Er fühlte, daß Eva bei ihm stand, aber er konnte sie nicht sehen. --

Wenn er die Augen schloß, wogten Farben wie Wolken hinter seinen Lidern,

lösten sich auf und ballten sich wieder zusammen; er wußte aus den

Erfahrungen, die er gesammelt, daß sie der Stoff waren, aus dem er sich

Bilder schaffen konnte, wenn er wollte, -- Bilder, die anfangs starr und

leblos schienen, dann aber, wie von einer rätselhaften Kraft beseelt, ein

selbständiges Leben bekamen, als seien sie Wesen gleich ihm.

Vor wenigen Tagen war es ihm zum erstenmal geglückt, auch Evas Gesicht in

dieser Weise zu formen und lebendig zu machen, und er hatte geglaubt, auf

dem richtigen Wege zu sein, auf eine neue geistige Art mit ihr

zusammenzukommen, bis er sich an die Stelle in der Tagebuchrolle über die

Halluzinationen der Hexen erinnerte und begriff, daß hier das uferlose

Reich der Gespenster begann, in das er nur einzutreten brauchte, um nie

wieder zurückzufinden.

Je mehr seine Kraft, die verborgenen unerkannten Wünsche seines Innern in

Bilder umzugestalten, wuchs, desto größer, fühlte er, mußte auch die Gefahr

für ihn werden, auf einen Pfad abzuirren, von dem es keine Heimkehr mehr

gab.

Mit einem Gefühl des Grauens und brennender Sehnsucht zugleich dachte er an

die Minuten zurück, wo es ihm gelungen war, Evas Phantom

heraufzubeschwören. -- Anfangs war es grau und schattenhaft gewesen, dann

hatte es langsam Farbe und Leben bekommen, bis es vor ihm gestanden -- so

deutlich wie aus Fleisch und Blut.

Jetzt noch fühlte er die Eiseskälte, die seinen Körper damals ergriffen,

als er von magischem Instinkt getrieben, den Versuch gewagt hatte, auch

seine übrigen Sinne -- Gehör und Gefühl -- an der Vision teilnehmen zu

lassen.

Oft und oft hatte er sich seitdem auf dem Wunsch ertappt, das Bild nochmals

vor seinen Blick zu zaubern, und immer seine ganze Kraft aufbieten müssen,

um der Lockung zu widerstehen.

* * * * *

Die Nacht schritt vor, aber er konnte sich nicht entschließen, schlafen zu

gehen; beständig umkreiste ihn das dumpfe Ahnungsgefühl, es müßte auch ein

magisches Mittel geben, Eva zu rufen, daß sie zu ihm käme -- nicht wie

damals als vampyrhafter Schemen, belebt von dem Hauch seiner eignen Seele,

nein: leibhaftig und wirklich.

Er sandte seine Gedanken aus, damit sie mit neuen Eingebungen, wie er es

anzufangen hätte, beladen zu ihm zurückkehren möchten; er wußte aus seinen

Fortschritten in den letzten Wochen, daß diese Methode des Aussendens von

Fragen und beharrlichen Wartens auf Antwort -- dieses klarbewußte Wechseln

von aktivem und passivem Zustand -- selbst dann nicht zu versagen brauchte,

wenn es sich um Dinge handelte, die durch logischen Denkprozeß

herauszufinden unmöglich war.

Einfall auf Einfall schoß ihm durch den Kopf, einer krauser und

phantastischer als der andere; er prüfte sie mit der Wage seines Gefühls:

jeder wurde zu leicht befunden.

Wieder war es der Schlüssel des »Wachseins«, der das verborgene Schloß

aufsperren half.

Nur mußte diesmal -- erriet er instinktiv -- sein Körper und nicht das

Bewußtsein allein zu höherer Lebendigkeit erregt werden; im _Körper_ lagen

die magischen Kräfte schlafend, _sie_ mußte er erwecken, wenn er auf die

stoffliche Welt einwirken wollte.

Wie ein belehrendes Beispiel fiel ihm ein, daß die Wirbeltänze der

arabischen Derwische im Grunde wohl auch nichts anderes bezweckten, als den

Körper zu einem höheren »Wachsein« aufzupeitschen.

Er legte -- wie unter einer Eingebung -- die Hände auf die Knie und setzte

sich aufrecht hin in der Stellung der ägyptischen Götterstatuen, die mit

dem unbeweglichen Ausdruck ihrer Gesichter ihm plötzlich als die Sinnbilder

magischer Gewalt erschienen, -- zwang seinen Körper zu totenhafter Ruhe und

schickte zugleich einen erregenden Feuerstrom von Willenskraft durch jede

Faser des Leibes.

Schon nach wenigen Minuten durchtobte ihn ein Sturm von beispielloser Wut.

Wahnwitziges Durcheinanderschreien von menschen- und tierähnlichen Stimmen,

wütendes Gebell von Hunden und das schrille Krähen zahlloser Hähne gellte

durch sein Hirn; im Zimmer brach ein Tumult los, als berste das Haus; --

metallenes Dröhnen von Gongschlägen, als läute die Hölle den Jüngsten Tag

ein, vibrierte durch seine Knochen, daß er glaubte, er müsse in Staub

zerfallen, die Haut brannte ihn wie ein Nessosgewand, -- aber er biß die

Zähne zusammen und gestattete seinem Körper nicht die geringste Bewegung.

Unablässig, mit jedem Herzschlag, rief er dabei nach Eva.

Eine Stimme, leise, kaum geflüstert und doch den Lärm durchdringend wie

eine spitzige Nadel, warnte ihn, nicht mit Kräften zu spielen, deren Gewalt

er nicht kenne -- die zu beherrschen er noch nicht reif sei -- die ihn

jeden Augenblick in unheilbares Irresein stürzen könnten, -- er hörte nicht

darauf. --

Immer lauter und lauter wurde die Stimme, so laut, daß es schien, als sei

ringsum das Getöse in weite Ferne gerückt, -- sie schrie ihn an, er solle

umkehren, -- wohl müsse Eva kommen, wenn er nicht aufhöre, mit den

entfesselten lichtlosen Kräften der Unterwelt nach ihr zu rufen, aber daß

ihr Leben, wenn sie käme, ehe die Zeit ihrer geistigen Entwicklung um sei,

noch in derselben Stunde verlöschen werde wie das Licht einer Kerze, und er

selbst sich damit eine Bürde des Schmerzes auflüde, die er nicht werde

tragen können, -- -- er biß die Zähne zusammen und hörte nicht hin. -- Die

Stimme suchte ihn mit Vernunftgründen zu überzeugen, daß Eva doch längst zu

ihm gekommen wäre oder ihm eine Nachricht geschickt hätte, wo sie sei, wenn

es hätte sein dürfen, -- er habe doch den Beweis, daß sie lebe und ihm

stündlich Gedanken voll heißer Liebe sende, aus dem untrüglichen Gefühl

ihrer Nähe, das er Tag für Tag empfinde, -- -- er hörte nicht darauf und

rief und rief.

Die verzehrende Sehnsucht, Eva in seine Arme zu schließen, und wäre es nur

für einen kurzen Augenblick, hatte ihm jede Besinnung geraubt.

Plötzlich verstummte der Tumult und er sah, daß das Zimmer taghell

erleuchtet war.

Mitten darin, wie aus den Dielen gewachsen, ragte -- fast bis zur Decke

empor und einen Querbalken am oberen Ende -- aus dem Boden ein modriger

hölzerner Pfosten wie ein enthauptetes Kreuz.

Mit dem Kopf von dem Querbalken herabhängend, war eine armdicke,

hellgrünschillernde Schlange herumgewunden und blickte ihn mit lidlosen

Augen an.

Ihr Gesicht -- die Stirn mit einem schwarzen Fetzen umwickelt -- glich dem

einer menschlichen Mumie; die Haut der Lippen, eingetrocknet und dünn wie

Pergament, war straff über die morschen gelblichen Zähne gespannt.

Trotz der leichenhaften Verzerrung der Züge erkannte Hauberrisser in ihnen

eine entfernte Ähnlichkeit mit dem Antlitz Chidher Grüns, wie es einst in

dem Laden der Jodenbreestraat vor ihm gestanden hatte.

Das Haar vor Entsetzen gesträubt und mit stockendem Puls horchte er auf die

Worte, die langsam und silbenweise in pfeifenden, halblauten, seltsam

halbierten Tönen aus dem verwesten Munde hervorbröckelten:

»W--as wil--lst du von mir?«

Einen Augenblick lähmte ihn ein furchtbares Grauen, -- er fühlte das Lauern

des Todes hinter sich -- glaubte, eine schwarze, scheußliche Spinne über

den Glanz der Tischplatte huschen zu sehen, -- -- dann schrie sein Herz den

Namen Eva.

Im Nu lag das Zimmer wieder in Finsternis und, als er sich schweißgebadet

zur Tür tastete und das elektrische Licht aufdrehte, war das geköpfte

Holzkreuz mit der Schlange daran verschwunden.

Er hatte das Gefühl, als sei die Luft vergiftet, -- er konnte kaum mehr

atmen -- die Gegenstände drehten sich vor seinen Augen. -- --

»Es muß, es muß, es _muß_ eine Fiebervision gewesen sein!« suchte er sich

vergebens zu beruhigen, aber die drosselnde Angst: alles, was er soeben

gesehen, habe sich buchstäblich und greifbar hier im Zimmer abgespielt,

ließ ihn nicht los.

Eisige Schauer liefen ihm über den Rücken, wenn er sich an die warnende

Stimme erinnerte; -- schon der bloße Gedanke an die Möglichkeit, sie könne

wieder aufwachen und ihm zuschreien, er hätte durch seine wahnwitzigen

magischen Experimente Eva wirklich gerufen und damit in Lebensgefahr

gestürzt, verbrannte ihm das Gehirn.

Er glaubte ersticken zu müssen, biß sich in die Hand, hielt sich die Ohren

zu, rüttelte an den Sesseln, um wieder zu sich zu kommen, riß das Fenster

auf und sog die kalte Nachtluft ein -- -- es half nichts: die innere

Gewißheit, in der geistigen Welt der Ursachen etwas angerichtet zu haben,

was sich nicht mehr gut machen ließ, blieb bestehen.

Wie toll gewordene Bestien fielen die Gedanken, deren er für immer Herr

geworden zu sein, hochmütig geglaubt hatte, über ihn her, -- da nützte kein

»Stillsitzenwollen« mehr.

Auch die Methode des »Erwachens« versagte.

»Es ist Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn«, wiederholte er krampfhaft vor sich

hin mit zusammengebissenen Zähnen und raste dabei im Zimmer auf und ab:

»nichts ist geschehen! Es war eine Vision! -- nichts weiter! Ich bin ja

verrückt! Einbildung! Einbildung! Die Stimme hat mich belogen und auch die

Erscheinung war nicht wirklich! Wo hätte denn das Holz mit der Schlange

herkommen sollen, -- und -- und die Spinne!« --

Er zwang sich -- mit verzerrtem Mund laut aufzulachen. -- -- -- »Die

Spinne!! -- Warum ist sie denn jetzt nicht mehr da?« versuchte er sich

selbst zu verhöhnen; er zündete ein Streichholz an, um unter den Tisch zu

leuchten, -- fand in der unbestimmten Furcht, die Spinne könnte als

Überbleibsel des spukhaften Erlebnisses wirklich noch vorhanden sein, den

Mut nicht, hinzusehen. -- -- -- -- --

Wie befreit atmete er auf, als er von den Türmen drei Uhr schlagen hörte,

-- -- »Gott sei Dank, die Nacht geht vorüber.«

Er trat ans Fenster, beugte sich hinaus und blickte lange in die neblige

Finsternis, um, wie er _glaubte_, nach den ersten Zeichen des nahenden

Morgens zu spähen, -- -- dann wurde ihm plötzlich der wahre Grund klar,

weshalb er es tat: er hatte sich dabei ertappt, daß er mit angespannten

Sinnen lauschte, _ob Eva denn noch immer nicht käme_!

»Meine Sehnsucht nach ihr ist so übermächtig geworden, daß mir die

Phantasie bei wachem Bewußtsein die Truggestalten eines Albtraumes

vorgegaukelt hat,« suchte er sich zu beschwichtigen, als er wieder im

Zimmer auf und nieder schritt und sich abermals die Hand der Qual nach ihm

ausstrecken wollte, -- da blieb sein Blick auf einem dunkeln Fleck im

Fußboden haften, den er sich nicht entsinnen konnte, jemals früher bemerkt

zu haben.

Er bückte sich und sah, daß an der Stelle, wo seiner Erinnerung nach das

enthauptete Kreuz mit der Schlange gestanden hatte, das Holz der Dielen

verfault war.

Sein Atem stockte. Undenkbar, daß der Fleck immer schon hier gewesen sein

sollte! -- -- --

Ein lauter Schlag, wie einmaliges Klopfen riß ihn aus seiner Betäubung.

Eva?

Da! Wieder!

Nein, unmöglich konnte es Eva sein: eine wuchtige Faust hämmerte ungestüm

gegen die Haustür.

Er lief zum Fenster und rief in die Dunkelheit hinab, wer da sei.

Keine Antwort.

Dann wieder, nach einer Weile, dasselbe hastige, ungeduldige Klopfen.

Er griff nach der rotsammtnen Quaste des Strickes, der durch die Zimmerwand

hindurch über die steile Treppe hinunter zum Tordrücker führte, und zog

daran.

Die Riegel knallten.

Dann Totenstille.

Er lauschte. -- -- Niemand.

Nicht das leiseste Geräusch im Stiegenhaus.

Endlich: knisterndes, kaum hörbares Rascheln, als taste draußen eine Hand

nach der Klinke.

Gleich darauf öffnete sich die Stubentür und der Neger Usibepu, barfuß und

das schüsselförmig in die Höhe gebürstete Haar feucht von der Nässe des

Nebels, kam schweigend herein.

Unwillkürlich suchte Hauberrisser nach einer Waffe, aber der Zulu nahm

nicht die geringste Notiz von ihm -- schien ihn nicht einmal zu sehen --

ging mit leisen zögernden Schritten, den Blick starr auf den Boden

geheftet, die Nüstern weit offen und in steter zitternder Bewegung, wie ein

schnuppernder Hund um den Tisch herum. --

»Was wollen Sie hier?« schrie ihn Hauberrisser an -- er gab keine Antwort

-- wandte kaum den Kopf.

Seine tiefen röchelnden Atemzüge verrieten, daß er wie ein Nachtwandler

vollkommen bewußtlos war.

Plötzlich schien er gefunden zu haben, was er suchte, denn er änderte seine

Richtung, -- ging, das Gesicht tief herabgeneigt, auf die verfaulte Stelle

zu und blieb vor ihr stehen.

Dann wanderte sein Blick wie an einer unsichtbaren Linie langsam nach oben

und blieb in der Luft hängen. -- Die Geste war so lebendig und überzeugend

gewesen, daß auch Hauberrisser einen Moment lang glaubte, das enthauptete

Kreuz wieder aus dem Boden wachsen zu sehen.

Er konnte nicht länger daran zweifeln, daß es die Schlange war, die der

Neger wahrnahm, denn seine Augen blieben emporgerichtet, fest auf einen

Punkt gebannt, und die wulstigen Lippen bewegten sich murmelnd, als rede er

mit ihr. Der Ausdruck seiner Miene wechselte ununterbrochen von brennender

Begierde zu leichenhafter Erschöpfung, von wilder Freude zu lodernder

Eifersucht und unbezähmbarer Wut.

Das unhörbare Gespräch schien zu Ende zu sein: er wandte den Kopf der Tür

zu und kauerte sich auf den Boden nieder. --

Hauberrisser sah, daß er, wie von einem Krampf ergriffen, den Mund aufriß,

die Zunge weit hervorstieß, sie mit einem Ruck wieder zurückzog und mit

einem gurgelnden Laut -- nach dem Würgen der Kehlmuskeln zu schließen,

verschluckte. --

Seine Augäpfel drehten sich zitternd allmählich aufwärts unter die offenen

Lider und aschgraue Totenfarbe überzog sein Gesicht.

Hauberrisser wollte auf ihn zueilen und ihn wachrütteln, aber eine

bleierne, unerklärliche Müdigkeit hielt ihn gelähmt im Sessel fest; er

konnte kaum den Arm heben. -- Die Starrsucht des Negers hatte ihn

angesteckt.

Wie ein quälendes Traumbild, das aus der Zeit herausgefallen ist und

unverrückbar bestehen bleibt, lag das Zimmer mit der regungslosen dunkeln

Gestalt darin vor seinem Blick; das eintönige Pendel seines Herzens war das

einzige, das er noch als Leben empfand -- selbst die Angst um Eva war

verschwunden.

Wiederholt hörte er die Uhren von den Türmen dröhnen, aber er war nicht

imstande, die einzelnen Schläge zu zählen: -- der betäubende Halbschlaf

schob jedesmal die Dauer einer Ewigkeit zwischen sie.

Stunden mochten vergangen sein, da begann sich der Zulu endlich zu regen.

Hauberrisser sah wie durch einen Schleier hindurch, daß er aufstand und,

noch immer in tiefer Trance, das Zimmer verließ; -- mit Aufgebot aller

seiner Kräfte sprengte er den lethargischen Zustand und lief ihm nach die

Treppe hinunter. Aber der Neger war bereits verschwunden -- das Haustor

stand weit offen -- der dichte, undurchdringliche Nebel hatte jede Spur von

ihm eingeschluckt. --

Schon wollte er wieder umkehren, da hörte er plötzlich einen leichten

Schritt und im nächsten Augenblick -- -- trat Eva aus dem weißlichen Dunst

auf ihn zu.

Mit einem Aufschrei des Entzückens schloß er sie in die Arme, aber sie

schien völlig erschöpft zu sein und kam erst wieder zu sich, nachdem er sie

ins Haus getragen und behutsam in einen Sessel gebettet hatte. -- -- -- --

Dann hielten sie sich lange, lange mit klopfenden Herzen umschlungen, --

unfähig, das Übermaß ihres Glückes zu fassen.

Er lag vor ihr auf den Knien, stumm, keines Wortes mächtig, und sie hielt

sein Gesicht in heißer Zärtlichkeit zwischen ihren Händen und bedeckte es

wieder und wieder mit glühenden Küssen.

Die Vergangenheit war ihm ein vergessener Traum; jede Frage, wo sie die

ganze lange Zeit über gewesen und wie alles gekommen sei, erschien ihm als

Raub an der Gegenwart.

Ein Strom von Tönen flutete ins Zimmer: die Glockenspiele der Kirchen waren

erwacht -- sie hörten es nicht; das fahle Zwielicht des Herbstmorgens stahl

sich durch die Scheiben -- sie sahen es nicht -- -- sahen nur sich. Er

streichelte ihre Wangen, küßte ihr die Hände, die Augen, den Mund, atmete

den Duft ihres Haares -- wollte noch immer nicht glauben, daß es

Wirklichkeit war und er ihr Herz an seinem schlagen fühlte. -- -- --

»Eva! Eva! Geh nie wieder von mir!« -- seine Worte erstickten in einer Flut

von Küssen.

»Sag, daß du nie wieder von mir gehen willst, Eva!«

Sie legte die Arme um seinen Hals, schmiegte ihre Wange an seine -- --:

»Nein, nein, ich bleibe für immer bei dir. Auch im Tod. -- Ich bin so

glücklich, so unsagbar glücklich, daß ich zu dir gehen durfte.«

»Eva, Eva, sprich nicht vom Tod!« schrie er auf -- ihre Hände waren

plötzlich kalt geworden.

»Eva!«

»Fürchte dich nicht, -- ich kann nicht mehr von dir gehen, Geliebter. --

Die Liebe ist stärker als der Tod -- Er hat es gesagt -- Er lügt nicht! --

Ich bin tot gelegen und Er hat mich lebendig gemacht. -- Er wird mich immer

wieder lebendig machen, auch wenn ich sterben sollte« -- sie redete wie im

Fieber, er hob sie auf, trug sie auf sein Bett. -- »Er hat mich gepflegt,

als ich krank lag; wochenlang war ich wahnsinnig und hab mit den Händen an

dem roten Riemen, den der Tod um den Hals trägt, in der Luft zwischen

Himmel und Erde gehangen; -- Er hat ihm das Halsband zerrissen! -- Seitdem

bin ich frei. -- Hast du nicht gefühlt, daß ich stündlich bei dir war? --

-- Warum -- warum -- rasen die Stunden so?« -- die Stimme versagte ihr --

-- -- »Laß mich -- laß mich dein Weib werden! -- Ich will Mutter sein, wenn

ich wieder zu dir komme.« -- -- --

Sie umschlangen sich in wilder, grenzenloser Liebe -- versanken mit

schwindenden Sinnen in einem Meer von Glück.

* * * * *

»Eva!«

»Eva!«

Kein Laut.

»Eva! Hörst du mich nicht?« -- er riß die Vorhänge des Bettes auseinander,

-- -- -- »Eva! -- -- -- Eva!« -- -- faßte ihre Hand: sie fiel leblos

zurück. Er fühlte nach ihrem Herzen: es schlug nicht mehr. Ihre Augen waren

gebrochen.

»Eva, Eva, Eva!« -- mit einem gräßlichen Schrei fuhr er empor, taumelte zum

Tisch -- »Wasser! -- Wasser holen!« -- stürzte zusammen wie von einer Faust

vor die Stirn getroffen, -- »Eva!« -- das Glas zerbrach, zerschnitt ihm die

Finger, er sprang wieder auf, raufte sich das Haar, lief zum Bett, --

»Eva!« -- wollte sie an sich reißen, sah das Lächeln des Todes in ihrem

erstarrten Gesicht und sank wimmernd mit dem Kopf auf ihre Schulter nieder.

-- -- -- --

»Unten auf der Straße klappert jemand mit blechernen Eimern. -- Die

Milchfrau! -- Ja, ja, natürlich. -- Klappert. Die Milchfrau. -- Klappert«

-- er fühlte, daß plötzlich sein Denken erloschen war, -- hörte ein Herz

klopfen dicht in seiner Nähe -- zählte die ruhigen, regelmäßigen Schläge --

wußte nicht, daß es sein eignes war. -- Mechanisch liebkoste er die langen,

blonden, seidenen Strähnen, die vor seinen Augen auf den weißen Kissen

lagen. -- -- »Wie schön sie sind!« -- »Warum tickt eigentlich die Uhr

nicht?« -- Er hob den Blick. -- »Die Zeit steht still.« -- »Natürlich. Es

ist ja noch nicht Tag.« -- »Und da drüben auf dem Schreibtisch liegt eine

Schere -- und -- und die zwei Leuchter daneben brennen.« -- »Warum habe ich

sie denn angezündet?« -- »Ich hab' vergessen, sie auszulöschen, als der

Neger fortging.« -- »Freilich.« -- »Und dann war keine Zeit mehr dazu, --

weil Eva -- kam« -- »_Eva_??« -- -- »Sie ist -- sie ist doch tot! Tot!«

winselte es in seiner Brust auf. -- Die Flammen fürchterlichsten,

unerträglichen Schmerzes schlugen über ihm zusammen. --

»Ein Ende machen! Ein -- Ende -- machen! -- Eva!« -- »Ich muß ihr nach.« --

»Eva! Eva! Warte auf mich!« -- »Eva, ich muß dir nach!« -- keuchend stürzte

er auf den Schreibtisch los, packte die Schere, wollte sie sich ins Herz

stoßen -- hielt inne: -- »nein, der Tod ist zu wenig! Blind will ich aus

dieser verfluchten Welt gehen!« er spreizte die Spitzen auseinander, um sie

sich, wahnsinnig vor Verzweiflung, in die Augen zu rennen, da schlug eine

Hand so heftig auf seinen Arm, daß die Schere klirrend zu Boden fiel.

=»Willst du ins Reich der Toten gehen, um die Lebendigen zu suchen?«= --

Chidher Grün stand vor ihm, wie einst im Laden in der Jodenbuurt: mit

schwarzem Talar und weißen Schläfenlocken. -- =»Glaubst du, 'drüben' ist

die Wirklichkeit? Es ist nur das Land vergänglicher Wonnen für blinde

Gespenster, so wie die Erde das Land vergänglicher Schmerzen für die

blinden Träumer ist! Wer nicht auf der Erde das 'Sehen' lernt, drüben lernt

er's gewiß nicht. -- Meinst du, weil ihr Körper wie tot liegt,«= -- er

deutete auf Eva, -- =»könne sie nicht mehr auferstehen? Sie ist lebendig,

_nur du_ bist noch tot. Wer einmal lebendig geworden ist wie sie, kann

nicht mehr sterben, -- wohl aber kann einer, der tot ist wie du, lebendig

werden.«= -- Er griff nach den beiden Lichtern und stellte sie um: das

linke nach rechts und das rechte nach links, und Hauberrisser fühlte sein

Herz nicht mehr schlagen, als sei es plötzlich aus der Brust verschwunden.

-- =»So, wirklich, wie du jetzt deine Hand in meine Seite legen kannst, so

wirklich wirst du mit Eva vereint sein, wenn du erst das neue geistige

Leben hast. -- -- Daß die Menschen glauben werden, sie sei gestorben, --

was braucht's dich zu kümmern? -- Man kann von den Schlafenden nicht

verlangen, daß sie die Erwachten sehen.=

=Du hast nach der vergänglichen Liebe gerufen«= -- er wies nach der Stelle,

wo das enthauptete Kreuz gestanden hatte, fuhr mit dem Fuß über den

vermoderten Fleck im Boden und der Fleck verschwand -- =»ich habe dir die

vergängliche Liebe gebracht, denn ich bin nicht auf der Erde geblieben, um

zu _nehmen_: ich bin geblieben, um zu _geben_ -- jedem das, wonach er sich

sehnt. Nur wissen die Menschen nicht, wonach ihre Seele sich sehnt; wüßten

sie's, so wären sie sehend.=

=Du hast im Zauberladen der Welt nach neuen Augen begehrt, um die Dinge der

Erde in einem neuen Licht zu sehen -- erinnere dich: habe ich dir nicht

gesagt, du müßtest dir erst die alten Augen aus dem Kopfe weinen, ehe du

neue bekommen könntest?=

=Du hast nach Wissen begehrt: ich habe dir das Tagebuch eines der Meinigen

gegeben, der hier in diesem Hause gelebt hat, als sein Körper noch

verweslich war.=

=Eva hat sich nach _unvergänglicher_ Liebe gesehnt: ich habe sie ihr

gegeben -- und werde sie um ihretwillen auch dir geben. Die vergängliche

Liebe ist eine gespenstische Liebe.=

=Wo ich auf Erden eine Liebe keimen sehe, die über die Liebe zwischen

Gespenstern hinauswächst, da halte ich meine Hände wie schirmende Äste über

sie zum Schutz gegen den früchtepflückenden Tod, denn ich bin nicht nur das

Phantom mit dem grünen Gesicht -- ich bin auch Chidher, der Ewig Grünende

Baum.«=

* * * * *

Als die Haushälterin, Frau Ohms, am Morgen mit dem Frühstück das Zimmer

betrat, sah sie zu ihrem Schrecken die Leiche eines schönen jungen Mädchens

im Bette liegen und Hauberrisser kniend davor, die Hand der Toten an sein

Gesicht gedrückt.

Sie schickte einen Boten zu seinen Freunden, und als Pfeill und Sephardi

kamen und ihn, im Glauben, er sei bewußtlos, aufheben wollten, fuhren sie

entsetzt zurück vor dem lächelnden Ausdruck seines Gesichts und dem Glanz

in seinen Augen.

Das grüne Gesicht: Ein Roman · 第 27 / 38 题