Einmal spielte man Shakespeare's Hamlet, und er kam mitten im ersten

Acte. »Warum haben sie das Stück verstümmelt?« fragte er, »es ist ja

eine Scene vorher mit dem Geiste und dem Sohne.« Ich antwortete: »Die

Scene ist auch gespielt worden, aber =Sie= sind zu spät gekommen!« --

»So, so!« sagte er. Darauf wandte er sich gegen das Parterre hin und

sagte: »Warum sind denn so wenige Leute heute Abend hier? Die Leute

haben keinen Geschmack.« Und nachdem er das gesagt hatte, ging er selbst

fort.

Einer seiner Söhne konnte ein wenig singen, und da er ein sehr

zärtlicher Vater war, so arrangirte er seinetwegen zuweilen

Abendconcerte, und lud Weyse und Kuhlau dazu ein; diese entschuldigten

sich aber. Hierüber wurde Brandis böse. »Diese Musikanten,« sagte

er, »bilden sich so viel ein. In alten Tagen waren die Musikanten

Kammerdiener.« Es fiel mir zu spät ein, ihm darauf zu antworten: »Ja,

und die Aerzte.«

Aus allen diesen Geschichten sieht man, daß Brandis unartig sein

konnte; und wer ihn nicht persönlich kannte, wird nicht einsehen

können, was etwa anziehend bei ihm war. Aber das war sein Witz, sein

reicher Geist, seine Weltkenntniß und Beredsamkeit, obgleich er etwas

stammelte, seine wissenschaftliche Bildung und sein Genie als Arzt.

Wenn man gefährlich-krank war, so wandte man sich an Brandis, und

die Aerzte selbst riethen dazu; aber gefährlich mußte es sein, sonst

kümmerte er sich nicht darum. Als ich ihn nach dem früher erwähnten

kalten Fieber eines Abends auf seinem Landsitze auf Oesterbro besuchte,

wollte er durchaus spazieren gehen, und mit mir im Garten nach

Sonnenuntergang plaudern. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß ich ein

Fieberreconvalescent sei. »Ach, sein Sie kein Kind!« sagte er. »»Wenn

unser größter Arzt sagt, daß es keine Gefahr habe,«« fuhr ich fort, »»so

bleibe ich; wenn ich meinem eignen Gefühl folgte, so ginge ich nach

Hause.«« Ich hätte gut gethan, wenn ich diesem Gefühle gefolgt wäre;

denn den Tag darauf bekam ich wieder das Fieber. -- Einige seiner Witze

will ich hier als Probe anführen. Von einem Manne, von dem man glaubte,

daß er sich sehr viel Mühe gäbe, Orden zu bekommen, sagte er: »Er hat

den Bandwurm.« -- Von einer Patientin, deren Verstand verwirrt gewesen

war, und die nun wieder anfing, sich zu erholen, sagte er Einem, der

fragte, ob sie nun bald wieder ganz vernünftig sein würde: »Ja, klüger,

als sie war, ehe die Krankheit kam, kann ich sie nicht liefern.« -- Ein

reicher Mann, der immer auf die finanziellen Zustände des Landes schalt,

rief ein Mal in einem Gespräch mit ihm aus: »Ach, wir sind alle arme

Hunde!« -- »Bitt' um Verzeihung, mein Herr!« entgegnete Brandis, »=Sie=

sind nicht arm, und =ich= bin kein Hund!« -- Als ein alter Mann, der

sich mit einem hübschen jungen Mädchen verheirathet hatte, ihn fragte:

»Darf ich Kinder hoffen?« entgegnete er: »Nein -- aber fürchten!«

* * * * *

[Sidenote: Professor Schielderup.]

Einen andern sehr witzigen Arzt, der noch mehr stammelte, als Brandis,

muß ich bei dieser Gelegenheit nennen: den Norweger Professor

=Schielderup=. Er war übrigens sehr verschieden von Brandis, lang und

mager, mit einem sehr bescheidnen Wesen. Er befaßte sich nicht damit,

Schöngeist zu sein, obgleich er das Schöne sehr achtete. »Ich bin solch'

ein Vieh,« sagte er ein Mal ganz ernst und bescheiden zu mir, »daß ich

keine andern ästhetischen Schriften gelesen habe, als Wilhelm Meister

und Benevenuto Cellini.« Ich antwortete, daß der Anfang gut sei, er

solle so fortfahren. -- Eine Eigenthümlichkeit bei ihm war, daß er

nicht stammelte, wenn er Vorlesungen hielt. Aber als er einmal in der

skandinavischen Gesellschaft eine Abhandlung vorlas, kamen in derselben

zuweilen Worte vor, über die seine Zunge ebenso wenig hinwegkonnte, wie

ein Wagen über große Steine, die auf der Landstraße liegen. Ich brach

beinahe in ein Gelächter aus, wandte mich in meiner Noth an meinen

Freund, den Professor Thorlacius, meinen Nachbar, und sagte: »Ich kann

mich vor Lachen nicht halten, meine Fingerspitzen sind ganz naß vor

Anstrengung.« Mit gutmüthigem Lächeln meinte Thorlacius, man dürfe

keinen Naturfehler verspotten. »Ach, mein lieber Freund,« sagte ich,

»dieser Schonung bedarf ein so ausgezeichneter Geist, wie Schielderup

ist, gar nicht. Eigentlich ist der Trieb, den ich zum Lachen fühle,

nur eine Folge der Bewunderung und Achtung, die ich für ihn hege. Wenn

ein Dummkopf stammelt, so ist das nicht lächerlich: es ist die rechte

Melodie zum Text. Aber wenn es einem begabten Manne schwer wird, seltene

Gedanken auszudrücken, wo ein Dummkopf sich mit größter Leichtigkeit

äußert, so ist das eine Ironie, eine Schelmerei von der Natur, welche

die muntere Fantasie zum Lachen zwingt.« -- Von Schielderup's Einfällen

will ich nur zwei anführen. Er fuhr ein Mal in einer Leichenprocession

nach dem Kirchhofe mit einem Spießbürger, den er nicht weiter kannte,

der aber diese Gelegenheit benutzen wollte, um von Schielderup ohne

Recept und Bezahlung zu erfahren, was er mit all' seinen Leuten zu

Hause, die kränkelten, thun solle. Schielderup ließ ihn schwatzen und

weitläufig Alles erklären, schwieg aber stockstill. Endlich, nachdem

der Mann sich fast eine halbe Stunde expectorirt hatte, ohne Antwort zu

bekommen, wurde er zuletzt ungeduldig und rief: »Aber Herr Gott, hören

Sie denn nicht, was ich sage?« -- »Ja wohl,« sagt Schielderup, »ich

höre es.« -- »Aber warum antworten Sie denn nicht?« -- »Ich ha -- habe

keine Zeit!« -- »Was haben Sie denn zu thun?« -- »Ich fa -- fahre!« --

Ein anderes Mal fragte ihn Einer mit einer rothen Nase, ob er ihm diese

nicht fortschaffen könne? -- »Ja,« antwortete Schielderup, »es kommt nur

darauf an, welche Cou -- Couleur Sie lieber haben wollen?«

* * * * *

[Sidenote: Meine beiden Söhne.]

War ich so nun bald in vornehmer, bald in gelehrter Gesellschaft, so

befand ich mich wiederum zu Hause, in häuslicher Ruhe in einem dritten,

durchaus andern Kreise, in dem meiner Kinder. Lotte lief bereits wie

eine kleine Puppe auf dem Fußboden umher, und unsere Wiegen waren, erst

mit dem einen Knaben und dann mit dem andern in Bewegung. =Johannes

Wolfgang= ist am 7. Februar 1813, =William Conrad= am 19. December 1814

geboren.

* * * * *

In diesem Jahre besuchte ich Frau =Gyllembourg=, frühere Frau =Heiberg=.

Diese geistreiche, muntere Frau versammelte eine angenehme Gesellschaft

um sich. Es kamen H. C. Oersted, Weyse und Pram zu ihr. Der junge

=Johann Ludwig= saß als halb erwachsener Knabe da, und lernte damals

wohl Manches von uns Aelteren. Ich ließ es mir am allerwenigsten

träumen, daß ich wenige Jahre darauf so viel von ihm lernen würde.

* * * * *

[Sidenote: Neue Umgangskreise.]

In dieser Zeit erwarb ich mir ein paar Freunde, deren Verkehr mich viele

Jahre hindurch erfreute, den Chef der Seekadetten, Capitain =Peter

Frederik Wulff= (der als Admiral starb), und seine liebenswürdige

Gattin. Wulff hatte sehr viel Liebe für die Poesie, schrieb selbst,

gleich seinem Vorgänger Sneedorff, hübsche Verse, und übersetzte

später mehrere von Shakspeare's Werken. Er nahm mich zuweilen mit

auf das Kadettenschiff. Ich entsinne mich noch einer Partie, die wir

zusammen nach Helsingör machten, wo ich einen angenehmen Abend in der

Gesellschaft der Fräulein =Tuxen= (späteren Admiralinnen Rothe und

Möller) zubrachte. Durch Wulff wurde ich auch mit dem Olsen'schen Hause

bekannt, wo man stets einen lebendigen, muntern Kreis vieler Gäste fand.

Etatsrath =Olsen=, ein kleiner, magerer, bleicher, leichtbeweglicher,

sehr höflicher Mann, theilte die Gastfreiheit seiner Frau, und sie

selbst hatte das liebenswürdigste Talent, Wirthin zu sein und Munterkeit

und Zufriedenheit rund um sich her zu verbreiten. Ihre Schwägerin,

Rittmeisterin =Balle=, war schön und anmuthig; was Wunder, wenn man gern

dort in das Haus kam. Bei dieser Gelegenheit erneuerte ich eine alte

Bekanntschaft. Ich traf nämlich bei Olsen's den =Bischof Balle=, mit

dem ich nicht gesprochen hatte, seitdem ich als kleiner Junge von sechs

Jahren zwischen seinen Knieen stand und hersagte, was ich auswendig

gelernt hatte. Es war eigenthümlich, diesen alten Mann, der durchaus

einer dahingeschwundenen Zeit angehörte, feierlich still, fast wie ein

Gespenst, im Priesterrock mit steifem Kragen und gepuderter Perücke,

mitten in den lärmenden, modernen, lustigen Cirkel hineintreten zu sehen

und wie er sich an den Abendtisch setzte, wo fast von nichts Anderm als

von dem Schauspiele und den Stücken gesprochen wurde, die kurz vorher

gegeben waren; denn Olsen war Theaterdirector und die Damen hatten jeden

Abend freies Entrée in der Directionsloge. Der alte Bischof kam nie ins

Theater, sprach nie von diesen weltlich eiteln Dingen, und obgleich

er nicht, wie sein Vorgänger Pontoppidan in seiner »Erklärung« über

»Comödien, Wirthshausgehen, die stets an und für sich Sünden sind, an

Feiertagen aber doppelte Sünden,« geklagt hatte, so war der Ton von

Balle's »Lehrbuch« doch nicht sehr verschieden von dem in Pontoppidan's

»Erklärung.« -- Ich gewann übrigens sein Herz dadurch, daß ich ein Mal,

als wir allein im Zimmer waren, ihm am Clavier viele der alten Psalmen,

die ich auswendig wußte, vorsang; woraus er ersah, daß der Zucker, den

ich von ihm am Altare bekommen hatte, doch nicht ganz ohne Wirkung

gewesen war.

* * * * *

[Sidenote: Der Schauspieler Dr. Ryge.]

Bei meiner Schwester, die den Sommer immer in Friedrichsberg wohnte,

bei meinem Vater auf dem Schlosse, und bei Rahbeks auf dem Hügelhause

erneuerte ich das Andenken an liebe, verschwundene Tage, und sang mit

Baggesen: »Ach, nie vergißt das Herz doch der ersten Jugend Kreis!«

Im Uebrigen sangen Baggesen und ich nicht mehr viel zusammen. Er

besuchte mich oft, aber ich bemerkte bald, daß der Wurm des Neides an

seinem Herzen nagte.

Ich hatte ein mächtiges Organ für meine Tragödien in Dr. =Ryge=

gefunden, der Schauspieler geworden war und einen seltenen Beweis dafür

abgab, was Enthusiasmus für die Kunst über weltlichen Vortheil und

Ansehen vermag. Er war Stadtphysikus in Flensburg gewesen und hatte ein

sehr einträgliches Amt, als er es plötzlich niederlegte, -- einzig und

allein, um dem Triebe seines Herzens als Tragiker zu genügen. Er war ein

vortrefflicher Eleve Brandis'. Obgleich nun Brandis, selbst ein Mann

von Geist, Sinn und Interesse für die schönen Wissenschaften hatte,

so konnte er doch, in einer ältern Zeit gebildet, gewisse Vorurtheile

gegen den Schauspielerstand nicht überwinden, und darüber ließ er sich

auf seine gewöhnliche, derbe Art Ryge gegenüber, der hierin natürlich

durchaus nicht mit ihm sympathisirte, aus. »Wissen Sie wohl,« sagte

Brandis einmal zu ihm, »daß Sie ein ausgezeichneter Arzt hätten werden

können, wenn Sie Ihre Wissenschaft ferner gepflegt hätten?« -- »Es giebt

Ihrer genug, die Menschen todt schlagen,« antwortete Ryge; »wissen Sie

wohl, daß ich lieber Statist beim Theater, als der ausgezeichnetste

Arzt sein will?« -- Wie sonderbar geht's doch in der Welt zu! Hätte mir

Jemand im Voraus gesagt, daß ein Stadtphysikus aus Flensburg bald als

ein echter Hakon Jarl, Palnatoke, Wilhelm, Michel Angelo, Stärkodder

u. s. w. auftreten würde -- so hätte ich geglaubt, Holberg's Geert

Westphaler erzählte verrückte Flensburgsgeschichten von seiner großen

Reise von Hadersleben nach Kiel. Und doch war es so! Ryge's Liebe für

die Kunst war außerordentlich. Ich entsinne mich noch, wie wir an einem

herrlichen Frühlingstage zusammen nach Friedrichsberg hinausgingen und

über eine Rolle sprachen, die er in einem meiner Stücke spielen sollte.

Der Frühling war gerade in seinem schönsten Glanze erwacht; obwohl mich

das Gespräch in hohem Grade interessirte, zog doch auch das herrliche

Maigrün meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich wollte, daß Ryge an

meiner Bewunderung Theil nehmen sollte. Aber er würdigte vor lauter

Verliebtheit in Melpomene, die Flora nicht eines Blickes (obgleich er

seine Brille aufhatte); und als ich ihn fragte: »Aber erfreut denn die

Natur nicht auch Sie?« antwortete er auf seine gewöhnliche humoristische

Weise: »Nein, beim Teufel, das thut sie nicht! Sprechen wir nun wieder

von der Kunst.«

* * * * *

[Sidenote: Der Kritiker Baggesen. -- Zwei neue Singspiele.]

Das Glück, welches meine Tragödien besonders durch Ryge's

ausgezeichnetes Spiel machten, verdroß Baggesen. Er, der sich früher

nie mit dramatischer Kunst abgegeben, und in seinen eigenen Versuchen

gezeigt hatte, wie wenig er davon verstand, setzte sich auf das hohe

Pferd und führte das große Wort. Aber in den ersten Kritiken zeigte

er nur Unkenntniß und übertriebenes Selbstvertrauen, ein gewöhnlicher

Fehler bei Recensenten; der Ton in seinem Tadel hatte noch nicht die

Grenzen des Anstandes überschritten, obwohl man es wohl merkte, daß er

es nicht gut mit mir meinte. Ich hatte einige Antikritiken, ohne alle

Persönlichkeiten, nur wissenschaftliche Prüfungen der Baggesen'schen

Sophismen, geschrieben; aber =Benzon=, der von Westindien nach

Kopenhagen gekommen war und meine anderen Freunde riethen mir ab, mich

in eine literarische Fehde einzulassen. Ich unterließ es also, habe dies

aber später bereut; denn es würde Baggesen vielleicht auf seinem Wege

aufgehalten und ihn verhindert haben, sich dann so stark zu verlaufen.

* * * * *

Weyse wünschte damals (1814) wieder ein Singspiel zu componiren und

der herrliche =Kuhlau=, der nur erst durch seine Instrumentalmusik

bekannt war, bat mich gleichfalls, ihm ein solches zu schreiben. Ich

überlegte, was sich für das Genie Beider eignen könne. Kuhlau schien

mir mehr lebendig und effectvoll zu sein; in Weyse's Musik hatte mich

stets eine tiefe ahnungsvolle Phantasie mit ihren holden Träumereien

hingerissen. Ich schrieb die =Räuberburg= für Jenen, =Ludlam's Höhle=

für Diesen. Die Räuberburg hat ein buntes und trotz ihrer Darstellung

von Gefahr und Grausamkeit, munteres Colorit. Die Scene spielt in

der Provence; die provencalische Rose sticht sich in den Kranz der

Liebenden, Töne aus der Zeit der Troubadoure klingen in einzelne Partien

herüber; aus dem nahen Spanien schenkt Calderon ein wohlklingendes

Versmaß um leicht über die Räuberscenen hinwegzueilen, in denen man

mehr über die naive Grausamkeit der Räuber erstaunt, als sich über ihre

Abscheulichkeit entsetzt. Ich wollte nicht die deutsche philosophirende

Leidenschaftlichkeit, das merkwürdige phantastische Zähneknirschen,

die sentimentale, hohe Verzweiflung nachahmen, die wir in Schiller's

Räubern bewundern. In der Räuberburg sehen wir =südliche= Räuber, die

so wenig an Gewissensscrupeln und dem Kampfe mit moralischen Gefühlen

leiden, daß sie im Gegentheile mit Mord und Todtschlag, wie Knaben

mit ihrem Steckenpferde spielen. =Brigitte= und =Camillo= sind die

merkwürdigsten Charactere im Stücke. Das teuflische Element der ersten

ist ganz natürlich; Wollust geht eben so leicht zu Grausamkeit, wie

zu phantastischer Schwärmerei über, und das Leben ist für sie nur ein

nervenerschütterndes Spiel, welches um so genußreicher ist, je stärker

es erschüttert.

In Ludlam's Höhle verschmelzen sich zwei verwandte Mährchen aus den

»Neuen Volksmährchen der Deutschen« mit einander. Die Idee von der

Versöhnung hat der romantischen Mythologie Veranlassung zu solchen

Darstellungen, wie die von Ludlam und der weißen Dame, gegeben. Ein

Sünder konnte sich in seiner letzten Stunde bekehren und Verzeihung

finden; wenn aber der Tod ihn überrumpelte, so fand er keine Ruhe im

Grabe. Nun schauderte das Herz doch bei dem Gedanken an eine ewige

Verdammung, die eine glückliche Reue zu rechter Zeit hätte verhindern

können. Deshalb glaubte man, daß solche Todte als Geister umgingen,

um Errettung zu finden. Und sowie Christus die Sünden der Menschen

gesühnt hatte, so hielt man es für möglich, daß ein lebender, frommer,

christlicher Verwandter durch seine Tugend und seine Unschuld die Sünde

des Verstorbenen sühnen könne. Diese fromme Phantasie, die aus einem

Gefühl der Barmherzigkeit für den Unglücklichen entstand, hat gewiß

nichts Abstoßendes für unser Gefühl, und wenngleich unsere Philosophie

nicht mehr daran glaubt, so können wir uns doch wohl mit poetischer

Illusion auf einige Stunden in den Glauben einer alten Zeit versetzen

und ihre Anschauungsweise theilen. Etwas Aehnliches thun wir ja auch

immer, wenn wir uns in irgend einen andern Character und in Anderer

Denkweise, als unsere eigene versetzen. Ich sehe also nicht ein, warum

ein sinnreiches Gespensterspiel strenger von der Poesie und der Bühne

ausgeschlossen sein soll, als das Zauberspiel. Es ist doch tragisch,

und spricht unsere ernste, moralische Natur, sowohl in der Zeit, wie in

dem nationalen Elemente mehr an. Es währte etwas lange, ehe das Stück

angenommen wurde, und ich schrieb deshalb an Rahbek (der einer der

Censoren war) einen Reimbrief, in Folge dessen es kurz darauf gegeben

wurde.

Weyse's und Kuhlau's Musik entsprach ganz meiner Erwartung, die Stücke

machten Glück auf der Bühne und wurden immer bei vollem Hause gegeben.

Aber Baggesen riß sie herunter, wurde immer gröber und gröber und fand

immer mehr und mehr Anhänger; denn da ich stillschwieg, glaubten Viele,

daß doch wohl Etwas an seinem Tadel wahr sein müsse; obgleich die

Meisten, selbst unter seinen Freunden, fanden, daß derselbe übertrieben

sei.

* * * * *

[Sidenote: Mißhelligkeit mit Rahbek.]

[Sidenote: Madame Händel-Schütz in Kopenhagen.]

Mein Verhältniß zu Rahbek in dieser Zeit war mißlich. Wir konnten in

Sachen des Geschmacks nicht sympathisiren, obgleich ich zu seiner Ehre

sagen muß, daß er der Einzige aus der alten Schule war, der meine

Arbeiten mit Beifall und Achtung aufnahm. Hätte ich seine Bewunderung

für die junge Schauspielerin theilen können, die nicht nach meinem

Geschmacke war, und wenn ich einmal im Theater nicht über einen zwar

unverzeihlichen aber komischen Scherz über seinen Geschmack gelacht

hätte, der von einem Professor =Schütz= gemacht wurde, so hätte sich

wohl auch die Freundschaft nicht abgekühlt. Früher war ein deutscher

Adliger hier gewesen, der die scenische Kunst unter dem angenommenen

bescheidenen Namen =Patrik Peale= pflegte, wahrscheinlich um seiner

Familie nicht Schande zu machen. Er hielt auch ästhetische Vorlesungen,

die Rahbek mit vieler Andacht und großem Wohlbehagen anhörte. Das

misfiel mir; denn Herr Peale war meiner Ansicht nach eine verschrobene

langweilige Person. Kurz darauf kam die berühmte Madame =Händel-Schütz=

mit ihrem Manne, Professor Schütz, nach Kopenhagen und zeigte ihre

Copieen nach Raphael, Correggio, Guido Reni u. s. w., die alle durch

Shawls, Tücher, andere Gewänder und fromme Stellungen ausgeführt wurden.

Alles, was auf diese Weise darzustellen möglich war, stellte Madame

Händel-Schütz wirklich mit vielem Geschmack und Studium dar. Aber da

ihr gesundes, recht hübsches Gesicht durchaus nicht ideal, da ihr

natürlicher Character munter und lebenslustig war, so konnte sie trotz

der äußern, flüchtigen Aehnlichkeit doch vor wahren Kunstkennern niemals

als ein Modell der unsterblichen Werke jener großer Meister gelten.

Indessen amüsirte es die Leute doch eine kurze Zeit und mich auch, da

ich sie von meiner ersten deutschen Reise her kannte. Und als ihr Mann,

der durchaus nicht besser war, als Patrik Peale, über Rahbek wegen eines

abschlägigen Bescheides, den dieser ihm gegeben, entrüstet, ihn auf dem

Theater verspottete, indem er eine kleine ironische Vorlesung in seinem

Geschmacke hielt, so lachte ich und daran that ich Unrecht. -- Kurz

daraus benutzte ich die Gelegenheit, indem ich einige von ihm entliehene

Bücher zurücksandte, mich ihm durch ein freundliches versöhnendes

Gedicht, das ich der Sendung beilegte, wiederum zu nähern.

* * * * *

Nun wurden wir zwar wieder gute Freunde; aber es hatte doch keine Art,

und auf Veranlassung von Freia's Altar wurde die Freundschaft in ein

paar Jahren ganz vernichtet. Aber ich komme hier zu einem Standpunkte,

wo meine ganze literarische Wirksamkeit betrachtet und überschaut werden

muß, um dem Leser einen richtigen Begriff von meiner Stellung und deren

Folgen zu geben.

Mehreres hatte dazu beigetragen, daß ich meine Autorität zu verlieren

begann, und der Autorität kann Niemand entbehren, der in seinem Fache

kräftig wirken und auf die Menge Einfluß ausüben will. Zweifelt man an

dem guten Geschmacke des Dichters, so ist das ebenso viel, als wenn der

Kaufmann seinen Credit verliert. Beim Anfange meiner Dichterlaufbahn

fing ich an, gegen den bestehenden Geschmack zu opponiren; dies war

mir nicht wenig förderlich; denn Viele hatten Lust an Veränderung und

Streit; der Neid sieht gern alte Mächte gestürzt, und kommt dazu nun

noch, daß die Opposition wirklich für etwas Gutes kämpft, so ist es

natürlich, daß sie auch bei den Besseren Unterstützung und Anhänger

findet.

[Sidenote: Rückblick auf meine erste Dichterperiode.]

Wenig über zwanzig Jahre stand ich, fast noch ein Kind, mit wenigen

Kenntnissen da, aber -- man erlaube mir dies ebenso aufrichtig zu sagen

-- mit guten Fähigkeiten für mein Fach, und in dieser Lebensperiode

entwickeln sich die Kräfte mit großer Schnelligkeit. Man fand mich

bald im Besitz einer starken Phantasie, eines tiefen Gefühls, einer

kecken muntern Laune; aber Philosophie, oder richtiger gesagt,

Metaphysik zu studiren, dazu fühlte ich mich ebenso wenig getrieben,

wie zur Mathematik. Indessen hatte sich mein gesunder Verstand doch

auf natürliche Weise in der Schule des Lebens mehr als bei den meisten

jungen Gelehrten entwickelt, welche die Welt nur aus abstracten Theorien

kannten. Es war von den ersten Jünglingsjahren an eine meiner liebsten

Beschäftigungen gewesen, über das Wesen und die Handlungen der Menschen

nachzudenken, die Charactere und die Beweggründe der Handlungen im

menschlichen Herzen zu erfassen, weshalb auch die Geschichte seit der

Zeit, wo Dickmann in der Schule für die Nachwelt mit Geschmack für sie

beibrachte, mir ebenso lieb war, wie die Natur und das Menschenleben.

Im Anfange des Jahrhunderts herrschte die Rahbek'sche Schule. Ich

nenne sie so, weil er es war, der in der Minerva und dem Zuschauer

die Poeten zusammenhielt, und in seinen täglichen Aeußerungen die

geltenden Ansichten allgemein verbreitete. In meiner Anfangszeit war der

Geschmack sehr schlecht. Nicht als ob wir guter und großer Vorbilder

entbehrt hätten. Wir hatten Holberg, Ewald, Wessel, Tullin gehabt;

Thaarup hatte seine reizenden Idyllen, Baggesen seine Jugendarbeiten

geschrieben. Aber, merkwürdigerweise, während die großen Deutschen,

Göthe und Schiller, blühten, war man hier sehr wenig geneigt sie gelten

zu lassen. Eigentlich liebte Rahbek nur den sentimentalen Göthe im

Werther, ja sogar in Stella und Clavigo. Die damals bei uns besonders

hochgeschätzten Dichter waren =Iffland=, =Kotzebue= und =Lafontaine=.

Drei meiner Jugendfreunde, die beiden Mynsters und Benzon, theilten

diesen Geschmack nicht; sie bewunderten Shakspeare, Göthe, Schiller,

Jean Paul, Lessing, welche ich alle durch sie kennen lernte und fleißig

studirte, als gerade Steffens kam. Er gab meinem Geiste einen ganz

eignen Schwung. Der Mysticismus und das Poetische in der romantischen

Träumerei des Mittelalters gefiel mir. Tieck und Novalis wurden meine

Lieblingsschriftsteller, die Polemik der beiden Schlegel's im Athenäum

und der Europa war ganz nach meinem Geschmack.

[Sidenote: Rückblick. Studien ausländischer Dichter.]

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3 · 第 3 / 17 段