4. »Aus dem Bue kann was werde«.

Was Ludwig einmal werden sollte, davon wurde zu Hause kein Wort gesagt

-- es verstand sich von selber, daß er in des Vaters Fußstapfen trete,

als Zeichner und Kupferstecher. Gerade so wurde es später auch mit den

Geschwistern gehalten. Als Ludwig 12 Jahre alt war, sagte er der Schule

Lebewohl und bekam ein Plätzchen neben des Vaters Arbeitstisch, um auf

eigene Faust im Zeichnen sich zu üben, oder dem Vater beim Kopiren

und Radiren (d. h. auf Kupfer ätzen) von allerhand Kalenderbildern

zu helfen. So hat er, noch ein Kind, die Schlacht von Waterloo, den

Wiener Kongreß, dazu grausige Feuersbrünste, Mordtaten, Erdbeben,

mit besonders stolzer Empfindung aber Tells Apfelschuß, auf die

Kupferplatte eingerissen.

In der Stille hegte Ludwig dabei immer die Hoffnung, er dürfe noch

einmal ein Maler werden, denn das schien ihm mit Recht etwas viel

herrlicheres als Kupferstecher.

[Illustration: Sonntagsfrühe.]

Eines Abends saß er wieder fleißig an seinem Fenster zwischen den

duftenden Blumenstöcken über einer Zeichnung und brachte gerade die

letzten Verbesserungen an -- als sein Pate, der Herr Professor Zingg

mit Vater und Mutter ins Zimmer trat. Verlegen wollte Ludwig sein

Kunstwerk vor den gestrengen Augen des gepuderten Meisters verbergen,

der aber nahm in der Nähe des Knaben Platz und fragte alsbald: »Was

macht der Bue da?« Der Vater winkte: »Zeigs mal dem Herrn Professor!«

Errötend brachte es der Junge. Der Pate betrachtete die Zeichnung

genau, fuhr in der Luft den Linien der abgemalten Esel, Schafe und

Menschen nach, unter allerlei beifälligen Tönen, und sagte dann

ganz ernsthaft: »Ah by Gott! Aus dem Bue kann was werde.« Dies Lob

des ehrfurchtgebietenden Herrn Paten und Professors beschämte den

angehenden Künstler und spornte ihn mächtig an; wie ein Samenkorn

in die Frühlingserde, fiel das Wort in sein hoffendes Herz, und er

arbeitete fortan mit verdoppeltem Eifer.

[Illustration]

Bald danach wurde ganz unerwartet der Vater Richter zum Professor an

der Kunstakademie ernannt mit einem Gehalte von 200 Talern (M. 600).

Das war ein Jubel im ganzen Hause. Ludwig wollte sich besonders darüber

freuen, daß der Vater nicht nur so ein gewöhnlicher, sondern ein

außerordentlicher Professor geworden sei. Er wußte noch nicht, daß der

letztere von einem »ordentlichen Professor« sich hauptsächlich dadurch

unterscheidet, daß er weniger Gehalt bekommt als dieser. Immerhin kam

die Familie nunmehr in bessere Verhältnisse, auch in eine geräumigere

Wohnung; und der Vater hatte fortan stets eine Anzahl Schüler um sich

im Haus, welche sich ganz der Kunst widmeten und deren Umgang für

Ludwig anregend war.

[Illustration]

Von einschneidender Bedeutung für Ludwigs Zukunft sollte ein Mann

werden, der scheinbar zufällig und wider Willen in das Richtersche Haus

geführt ward. Der Buchhändler Christoph Arnold wollte jemand anders

im gleichen Haus besuchen und kam irrtümlich an die Tür des Zimmers,

wo Vater und Sohn bei ihren Zeichnungen saßen. Da er den Vater aus

früherer Zeit kannte, so trat er ein und verweilte ein wenig. Während

er sich mit dem Vater unterhielt, beobachtete er den Sohn mit einem

eigentümlichen Interesse, das diesem auffiel, erkundigte sich auch

nach seinen Verhältnissen und Arbeiten. Schließlich bestellte er für

ein Werk, das er herausgeben wollte, eine größere Folge malerische

Ansichten von Dresden und Umgebung und wünschte ausdrücklich, daß auch

Ludwig bei der Aufnahme und Ausführung der Zeichnungen mitarbeiten

solle; er sehe, daß er Geschmack habe, nach der Natur zu zeichnen.

[Illustration: Was ihr gethan habt den geringsten meiner Brüder, das

habt ihr mir gethan. Math 40]

Dieser ehrenvolle und gute Bezahlung versprechende Auftrag war

Vater und Sohn sehr willkommen. Im Weggehen reichte der freundliche

Buchhändler Ludwig mit Tränen in den Augen die Hand. Draußen erklärte

er dem verwunderten Vater, er sei durch Ludwigs Anblick an seinen

unlängst verstorbenen Sohn, dem er ähnlich sehe, aufs lebhafteste

erinnert worden, und schloß daran den Wunsch, daß doch Ludwig einen

bestimmten Abend allwöchentlich in seiner Familie zubringen möchte.

Der junge Richter wurde in dem wohlhabenden Hause bald heimisch; er

fühlte sich ganz wie ein Sohn behandelt, und fand besonders auch für

seine künstlerischen Arbeiten und Pläne das liebevollste Interesse.

Vater Arnold war es auch, der im geeigneten Moment zu seiner weiteren

Ausbildung die Hand bot und die Mittel gewährte.

[Illustration]

Für einen künftigen Maler ist es freilich die Hauptsache, daß er

hinauskommt aus seinem engen Bereich in die weite schöne Gotteswelt, wo

das Auge neue Bilder, das Gemüt mannigfaltige Eindrücke aufnehmen kann.

Wie schlug daher unserm jungen Künstler das Herz, als im Jahre 1820

plötzlich die Frage an ihn erging, ob er nicht Lust habe, den reichen

russischen Fürsten Narischkin auf einer Reise nach Frankreich, England,

Italien zu begleiten. Der Fürst war Oberkammerherr der russischen

Kaiserin, reiste mit großem Gefolge in der Welt herum und wünschte

dazu auch einen Maler bei sich zu haben, der ihm überall Skizzen

nach der Natur aufnehmen könne. Neben freier Verpflegung und Reise

sollte Richter noch ein Jahresgehalt von 100 Dukaten dafür erhalten.

Sein Glück war groß und sein Ziel, doch einmal ein Landschaftsmaler

zu werden, schien ihm viel näher gerückt. Im November machte sich

die Gesellschaft um Mitternacht in mehreren Reisewagen auf den Weg;

von Dresden ging es über Weimar, Frankfurt, Heidelberg, Karlsruhe

nach Straßburg und von da über Lyon immer weiter südwärts. Ludwig

hatte überall Muße, die schönsten Ansichten aufzunehmen, und der

Fürst ermunterte ihn, sie gleich recht sorgsam auszuführen, denn er

beabsichtigte ein Album daraus zusammenzustellen und es der Kaiserin

zu verehren. Was war das für ein Genuß, als unser Freund, der früher

kaum über sein Dresden hinausgekommen war, nun mitten im Winter durch

das Land der Zypressen und Lorbeeren, der Oliven- und Mandelbäume

dahinfuhr und plötzlich in Marseille von der Höhe herab auf das weite

Meer hinschaute, auf dessen wundervollem Blau eine Unzahl weißer Segel

wie ausgestreute Blütenflocken erglänzten.

[Illustration]

[Illustration]

Der Fürst war von Ludwigs Kunst sehr angetan, lobte seine Bilder und

bezeigte ihm öfter seine Gunst. Einmal umarmte er ihn sogar vor einer

großen Gesellschaft und erklärte, er habe ihn lieb wie seinen eigenen

Sohn. Ein andermal überreichte er ihm eine goldene Repetiruhr und bat,

dieselbe als ein Zeichen seiner Erkenntlichkeit und Zufriedenheit

zu nehmen. Allein es gibt nichts unbeständigeres als die Gunst der

Großen, das sollte auch unser junger Freund erfahren. Eines Tages

hatte er in Marseille eine majestätische Piniengruppe, hinter welcher

eine Pyramide emporstieg, und das blaue Meer sich dehnte, aufs Papier

gebracht. Täglich arbeitete er angestrengt an seinen Zeichnungen,

während die andern sich ganz dem Genusse der schönen Natur hingaben.

Als er beim Nachmittagskaffee dem Fürsten seine Blätter vorlegte,

bemerkte er sogleich seine üble Laune; und diese loderte beim Anblick

der Pinienlandschaft auf in den häßlichsten Zorn: »Fort, fort, nehmen

Sie es weg, ich mag nichts sehen; gehen Sie fort!« Damit wandte er

sich heftig ab. Bestürzt legte Richter seine Mappe bei Seite, ohne

sich den Unmut des Fürsten erklären zu können. Ein freundlicher Herr

des Gefolges löste ihm nachher das Rätsel. Die Pyramide, ein Grabmal!

hatte den Fürsten an den Tod erinnert, und es erschien ihm als ein

böses Vorzeichen, daß der Maler für das Album ein solches Bild gewählt

hatte. Vom Sterben wollte der Fürst wie viele andere haltlose Menschen,

nichts wissen; wehe dem, der ihn irgendwie daran erinnerte!

[Illustration]

Von Stund an war Richter in Ungnade gefallen bei der russischen

Durchlaucht, und auch die übrige Gesellschaft wandte sich kalt von ihm

ab; nur der freundliche Arzt machte eine Ausnahme.

[Illustration]

Sie haben dann auch in Paris noch einige Wochen geweilt. Was für bunte

Bilder gab es erst dort zu schauen; was für üppige Lust lockte dort von

allen Seiten, manchen unschuldigen Jüngling schon hatte sie in ihren

Strudel gezogen. Unser Maler aber war gefeit durch einen Begleiter, den

er zwar nicht erwählt, den er sogar gerne weggeschickt hätte, welcher

aber Engeldienste versah: das war die Armut; und so kam er unversehrt

nach Hause zurück, nach siebenmonatlicher Abwesenheit. Als er in

Leipzig seinen ausbedungenen Künstlerlohn in 100 goldenen Dukaten vor

sich auf dem Tisch blinken sah, nicht ohne einige freundliche Worte des

Fürsten, da dünkte der junge Maler sich so reich wie noch nie, schenkte

den Kindern, die im Grünen draußen spielten eben am Johannistage,

gleich einige Silbermünzen und jubelte dabei in seinem Herzen: ich bin

wieder frei! Die schöne Uhr, die er vom Fürsten erhalten, brachte er

dem Vater von der Reise mit. Er selbst war um viele Erfahrungen reicher

geworden und seinem Ziele ein gut Stück näher gekommen.

[Illustration]

Ludwig Richter. Ein deutscher Maler und Hausfreund. Seine Lebensgeschichte für Jung und Alt erzählt · 第 5 / 8 题