Hauberrisser war aus seiner Wohnung in der Hooigracht hinaus in das
Flachland im Südosten vor Amsterdam übersiedelt und lebte einsam in einem
uralten alleinstehenden Haus, von dem die Sage ging, es sei ursprünglich
ein sogenannter Druidenstein gewesen. Es war mit dem Rücken dicht an einen
niedrigen Hügel angelehnt und lag inmitten des von Wasserstraßen
durchzogenen Slotermeer-Polders.
Er hatte es auf seiner Heimkehr von dem Begräbnis Evas erblickt, -- da es
seit langem leer stand, kurz entschlossen gemietet, noch am selben Tag
bezogen und im Laufe des Winters wohnlicher herrichten lassen: -- er wollte
allein mit sich selbst sein und fern vom Gewühl der Menschen, die ihm wie
wesenlose Schatten erschienen.
Von seinem Fenster aus konnte er die Stadt mit ihren düstern Bauten und den
Wald von Schiffsmasten im Hintergrund wie ein dunsthauchendes, stachliges
Ungeheuer vor sich liegen sehen.
Wenn er in solchen Momenten das Fernglas zur Hand nahm und den Anblick der
beiden Spitzen der Nikolaskirche und der andern zahllosen Türme und Giebel
nahe an sein Auge rückte, wurde ihm jedesmal ganz unbeschreiblich sonderbar
zu Mute --: so, als stünden nicht Dinge vor ihm, sondern zu Formen
erstarrte, quälende Erinnerungen, die mit grausamen Armen nach ihm greifen
wollten. -- -- Gleich darauf waren sie wieder zerronnen und mit den Bildern
der Häuser und Dächer in neblige Ferne versunken.
Anfangs hatte er zuweilen das Grab Evas auf dem unweit liegenden Friedhof
besucht, aber es war immer nur ein mechanischer, gedankenloser Spaziergang
gewesen.
Wenn er sich vorstellen wollte, sie läge da unten in der Erde, und er müßte
Schmerz darüber empfinden, erschien ihm der Gedanke so widersinnig, daß er
oft vergaß, die Blumen, die er mitgebracht hatte, auf dem Hügel
niederzulegen, und sie wieder mit nach Hause nahm.
Der Begriff, »seelischer Schmerz« war für ihn ein leeres Wort geworden und
hatte die Macht über sein Gefühlsleben verloren. --
Manchmal, wenn er über diese seltsame Wandlung seines Innern nachdachte,
beschlich es ihn fast wie Grauen vor sich selbst. --
* * * * *
In einer solchen Stimmung saß er eines Abends an seinem Fenster und sah in
die untergehende Sonne hinein.
Vor dem Hause ragte eine hohe verdorrte Pappel aus einer Wüste braunen,
trocknen Rasens, -- nur in einem kleinen, grünen Wiesenfleck weit drüben
wuchs wie in einer Oase ein blütenübersäter Apfelbaum -- das einzige
Zeichen von Leben weit und breit -- zu dem bisweilen die Bauern wallfahrten
kamen wie zu einem Marienwunder. -- -- --
»Die Menschheit, der ewige Phönix, hat sich im Lauf der Jahrhunderte zu
Asche verbrannt,« fühlte er, wie er so die Augen über die trostlose Gegend
schweifen ließ, »ob sie je wohl _neu_ auferstehen wird?« -- --
Er dachte an die Erscheinung Chidher Grüns, und seine Worte, daß er auf
Erden geblieben sei, um zu »geben«, fielen ihm ein.
»Und was tue ich?« fragte er sich: »Ich bin eine wandelnde Leiche geworden
-- ein dürrer Baum wie die Pappel da draußen! -- Daß es ein zweites
geheimnisvolles Leben gibt, wer weiß es außer mir? -- Swammerdam hat mich
auf den Weg gewiesen und ein Unbekannter hat ihn mir durch sein Tagebuch
erschlossen, -- nur ich geize mit den Früchten, die mir das Schicksal in
den Schoß geworfen hat! -- Nicht einmal meine besten Freunde, Pfeill und
Sephardi, ahnen, was mit mir vorgeht; sie glauben, ich sei in die
Einsamkeit gegangen und trauere um Eva. -- Weil mir die Menschen wie
Gespenster erscheinen, die blind durchs Dasein irren, -- weil sie mir wie
Raupen vorkommen, die über den Boden kriechen und nicht wissen, daß sie
keimende Schmetterlinge sind, habe ich deswegen ein Recht, mich von ihnen
fernzuhalten?«
Ein heißer Trieb, noch in derselben Stunde in die Stadt zu gehen, sich an
einer Straßenecke aufzustellen wie einer der vielen Wanderpropheten, die
das Hereinbrechen des jüngsten Tages verkündeten, und in die Menge
hineinzuschreien, daß es eine Brücke gebe, die zwei Leben -- das Diesseits
und das Jenseits -- miteinander verbindet, ließ ihn in jähem Entschluß
auffahren.
»Ich würde nur Perlen vor die Säue werfen,« überlegte er im nächsten
Augenblick; »die große Masse könnte mich nicht verstehen, -- sie winselt
danach, daß ein Gott vom Himmel steigt, den sie verkaufen und kreuzigen
darf. -- Und die wenigen Wertvollen, die nach einem Weg suchen, um _sich
selbst_ zu erlösen, würden _die_ auf mich hören? Nein. -- Die
Wahrheitverschenker sind in Mißkredit gekommen«; er mußte an Pfeill denken,
der in Hilversum den Ausspruch getan hatte, man müsse ihn erst fragen, ob
er willens sei, sich etwas schenken zu lassen. --
»Nein, so geht es nicht,« sagte er sich und sann nach. »Merkwürdig, je
reicher man wird an innern Erlebnissen, desto weniger kann man andern davon
geben; ich wandere immer weiter weg von den Menschen, bis plötzlich die
Stunde da sein wird, wo sie meine Stimme nicht mehr werden hören können.«