Er griff sich an die Stirne. -- »Habe ich denn geschlafen?«

Sein Blick fiel auf den Apfelbaum, der, wie durch ein unbegreifliches

Wunder, in vollem unversehrtem Blütenschmuck prangte.

An seiner Wurzel hatte er gestern die Rolle vergraben, erinnerte er sich,

und es kam ihm vor, als wäre in der kurzen Spanne Zeit inzwischen eine

Ewigkeit verflossen.

Hatte er nicht selbst geschrieben, er besäße die Fähigkeit, sich von seinem

Körper loszulösen?

Warum hatte er es denn nicht getan? Gestern, die Nacht über, heute morgen,

als der Sturm losbrach?

Warum tat er es jetzt nicht?

Einen Augenblick lang glückte es ihm wieder: er sah seinen Körper als

schattenhaftes, fremdes Geschöpf am Fenster lehnen, aber die Welt draußen,

trotz ihrer Verwüstung, war nicht mehr ein gespenstisches, totes Bild wie

früher in solchen Zuständen: eine neue Erde, durchzittert von Lebendigkeit,

breitete sich vor ihm aus -- ein Frühling voll Herrlichkeit, wie sichtbar

gewordene Zukunft, schwebte darüber -- das Vorgefühl eines namenlosen

Entzückens durchbebte seine Brust; alles ringsum schien sich in einer

Vision zu bleibender Deutlichkeit verwandeln zu wollen; -- -- der blühende

Apfelbaum, war er nicht Chidher, der ewig »grünende« Baum?!

Im nächsten Moment war Hauberrisser wieder mit seinem Körper vereinigt und

sah in den heulenden Sturm hinein, aber er wußte, daß sich hinter dem Bild

der Zerstörung das neue verheißungsvolle Land verbarg, das er soeben mit

den Augen seiner Seele geschaut hatte.

Das Herz klopfte ihm vor wilder, freudiger Erwartung: er fühlte, daß er auf

der Schwelle zum letzten, höchsten Erwachen stand -- daß der Phönix in ihm

die Schwingen hob zum Flug in den Äther. Er fühlte die Nähe eines weit über

alle irdische Erfahrung hinausreichenden Geschehnisses so deutlich, daß er

vor innerer Ergriffenheit kaum zu atmen wagte, -- es war fast wie damals im

Park von Hilversum, als er Eva geküßt hatte: dasselbe eisige Fittichwehen

des Todesengels, aber jetzt zog sich gleich einem Blütenhauch die Vorahnung

eines kommenden unzerstörbaren Lebens hindurch; -- die Worte Chidhers: »Ich

werde dir um Evas willen die nimmerendende Liebe geben« drangen an sein

Ohr, als riefe sie der blühende Apfelbaum herüber.

Er gedachte der zahllosen Toten, die unter den Trümmern der verwehten Stadt

dort drüben verschüttet lagen: er konnte keine Trauer empfinden; -- »sie

werden wieder auferstehen, wenn auch in veränderter Form, bis sie die

letzte und höchste Form, die Form des 'erwachten Menschen' gefunden haben,

der nicht mehr stirbt. -- Auch die Natur wird immer wieder jung wie der

Phönix.«

Eine plötzliche Erregung ergriff ihn so gewaltig, daß er glaubte, ersticken

zu müssen: stand nicht Eva dicht neben ihm?

Ein Atemhauch hatte sein Gesicht gestreift.

Wessen Herz schlug so nahe bei seinem, wenn nicht das ihre!?

Neue Sinne, fühlte er, wollten in ihm aufbrechen und ihm die unsichtbare

Welt, die die irdische durchdringt, erschließen. Jede Sekunde konnte die

letzte Binde, die sie ihm noch verhüllte, von seinen Augen fallen.

»Gib mir ein Zeichen, daß du bei mir bist, Eva!« -- flehte er leise. »Laß

meinen Glauben, daß du zu mir kommst, nicht zu Schanden werden.«

»Was wäre das für eine armselige Liebe, die nicht Raum und Zeit überwinden

könnte,« -- hörte er ihre Stimme flüstern, und das Haar sträubte sich ihm

im Übermaß seelischer Erschütterung. »Hier in diesem Zimmer bin ich genesen

von den Schrecknissen der Erde und hier warte ich bei dir, bis die Stunde

deiner Erweckung gekommen ist.«

Eine stille friedvolle Ruhe senkte sich über ihn; er blickte umher: auch in

der Stube dasselbe freudige, geduldige Warten wie verhaltener Frühlingsruf,

-- alle Gegenstände dicht vor dem Wunder einer unbegreiflichen Verwandlung.

Sein Herz schlug laut.

Der Raum, die Wände und Dinge, die ihn umgaben, waren nur äußere,

täuschende Formen für seine irdischen Augen, fühlte er, -- sie ragten

herein in die Welt der Körper wie Schatten aus einem unsichtbaren Reich, --

jede Minute konnte sich ihm die Pforte auftun, hinter der das Land der

Unsterblichen lag.

Er versuchte, sich auszumalen, wie es sein müßte, wenn seine innern Sinne

erwacht sein würden. -- »Wird Eva bei mir sein, werde ich zu ihr gehen und

sie sehen und mit ihr sprechen -- so, wie die Wesen dieser Erde einander

begegnen? -- Oder werden wir zu Farben, zu Tönen, -- ohne Gestalt -- die

sich vermischen? Umgeben uns dann Dinge wie hier, -- schweben wir als

Lichtstrahlen durch den unendlichen Weltenraum, oder verwandelt sich das

Reich des Stoffes mit uns und wir verwandeln uns in ihm?« -- Er erriet, daß

es ein ähnlicher, ganz natürlicher und doch vollkommen neuer, ihm jetzt

noch unfaßbarer Vorgang sein würde, wie vielleicht das Entstehen der

Windhosen, die er gestern aus dem Nichts -- aus der Luft heraus zu

greifbaren, mit allen Sinnen des Leibes wahrnehmbaren Formen sich hatte

bilden sehen, -- aber dennoch konnte er sich keine klare Vorstellung davon

machen.

Das Vorgefühl eines so unsagbaren Entzückens durchzitterte ihn, daß er

genau wußte: die Wirklichkeit des wunderbaren Erlebnisses, das ihm

bevorstand, mußte alles, was er sich auszumalen imstande sei, weit

übertreffen.

* * * * *

Die Zeit verrann.

Es schien Mittag zu sein: -- hoch am Himmel schwebte ein leuchtender Kreis

im Dunst.

Tobte der Sturm noch immer?

Hauberrisser lauschte:

Nichts, woran er es hätte erkennen können. Die Deiche waren leer.

Ausgeblasen. Kein Wasser, keine Spur von Bewegung mehr darin. Kein Strauch,

soweit der Blick reichte. -- Das Gras flach. Nicht eine einzige ziehende

Wolke -- regungsloser Luftraum.

Er nahm den Hammer und ließ ihn fallen -- hörte ihn laut auf dem Boden

aufschlagen: »es ist still draußen geworden,« begriff er.

Nur Zyklone rasten noch in der Stadt, wie er durch das Fernglas erkannte;

Steinblöcke wirbelten empor in die Luft, -- aus dem Hafen tauchten

Wassersäulen, brachen auseinander, türmten sich wieder auf und tanzten dem

Meere zu.

Da! -- War es eine Täuschung? Schwankten nicht die beiden Türme der

Nikolaskirche?

Der eine stürzte plötzlich in sich zusammen; -- der andere flog wirbelnd

hoch in die Luft, zerbarst wie eine Rakete, -- die ungeheure Glocke

schwebte einen Augenblick frei zwischen Himmel und Erde.

Dann sauste sie lautlos herab.

Hauberrisser stockte das Blut:

Swammerdam! Pfeill!

Nein, nein, nein, -- es konnte ihnen nichts geschehen sein: »Chidher, der

Ewige Baum der Menschheit beschirmt sie mit seinen Ästen!« Hatte Swammerdam

nicht vorausgesagt, er werde die Kirche überleben?

Und gab es nicht Inseln, so wie dort der blühende Apfelbaum inmitten des

grünen Rasenflecks, in denen das Leben gegen Vernichtung gefeit war und

aufbewahrt wurde für die kommende Zeit? -- --

Jetzt erst erreichte der Schall der zerschmetterten Glocke das Haus.

Die Mauern erdröhnten unter dem Anprall der Luftwellen: ein einziger,

furchtbarer, erschütternder Ton, daß Hauberrisser glaubte, die Knochen im

Leibe seien ihm wie Glas zersplittert, und einen Moment sein Bewußtsein

schwinden fühlte.

=»Die Mauern von Jericho sind gefallen,«= hörte er die bebende Stimme

Chidher Grüns laut im Raume sagen. -- =»Er ist aufgewacht von den Toten.«=

Das grüne Gesicht: Ein Roman · 第 34 / 38 题