Pfeill«

las Hauberrisser und brummte ärgerlich etwas vor sich hin. Er zweifelte

keinen Augenblick, daß sich der »polnische Graf« unverschämterweise auf ihn

berufen hatte, um Pfeills Bekanntschaft zu machen.

Dann gab er dem Kutscher die Weisung, ihn in die Jodenbreestraat zu fahren.

»Ja, nur zu, mitten durch die Jodenbuurt;« sagte er lächelnd, als ihn der

Mann mit bedenklicher Miene fragte, ob er direkt durch den »Jordaan« --

womit er das Ghetto meinte -- fahren, oder Querstraßen benützen solle.

* * * * *

Bald waren sie mitten drin in diesem seltsamsten aller europäischen

Stadtviertel.

Das ganze Leben der Bewohner spielte sich anscheinend auf der Gasse ab. --

Da wurde im Freien gekocht, gebügelt und gewaschen. Ein Strick hing quer

über die Straße, mit schmutzigen Strümpfen daran zum Trocknen und so

niedrig, daß der Kutscher sich bücken mußte, um sie nicht mit dem Kopf

herunterzureißen. -- Uhrmacher saßen vor kleinen Tischen und glotzten, die

Lupen in die Augen geklemmt, der Droschke nach wie erschreckte

Tiefseefische; -- Kinder wurden gesäugt oder über Kanalgitter gehalten.

Einen lahmen Greis hatte man mitsamt dem Bett, unter dem ein Nachtgeschirr

stand, vor ein Haustor getragen, damit er die »frische Luft« genießen

könne, und daneben an einer Straßenecke hielt ein schwammig aufgedunsener

Jude, von oben bis unten beklettert von bunten Puppen wie Gulliver mit den

Zwergen, Spielzeug feil und rief dazu, ohne Atem zu schöpfen, mit einer

Stimme, die klang, als trüge er eine silberne Kanüle im Kehlkopf:

poppipoppipoppipoppipoppi.

»Kleerko, Kleerko, Kle--e--erkoooop,« dröhnte eine Art Jesajas mit Talar

und schneeweißen Ohrlocken, der sich den Handel mit alten Kleidern als

Lebenszweck auserkoren hatte, dazwischen, schwenkte eine einbeinige Hose

wie ein Siegesbanner über dem Haupte und winkte Hauberrissern zu, ihn mit

seinem Besuch beehren zu wollen und ungeniert abzulegen.

Dann wieder tönte aus einer Quergasse ein vielstimmiger Chor in den

merkwürdigsten Modulationen: »Nieuwe haring, niwe ha--a--a--ng; aardbeien

-- aare -- bei--je! de mooie, de mooie, de mooie waar; augurkjes, gezond en

goedkoop,« -- ein appetiterregender Gesang, dem der Kutscher mit

andächtigem Gesicht -- obwohl unfreiwillig -- längere Zeit lauschen mußte,

ehe er wieder im Schritt weiter fahren konnte, denn Berge von bestialisch

stinkenden Fetzen versperrten den Weg und mußten erst weggeräumt werden, um

die Straße frei zu machen. Scharen jüdischer Lumpensammler hatten sie

aufgetürmt und schleppten emsig immer noch neue Haufen heran, wobei sie

verschmähten, sich der üblichen Säcke zu bedienen, und die Bündel

schmutziger Lappen der Einfachheit halber unter den halbaufgeknöpften

Kaftans auf dem bloßen Leibe, eingeklemmt zwischen Rippen und Achseln,

trugen.

Es war ein seltsamer Anblick, wie sie als unförmliche Ballen ankamen,

vollgestopft mit Lumpen, um gleich darauf schlank und dünn in rattenhafter

Eile wieder fortzuhuschen. -- --

Endlich wurde die Straße breiter, und Hauberrisser sah den Glasvorbau des

Vexiersalons in der Sonne glitzern.

Es dauerte eine geraume Weile, bis sich das Schiebefenster des Verschlages

-- diesmal weit weniger geräuschvoll und verkaufslustig als gestern --

herabließ, die Büste der Verkäuferin zu enthüllen.

»Womit kann ich dienen, Mynheer?« fragte die junge Dame auffallend kühl und

sichtlich zerstreut.

»Ich möchte gerne Ihren Herrn Chef sprechen.«

»Der Herr Professor ist leider gestern auf unbestimmte Zeit verreist.« --

Die Verkäuferin biß die Lippen schnippisch zusammen und funkelte

Hauberrisser katzenhaft an.

»Ich meine nicht den Herrn Professor, Fräulein, seien Sie unbesorgt; -- ich

hätte nur gern den alten Herrn einen Augenblick gesprochen, den ich gestern

drin hinterm Pult habe stehen sehen.«

»Ach so _den_,« -- das Gesicht der jungen Dame hellte sich auf. -- »Das ist

ein Herr Pedersen aus Hamburg. Der in den Guckgasten g'schaut hat, net

wahr?«

»Nein, ich meine den alten -- Israeliten im Bureau. Ich dachte, ihm gehöre

das Geschäft.«

»Unser G'schäft? Unser G'schäft hat niemals keinem alten Juden nicht

g'hört, mein Herr. -- Wir sind eine ausgesprochen christliche Firma.«

»Meinetwegen. Aber den alten Juden, der gestern drin hinterm Pult gestanden

hat, möchte ich trotzdem sprechen. Tun Sie mir doch den Gefallen,

Fräulein!«

»Mar' and Joseph,« beteuerte die junge Dame und verfiel zum Zeichen, daß

sie die Wahrheit spräche, in das treuherzigste Wienerisch, das ihr in der

Geschwindigkeit zu Gebote stand, »meiner Seel' und Gott, in unser Bureau

darf überhaupt kein Jud nicht, und niemals hat kein solcher nicht drin

g'standen. Und gestern natürlich schon gar nicht.«

Hauberrisser glaubte ihr kein Wort. Ärgerlich dachte er nach, was er tun

könne, um sie von ihrem Mißtrauen abzubringen.

»Also gut, Fräulein, lassen wir das jetzt; aber sagen Sie mir wenigstens:

wer ist dieser 'Chidher Grün', dessen Namen draußen auf der Tafel steht?«

»Auf welcher Tafel, bitte?«

»Um Himmelswillen! Fräulein! Draußen auf Ihrer Ladentafel!«

Die Verkäuferin riß die Augen auf. -- »Auf unserer Tafel steht doch: Zitter

Arpád!« stotterte sie gänzlich verblüfft.

Hauberrisser ergriff seinen Hut und eilte wütend hinaus, um sich zu

überzeugen. -- Im Spiegel des Türfensters sah er, daß die Verkäuferin sich

mit staunender Gebärde auf die Stirn tupfte. -- Als er dann auf die Gasse

trat und zu dem Firmenschild emporblickte, las er -- und das Herz stand ihm

still dabei -- tatsächlich unter der Bezeichnung Vexiersalon den Namen:

Zitter Arpád.

Von »Chidher Grün« auch nicht ein Buchstabe.

Er war derartig verwirrt und fühlte sich so beschämt, daß er seinen

Spazierstock im Laden im Stiche ließ und schnurstracks wegeilte, um so

rasch wie möglich in eine andere Gegend zu kommen.

* * * * *

Wohl eine Stunde irrte er wie geistesabwesend durch alle möglichen Straßen,

geriet in totenstille Gassen und enge Höfe, in denen plötzlich Kirchen, im

heißen Sonnenbrand träumend, vor ihm auftauchten, -- schritt durch

finstere, kellerkühle Torwege und hörte seine Tritte darin hallen wie in

klösterlichen Kreuzgängen.

Die Häuser ausgestorben, als hätte seit Jahrhunderten kein menschliches

Wesen mehr darin gewohnt, -- hier und da eine Angorakatze mitten unter den

grellblühenden Topfblumen auf barocken Fenstersimsen verschlafen ins

goldene Mittagslicht blinzelnd; nirgends ein Laut.

Hohe Ulmen mit regungslosen Zweigen und Blättern ragten aus winzigen grünen

Gärtchen, umstaunt von einem Gedräng uralter Giebelbauten, die mit ihren

schwarzen Fassaden und den hellen Holzgitterfenstern, sauber gewaschen wie

Sonntagsstaat, greisen, freundlichen Mütterchen glichen.

Er ging durch niedrige Schwibbogen, deren Steinpfeiler blank geschliffen

waren im Laufe der Zeiten, in die Dämmerung gewundener Hohlwege hinein --

Sackgassen, eingeengt von hohen Mauern mit schweren, glatten,

festverschlossenen Eichentoren darin, die seit ihrem Bestehen wohl noch nie

eine Hand geöffnet hatte. Moos wuchs zwischen den Ritzen des Pflasters, und

rötlich marmorne Platten mit verwitterten Grabschriften, eingelassen in

Wandnischen, erzählten von Friedhöfen, die einst hier gestanden haben

mochten.

Dann wieder führte ihn ein schmaler Gehsteig an schmucklosen,

weißbestaubten Häusern entlang, unter denen ein Bach hervorschoß. Drinnen

brauste und dröhnte es geisterhaft wie Pochen von riesigen, steinernen

Herzen.

Geruch nach Nässe in der Luft, und in halboffenen Holzröhren, rechtwinklig

zusammengefügt auf glitschigen Geländerstangen, eilte ein klares Rinnsal in

raschem Gefälle hinab in ein Labyrinth morscher, splittriger Plankenwände.

Gleich darauf eine krumme Reihe engbrüstiger, hoher Gebäude, den Tag

verfinsternd, schief, wie dicht vor dem Einsturz, und eins das andere

stützend, als schwanke der Boden.

Eine Strecke Wegs an Bäcker- und Käseläden vorbei, und moorbraun ruhte vor

ihm der Spiegel einer breiten, stillen Gracht unter dem hellblauen Himmel.

Zwei Reihen von Häusern bildeten die Ufer, standen einander fremd

gegenüber, -- die einen klein und bescheiden wie demütige Handwerker, die

andern hochragend, massig, graue Warenspeicher, selbstbewußt und abweisend.

Keine Brücke, die sie verband; -- nur aus einem Sparrenzaun, von dem

Aalschnüre mit rotgrün geringelten Federposen in die Flut hinabhingen,

wuchs ein Baum neugierig schräg hinüber und griff mit seinen Ästen in die

Fenster der Reichen hinein.

Hauberrisser wanderte zurück der Richtung zu, aus der er gekommen war, und

bald umfing ihn wieder ein Stück Mittelalter, als sei dieser Teil der Stadt

hunderte Jahre stehen geblieben in der Zeit.

Sonnenuhren über kostbaren, verschnörkelten Wappen in den Mauern, blinkende

Spiegelscheiben, rote Ziegeldächer, -- kleine Kapellen, in Schatten

getaucht, -- goldene Turmknäufe, emporschimmernd zu den weißen,

pausbackigen Wolken.

Eine Gittertür vor einem Klosterhof stand offen. -- Er ging hinein und sah

eine Bank unter hängenden Weidenzweigen. Ringsum hohes, wucherndes Gras.

Nirgends ein Mensch weit und breit, kein Gesicht hinter den Fenstern. Alles

wie ausgestorben.

Um seine Gedanken zu sammeln, setzte er sich nieder.

Er fühlte keine Unruhe mehr, und die erste Aufregung, es könnte ein

krankhafter Zustand gewesen sein, der ihn einen falschen Namen auf dem

Ladenschild hatte lesen lassen, war längst verflogen.

Viel wunderbarer, als das merkwürdige äußere Begebnis, schien ihm mit

einemmal die fremdartige Denkungsweise zu sein, in der er sich seit einiger

Zeit bewegte.

»Woher kommt es nur,« fragte er sich, »daß ich -- verhältnismäßig doch noch

ziemlich jung -- dem Leben gegenüber stehe wie ein alter Mann? -- So, wie

ich, denkt man in meinen Jahren nicht.« -- Er bemühte sich vergebens, in

seiner Erinnerung den Zeitpunkt aufzufinden, wo diese Wandlung mit ihm

eingetreten sein mußte. -- Wie wohl jeder junge Mensch, war er bis über die

Dreißig hinaus ein Sklave seiner Leidenschaften gewesen und hatte seinen

Genüssen die Grenzen so weit gesteckt, wie es ihm Gesundheit, Spannkraft

und Reichtum nur irgend gestatteten. -- Daß er als Kind besonders

grüblerischer Natur gewesen wäre, war ihm auch nicht erinnerlich, -- wo

stak also die Wurzel, aus der dieses fremdartige, blütenlose Reis

hervorsproßte, das er sein gegenwärtiges Ich nannte?

»Es gibt ein inneres, heimliches Wachstum,« -- erinnerte er sich plötzlich,

erst vor wenigen Stunden gelesen zu haben; -- er holte das Blatt der

Papierrolle aus seiner Brieftasche hervor, suchte die Stelle und las:

»jahrelang scheint es zu stocken, dann, unerwartet, oft nur durch ein

belangloses Ereignis geweckt, fällt die Hülle, und eines Tages ragt ein Ast

mit reifen Früchten in unser Dasein hinein, dessen Blühen wir nie bemerkt

haben, und wir sehen, daß wir Gärtner eines geheimnisvollen Baumes waren,

ohne es zu wissen. -- -- -- Hätte ich mich doch nie verleiten lassen, zu

glauben, daß irgendeine Macht außer mir selbst diesen Baum zu gestalten

vermag, -- wie viel Jammer wäre mir erspart geblieben! Ich war alleiniger

Herr über mein Schicksal und wußte es nicht! Ich dachte, weil ich es durch

_Taten_ nicht zu ändern vermochte, daß ich ihm wehrlos gegenüberstünde. --

Wie oft ist es mir nicht durch den Sinn gefahren, daß: Herr über seine

Gedanken zu sein, auch bedeuten müsse, der allmächtige Lenker seines

Schicksals zu sein! Aber ich habe es jedesmal verworfen, weil die Folgen

solcher halben Versuche nicht sofort eintraten. -- Ich unterschätzte die

magische Gewalt der Gedanken und verfiel immer wieder in den Erbfehler der

Menschheit, die Tat für einen Riesen zu halten und den Gedanken für ein

Hirngespinst. -- Nur, wer das Licht bewegen lernt, kann den Schatten

gebieten und mit ihnen: dem Schicksal; wer es mit Taten zu vollbringen

versucht, ist selbst nur ein Schatten, der mit Schatten vergeblich kämpft.

Aber es scheint, als müsse uns das Leben fast zu Tode peinigen, bis wir

endlich den Schlüssel begreifen. -- -- Wie vielmal wollte ich andern

helfen, indem ich es ihnen erklärte; sie hörten mir zu, nickten und

glaubten, aber es ging ihnen zum rechten Ohr hinein und zum linken wieder

heraus. -- Vielleicht ist die Wahrheit zu einfach, als daß man sie sogleich

zu erfassen vermöchte. -- Oder muß der »Baum« erst zum Himmel ragen, ehe

die Einsicht kommen kann? -- Ich fürchte, der Unterschied zwischen Mensch

und Mensch ist manchmal größer als der Unterschied zwischen Mensch und

Stein. -- Mit einem feinen Spürsinn herauszufinden, was diesen Baum grünen

macht und vor dem Verdorren schützt, ist der Zweck unseres Lebens. Alles

übrige heißt: Dünger schaufeln und nicht wissen, wozu. Doch wie viele mag's

ihrer heute wohl geben, die verstehen, was ich meine? -- -- Sie würden

glauben, ich redete in Bildern, wenn ich's ihnen sagte. Die

Doppeldeutigkeit der Sprache ist's, die uns trennt. -- Wenn ich öffentlich

etwas schriebe über inneres Wachstum, so würden sie ein »Klügerwerden«

darunter verstehen, oder ein »Besserwerden«; so, wie sie unter Philosophie

eine Theorie verstehen und nicht: ein wirkliches Befolgen. -- -- Das

Gebotehalten allein, selbst das ehrlichste, genügt nicht, um das innere

Wachstum zu fördern, denn es ist nur die äußere Form. Oft ist das

Gebotebrechen das wärmere Treibhaus. Aber wir halten die Gebote, wenn wir

sie brechen sollten, und brechen sie, wenn wir sie halten sollten. Weil ein

Heiliger nur gute Taten vollbringt, so wähnen sie, sie könnten durch gute

Taten Heilige werden; so gehen sie den Pfad eines falschen Gottesglaubens

entlang hinab in den Abgrund und glauben, sie wären Gerechte. -- Eine

irrige Demut blendet sie, so daß sie entsetzt zurücktaumeln, wie Kinder vor

dem eignen Spiegelbild, und fürchten, sie seien wahnsinnig geworden, wenn

die Zeit kommt -- und _sein Gesicht blickt ihnen entgegen_.«

Eine Hoffnungsfreudigkeit, die Hauberrisser neu schien -- so lange hatte

sie in ihm geschlafen -- war mit einemmal wieder aufgewacht und erfrischte

ihn, obwohl er einen Augenblick nicht recht wußte -- es auch gar nicht zu

wissen begehrte -- worüber er sich freuen und worauf er hoffen sollte.

Er fühlte sich plötzlich wie ein Glückskind und nicht mehr wie von

boshaften Zufällen genarrt, daß ihm die sonderbare Geschichte mit dem Namen

»Chidher Grün« passiert war.

»Froh muß ich sein,« jauchzte irgend etwas in ihm auf, »daß das Edelwild

aus den unbekannten Wäldern eines neuen Gedankenreichs den Zaun des Alltags

durchbricht und in meinen Garten grasen kommt, -- froh, und nicht

bedenklich, bloß weil ein paar alte morsche Stakete darüber kaput gehen.«

Daß in den letzten Zeilen des Blattes auf das Gesicht Chidher Grün's

angespielt wurde, erschien ihm sehr wahrscheinlich, und er brannte vor

Ungeduld, mehr zu erfahren, -- zumal ein paar Worte am Schluß der Seite

erraten ließen, daß auf der nächsten ausführlich stehen werde, was man sich

unter »magischer Herrschaft über die Gedanken« vorzustellen habe.

Am liebsten wäre er sogleich nach Hause geeilt, um bis in die Nacht hinein

in der Rolle herumzulesen! -- aber es mußte bald vier Uhr schlagen, und

Pfeill wartete auf ihn. --

Ein Summen in der Luft, das dicht an sein Ohr drang, veranlaßte ihn, sich

umzudrehen. Erstaunt stand er auf, als er nicht weit von seiner Bank einen

Mann, grau gekleidet, eine Fechtmaske vor dem Gesicht und in der Hand eine

lange Stange, stehen sah.

Einige Meter hoch über ihm schwebte in der Luft ein großes, sackartiges

Gebilde, das langsam hin- und herschwankte, sich dann mit dem Zipfel an

einen Zweig des Baumes heftete und dort baumelnd auf und ab bewegte.

Plötzlich fuhr der Mann mit dem Stock darnach, schien das merkwürdige

Gebilde mit der Spitze, oder einem kleinen Netz, das daran befestigt war,

erwischt zu haben, klomm befriedigt an der Feuerleiter des Hauses empor, --

die Stange geschultert und den ungeheuern Sack sozusagen auf dem Rücken, --

und verschwand auf der Plattform des Daches.

»Es ist der Imker des Klosters,« erklärte eine alte Frau, die hinter einem

Ziehbrunnen hervorkam, Hauberrissern, als sie sein verdutztes Gesicht

bemerkte; »der Bienenschwarm ist ihm davon geflogen, und er hat die Königin

wieder eingefangen.« --

Hauberrisser ging hinaus, kam nach ein paar Zickzackgassen auf einen freien

Platz, nahm ein Automobil und ließ sich nach Hilversum zum Landhaus seines

Freundes Pfeill fahren.

* * * * *

Die breite, schnurgerade Straße war belebt von tausenden Radfahrern; er

sauste dahin durch ein Meer von Köpfen und blitzenden Pedalen, -- er

achtete während der ganzen einstündigen Fahrt nicht darauf. Die Umgebung

flog an ihm vorbei. Fest stand nur das Bild vor ihm, das er soeben gesehen

hatte: der Mann mit der Maske und der Schwarm Bienen, die sich um ihre

Königin drängten, als könnten sie nicht leben ohne sie.

Die stumme Natur, die auf seiner letzten Fahrt ins Freie von ihm Abschied

genommen, -- heute war sie mit einem neuen Gesicht zu ihm zurückgekehrt,

und er fühlte, daß er Worte von ihrem Munde las.

Der Mann, der die Königin wieder eingefangen hatte und mit ihr den ganzen

Schwarm, erschien ihm wie ein Gleichnis.

»Ist mein Körper etwas anderes als ein wimmelndes Heer lebendiger Zellen,«

sagte er sich, »die sich nach vererbter Gewohnheit von Jahrmillionen um

einen verborgenen Kernpunkt drehen?«

Er ahnte einen geheimnisvollen Zusammenhang zwischen dem Vorgang, den er

gesehen, und den Gesetzen der innern und äußern Natur und begriff, wie

zauberhaft schimmernd die Welt vor ihm wieder auferstehen müßte, wenn es

ihm gelingen sollte, auch _die_ Dinge in einem neuen Licht zu betrachten,

die der Alltag und die Gewohnheit ihrer Sprache beraubt hatten.

Das grüne Gesicht: Ein Roman · 第 18 / 38 题