Swammerdam gab keine Antwort darauf und lächelte -- »und die dritte scheint
belanglos -- obwohl das nicht sein kann -- und würde Sie nicht
interessieren.«
»Haben Sie Anzeichen, daß wenigstens eine der drei Voraussagen eintreffen
wird?« fragte Sephardi.
»Ja. Das Gefühl unabwendbarer Gewißheit. Es ist mir gleichgültig, ob ich
ihre Erfüllung jemals sehen werde; es genügt mir zu wissen, daß ich nicht
imstande bin, daran zu zweifeln.
Sie können eben nicht begreifen, was es heißt: die Nähe der Wahrheit zu
spüren, die niemals irren kann. -- Das sind Dinge, die man an sich selbst
erleben muß.
Ich habe niemals eine sogenannte 'überirdische' Erscheinung gehabt -- nur
einmal im Schlaf: das Bild meiner Frau, als ich einen grünen Käfer suchte.
-- Ich habe niemals begehrt 'Gott zu schauen', niemals ist ein Engel zu mir
gekommen, wie zu Klinkherbogk -- ich bin nie dem Propheten Elias begegnet
wie Lazarus Eidotter, -- aber tausendfach hat mir alles das die
Lebendigkeit des Bibelwortes ersetzt: 'Selig sind, die nicht sehen und doch
glauben!' -- Es ist an mir zur Wahrheit geworden.
Ich habe geglaubt, wo nichts zu glauben war, und habe gelernt, Dinge für
möglich zu halten, die unmöglich sind.
Manchmal fühle ich: es steht Einer neben mir, riesengroß und allmächtig, --
oder ich weiß: er hält seine Hand über Den oder Jenen; ich sehe und höre
Ihn nicht, aber ich _weiß_: Er ist da.
Ich hoffe nicht, daß ich ihn jemals sehen werde -- aber ich hoffe _auf
ihn_.
Ich weiß, daß eine furchtbare, erschütternde Zeit kommt, der ein Sturm
vorangehen wird, wie ihn die Welt noch nie gesehen hat, -- es ist mir
gleichgültig, ob ich diese Zeit erleben werde, aber ich bin froh, daß sie
kommt!« -- ein Frösteln überlief Pfeill und Sephardi bei den Worten, die
Swammerdam kalt und gelassen aussprach. -- »Sie haben mich heute morgen
gefragt, wo ich glaubte, daß Eva so lange verborgen gewesen sein konnte, --
woher hätte ich es wissen sollen? -- Gewußt habe ich, daß sie kommen wird:
und sie _ist_ gekommen!
So genau, wie ich weiß, daß ich hier stehe, so genau weiß ich auch, daß sie
nicht -- tot -- ist! _Er_ hält die Hand über sie.«
»Aber sie ist doch in der Kirche aufgebahrt! -- Sie wird doch morgen
begraben!« riefen Sephardi und Pfeill entsetzt durcheinander.
»Und wenn man sie tausendmal begrübe -- und wenn ich ihren Totenschädel in
der Hand hielte: ich _weiß_, daß sie nicht gestorben ist.«
* * * * *
»Er ist ein Wahnsinniger,« sagte Pfeill zu Sephardi, als Swammerdam
gegangen war.
* * * * *
Die farbigen hohen Bogenfenster der Nikolaskerk schimmerten matt erhellt,
als schimmere im Innern der Kirche ein Licht, in den nächtlichen Nebel
hinein.
Mit dem Rücken an die Mauer des Gartens gepreßt und im Schatten verborgen,
wartete der Neger Usibepu regungslos, bis der Schutzmann, der seit den
Unglücksfällen am Zee Dyk die verrufenen Gassen des Hafenviertels zu
bewachen hatte, mit schwerem, müdem Schritt an ihm vorbei gekommen war,
dann kletterte er über das Gitter, schwang sich von einem Baum aus auf den
kapellenartigen Vorbau der Sakristei, öffnete vorsichtig die runde,
gläserne Dachluke und ließ sich leise wie eine Katze zu Boden fallen.
Inmitten des Kirchenschiffs auf silbernem Katafalk aufgebahrt lag Eva in
einem Hügel von weißen Rosen, die Hände über der Brust gefaltet, die Augen
geschlossen, mit starrem, lächelndem Gesicht.
Ihr zu Häupten und an den Seiten des Sarges hielten armdicke, rot und
goldene mannshohe Kerzen mit unbeweglichen Flammen die Totenwacht.
In einer Wandnische hing das Bild einer schwarzen Muttergottes mit dem Kind
auf dem Arm und davor, von der Decke herab an glitzerndem Draht, das
rubingläserne Herz eines Ewigen Lichts als blutiger Funken.
Bleiche wächserne Hände und Füße hinter gebauschten Gittern -- Krücken
daneben mit Zetteln: »Maria hat geholfen« -- holzgeschnitzte, bemalte
Statuen von Päpsten, weiße Tiaren auf den Häuptern, die Hand zum Gelöbnis
erhoben, auf steinernen Postamenten -- kannelierte, ragende Marmorsäulen,
-- -- -- geräuschlos huschte der Neger von einem Pfeilerschatten zum
andern, erstaunt die ihm fremden, seltsamen Dinge betrachtend, -- nickte,
als er die Wachsglieder erblickte, grimmig vor sich hin, im Glauben, sie
stammten von erschlagenen Feinden, spähte durch die Ritzen der Beichtstühle
und betastete mißtrauisch die großen Figuren der Heiligen, ob sie nicht
lebendig seien.
Als er sich überzeugt hatte, daß er allein war, schlich er auf den
Zehenspitzen zu der Toten und blieb lange und traurig vor ihr stehen.
Er war betäubt von ihrer Schönheit, berührte scheu ihr blondes, weiches
Haar und zuckte wieder zurück, als fürchte er, sie im Schlaf zu stören.
Warum hatte sie sich so vor ihm entsetzt -- damals in jener Sommernacht am
Zee Dyk?
Er konnte es nicht begreifen.
Noch jedes Weib, nach dem er begehrt, -- Kaffernmädchen und Weiße -- waren
stolz gewesen, ihm gehören zu dürfen.
Sogar Antje, die Kellnerin in der Hafenschenke; und die war doch auch eine
Weiße und hatte gelbes Haar!
Bei keiner hatte er den Vidûzauber anwenden müssen: -- alle waren sie von
selbst gekommen und ihm um den Hals gefallen! -- Nur _sie_ nicht! Nur _sie_
nicht!
Und wie gerne würde er um ihren Besitz das ganze viele Geld gegeben haben,
dessentwegen er den alten Mann mit der Papierkrone erwürgt hatte!
Nacht für Nacht seit seiner Flucht vor den Matrosen war er vergebens durch
die Straßen gewandert, um sie zu finden: keine von den zahllosen Frauen,
die in der Dunkelheit nach Männern suchen gingen, hatte ihm sagen können,
wo sie sei.
Er fuhr sich mit der Hand über die Augen.
Wie ein wirrer Traum rauschten Erinnerungen an ihm vorbei: die glutheißen
Steppen seiner Heimat -- der englische Händler, der ihn nach Kapstadt
gelockt und versprochen hatte, ihn zum König von Zululand zu machen -- das
schwimmende Haus, das ihn nach Amsterdam gebracht -- die Zirkustruppe
verächtlicher, nubischer Sklaven, mit denen er jeden Abend Kriegstänze
aufführen mußte für Geld, das man ihm immer wieder wegnahm, -- die
steinerne Stadt, in der sein Herz vor Heimweh verdorrte; -- niemand, der
seine Sprache verstand.
Er strich zärtlich mit der Hand über den Arm der Toten, und der Ausdruck
grenzenloser Verlassenheit trat in sein Gesicht: sie wußte nicht, daß er
ihretwegen seinen Gott verloren hatte! Damit sie zu ihm käme, hatte er den
furchtbaren Souquiant, die Abgottschlange mit dem Menschengesicht, gerufen,
und dadurch die Macht, über die glühenden Steine zu schreiten, auf's Spiel
gesetzt und -- eingebüßt.
Aus dem Zirkus davongejagt und ohne Geld hätte er zurück nach Afrika
geschickt werden sollen -- als Bettler statt als König: -- er war vom
Schiff ins Wasser gesprungen und ans Land geschwommen -- hatte sich
tagsüber in Obstkähnen verborgen gehalten und nachts den Zee Dyk
durchstreift, um _sie_ zu suchen, die er sehnsüchtiger liebte als seine
Steppe, seine schwarzen Frauen, als die Sonne am Himmel, -- als alles.
Ein einzigesmal noch seitdem war ihm der zornige Schlangengott erschienen
-- im Schlaf und mit dem grausamen Befehl, Eva in das Haus eines
Nebenbuhlers zu rufen. Als Tote, hier in der Kirche, durfte er sie erst
wiedersehen.
In tiefem Gram ließ er seine Blicke durch den düstern Raum schweifen: Ein
Gekreuzigter mit Dornenkrone und eisernen Nägeln durch die Hände und Füße?
-- eine Taube mit grünen Zweigen im Schnabel -- ein alter Mann, in der Hand
eine große goldene Kugel -- ein Jüngling von Pfeilen durchbohrt? -- Lauter
fremde weiße Götter, deren geheime Namen er nicht kannte, um sie zu rufen.
-- -- Und dennoch mußten sie zaubern und die Tote wieder lebendig machen
können! -- Von wem sonst hätte Mister Zitter Arpád die Macht bekommen, sich
Dolche durch die Gurgel zu stoßen, Hühnereier zu verschlucken und wieder
erscheinen zu lassen?!
Eine letzte Hoffnung durchzuckte ihn, als er die Madonna in der Nische
erspähte; sie mußte eine Göttin sein, denn sie trug ein goldenes Diadem auf
dem Kopf; sie war eine Schwarze, vielleicht verstand sie seine Sprache?
Er hockte sich vor dem Bilde nieder, hielt den Atem an, bis er den
Jammerschrei der geopferten Feinde, die am Tor des Jenseits als Sklaven auf
sein Kommen warten mußten, im Ohre hörte, -- verschluckte röchelnd seine
Zunge, um in das Reich hinüber zu gehen, in dem der Mensch mit den
Unsichtbaren reden kann --: Nichts.
Tiefe, tiefe Finsternis statt des fahlen grünlichen Scheins, den er zu
sehen gewohnt war; er konnte den Weg zu der fremden Göttin nicht finden.
Langsam und traurig ging er zu der Bahre zurück, kauerte sich am Fußende
des Katafalks zusammen und stimmte den Grabgesang der Zulus an -- eine
wilde, grausige Liturgie: bald in barbarischen, stöhnenden Kehllauten, bald
als Antwort darauf ein atemloses Gemurmel wie das Trappeln flüchtiger
Antilopen -- geller Habichtsschrei dazwischen -- heiseres, verzweifeltes
Aufbrüllen und weiche, melancholische Klagerufe, die wie in fernen Wäldern
erstickten, schluchzend wieder aufwachten und ausklangen in das dumpfe,
langgezogene Geheul eines Hundes, der seinen Herrn verloren hat. --
* * * * *
Dann stand er auf, griff in seine Brust, holte eine kleine weiße Kette,
aneinander gereiht aus den Halswirbeln erdrosselter Königsfrauen, hervor:
das Zeichen seiner Würde als Oberhaupt der Zulus -- ein heiliger Fetisch,
der jedem, der ihn ins Grab mitnimmt, die Unsterblichkeit verleiht, -- --
und wand sie, als gräßlichen Rosenkranz, um die betend gefalteten Hände der
Toten.
Es war sein Teuerstes gewesen, das er auf Erden besessen.
Was sollte ihm noch die Unsterblichkeit; er war heimatlos -- hier wie
drüben: Eva konnte nicht in den Himmel der schwarzen Menschen kommen und er
nicht in das Paradies der Weißen!
* * * * *
Ein leises Geräusch schreckte ihn auf.
Er lauerte wie ein Raubtier auf dem Sprung.
_Nichts_.
Es war nur ein Knistern in den welkenden Kränzen gewesen.
Da fiel sein Blick auf die Kerze am Kopfende des Katafalks und er sah, daß
die Flamme sich zitternd bewegte und dann schräg zur Seite bog, wie von
einem Luftstrom getroffen:
Irgend jemand mußte die Kirche betreten haben!
Mit einem Satz war er hinter der Säule -- starrte zur Sakristei hinüber, ob
sich die Türe öffnen würde:
Niemand.
Als er den Kopf wieder zu der Leiche wandte, ragte dort an Stelle der
flackernden Kerze ein hoher, steinerner Thron empor. Darauf saß, schmal,
von übermenschlicher Größe, die Federkrone des Totenrichters auf dem Haupt,
unbeweglich, nackt, nur um die Lenden ein rotblaues Tuch und in den Händen
Krummstab und Geißel: ein ägyptischer Gott.
Um den Hals hing ihm an einer Kette eine goldene Tafel. Ihm gegenüber zu
Füßen des Sarges standen: ein brauner Mann mit dem Kopf eines Ibis, in der
Rechten das grüne Ankh -- das gehenkelte Kreuz der Ägypter, das Sinnbild
des Ewigen Lebens -- und zu beiden Seiten der Bahre, mit Sperberkopf und
Schakalkopf -- noch zwei Gestalten.
Der Zulu erriet, daß sie gekommen waren, um Gericht über die Verstorbene zu
halten.
Die Göttin der Wahrheit, mit enganliegendem Gewand und Geierhaube, kam
durch den Mittelgang heran, schritt zu der Toten, die sich starr
aufrichtete, -- nahm ihr das Herz aus der Brust und legte es auf eine Wage.
Der Mann mit dem Schakalkopf trat hinzu und warf eine kleine bronzene
Statuette in die Schale.
Der Sperber prüfte das Gewicht.
Die Schale mit dem Herzen Evas sank tief herab.
Der Mann mit dem Ibiskopf schrieb es schweigend mit einem Schilfrohr in
eine wächserne Tafel.
Dann sagte der Totenrichter:
=»Sie wurde für fromm befunden auf Erden und hatte Sorge vor dem Herrn der
Götter, darum hat sie erreicht das Land der Wahrheit und Rechtfertigung.=
=Sie erwacht als ein lebender Gott und strahlt im Chor der Götter, die im
Himmel wohnen, denn sie ist von unserm Stamm.=
=So steht es geschrieben im Buch von der verborgenen Wohnung.«=
Er versank im Boden.
Eva, die Augen geschlossen, stieg von der Bahre herab.
Die beiden Götter nahmen sie in die Mitte, schritten -- der Mann mit dem
Sperberkopf voran -- stumm durch die Mauern der Kirche und verschwanden.
Dann verwandelten sich die Kerzen in braune Gestalten mit lohenden Flammen
über den Häuptern und hoben den Deckel auf den leeren Sarg. -- -- --
Ein Knirschen lief durch den Raum, wie sich die Schrauben in das Holz
bohrten.