In allen Literaturen findet man Beispiele genug, daß ausgezeichnete

Schriftsteller aus Neid von weniger Begabten, ja selbst von Pfuschern

angegriffen wurden. So sehen wir in der Vorrede zur zweiten Hälfte des

Don Quixote, daß Cervantes über einen Anonymus klagt, welcher behaupte,

einen andern bessern Don Quixote, als der Dichter selbst, herausgegeben

zu haben. Was hat Shakspeare nicht verdauen müssen, ehe er zu Ehre und

Würden gelangte? Lessing wurde von Klotz und Götze; Göthe von Kotzebue

von Menzel und Pustkuchen als ein schlechter Poet heruntergerissen.

So hatte ein gewisser =Paulli= in Holberg's Zeit den politischen

Kannegießer umschrieben. An und über diesen Paulli und Consorten schrieb

Holberg witzige Vorreden unter dem Namen von Hans Mikkelsen und Just

Justesen. Peter Wegner versetzte sich ganz in den Holberg'schen Ton

und schrieb: »Ein kleines nützliches Unterhaltungsbuch« an Baggesen, in

welchem Holberg selbst die Baggesen'schen Angriffe mit der Geißel der

Satyre widerlegt.

Auch Thaarup und Rahbek wurden plump von Baggesen angegriffen. In

der sogenannten =Judenfehde=, welche darin bestand, daß man, durch

das Beispiel fremder Nationen dazu aufgemuntert, ein paar Abende

hindurch mehreren Juden die Fenster einschlug, übersetzte Thaarup eine

mittelmäßige Farce: »Unser Verkehr« gegen die Juden. Das hätte er

unterlassen sollen. Aber in Folge dessen warf Baggesen ihm vor, daß er

nicht Dänisch schreiben könne. In seinen besten Werken hatte Thaarup

stets ein sehr reines und gutes Dänisch ohne Einmischung von Germanismen

geschrieben, was man nicht von Baggesen und während meines Aufenthalts

in Deutschland auch nicht von mir sagen konnte, weil es fast unmöglich

ist, sich bei längerem Aufenthalt in einem fremden Lande vor jeder

Einmischung einzelner fremder Worte zu hüten. Baggesen gebrauchte immer

deutsche Redensarten. -- Das Lob, welches Rahbek seinen Reimbriefen

gespendet hatte, mußte ihm zu bitteren Angriffen gegen Rahbek dienen.

Er kehrt stets zu diesem Lobe zurück, als ob es nie früher so gehört

worden wäre, und thut, als ob er aus Groll über so übertriebenen Ruhm,

das Bedürfniß fühlte, Rahbek zu verhöhnen. Das Wunderlichste war, daß

er mitten unter diesen unbefugten und bitteren Angriffen gegen Andere

sich selbst mit Mitleid, wie ein armer verfolgter Mann betrachtete.

Er schrieb unter Anderm hierüber eine Elegie, welche Peter Wegner

gleichfalls in seinem Unterhaltungsbuch unter dem Namen von Just

Justesen verspottete; er nannte es ein weinerliches Stück, das gut zu

allen Instrumenten paßt, besonders zur Sackpfeife und Drehorgel.

Diese Persiflage Peter Wegner's darf nicht als der freche Angriff

eines jungen Menschen gegen einen Mann von Renommé und unbezweifelten

Verdiensten betrachtet werden; selbst einem unbedeutenden Schriftsteller

gegenüber ist die Persiflage eine schlechte Waffe; nur Eins giebt es,

das sie mit Recht angreift: das ist die Persiflage selbst; sowie man

Skorpionstiche durch zerdrückte Skorpionen heilt. Daß Baggesen diese

Waffe vorher leider in hohem Grade gebraucht hatte, daß es besonders

über mich herging, ja zuletzt bis zu den gröbsten Beleidigungen,

Unwahrheiten und Schmähworten gesteigert wurde -- es wäre Feigheit von

mir, wenn ich dies verschweigen und in meiner Biographie nicht erwähnen

wollte, jetzt, wo alle Menschen diese Angriffe lesen können und sie

aufbewahrt sind, nicht in den ersten Tagesblättern, denn da würden sie

mit dem Tage verschwunden sein, und dann würde ich ihr Andenken gewiß

nicht auffrischen; aber sie sind neuerdings in Baggesen's gesammelten

Werken erschienen, und, wenn nicht für die Ewigkeit, so doch für eine

lange Zeit aufbewahrt. Doch allzu lange will ich bei dieser unangenehmen

Angelegenheit nicht weilen und nur bemerken, daß Baggesen mich nicht

wie einen übrigens verdienstvollen Dichter behandelte, der nur einige

seiner Ansicht nach mißglückte Arbeiten hervorgebracht hatte, sondern

wie einen dummen und unwissenden Jungen, der unbegreiflicherweise

zu seinem frühern Renommé gelangt war; der nicht richtig über die

gewöhnlichsten Dinge denken konnte und durchaus nicht im Stande war,

seine Muttersprache zusammenhängend zu schreiben. So recensirte er

Ludlam's Höhle, wo er unter Anderm über die Charactere des Stückes sagt,

daß »die in der =Suppenmalerei= angebrachten rothen Krebse des Dichters

nicht allein verzeichnet, sondern grau sind.« Peter Wegner hat ihn auch

in Veranlassung dieser Recension das ganze Uebergewicht seiner gesunden,

ehrlichen, witzigen Kritik fühlen lassen. Auch der kecke, geniale

Carsten Hauch griff Baggesen an und hieb seinen Geierschnabel in Dessen

kritische Leber. =Paul Möller= schrieb die vortreffliche Parodie auf

Baggesen's: »Als ich klein war.« Zwölf ausgezeichnete Studenten glaubten

Baggesen wegen seiner unwürdigen Aufführung gegen ihren Geschmackslehrer

zur Rechenschaft ziehen zu müssen und forderten ihn auf Lateinisch

heraus, um seiner eingebildeten Gelehrsamkeit zu spotten. Obgleich ich

selbst ihm nicht antworten mochte, und es dessen auch nicht bedurfte, da

die Anderen mir die Mühe ersparten, so schien es mir doch eine Pflicht

gegen mich selbst zu sein, ihm öffentlich meine Verachtung gegen seine

tiefe Beleidigung zu zeigen. Ich schrieb im »Fischer« einen Chor, in

dem ich ihn und Consorten auf aristophanische Weise geißelte. Es war

natürlich, daß er also über den Fischer mit verdoppelter Erbitterung

herfiel.

Baggesen's Art, mich zu recensiren war, wie gesagt, ohne alle

ästhetische Bedeutung und befaßte sich nie mit dem Poetischen; dessen

Mangel setzte er als Etwas voraus, das sich von selbst verstand. Seine

Angriffe waren lauter Klagen über den Mangel an Ordnung und Zusammenhang

in dem Materiellen, zu dessen Beobachtung es doch nur des einfachen

Menschenverstandes bedurfte, und bei dessen consequenter Durchführung

das Stück doch ganz unpoetisch sein konnte.

Einen starken Gegner fand Baggesen noch im =Verfasser der zwölf

Paragraphen=. Wenn Peter Wegner Baggesen mit Büchsenkugeln traf, so

schoß dieser ihn mit Kartätschenkugeln nieder; nur Schade, daß er

in seinem Zorn auch das Gute und wirklich Dichterische angriff, das

Baggesen hervorgebracht hatte; denn dadurch schwächte er seinen Angriff

und seinen Sieg, wo er Recht hatte.

* * * * *

[Sidenote: Hagbarth und Signe. -- Helge.]

Ehe ich den =Fischer= schrieb, dichtete ich im Winter 1813-14 =Hagbarth

und Signe=, ein Seitenstück zu Axel und Valborg. Ungeachtet sie einander

darin gleichen, daß Beides nordische Liebestragödien, ziemlich kurz,

ohne Episoden, mit der Einheit der Zeit, des Orts und der Handlung

sind, suchte ich doch im Wesentlichen diese Bilder sehr verschieden

von einander zu zeichnen: Axel und Valborg im Geist des christlichen

Mittelalters und Hagbarth und Signe in dem des nordischen Heidenthums;

beide natürlich idealisirt und mit dem Gepräge von des Dichters eignem

Herzen, seiner Phantasie und seinem Gedanken. Die Leidenschaft der mit

Tapferkeit und Verwegenheit verbundenen Liebe, die sich plötzlich in den

Herzen Hagbarth's und Signe's entzündet und ihnen Muth verleiht, das

Leben zu wagen, und mit Heldentrotz den Tod für einander zu dulden, war

der Gegenstand des einen Stückes; das durch das Christenthum gemilderte

Gefühl, von den Jahren der Kindheit an gestärkt, das die Blume der Treue

und Hingebung in Axel's und Valborg's Herzen zur Reife brachte, ist der

Gegenstand des andern. So gleicht Hagbarth und Signe einem Nachtstücke,

mit Tannen über dem Abgrunde, wo der Mond halb hervorbricht; Axel und

Valborg ist ein mildes Gemälde blühender Natur in der Abendröthe. --

In der Zeit, wo ich kleine Stücke und Singspiele geschrieben hatte,

war =Ingemann= aufgetreten und hatte sich wohlverdienten Beifall durch

seine lyrischen Gedichte erworben; auch bewunderte das Publikum seinen

=Masaniello= und =Blanca=. Letzteres hatte Furore gemacht. Hagbarth

und Signe machte doch auch Glück und nun fühlte ich mich gestärkt und

begeistert, wieder ein großes Bild des Altnordischen zu malen, in dessen

Geist ich mich durch Hagbarth und Signe wieder hineinversetzt hatte.

Um mich dieser Begeisterung recht ungestört zu überlassen, miethete ich

mir ein Zimmer auf Friedrichsberg in der Küsterwohnung, und hier saß

ich, wo nur eine Wand mich von der Schule trennte, in der ich meinen

ersten nothdürftigen Kinderunterricht genossen hatte, und schrieb

=Helge=. Ueber dieses Gedicht ist bei dänischen Lesern nur eine Meinung

gewesen und Baggesen wagte nicht, es anzugreifen; er schwieg stockstill

darüber. So hatte ich nun also, was nordische Heldendichtung betraf,

meine Autorität wieder gewonnen; aber meine Tadler hatten doch viele

Leute zu dem Glauben gebracht, daß die nordische Heldendichtung die

einzige Sphäre sei in der ich mich mit Glück bewegen könne, und daß dem

Verfasser des Sanct Johannisabendspiels, der Langelandsreise, Freia's

Altars und Aladdin's von der Natur kein Beruf für das Komische und

Witzige verliehen sei. Daß dies mich verstimmte, war natürlich. Nach

Allem, was ich in der Kunst gewirkt hatte, noch wie ein Schulknabe

betrachtet zu werden, der in seinen Zeugnissen bald =Mittelmäßig=, bald

=Schlecht= erhielt, war ein trauriger Lorberkranz. Hiezu kam, daß sich

meine ökonomischen Verhältnisse auch verschlechterten, theils durch

Mangel an sicherer Einnahme, denn ich hatte nur 1200 Thaler Gehalt mit

Weib und drei Kindern, theils durch mein schlechtes Buchhändlertalent.

Die ersten meiner Werke, die reißend abgegangen waren, hatte ich den

Buchhändlern fast für Nichts gegeben; nun verlegte ich selbst Werke, die

von Baggesen und seinen Anhängern heruntergerissen wurden, und obwohl

ich an ihnen Etwas hätte gewinnen können, wenn ich sie verkaufte, so

verlor ich nun und gerieth in Schulden, die sich um Vieles steigerten,

als im Jahre 1813 die =Geldreorganisation= eintrat, die nicht allein

mich, sondern viele reichen Leute zu Bettlern machte!

[Sidenote: Verfehlte Buchhändlerspeculation.]

In solchen Stimmungen wird die Begeisterung für das Hohe und Große bei

der Nation und zugleich bei dem Dichter geschwächt. Was dazu beitrug,

diese allgemeine Verstimmung zu vergrößern, war =Napoleon's= Fall. Die

Dänen hatten es stets mit ihm gehalten und theilten nicht die Freude

der heiligen Alliance, als er das unglückliche große L'hombrespiel

mit Blücher und Wellington gespielt, mit Spadille quaskirte, und,

obgleich er beinahe gewonnen hätte -- durch ein dreistes, unvermuthetes

Ausspielen von Blücher, der in der zweiten Hand saß und das erste Mal

gestochen war, es Wellington ermöglichte, Napoleon in der Hinterhand

_bête_ ja sogar _codille_ zu machen.

Man weiß, daß es nicht meine Art ist, viel zu politisiren, das heißt,

mich groß mit den Staatsbewegungen der Zeit und des Augenblickes zu

beschäftigen. Hierzu gehört, daß man dem Journallesen einen so großen

Theil seiner Zeit opfert, daß es dem Künstler und dem Dichter schadet,

dessen Beruf es ist, nicht für den Augenblick, sondern, so gut er kann,

für die Ewigkeit zu wirken, indem er die Erinnerungen der Vergangenheit

und die Ahnungen der Zukunft mit der Zeit verbindet, in der er lebt.

Aber ein Dramatiker, ein historischer Tragiker ist kein Kind, das nur

in seinen eigenen Träumen dahingeht. Jede historische Tragödie ist

politisch und in den Staatsverhältnissen der Zeitalter, der Nationen

begründet. Diese braucht er nur nicht aus ermüdenden, weitläufigen

Verhandlungen, sondern in der Quintessenz zu kennen. Diese Quintessenz

war mir stets von Wichtigkeit, auch in der neuesten Periode meiner

eignen Lebenszeit, und deshalb giebt es wenige historische Hauptwerke,

die ich nicht gelesen.

[Sidenote: Gedanken über Napoleon.]

Es ging mir nicht wie vielen Anderen: ich lernte Napoleon im Anfange

nicht von der brillanten Seite kennen; im Gegentheile von der

Schattenseite. Während der Schlacht bei Jena war ich in Weimar von

dem Haß der Deutschen gegen ihn umgeben. Ich lernte ihn bald als den

herrschsüchtigen Unterdrücker kennen, später aber auch seine großen

Eigenschaften schätzen. Das Große bei Napoleon bestand darin, daß

er ein =Genie= war; und das Schöne seiner Zeit darin, daß das Genie

herrschte. Denn das Mißverhältniß, in dem gewöhnlich die unterdrückten

geistigen Kräfte zu der zufälligen oft kleinlichen Macht stehen, fand

unter ihm nicht Statt; jede ausgezeichnete Tüchtigkeit, die sich

ihm anschloß, konnte ziemlich gewiß sein, Glück zu machen. Napoleon

war ein mathematisches Genie und ein großer Held. Aber er war auch

Welt- und Menschenkenner, und verband mit seinem Genie in hohem Grade

den unentbehrlichen (und doch so oft fehlenden) praktisch gesunden

Menschenverstand. Kraft, Fleiß, Aufmerksamkeit, Ueberblick waren bei

ihm außerordentlich, und machten ihn zu einem ebenso tüchtigen und

seltenen Fürsten im Frieden, wie Helden im Kriege. Unglücklicherweise

war er, wenn ich es so nennen darf, auf dem einen Ohre taub: das heißt,

ein großer Theil des Lebens sowie auch der Zeit, die er nur halb

verstand, entging ihm. Zwei wichtige Dinge fehlten ihm: er konnte

nicht Deutsch und war kein Schöngeist. Als Repräsentant der neuern

Zeit hätte er auch die letzten Kapitel der vorhergegangnen Zeit lesen

sollen, und das hatte er nicht gethan; den ganzen Fortschritt der

Intelligenz in Deutschland kannte und achtete er nicht. Er hatte Recht,

sich von spitzfindigen, philosophischen Verschrobenheiten abzuwenden;

aber er haßte alle tiefdenkenden, frei fühlenden Schriftsteller; er

sonderte die Spreu nicht vom Weizen, und unter dem ihm verhaßten

Namen von Ideologen verwarf er sie alle. Ehrgeiz hatte ihn stets

hingerissen; nun auf der Höhe seiner Gewalt bekam leider Eitelkeit das

Uebergewicht. Er begann als Vertheidiger der Freiheit, und endigte

damit, Alleinherrscher sein zu wollen. Ganz Europa hätte er gern unter

sein Scepter gebeugt. Es ist höchst wahrscheinlich, daß er den Ländern

Wohlstand und gute Einrichtungen gebracht und unzählige Mißbräuche

abgeschafft hätte; aber er hätte auch die schöne Verschiedenartigkeit

der Nationen verwischt, deren es, um sie zu begreifen, zu schätzen,

zu beurtheilen, eines =poetischen= Geistes bedarf. Und wenn er auch

in sich =selbst= die Kraft fühlte, ein solcher Herrscher zu sein; was

sollte nach seinem Tode werden? Sein Egoismus war unendlich, und die

Eitelkeit untergrub seine Macht. Er gab Oesterreich nach und benutzte

nach der Schlacht bei Austerlitz seine Vortheile nicht. Er wollte sich

durch Verheirathung einem alten Herrschergeschlechte anschließen. Er

hatte Nichts dagegen, obgleich er darüber lächelte, daß man ihn in die

griechische Kaiserfamilie der Komnenen hineinlügen wollte. Es giebt

ganze Nationen, die fast aus lauter Edelleuten bestehen: Die Isländer,

die Hochschotten, die meisten Polen und Ungarn, und die Corsikaner

wollen auch alle adelig sein. Diese Forderung wurde auf der kleinen

Insel auf 400 Familien eingeschränkt, deren eine Napoleon's war. Aber

es tröstete doch den Kaiser Franz ein Wenig, daß sein Schwiegersohn

kein vollständiger Roturier war. Napoleon's Mangel an poetischem Sinn

veranlaßte ihn, alle Menschen über einen Kamm zu scheeren; auf das

Characteristische, das die Handlungen bestimmt, verstand er sich nicht.

Deshalb täuschte er sich so sehr in den Spaniern, den Russen, und als

die Begeisterung in Deutschland von den Universitäten her und durch

die Dichter geweckt worden war, in den Deutschen. Er hatte kein warmes

Herz; man konnte es nicht klopfen fühlen, wenn man ihm die Hand auf die

Brust legte; aber er war freundlich und oft liebenswürdig im Umgang,

wenn er nicht böse war; er konnte Scherz, selbst Neckerei (z. B. von der

Herzogin von Abrantes) vertragen; er ließ sich, selbst ein Gelehrter,

gern in Gespräche mit ausgezeichneten Gelehrten ein; auch vorzügliche

Künstler und Dichter achtete er, aber es hatte doch keine rechte Art

damit. Er sagte wohl einmal, hingerissen von Corneille's beredter

Schilderung der Heldenkraft, daß er ihn zum Herzog machen würde, wenn

er noch lebte; aber nun war Corneille glücklicherweise todt, und er

wagte also Nichts bei diesem Versprechen. Daß er nicht den Muth hatte,

seinen =Freund= Talma (der ihn so viel schöne Manieren gelehrt, und ihm

in den Jünglingsjahren als armen Lieutnant Geld geliehen hatte) zum

Ritter der Ehrenlegion zu machen, und so das elende Vorurtheil gegen den

Schauspielerstand auszurotten, ist bekannt. Als er dem an den Felsen

gefesselten Prometheus gleich war, liebte ich Napoleon wieder. Ich

sagte wie Brutus in Shakespeare's Julius Cäsar: »_Joy, for his fortune;

honour for his valour; and death, for his ambition!_« Grausam war er

nicht; denn daß er viele Jahre hintereinander die Menschen tausendweis

auf dem Wahlplatz tödten ließ, kann nicht Grausamkeit genannt werden;

dies war eine Kampflust, welche er mit dem ganzen Heere theilte, und

bei welcher er sein Leben jedes Mal ebenso sehr aussetzte, wie das

jedes Andern. Er entschuldigte sich hier mit Gründen, vor denen das

fühlende Herz Abscheu empfindet, die aber Vernunft und poetisches Gefühl

schwerlich angreifen konnte: »der Krieg stärkt Kraft und Muth des

Mannes, rottet das Kleinliche aus und bietet Gelegenheit, Unzählige zu

beschäftigen, die die Armuth sonst zu Grunde richten oder entsittlichen

würde.« Zu Napoleon's Zeit drohte kein Proletarier; kein Cartouche oder

Mandrin wurde gerädert; unter Bonaparte wären sie vielleicht Generale

geworden. Aber als er gegen das Ende hin seine Aufgabe übertrieb und

Alle merkten, daß er nicht mehr für Frankreich, sondern für sich

kämpfte, da verlor er auch das Zutrauen und die Liebe der meisten seiner

Generale. Napoleon schlug seine Feinde in drei Lebensperioden auf drei

Arten: erstens durch seine eigne und die Begeisterung und den Muth der

französischen Revolutionsmänner; dann durch seine Kriegskunst, wie ein

großer Schachspieler auf dem europäischen Schachbrette; endlich durch

die Masse, durch das Uebergewicht der Truppen. Diese letzte Art war die

am wenigsten ehrenvolle und richtete auch das Land zu Grunde, das er

vertheidigen sollte; es raubte Frauen und Kindern ihre Männer und Väter;

zwang halb erwachsene Knaben, die kaum das Gewehr schleppen konnten,

mit in den Krieg zu ziehen; und die Felder konnten nicht hinreichend

bebaut werden. Wenn der Krieg zu Ende war, fühlte Napoleon Mitleiden

mit den verwundeten Kriegern. Aber das Leiden, welches das Gefühl zu

augenblicklichen Thränen durch die Einwirkung eines sinnlichen Bildes

auf die Phantasie rührt, ist nicht das wahre Mitleiden, das in dem

Herzen und der Liebe wurzelt und dem verwandt ist, welches der Erlöser

für die ganze Menschheit empfand. Dieses höhere Gefühl kannte Napoleon

nicht. Deshalb war er sich auch trotz seines stolzen Ehrgeizes nicht

der höhern Menschenehre bewußt. Mit dieser hätte er nicht angefangen,

sein Heldenglück auf eine demüthigende Weise durch den Einfluß eines

Weibes zu machen; hätte er nicht die Freundin des Revolutionsmannes

Barras geheirathet, um weiter zu kommen; mit diesem Gefühle hätte er

seine Macht nicht durch das gemeine Spioniren von Talleyrand und Fouché,

zweier Elenden, die er selbst verachtete, gestärkt; mit diesem Gefühl

hätte er nicht die unverzeihlichen Justizmorde an Palm und dem Herzog

von Enghien begangen.

Aber ich weiß sehr gut, daß weder Alexander der Große, noch Julius Cäsar

moralisch besser waren, als Napoleon; und wenn wir mit Alexander und

Cäsar gelebt hätten, so würden wir sie trotz all' ihrer Fehler doch sehr

vermißt haben, wenn sie dahingegangen wären und die Mittelmäßigkeit

wieder in ihr altes Recht eingetreten wäre, und ihr einfältiges Haupt

wieder erhoben hätte.

Wie bereitwillig ist das Herz nicht, den großen unglücklichen Mann zu

entschuldigen und ihm zu vergeben, der, indem er außerordentliche Kräfte

an den Tag legte, die Menschennatur zu unsterblicher Ehre führte? »Führe

uns nicht in Versuchung,« beten wir Alle; dem Dichter und Künstler ist

es leicht, das zu entwickeln, was die Natur ihm gegeben hat; er braucht

als Material nur das Bild der Natur, die Geschichte und seine eigne

Phantasie. Aber der Held und der Staatsmann findet seinen Stoff in der

Nation, in den bürgerlichen Institutionen und den Lebensverhältnissen.

Die soll er ausbilden; und hier führt die widerstrebende Natur der

Dinge ihn oft auf Irrwege, oft dahin, Mittel zu wählen, die vor

dem Richterstuhle der Moralität nicht vertheidigt werden können,

und doch die einzig möglichen waren, um das Ziel zu erreichen. Die

Spitzfindigkeit, der Macchiavellismus entschuldigt sie; der Jesuitismus

vertheidigt das Mittel des Zweckes wegen; aber dies ist eine gefährliche

Philosophie, welche zu den größten Lastern und Verbrechen führt.

* * * * *

[Sidenote: Der Gräfin Mynster letzte Tage.]

Ich hatte gerade =Helge=, als eine Frucht meiner stillen Stunden in

der einsamen Küsterstube, beendigt, als eine traurige Begebenheit

mir den Aufenthalt daselbst zuwider machte, und mich veranlaßte,

meine Sommerwohnung nicht mehr in dem schönen Septembermonat zu

benutzen. Meine Freundin, Gräfin Mynster, hatte lange an einer tiefen

Melancholie gelitten, welche anfing gefährlich zu werden, weil sie

sich immer mehr und mehr dem stillen Wahnsinn näherte. Ich hatte sie

lange nicht gesehen, als Frau Brun mich bat, nach Sophienholm auf

Frederiksdal hinauszukommen, wo Gräfin Mynster versprochen hatte, sie

zu besuchen. Frau Brun meinte, daß wenn es Jemanden gäbe, der die

Gräfin Mynster aufmuntern und in eine heitere Laune versetzen könne,

ich dies sein müsse, ich, dem es früher oft durch poetischen Scherz und

freundschaftliche Liebe, zuweilen selbst durch einen etwas dreisten

Spott gelungen war, die allzuweit in den höheren Regionen zwischen

kalten Wolken umherschwebende Seele des edlen Weibes in die tieferen

Thäler herabzuziehen, wo Wärme, Schatten, Blumen und Früchte waren.

Ich kam also hinaus und fand sie im Sopha sitzen; aber kaum hatte ich

sie gegrüßt und mein Auge auf das ihrige gerichtet, als ich sah, daß

-- es vorbei sei; es war nicht mehr die geistreiche, freundliche, nur

allzu gefühlvolle Dichterin; es war das Gespenst der Dahingegangnen,

das mit einem todten, träumenden Nebelblicke auf mich hinstarrte.

Die Unterhaltung war matt und inhaltslos; sie antwortete kaum mit

den nothwendigsten Worten, dann schwieg sie wieder und starrte vor

sich hin. Wir gingen im Garten beim Wasser spazieren und ich achtete

sorgfältig auf sie, doch ohne daß sie es merkte, weil ich fürchtete,

daß sie hineinspringen würde. Als wir wieder ins Haus kamen, nahm ich

mit einem Gefühle Abschied, welches ich unterdrückte, und in der festen

Ueberzeugung, daß sie sich nie wieder erholen würde.

Dies war nur allzuwahr und ich sah sie nie wieder. Als Hofdame der

Königin war sie mit nach Friedrichsberg hinausgefolgt; sie wohnte neben

den anderen Hofdamen, die sie Alle liebten und sorglich beobachteten.

Aber eines Tages hatte sie sich von der Tafel dispensirt, weil ihr nicht

ganz wohl sei. Gleich nach aufgehobner Tafel eilte Fräulein Levetzau

zu ihr -- fand aber die Thür verschlossen. In Angst eilte sie zur

Herrschaft zurück und theilte ihre Befürchtungen mit. Der König ging

selbst zum Zimmer der Unglücklichen, ließ die Thür aufbrechen und fand

sie -- todt!

[Sidenote: Leichenbegängniß der Gräfin Mynster.]

Keine Leiche, welche nicht königlich war, durfte der Etiquette zufolge

auf dem Schlosse bleiben. Man war in Verlegenheit, wohin man die Leiche

bringen solle. Als ich dies hörte, sagte ich: »Bringt sie in meine

kleine Küsterwohnung, dort kann ihr Sarg stehen, bis sie begraben wird

und von da sind es nur wenige Schritte bis zum Kirchhofe.« Damit war man

auch sehr zufrieden und von hier aus ging auch der Zug, dem sich ihre

Verwandten und alle Hofcavaliere anschlossen. Brandis und ich folgten

auch; wir gingen zusammen. Wäre ich abergläubisch gewesen, so hätte ein

eigenthümlicher Zufall mich unruhig machen können; aber ich kümmerte

mich nicht darum und es hatte auch keine Folgen. Als der Sarg in das

Grab hinabgesenkt war, wollte ich ihn noch einmal sehen, strauchelte

aber über einen Erdhaufen, fiel und schlug mir den Nagel am rechten

Daumen, so daß er blau unterlief. Ich zeigte ihn Brandis, der mir

natürlich mit ernster Miene ein Unglück prophezeihte.

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3 · 第 6 / 17 段