eines übrigens zu billigenden Grolls, als er sich verschmäht und
verkannt fühlte. Sein herrlicher »Wilhelm Tell«, der allen folgenden
Zeiten zum Muster dienen kann, ist ein Meisterstück und in der »Braut
von Messina« finden sich, ungeachtet der erwähnten Fehlgriffe, herrliche
Dinge und Scenen, die des großen Meisters vollkommen würdig sind.
Schiller hatte seine Dichterkraft nicht verloren, als er starb; sein
Körper, nicht sein Geist unterlag. Obgleich zuweilen etwas zu streng
(z. B. gegen Bürger), war er doch der edelste Mensch, der liebevollste
Mann und Vater. Sein schöner Tod ist äußerst rührend; das Menschliche,
das Humane beseelte ihn; selbst den eine Zeit lang zu großen Hang zur
speculativen Philosophie bekämpfte er, um naiv zu bleiben. Er beklagt
sich selbst oft in seinem Briefwechsel mit Humboldt darüber, daß sie
seinen freien Dichtergeist zu sehr in spitzfindige Labyrinthe gebracht
habe. Hätte Schiller länger gelebt, so bin ich gewiß, daß ich in ihm
einen Freund, einen Vater gefunden haben würde; dessen versicherte mich
seine edle Gattin so oft.
Aber mit Göthe? Aus den Augen, aus dem Sinn! Er ergriff jeden
Gegenstand, der ihm begegnete, mit aufmerksamer Genialität. So gefiel
ihm auch mein Wesen, -- der junge, fremde, ihn bewundernde Lehrling.
Aber als ich, auch als deutscher Dichter, auf meinen eigenen Füßen stand
-- als Deutschland anfing, aufmerksam auf mich zu werden, war es vorbei.
Ueber meinen Palnatoke, den ich ihm früher gesandt hatte, sprach er kein
Wort. Correggio konnte er nicht leiden, der war zu sentimental. War
Palnatoke auch zu sentimental? Nein! Göthe konnte nun das Heroische
ebenso wenig, wie das Gefühlvolle, leiden. Helden hat er eigentlich nie
geschildert. Der kräftigste, liebenswürdigste Mann, den er gezeichnet
hat, ist Götz von Berlichingen, der doch auch meist in idyllischen
Verhältnissen auftritt und an rathloser Unbestimmtheit zu Grunde geht.
Göthe's Frauen sind stets die genialsten, frischesten, naivesten,
hinreißendsten Personen in seinen Dramen, die weit über seinen Männern
stehen: Clärchen, Gretchen, Philine, Mignon, Iphigenia, die Prinzessin
in Tasso, Dorothea! Man hat so viel von Göthe's Vollkommenheit in der
Form gesprochen. Keiner kann sein göttliches Genie mehr bewundern, als
ich -- aber -- Vollkommenheit in der Form? Ja, die deutsche Sprache
brachte er in seinen besten Werken dahin; aber er übertrieb die Art,
Worte zusammenzudrängen und umzubilden, zuletzt so, daß die Sprache mit
der Natur und Klarheit zugleich ihre Ehrlichkeit verlor und er bewegte
sich endlich dergestalt in vornehmen oft verschrobenen Redensarten,
daß man nicht weiß, was er sagen will. Vieles trug dazu bei, seine
Dichterkräfte zu zersplittern. Ich zweifle nicht daran, daß er auch
als Physiker Proben seines seltenen Talents gegeben hat; aber -- wäre
es vielleicht doch nicht besser gewesen, wenn er uns mehrere gute
Dichterwerke statt der weitläufigen Farbenlehre u. s. w. gegeben hätte?
Göthe hat viel geschrieben; rechnet man aber alle die wissenschaftlichen
Betrachtungen, Abhandlungen und Studien ab, so ist die Anzahl der
Dichterwerke nicht so groß für einen Mann, der in seinem 83sten Jahre
starb, und seine volle Kraft bis zuletzt behielt. Aber nicht allein
die Wissenschaft war es, die ihn von der Kunst abzog; eine sonderbare,
allzugroße Vorliebe für das Fremde: das Altgriechische, das Römische,
das Italienische und endlich das Orientalische zogen ihn fast in dem
Moment von dem Nationalen ab, wo das Schicksal den excellenten Göthe
nach Weimar rief und ihn zur Excellenz machte.
Manche werden vielleicht finden, daß ich hier allzu lieblos und
unehrerbietig über Göthe spreche; aber ich lasse ihm gewiß in Allem
Recht widerfahren, was Recht ist; ich spreche hier nicht aus Rache als
der von ihm Verschmähte; über das Geschehene sind bereits 40 Jahre
dahingegangen. Ich bin nun selbst ein Greis von 70 Jahren, nur wenige
Jahre vom Grabe entfernt, in welchem er bereits ruht. Hier kann also
nicht die Rede von eitlem Grolle sein; ich liebe ihn beständig, habe
nie aufgehört, ihn zu lieben; und Baggesen's bitterste Feindschaft zog
ich mir kurz nach meiner Heimkehr von Göthe dadurch zu, daß ich ihm
seinen unwürdigen Spott über den großen Mann vorwarf. Aber in einem
Dichterleben ist das Verhältniß, in dem ein Dichter zu irgend welchem
andern von Bedeutung steht, von Wichtigkeit; denn dies ist theils aus
früheren Werken hervorgegangen, theils hat es zu späteren Veranlassung
gegeben und somit auf den Geschmack und die ästhetische Bildung des
Zeitalters eingewirkt, was wichtiger ist, als viele kleine Züge des
täglichen Lebens, in denen die meisten Menschen einander gleichen. Ich
muß mich deshalb bei dieser Gelegenheit aussprechen. Von dem Verfasser
der natürlichen Tochter, des Epimenides, Elpenor; vom Verfasser des
zweiten Theiles des Faust und dem Bewunderer des italienischen Manzoni
konnte ich keine Sympathie für meine nordischen Begeisterungen und
Arbeiten erwarten. Dies fand sich denn nun auch mehrere Jahre darauf,
als Göthe's und Zelter's Briefwechsel erschien, vollkommen bestätigt.
In einem Briefe des Letzteren an den Ersteren beklagt Zelter sich
darüber, daß die Theaterdirection in Berlin ihm ein Stück von mir
gegeben habe, um Musik dazu zu schreiben. Nachdem er zuerst das Stück
wie das elendeste Zeug von der Welt durchgegangen ist, schließt er: »Das
Stück hat auch =barbarische Namen=: Axel und Valborg.« Göthe giebt ihm
vollständig Recht und sagt: »Wenn diese Nordländer ihre Bären auf den
Hinterfüßen zu tanzen gelehrt haben, glauben sie was Rechts gethan zu
haben. Dieser gute Oehlenschläger ist auch einer von diesen Halben, die
sich einbilden, ein Ganzer zu sein, und noch Etwas drüber. Ich habe von
dem Gezücht viel ausstehen müssen.«
[Sidenote: Rückblick. Göthe und Zelter.]
Dieses »Ausstehen« bestand nun darin, daß er sich darein finden mußte,
als ich ihn etwas spät des Abends in der Nachtjacke überraschte, ihm
um den Hals fiel und ihm auf ewig Lebewohl sagte, nachdem er sich
geistig von mir getrennt hatte. Doch darf ich nicht vergessen, daß er
ganz freundlich sagte: »Nun, leben Sie wohl, mein Kind!« worin doch
wieder eine Annäherung lag. Aber ich kannte ihn; Explicationen konnte
er nicht leiden. Hätte ich ihm später geschrieben, ihm einige andere
Arbeiten gesandt, so wären wir vielleicht wieder in ein freundliches
Verhältniß zu einander getreten. Aber -- ich war zu stolz -- nicht den
ersten Schritt zu thun, sondern um mich in seine Gnade hineinzubetteln.
Saumselig im Briefschreiben war ich immer; ich schrieb meinen besten
Freunden nicht, viel weniger nun ihm.
Was übrigens die starken Expressionen zwischen ihm und Zelter in
Bezug auf mich betrifft, so betrachte ich diese gar nicht als eine
Beleidigung; denn weder Göthe noch Zelter haben diese Briefe selbst
herausgegeben, und es ist ein sehr schlimmer Gebrauch, einen jeden
Wisch, den ein ausgezeichneter Mann geschrieben hat, nach seinem Tode
herauszugeben, um Geld zu verdienen. Wenn das immer geschähe, so könnte
man ja kein vertrauliches Wort mehr schreiben. Tritt man öffentlich
auf, so soll man bedenken, was man sagt und seine Ausdrücke abwägen;
aber das Sprüchwort: »Gedanken sind zollfrei« erstreckt sich auch auf
die Vertraulichkeit zwischen Freunden; und man sagt Vieles in der
Verstimmtheit, was man gar nicht so böse meint. Hätte Göthe an Schiller
oder Humboldt geschrieben, so hätte er seine Worte gewiß mehr abgewogen;
aber mit Zelter genirte er sich nicht. Dieser natürlich aufgeweckte
Kopf, aber ohne wahre Bildung, obgleich er Baumeister und Musicus war,
hatte sich vollständig in Göthe vergafft und liebte ihn, wie ein Pudel
seinen Herrn liebt. »Wenn er einen D... macht,« soll er gesagt haben,
»ist es besser, als was alle die Andern machen.« Als sein Sohn starb,
vergaß er bald seinen Kummer darüber, als Göthe ihn Du nannte, und
ferner immer mit ihm auf Du und Du stand. Ein Beweis seiner sonderbaren
Unwissenheit (aus der hervorzugehen scheint, daß der Baumeister nicht
viel mehr war, als Mauermeister) war, daß er Göthe einmal in einem
Briefe fragte: »Was war =Byzanz=? Wo war es? -- Kannst Du mir hierüber
nach Deiner und meiner Art in kurzen und wenigen Worten Aufschluß
geben?« Man sieht hieraus, daß Zelter wenigstens kein Architekt der
byzantinischen Schule gewesen ist. -- Ein Mal, als er Göthe Samson's
Geschichte als ein vortreffliches Süjet zu einer Oper empfiehlt, findet
er sich sehr geduldig darein, daß Göthe Samson den dümmsten Lümmel
nennt, der sich jemals von einer gemeinen Dirne narren ließ. Aber Zelter
componirte schöne Melodien zu einigen göthe'schen Liedern, z. B. zu
»Gott und die Bajadere« und seine Composition zu »Johanna Sebus« ist
herzergreifend schön.
Das Plumpe in Göthe's Aeußerungen über mich in diesen Briefen beleidigte
mich also nicht, aber diese abgerechnet sah ich doch in Allem deutlich,
wie gering er meine Arbeiten achtete, und wie wenig ihm daran lag, sie
zu kennen.
Ein deutsches Gedicht, welches ich vor ein paar Jahren über Göthe
geschrieben habe, in welchem ich ihn in dem Ton zu characterisiren
suche, in dem er selbst dichtete, mag diese Betrachtung über den großen
Mann schließen.
[Sidenote: Ein Gedicht über Göthe.]
=Erstes Bild.=
Da steht der junge Wolfgang schön,
Gar lieblich, treulich anzusehn.
Von Leipzig nach Dresden will er wandern
Aber allein, und nicht mit Andern;
Genießen will er Natur und Kunst
Ohne Geschwätz und falschen Dunst.
Er will sich bei Freunden nicht einquartiren,
Die Freiheit würde dabei verlieren;
Im Gasthof auch nicht gern er steckt,
Davon hat der Vater ihn abgeschreckt.
So kehrt er bei einem Schuster ein,
Als könnt es gar nicht anders sein.
Da ruhet er aus und geht nicht weiter,
Der Wirth begegnet ihm freundlich heiter.
Die kleine Mahlzeit ist bald verzehrt,
Und als er nach dem Schlaf begehrt,
Zeigt ihm die Wirthin ein gutes Bett,
Als wenn's ihm die Musa bereitet hätt'.
Da hängt ein Bild ihm unbekannt,
Dem Bette nah, dort an der Wand.
Es ist der Holzschnitt von Hans Sachs;
Der Wolfgang freut sich dessen stracks,
Und eingeschlafen ist er kaum,
So hat er einen schönen Traum
Von Hans Sachs und dem Sängerwesen,
Wie Ihr's könnt in seinen Schriften lesen.
Früh nächsten Morgen auf er steht,
Und in die Galerie hingeht.
Zwar stand er da vor den Meisterstücken
Der Italiener, die ihn entzücken,
Doch fühlt er sich gezogen bald
Zu der Deutschen und Holländer Aufenthalt,
Dem heitern Wesen, der frischen Natur,
Die schon er kennt, geht er auf die Spur;
Und was entsprungen aus diesem Geist,
Bei ihm die größte Kraft beweist.
Und als er steht in des Schusters Laden,
Glaubt er noch Schalken und Ostaden
Zu sehn, so lustig und heiter mild
Steht Alles vor ihm als gutes Bild.
Es kommt die Nacht, und schlafend kaum
Entzücket ihn ein schöner Traum.
Es spricht zu ihm im Ton der Geister
Vom Holzschnitt her der alte Meister:
»Es hat Natur Dich auserlesen
Vor Vielen in dem Weltwirrwesen,
Daß Du sollst haben klare Sinnen,
Nichts Ungeschickliches magst beginnen;
Die Welt soll kräftig vor Dir stehn,
Wie Albrecht Dürer sie einst gesehn;
Ihr festes Leben und Männlichkeit,
Ihre innere Kraft und Ständigkeit,
Der Natur Genius an der Hand,
Soll Dich führen durch alle Land.«
Da öffnet sich das Zimmer weit
Und steht gar in hoher Herrlichkeit
Der Straßburg da, der Riesenthurm,
Wobei der Mensch sich fühlt ein Wurm.
Doch auch ein Geist mit seltner Macht,
Weil selbst es seine Hand vollbracht,
Da sieht er Götz mit der Hand von Erz,
Doch mit dem menschlich warmen Herz:
Da sieht er Clärchens, Gretchens Gesicht, --
Correggio, Rafael malen nicht
Gesichter schöner, und doch vollbracht,
Als hätte sie Dürer selbst gemacht.
Da spricht Hans Sachs: »Das sollst Du singen,
Den Eichenkranz wird es Dir bringen.«
Der junge Wolfgang es treu verspricht,
Daraus entstand manch schön' Gedicht.
=Zweites Bild.=
Aber hier in Roma, da liegt im Bette der Dichter,
Klopft auf dem Rücken der Frau fein des Hexameters Takt,
Klagt, weil er nicht ein Römer, ein Italiener geworden,
Morgenländer und Türk, seufzt, weil er Deutscher und Christ;
Haßt dabei das Kreuz wie Tabak, wie Wanzen und Knoblauch;
Alles aus Norden ist ihm lächerlich, erbärmlich und schlecht;
»Vieles hat er versucht, gezeichnet, in Kupfer gestochen,
»Nur ein einzig Talent bracht et der Meisterschaft nah:
»Deutsch zu schreiben! Und so verdarb, unglücklicher Dichter!
»Er im schlechtesten Stoff leider nun Leben und Kunst.«
* * * * *
Ist es denn wahr, was er so in übler Laune gesprochen?
Nein, nicht ganz; doch Natur wird durch das Künsteln geschwächt.
Ideal muß auch Natur sein. Nicht unnational sein
Muß der Dichter, sonst hört er auf, ein Dichter zu sein.
Waren denn Iphigenia nicht und die beiden Lenoren
Schön? O ja, recht schön kann die Kreolin sein
Aus dem Zwittergeschlecht, halb deutsch, halb wälsch und griechisch.
Erst als er wieder ganz ward ein Deutscher, da entstand
Dorothea so schön, noch schöner, als Gretchen und Clärchen.
Hätt' uns aus dieser Tonn' mehr nur der Göthe gezapft!
[Sidenote: Rückblick. Jean Paul Friedrich Richter.]
Aber ehe ich diesmal Deutschland verlasse darf ich doch nicht vergessen,
daß ein großer deutscher Dichter, den ich gar nicht persönlich kannte,
und der, was Genie und Intelligenz betrifft, Göthe und Schiller
nicht nachstand, meinen Aladdin auf das Schmeichelhafteste in den
»Heidelberger Jahrbüchern« besprach. Dies war =Jean Paul Friedrich
Richter=! Dieser eigenthümliche Genius, der die schönsten Schilderungen
des Lebens und des Menschenherzens in humoristische Ausschweifungen
kleidet, voller Phantasie, Witz und Weisheit, aber leider auch oft so
eingehüllt in neblige Extravaganzen und ermüdende Weitläufigkeiten,
daß es große Mühe und Anstrengung kostet, sich durch diese Sümpfe,
Dünste und Dornhecken zu den schönsten Waldpartieen und Feenschlössern
durchzuarbeiten. Dieser eigenthümliche Genius, der, obgleich es ihm in
seinen eigenen Werken nicht möglich ist, lange bei einer Vorstellung
zu bleiben, ohne sie gleich durch andere, oft himmelweit verschiedene
zu unterbrechen, doch im Stande ist, mit Tiefe und Gründlichkeit in
die menschlichen Charactere einzudringen, sie bei Anderen aufzufassen,
sie selbst zu zeichnen und zu erfinden und dies Alles durch jene
Engelgutherzigkeit zu verbinden, die ihn zu einem würdigen Bruder von
=Claudius= und =Pestalozzi= macht. In seiner Aesthetik, in seiner
Levana, seinen Recensionen hat er gezeigt, mit welcher Feinheit und
Richtigkeit er im Stande war, in das Wesen der Poesie und fremder
Dichterwerke einzudringen. Ihm fiel es nun auch ein, meinen Aladdin
zu recensiren, und ich will hier einige seiner eigenen Aeußerungen
mittheilen:
»Der Däne Oehlenschläger giebt hier die Wunderlampe, das bekannte
Mährchen aus Tausend und Einer Nacht. Er habe Dank für diese Um- und
Empordichtung eines Gedichts. Gedachte Tausend und Eine Nacht wäre ganz
zu theatralisiren, wenn es mehrere Oehlenschläger gäbe. Ein rührend
schönes Gedicht an Goethe -- eine nach dem Phöbus gewandte Sonnenblume
-- und eine Vorrede voll reiner, heller Aesthetik öffnen, wie eine
Eingangsmusik, dem Leser Ohr und Auge für das schöne Schauspiel. Das
Schauspiel zerfällt in zwei Spiele, Thalia und Melpomene, indeß folgte
jene dieser weit genug auf die Bühne nach. Er durfte sich dies als
ein Schüler und Freund Shakespeare's, Goethe's und Gozzi's erlauben.
Wenn der Schuster Sindbad vor dem Bösewicht Hindbad, dessen ruchlose
Predigt sammt den Predigerkritiken humoristisch genug ist, sich
selber zu einem Hofnarren abzurichten und einzuschulen sucht, und auf
mehrere Einfälle fällt, um damit anzufragen, ob diese einen Narren
versprechen, so besteht, neben diesem Lachen, doch =die= Erhabenheit und
Fürchterlichkeit der nächsten Zukunft. Uebrigens hat dem Verfasser der
Himmel Sinn und Kraft für das Komische bescheert; ein rein komisches
Gedicht von diesem Dänen wäre eine schöne Weinlese für uns. -- Mit
dem glücklichen Ohre für den Wechsel seiner Versgebäude überwindet
er in seinen Terzinen und Stanzen die Schwierigkeiten, welche die
meisten Dichterlinge, ja Dichter der neuern Schule stehen lassen als
Zugabeschönheiten. Das Werk beginnt mit komischen Menschen und Scenen,
spielt sich durch zarte romantische Dichtungen weiter, bis es wie ein
Tag beschließt mit immer mehr hier aufgehenden Sternen des Erhabenen und
Schauerlichen; und man träumt der reichen Farben- und Lichtwelt noch
lange nach«.
[Sidenote: Rückblick. Jean Paul über Aladdin.]
In diesem ehrenden Lobe findet sich doch auch ein gerechter Tadel.
»Allerdings verschwamm sich der Verfasser zuweilen in jene italienische,
ja oft in Tieck'sche Weitschweif- und Weitläufigkeit. Nur die Sache
ergreife den Dichter, nicht das selbstsüchtige Genießen und Ausdehnen
seiner Empfindung derselben. Shakespeare war in die Sache verloren,
und daher bei aller Fülle von Bildern und Kräften, nirgends zum
Verschwender zerflossen«. Hauptsächlich tadelt Jean Paul mit Recht zwei
Gedichte: »Die Verwesung« und ein Gespräch zwischen den beiden Fee'n
»Unschuld und Rache«, die nicht in dem dänischen Aladdin stehen.
Jean Paul endigt seine Recension mit folgender Aeußerung: »Dank
gebührt der Kraft, welche, ohne einen Uebersetzer, gleichsam auf einer
Landesgrenze gepflanzt, über zwei Nationen zugleich den Ueberhang seiner
Blüthen und Früchte ausbreitet. Die Zeit wird ihn noch mehr, gleich
einem Diamant, zugleich verdichten und verdurchsichtigen, und er wird
immer mehr, statt des =Zauberspiegels=, den =Zauberstab= halten lernen.«
* * * * *
[Sidenote: An Jean Paul.]
Und diesem Manne schrieb ich nicht, und dankte ihm nicht aus vollem
Herzen für eine solche Anerkennung. Es ist unverzeihlich! Diese üble
Gewohnheit, meinen Freunden nicht zu schreiben, hat mir in meinem
Leben sehr geschadet, mich manches schönen Genusses beraubt, manch
edles Verhältniß abgekühlt und zerstört. Ich vergaß sie nie, ich
gedachte ihrer oft; aber -- ich mochte keine Briefe schreiben. Einige
Entschuldigung mag darin liegen, daß ein Verfasser, der viel schreibt,
nicht das Bedürfniß, das Vergnügen am Briefschreiben, wie Andere
empfindet. In welcher Stellung auch der gebildete Mensch im Leben sein
mag, treibt es ihn doch zuweilen, seinen Gedanken, seinen Gefühlen Luft
zu machen. Aber diese läßt der Dichter in seinen Werken ausströmen,
und wo die Anderen sich nach Mittheilung sehnen, sucht er Ruhe. So
wird es eine Gewohnheit bei ihm, es zu unterlassen; und wie schwierig
es ist, eingewurzelte Gewohnheiten abzulegen, weiß Jeder. Doch kann
ich mich durchaus nicht ganz entschuldigen. Auch mochte ich niemals
recht gern Visiten machen; doch freute es mich sehr, wenn meine Freunde
zu mir kamen. Ich war von Kindheit, von der Jugend an daran gewöhnt,
größtentheils allein zu sein, und zu schweigen. »Mein Herr,« sagte Frau
Staël-Holstein einmal scherzend in ihrem deutschen Patois zu mir, »Sie
sind gar zu selbständik.« Eine gewisse Verlegenheit überkam mich immer
in Gesellschaften. Mein Gesicht war nicht scharf, mein Gehör nicht fein,
mein Gedächtniß im Augenblick nicht sicher; traf ich Animosität und
einen Ton mir gegenüber, dem es an Freundlichkeit und Zutrauen fehlte,
so verlor meine Geistesruhe das Gleichgewicht; in der Jugend verlief
ich mich dann oft; als ich älter wurde, schwieg ich, um es nicht zu
thun. Aber -- um auf Jean Paul zurückzukommen, that ich denn Nichts für
ihn? Nein! aber ich hatte bereits, ein paar Jahr ehe er jene Recension
schrieb, ein Lied auf ihn gedichtet, das erst acht Jahre, nachdem
Aladdin erschien, in meiner deutschen Gedichtsammlung gedruckt wurde.
Ob Jean Paul es jemals gelesen hat, weiß ich nicht, denn ich hörte
Nichts mehr von ihm. Seine liebenswürdige Tochter, Frau =Förster=, deren
Bekanntschaft ich im Jahre 1844 in München machte, kannte es nicht, und
wurde sehr erfreut als ich es ihr mittheilte. Hier ist es:
* * * * *
=Der Wunderbaum.=
Es stand ein großer Baum im großen Garten;
Ihr glaubt es kaum,
Doch Blumen, Früchte trug von allen Arten
Der Wunderbaum.
So groß wie eine königliche Eiche
Der Stamm erschien;
Im Laub da blühten Rosen, roth und bleiche
Durch's Rosmarin.
Die Blätter wickelten sich mannigfaltig
So grün und dicht;
Die Aeste breiteten sich aus gewaltig
Im Sonnenlicht.
Bald wölbten sie hinunter sich zur Aue,
Wie Lindenzweig';
Bald schossen sie die Flügel weit in's Blaue
Cheruben gleich.
Bald schwarz und dick und knotig war die Rinde
Voll Schwamm und Kraut;
Die zarten Zweiglein waren glatt und linde,
Wie Mädchenhaut.
Man konnte Aepfel, Birnen, Kirschen finden,
Wo man nur las;
Die Aeste schüttelten in Sommerwinden
Die Frucht in's Gras.
Des Tag's da krochen Affen in den Zweigen
Und neckten sich;
Des Nachts da stand der Baum so still und eigen
Und schauerlich.
Die Nachtigall im kalten Mondlichtsbade.
Erschrak und schied;
Denn in dem Stamm sang zaubernd die Dryade
Ihr Todtenlied.
Von Vielen ward der Baum geliebt; genossen
Von Wen'gen ganz.
Doch Jeder fand, was er gesucht, entsprossen
Im Sonnenglanz.
Wer Früchte liebte, sagte: Ei, da seh' ich
Den Apfelbaum;
Wer Schatten suchte, seufzete: Nun geh' ich
Zum Frühlingstraum.
Wer Blumen wollte, sagte: Sieh da glühet
Mein Blumenstrauß;
Wer Lieder wünschte, sagte: Sieh da blühet
Mein Vogelhaus.
Wer gar nichts liebte, sagte: Zwinge, zwinge
Dein Plaudermaul!
Wer Alles liebte, sagte: Singe, singe
Noch lang, Jean Paul!
* * * * *
[Sidenote: Die Periode der Opposition.]
Ich wende mich nun zu der Epoche, in der sich die Opposition gegen mich
am stärksten erwies. Die Erfahrung, daß ich nicht mehr zur romantischen
deutschen Schule gehörte, und keine Unterstützung bei deren Führern
fand, daß Göthe den Correggio getadelt und mir den Rücken gekehrt hatte,
trug gewiß nicht wenig dazu bei, meinen Gegnern und Neidern Muth zum
Tadeln zu geben. Hierzu kam, daß auch Grundtvig mich mit seinen vielen
Anhängern verlassen, und daß ich selbst mir geschadet hatte, indem ich
einige Kleinigkeiten schrieb, die freilich an Werth weit unter den
Hauptwerken standen.
[Sidenote: Die Baggesen'schen Angriffe.]
Baggesen griff mich an. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß er hierzu
von Anderen angetrieben wurde; denn seine Umgebung hatte immer großen
Einfluß auf seine Handlungen.
Baggesen's Betragen war wirklich so kindisch, daß das Ganze jetzt, wo es
vorbei ist, mehr wie eine Comödie, als eine Tragödie zu betrachten sein
würde, wenn es nicht so weit gegangen wäre, daß er selbst dadurch um
alle Achtung kam.
Alles, was Baggesen bisher unternommen hatte, war in einer Art
geistigen Spieles geschehen, das ihn und die Andern amüsirte, so lange
es dauerte. Seine besten Gedichte, die Frucht einiger Vormittage,
waren Kleinigkeiten, die er später in der Tasche umhertrug und seinen
Freunden vorlas. So lange er nicht beißend und erbittert wurde, war
er eine höchst interessante angenehme Persönlichkeit. Er konnte einen
großen Theil des Geistes der großen Männer, mit denen er umging,
nachahmen und sich aneignen; wie ein Chamäleon empfing er die Farbe;
sie verschwand aber bald wieder vor einer andern. Mit Wieland war
er Wieland, mit Fichte Fichte, mit Jakobi Jakobi, mit Reinhardt
Reinhardt, mit Jean Paul Jean Paul, mit Voß Voß. Aber gründlich hatte
er sich Nichts erworben und mit eigener Originalität gestempelt. Das,
was er am Allerwenigsten verstand, worauf er sich am Allerwenigsten
gelegt und wozu die Natur ihm das geringste Talent verliehen hatte,
war das Dramatische, und nun beschloß er doch, dramatischer Recensent
und Geschmacksrichter für die Bühne zu werden. Ich war nicht der
Einzige, den er herunterriß; es ging auch über Holberg her, dessen
plumpe Sprache er tadelte und dessen Schilderungen der Sitten und
Verhältnisse er modernisirt haben wollte. Hier trat ein Anonymus auf,
=Peter Wegner= (Adolf Boye), der ein gefährlicher Feind für Baggesen
wurde. Das Einzige, was den hohlen Kritiken dieses Letztern noch etwas
Salz verlieh, war der witzige Ton der ungerechten Angriffe. Man sagte:
»Baggesen habe die Lacher auf seiner Seite.« Nun bekämpfte Peter Wegner
ihn von einem vernünftigen und wahrheitsliebenden Standpunkte aus mit
gleichen Waffen, aber mit viel größerer Kraft, welche das Bewußtsein
der guten Sache giebt, und mit seiner satyrischen Fregatte schoß er das
Baggesen'sche Seeräuberschiff in den Grund.