5. Ludwig Richter findet einen Schatz.

Richter konnte fortan sein Brot selbst verdienen. Er machte weitere

Zeichnungen für Papa Arnold. Dazwischen brachte er seine ersten

Ölbilder auf die Leinwand und studirte was er konnte, um sich

fortzubilden. Sein großer Wunsch stand nach Italien, dem Sehnsuchts-

und Heimatsland aller Künstler. Dort meinte er, müsse ihm eine große,

letzte Förderung erblühen.

Eines Vormittags im schönen Mai des Jahres 1823 trat ganz unerwartet

der gute Vater Arnold in das Richtersche Haus. Er rühmte wie hübsch

Ludwigs Zeichnungen für sein Buch ausgefallen seien und wie gern dies

Buch gekauft werde. Nun müsse aber auch für den Maler etwas rechtes

getan werden zur weitern Ausbildung. Er wisse, daß sein Sehnen nach Rom

gehe, so solle er nur bald sein Bündel schnüren und ihm die Sorge für

das Reisegeld überlassen. Vorderhand wolle er ihm jährlich 400 Taler

(M. 1200) auf 3 Jahre aussetzen, damit er ohne Sorgen studiren könne.

Richter wußte nicht wie ihm geschah. Tiefgerührt drückte er seinem

Wohltäter beide Hände. Nicht lange danach schnürte er sein Bündel und

wanderte südwärts über die Alpen gen Rom, -- Eisenbahnen gabs ja damals

noch nicht, und auf Schusters Rappen sieht und lernt ein Künstler mehr

als im Eilwagen. Die drei Jahre in der Fremde öffneten unserm Freunde

allerdings eine ganz neue Welt und bildeten die eigentliche Hochschule

für seinen spätern Beruf. Dazu fand er einen großen Schatz unterwegs,

und davon muß ich jetzt noch erzählen.

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Auf der Romreise blieb er einige Tage im schönen Salzburg, um Ausflüge

zu machen. Allein unfreundliches Wetter verhüllte ihm die Reize des

Gebirges und zwang ihn in sein Stüblein. Da saß er nun und ließ den

Kopf hängen; in seiner Einsamkeit sehnte er sich um so mehr nach einem

treuen Reisegefährten, einem Kunstgenossen womöglich, und hatte doch

niemand finden können. Da klopft es an seine Tür, herein tritt ein

älterer Mann, sehr sauber, und auf dem wettergebräunten Gesicht standen

Tüchtigkeit und Ehrenhaftigkeit geschrieben. Er erzählte, er sei

Steuermann auf einem holländischen Schiff gewesen und habe Schiffbruch

gelitten; nun müsse er über Land sich durchschlagen zu Weib und Kind in

Holland. Das sagte er so treuherzig und bescheiden, daß der junge Maler

ohne weiteres in die Tasche griff und dem Seemann forthalf. Der dankte

freundlich, sah ihn lange an als möchte er dem Geber auch etwas Liebes

erzeigen und sagte: »Ich habe einen langen Weg vor mir, aber ich habe

einen guten Reisegefährten!« -- »O das ist ja ein Glück«, rief nun der

andere lebhaft im Gefühl seiner Entbehrung, »wer ist es denn?« -- »Es

ist der liebe Herrgott selber«, erwiederte der Seemann, ein kleines

neues Testament aus der Brusttasche ziehend, »und hier habe ich seine

Worte; wenn ich mit ihm rede, so antwortet er mir daraus. So wandere

ich getrost, lieber junger Herr!«

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Merkwürdig, diese Rede des einfachen Mannes traf das Herz des jungen

Künstlers wie ein Pfeil und der Stachel davon blieb lange darin

stecken. Hatte er doch mit dem lieben Gott bisher noch wenig oder

nichts sich zu schaffen gemacht und eine Bibel noch niemals gesehen.

Dieser arme Mann aber sprach und sah aus, als kenne er Gott recht wohl,

als stehe er im lebendigsten Verkehr mit ihm, daher auch sein getroster

Mut. Und er fing an, ihn um seinen Schatz, das Büchlein zu beneiden.

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Wenige Tage darauf führte ihn die Reise durch das Zillertal. Von einem

Unwetter überfallen, mußte er in einer bescheidenen Dorfschenke Halt

machen. Er fragte die Wirtin, ob sie nichts zu lesen habe. Unter den

Büchern, die sie ihm in ihrer Schürze bringt, lauter Andachtsbücher,

findet er eins, das bei seinem Papa Arnold verlegt war, demselben

der ihm das Geld zur Reise gegeben. Das ist ihm wie ein Gruß aus der

Heimat; er blättert darin und findet die Abschiedsreden Jesu aus dem

Evangelium Johannis. Es war ihm ganz neu, daß man solche längere Reden

Jesu besitze. Da vernahm er zum ersten Male die wunderbaren Worte: Ich

bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, Niemand kommt zum Vater denn

durch mich. Liebet ihr mich, so haltet meine Gebote. Und ich will den

Vater bitten und er soll euch einen andern Tröster geben, daß er bei

euch bleibe ewiglich. Diese Worte ergriffen ihn wie Glockentöne aus dem

Walde, wie Klänge aus einer andern Welt. Obwohl er ihren Sinn nicht

verstand, hörte er ein leises Echo in seinem Innern und das treuherzige

Gesicht des alten Steuermannes tauchte wieder auf vor seiner Seele.

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Monate vergingen. Richter schien in Rom am Ziel seiner Wünsche. Natur

und Kunst boten im alles, was er für sein Studium brauchte; auch fand

er Kunstgenossen und Freunde genug. In der Tat, er war glücklich. Und

doch, was war das für ein Heimweh in seiner Brust? Warum überwältigte

ihn zuweilen das Gefühl, als ob ihm alles fehle? Und er kam sich vor

wie ein einsamer Schiffer, der ohne Steuer und Kompaß von Wind und

Wellen getrieben wird, am Himmel Nacht und kein leuchtendes Sternlein.

Da fiel im einst ein merkwürdiges Buch in die Hand: Stillings Jugend-

und Wanderjahre, darin fesselte ihn ein Wort und traf ihn ins Herz; es

lautete: »Wenn der Mensch nicht dahin gelangt, daß er Gott mit einer

starken Leidenschaft liebt, so hilft ihn alles nichts, und er kommt

nicht weiter.«

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Aber wie sollte er zu solcher Liebe gelangen? Diese Frage bewegte ihn

unausgesetzt viele Tage lang. Und Gott sandte ihm einen Freund zur

Hilfe. Ein junger Maler, Ludwig von Maydell war aus Schweden kürzlich

nach Rom gekommen. Richter fühlte sich sogleich wunderbar zu dem

schlichten, festen, fleißigen Manne hingezogen. Am Sylvesterabend des

Jahres 1824 hatte er ihm versprochen von 10 Uhr ab bei ihm zuzubringen.

Zur verabredeten Stunde suchte er ihn auf und findet ihn nicht gleich.

Schon lenkt er seine Schritte in die nächste Straße wo viele junge

Künstler sich zu einem lustigen Feste versammelt hatten; schon erblickt

er die leuchtenden Fenster und hört ihren Gesang, da schaut er nochmals

zurück zu den beiden Dachfenstern, hinter denen der ernste Freund

wohnte. Ein geheimer Zug des Herzens entschied für diesen. Er versuchts

noch einmal, dringt durch das Dunkel der schmalen Gänge und Treppen

durch und findet Maydell in der Küche, den Tee bereitend. Lachend über

Richters Irrfahrt, führt er ihn in die Stube, wo noch zwei andere junge

Maler warteten. Bald saßen die vier bei traulichem Gespräche um den

Tisch. Zuletzt um Mitternacht las Maydell auf Bitten der andern den 8.

Psalm.

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»Wenn ich schau den Himmel, Deiner Finger Werk,

Den Mond und die Sterne, die Du bereitet, --

Was ist der Mensch, daß Du sein gedenkest,

Und das Menschenkind, daß Du Dich sein annimmst?«

Aus den einfachen warmen Worten, die die Freunde daran schlossen,

merkte Richter, daß sie hatten, was ihm noch fehlte: Der Glaube an Gott

und Christum war der Mittelpunkt ihres Lebens und Strebens. Stillbewegt

hörte er zu. In dieser Nacht ging eine große Umwandlung mit ihm vor.

Als die Freunde zum Schluß den alten schönen Choral anstimmten: Nun

danket alle Gott -- da konnte auch unser Ludwig Richter freudigen

Herzens mitsingen. Und als am Neujahrsmorgen die Sonne ihre ersten

Strahlen in Richters Kämmerlein sandte und der Ton des Morgenglöckleins

vom benachbarten Kirchlein in sein Fenster drang -- erwachte er aus

tiefem Schlafe mit dem Gefühl eines unaussprechlichen Glückes, das ihm

zu Teil geworden, Friede und Freude erfüllte sein Herz, er fühlte sich

wie neugeboren und es war ihm als müsse er die ganze Welt an sein Herz

drücken. Wie ein Blitz durchdrang ihn das Bewußtsein: »ich habe Gott,

ich habe meinen Heiland gefunden, nun ist alles gut, nun ist mir ewig

wohl.«

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Es läßt sich denken, daß er von da an mit Maydell durch innigste

Freundschaft verbunden blieb bis an sein Ende. Zeitlebens hat er Gott

gedankt für den Schatz, den er damals bei jenem Freunde gefunden. Im

Alter schrieb er einmal am Sylvesterabend in sein Tagebuch: Heut um die

Mitternacht wird es fünfzig Jahre, ein halbes Jahrhundert, daß ich in

Rom mit Maydell beisammen war und mir in der Finsternis, die mich mit

Bangen erfüllte, ein helles Licht ausging. In jener Nacht fand ich den

Weg zu Gott und zu unserm Herrn Jesu Christo.

So ists gekommen, daß Richter später nicht blos ein großer Maler,

sondern auch ein frommer Maler ward.

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Ludwig Richter. Ein deutscher Maler und Hausfreund. Seine Lebensgeschichte für Jung und Alt erzählt · 第 6 / 8 题