An einem schwülen Sommerabend des Jahres 1811 standen die Dresdener
in Gruppen auf der Straße und sahen zum Himmel. Ludwig und sein
Vater gesellten sich zu ihnen. Sie schauten -- den Kometen, einen
großen Stern, der mit langem Feuerstreif unheimlich geisterhaft über
den dunkeln Häusern schimmerte und die Gemüter mit Bangen erfüllte.
Man erblickte darin ein Anzeichen neuer großer Kriege, die über die
beunruhigten Völker heraufziehen würden.
[Illustration]
Hielt doch seit Anfang des Jahrhunderts der Franzosenkaiser Napoleon I.
ganz Europa in Aufregung und Kriegsnot. Und jetzt eben stand ein neuer
gewaltiger Kriegszug bevor -- gegen Rußland.
Im Frühjahr 1812 erschien Napoleon mit seiner Gemahlin in Dresden.
Ihm voran zogen seine prachtvollen Garden, eine Schaar Mamelucken,
Trompeter und Trommler -- ein buntes kriegerisches Schauspiel für den
achtjährigen Ludwig. Täglich gab es nun neues zu sehen, Truppenzüge
aller Art, Illuminationen, Feuerwerke, die Einzüge verschiedener
Fürsten welche dem Kaiser in Dresden huldigen wollten. Von Schule war
natürlich keine Rede in jener Zeit; Ludwig lag den ganzen Tag am
Fenster und schaute, was es zu sehen gab. Auch im Hause gabs mancherlei
Unterhaltung, denn alles war mit Soldaten besetzt. Diese Einquartierung
war um so schlimmer, als für den Vater damals jeder Verdienst aufhörte.
Es ist ein Wunder, wie die Familie durchkam. Eine Zeit lang hatten sie
dreizehn Mann auf einmal in ihrem bescheidenen Häuslein, denn der Vater
hatte auch die Mannschaft noch zu sich genommen, welche zweien über ihm
wohnenden Witwen zukam. Oft stand der gute Vater selbst am Kochherd und
rührte in einem riesigen Topfe den Brei für die vielen Mitesser.
[Illustration: Das Habermuß]
Bekanntlich endete der russische Feldzug des gewaltigen Eroberers mit
der entsetzlichsten Niederlage und dem schrecklichsten Jammer für sein
stattliches Heer. Neue Kriege auf deutschem Boden waren die Folge. Die
Völker erhoben sich, um das Joch des Kaisers für immer abzuschütteln.
Dresden hatte wie wenig andere Städte Deutschlands die Leiden des
Krieges zu schmecken. Im August 1813, wo 200000 Soldaten vor Dresden
standen, flogen die Kugeln bis in die Straßen und Häuser der Stadt, und
ängstlich flüchteten die Bewohner in die Keller. Herzzerreißende Bilder
aber sah Ludwig als er am Morgen nach der zweitägigen Schlacht mit dem
Vater das Schlachtfeld besuchte, um armen Verwundeten Hilfe zu bringen.
Aufs tiefste erschüttert kehrte er nach Hause zurück.
[Illustration]
Die Kriegsnöte sollten noch nicht sobald vorübergehen. Die Stadt
Dresden wurde eingeschlossen, die Vorräte waren aufgezehrt, die
Teuerung nahm überhand. Die Bäcker hatten die Läden geschlossen, wo
aber einer am Morgen etwas gebacken hatte, da gab es ein Gedränge, daß
man seines Lebens nicht sicher war.
So machte denn auch Ludwig eines Morgens den Versuch, aus einem
ganz belagerten Bäckerladen ein Groschenbrötchen zu erlangen. Die
gute Bäckersfrau bemerkte ihn und rief, man solle doch den Kleinen
heranlassen; und so erhielt er denn für seinen Groschen ein winzig
kleines Brötchen. Es fest unter dem Mantel haltend, bemühte er
sich aus dem Gedränge herauszukommen; als er jedoch glücklich sich
durchgewunden, fand er nur noch ein fingerlanges Stückchen in seiner
Hand, was ein mageres Frühstück gab.
Erst als die Franzosen im November 1813 abgezogen waren, brachen
bessere Tage an, trafen große Wagen mit Lebensmitteln ein und alles
durfte wieder aufatmen.
Wenn man solche schwere Zeiten miterlebt hat, so behält das ganze Leben
einen Ernst und man genießt um so dankbarer die Segnungen des Friedens.