Tieck's ersten Schriften (er wurde dazu eigentlich durch den zu früh
gestorbenen =Wackenroder= begeistert) und hauptsächlich bei Novalis
(=Hardenberg=) fand, machten einen starken Eindruck auf mich. Göthe's
kleine Abhandlung über den straßburger Münster hatte mich bereits früh
erweckt. Friedrich Schlegel's lange Abhandlung über die romantische
Kunst war aus der Goethe'schen entstanden; doch ging er weiter. Die
Innigkeit, Frömmigkeit, Naivetät und echte Natur, der poetisch tiefe
Sinn, der sich in den Bildern der alten italienischen, deutschen und
niederländischen Schule findet, wurde durch Tieck, Novalis und Friedrich
Schlegel recht einleuchtend und verdrängte die flache Bewunderung für
das affectirt moderne Französisch-Griechische. Daß die griechische und
gothische (oder altdeutsche) Architektur sich zu einander verhalten,
wie die Formen der Mathematik und der Vegetation, wurde recht klar.
Später haben =Moller= in seinem Werke: »Denkmäler der deutschen Kunst,«
und die Gebrüder =Boisserée= in ihrer Beschreibung über den kölner Dom
und durch ihre herrlichen Gemäldesammlungen diese Ideen verbreitet.
Daß sie von dem pecus imitatorum übertrieben und gemißbraucht wurden,
darin mußten sie sich, wie alle andere Ideen fügen. Novalis, der in
der tiefsten Bedeutung des Wortes eine »schöne Seele« genannt werden
kann, riß mich hin. Die Frömmigkeit in seinen herrlichen Psalmen, die
sich meinem, von Kindheit auf bewahrten, religiösen Gefühl verband,
begeisterte mich, das Gedicht: =Jesus in der Natur= zu schreiben. Dieses
Gedicht ist nicht mystisch, aber mythisch; indessen entzückte mich eine
Zeitlang das Mystische. Ich begann zu glauben, daß der menschliche Geist
den ewigen Geheimnissen, die wir in unseren begeisterten Augenblicken
fühlen und ahnen, auf dem speculativen Wege ein gut Theil näher kommen
könne. Ich versuchte Schelling's Bruno zu lesen; aber ich konnte ihn
nicht überwältigen; dagegen amüsirte es mich, hie und da, in =Jakob
Böhme's= Aurora zu blättern, wo die wunderliche Mischung von seltenem
Tiefsinne, hoher Begeisterung, der kühnste Flug, um auf seine Weise das
Universum zu überschauen, die innigste Gottesfurcht, das ehrlichste
Streben, sich mit Schwärmerei und ermüdender weitläufiger Wiederholung
des Gesagten verbanden. Seine Engel erscheinen mir zuletzt doch, gleich
den Posaunenengeln in einer alten Kirche, auf staubigen, vergoldeten
Holzstrahlen zu sitzen, die von dem Triangel ausgingen, welcher den
Namen Jehova, mit hebräischen Buchstaben geschrieben, einfaßt. In dieser
Zeit machte ich die Bekanntschaft des Norwegers Nicolai Möller, der in
Deutschland in Münster wohnte, ein Freund von Friedrich Stolberg und
ganz befangen in der mystischen Philosophie und exaltirter Frömmigkeit
war. Er besuchte uns in Kopenhagen. Meinen »Jesus in der Natur« hatte
er gelesen, und er gefiel ihm, aber nur als der erste Schritt des noch
eiteln Weltkindes. Er wollte mich bekehren. Ich besuchte ihn und fand
ihn Märtyrlegenden in einem großen französischen Folianten lesend.
Als er mich dringend aufforderte, mich zu verbessern, und in mich zu
gehen, um rechtgläubig zu werden, fragte ich ihn ganz naiv: wie ich das
denn anfangen solle? -- »Bete!« sagte er, »Du sollst zu Gott beten, daß
er Dich erleuchte!« -- »Leb' wohl Möller!« antwortete ich freundlich,
drückte ihm die Hand und ging. Ich sah ihn seitdem nicht wieder. Er war
ein edler, geistvoller, schöner Mensch mit vielen Kenntnissen, sehr
blond und von schwacher Gesundheit. Er starb, glaube ich, wenige Jahre
darauf.
Also Novalis riß mich hin. Ich entsinne mich noch deutlich des
Sommertages, als ich von dem Rundtheile in der Allee, wo ich wohnte,
nach dem Schneckenberge im Friedrichsberger Garten ging, mich auf einen
abgehauenen Baumstamm setzte, der wie ein Sopha zwischen zwei Bäumen
lag, den Rücken auf einen Baum stützte, =Heinrich von Ofterdingen=
las und von den naiven Schilderungen im ersten Theile und von der
=blauen Blume= im zweiten hingerissen wurde, obgleich dies mir bereits
damals etwas zu neblich zu werden anfing. Jetzt, wo ich dies auf dem
Fasanenhofe 46 Jahre später schreibe, nahm ich auch ein Mal im Sommer
Heinrich von Ofterdingen, ging auf den Schneckenberg, der gerade vor dem
Hause liegt, setzte mich wieder auf den Baumstamm, der noch dalag, aber
alt und verfault, und begann zu lesen. Aber es schmeckte mir nicht wie
damals, obwohl ich glaube, daß mein Alter noch jugendfrisch war. Vieles
in Novalis erfreut mich jetzt noch wie früher; die naiven häuslichen
Schilderungen, das Bergmannsleben, die herrlichen Lieder, die ich
übersetzt habe, viele seiner Psalmen, das liebliche Gedicht an Tieck
auf Jakob Böhme. Aber der naive Roman (der auch nichts Altdeutsches
hat) schwillt bald, besonders im zweiten Theil, zu metaphysischem
und mystischem Nebel auf. Novalis trug den Wurm des Todes in seinem
Herzen; dies stimmte ihn zu milden, rührenden, religiösen Gefühlen,
und brachte ihn dahin, den Freuden des Lebens zu entsagen; doch liebte
er und verlobte sich zum zweiten Male kurz nach dem Tode seiner ersten
Geliebten. Aristokratische Launen hatte der gute Hardenberg nicht;
doch war er nicht ohne geistigen Hochmuth; er sprach von Göthe, wie von
einem englischen Mechaniker, der elegante Möbel macht; er selbst hatte
die Absicht, außer Heinrich von Ofterdingen sechs Romane zu schreiben,
welche seine Ideen über Physik, das bürgerliche Leben, den Handel,
die Geschichte und die Liebe umfassen sollten. Er war polemisch, wie
Schlegels, und glaubte eine neue Poesie zu erfinden.
* * * * *
[Sidenote: Rückblick. Beziehungen zu deutschen Dichtern.]
Von Deutschland aus hatte ich bei meiner Heimkehr keine Stütze mehr
in Steffens, Tieck und Göthe. Von dem Ersten hatte ich mich selbst
getrennt, nicht als Freund und Bewunderer seiner ausgezeichneten
Eigenschaften, sondern ich war nicht länger sein ästhetischer Anhänger
und Schüler. Obwohl mir sein Geist, seine persönliche Liebenswürdigkeit,
seine Beredsamkeit, seine Begeisterung und unzählige poetische Funken
stets unverändert lieb blieben, so wich ich doch nun so stark in
meinen Ansichten von ihm ab, und war doch selbst so sicher in meiner
Kunst geworden, daß ich mich in meinem Urtheile nicht mehr einem Manne
unterordnen konnte, der ja eigentlich nur Dilettant darin war. Was
Steffens als Naturforscher und Philosoph war, kann und will ich nicht
beurtheilen. In der Poesie war er Dilettant. Auf Verse verstand er
sich sehr wenig und machte selbst nur einige kleine Versuche. In den
Novellen, die er später schrieb, waren wohl schöne poetische Stellen,
aber sie waren doch zu weitläufig, zu sehr mit allgemeinen Reflexionen
angefüllt. Daß sie Aufmerksamkeit erweckten, als sie erschienen, war
natürlich, denn man fand Steffens' Geist darin; aber es fehlten ihnen
Composition, Erfindung und originale Charactere. Als Geschmacksrichter
war er ein vollständiger Anbeter Tieck's und glaubte fast blind an
diesen. Tieck hat mir selbst erzählt, daß Steffens, als sie bei ihrer
ersten Zusammenkunft von Wieland sprachen, die gewöhnliche allgemeine
Hochachtung für diesen Dichter äußerte. Tieck hatte ihm in Vielem
widersprochen, ohne darum doch Wieland ein dichterisches Verdienst
abzusprechen. Von Tieck ging Steffens in eine Restauration und ließ
sich in einen heftigen Streit mit einem Bewunderer Wielands ein, wobei
Steffens, den Dichter herunterriß und viel strenger gegen ihn war, als
Tieck kurz vorher. Durch diesen polemischen Enthusiasmus, der mehr
aus persönlicher Gereiztheit, als aus klarem Verständniß der Dinge
entsprang, litt ich in meinem spätern Zusammenleben mit Steffens oft,
und war gewiß nicht der Einzige, dem es so erging.
[Sidenote: Rückblick. Steffens.]
Ein echter Richter des Geschmacks konnte er also nicht sein, er
hatte nicht die Ruhe, die Besonnenheit, die Liebe zu dem vielseitig
Objectiven, welche dazu gehört, um sich dieses als sein Eigenthum zu
erwerben. Steffens brachte seine Abstractionen hinüber in das Reich
der Kunst, gewisse Ideen, d. h.: Ansichten, eine gewisse Art zu denken
und zu fühlen, wollte er überall wiederfinden; hiervon hing sein Lob
oder Tadel ab. Mit einzelnen Zügen, aus der Geschichte und Poesie
herausgerissen, construirte er sich beide nach seinem Kopfe, aber er
irrte sich oft in historischen Daten, und viele poetische Werke be- und
verurtheilte er, ohne sie recht zu kennen. Begeisterung für mich hatte
er nur so lange, wie ich sein Schüler war; doch muß ich hierbei eine
Ausnahme machen. Als Max in Breslau, wo Steffens Professor war, später
meine deutschen Schriften herausgab, schenkte er ihm ein Exemplar und
er las sie. Dadurch erwachte die alte Liebe für den dänischen Dichter,
zu dessen Bildung er selbst beigetragen hatte. Er schrieb mit einen
sehr freundlichen Brief und einen sehr schmeichelhaften Artikel in den
Blättern für literarische Unterhaltung, worin er mit der Aeußerung
endigte, daß es Deutschland noch obliege, ein gründliches und klares
Urtheil über meine Werke zu fällen. Aber von diesem klaren Urtheile
gab er selbst nur mittelmäßige Proben, als er mehrere Jahre darauf in
seinem: »Was ich erlebte« Tieck's alte, von mir gestochenen Trümpfe
gegen meinen Correggio wieder ausspielte und die Scene, in der Cölestine
den Correggio krönt, als meiner durchaus unwürdig erklärt. Ich selbst
glaube, daß sie eine der hübschesten ist, die ich gedichtet habe. -- Als
ein Characterzug von Steffens' Auffassung des Objectiven kann angeführt
werden, daß er an derselben Stelle in dem Buche, wo er dem Leser ein
Bild von mir, seinem mehrjährigen, täglichen Umgangsfreund geben will,
von meinen kleinen, »schwarzen« Augen spricht.
[Sidenote: Rückblick. Tieck.]
Tieck, mit mehr Genialität und Originalität als Steffens, genirte
trotz der großen Einseitigkeit in seinem Geschmacke nicht im täglichen
Umgange. Er hatte Nichts von nordischer Gereiztheit, wie Steffens und
ich; er imponirte im Gegentheile durch eine persönliche Ruhe, welche
mit einer großen Beredsamkeit und einer gewissen Vornehmheit, die
ihre Wirkung that, verbunden war. Aber seine Urtheile und Ansichten
waren oft sehr übertrieben. Es ging uns umgekehrt: ich vertheidigte
das Billige und Milde mit Leidenschaft, er das Bittere und Strenge
mit Besonnenheit. Die Deutschen haben oft diesen Character, den ein
gewisser Buchhändler, als man von einem gewissen Dichter sprach, die
»stille Wuth« nannte. Ich darf sagen, daß ich all' das echt Geniale und
Dichterische bei dem herrlichen Tieck bewunderte und noch bewundere.
In meinen Uebersetzungen seiner Werke habe ich das gezeigt, obgleich
ich wagte, sie zusammenzuziehen und zu verkürzen. Aber Tieck wollte
eigentlich Nichts von mir wissen. Wenn ich bei ihm war, ihm selbst
Etwas vorlas, gewann ich ihn; aber was sonst von mir herausgegeben
wurde, las er nicht. Es ist merkwürdig: die Verachtung und der Mangel
an Sympathie, der sich in der neuesten Zeit in Deutschland im Großen
gegen Skandinavien gezeigt hat, äußerte sich regelmäßig im Voraus in
der Literatur. Die Deutschen konnten es nicht leiden, daß wir eine
Literatur hatten, die es wagte, mit der ihrigen zu wetteifern, daß wir
eine Geschmacksbildung und eine poetisch-entwickelte Sprache ebenso früh
besaßen, wie sie. In der spätern Zeit schlug Tieck's Geistesrichtung
eine sonderbare Volte. Anstatt romantisch-phantastisch und witzig
ausgelassen zu sein, wurde er kalt verständig. Er schrieb eine Reihe
von Novellen, in denen sich schöne Stellen vorfinden, und der »Aufruhr
in den Sevennen« ist der vortreffliche Anfang zu einem unvollendeten
Werke; aber im Ganzen genommen wurden diese Novellen doch das Organ
für ziemlich einseitige ästhetische Betrachtungen und eine etwas an
Pedanterie grenzende Lebensphilosophie, welche eine Zeitlang sehr gelobt
wurde. In einem von Tieck's letzten Werken, Vittoria Accorombona,
ist mehr Geist und Kraft, als in den meisten früheren Novellen; es
herrscht Leidenschaft darin; aber auf merkwürdige Weise werden in ihnen
abscheuliche Verbrechen als Ausschweifungen großer Geister mit einer Art
Bewunderung und Entschuldigung _à la_ Victor Hugo und mit einer zwar
nicht geradezu ausgesprochenen aber doch deutlichen Verachtung gegen den
gewöhnlich prosaisch-moralischen Abscheu vor Lastern, die mit großen
Eigenschaften verbunden sind, geschildert. Dies stand nun wieder in
einem wunderbaren Gegensatze zu der Liebe, welche =Iffland=, im Anfang
eine Zielscheibe des Tieck'schen Spottes, in dessen späteren Tagen fand,
wo er als Theaterdirector in Dresden unablässig die Iffland'schen Stücke
aufführen ließ.
[Sidenote: Rückblick. Göthe und Schiller.]
Von Göthe schied mich nun die unglückliche Geschichte mit Correggio.
Aber wenn dies auch nicht der Fall gewesen wäre, so hätte Göthe, wie
er jetzt war, mir doch kaum noch in der dramatischen Kunst zu Nutz und
Frommen sein können. Ich habe nie recht erfahren, weshalb Correggio
ihm so sehr misfiel. Wenn er ihm zu weich und gefühlvoll war, so lag
das im Stoffe. Ich habe vor und nach diesem Stücke in einer langen
Reihe nordischer Tragödien Heldenkraft geschildert, aber um diese
Stücke kümmerte er sich auch nicht, und hat -- außer Hakon Jarl --
wahrscheinlich kein einziges recht gekannt. Ich konnte Göthe nicht mehr
als Lehrer in meiner Kunst betrachten. Ich war nach eigenen Grundsätzen,
eigenem Gefühle fortgeschritten und suchte in meinen Dramen auf keine
Weise, ihm oder Schiller nachzuahmen; so sehr ich ihr Genie in ihren
vorzüglichsten Werken liebte und bewunderte, so war doch die Richtung,
welche sie am Schluß ihrer dramatischen Dichterperiode einschlugen,
meiner Ansicht nach eine Abweichung vom Rechten. Das Rhetorische, das
Raisonnirende, die Lust, sinnreiche Sentenzen aufzustellen, hatte zu
sehr überhand genommen. Es ist gewiß, daß der Vers in der Tragödie
bedeutend zur Kraft und Würde des Werks beiträgt; aber man muß sich
in jeder Kunst, sowie im Leben selbst, vor Vornehmheit und Pedanterie
hüten. Indem man die Sprache allzu abstract nur mit Rücksicht auf
Ausdruck, Gedanken und Bilder betrachtet, verliert sie die Naivetät, die
Einfalt, welche das Große und Schöne nicht entbehren können.
Schiller und Göthe bewunderten mit Recht die Griechen, und glaubten in
ihnen die wahren Vorbilder für ihre Kunst zu finden. Schiller beklagte
sich bei Humboldt, daß er nicht Griechisch könne, und wollte es auf
seine alten Tage lernen; aber Humboldt rieth ihm davon ab und meinte,
das sei nicht nöthig. Wahrlich es muß ein großer Genuß für einen
Schöngeist sein, den Aeschylos und Sophokles mit Leichtigkeit in der
Ursprache lesen zu können. Zwei Dinge habe ich besonders in meinem Leben
entbehrt: Griechisch zu können und gut vom Blatt auf dem Fortepiano zu
spielen. Dies würde nicht schwierig gewesen sein, wenn es zur rechten
Zeit gelernt worden wäre. Aber man hilft sich, so gut man kann; durch
Hülfe guter Uebersetzungen eignet man sich den Geist und das Wesen des
Dichters an; Compositionen, Characterzeichnungen, Gedanken, Bilder, all'
dieses kann die Uebersetzung geben, das Einzige, welches fehlt, ist
die Diction; aber die Sprache ist gerade des Dichters eigenes Element,
und den Mangel des Fremden erstattet ihm die Natur. Merkwürdig! Weder
Thorwaldsen noch ich konnten Griechisch; aber wenn ich meinen »Baldur,«
»Yrsa,« »Die Longobarden,« »Das Land gefunden und verschwunden« in
=sein= Museum lege, so wage ich zu fragen, ob Viele, die Griechisch
verstehen, es viel besser, als wir hätten machen können. Es ging dem
Dichter hier mit dem Griechischen, wie Peter in Jakob von Tyboe mit dem
Deutschen: »er könnte es wohl schreiben, aber nicht lesen.« -- Göthe
wußte etwas Griechisch, und was ihm fehlte, das wußte Dr. Riemer, sein
Secretair und seine rechte Hand.
Aber nun die Griechen! Finden wir nicht Einfalt und Naivetät in ihren
Dialogen? Ganz gewiß! In den Chören finden sich zusammengedrängte
Wortwendungen, Gedanken und Betrachtungen; aber die Gespräche sind
viel weniger geschmückt, fallen viel mehr in den gewöhnlichen
Unterhaltungston. Wo das Pathetische herrscht, tritt das Lyrische
besonders in den Chören hervor. Schiller verliebte sich so sehr in
diese Chöre, daß er sie an unpassendem Orte in seiner »Braut von
Messina« anbrachte, wie ich bereits im zweiten Theile dieses Buches
erwähnt habe. Schiller beging einen noch größern Fehler: er wollte in
dem Vorworte zu seinem Stücke beweisen, daß es so sein müsse, daß die
dramatische Kunst erst ihre rechte Bedeutung erlangte, wenn der Chor
wieder eingeführt würde. Wie würde =Jodelle=, der erste Franzose, der
französische Tragödien nach griechischem Zuschnitte zusammenflickte,
sich gefreut haben, wenn er solche Aeußerungen von einem großen
Dichter einer Nachbarnation erlebt hätte, die später so lange für das
Natürliche kämpfte. Aber Schiller bedachte sich und ging in sich. Er
schrieb glücklicherweise seinen meisterhaften »Wilhelm Tell«, ehe er
starb, und damit machte der Dichter alles Das wieder gut, was der
Philosoph verbrochen hatte. Jene abstracte Dictionsvergötterung, diese
Vornehmheit im Style, daß die dramatische Bewegung sich dem Menuette
nähert, und die einförmige Ausdrucksweise, welche das Characteristische
verwischt, liebte Göthe auch sehr und sie kam zum Ausbruch in seiner
»=Natürlichen Tochter=,« die so vornehm und kalt ist, als ob sie von
Stein wäre; noch mehr in seinem »=Elpenor=« und »=Epimenides=.« Obgleich
Göthe als Jüngling oft das Burschikose mit dem schönen Derb-Natürlichen
verwechselte, scheint er mir doch mehr Sinn für das echt Heroische in
seinem »Götter, Helden und Wieland,« als in seiner »Natürlichen Tochter«
zu haben, wenn er den Herkules munter von Wieland sagen läßt: »Der kann
nicht begreifen, wie ein Gott ein Flegel sein kann, und sich betrinken,
seiner Gottheit unbeschädigt.«
Die neue Schule verwarf Schiller und erkannte ihn nicht für einen großen
Dichter; aber das Volk trug ihn auf den Händen, und Göthe, den die
neuere Schule vergötterte, fühlte doch, was Schiller war. Glückliche
Umstände hatten eine -- wenn auch nicht gerade warme Freundschaft (denn
sie wurden nie Kameraden, wie Göthe später mit =Zelter=) -- so doch ein
auf Wissenschaftlichkeit, Kunst, persönliche Achtung und Wohlwollen
schön gegründetes Verhältniß zwischen ihnen gestiftet. Schiller und
Göthe hatten die Xenien geschrieben, in denen sie muthwilliger, als
es sich für ihr Alter geziemte, manche Persönlichkeit unvorsichtig
angegriffen und Veranlassung zu einem Tone gegeben hatten, den sie
selbst später haßten. Sie glaubten gegen ein wildes, rohes Wesen
ankämpfen zu müssen, welches in seiner Plumpheit die deutsche Tragödie
verderben könnte. Was sie hiermit meinten, ist nicht leicht zu sagen;
denn es gab ja damals keine anderen Dichter von irgend einigem Einfluß,
als Tieck, der seine »heilige Genoveva« und »Octavian« (Letzterer mehr
Komödie als Tragödie) geschrieben hatte; aber keines von diesen beiden
Stücken war für das Theater; daß sie trotz vieler Ausschweifungen
viel Genie und Natur zeigten, ist gewiß. Schlegels schrieben »Ion«
und »Alarkos,« worin sie sich mehr als Philologen und Stylisten, denn
als Poeten zeigten, und für sie war keine Gefahr; denn Göthe brachte
selbst Ion auf die Bühne. Aber Tieck trat, von Schlegels unterstützt,
auf eine sonderbare Weise als Shakespeare's Apostel auf. Nun genügte
nicht die Bewunderung und Liebe für die besten Werke des großen
Dichters, welche Garrik, Lessing, Schröder und Göthe gelehrt hatten;
sondern man sollte Alles bewundern, und selbst Das, was bisher für
verfehlt und geschmacklos, der Zeit angehörend betrachtet wurde, in
der Shakespeare lebte, sollte nun für Schönheiten und Muster gehalten
werden, die man bisher aus Mangel an Fähigkeit, recht in Shakespeare's
Geist einzudringen, übersehen und lächerlicher Weise verkannt habe.
Diese Kritik, welche Tieck sehr vornehm aussprach, wobei er sich
zugleich selbst zu einem Theil von Shakespeare's geistigem Ich machte,
war nun freilich tadelnswerth. Aber es half Nichts, daß Schiller,
als er den Macbeth übersetzte, die Hexenscenen modernisirte und sie
zu philosophischen Reflexionen machte; er verwischte dadurch das
Romantische, Volksthümliche, Poetische, tragisch-Grauenhafte, obgleich
seine eigne herrliche Dichternatur sich nicht verleugnete, da er in
seiner Umarbeitung das herrliche Lied vom Fischer hineindichtete.
Noch weniger half es, daß Göthe und er auf den wunderlichen Einfall
geriethen, Voltaire's »Mahomed« und »Tancred« und Racine's »Phädra« zu
übersetzen. Das Beste in diesen Stücken ist ohne Zweifel die lebendige
und rasche Leidenschaftlichkeit und Begeisterung, die sich in den
anapästischen, französischen Alexandrinern ausspricht. Indem man diese
in ehrbare, gravitätische deutsche Jamben verwandelte, stutzte man den
französischen Adlern die Flügel, ohne Löwen aus ihnen zu machen. Das
Gedicht, welches Schiller bei dieser Gelegenheit an Göthe schrieb, ist
sehr merkwürdig.
»Nicht in alte Fesseln uns zu schlagen
Erneuerst Du dies Spiel der alten Zeit,
Nicht uns zurückzuführen zu den Tagen
Characterloser Minderjährigkeit. --
Erweitert jetzt ist des Theaters Enge,
In seinem Raume drängt sich eine Welt.
Nicht mehr der Worte rednerisch Gepränge,
Nur der Natur getreues Bild gefällt;
Verbannet ist der Sitten falsche Strenge,
Und menschlich handelt, menschlich fühlt der Held.
Die Leidenschaft erhebt die freien Töne
Und in der Wahrheit findet man das Schöne.
Doch leicht gezimmert nur ist Thespis' Wagen,
Und er ist gleich dem Acheron'schen Kahn:
Nur Schatten und Idole kann er tragen;
Und drängt das rohe Leben sich heran,
So droht das leichte Fahrzeug umzuschlagen,
Das nur die flücht'gen Geister fassen kann.
Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen,
Und siegt Natur, so muß die Kunst entweichen.
Nicht Muster zwar darf uns der Franke werden,
Aus seiner Kunst spricht kein lebend'ger Geist:
Ein Führer nur zum Bessern soll er werden.
Er komme wie ein abgeschied'ner Geist,
Zu reinigen die oft entweihte Scene,
Zum würd'gen Sitz der alten Melpomene.«
In diesem Gedicht hat der oft so tief denkende, philosophische Schiller
sich wirklich der größten Widersprüche schuldig gemacht.
»Du führst uns nicht zurück zu den Tagen characterloser
Minderjährigkeit« (d. h. zu Ludwig's XIV. verschrobener sclavischer
Zeit); das würde nun auch nichts helfen, »da nicht mehr der Worte
rednerisch Gepränge, nur der Natur getreues Bild gefällt;« da »der
Mensch fühlt und handelt menschlich, und man in der Wahrheit nur
das Schöne findet.« Mehr Lob kann man der Zeit nicht geben, die man
tadelt, mehr die Zeit nicht tadeln, die man loben will. Aber was sollte
denn nun geschehen? Das Gespenst der Kunst, »woraus kein lebendiger
Geist spricht,« sollte wiederkehren, um die Bühne zu reinigen, um
mit seinem conventionellen Besen die Apfelsinenschalen und faulen
Aepfel wegzukehren, die von der Galerie der Gegenwart auf das Theater
herabgeworfen sind. Das bessere Theater wird mit dem Karren der Thespis
verglichen, wo die ersten rohen, tragischen Versuche gemacht wurden, und
wo die Schauspieler sich das Gesicht mit Hefe beschmierten. Das gute
Theater wurde einem schwachen, schwankenden Boote verglichen, auf dem
Charon die Todten zur Unterwelt führt. Eben erst war davon die Rede, daß
»nur der Natur getreues Bild gefällt;« nun heißt es: »siegt Natur, so
muß die Kunst entweichen.« Ich glaubte immer, daß die Natur gerade ihren
schönsten Sieg in der Kunst fände; denn die Kunst ist ja nichts Anderes,
als die verschönerte Natur, kein todtes Schattenbild, welches fürchten
muß, daß das Boot umwerfe, so daß also die Todten in Gefahr schweben zu
ertrinken, und aufs Neue zu sterben.