Dreizehntes Kapitel

Dr. Sephardi hatte Baron Pfeill und Swammerdam gebeten, in seine Wohnung zu

kommen.

Über eine Stunde schon saßen sie im Bibliothekzimmer beisammen.

Es war bereits tiefe Nacht geworden, -- sie sprachen über Mystik und

Philosophie, über Kabbala, über den seltsamen Lazarus Eidotter, der schon

vor längerer Zeit aus der ärztlichen Beobachtungszelle entlassen worden war

und sein Spirituosengeschäft weiterführte, -- aber immer wieder kehrte das

Thema auf Hauberrisser zurück.

Morgen sollte Eva begraben werden.

»Es ist schrecklich! Der arme, arme Mensch!« rief Pfeill, erhob sich und

ging unruhig auf und ab; -- »mir wird heiß und kalt, wenn ich mich in seine

Lage hinein denke.« -- Er blieb stehen und blickte Sephardi an: »sollten

wir nicht doch noch zu ihm gehen und ihm Gesellschaft leisten? Was meinen

_Sie_, Swammerdam? -- Halten Sie es wirklich für vollkommen ausgeschlossen,

daß er aus der unbegreiflichen Ruhe, in die er versunken ist, wieder

aufwacht? Wenn er plötzlich zu sich kommt und in seinem Schmerz und seiner

Verlassenheit -- -- -- --«

Swammerdam schüttelte den Kopf: -- »Seien Sie ohne Sorge um ihn, Herr

Baron! -- Die Verzweiflung kann nicht mehr an ihn heran; Eidotter würde

sagen: die Lichter in ihm sind umgestellt.«

»Ihr Glaube hat etwas Furchtbares;« murmelte Sephardi, »wenn ich Sie so

reden höre, packt es mich jedesmal wie -- wie Angst!« -- er zögerte eine

Weile, unsicher, ob er nicht eine Wunde berühre, -- »Damals als Ihr Freund

Klinkherbogk ermordet wurde, waren wir alle in großer Sorge um Sie. Wir

meinten, Sie würden darüber zusammenbrechen. Eva legte mir noch ganz

besonders ans Herz, ich sollte Sie aufsuchen und zu beruhigen trachten.

Woher schöpften Sie nur die Kraft, das entsetzliche Begebnis, das Ihren

Glauben doch in seinen Grundvesten erschüttern mußte, so mutig zu tragen?«

Swammerdam unterbrach ihn. -- »Erinnern Sie sich noch der Worte

Klinkherbogks vor seinem Tode?«

»Ja. Satz für Satz. Später wurde mir auch ihre Bedeutung klar. Es kann kein

Zweifel bestehen, daß er sein Ende genau vorausgesehen hat, noch ehe der

Neger ins Zimmer trat. Allein schon sein Ausspruch: 'der König aus

Mohrenland würde ihm die Myrrhen eines andern Lebens bringen' -- beweist

es.«

»Und daß seine Prophezeiung in Erfüllung ging, -- sehen Sie, Herr Doktor,

gerade das hat meinen Schmerz geheilt. Zuerst war ich freilich wie

zerschmettert, dann aber, als ich die Größe des Geschehnisses erfaßte,

fragte ich mich: was ist wertvoller, daß ein im Zustand geistiger

Entrückung ausgesprochenes Wort zur Wahrheit wird, oder: daß ein krankes,

schwindsüchtiges Mädchen und ein alter hinfälliger Schuhmacher noch eine

Weile am Leben bleiben? Wäre es besser gewesen, die Zungen des Geistes

hätten gelogen?

Seitdem ist mir die Erinnerung an jene Nacht zu einer Quelle ungetrübter,

reinster Freude geworden.

Daß die Beiden sterben mußten? Was liegt daran! Glauben Sie mir: jetzt ist

ihnen wohler.«

»Sie sind also fest überzeugt, daß es ein Leben nach dem Tode gibt?« fragte

Pfeill. -- -- »Allerdings, ich glaube ja selbst daran« -- setzte er leise

hinzu.

»Gewiß bin ich davon überzeugt. Natürlich ist das Paradies kein Ort,

sondern ein Zustand; das Leben auf Erden ist doch auch nur ein Zustand.«

»Und -- und sehnen _Sie_ sich danach?«

»N -- Nein.« Swammerdam zögerte, als rede er ungern über dieses Thema.

Der alte Diener mit der maulbeerfarbenen Livree meldete, der gnädige Herr

werde ans Telephon gebeten. -- Sephardi stand auf und verließ das Zimmer.

Sofort fuhr Swammerdam in seiner Rede fort -- Pfeill begriff, daß sie nicht

für die Ohren Sephardis bestimmt war:

»Die Frage mit dem Paradies ist ein zweischneidiges Schwert. Man kann damit

so manchen unheilbar verwunden, wenn man ihm sagt, daß drüben nur Bilder

sind.«

»Bilder? Wie meinen Sie das?«

»Ich will es Ihnen an einem Beispiel erklären. Meine Frau -- Sie wissen,

sie ist vor vielen Jahren gestorben -- hat mich unendlich lieb gehabt --

und ich sie; -- jetzt ist sie 'drüben' und träumt, ich sei bei ihr.

Daß ich nicht wirklich bei ihr bin, sondern nur mein Bild, weiß sie nicht;

wenn sie's wüßte, wäre ihr das Paradies eine Hölle.

Jeder Sterbende, der hinübergeht, findet drüben die Bilder derer vor, nach

denen er sich gesehnt hat, und hält sie für Wirklichkeit -- auch die Bilder

der Dinge, an denen sein Herz gehangen hat,« -- er deutet auf die

Bücherreihen in der Bibliothek. -- »Meine Frau hat an die Muttergottes

geglaubt, -- jetzt träumt sie 'drüben' in ihren Armen. --

Die Aufklärer, die die Menge von der Religion losreißen wollen, wissen

nicht, was sie tun. Die Wahrheit ist nur für wenige Auserlesene und sollte

für die große Masse geheim bleiben; wer sie _nur halb_ erkannt hat, wenn er

stirbt, der geht in ein farbloses Paradies ein.

Klinkherbogks Sehnsucht auf Erden war: Gott zu schauen; jetzt ist er drüben

und schaut -- 'Gott'.

Er war ein Mensch ohne Wissen und Bildung, dennoch kamen aus seinem Munde

Worte der Wahrheit, erzeugt durch das Verzehrtsein im Durste nach Gott, --

nur hat ihm ein barmherziges Schicksal ihren _innern_ Sinn nie enthüllt.

Lange habe ich nicht verstanden, warum das so war; heute weiß ich den

Grund: er hätte die Wahrheit nur zur Hälfte begriffen und sein Wunsch, Gott

zu schauen, hätte nicht in Erfüllung gehen können -- weder in den Träumen

des Jenseits noch in Wirklichkeit.« -- schnell brach er die Rede ab, als er

Sephardi wieder hereinkommen hörte.

Pfeill erriet instinktiv, weshalb er es tat: er wußte offenbar um die Liebe

Sephardis zu der toten Eva -- wußte auch, daß Sephardi trotz seines

Gelehrtentums tief innerlich religiös und fromm war, -- und wollte ihm das

»Paradies« und den künftigen Wahn des Jenseits, mit Eva vereint zu sein,

nicht zerstören.

Swammerdam fuhr fort:

»Ich sagte vorhin: die Erkenntnis, daß das Wahrwerden der Prophezeiung

Klinkherbogks seinen gräßlichen Tod weit in den Schatten stellte, habe

meinen Gram in Freude verwandelt. Es gibt auch ein solches 'Umstellen der

Lichter' -- es ist ein Verwandeln aus Bitter in Süß, wie es allein die

Kraft der Wahrheit zustande bringen kann.«

»Trotzdem bleibt es mir ein unlösbares Rätsel,« mischte sich Sephardi

wieder ins Gespräch, »was Ihnen die Kraft gibt, durch bloße Erkenntnis Herr

über den Schmerz zu werden. Ich kann ja auch mit philosophischem Denken

gegen das Leid, daß Eva gestorben ist, anzukämpfen versuchen, dennoch ist

mir, als könnte ich nie mehr froh werden.«

Swammerdam nickte sinnend. -- »Freilich, freilich. Es kommt daher, -- weil

Ihre Erkenntnisse aus dem Denken entstehen und nicht aus dem 'Inneren

Wort'. Den eignen Erkenntnissen mißtrauen wir heimlich, ohne es zu wissen,

deshalb sind sie grau und tot, -- die Eingebungen durch das Innere Wort

dagegen sind lebendige Geschenke der Wahrheit, die uns unsäglich erfreuen

-- immer wieder, so oft wir uns an sie erinnern.

Seit ich den 'Weg' gehe, hat das Innere Wort nur wenigemal zu mir

gesprochen; -- aber es hat dadurch mein ganzes Dasein erhellt.«

»Und ist immer alles eingetroffen, was es Ihnen gesagt hat,« fragte

Sephardi mit unterdrücktem Zweifel in der Stimme, -- »oder waren es

überhaupt keine Prophezeiungen?«

»Ja. Drei Prophezeiungen waren darunter, die die ferne Zukunft betrafen.

Die erste hieß: durch mein Dazutun würde einem jungen Menschenpaar ein

geistiger Weg erschlossen werden, der seit Jahrtausenden auf Erden

verschüttet lag und in der neuen Zeit, die bevorsteht, vielen Menschen

offenbar werden wird. -- Es ist der Weg, der dem Leben erst wahren Wert

verleiht und dem Dasein einen Sinn gibt. Diese Verheißung ist der Inhalt

meines Lebens geworden.

Über die zweite möchte ich nicht reden, -- Sie müßten glauben, ich sei

wahnsinnig, wenn ich sie Ihnen sagte, und -- -- --«

Das grüne Gesicht: Ein Roman · 第 28 / 38 题