Er sah ein, daß er fast schon an dieser Grenze angekommen war. -- -- -- --

Das Tagebuch und die merkwürdigen Umstände, unter denen es in seinen Besitz

gelangt war, fielen ihm wieder ein; »ich werde es fortsetzen mit der

Beschreibung meines eignen Lebens,« beschloß er, -- »und es dem Schicksal

überlassen, was daraus werden soll; Er, der mir gesagt hat, 'ich bin

geblieben, um zu geben: jedem das, wonach er begehrt' -- soll es in seine

Obhut nehmen wie ein Testament von mir und es Menschen in die Hände

spielen, für die es heilsam sein kann und die nach dem innern Erwachen

dürsten. -- Wenn nur ein einziger dadurch zur Unsterblichkeit erweckt wird,

hat mein Dasein einen Sinn gehabt.«

Mit der Absicht, die Lehren der Tagebuchrolle durch die Erfahrungen, die er

an sich selbst gemacht, zu erhärten, -- sie dann in seine ehemalige Wohnung

zu tragen und wieder in die Mauernische zu legen, aus der sie ihm in jener

Nacht auf's Gesicht gefallen war, setzte er sich hin und schrieb:

_An den Unbekannten, der nach mir kommt!_

»Wenn du diese Blätter liest, ist die Hand, die sie geschrieben hat,

vielleicht längst schon vermodert.

Ein sicheres Gefühl sagt mir, daß sie dir zu einem Zeitpunkt vor Augen

kommen werden, wo sie dir nottun, wie der Anker einem mit zerrissenen

Segeln auf Klippen zusteuernden Schiff.

Du wirst in dem Tagebuch, das dem meinigen beigeschlossen ist, eine Lehre

niedergelegt finden, die alles enthält, dessen der Mensch bedarf, um wie

auf einer Brücke in eine neue Welt voll von Wundern hinüberzuschreiten. --

Ich habe ihm nichts hinzuzufügen als eine Schilderung meines Lebenslaufs

und der geistigen Zustände, die ich mit Hilfe der Lehre erklommen habe.

Wenn meine Zeilen auch nur dazu beitragen sollten, dich in der Zuversicht

zu bestärken, daß es wirklich und wahrhaftig einen geheimen Weg gibt, der

über sterbliches Menschentum hinausführt, so hätten sie damit schon voll

und ganz ihren Zweck erfüllt.

Die Nacht, in der ich diese Zeilen für dich niederschreibe, ist erfüllt mit

dem Hauch kommender Schrecknisse -- Schrecknisse nicht für mich, aber für

die Zahllosen, die am Baum des Lebens nicht reif geworden sind; -- ich weiß

nicht, ob ich die »erste Stunde« der neuen Zeit, die du in der

Tagebuchrolle meines Vorgängers erwähnt findest, mit leiblichen Augen

schauen werde, -- vielleicht ist diese Nacht meine letzte, -- aber: ob ich

morgen von der Erde gehe oder erst Jahre später: ich strecke tastend meine

Hand in die Zukunft hinein nach der deinen. Fasse sie, -- so wie ich die

Hand meines Vorgängers erfaßt habe -- damit die Kette der 'Lehre vom

Wachsein' nicht abreißt, und vererbe auch du deinerseits das Vermächtnis

weiter!«

* * * * *

Die Uhr zeigte bereits spät nach Mitternacht, als er in der Erzählung

seines Lebenslaufes bis zu dem Punkte gelangt war, wo Chidher Grün ihn vor

dem Selbstmord bewahrt hatte.

In Gedanken versunken schritt er auf und ab.

Er fühlte, daß hier die große Kluft begann, die das Fassungsvermögen eines

normalen Menschen, selbst wenn er noch so phantasiereich und glaubenswillig

war, von dem eines geistig Erweckten trennte.

Gab es überhaupt Worte, um auch nur annähernd zu beschreiben, was er von

jenem Zeitabschnitt an fast ununterbrochen erlebt hatte?

Er schwankte lange, ob er seine Niederschrift nicht mit dem Begräbnis Evas

schließen sollte, dann ging er in das anstoßende Zimmer, um aus dem Koffer

die silberne Hülse zu holen, die er gelegentlich für die Rolle hatte

anfertigen lassen; beim Suchen darnach fiel ihm auch der papierne

Totenkopf, den er vor einem Jahr in dem Vexiersalon gekauft hatte, in die

Hände.

Sinnend betrachtete er ihn beim Schein der Lampe, und dieselben Gedanken,

die damals sein Hirn durchkreuzt, fielen ihm wieder ein:

»Schwerer ist es, das ewige Lächeln zu erringen, als den Totenschädel zu

finden, den man in einem früheren Dasein auf den Schultern getragen hat.«

Es klang ihm wie Verheißung, in einer frohen Zukunft das Lächeln zu lernen.

So unfaßbar fremd und fern erschien ihm sein verflossenes Leben mit all dem

leidvollen Wünschen und Wollen, als hätte es sich wirklich in diesem

albernen und doch so prophetischen Ding aus Pappendeckel abgespielt und

nicht in seinem eignen Kopf; er mußte unwillkürlich lächeln bei dem

Gedanken, daß er hier stand und -- seinen Schädel in der Hand hielt.

Wie ein Zauberladen mit wertlosem Plunder lag die Welt hinter ihm. -- -- --

-- -- -- --

Er griff wieder zur Feder und schrieb:

»Als Chidher Grün von mir gegangen war und mit ihm auf unbegreifliche Weise

auch jeglicher Schmerz um Eva, wollte ich zum Bette treten und ihre Hände

küssen, da sah ich, daß ein Mann davor kniete, den Kopf auf ihren Arm

gelegt, und erkannte voll Staunen in ihm meinen eignen Körper; ich selbst

konnte mich nicht mehr sehen. Wenn ich an mir herunterblickte, war es leere

Luft, -- aber gleichzeitig war der Mann vor dem Bette aufgestanden und

schaute auf seine Füße herab, -- so wie ich es an mir zu tun glaubte. -- Es

war, als sei er mein Schatten, der jede Bewegung machen mußte, die ich ihm

befahl.

Ich beugte mich über die Tote, da tat _er_ es; ich vermute, er hat dabei

gelitten und Schmerz empfunden, -- es kann sein, aber ich weiß es nicht.

Für mich war die, die da regungslos, mit starrem Lächeln auf den Zügen, vor

mir lag, die Leiche eines fremden, engelschönen Mädchens -- ein Bild wie

aus Wachs, an dem mein Herz kein Teil hatte, -- eine Statue, die Eva auf's

Haar glich, aber doch nur ihre Maske war.

Ich fühlte mich so unendlich glücklich, daß nicht Eva, sondern eine Fremde

gestorben war, daß ich vor Freude kein Wort hervorbringen konnte.

Dann traten drei Gestalten ins Zimmer: -- ich erkannte meine Freunde in

ihnen und sah, daß sie zu meinem Körper hingingen und ihn trösten wollten,

aber er war ja nur mein 'Schatten', lächelte und gab keine Antwort.

Wie wäre er es auch imstande gewesen, wo er doch den Mund nicht öffnen

konnte -- unfähig etwas anderes zu tun, als was ich ihm befahl.

Aber auch meine Freunde und alle die vielen Menschen, die ich dann später

in der Kirche und beim Begräbnis sah, waren Schemen für mich geworden wie

mein eigner Körper; -- der Leichenwagen, die Pferde, die Fackelträger, die

Kränze, -- die Häuser an denen wir vorüber kamen, -- der Friedhof, der

Himmel, die Erde und die Sonne: alles war Bildwerk ohne inneres Leben,

farbig wie ein Traumland, in das ich hineinblickte -- froh und glücklich,

daß es mich nichts mehr anging.

Seitdem ist meine Freiheit immer größer geworden, und ich weiß, daß ich

über die Schwelle des Todes hinausgewachsen bin; ich sehe bisweilen meinen

Körper des nachts schlafen liegen, höre seine gleichmäßigen Atemzüge -- und

bin doch dabei wach; er hat die Augen geschlossen und dennoch kann ich

umherschauen und überall sein, wo ich will. Wenn er wandert, kann ich ruhen

und -- wenn er ruht, kann ich wandern. -- Aber ich kann auch mit seinen

Augen sehen und mit seinen Ohren hören, wenn es mir beliebt, nur ist dann

alles ringsum trüb und freudearm und ich bin dann wieder wie die andern

Menschen: ein Gespenst im Reich der Gespenster.

Mein Zustand, wenn ich vom Leibe losgelöst bin und ihn wahrnehme wie einen

automatisch meinem Geheiß gehorchenden Schatten, der am Scheinleben der

Welt teilnimmt, ist so unbeschreiblich seltsam, daß ich nicht weiß, wie ich

ihn dir schildern soll.

Nimm an, du säßest in einem Kinematographen-Theater, -- Glück im Herzen,

weil dir kurz vorher eine große Freude begegnet ist, -- und sähest auf

einem Film deiner eignen Gestalt zu, wie sie von Leid zu Leid eilt, am

Sterbebette einer geliebten Frau zusammenbricht, von der du weißt, daß sie

nicht tot ist, sondern zu Hause auf dich wartet, -- hörtest dein Bild auf

der Leinwand mit deiner eignen Stimme, hervorgerufen durch eine

Sprechmaschine, Schreie des Schmerzes und der Verzweiflung ausstoßen, -- --

würde dich dieses Schauspiel ergreifen? --

Es ist nur ein schwaches Gleichnis, das ich dir damit geben kann; ich

wünsche dir, daß du es _erlebst_.

Dann wirst du auch wissen, so wie ich es jetzt weiß, daß es eine

Möglichkeit gibt, dem Tod zu entrinnen.

Die Stufe, die zu erklimmen mir geglückt ist, ist die große Einsamkeit, von

der das Tagebuch meines Vorgängers spricht; sie würde für mich vielleicht

noch grausamer sein als das irdische Leben, wenn die Leiter, die aufwärts

führt, damit zu Ende wäre, aber die jubelnde Gewißheit, daß Eva nicht

gestorben ist, hebt mich darüber hinaus.

Wenn ich Eva auch jetzt noch nicht sehen kann, so weiß ich doch: es bedarf

für mich nur mehr eines kleinen Schrittes auf dem Wege des Erwachens und

ich bin bei ihr -- viel wirklicher, als es jemals früher hätte sein können.

-- Nur eine dünne Wand, durch die hindurch wir unsere Nähe bereits spüren

können, trennt uns noch.

Wie unvergleichlich viel tiefer und ruhiger ist jetzt meine Hoffnung, sie

zu finden, als in der Zeit, da ich stündlich nach ihr rief.

Damals war es ein verzehrendes Warten: -- jetzt ist es eine freudige

Zuversicht.

Es gibt eine unsichtbare Welt, die die sichtbare durchdringt; eine

Gewißheit sagt mir: Eva lebt in ihr wie in einer verborgenen Wohnung und

wartet auf mich.

Sollte dein Schicksal ähnlich dem meinen sein und du hast einen geliebten

Menschen auf Erden verloren, so glaube nicht, daß du ihn auf andere Weise

wiederfinden kannst, als dadurch, daß du den 'Weg des Erwachens' gehst.

Denke daran, was mir Chidher gesagt hat: 'Wer nicht auf der Erde das Sehen

lernt, drüben lernt er's gewiß nicht'. --

Hüte dich vor der Lehre der Spiritisten wie vor Gift, -- sie ist die

furchtbarste Pest, die jemals die Menschen befallen hat; auch die

Spiritisten behaupten, mit den Toten verkehren zu können, -- sie glauben,

die Toten kämen zu ihnen; -- es ist eine Täuschung. -- Es ist gut, daß sie

nicht wissen, wer die sind, die da kommen. Wenn sie's wüßten, würden sie

sich entsetzen.

Erst mußt du selbst unsichtbar werden können, ehe du den Weg findest, zu

den Unsichtbaren zu gehen und hier und drüben zugleich zu leben, -- so, wie

ich unsichtbar geworden bin -- sogar für die Augen meines eigenen Körpers.

Ich bin selber noch nicht so weit, als daß mir der Blick für die jenseitige

Welt erschlossen wäre, dennoch weiß ich: die, die blind von der Erde

gegangen sind, sind nicht drüben; sie sind wie in der Luft verklungene

Melodien, die durch den Weltraum wandern, bis sie wieder auf Saiten

treffen, auf denen sie von neuem ertönen können; -- das, wo sie zu sein

glauben, ist kein Ort: es ist eine raumlose Trauminsel von Schemen, weit

weniger wirklich noch als die Erde.

In Wahrheit unsterblich ist nur der _erwachte_ Mensch; Sonnen und Götter

vergehen, -- er allein bleibt und kann alles vollbringen, was er will. Über

ihm ist kein Gott.

Nicht umsonst heißt unser Weg: ein heidnischer Weg. Was der Fromme für Gott

hält, ist nur ein _Zustand_, den er erreichen könnte, wenn er fähig wäre,

an sich selbst zu glauben, -- so aber zieht er sich in unheilbarer

Blindheit eine Schranke, die er nicht zu überspringen wagt, -- er schafft

sich ein Bild, um es anzubeten, anstatt sich darein zu verwandeln.

Willst du beten, so bete zu deinem unsichtbaren Selbst; es ist der einzige

Gott, der Gebete erhört: die andern Götter reichen dir Steine statt Brot.

Unglücklich die, die zu einem Götzen beten und ihr Flehen wird erhört: sie

verlieren dadurch ihr Selbst, da sie nie wieder zu glauben vermögen, daß

nur sie selber es waren, die sich erhört haben.

Wenn dein unsichtbares Selbst als _Wesenheit_ in dir erscheint, so kannst

du es daran erkennen, daß es einen Schatten wirft: ich wußte auch nicht

früher, wer ich bin, bis ich meinen eignen Körper als Schatten sah.

Eine Zeit, in der die Menschheit leuchtende Schatten werfen wird und nicht

mehr schwarze Schandflecken auf die Erde wie bisher, will dämmern, und neue

Sterne ziehen herauf. Trag du auch dazu bei, daß Licht wird!« -- -- --

* * * * *

Hastig stand Hauberrisser auf, rollte die Blätter zusammen und steckte sie

in die silberne Hülse.

Er hatte die deutliche Empfindung, als sporne ihn jemand zu äußerster Eile

an.

Am Himmel lag bereits der erste Schein des anbrechenden Morgens; die Luft

war bleifarben und ließ die verdorrte Steppe vor dem Fenster wie einen

riesigen wollenen Teppich mit den grauen Wasserstraßen als hellen Streifen

darin erscheinen.

Er trat vor's Haus und wollte den Weg nach Amsterdam einschlagen. Schon

nach den ersten Schritten ließ er seinen Plan, das Dokument in seine alte

Wohnung in der Hooigracht zu tragen, fallen, kehrte um und holte einen

Spaten: er erriet, daß er es irgend in der Nähe vergraben solle.

Aber wo?

Vielleicht auf dem Friedhof?

Er wandte sich der Richtung zu:

Nein, auch dort nicht.

Sein Blick fiel auf den blühenden Apfelbaum; er ging hin, schaufelte ein

Loch und legte die Hülse mit den Schriftstücken hinein.

Dann eilte er, so schnell er konnte, durch das Zwielicht über die Wiesen

und Brückenstege der Stadt entgegen.

Eine tiefe Besorgnis um seine Freunde, als drohe ihnen eine Gefahr, vor der

er sie warnen müsse, hatte ihn plötzlich befallen.

Trotz der frühen Stunde war die Luft heiß und trocken wie vor einem

Gewitter.

Eine atembeklemmende Windstille verlieh der ganzen Gegend etwas unheimlich

Leichenhaftes; die Sonne hing wie eine Scheibe aus blindem, gelbem Metall

hinter dichten Dunstschleiern, und weit im Westen über der Zuidersee

brannten Wolkenmauern, als sei es Abend statt Morgen.

In ungewisser Angst, zu spät zu kommen, kürzte er den Weg ab, wann es nur

irgend ging, schritt bald querfeldein, bald auf den menschenleeren Straßen

dahin, aber es schien, als wolle die Stadt nicht näher rücken.

Allmählich mit dem wachsenden Tag veränderte sich das Bild des Himmels;

hakenförmige, weißliche Wolken krümmten sich wie gigantische Wurmleiber auf

dem fahlen Hintergrund, von unsichtbaren Wirbeln gepeitscht, hin und her,

-- immer an derselben Stelle bleibend: -- kämpfende Luftungeheuer, die der

Weltenraum herabgesandt.

Kreisende Trichter, die Spitzen nach oben, wie umgestürzte, riesenhafte

Becher, hingen frei in der Höhe -- Tiergesichter fielen mit aufgerissenen

Rachen übereinander her und ballten sich zu brodelndem Knäuel; nur auf der

Erde herrschte immer dieselbe totengleiche, lauernde Windstille nach wie

vor.

Ein schwarzes, langgestrecktes Dreieck kam mit Sturmesschnelle von Süden

her, zog unter der Sonne weg, ihr Licht verfinsternd, daß das Land

minutenlang in Nacht getaucht lag, und senkte sich mit schrägem Flug in

weiter Ferne zu Boden: ein Heuschreckenschwarm von den Küsten Afrika's

herübergeweht.

Die ganze Zeit während seines Marsches war Hauberrisser nicht einem

einzigen lebenden Wesen begegnet, da erblickte er plötzlich bei einer

Krümmung des Weges, wie hinter knorrigen Weidenstämmen hervorkommend, eine

seltsame dunkle Gestalt, den Nacken gebeugt, übermenschlich groß und in

einen Talar gehüllt.

Er konnte ihre Gesichtszüge in der Entfernung nicht unterscheiden, erkannte

aber sofort an der Haltung, an den Kleidern und den Umrissen des Kopfes mit

den langen, herabhängenden Schläfenlocken, daß es ein alter Jude war, der

auf ihn zuschritt.

Je näher der Mann herankam, desto unwirklicher schien er zu werden; er war

mindestens sieben Schuh hoch, bewegte beim Gehen die Füße nicht, und seine

Konturen hatten etwas Lockeres, Schleierndes; -- Hauberrisser glaubte sogar

zu bemerken, daß sich bisweilen ein Teil des Körpers -- der Arm, oder die

Schulter -- ablöste, um sich sofort wieder anzusetzen.

Wenige Minuten später war der Jude fast durchsichtig geworden, als bestünde

er nur aus einem schütteren Gebilde zahlloser schwarzer Punkte und nicht

aus einer festen Masse.

Gleich darauf sah Hauberrisser, als die Gestalt in unmittelbarster Nähe

lautlos an ihm vorbei schwebte, daß es eine Wolke fliegender Ameisen war,

die merkwürdigerweise die Form eines Menschen angenommen hatte und

beibehielt, -- ein unbegreifliches Naturspiel, ähnlich dem Bienenschwarm,

den er einst in dem Amsterdamer Klostergarten gesehen.

Lange blickte er kopfschüttelnd dem Phänomen nach, das mit zunehmender

Geschwindigkeit nach Südwesten, dem Meere zu, wanderte, bis es wie ein

Rauch am Horizont verschwand.

Er wußte nicht, wie er die Erscheinung deuten sollte. War es ein

rätselhaftes Vorzeichen, oder nur eine belanglose Grimasse, die die Natur

schnitt?

Daß Chidher Grün, um sich ihm sichtbar zu machen, eine so phantastische

Form gewählt haben könnte, schien ihm wenig glaubhaft.

Den Kopf noch voll grüblerischer Gedanken betrat er den Wester Park und

schlug, um so rasch wie möglich zu Sephardi's Haus zu gelangen, die

Richtung nach dem Damrak ein, da verriet ihm schon von weitem ein wilder

Tumult, daß irgend etwas Aufregendes geschehen sein mußte.

Bald war ein Vordringen durch die breiten Straßen infolge der dichten

Menschenmenge, die Schulter an Schulter gepreßt, in wilder Aufregung

durcheinander wogte, ein Ding der Unmöglichkeit, und er beschloß daher, die

Jodenbuurt als Verbindungsgasse zu benützen.

Scharenweise zogen die Gläubigen der Heilsarmee, laut betend oder den Psalm

brüllend: »Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren

Brünnlein« über die Plätze, -- Männer und Weiber, verzückt in religiösem

Wahnwitz, rissen einander die Kleider vom Leib -- sanken, Geifer vor dem

Mund, in die Knie, -- schrien Hallelujas und Zoten zugleich zum Himmel

empor, -- fanatische Sektierermönche mit entblößtem Oberkörper geißelten

sich unter grausigen hysterischen Lachkrämpfen die Rücken blutig, -- da und

dort brachen Fallsüchtige mit schrillem Schrei zusammen und wälzten sich

zuckend auf dem Pflaster; andere wieder -- Anhänger irgendeines

hirnverbrannten Glaubensbekenntnisses -- »demütigten sich vor dem Herrn«,

indem sie sich zusammen kauerten und, von einer barhäuptigen, ergriffen

zuschauenden Menge umstanden, wie Frösche umherhüpften und dazu quakten: »O

du mein herzallerliebstes Jesulein, erbarme dich unser!«

* * * * *

Von Schauder und Ekel ergriffen irrte Hauberrisser durch alle möglichen

winkligen Gassen, immer von neuem durch Volksmassen aus seiner Richtung

vertrieben, bis er schließlich keinen Schritt mehr weiter tun konnte und

sich, wie eingekeilt, vor das schädelartige Haus in der Jodenbreestraat

gedrängt sah.

Der Vexiersalon war mit Rolläden verschlossen und die Tafel entfernt; dicht

davor stand ein vergoldetes Holzgerüst und oben drauf, auf einem

Thronsessel, mit einem Hermelinmantel bekleidet und ein brillantstrotzendes

Diadem wie einen Heiligenschein um die Stirn, saß der »Professor« Zitter

Arpád, warf Kupfermünzen mit seinem Bildnis unter die ekstatisch verzückte

Menge und hielt mit hallender Stimme eine infolge des ununterbrochenen

Hosiannageschreies kaum verständliche Ansprache, in der sich beständig wie

ein blutdürstiger Hetzruf die Worte wiederholten: »Werft die Huren ins

Feuer und bringt mir ihr sündiges Gold!«

Mit größter Mühe gelang es Hauberrisser, sich nach und nach bis zu einer

Häuserecke durchzuarbeiten.

Er wollte sich eben orientieren, da faßte ihn jemand am Arm und zog ihn in

einen Tordurchlaß. Er erkannte Pfeill.

Sie waren beide mit ähnlichen Absichten in die Stadt gekommen, wie sie aus

ihren gegenseitigen Zurufen über die Köpfe des Gedränges hinweg, das sie

gleich darauf wieder auseinander gerissen hatte, entnahmen.

»Komm zu Swammerdam!« schrie Pfeill.

An ein Stehenbleiben war nicht zu denken; selbst die kleinsten Höfe und

Winkelgäßchen waren überflutet von Menschen, und wenn die beiden Freunde

zuweilen ein paar Schritt weit eine Lücke in dem Gewimmel erblickten, die

ihnen gestattete, nebeneinander zu gehen, mußten sie eiligst die

Gelegenheit benützen, um vorwärts zu laufen, so daß sie sich nur mit

hastigen Worten verständigen konnten.

»Ein grauenhaftes Scheusal -- dieser Zitter!« -- erzählte Pfeill in

Absätzen, bald vor, bald hinter, bald neben Hauberrisser, bald wieder durch

Menschenmauern von ihm getrennt. »Die Polizei funktioniert nicht mehr und

kann ihm das Handwerk nicht legen. -- Und die Miliz schon lange nicht. --

Er gibt sich für den Propheten Elias aus, und die Leute glauben ihm und

beten ihn an. -- -- Neulich hat er im Zirkus Carré ein entsetzliches

Blutbad angerichtet. -- -- Sie haben den Zirkus gestürmt -- und fremde,

vornehme Damen -- Halbweltlerinnen natürlich -- hineingeschleppt und die

Tiger auf sie losgelassen. -- -- Er hat den Zäsarenwahnsinn. -- -- Wie

Nero. -- -- -- Zuerst hat er die Rukstinat geheiratet und dann die Ärmste,

um zu ihrem Geld zu kommen, ver -- -- --«

»Vergiftet« -- verstand Hauberrisser undeutlich: eine Prozession dumpf

singender, vermummter Gestalten, weiße, spitzige Kapuzen über den

Gesichtern wie Fehmrichter und Fackeln in den Händen, hatte Pfeill von ihm

abgedrängt und ihr murmelnder, eintöniger Choral: »o sanctissima, o pi --

issima, dulcis virgo Maaa -- riii -- aaah« hatte die letzten Worte zur

Hälfte verschlungen.

Pfeill tauchte wieder auf; sein Gesicht war geschwärzt von Fackelrauch: --

»Und dann hat er ihr Geld in den Pokerklubs verspielt. -- -- Dann war er

monatelang spiritistisches Geistermedium. -- -- Hat einen Riesenzulauf

gehabt. -- -- Ganz Amsterdam war bei ihm.«

»Was macht Sephardi?« rief Hauberrisser hinüber.

»Ist seit drei Wochen in Brasilien! Ich soll dich vielmals von ihm grüßen.

-- -- -- Er war gänzlich verändert, schon ehe er abreiste. -- -- Ich weiß

nicht allzuviel über ihn. -- -- Ich weiß nur: Der Mann mit dem grünen

Gesicht ist ihm erschienen und hat ihm gesagt, er solle einen jüdischen

Staat in Brasilien gründen, und: daß die Juden als einziges internationales

Volk berufen seien, eine Sprache zu schaffen, die nach und nach allen

Völkern der Erde als gemeinsames Verständigungsmittel dienen und sie

dadurch einander näherbringen solle, -- -- -- ein modernes Hebräisch,

vermute ich -- ich weiß nicht. -- -- Sephardi war seitdem wie über Nacht

verwandelt. -- -- -- Er hätte jetzt eine Mission, hat er gesagt. -- -- --

Er scheint übrigens mit seinem zionistischen Staat drüben das Richtige

getroffen zu haben. -- -- Fast alle Juden Hollands sind ihm nachgereist,

und jetzt noch kommen zahllose aus allen möglichen Ländern, um nach dem

Westen auszuwandern. -- -- Es ist das reinste Ameisengewimmel -- --«

Eine Truppe gesangbuchplärrender Weiber trennte sie für eine Weile. --

Hauberrisser hatte unwillkürlich, als Pfeill den Ausdruck »Ameisengewimmel«

gebraucht, an das sonderbare Phänomen denken müssen, das er draußen vor der

Stadt gesehen hatte. -- --

»In letzter Zeit war Sephardi viel mit einem gewissen Lazarus Eidotter, den

ich inzwischen kennen gelernt habe, beisammen«; fuhr Pfeill fort -- »es ist

ein alter Jude, eine Art Prophet, -- -- er ist jetzt fast beständig in

einem Zustand von Entrückung -- -- alles, was er prophezeit, stimmt

übrigens jedesmal. -- -- Neulich wieder hat er vorausgesagt, es käme eine

schreckliche Katastrophe über Europa, damit eine neue Zeit vorbereitet

werde. -- -- -- Er freut sich, sagt er, daß er dabei mit zu Grunde gehen

darf, denn dann würde es ihm vergönnt sein, die vielen Toten, die

hinübergehen, ins Reich der Fülle zu führen. -- -- Mit der Katastrophe hat

er vielleicht nicht so unrecht. -- -- -- Du siehst ja, wie es hier zugeht.

-- -- -- Amsterdam erwartet die Sintflut. -- -- -- Die ganze Menschheit ist

toll geworden. -- -- Die Eisenbahnen sind längst eingestellt, sonst wäre

ich schon mal zu dir in deine Arche Noah hinaus gekommen. -- Heute scheint

der Gipfelpunkt des Aufruhrs zu sein. -- -- Ach, ich hätte dir ja so

unendlich viel zu erzählen -- -- Gott, wenn nur nicht dieses ewige Gewühl

um uns herum wäre, man kann ja kaum einen Satz zu Ende sprechen -- -- --

mir ist inzwischen auch unglaublich viel passiert -- -- --«

»Und Swammerdam? Wie geht es ihm?« überschrie Hauberrisser das Geheul einer

Rotte auf den Knien rutschender Geißelbrüder.

»Er hat einen Boten zu mir geschickt,« rief Pfeill zurück, »ich solle

augenblicklich zu ihm kommen und dich vorher holen gehen und mitbringen. --

-- Gut, daß wir uns auf dem Wege getroffen haben. -- -- -- Er zittert um

uns, hat er mir sagen lassen; er glaubt, nur in seiner Nähe wären wir

sicher. -- -- -- Er behauptet, sein inneres Wort hätte ihm einmal drei

Dinge prophezeit, darunter sei die Voraussage gewesen: er werde die

Nikolaskirche überleben. -- -- -- Daraus schließt er vermutlich, daß er

gegen die bevorstehende Katastrophe gefeit sei, und will, daß wir bei ihm

sind, um uns ebenfalls für die kommende neue Zeit zu erretten.«

Es waren die letzten Worte, die Hauberrisser verstand: ein plötzlich

losbrechendes, ohrenbetäubendes Geschrei, von dem freien Platz ausgehend,

dem sie zusteuerten, erschütterte die Luft und pflanzte sich, immer lauter

und lauter anschwellend, in gellen Rufen: »Das neue Jerusalem ist am Himmel

erschienen« -- »ein Wunder, ein Wunder!« -- »Gott sei uns gnädig« -- von

Dachfenster zu Dachfenster über die Giebel hin fort bis in die

entferntesten Winkel der Vorstädte.

Er konnte nur noch erkennen, daß Pfeill hastig den Mund bewegte, als brülle

er ihm mit Aufgebot der ganzen Lungenkraft irgend etwas zu, dann fühlte er

sich von dem wahnwitzig erregten Menschenstrom fast vom Boden gehoben,

unwiderstehlich fortgerissen und in den Börseplatz hineingestoßen.

Die Menge stand dort so dicht zusammengequetscht, daß er, die Arme an den

Leib gedrückt, kaum die Hände bewegen konnte. -- Aller Augen waren starr

emporgekehrt.

Hoch oben am Himmel kreisten noch immer kämpfend die seltsamen Dunstgebilde

wie geflügelte Riesenfische, aber darunter hatten sich schneegekrönte

Wolkenberge aufgetürmt und mitten darin in einem Tal lag, von schrägen

Sonnenstrahlen beleuchtet, die Luftspiegelung einer fremden, südlichen

Stadt mit weißen flachen Dächern und maurischen Bogentoren.

Männer mit wallenden Burnussen und dunkeln stolzen Gesichtern schritten

langsam durch die lehmfarbenen Straßen -- so nah und schreckhaft deutlich,

daß man das Rollen ihrer Augen sehen konnte, wenn sie den Kopf wandten, um,

wie es schien, auf das entsetzte Getümmel Amsterdams gleichmütig

herabzublicken. -- -- Draußen vor den Wällen der Stadt breitete sich eine

rötliche Wüste, deren Ränder in den Wolken verschwammen, und eine

Kamelkarawane zog schemenhaft in die flimmernde Luft hinein.

Wohl eine Stunde lang blieb die Fata Morgana in zauberischer Farbenpracht

am Himmel stehen, dann verblaßte sie allmählich, bis nur mehr ein hohes,

schlankes Minarett, blendend weiß wie aus glitzerigem Zucker, übrig war,

das eine Weile später plötzlich im Wolkennebel verschwand.

* * * * *

Erst spät nachmittags hatte Hauberrisser -- Zoll für Zoll von dem

Menschenmeer an den Häusermauern entlang gespült -- Gelegenheit, über eine

Grachtbrücke dem Getümmel zu entrinnen.

Zu Swammerdams Wohnung zu gelangen war gänzlich unausführbar, denn er hätte

viele Straßen und abermals den Börseplatz überqueren müssen, und so

beschloß er, in seine Einsiedelei zurückzukehren und einen günstigeren Tag

abzuwarten. -- -- --

Bald nahmen ihn die totenstillen Wiesen des Polders wieder auf.

Der Raum unter dem Himmel war eine undurchdringliche, staubige Masse

geworden.

Hauberrisser hörte das welke Gras unter seinen Füßen zischen, als er

eilends dahinschritt, wie Rauschen des Blutes im Ohr, so tief war die

Einsamkeit.

Hinter ihm lag das schwarze Amsterdam in der roten sinkenden Sonne wie ein

ungeheurer brennender Pechklumpen.

Kein Hauch ringsum, die Deiche durchzogen von glühenden Streifen, nur hie

und da ein tröpfelndes Plätschern, wenn ein Fisch aufsprang.

Als die Dämmerung herabsank, tauchten große, trübgraue Flächen aus der Erde

und krochen über die Steppe wie ausgebreitete, wandelnde Tücher, -- er sah,

daß es zahllose Scharen von Mäusen waren, die, aus ihren Löchern

geschlüpft, pfeifend und aufgeregt durcheinander huschten.

Je mehr die Dunkelheit zunahm, desto unruhiger schien die Natur zu werden,

trotzdem kein Halm sich regte.

Die moorbraun gewordenen Wasser bekamen zuweilen kleine kreisrunde Krater,

ohne daß auch nur ein Lufthauch sie getroffen hätte, oder schlugen, wie

unter unsichtbaren Steinwürfen, vereinzelte, spitzige Wellenkegel, die

gleich darauf wieder spurlos verschwanden.

Schon konnte Hauberrisser von weitem die kahle Pappel vor seinem Haus

unterscheiden, da wuchsen plötzlich, bis zum Himmel ragend, weißliche

säulenartige Gebilde aus dem Boden und stellten sich zwischen die

Silhouette des Baumes und seinen Blick.

Geisterhaft und lautlos kamen sie auf ihn zu, schwarze, breite Spuren unter

dem ausgerissenen Gras hinterlassend, wo sie gegangen waren: Windhosen, die

der Stadt zu wanderten.

Ohne das leiseste Geräusch zu verursachen, zogen sie an ihm vorbei: stumme,

tückische, totbringende Gespenster der Atmosphäre.

* * * * *

Schweißgebadet betrat Hauberrisser das Haus.

Die Gärtnersfrau des nahen Friedhofs, die ihn bediente, hatte ihm sein

Essen auf den Tisch gestellt; er konnte vor Aufregung keinen Bissen

anrühren.

Voll Unruhe warf er sich angezogen aufs Bett und wartete schlaflos auf den

kommenden Tag.

Das grüne Gesicht: Ein Roman · 第 32 / 38 题