er zum Könige, der aber

sagte: »Er solle zu mir gehen und die Sache in Güte abmachen.« Ich lag

am nächsten Morgen noch im Bette, als das Mädchen hereinkam und sagte:

»Der Oberhofmarschall sei da, und wünsche mit mir zu sprechen.« Ich

eilte in die Kleider. Die Einleitungsrepliken waren ziemlich warm und

ich sprach endlich mit so lauter Stimme, daß er mich fragte: »ob ich

nicht die Fenster nach der Straße hin öffnen wollte, damit die Leute

uns hören könnten.« Aber was war das Ende des Gesprächs? daß der edle

Hauch mich umarmte, küßte und mir sagte: »Wenn man am Hofe lebt, so legt

sich endlich eine harte Kruste wie eine Schale um das Herz. Wenn wir in

der Zukunft Etwas mit einander abzumachen haben, so wollen wir zusammen

=sprechen=. Die Buchstaben sind schwarz.« -- »Nun können Ew. Excellenz

gewiß sein, in mir stets einen Freund und Bewunderer zu haben,«

antwortete ich. So schieden wir freundlich von einander, und dieses

Verhältniß hat sich bis zum Tode des edeln Mannes viele Jahre darauf

nicht verändert, wo ich ihm einen Grabgesang dichtete, und ihn zu seiner

letzten Ruhestätte begleitete.

[Sidenote: Aussöhnung mit Thaarup.]

Bei dem prächtigen Krönungsfeste war ich auf dem Schlosse Zuschauer,

und sah wie der König und die Königin vom Bischof Münter gesalbt wurden.

Zu Mittag hatte Thaarup mich eingeladen. Wir hatten kurz vorher unsere

alte Bekanntschaft erneuert. Er hatte seit mehrern Jahren Nichts von

Bedeutung geschrieben. An die zwölf Studenten, die Baggesen auf gut

Latein herausforderten, hatte er dagegen kurz vorher auch auf gut

Latein in dem Tageblatt eine Ermahnung zu Mäßigkeit und Bescheidenheit

gerichtet. Die Ermahnung setzte Viele, besonders der Sprache wegen, in

Erstaunen, da Thaarup wahrscheinlich, seitdem er vor einigen dreißig

Jahren seine Examenarbeiten geschrieben, seine lateinische Feder nicht

eingetaucht hatte; und man weiß doch, daß es, -- wie bei den Battemens

im Tanz und den Solfeggien im Gesang, -- steter Uebung bedarf, um gut

Latein zu schreiben. Ich hatte mich mit diesem ehrwürdigen Veteran

ausgesöhnt; sein schneeweißes, dichtes Haar, seine schönen, blauen

Augen, sein römisches Gesicht und sein männlicher Ausdruck, in dem trotz

des satyrischen Lächelns die Freundlichkeit strahlte, ließen mich in

ihm noch den Dichter des »Erntefestes« lieben. Aber was ihn mir bei

dieser Gelegenheit noch lieber machte, war der verletzte Stolz mit dem

er die Einladung zu dem Festessen abgewiesen hatte, das den Sängern und

den Mitgliedern der Kapelle gegeben wurde. Thaarup fühlte, daß er wohl

einen Ehrenplatz verdiene; aber da ihm der Titel des Etatsraths (den

Prahm hatte) fehlte, so hatte er selbst für Proviant gesorgt. Er hatte

auf einem Bauernwagen Schinken, Braten, Kuchen und Wein mitgenommen,

sowie wenn man in früheren Zeiten von Kopenhagen aus in den Wald fuhr.

Eine kleine Bauernstube hatte er gemiethet. Hier gebrauchte er selbst

sehr fleißig den Propfenzieher, als der alte und der junge Dichter nicht

fern von dem Treiben des Hofes auf das Wohl des Königs und der Königin

tranken. Der kräftige Greis rührte mich durch seinen edeln Stolz; die

Gedichte, welche er zum Fest geschrieben hatte, waren ziemlich matt;

hier aber fühlte ich noch die Seele wieder in ihrer vollen Kraft blühen.

Einige Tage darauf wurde es den Studenten gestattet, am Nachmittage

hinauszukommen, und das von mir verfaßte Lied auf dem Platze an der

Steintreppe gerade über den Terassen zu singen. Die Stunde war, glaube

ich, auf sieben Uhr festgestellt. Nun hatte ich die Dreistigkeit, am

selben Tage den Mittag bei meinem Freunde =Bech= auf einem Gute vor dem

Osterthore zuzubringen. Als es Zeit war, fuhr ich nach Friedrichsberg;

der Wagen rollte rasch dahin; aber ich hatte vergessen, daß ich, wenn

ich nach Friedrichsberg kam, erst seidene Strümpfe anziehen und die

Stiefeln gegen Schuhe auswechseln mußte. Ich fürchtete, zu spät zu

kommen, und bat den Kutscher, aus allen Leibeskräften zu fahren. Das

that er denn auch; aber so langsam die Uhr ging, kam mir's doch vor,

als ob sie rascher ginge, als die Pferde. Als wir an das Rondel vor

dem Friedrichsberger Garten kamen, hatten wir Mühe, uns mit dem Wagen

durch den breiten Menschenstrom zu drängen, der sich von der Allee aus

bis in den Garten hinbewegte, um Zuschauer des Festes zu sein. Der

Oberhofmarschall hatte mich mit Ungeduld erwartet, und als er hörte,

daß es noch »Liebe ohne Strümpfe« sei, und daß ich zu meinem Vater

hinuntergehen wolle, um Toilette zu machen, bot er mir gleich ein Zimmer

und seinen Diener zur Hülfe an, indem er mit dem Kopfe schüttelte, als

ob er sagen wollte: »Die Poeten sind doch ein verdammtes Volk.« Nun

beeilte ich mich und kam auch noch zeitig genug zu den Majestäten, die

uns sehr gnädig empfingen. Es war ein ungeheures Menschengewimmel da,

und die Studenten sangen das Lied vortrefflich.

* * * * *

[Sidenote: Ernennung zum Ritter des Dannebrogordens.]

[Sidenote: Der Dichter frühere Geltung.]

Am Krönungsfeste wurde ich Ritter des Dannebrogordens, wofür ich wohl

zum Theil meinen Krönungsgedichten zu danken hatte. König Friedrich VI.

war aus der alten Zeit, und wenn ich von ihm sage, daß er mit allen

seinen übrigen guten und vortrefflichen Eigenschaften sich nicht auf

Poesie verstand und sie nicht genug achtete, so sage ich nur, was auf

viele andere brave, ausgezeichnete Männer seiner Zeit paßt. Das Uebel,

die Poesie gering zu achten, war ein alter Schaden, der sich besonders

in den protestantischen Ländern gleich nach der Reformation zeigte, die

trotz ihres großen Fortschrittes in der menschlichen Kulturgeschichte

den Fehler hatte, das Schöne und die Werke der Phantasie zu wenig zu

schätzen. Bei den Griechen genossen die Dichter die höchsten Ehren; die

Römer ahmten ihnen nach und Augustus und Mäcen ehrten Horaz und Virgil

auf gleiche Weise. In dem alten heidnischen Norden war der Skalde der

Freund und Vertraute des Königs; in Italien, Spanien und Portugal traf

es sich oft, daß Adelige Dichter waren; aber in der Periode, welche der

Reformation voranging, war das Herz erschlafft, es herrschten keine

ausgezeichneten Fürsten, große politische Unruhen hatten vorher Dante

verfolgt; Petrarca schwärmte in seiner Einsamkeit; Ariost und Tasso

waren in unsicherer Stellung; Cervantes lebte von Privatunterstützung;

Camoëns starb fast Hungers. Die Königin Elisabeth von England war trotz

ihrer großen Eigenschaften kein Schöngeist, hatte ein kaltes Herz,

und die Mörderin der Maria Stuart ahnte nicht, welchen Schatz sie

und England im Shakespeare besaß. Walter Scott hat in Kenilworth mit

historischer Wahrheit den großen Dichter dargestellt, der beim Feste

mit den anderen Domestiken in der Speisekammer ißt. Ludwig XIV. liebte

die Poesie als zum höhern Luxus gehörig, und ein gewisses, geistiges

Element, wenn es übrigens sclavisch seiner Allmacht und dem herrschenden

Vorurtheil huldigte, gefiel ihm. Ludwig XV. hatte für nichts Anderes

Sinn, als für Sinnlichkeit. Er hielt Diamanten und Glasperlen in der

Kunst für Eins und Dasselbe. Wenn von Poeten die Rede war, so zählte er

mehrere Dutzend an den Fingern auf, wobei Madame Pompadour ihm half.

»Wie könnte man sie alle ehren und belohnen?« fragte er, und Madame

Pompadour gab ihm vollkommen Recht. Was damals Etwas dazu beitrug, der

Poesie ihren Glanz wiederzuverleihen, war Friedrich's II. Liebe für das

Französische und seine Freundschaft zu =Voltaire=, die, obgleich sie

ein tragisches Ende nahm, doch lange Zeit hindurch Viel dazu beitrug,

die französische Literatur zur Hof- und Toilettenlectüre zu machen.

Merkwürdig ist die allgemeine Hochachtung, welche Klopstock sich erwarb;

aber das konnte er zum großen Theil dem Stoffe seines Gedichts: die

Messiade, danken; er bewegte mehr das religiöse, als das poetische

Gefühl, und mit der Religion war es damals in vielen Herzen Ernst. Aber

obgleich er seine Unterstützung von Dänemark erhielt, so merkte man

doch lange Zeit nichts von einem Interesse für die dänische Kunst. Das

Deutsche hatte bei dem Hof die Ueberhand gewonnen. Holberg, obgleich

er für sein eignes Geld Baron wurde, ward von der vornehmen Welt doch

nicht als Dichter geachtet; seine vortrefflichen Komödien wurden als

Farcen für den Pöbel betrachtet. Unglücklicher Weise hatten Ewald und

Wessel nicht Kraft genug, dieser Geistesrichtung entgegen zu arbeiten;

sie suchten Trost in der Flasche, und ertränkten in derselben nicht nur

ihre Sorgen, sondern zuletzt auch ihr Genie. Ausgezeichnete Gelehrte

und Beamte hatten mit ihrer ästhetischen Bornirtheit dazu beigetragen,

die schönen Künste in Mißcredit zu setzen. Ebenso wie Gram den Holberg

verachtet hatte, so verschmähte Luxdorph den Ewald und fand seinen

Balder unter aller Kritik. Friedrich VI. war kein Schöngeist; aber

kein ausgezeichneter Beamter in seiner Umgebung war es in viel höherm

Grade, als er; und bei den Gelehrten herrschte dasselbe Vorurtheil; sie

achteten die Poesie nur in Nachahmung des Griechischen und Lateinischen.

Was in meiner Jugend doch Etwas dazu beitrug, die Poesie zu ehren, war

das Glück, welches sie in Weimar gemacht hatte, wo ein junger Mann

durch sein Dichtergenie sich zum Minister emporgeschwungen hatte, und

wo die herrliche Herzogin Amalie die Schöngeister rund um sich her

versammelte und Weimar zu einem Athen machte. Aber Weimar war ein

kleines Herzogthum, welches in keiner weitern Berührung mit Dänemark

stand; und Göthe war hier lange Zeit durch nichts Anderes bekannt, als

durch ein Buch, das man auch nicht kannte, weil seine Uebersetzung von

der Polizei, als die Moralität und Sitten verderbend, verboten war.

Kein Wunder also, daß eine schöne Kunst verachtet wurde, die selbst

ein Plato früher aus seinem idealen Staate ausgeschlossen haben würde.

Der armen Poesie ist es immer schwieriger geworden, sich geltend zu

machen, als der Sculptur, Architektur, Malerei und Musik, deren Werke

die Großen theils kaufen und zu Nutzen, Bequemlichkeit und Pracht selbst

behalten, theils sich damit ohne Anstrengung unterhalten konnten. Die

Künste sind aristokratisch, aber die Poesie ist demokratisch; sie gehört

dem ganzen Volke, ihre Werke können Alle lesen, und was das Schlimmste

ist, die Poesie denkt und spricht; sie war stets der Dollmetsch für die

edle wahre Freiheit, der sich das Gute und Schöne unterordnet, und alle

liberalen Ideen sind erst von ihr ausgegangen. Deshalb haben auch die

Alleinherrscher, selbst die guten, welche sich nicht auf sie verstanden,

einen heimlichen Abscheu vor ihr gehabt, als ob ein Instinkt sie vor

einer Frucht warne, in der sich heimliches Gift befinde.

Wenn die alten Skalden zum Preise der Könige sangen, erhielten sie einen

goldnen Armring; als Friedrich VI. vor sieben Jahren den Dannebrogorden

erweiterte, so daß derselbe nicht nur ein vornehmer Hofschmuck, sondern

ein wirkliches Ehrenzeichen sein sollte, gab er gleich Thaarup, der ihn

in dem Erntefest und in Peter's Hochzeit besungen hatte, diesen Orden.

Vor sieben Jahren hatte ich bereits Aladdin und Hakon Jarl geschrieben;

aber dafür bekam ich ihn nicht, nun erhielt ich ihn.

Einer, der ihn nicht bekommen hatte, nicht erhielt und mit Recht meinte,

daß er ihn wohl verdient hätte, war Baggesen. Da Baggesen es nicht an

Weihrauch für den König gespart hatte, und da er ein ausgezeichneter

Dichter und als solcher von Friedrich VI. anerkannt war, so kann man

sich die Zurücksetzung auf keine andere Weise erklären, als daß der

König mit Baggesen's damaligem Benehmen unzufrieden war. Ein Mann, der

in jener Zeit Baggesen's Vertrauen besaß, hat mir erzählt, daß derselbe

deshalb besonders einen tödtlichen Haß auf mich geworfen hätte, und ich

war doch ganz unschuldig.

* * * * *

[Sidenote: Andersen Feldborg.]

Im Sommer 1816 hatte ich die Freude, mit meiner ganzen Familie in

Friedrichsberg bei dem Lieutnant =Bonsach=, dem Bevollmächtigten meines

Vaters, zu wohnen. -- Eines Tages, als ich in meiner Einsamkeit mit

einem englischen Buche dasaß und mich darüber ärgerte, daß ich nicht

besser Englisch verstand, trat ein Fremder ein, um meine Bekanntschaft

zu machen. Er war bleich, von etwas gelber Farbe und blatternarbig;

auch schielte er etwas mit dem einen Auge; aber sein Gesicht hatte

einen gutmüthigen, muntern, etwas schelmischen Ausdruck. Er nannte sich

=Andersen Feldborg= und kam geradeswegs von England, wo er mehrere

Jahre gelebt hatte und ganz zum Engländer geworden war. Er war zu

seiner armen Schwester (wie er sie nannte, obgleich ich glaube, daß ihr

Nichts fehlte) herübergekommen, und, um so lange es ihm hier gefiele,

Sprachlehrer zu sein. Ich zeigte ihm das Buch, in dem ich las, und

sagte: »Nun das ist ja herrlich! da können wir gleich anfangen; ich

bedarf gerade eines englischen Sprachlehrers.« Diese Introduction war

ganz nach seinem Geschmack; er gab mir eine Stunde und aß zu Mittag bei

mir, was er später oft that. Er war ein wunderlicher Gesell. Er erzählte

mir seine Erlebnisse; wie er als ganz junger Mensch die Idee bekommen

hatte, nach London zu reisen, wo er ohne Zweifel in der äußersten Noth

zu Grunde gegangen sein würde, wenn ihn nicht ein guter Mann getroffen

und geholfen hätte, bis er bei einem Buchhändler angestellt wurde. Er

verstand vortrefflich Englisch, wie ein Eingeborner, und verleugnete

doch nicht seine Muttersprache. Er bekam bald so viele Stunden, als er

gebrauchte, um anständig zu leben: aber er war ein großer Freund, halbe

Tage vom Mittage an bei seinen Eleven, die bald seine guten Freunde

wurden, zuzubringen, die ihn im Anfange gern von Sir Walter Scott,

den damals die ganze Welt las und bewunderte, erzählen hörten. Dieser

wunderliche, lustige, lebensfrohe und doch an die größte Dürftigkeit

gewöhnte Mensch hatte zuweilen einen Anfall, der mich sehr beunruhigte,

als ihn derselbe einmal bei mir befiel. Dies war ein Anfall, der früher

eigentlich nur die Damen befiel, aber nun selbst bei diesen nicht mehr

im Gebrauch war, und den man nur noch in den alten Komödien antraf, wenn

die Väter sich zu streng gegen die Töchter zeigten: er fiel in Ohnmacht.

Mir wurde ganz bange, ich hob ihn auf und rief nach Riechwasser, oder,

in Ermangelung dessen, nach Essig. Aber ehe der Essig kam, schlug

Feldborg die Augen auf, und als er sich in meinen Armen fand, rief er:

»Das ist der dritte Dichter, in dessen Armen ich heute liege.« Er hatte

nämlich denselben Anfall bei Ingemann, und bei einem Dritten gehabt,

dessen Namen ich vergessen habe. Als ich merkte, daß er die Sache hier

auch von der muntern Seite auffaßte, hörte meine Furcht auf. Er erholte

sich sehr bald und aß mit dem gewöhnlichen Appetit zu Mittag.

Er kam auch oft zu Rahbeks. Ein Mal blieb er des Abends so lange dort,

daß sie ihm auf ein paar Stühlen ein Bett zurecht machen mußten, weil

es zu spät war, um vor Thoresschluß die Stadt zu erreichen. Später,

wenn dies wieder geschah, schlief er in einem kleinen Wirthshause auf

der Westerbrücke, welches zum »blauen Ochsen« hieß. Als er eines Abends

etwas lange mit dem Fortgehen zögerte, machte Frau Rahbek ihn in ihrem

gewöhnlichen scherzenden Tone darauf aufmerksam, daß das Hügelhaus nicht

der blaue Ochse sei, worauf er schnell forteilte.

* * * * *

Auf Friedrichsberg hatte ich einen Besuch von dem berühmten E. M.

=Arndt=, nicht dem früher erwähnten Sonderling, sondern dem Professor

in Bonn, dem Verfasser vom »Geist der Zeit,« nach seiner Art auch ein

Alterthumsforscher. Er beschäftigte sich nämlich damit, die Spur der

Ausbreitung der alten Volksstämme zu untersuchen, die sich natürlich

nicht nach den gegenwärtigen geographischen Eintheilungen richteten.

Arndt war in Schweden gewesen und hatte sich über die Dalekarlier

gewundert, ein untersetztes schwarzhaariges, heftiges Geschlecht,

von südlicher Natur, nach Arndt's Ansicht durch eine unbekannte

Völkerwanderung zwischen die schlanken, blonden, ruhigen Skandinaven

eingekeilt.

* * * * *

[Sidenote: Bühnen-Conflicte.]

In diesem Jahre bekam ich den unglücklichen Einfall, Freia's Altar

zu einer Komödie umzuarbeiten, in der ich, trotz meiner Tadler, die

Ausgelassenheit noch weiter trieb, die man in Freia's Altar getadelt

hatte. Obgleich Verschiednes in der Umarbeitung wirklich besser wurde,

z. B. Guilielmo's und Clausine's Liebesverhältniß, und obgleich Madame

Geldschlingels Scenen den anderen wohl nicht viel in Heiterkeit

nachgeben, ohne das Decorum zu übertreten (denn es ist, wie einer der

Vertheidiger des Stückes richtig sagte, ein Unterschied zwischen einer

betrunkenen Frau und einer Frau, die trinkt), so leugne ich doch nicht,

daß das Stück durch diese Umarbeitung zu reich an Späßen wurde, und

Etwas von seiner ersten jugendlichen Naivetät verlor. Bilbo, der der

einzige eigentlich übertriebne Character im ersten Stück ist, wurde

es hier noch mehr. Die Grille, das Stück so auf die Bühne zu bringen,

lag wohl theils in einem gewissen Stolz, daß ich, der doch anerkannte

Dichter, durch die ewigen Zurechtsetzungen von Leuten gelangweilt und

geärgert wurde, die meine Kunst weder verstanden, noch den echten

Sinn für sie hatten; theils war ein andres Stück von mir da, das aus

demselben Sauerteiche bestand, wie Freia's Altar, und das viele Jahre

hindurch (und auch lange Zeit nachher) ein Lieblingsstück des Publikums

war und blieb. Dies war =der Schlaftrunk=, in welchem die komischen

Charactere und der lustige Dialog durchaus mir gehörten, weshalb

ich auch später dieses Stück in der Sammlung meiner eigenen Werke

aufgenommen habe.

Freia's Altar ist als burleske Komödie gewiß viel poetischer und

ebenso komisch, wie der Schlaftrunk. Sie hatte lange Zeit mit

zur Lieblingslectüre der Jugend gehört; sie war mehrere Male auf

Privattheatern mit großem Beifall vor Gebildeten und Ungebildeten

gespielt worden. Was Wunder, daß ich (dem von der Gegenpartei nun

alles komische Talent abgesprochen wurde) mein Stück gern einmal von

unseren herrlichen Komikern aufgeführt sehen wollte? Aber dieser lustige

Altar der Freia wurde stets von einem tragischen Geschick verfolgt,

und ich benahm mich ungeschickt, um ihn zur Aufführung zu bringen.

Wie sehr hätte ich mir Etwas von der Schlauheit wünschen können, mit

der =Beaumarchais= in Frankreich, trotz des Verbots des Königs und

der Polizei, seinen Figaro in Versailles zur Aufführung zu bringen

wußte; was La Harpe, der ihm einige Tage nach der Aufführung begegnete,

Veranlassung gab zu sagen: »Ich bewundere den Witz in Ihrem Stücke, und

noch mehr den Scharfsinn, den Sie angewandt haben, um es zur Aufführung

zu bringen.« Ich war nun einmal böse und wollte es erzwingen.

[Sidenote: Die Theatercensoren.]

[Sidenote: Rahbek und Etatsrath Olsen.]

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3 · 第 7 / 17 段