»Wie wir auch die christliche Offenbarung betrachten mögen, so muß man

sie doch ihrem eigenen Geiste nach für das ewig Göttliche halten, das

in der Zeit auf eine sinnliche Weise anschaulich wurde; Gott war es,

welcher Mensch: der Geist, welcher Fleisch wurde und unter uns wohnte.

Das Göttliche müssen wir als unveränderlich betrachten; aber das

Sinnliche, das Menschliche, gehört der Zeit und wird mit ihr verändert.

Statt sich nur stets an dem Christusbilde, wie die historische

Bibelnachricht es umgiebt, zu halten, sucht der Dichter den Geist

Christi mit mehreren Bildern zu vereinigen. Dies ist sein Wesen, und

ohne dieses giebt es keine Dichtkunst.«

»Die ewige Liebe hat sich sowohl vor, wie nach Christus offenbart; er

selbst steht als das schönste, heiligste Beispiel der Vereinigung des

Göttlichen und Menschlichen da. Aber seine Stellung ist so hoch, daß der

bescheidne Dichter, der daran verzweifelt, ihn so herrlich darstellen zu

können, wie er es verdient, sich lieber in Demuth an etwas Menschliches

wendet, das ihm gleich ist, und einen Schimmer seiner himmlischen

Tugenden hat. Das Licht bricht sich in Farben; mit diesen können wir

malen, nicht mit dem Lichte selbst. Ich habe Nichts dagegen, daß man

dies ein Spiel mit dem Geistigen nennt; es ist ein Spiel, wie Correggio

sagt; aber dieses Spiel schließt den höchsten Ernst in sich. Auch nach

der Abrundung von Schönheit in der Kunst, welches Sie gleichfalls als

etwas sehr Untergeordnetes zu betrachten scheinen, strebt der wahre

Künstler; denn Schönheit ist nichts Anderes, als die vollkommene Form

des Guten, und Abrundung ist Reife und die Herrschaft des Künstlers

über das Werk.«

Damit war der Briefwechsel geendigt, und kurz darauf wiederholte

Grundtvig in seiner Weltchronik, was er mir im Briefe gesagt hatte.

Ich fühlte, wie unmöglich es mir werden würde, mit diesem Manne zu

sympathisiren, dessen Feuer, Begeisterung, Beredsamkeit ich bewunderte,

und von dessen gutem Willen ich überzeugt war, dessen Gefühl und

Lebensanschauungen aber in zu starkem Gegensatz zu dem meinigen standen.

Hier, wie so oft, erkannte ich die Wahrheit von Göthe's Worten:

»Ganz vergeblich versuchst Du des Menschen

Schon entschiedenen Hang und seine Neigung zu wenden;

Aber bestärken kannst Du ihn wohl in seiner Gesinnung,

Oder wär er noch neu, in Dieses ihn tauchen und Jenes.«

* * * * *

[Sidenote: Ein Winter in der Heimat.]

Den größten Theil des ersten Winters nach meiner Rückkehr nach

Kopenhagen brachte ich in großen Gesellschaften zu; um mich wieder zu

erholen und eine alte Freundschaft aufzufrischen, zog ich ein paar

Wochen nach Friedrichsburg hinaus, wo mein Jugendfreund Winckler

Regimentschirurg war. Während dieser Zeit war ich sein Gast. Wir

wanderten in der stillen Winterlandschaft weit umher, sprachen viel mit

einander und frischten alte, liebe Erinnerungen auf. Er machte mich mit

der Familie des Justizraths und Gestütmeisters =Nielsen= bekannt, wo

ich doch nicht den jungen Mann fand, der einige Jahre später so sehr

viel zu dem glücklichen Erfolge meiner Tragödien auf der Bühne beitragen

sollte. Es machte mir vielen Spaß, all' die gewaltigen Hengste ihre

Capriolen machen zu sehen; einer der schönsten und stärksten von ihnen

war Palnatoke genannt. Aber auch kleinere Thiere amüsirten mich in

Friedrichsburg: ich hatte ein Zimmer gemiethet, da Winckler keines übrig

hatte; hier waren Mäuse, und ich zog eine von diesen so, daß sie an

mein Bein hinaufkroch und etwas Brot aß, das ich dort hinlegte, während

ich am Ofen saß und las. Bei der kleinsten Bewegung schlüpfte das

Thierchen wieder in sein Loch. Ich dachte hierbei an Norkroff und viele

andere arme Gefangene, die in solcher Gesellschaft ihren einzigen Trost

und Zeitvertreib gefunden hatten.

* * * * *

[Sidenote: Meine Trauung.]

Am 17. Mai 1810 speiste ich mit meiner Christiane bei ihrem Vater in

Kopenhagen zu Mittag; darauf fuhr ich mit ihr allein nach Gientofte, wo

Herr Pastor =Höegh=, nachdem ich ihm die nöthigen Papiere gezeigt hatte,

mit uns in die Kirche ging und uns traute. Als Mann und Frau setzten

wir uns wieder in den Wagen und fuhren nach dem schönen Christiansholm

bei Seeluft, das uns Graf Schimmelmann freundlich zur Sommerwohnung

angeboten hatte.

Dieser Sommer war schön und angenehm. Die munteren witzigen Fräulein

=Hammeleff=, die Freundinnen meiner Frau, und der derbe, treue Norweger

=Reinhardt= (später Professor der Zoologie und mit der einen Freundin

verheirathet) bildeten damals hauptsächlich unsere Gesellschaft, wenn

wir nicht auf Seeluft waren. -- In diesem Sommer dichtete ich einige

lyrische Gedichte, sowie die Erzählung =Aly und Gulhyndy=. Von den

lyrischen Gedichten war =Sigrid mit dem Schleier= das längste. Da der

Stoff romantisch ist und sich den Ariost'schen Mährchen nähert, schrieb

ich es in Ottaverimen, und die Erinnerung an Italien, das ich vor Kurzem

verlassen hatte, verlieh ihm ein südliches Colorit. Aber um doch Denen,

die da behaupteten, »daß ich nicht mehr nordisch sei,« zu zeigen, wie

wenig ich das Nordische vergessen hätte, schrieb ich zu gleicher Zeit

=Harald Fangzahn=, dessen Form stark nordisch ist, in einem schweren

alten isländischen Ton, sowohl in Reimen, wie in Reimbuchstaben.

Die herausgekommene Sammlung unter dem Namen von =Dichtungen=, welche

kurz darauf durch einen Band =Erzählungen= fortgesetzt wurden, fanden

viele Leser und Liebhaber. Aber es hieß doch in gewissen Kreisen, »daß

dies nur ein matter Abglanz meiner früheren Gedichte sei.« Ueberhaupt

-- mit Ausnahme der Werke, die ich aus der Fremde ins Vaterland sandte,

oder kurz vor meiner Abreise herausgab -- ist das Meiste ziemlich streng

getadelt worden, wenn es erschien, und gewann erst nach und nach Beifall.

So ging es selbst mit Correggio, obgleich Foersom durch seine geistvolle

Darstellung diesem Character auf der Bühne Interesse zu verleihen

verstand. »Um Gottes Willen,« sagte ein Mann, der damals viel beim

Theater zu thun hatte, »wie kann es nur das Publikum amüsiren, einen

armen Maler ein ganzes Stück hindurch ächzen zu hören?« Man hielt damals

eine solche Aeußerung, die von einzelnen Anderen wiederholt wurde, für

eine Einfältigkeit; aber wir haben gesehen, daß sie selbst von einem

Göthe und Tieck unterstützt worden ist.

* * * * *

[Sidenote: Meine Bekanntschaft mit Christian Stolberg.]

Bei Schimmelmanns machte ich die Bekanntschaft mehrerer bedeutender

Personen; unter anderen die des Grafen =Christian Stolberg=, der mir

mit geistvoller Freundlichkeit entgegenkam. Sein genialer Bruder

=Friedrich Stolberg= war nicht zugegen. Es würde mich gefreut haben,

diesen Dichteraar zu sehen und zu sprechen, der Axel und Valborg liebte

-- wenn nicht der katholische Mysticismus bereits seine Flügel gestutzt

hätte. Auch die Schwester des Grafen Stolberg, =Käthchen=, ein alte

Dame, welche umherreiste, und sich bald bei dem einen, bald bei dem

andern ihrer Freunde einquartirte, lernten wir kennen. Sie war immer

entzückt und exaltirt, aber sehr gutmüthig und hatte vielen Verstand und

Bildung. Als sie hörte, daß wir auf Christiansholm wohnten, sagte sie:

»Ach, da muß ich Sie besuchen!« Sie kam auch. Auf Christiansholm waren

zwei große Zimmer mit Glasthüren zu beiden Seiten. Sie trat durch die

eine herein; aber kaum sah sie durch die andere die Bäume, so rief sie:

»Ach, wie schön! da müssen wir hinaus!« worauf sie durch die andere

ging, und wir mußten mit ihr weiter spazieren, ohne daß es ihr einfiel

zurückzukehren. Man erzählte eine komische Geschichte von ihr, wie sie

in Holstein, ich glaube beim Grafen Reventlow, in einem Saal der zweiten

Etage, ohne es Jemand zu sagen, ein Blumenbeet angelegt hatte, indem

sie unbemerkt Erde in ihrer Schürze hinaufschaffte. Diese Rabatte hatte

sie voll Vergißmeinnicht gepflanzt und täglich sorgfältig mit Wasser

begossen. Eines Morgens, als der Graf zur Decke seines Zimmers emporsah,

konnte er nicht begreifen, was das für große, dunkle Flecken seien, die

er daselbst bemerkte. Er ließ seinen Verwalter kommen, und als er ihn

fragte, was das für Flecke seien, antwortete dieser: »Die hat Comtesse

Käthchen gemacht, sie ist verrückt!« Der Graf wurde über diese groben

Aeußerungen böse; aber der Verwalter bat ihn mit hinauf zu kommen, und

zeigte ihm das Blumenbeet, worauf der Graf antwortete: »Sie ist freilich

verrückt; aber Sie sollen es doch nicht sagen.«

* * * * *

[Sidenote: Käthchen Stolberg. -- Characterzüge Schimmelmanns.]

Hier muß ich einen Characterzug von Schimmelmann erzählen. Er hatte

eines Abends ein deutsches Buch politischen Inhalts erhalten, und bat

mich, ihm daraus Etwas vorzulesen. Das Buch gefiel mir nicht, weil

der Ton mir darin affectirt und schwülstig erschien. Ich las deshalb

die übertriebensten Tiraden in einem lächerlichen geschraubten Tone,

worüber Schimmelmann endlich böse wurde, mir das Buch aus der Hand riß

und sagte: »Nein, so könne man auch die Bibel lesen!« Ich schwieg,

obgleich ich heftig bewegt wurde. Er schwieg auch. Die Gräfin knüpfte

ein neues Gespräch an; wir setzten uns zu Tisch. Es ging ziemlich still

zu, und ich ging nach Hause, nachdem ich höflich, aber verlegen gute

Nacht gesagt hatte. Am nächsten Morgen, als wir auf Christiansholm beim

Frühstück saßen, rief Christiane, die zum Fenster hinaus die schöne

Allee vor dem Hause hinunterblickte: »Da kommt wahrhaftig Schimmelmann!«

-- Der herrliche Mann kam, um es wieder gut zu machen, obgleich ich

doch eigentlich erst unartig gegen ihn gewesen war, indem ich ein

Buch lächerlich machte, das er gern hatte, und aus dem er mich bat,

vorzulesen.

Noch einen andern Zug von ihm muß ich erzählen. Es kam einmal in meiner

Gegenwart die Nachricht von seiner Baronie Lindenburg, daß daselbst ein

Schiff gestrandet sei, worauf er das Strandrecht hatte. »Das ist ein

eigner Fall!« rief er, und fuhr fort, indem er auf mich zeigte: »das muß

Aladdin haben!«

Daß es ein falsches Gerücht war, und daß Aladdin also Nichts bekam,

dafür konnte Schimmelmann nicht; er hatte doch den guten Willen gehabt.

* * * * *

[Sidenote: Geburt meiner Tochter Charlotte.]

Im nächsten Frühjahr 1811 am 21. April wurde meine älteste Tochter

geboren; die Gräfin Schimmelmann hielt sie über die Taufe, und sie wurde

nach dieser »Charlotte« genannt.

Wir brachten wieder eine kurze Zeit des Sommers auf Christiansholm zu.

Aber dies war das Kometjahr, und das führte eine abscheuliche Hitze

mit sich, die ich nicht vertragen konnte. Im Anfange hielt ich mich

doch noch tapfer, und um meinen Landsleuten noch ferner zu beweisen,

daß ich das Nordische nicht vergessen hatte, dichtete ich die Tragödie

=Stärkodder=. Aber kurz darauf bekam ich das kalte Fieber und die

Gelbsucht. Christiansholm ist wunderschön beim Thiergarten gelegen; aber

von Sümpfen umgeben; diese hauchten in dem heißen Jahre wahrscheinlich

stärkere Dünste als gewöhnlich aus; es lagerte ein weißer Nebel über

ihnen, wenn ich in der Abendkühle spazieren ging. Der vortreffliche Arzt

=Callisen= besuchte mich. Er hatte mich stets seit der Zeit lieb gehabt,

wo ich ihm bei seinem Rücktritt von der Universität ein Abschiedslied

dichtete. Aber ungeachtet seiner Hülfe kam das kalte Fieber doch immer

wieder.

* * * * *

[Sidenote: Ein seltsamer Besuch.]

Eines seltsamen Nachmittags aus jener Zeit entsinne ich mich noch

deutlich. Meine Frau war in Kopenhagen, es regnete heftig; ich ging in

den großen einsamen Zimmern allein, unbarbirt und gelb, wie ein Zigeuner

umher und fing an, die Fieberkälte zu empfinden. In demselben Augenblick

trat das Mädchen ein und sagte: »Die Gräfin Schimmelmann stehe draußen

mit einer großen Gesellschaft, die mir eine Visite machen wolle.« -- Ich

sah durch das Fenster eine Menge wohlgekleideter, munterer, gesunder

Menschen, die von einem guten Mittagstisch kamen, und nun zum Dessert

den Poeten in der Waldwohnung sehen wollten. Es war mir unmöglich,

sie zu empfangen; das Mädchen mußte der Gräfin sagen, daß ich mich

niedergelegt hätte. Von einem Winkel aus sah ich die große Gesellschaft

wieder durch die Bäume verschwinden, und trotz meines Fiebers athmete

ich einen Augenblick leichter, als ich der drohenden Gefahr entgangen

war, den Schöngeist in einem Augenblicke spielen zu müssen, wo ich

nichts weiter, als ein armer, kranker Mensch war. -- Ich setzte mich

nun in den Lehnstuhl und wollte mich wirklich auskleiden und zu Bette

gehen, als ich in demselben Augenblicke die Augen aufschlug, und einen

fremden Mann vor mir in der Halle stehen sah. Er war ziemlich schlecht

gekleidet, hatte ein sehr blatternarbiges Gesicht und eine sonderbare

Miene. In meinem Fieberzustande fing ich an, an die Möglichkeit eines

Räubers zu denken, als er in demselben Augenblicke sehr freundlich den

Mund öffnete, und sagte, daß er vom Dr. S. gesandt sei, ob ich ihm nicht

die =Schrift= leihen wolle? -- Ich glaubte erst, er wolle die Bibel

haben; aber als es zu näherer Erklärung kam, war es »Bürger Qvist,«

der den Harlequin im Thiergarten spielte und gehört hatte, daß ich

seine Komödie in Verse gebracht hätte (Sct. Johannisabendspiel) und nun

wünschte, sie in dieser Gestalt zu lesen. Ich hatte das Gedicht nicht

zur Hand und mußte ihn unverrichteter Sache fortgehen lassen. -- Als er

fort war, verfiel ich in verschiedene traurige Betrachtungen. »Es waren

andere Zeiten,« dachte ich, »da du noch als Kind dich draußen an dem

Harlequin erfreutest. Nun sitzest du hier, hast Fieber und Gelbsucht

und blickst dem prosaischen Entrepreneur in die Coulissen. Die Illusion

ist aufgehoben, die Kindlichkeit verschwunden; und was ist der Mensch

ohne Kindlichkeit und Illusion?« -- Nun kam das kalte Fieber, und so

denkt ein Fieberpatient. Dem gesunden, frischen Dichter fehlt es nie an

Kindlichkeit, nie an freudiger Illusion. Selbst in seinen Wehmuthszähren

spiegelt sich ein schönfarbiger Regenbogen, der den Himmel mit der Erde

verbindet; und seine begeisterte Kraft erhärtet diesen lustigen Bogen zu

einer Brücke, auf welcher =Thor= mit allen Göttern herabreitet.

Das kalte Fieber kehrte immer wieder; ich wurde immer matter und

gelber, und hätte mich meine Frau nicht, nach Callisen's Rath, in einen

wohlverwahrten Wagen eingepackt, und mich zur Stadt gefahren -- so hätte

ich mich vielleicht niemals erholt.

* * * * *

[Sidenote: Die Tragödie Stärkodder.]

In meiner neuen Tragödie Stärkodder hatte ich die Idee der =Reue= und

der =Besserung= eingeflochten. Wenn diese Worte nicht nur ein hohler

Klang sind, so muß eine solche Veränderung bei dem Menschen möglich

sein. Hier ist nicht die Frage: konnte ein Mann, wie Stärkodder, eine

ehrlose Handlung begehen? sondern die Frage ist: konnte ein Mann, der

jene Handlung begangen hat, ein Mann wie Stärkodder werden? -- Und das

glaube ich zur Ehre der Menschheit. -- Man muß sich in jenes Zeitalter

versetzen. Ein Mensch, der ein solches Verbrechen =jetzt= beginge, wäre

ein Elender, der ohne Zaudern dem Tode überantwortet werden müßte. --

Aber was wünscht Stärkodder? Nur den Tod! Und wie wird er gestraft? mit

dem Leben, das ihm eine drückende Last ist. In den heidnischen Zeiten

war Mord und Todtschlag so allgemein, daß man sich nicht die Bedenken

über dergleichen Handlungen machte, wie in unseren Tagen; Geldgier war

das allgemeine Laster der industrielosen Barbarei, und die Industrie

hat es nicht ausgerottet, obgleich sie sich seltner so plumper Mittel

bedient. -- Er hatte in einem übereilten Augenblicke im Rausche den Mord

begangen. Das Gewissen verfolgt ihn während glänzender Thaten, »jede

einzelne groß genug für einen Mann, um der Unsterblichkeit gewiß zu

sein.«

»Hier steht ein andrer Mann, ein fremdes Wesen;

Ein Name nur: Stärkodder ist geblieben

In der Vergangenheit. Was ist Stärkodder?

Ein Laut, ein Klang, ein Nichts! Und doch muß er

Für jenes jungen Thoren Unrecht büßen!«

Doch endlich werden die Götter versöhnt, -- und diese

nordisch-heidnischen Götter -- die (gleich den griechischen) mehr die

ewigen Naturkräfte, als die moralischen Vollkommenheiten repräsentiren,

bedenken sich nicht, den tapfersten Sterblichen in ihre Zahl aufzunehmen.

Diese dramatische Handlung verband ich mit =Episoden=, indem ich

mich in Bezug auf Solches an die Shakespeare'sche =Historie=, sowie

in den großen Situationen an die lyrisch-pathetische griechische

Tragödie hielt. Ich glaube, daß diese Episoden, die, wie Aristoteles

es verlangt, theils nach Nothwendigkeit, theils mit Wahrscheinlichkeit

der Haupthandlung angeknüpft sind, diese unterstützen und das Stück

=interessant= machen, was heut zu Tage keine Tragödie entbehren kann;

obgleich ich wohl weiß, daß das Pathetische das Interessante überwiegen

muß, und auch hoffe, daß dies im Stärkodder wie in meinen anderen

Tragödien der Fall ist.

=Knudsen= spielte den Stärkodder; und obgleich diese Rolle außerhalb

seines Faches lag, kam ihm doch seine Begeisterung, seine Kraft und

sein nationales Gefühl zu Hülfe und war von Wirkung; doch war es erst

einem =Ryge= vorbehalten, den eigentlichen Stärkodder darzustellen.

* * * * *

[Sidenote: Unbedeutendere Dramen.]

Meine folgenden Dramen waren unbedeutender. Ein Maler kann nicht immer

große historische Gemälde schaffen; er malt auch zur Abwechselung,

während der Geist zu größeren Werken ruht, kleinere Genrebilder. Ich

hatte Lust, den leichten französischen Conversationston in gereimten

Versen zu versuchen, und schrieb den =Canarienvogel=. Ein Scherz mit

einem gutmüthigen, alten Manne, der ohne Ursache aus seine junge, schöne

Frau eifersüchtig ist, und dafür von seinem eignen Bruder durch einen

kleinen Schrecken gestraft wird. Wäre man damals ebenso, wie jetzt, in

dieser leichten gereimten Diction geübt gewesen, so hätte das Stück

vielleicht mehr Wirkung hervorgebracht. Ich habe es später umgearbeitet

und verkürzt und glaube, daß es dadurch gewonnen hat. In »=Ehrlich währt

am längsten=« verlangte ich zu Viel von dem theaterbesuchenden Publikum.

Ich hatte nicht an Göthe's Worte in dem Vorspiel zum Faust gedacht: »Wir

wollen stark Getränke schlürfen.« Ich wagte ein kleines naives Idyll

ohne Musik, ohne Intrigue, aber -- nach dem Urtheil der Kenner -- nicht

ohne poetisches Leben darzustellen. Ein einfältiger, alter Bischof,

übrigens ein gutmüthiger Mensch, der an der Ehrlichkeit zweifelt,

wird durch die natürliche Unschuld eines jungen Hirten beschämt; und

die Rheingegend des südlichen Deutschlands dient dieser Skizze zum

Hintergrunde. Diese kleinen Arbeiten zugleich mit =Faruk= wurden nun von

meinen Gegnern als mißglückte Bagatellen betrachtet, welche deutlich

zeigten, daß ich nicht mehr Der sei, der ich gewesen war.

[Sidenote: Die Tragödie Hugo von Rheinberg.]

Mehr Wirkung machte die Tragödie =Hugo von Rheinberg= (geschrieben

im Jahre 1813), obgleich sie weder vaterländisch noch historisch

ist. Hier ist Alles in der von mir selbst erfundenen, tragischen

Hausscene auf Effect abgesehen. Ritter Hugo und Frau Bertha fliegen wie

Nacht-Schmetterlinge in das Licht, das ein unglückliches Schicksal ihnen

vorhält. Kunigunde und Ritter Walther sind trotz ihrer tugendhaften

Eigenschaften durch Unvorsichtigkeit und Eigensinn selbst Schuld an

ihrem Unglücke. Sie bringt unvorsichtiger Weise Bertha auf die Burg zu

Hugo, nachdem Walther Bertha verlassen hat, um auf Abenteuer auszugehen.

In ihnen Allen geht etwas Gutes zu Grunde, welches Rührung erweckt.

Ein Don Quixote aus dem Mittelalter, Moritz, und sein plumper Vater

Ruprecht, werfen in humoristischen Scenen Lichtpartieen in das dunkle

Gemälde. Auch sie gehen durch eigne Schuld zu Grunde. Der Eine im eitlen

Gezänke, der Andere durch blutigen Rachedurst. Der dänische Harald ist

der vernünftigste. Die Scene, in welcher er im Snorro Sturleson liest,

und wo der Harnisch herabfällt, ist immer von Wirkung, obgleich man im

Voraus weiß, was geschehen wird. Einige werden meinen, daß er leben

bleiben und zum Vaterlande zurückkehren müsse; aber er ist doch auch

einseitig leidenschaftlich in seiner Freundschaft und wünscht selbst

den Tod, um seinem einzigen Freunde zu folgen. So gehen alle heroischen

Personen in diesem Gemälde starker Leidenschaften zu Grunde; nur

idyllisches Glück, auf bescheidene Weise und Genügsamkeit gegründet,

zeigt sich als tröstender Gegensatz bei ihren Dienern.

* * * * *

[Sidenote: Eine Burschenschaft. -- Der Conferenzrath Brandis.]

Während dieser Zeit lernte ich in den vornehmen Zirkeln einen höchst

interessanten Mann, den humoristischen, genialen Etatsrath (spätern

Conferenzrath) =Brandis= kennen. Wenn ich ihn hörte, so war mir's, als

ob Kästner und Lichtenberg wieder auflebten, um mehr Witze zu machen,

aber als ob Göthe ihnen seine geistreichen Beobachtungen für die kleinen

characteristischen Züge des Lebens und seine freundliche Ironie geliehen

hätte.

Brandis und ich bekamen Lust, eine derjenigen ganz entgegengesetzte

Gesellschaft zu gründen, in der wir unsere erste Bekanntschaft gemacht

hatten, wo aber doch auch den Musen gehuldigt werden sollte. Er

hielt medicinische Vorlesungen und es waren mehrere Kieler Studenten

nach Kopenhagen gekommen, um ihn zu hören. Nun stifteten wir eine

=Burschenschaft=; er, um diesen Spaß noch ein Mal in seinem Leben

durchzumachen, ich, um ihn überhaupt ein Mal durchzumachen, da ich ihn

nie vorher gekannt hatte. Sein ältester Sohn, der jetzige Professor

Christian Brandis in Bonn, und unser Freund (späterer Conferenzrath)

=Bech=, der in Deutschland gewesen war, nahmen Theil daran. Die

Gesellschaft war bald bei dem Einen, bald bei dem Andern, gerade so,

wie ein Collegium politicum. Man saß da an einem langen Tische bei

Butterbrod, Bier, Branntwein und Tabak. -- Ich rauchte nicht mit, ließ

mich aber gern von den Anderen einräuchern. Und nun kamen wieder alle

alten, lustigen Geschichten an den Tag. Man konnte sich mit Rücksicht

auf die Form keinen größern Unterschied zwischen diesem und dem feinen

Damenzirkel denken; aber in der Hauptsache glichen beide Gesellschaften

doch einander, in soweit, als sich geistreiche Menschen darin, zum Theil

poetisch, unterhielten. Daß diese Burschenschaft übrigens von zahmerer

Natur war, als die deutschen, war eine Folge der Ueberpflanzung auf

dänischen Grund, und daß zwei Professoren als Mitglieder an derselben

Theil nahmen.

[Sidenote: Anekdoten von Brandis.]

Von dem merkwürdigen Brandis muß ich etwas mehr erzählen. Er war

von untersetztem, aber starkem Körperbau; sein außerordentlich

ausdruckvolles, blatternarbiges Gesicht mit blauen Augen war voller

Humor; sein großer, dicker Kopf mit buschigem, herabhängendem Haar glich

etwas einem Löwenkopfe, weshalb Camma Rahbek ihn auch den Löwen nannte.

Er war in seinen jüngeren Jahren Badearzt und Gastwirth in Driburg

gewesen. In Hildesheim hatte er sich auch aufgehalten und in Göttingen

studirt. Er wußte eine große Menge Geschichten zu erzählen, die sich

alle mit ihm in diesen Orten ereignet hatten. In Holstein hatte er

der Königin Maria Vertrauen gewonnen und war nun unter sehr günstigen

Bedingungen ihr Leibarzt. In den erwähnten Kreisen war er oft zugegen

gewesen, wenn ich meine Tragödie vorlas; aber er verstand nicht Dänisch

und bemühte sich niemals, es zu erlernen. Doch gebrauchte er einmal

in einem Wortstreit mit einem Dänen, der nicht Deutsch reden wollte,

das Wort »Nidingsfärd« (Bubenstück), und als sich dann seine Familie

wunderte, wo er das Wort herbekommen habe, sagte er: »Hab' ich doch so

viele Tragödien von Oehlenschläger hören müssen, muß ich doch Etwas

davon behalten.« Es war merkwürdig, daß er mich wirklich lieb hatte, und

sich gern in Gespräche und Scherze mit mir einließ, während ihn meine

Poesie, sowie überhaupt dänische Poesie durchaus nicht interessirte.

»=Diese= Helge,« sagte er einmal zu einem meiner Freunde, »mag ich nun

gar nicht leiden.« Und als ich nun später hierüber spottete und ihn

darauf aufmerksam machte, daß er das verurtheilte Gedicht so wenig

kenne, daß er glaube, Helge sei ein Frauenzimmer, lachte er selbst

darüber. Er konnte es recht gut vertragen, wenn man ihn mit gleicher

Münze bezahlte, wie ich es immer that. Einmal sagte er: »Mein Herr, wenn

ich von Tugenden und Moralien hören will, gehe ich in die Kirche.« Ich

antwortete: »So hören Sie es ja gar nicht, denn in die Kirche kommen Sie

nie.« -- Er lachte.

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3 · 第 2 / 17 段