Das Schönste und Berühmteste im heutigen Dresden ist das Museum am
Zwinger; wer das nicht gesehen hätte in Dresden, der wäre in Rom
gewesen ohne den Papst zu sehen. In dem Museum hängen hunderte der
herrlichsten Gemälde aus allen Zeiten und Ländern, und in einem Zimmer
ganz allein, wie in einer Betkapelle, hängt die himmlische Mutter
mit dem Kinde, von Raffael gemalt, die sog. sixtinische Madonna, das
weltberühmte Bild, das zu dem schönsten gehört was menschliche Hand
aufs Papier gezaubert hat.
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Vor hundert Jahren nun, da stand an der Stelle, wo heute dies Museum
mit der sixtinischen Gottesmutter sich erhebt, ein schmuckloses
Häuslein, drin saß alltäglich eine Schaar munterer Büblein in Reih und
Glied, mit Schiefertafel und Stift in den Händen, und der gestrenge
Herr Lehrer schrieb ihnen Buchstaben an die Wand zum Nachschreiben, und
Zahlenexempel zum Ausrechnen. Es war die Schule unseres kleinen Ludwig
Richter. Er bekennt selbst, daß sie ihm nicht viel Freude gemacht,
daß sie ihm statt der Birnen im großelterlichen Garten -- Kopfnüsse
gebracht ohne Zahl, weil ihm besonders das Rechnen gar nicht in den
Kopf wollte. Die schöne Fläche der Schiefertafel hatte für ihn etwas
sehr verlockendes, nämlich statt mit Ziffern, sie mit Zeichnungen zu
füllen. Eines Tages war er gerade daran, eine große Schlacht zu malen
mit viel Soldaten und mächtigem Pulverdampf. Und auch sein Nachbar auf
der Bank schaute statt zu rechnen lieber zu, wie diese Schlacht da
auf der Tafel ablief. Ganz in seine Zeichnung vertieft rief der junge
Künstler halblaut: »Jetzt muß die Kavallerie einhauen«, im selben
Augenblick schlug das Rohrstäbchen des Lehrers ganz unbarmherzig auf
ihn los: »ja einhauen soll sie, einhauen soll sie« -- so wurde es zur
Tat gemacht, was Ludwig hatte abbilden wollen. Die Tafel wurde ihm
abgenommen und dem Direktor vorgelegt. Er selbst wurde bei den Ohren
zur Türe geführt, und dort mußte er knieen bis die Stunde aus war und
die Reutränen flossen.
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Anders als beim Rechenlehrer erntete Ludwig in der Schreibstunde großes
Lob. Die großen kunstvollen Vorschriften, welche er gemacht hatte,
hingen, wie er selbst mit Stolz erzählt, noch lange unter Glas und
Rahmen in der Klasse.
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Da der Weg zur Schule sehr weit war, bestellten die Eltern einen
vorgerückteren Schüler als Mentor, welcher ihren Ludwig täglich
gegen eine kleine Vergütung abholen und wieder heimbringen mußte.
Obwohl er Gabriel hieß, hatte er mit einem Schutzengel doch keine
Ähnlichkeit, sondern war für Ludwig ein grausamer Tyrann, ja entpuppte
sich zuletzt als ein Verführer. Eines Tages wollte er den Kleinen
zwingen, einem Trödler, bei dem sie auf dem Schulwege vorüberkamen,
ein Buch für ihn abzustehlen. Ludwig gab unter vielen Tränen seinen
schändlichen Drohungen nach und brachte ihm das Gewünschte; er gestand
es aber sogleich den Eltern und wurde nun von dem gewissenlosen
Menschen befreit. Als er später mit dem ersten Künstlerruhm von
Rom zurückkehrte, fand er diesen Gabriel als Brezeljungen an einer
Straßenecke stehn. Unehrliche Leute bringens im Leben nicht weit. --
Bald nach genanntem Vorfall wurde Ludwig selbst der Führer seines
jüngern Bruders Willibald, der in die gleiche Schule kam; treulich
wartete er auf ihn bis seine Klasse aus war, und ging dann Hand in Hand
mit ihm dem Elternhause zu. Drollig sahen die beiden Brüder im Winter
aus, da sie in gleichen Pelzmützen und in gleichen Mänteln prangten,
aus Großvaters altem braunen Kapuzinerkuttenmantel gefertigt. Dazu
trug jeder ein Paar Fausthandschuhe, an grünen Bändern befestigt. Und
wenn sie so mit ihren Ränzeln ehrbar nach Hause wanderten, dann kam
ihnen wohl eine Schar evangelischer Knaben in den Weg, titulirten sie:
»katholische Möpse« und begannen ein Handgemenge. Schneeballen flogen,
Lineale und Bücher dienten als Waffen -- aber zuletzt wurden die
»Katholischen« aufs Haupt oder auf die Pelzmütze geschlagen und mußten
unter Hohngeschrei der »Evangelischen« den Rückzug antreten.
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Ergötzlicher waren die vielen in Läden ausgestellten Bilder und
Raritäten, an denen der Schulweg vorbeiführte. Der höchste Kunstgenuß
aber wurde unserm Ludwig zu Teil, als eines Tages der Vater einen
großen Pack mit Kupferstichen und Zeichnungen heim brachte, die er
von den Erben eines verstorbenen Künstlers billig erstanden hatte.
Manche Stunde saß nun das Söhnlein vor den schönen Bildern, lauschte
mit Begier den Erklärungen des Vaters, welcher darüber ganz gesprächig
wurde, und so erwuchs, ihm selber unbewußt, eine Liebe zur Kunst in
ihm, die später die schönsten Früchte bringen sollte.