Mit unerträglicher Langsamkeit schlichen die Stunden, und die Nacht schien
kein Ende nehmen zu wollen.
Endlich ging die Sonne auf, trotzdem blieb der Himmel tiefschwarz, nur
ringsum am Horizont glomm ein greller, schwefelgelber Streifen, als habe
sich eine dunkle Halbkugel mit glühendem Rand auf die Erde herabgesenkt.
Ein glanzloses Zwielicht irrte durch den Raum; die Pappel vor dem Fenster,
die Sträucher in der Ferne und die Türme Amsterdams waren wie von trüben
Scheinwerfern matt erhellt. Darunter lag die Ebene mit ihren Wiesen gleich
einem großen erblindeten Spiegel.
Hauberrisser blickte mit seinem Feldstecher hinüber auf die Stadt, die sich
-- ein in Angst erstarrtes Bild -- fahlbeleuchtet von dem schattenhaften
Hintergrund abhob und jeden Augenblick den Todesstreich zu erwarten schien.
Banges, atemloses Glockenläuten zitterte in Wellen bis weit ins Land
hinein, -- plötzlich verstummte es jäh: ein dumpfes Brausen ging durch die
Luft und die Pappel beugte sich ächzend zur Erde nieder.
Windstöße fegten mit Peitschenhieben über den Boden hin, das welke Gras
kämmend, und rissen die spärlichen, niedrigen Sträucher aus den Wurzeln.
Nach wenigen Minuten war die Landschaft in einer ungeheuern Staubwolke
verschwunden, -- dann tauchte sie wieder auf, kaum mehr zu erkennen: die
Deiche weißer Gischt; Windmühlenflügel -- abgerissen von ihren Leibern,
die, in stumpfe Rümpfe verwandelt, in der braunen Erde hockten -- quirlten
hoch in den Lüften.
In immer kürzern und kürzern Pausen heulte der Sturm über die Steppe, bis
bald nur mehr ein ununterbrochenes Gebrüll zu hören war.
Von Sekunde zu Sekunde verdoppelte sich seine Wut; die zähe Pappel war
wenige Fuß hoch über dem Boden fast rechtwinklig abgebogen, -- ohne Äste,
kaum mehr als ein glatter Stamm, und blieb, niedergehalten von der Wucht
der über sie hinwegrasenden Luftmassen, unbeweglich in dieser Stellung.
Nur der Apfelbaum stand regungslos wie in einer von unsichtbarer Hand vor
dem Winde beschirmten Insel, und nicht eine einzige seiner Blüten rührte
sich.
Balken und Steine, Häusertrümmer und ganze Mauern, Sparrenwerk und
Erdklumpen flogen unablässig -- ein nicht endenwollender Schauer von
Wurfgeschossen -- am Fenster vorüber.
Dann wurde der Himmel plötzlich hellgrau und die Finsternis löste sich in
kaltes, silbriges Glitzern auf.
Hauberrisser glaubte schon, die Wut des Orkans wolle nachlassen, da sah er
mit Grauen, daß die Rinde der Pappel sich abschälte und, zu fasrigen Fetzen
geworden, spurlos verschwand. -- Gleich darauf, noch ehe er recht erfassen
konnte, was geschah, brachen die hohen, ragenden Fabrikschornsteine im
Südwesten des Hafens glatt an der Wurzel ab und verwandelten sich in dünne,
fliehende Lanzen aus weißem Staub, die der Sturm mit Blitzesschnelle
davontrug.
Kirchturm auf Kirchturm folgte, -- Sekundenlang noch schwärzliche Klumpen,
von Taifunwirbeln hoch emporgerissen, dann zu jagenden Streifen am Horizont
geworden -- dann Punkte -- und nichts mehr.
Bald war die ganze Gegend nur noch ein mit wagrechten Linien schraffiertes
Bild vor dem Fenster, so rasend geschwind und für den Blick nicht mehr zu
unterscheiden folgten die vom Sturm losgerissenen Grasbüschel einander.
Sogar der Friedhof mußte bereits unterwühlt und bloßgelegt worden sein,
denn Leichensteine, Bretter von Särgen, Kreuze und eiserne Grablaternen
flogen am Hause vorüber, -- ohne die Richtung zu ändern, ohne sich zu heben
oder zu senken, immer gleich wagrecht, als hätten sie kein Gewicht.
Hauberrisser hörte das Gebälk im Dachstuhl stöhnen -- jeden Moment
erwartete er, es werde in Trümmer gehen; er wollte hinunterlaufen, um das
Haustor zu verriegeln, damit es nicht aus den Angeln gehoben würde, -- an
der Stubentür kehrte er um: von einer innern Stimme gewarnt, begriff er,
daß, wenn er jetzt die Klinke niederdrückte, die entstehende Zugluft die
Fensterscheiben zertrümmern, die an den Mauern entlang fegenden
Sturmgewalten einlassen und in einem Augenblick das ganze Haus in einen
Schuttwirbel verwandeln mußte.
Nur solange es der Hügel vor dem Anprall des Orkans schützte und die Stuben
durch die verschlossenen Türen wie in Bienenzellen abgeteilt blieben,
konnte es der Vernichtung trotzen.
Die Luft im Zimmer war eiskalt und dünn geworden wie unter einem Vakuum;
ein Blatt Papier flatterte vom Schreibtisch, preßte sich ans Schlüsselloch
und blieb angesaugt daran haften.
Hauberrisser trat wieder zum Fenster und blickte hinaus: Der Sturm war zu
einem reißenden Strom angeschwollen und blies das Wasser aus den Deichen,
daß es wie ein Sprühregen in der Luft zerstäubte; die Wiesen glichen
glattgewalztem, grauglänzendem Samt und da, wo die Pappel gestanden hatte,
stak nur mehr ein Stumpf mit wehendem, faserigem Schopf.
Das Brausen war so gleichförmig und betäubend, daß Hauberrisser allmählich
zu glauben anfing, alles ringsum sei in Totenstille gehüllt.
Erst, als er einen Hammer nahm, um mit Nägeln den zitternden Fensterladen
zu befestigen, damit er nicht eingedrückt würde, merkte er an der
Lautlosigkeit seiner Schläge, wie furchtbar draußen das Getöse sein mußte.
Lange wagte er nicht, den Blick nach der Stadt zu wenden, aus Furcht, die
Nikolaskirche mitsamt dem dicht daneben befindlichen Haus am Zee Dyk, in
dem sich Swammerdam und Pfeill befanden, könnte weggeweht sein, -- dann,
als er zögernd und voll Angst hinschaute, sah er, daß sie wohl noch
unversehrt zum Himmel ragte, aber aus einer Insel von Schutt: -- fast das
ganze übrige Giebelmeer war ein einziger flacher Trümmerhaufen.
»Wieviel Städte mögen heute wohl noch in Europa stehen?« fragte er sich
schaudernd. »Ganz Amsterdam ist abgeschliffen wie ein mürber Stein. Eine
morschgewordene Kultur ist in stiebenden Kehricht aufgegangen.«
Mit einemmal packte ihn die Furchtbarkeit des Geschehnisses in ihrer ganzen
Größe.
Die Eindrücke des gestrigen Tages, die darauf folgende Erschöpfung und das
plötzliche Hereinbrechen der Katastrophe hatten ihn in einer
ununterbrochenen Betäubung erhalten, die jetzt erst von ihm wich und ihn
wieder zu klarem Bewußtsein kommen ließ.