Zwölftes Kapitel

Hauch der Verwesung in der Luft. Brutwarme sterbende Tage und neblige

Nächte. Das faulende Gras der Wiesen frühmorgens bedeckt mit den

schimmelweißen Flecken der Spinnengewebe. Zwischen den braunvioletten

Schollen kalte, blinde Wasserpfützen, die der Sonne nicht mehr trauen; --

strohgelbe Blumen, denen die Kraft fehlt, das Gesicht zum glasklaren Himmel

zu erheben, -- taumelnde Schmetterlinge mit zerfetzten, entstaubten

Flügeln, -- in den Alleen der Stadt: die Blätter der Bäume raschlig an

mürben Stielen.

Wie eine welkende Frau, die sich nicht genug tun kann an grellen Farben, um

ihr Alter zu verbergen, begann die Natur mit der bunten Schminke des

Herbstes zu prahlen.

* * * * *

Der Name Eva van Druysen war längst vergessen in Amsterdam. Auch Baron

Pfeill zählte sie zu den Toten und Sephardi trauerte um sie; nur in

Hauberrissers Brust konnte ihr Bild nicht sterben.

Aber er sprach nicht von ihr, wenn ihn bisweilen seine Freunde oder der

alte Swammerdam besuchen kamen.

Er war wortkarg und verschlossen geworden und unterhielt sich mit ihnen nur

mehr über gleichgültige Dinge.

Mit keiner Silbe verriet er, daß er sich in eine stille Hoffnung, Eva

trotzdem wiederzufinden, versponnen hatte, die von Tag zu Tag im

Verborgenen in ihm wuchs, -- denn er fürchtete sich, es auszusprechen, als

zerrisse er damit ein feines Netz.

Nur Swammerdam gegenüber ließ er, wenn auch nicht in Worten, durchblicken,

wie es um ihn stand.

Seit jener Stunde, in der er die Tagebuchrolle zu Ende gelesen, war eine

Wandlung in ihm vorgegangen, die er selbst kaum begriff. Anfangs hatte er

die Übung des Stillsitzens gemacht, wann sie ihm gerade einfiel, eine

Stunde, oder länger oder kürzer, und war daran gegangen teils neugierig,

teils mit der innerlich ungläubigen Miene eines Menschen, der im Grunde

seiner Seele das beständige, nüchterne: »Es führt ja doch zu nichts« wie

einen Wahlspruch der Erfolglosigkeit mit sich herum schleppt.

Eine Woche später hatte er die Übung zwar auf eine Viertelstunde am Morgen

beschränkt, aber er machte sie mit Aufgebot aller Kraft und um ihrer selbst

willen und nicht mehr in der ermüdenden und jedesmal enttäuschten

Erwartung, es müsse sich irgend etwas wunderbares begeben. --

Bald wurde sie ihm unentbehrlich wie ein erfrischendes Bad, auf das er sich

schon freute, wenn er sich abends niederlegte.

Wohl schüttelten ihn tagsüber noch lange nach wie vor die Anfälle wildester

Verzweiflung, wenn ihm plötzlich einfiel, daß er Eva verloren habe, und er

wies die Zumutung, gegen solche Gedanken des Schmerzes auf magische Art

anzukämpfen -- und gewissermaßen davon zu laufen vor der brennenden

Erinnerung an Eva, -- wie Egoismus, Lieblosigkeit und Selbstbelügung

zugleich jedesmal empört von sich, aber eines Tages versuchte er es doch,

als das Leid so übermächtig geworden war, daß er glaubte, Selbstmord

begehen zu müssen.

Er hatte sich der Vorschrift gemäß aufrecht hingesetzt und einen Zustand

höheren Wachseins zu erzwingen getrachtet, um der unerträglichen Folter der

Gramgedanken wenigstens für Augenblicke zu entrinnen, -- und wider Erwarten

war es ihm gleich beim erstenmal merkwürdig gut gelungen. -- Ehe er noch in

den Zustand eintrat, hatte er geglaubt, er werde aus ihm mit Reue im Herzen

zurückkehren, um sich einem verdoppelten Schmerz freiwillig in die Arme zu

werfen, aber nichts von alledem geschah. -- Im Gegenteil: ein

unbegreifliches Gefühl der Sicherheit, an dem jeder noch so künstlich

hochgeschraubte Zweifel abprallte, erfüllte ihn von da an, daß Eva lebe und

in keinerlei Gefahr schwebe.

Wenn ihn die Gedanken an sie während des Tages wohl hundertmal überfallen

hatten, war es wie Schläge mit glühenden Peitschen gewesen, -- jetzt

empfand er sie, wenn sie kamen, wie jubelnde Botschaft, daß Eva in der

Ferne an ihn denke und ihm Grüße schicke. Was früher Schmerz gewesen, hatte

sich urplötzlich in eine Quelle der Freude verwandelt.

So hatte er durch die Übung eine Zufluchtsstätte in seinem Innern

geschaffen, in die er sich jederzeit zurückziehen konnte, um immer neue

Zuversicht und jenes geheimnisvolle Wachstum zu finden, das denen, die es

nicht aus Erfahrung kennen lernen, das ganze Leben hindurch, so oft sie

auch davon hören, ein totes, leeres Wort bleiben wird.

Bevor er den neuen Zustand gekannt, hatte er geglaubt, wenn er dem Schmerz

um Eva entfliehe, werde es nur ein rascheres Vernarben der Wunden seiner

Seele sein -- ein Beschleunigen des gewissen Heilungsprozesses, mit dem die

Zeit allen Menschen das Leid lindert, -- und er hatte sich mit allen Fasern

gegen ein solches Genesen gesträubt, wie jeder es tut, der klar

voraussieht, daß ein Verklingen des Kummers um den Verlust einer geliebten

Person auch das Verblassen ihres Bildes, von dem er nicht lassen möchte, in

sich schließt.

Aber ein schmaler, blumenbestreuter Fußpfad zwischen diesen beiden Klippen,

von dessen Möglichkeit er früher nichts geahnt, hatte sich ihm ganz wie von

selbst erschlossen: das Bild Eva's war nicht in den Staub der Vergangenheit

hinabgesunken, wie er gefürchtet hatte, -- nein, nur der Schmerz allein war

verschwunden; Eva selbst, statt ihres von seinen Tränen umflort gewesenen

Bildes, war auferstanden, und er konnte in Minuten ruhevollen innern

Verweilens ihre Nähe so deutlich spüren, als stünde sie leibhaftig bei ihm.

Es kamen, je mehr er sich von der Außenwelt zurückzog, mitunter Stunden

eines so tiefen Glückes über ihn, wie er es niemals für möglich gehalten

hätte, in denen sich Erkenntnis an Erkenntnis reihte und er immer klarer

und klarer begriff, daß es wirkliche Wunder innerer Erlebnisse gab, gegen

die sich die Vorgänge des äußern Daseins nicht nur scheinbar, wie er früher

stets gedacht, sondern tatsächlich wie Schatten zu Licht verhielten.

Das Gleichnis vom Phönix als dem Adler der ewigen Verjüngung wurde ihm

täglich eindrucksvoller -- erschloß ihm immer neue Bedeutung -- ließ ihn

den merkwürdigen Unterschied zwischen lebendigen und toten Symbolen in

ungeahnter Fülle erfassen.

Alles was er suchte, schien in diesem unerschöpflichen Sinnbild enthalten

zu sein.

Es löste ihm Rätsel wie ein allwissendes Wesen, das er nur zu befragen

brauchte, um die Wahrheit zu erfahren.

So hatte er zum Beispiel bei seinen Bemühungen, Herr über das Kommen und

Gehen seiner Gedanken zu werden, bemerkt, daß es ihm manchmal vortrefflich

gelang, aber wenn er dann glaubte, die Art und Weise, wie er es zuwege

gebracht, genau zu wissen, fand er am nächsten Tage keine Spur mehr von

Erinnerung daran in seinem Gedächtnis vor. Es war wie ausgewischt in seinem

Hirn und er mußte scheinbar wieder von vorne anfangen, um eine neue Methode

zu ersinnen. --

»Der Schlummer des Körpers hat mich der gepflückten Frucht beraubt,« hatte

er sich in solchen Fällen gesagt und um dem vorzubeugen, beschlossen, sich

nicht mehr schlafen zu legen, so lange es irgend ginge, bis er eines

Morgens von dem Einfall erhellt wurde, daß dieses sonderbare Verschwinden

aus seiner Erinnerung nichts anderes war als die »Verbrennung zu Asche«,

aus der der Phönix immer wieder _verjüngt_ erstehen müsse, -- daß es

irdisch und vergänglich sei, sich _Methoden_ zu schaffen und merken zu

wollen -- daß nicht ein zustande gebrachtes Gemälde das Wertvolle ist, wie

Pfeill es in Hilversum ausgedrückt hatte, sondern das Malen_können_.

Seit er diesen Einblick gewonnen hatte, war ihm die Bewältigung der

Gedanken ein beständiger Genuß geworden, statt ein erschöpfendes Ringen zu

sein, und er klomm von Stufe zu Stufe, ohne es zu bemerken, bis er

plötzlich zu seinem Erstaunen wahrnahm, daß er bereits den Schlüssel zu

einer Herrschaft besaß, von deren bloßer Möglichkeit er sich nicht einmal

hatte träumen lassen. -- »Es ist, als wäre ich bisher von Gedanken

umschwärmt gewesen wie von Bienen, die sich von mir Futter holten« -- hatte

er es Swammerdam erklärt, mit dem er sich damals noch über derlei innere

Erlebnisse auszusprechen pflegte -- »jetzt kann ich sie aussenden mit

meinem Willen und sie kommen mit Einfällen wie mit Honig beladen zu mir

zurück. Früher haben sie mich beraubt, -- jetzt bereichern sie mich.«

Fast in denselben Worten las er zufällig eine Woche später einen ähnlichen

geistigen Vorgang in der Tagebuchrolle geschildert und erkannte daraus zu

seiner Freude, daß er, ohne belehrt worden zu sein, den richtigen Weg zur

Entwicklung eingeschlagen hatte.

Die Seiten, auf denen es gestanden hatte, waren vorher durch Schimmel und

Feuchtigkeit zusammen geklebt gewesen; -- unter dem Einfluß der

Sonnenstrahlen am Fenster, vor dem sie lagen, hatten sie sich voneinander

gelöst.

Auch in seinem Denken, fühlte er, war etwas ähnliches geschehen.

Er hatte in den letzten Jahren vor und während des Krieges mancherlei über

sogenannte Mystik gehört und gelesen und alles, was damit zusammenhing,

unwillkürlich mehr oder weniger mit dem Begriff »Unklarheit« vereinigt,

denn was er darüber erfahren konnte, trug immer den Stempel des

Verschwommenen und glich den Ekstasen eines Opiumrausches. -- Er hatte sich

zwar in seinem Urteil nicht geirrt, da das, was unter dem Namen Mystik in

aller Mund war, wirklich nichts anderes bedeutete als ein Umhertappen im

Nebel, aber jetzt sah er ein, daß es auch einen wahren mystischen Zustand

gab, -- schwer zu finden und noch schwerer zu erringen -- der nicht nur

hinter der Wirklichkeit der täglichen Daseinserfahrung nicht zurückblieb,

sondern sie an Lebendigkeit weit übertraf. --

Da war nichts mehr, was an die verdächtigen Wonnen der »mystisch«

Verzückten gemahnte, -- kein demütiges Gewinsel mehr um eine selbstsüchtige

»Erlösung«, die, um an Glanz zu gewinnen, als blutigen Hintergrund den

Anblick der zu ewigen Höllenstrafen verdammten Frevler benötigt, -- aber

auch die sattgefressene schmatzende Zufriedenheit einer viehischen Menge,

die auf dem Boden der Wirklichkeit zu stehen vermeint, wenn sie rülpsend

verdaut, war verschwunden wie ein widerwärtiger Traum.

* * * * *

Hauberrisser hatte das Licht abgedreht, saß vor seinem Tisch und wartete.

Wartete in die Finsternis hinein.

Vor dem Fenster hing die Nacht als schweres, dunkles Tuch.

Das grüne Gesicht: Ein Roman · 第 26 / 38 题