Der Wagen bog in das Villenviertel von Hilversum ein und fuhr geräuschlos
durch eine Lindenallee in den Park, der das in der Sonne weiß schimmernde
Landhaus Buitenzorg umgab.
Baron Pfeill stand auf der Freitreppe und kam freudig herunter gelaufen,
als er Hauberrisser aussteigen sah.
»Famos, daß du gekommen bist, alter Kranich; ich fürchtete schon, meine
Depesche hätte dich in deiner häuslichen Tropfsteingrotte nicht mehr
angetroffen. -- Ist dir etwas passiert? Du siehst so versonnen aus. --
Übrigens: Gott lohne es dir, daß du mir den wundervollen Grafen Ciechoñski
geschickt hast; er ist eine Labsal in dieser trostlosen Zeit.« -- Pfeill
war so gut aufgelegt, daß er seinen Freund, der heftig protestierte und ihn
über den Hochstapler aufklären wollte, gar nicht zu Wort kommen ließ.
»Heute morgen machte er mir seine Aufwartung und ich habe ihn natürlich
über Mittag dabehalten. -- Wenn ich nicht sehr irre, fehlt bereits ein Paar
silberner Löffel. -- -- Er hat sich bei mir eingeführt -- -- --«
»als Patenkind Napoleons des Vierten?«
»Ja. Natürlich. Aber außerdem unter Berufung auf dich!«
»So eine Frechheit!« rief Hauberrisser wütend. »Den Kerl muß man ja in den
Boden hinein ohrfeigen.«
»Warum denn? Er verlangt doch nur, in einen vornehmen Spielklub aufgenommen
zu werden. Man lasse ihm die Grille. Des Menschen Wünsche sind sein
Himmelreich. -- Wenn er sich mit aller Gewalt ruinieren will?«
»Wird nicht gehen; er ist Taschenspieler von Profession,« unterbrach
Hauberrisser.
Pfeill sah ihn mitleidig an. »Du glaubst, damit kommt er heutzutage in
unsern Pokerklubs durch? Falschspielen können die doch selber. Die Hosen
wird er verlieren. À propos, hast du seine Uhr gesehen?«
Hauberrisser lachte.
»Wenn du mich liebst,« rief Pfeill, »so kaufst du sie ihm ab und schenkst
sie mir zu Weihnachten.« -- Er schlich sich behutsam zu einem offenen
Verandafenster, winkte seinem Freund und deutete hinein: »Schau mal, ist
das nicht herrlich?«
Zitter Arpád, trotz der Tageszeit im Frack, eine Hyazinthe im Knopfloch,
eigelbe Stiefel und eine schwarze Krawatte, saß in traulichem tête-à-tête
bei einer älteren Dame, die vor Erregung, endlich einmal wieder einen Mann
eingefangen zu haben, hektische Flecken auf den Wangen hatte und ein
Zuckergoscherl machte.
»Erkennst du sie?« flüsterte Pfeill. »Es ist die Konsulin Rukstinat; Gott
habe sie möglichst bald selig. -- Da! Jetzt zeigt er ihr die Uhr! Wetten
möcht' ich, daß er die Alte durch den Anblick des beweglichen Liebespaares
hinter dem Zifferblatt zu berücken sucht. -- Er ist ein Herzensbrecher
ersten Grades, darüber besteht kein Zweifel.«
»Es ist ein Taufgeschenk Eugène Louis Jean Joseph's,« hörte man den
»Grafen« mit vor Rührung bebender Stimme sagen.
»O Floohzimjersch!«, säuselte die Gnädige.
»Donnerkeil! Soweit halten die schon, daß sie ihn bereits beim Vornamen
nennt?« -- Pfeill pfiff durch die Zähne und zog seinen Freund mit fort. --
»Rasch. Komm! Wir stören. -- Schade, daß die Sonne scheint, sonst würde ich
das Licht abdrehen. Aus Mitgefühl für Ciechoñski. -- Nein, nicht hier
hinein!« -- er hielt Hauberrisser an einer Tür zurück, die der Diener
öffnete, -- »da drinnen wird Politik gebrodelt,« -- einen Augenblick wurde
eine zahlreiche Gesellschaft sichtbar und in ihrer Mitte, beredt aufgebäumt
und die fünf Fingerspitzen gebieterisch auf die Tischplatte gestützt, ein
vollbärtiger Glatzkopf, -- »gehen wir lieber ins Quallenzimmer.« -- --
Erstaunt blickte Hauberrisser umher, als er sich in einem rehfarbenen,
sämischledernen Klubsessel, der so dick wattiert war, daß er fast drin
versank, niedergelassen hatte:
Wände und Plafond waren mit glatten, porenfreien und so kunstvoll
aneinander gefügten Korkplatten, daß man keine Ritze bemerken konnte,
bedeckt, -- die Fensterscheiben aus gebogenem Glas, die Möbel, die
Mauerecken und Winkel, ja selbst die Türstöcke sanft gerundet; nirgends
eine Kante, der Teppich weich wie knöcheltiefer Sand und überall das
gleiche, milde, matte Hellbraun.
»Ich bin nämlich dahinter gekommen,« erklärte Baron Pfeill, »daß ein
Mensch, der in Europa zu leben verdammt ist, eine Tobsuchtszelle nötiger
hat als irgend etwas sonst. In Räumen, wie dieser, nur eine Stunde zu
sitzen, reicht hin, um auch den reizbarsten Zappelphilipp für lange Zeit in
eine sanftmütige Molluske zu verwandeln. Ich versichere dir, ich kann mit
Pflichten vollgepfropft sein bis zum Hals, -- der bloße Gedanke an mein
weiches Zimmer genügt, und schon fallen alle guten Vorsätze von mir ab wie
vom Fuchs das Ungeziefer, wenn man ihn in Milch badet. Dank dieser
sinnreichen Einrichtung bin ich jederzeit in der Lage, auch das wichtigste
Tagewerk reuelos zu versäumen.«
»Wer dich so reden hört,« sagte Hauberrisser belustigt, »müßte unfehlbar
glauben, du seiest der zynischste Genußmensch geworden, der sich ausdenken
läßt.«
»Falsch!« widersprach Pfeill und schob seinem Freund eine Zigarrenkassette
mit geschweiftem Buckeln hin, »ganz und gar falsch. Es ist lediglich die
abgefeimteste Gewissenhaftigkeit gegen mich selbst, die mein Denken und
mein Tun leitet. -- Ich weiß, du bist der Ansicht, das Leben sei sinnlos;
auch ich war lange in diesem Wahn befangen, aber allmählich ist mir ein
Licht aufgegangen. Man muß nur mit der Streberei aufhören und wieder ein
natürlicher Mensch werden.«
»Und das« -- Hauberrisser deutete auf die Korkwände -- »nennst du:
natürlich?«
»Freilich! -- Wenn ich arm wäre, müßte ich in einer verwanzten Kammer
wohnen, -- täte ich es jetzt freiwillig, so hieße das, die Unnatur auf den
Gipfel treiben. Das Schicksal muß doch irgend etwas damit bezwecken, daß es
mich hat reich auf die Welt kommen lassen. -- Mich belohnen für etwas, was
ich in einem früheren Dasein begangen und, unberufen, vergessen habe? Das
riecht mir zu sehr nach theosophischem Kitsch. -- Am wahrscheinlichsten,
glaube ich, ist's, daß es mir die hehre Aufgabe stellt, ich solle mich so
lange an den Süßigkeiten des Lebens überfressen, bis ich es satt bekäme und
der Abwechslung wegen wieder einmal nach hartem Brot begehrte. Soll
geschehen; an mir wird's nicht fehlen. Schlimmstenfalls irre ich mich. --
Mein Geld andern schenken? Bitte, sofort; aber einsehen müßte ich vorher,
weshalb. Bloß weil's in so vielen Schmökern steht? Nein. Auf das
sozialistische Motto: 'Geh du weg und laß mich hin', falle ich prinzipiell
nicht herein. Soll ich vielleicht einem, der bittere Medizin braucht, eine
süße reichen? -- Schicksal panschen, das könnte mir so fehlen.«
Hauberrisser kniff ein Auge zu.
»Ich weiß schon warum du grinst, Halunke,« fuhr Pfeill ärgerlich fort; »du
spielst auf die gottverfluchten paar Kröten an, die ich da dem Schuster --
aus Versehen natürlich -- geschickt habe. Der Geist ist willig, aber das
Fleisch ist schwach. -- -- Was sind das für Taktlosigkeiten, mir meine
Schwächen vorzuhalten! Die ganze Nacht habe ich mich wegen meiner
Charakterlosigkeit gegiftet. Was, wenn der Alte überschnappt, dann bin ich
Schuld daran.«
»Wenn wir schon davon sprechen,« gab Hauberrisser zu, »keinesfalls hättest
du ihm auf einen Hieb so viel schicken brauchen und ihn lieber --«
»brockenweis verhungern lassen sollen,« ergänzte Pfeill höhnisch. »Alles
das ist Blech. Ich gebe zu, wer nach dem Gefühl handelt, dem wird viel
vergeben, weil er viel geliebt hat. Aber zuerst hat man mich gefälligst zu
fragen, ob ich darauf reflektiere, daß man mir etwas vergibt. Ich gedenke
nämlich meine Schulden, auch die geistigen, bis auf den letzten Cent zu
bezahlen. Mir schwant, meine wertgeschätzte Seele hat sich lange vor meiner
Geburt klugerweise große Reichtümer gewünscht. -- Vorsichtshalber. Um nicht
durch das Nadelöhr in den Himmel zu kommen. Sie liebt eben rastloses
Halleluja-Gerufe nicht und eintönige Musik ist mir auch ein Graus. -- Ja,
wenn der Himmel nur eine leere Drohung wäre! Aber ich bin fest überzeugt,
es gibt so ein Institut nach dem Tode. Da ist es natürlich ein äußerst
schweres Balancierstück, einerseits anständig zu bleiben und anderseits
trotzdem einem künftigen Paradies zu entwischen. Ein Problem, über das sich
schon der gottselige Buddha den Kopf zerbrochen hat.«
»Und du dir auch, wie ich merke.«
»Gewiß. Bloß leben genügt doch nicht. Oder? -- Du scheinst überhaupt nicht
zu ahnen, wie ungeheuer ich in Anspruch genommen bin. Nicht in bezug auf
Gesellschaften, -- das macht meine Hausdame drin ab -- sondern durch die
geistige Arbeit, die mir infolge beabsichtigter -- Gründung -- eines --
neuen -- Staates und einer neuen Religion erwächst. Jawohl.«
»Um Gotteswillen! Du wirst noch eingesperrt werden.«
»Fürchte nichts, ich bin kein Aufrührer.«
»Ist deine Gemeinde schon groß?« fragte Hauberrisser lächelnd, da er einen
Witz vermutete.
Pfeill sah ihn scharf an und sagte dann nach einer Pause: »Du scheinst
mich, wie meistens, leider falsch zu verstehen. Spürst du nicht, daß etwas
in der Luft liegt, was, vielleicht seit die Erde steht, noch nie so stark
in der Luft gelegen hat? Einen Weltuntergang zu prophezeien ist eine
undankbare Sache; er ist zu oft im Laufe der Jahrhunderte vorausgesagt
worden, als daß die Glaubwürdigkeit nicht darunter gelitten hätte.
Trotzdem, glaube ich, behält diesmal derjenige Recht, der das Kommen eines
solchen Ereignisses zu fühlen behauptet. Es braucht ja nicht gleich eine
Vernichtung der Erde zu sein, -- der Untergang einer alten Weltanschauung
ist auch ein Weltuntergang.«
»Und ein derartiger Umschwung in den Anschauungen, meinst du, könnte sich
von heut auf morgen vollziehen?« -- Hauberrisser schüttelte zweifelnd den
Kopf, -- »da glaube ich eher noch an bevorstehende Naturereignisse
verheerender Art. Über Nacht ändern sich die Menschen nicht.«
»Sage ich denn, daß äußere Katastrophen ausbleiben müssen?!« rief Pfeill;
»im Gegenteil, jeder Nerv in mir ahnt ihr Kommen. -- Was die plötzliche
innere Veränderung der Menschheit anbetrifft, so hast du hoffentlich nur
scheinbar Recht. Wie weit kannst du denn in der Geschichte zurückblicken,
daß du solche Behauptungen aufstellen dürftest? Doch kaum ein paar lumpige
tausend Jahre! -- Hat es selbst in dieser kurzen Zeit nicht geistige
Epidemien gegeben, deren rätselhaftes Auftauchen einen nachdenklich machen
müßte? -- Kinderkreuzzüge sind vorgekommen, -- freilich, ob's die
Menschheit jemals zu Kommiskreuzzügen bringen wird, ist zweifelhaft. Aber
möglich ist manches, sogar um so wahrscheinlicher, je länger es auf sich
warten läßt. -- Bisher haben die Menschen einander zerfleischt um gewisser
verdächtiger Unsichtbarer willen, die sich vorsichtshalber nicht Geister
nennen, sondern 'Ideale'. Jetzt, glaube ich, hat endlich die Stunde des
Krieges gegen diese Unsichtbaren geschlagen, -- und da möchte ich gerne
dabei sein. Seit Jahren schon werde ich zum Soldaten im geistigen Sinne
abgerichtet, das ist mir längst klar, aber so deutlich, wie jetzt, habe ich
noch nie empfunden, daß eine große Schlacht gegen diese verfluchten
Gespenster bevorsteht. Ich sage dir, wenn man einmal in das Ausroden der
falschen Ideale hineinkommt, -- nicht fertig wird man damit. Es ist kaum
glaublich, was sich da alles auf dem Wege der Ideenvererbung an
impertinentem Schwindel in einem aufgehäuft hat. -- Und siehst du, dieses
systematische Ausjäten von Unkraut in mir nenne ich die Gründung eines
neuen -- Staates. Aus Rücksicht für die bestehenden Systeme und aus
Taktgefühl gegenüber meinen Mitmenschen, denen ich, Gott sei vor, meine
Ansichten über innere Wahrhaftigkeit und unbewußte Verlogenheit nicht
aufdrängen möchte, habe ich mich von vornherein darauf beschränkt, in
meinen Staat, -- den ich den keimfreien Staat nenne, weil er gründlich
desinfiziert ist von den seelischen Bakterien eines _falschen_ Idealismus,
-- nur einen einzigen Untertanen aufzunehmen, nämlich mich selbst. Ebenso
bin ich der einzige Missionär meines Glaubens. Übertrittlinge brauche ich
nicht.«
»Organisator bist du demnach nicht, wie ich sehe,« warf Hauberrisser
erleichtert ein.
»Zum Organisieren fühlt sich heute jeder berufen, daraus geht schon hervor,
wie falsch es sein muß. Das Gegenteil von dem, was der große Haufe tut, ist
an sich schon richtig.« -- Pfeill erhob sich und ging auf und ab. -- »Nicht
einmal Jesus hat sich unterfangen, zu organisieren, er hat ein Vorbild
gegeben. Frau Rukstinat und Konsorten natürlich erfrechen sich, zu
organisieren. Organisieren darf nur die Natur oder der Weltgeist. -- _Mein_
Staat soll ewig sein; er braucht keine Organisation. Wenn er eine hätte,
würde er sein Ziel verfehlen.«
»Aber einmal wird dein Staat, wenn er einen Zweck haben soll, ja doch aus
Vielen bestehen müssen; woher willst du diese Bürger nehmen, lieber
Pfeill?«
»Hör zu: Wenn _ein_ Mensch einen Einfall hat, so beweist das nur, daß viele
gleichzeitig denselben Gedanken gefaßt haben. Wer das nicht versteht, weiß
nicht, was ein Einfall ist. Gedanken sind ansteckend, auch wenn man sie
nicht ausspricht. Dann vielleicht erst recht. Ich bin fest überzeugt: in
diesem Augenblick sind schon eine ganze Menge meinem Staat beigetreten, und
schließlich wird er die Welt überschwemmen. -- Die körperliche Hygiene hat
große Fortschritte gemacht, -- man desinfiziert sogar schon die Türklinken,
um sich nicht irgendeine Krankheit zu holen, -- ich sage dir, es gibt
gewisse Schlagworte, die weit schlimmere Krankheiten, zum Beispiel: Rassen-
und Völkerhaß, Pathos und dergleichen, übertragen und mit viel schärferer
Lauge keimfrei gemacht werden müßten als Türklinken.«
»Du willst also den Nationalismus ausrotten?«
»Es soll von mir in fremden Gärten nichts ausgerottet werden, was nicht von
selbst stirbt. In meinem eignen darf ich tun und lassen, was ich will. Der
Nationalismus scheint für die meisten Menschen eine Notwendigkeit zu sein,
das räume ich ein, aber es ist hoch an der Zeit, daß es endlich auch einen
»Staat« gibt, in dem die Bürger nicht durch Landesgrenzen und gemeinsame
Sprache zusammengehalten werden, sondern durch die Denkungsart und leben
können wie _sie_ wollen.
-- In gewissem Sinne haben die ganz recht, die lachen, wenn einer sagt, er
wolle die Menschheit umgestalten. -- Sie übersehen bloß, daß es vollkommen
genügt, wenn ein einzelner sich bis in die Wurzeln umgestaltet. Sein Werk
kann dann niemals vergehen, -- gleichgültig, ob es der Welt bekannt wird
oder nicht. So einer hat ein Loch ins Bestehende gerissen, das nie mehr
zuwachsen kann, ob es jetzt die andern gleich bemerken oder eine Million
Jahre später. Was einmal entstanden ist, kann nur scheinbar verschwinden.
So ein Loch in das Netz zu reißen, in dem die Menschheit sich verfangen
hat, -- nicht durch öffentliches Predigen, nein: indem ich selbst der
Fessel entrinne, das ist's, was ich will.«
»Bringst du die äußern Katastrophen, an deren Hereinbrechen du glaubst, in
irgendwelchen ursächlichen Zusammenhang mit der vermutlich kommenden
Denkänderung der Menschheit?« fragte Hauberrisser.
»Aussehen wird es natürlich immer so, als gäbe ein äußeres Unglück, zum
Beispiel ein großes Erdbeben, den Anlaß zum sogenannten »Insichgehen« des
Menschen, -- aber nur so aussehen. Die Geschichte mit der Ursache und
Wirkung verhält sich, scheint mir, ganz anders. Ursachen können wir nie
erkennen; alles, was wir wahrnehmen, ist Wirkung. Was uns Ursache zu sein
scheint, ist in Wahrheit nur ein -- Vorzeichen. Wenn ich diesen Bleistift
hier loslasse, wird er zu Boden fallen. Daß das Loslassen die _Ursache_ des
Herunterfallens ist, mag ein Gymnasiast glauben, ich glaub's nicht. Das
Loslassen ist ganz einfach das untrügliche Vorzeichen des Herunterfallens.
Jedes Geschehnis, auf das ein zweites folgt, ist dessen Vorzeichen. Ursache
ist etwas vollständig anderes. Allerdings bilden wir uns ein, es stünde in
unserer Macht, eine Wirkung hervorzubringen, aber es ist ein unheilvoller
Trugschluß, der uns die Welt beständig in einem falschen Licht sehen läßt.
In Wahrheit ist es nur ein- und dieselbe geheimnisvolle Ursache, die den
Bleistift zu Boden fallen macht und mich kurz vorher verleitet hat, ihn
loszulassen. Eine plötzliche Denkänderung des Menschen und ein Beben der
Erde kann wohl gleiche Ursache haben, -- aber daß das eine die Ursache des
andern wäre, ist vollkommen ausgeschlossen, so plausibel es auch dem
»gesunden« Verstand dünken mag. Das erste ist genau so Wirkung wie das
zweite; eine Wirkung ruft die andere niemals hervor, -- kann, wie gesagt,
ein Vorzeichen sein in einer Kette von Geschehnissen, aber sonst auch
nichts. Die Welt, in der wir leben, ist eine Welt der Wirkungen. -- Das
Reich der wahren Ursachen ist verborgen; wenn es uns gelingt, bis dorthin
vorzudringen, werden wir zaubern können.«
»Und sollte: seine Gedanken beherrschen können, -- das heißt, die
geheimsten Wurzeln ihres Entstehens aufdecken -- nicht dasselbe sein wie
zaubern?«
Pfeill blieb mit einem Ruck stehen. »Freilich! Was sonst? Eben deshalb
stelle ich das Denken um eine Stufe höher als das Leben. Es führt uns einem
fernen Gipfel zu, von dem aus wir nicht nur alles werden überschauen,
sondern alles, was wir wollen, auch werden vollbringen können. -- Vorläufig
zaubern wir Menschen noch mit Maschinen; ich glaube, die Stunde ist nahe,
wo wenigstens einige es mit bloßem Willen zustande bringen werden. Das
bisher so beliebte Erfinden von wundervollen Maschinen war nichts weiter
als ein Pflücken von Brombeeren, die neben dem Wege zum Gipfel wachsen. --
Wertvoll ist nicht die »Erfindung«, sondern das Erfindenkönnen, wertvoll
ist nicht ein Gemälde, höchstens kostbar, wertvoll ist nur das Malenkönnen.
Das Gemälde kann vermodern, das Malenkönnen kann nicht verloren gehen, auch
wenn der Maler stirbt. Es bleibt als vom Himmel geholte Kraft bestehen, die
vielleicht für lange Zeit schlafen gehen mag, aber immer wieder aufwacht,
wenn das geeignete Genie geboren wird, durch das sie sich offenbaren kann.
Ich finde es sehr tröstlich, daß die wertgeschätzte Kaufmannschaft dem
Erfinder quasi nur das Linsengericht abschwätzen kann und nicht das
Wesentliche.«
»Du läßt mich heute, scheint's, gar nicht zu Worte kommen,« unterbrach
Hauberrisser; »mir schwebt schon lange etwas auf der Zunge, was ich sagen
möchte.«
»Also los! Warum sprichst du nicht?«
»Vorerst nur noch eine Frage: Hast du Anhaltspunkte, oder -- oder
Vorzeichen, daß wir alle vor einem -- nennen wir's mal: Wendepunkt --
stehen?«
»Hm. -- Ja. -- Es ist das wohl mehr Gefühlssache. Ich tappe da selbst noch
ziemlich im Finstern. -- _Ein_ Faden zum Beispiel, an dem ich mich
vorwärtstaste, ist dünn wie ein Spinngewebe. -- Ich bilde mir nämlich ein,
daß ich gewisse Grenzsteine in unserer innern Fortentwicklung gefunden
habe, die uns anzeigen, wann wir ein neues Gebiet betreten. Das zufällige
Zusammentreffen mit einem Fräulein van Druysen -- du wirst sie heute noch
kennen lernen -- und etwas, was sie mir von ihrem Vater erzählte, hat
mich darauf gebracht. Ich schloß daraus, -- vielleicht ganz
ungerechtfertigterweise -- daß ein solcher 'Grenzstein' im menschlichen
Bewußtsein ein für alle, die reif dazu sind, gleiches inneres Erlebnis ist.
-- Nämlich, -- lache jetzt bitte nicht --: die Vision eines grünen
Gesichtes.«
Hauberrisser faßte erregt den Arm seines Freundes und unterdrückte einen
Ausruf des Erstaunens.
»Um Gotteswillen, was ist dir?« rief Pfeill.
In fliegenden Worten erzählte Hauberrisser, was er erlebt hatte.
Das Gespräch, das sich daraus entspann, fesselte sie dermaßen, daß sie den
Diener kaum bemerkten, der melden kam, Fräulein Eva van Druysen und Herr
Dr. Ismael Sephardi seien eingetroffen, und Baron Pfeill auf einer Tablette
zwei Visitenkarten und das Abendblatt der Amsterdamer Zeitung überreichte.
* * * * *
Bald war die Unterhaltung über das grüne Gesicht in vollem Gange.
Hauberrisser hatte die Erzählung seines Erlebnisses im Vexiersalon Pfeill
überlassen, und auch Fräulein van Druysen beschränkte sich darauf, nur hie
und da ein Wort einzuflechten, als Dr. Sephardi den Besuch bei Swammerdam
schilderte.
Von Verlegenheit konnte natürlich weder bei Eva van Druysen, noch bei
Hauberrisser die Rede sein, aber trotzdem standen sie beide unter einem
Stimmungsdruck, der ihnen das Sprechen erschwerte. Sie zwangen sich
förmlich, einander mit den Blicken nicht auszuweichen, aber jedes fühlte
genau, daß das andere log, wenn es sich bemühte, irgend etwas
Gleichgültiges zu sagen.
Der vollständige Mangel an weiblicher Koketterie bei Eva verwirrte
Hauberrisser fast; er sah ihr an, wie peinlich sie darauf achtete, alles zu
vermeiden, was auch nur den leisesten Schein von Gefallsucht oder tieferem
Interesse an ihm hätte erwecken können, -- aber er schämte sich
gleichzeitig wie einer groben Taktlosigkeit, daß es ihm nicht gelingen
wollte, vor ihr zu verhüllen, wie sehr er das Gekünstelte in ihrer innern
Ruhe durchschaute. Er erriet, daß seine Gedanken offen vor ihr dalagen, aus
der erzwungenen Gelangweiltheit, mit der ihre Hände an einem Rosenbukett
spielten, aus der Art, wie sie eine Zigarette rauchte, -- merkte es an
hundert andern Kleinigkeiten; aber es gab für ihn kein Mittel, ihr zu Hilfe
zu kommen.
Eine einzige phrasenhafte Bemerkung seinerseits würde genügt haben, ihr die
Sicherheit, die sie heuchelte, wieder zu geben, -- würde aber auch genügt
haben, sie entweder aufs tiefste zu verletzen, oder ihn selbst in ein Licht
wenig geschmackvollen Gockeltums zu rücken, -- was er natürlich ebenfalls
zu vermeiden wünschte.
Als sie eingetreten, war er einen Moment sprachlos gewesen über ihre
geradezu verblüffende Schönheit, und sie hatte es wie eine Bewunderung
hingenommen, an die sie gewöhnt sein mußte; dann aber, als sie zu bemerken
glaubte, daß seine Verwirrung nicht ausschließlich durch sie verursacht
war, sondern ebensogut durch die Unterbrechung eines interessanten
Gesprächs zwischen ihm und Baron Pfeill, -- war die peinliche, nicht mehr
loszuwerdende Empfindung über sie gekommen, den Eindruck plumper,
weiblicher Sieghaftigkeit auf ihn gemacht zu haben.
Hauberrisser begriff instinktiv, daß Eva ihre Schönheit, die eine Frau wohl
stolz tragen durfte, als Mädchen in ihrer seelischen Feinfühligkeit
augenblicklich als Last empfand.
Am liebsten hätte er ihr offen gesagt, wie sehr er sie bewundere, aber er
fürchtete, den richtigen Ton von Unbefangenheit nicht zu finden.
Er hatte im Leben zu viel schöne Frauen geliebt, um beim ersten Anblick
selbst so berückender weiblicher Reize, wie Eva sie besaß, sogleich den
Kopf zu verlieren, aber dennoch stand er bereits tiefer unter ihrem
Einfluß, als er selbst merkte.
Anfangs vermutete er, sie sei mit Sephardi verlobt; als er sah, daß es
nicht der Fall war, durchzuckte ihn eine leise Freude.
Er wehrte sich sofort dagegen; die unbestimmte Angst, seine Freiheit noch
einmal zu verlieren und wiederum von dem alten Wirbelsturm derartiger
Erlebnisse fortgerissen zu werden, warnte ihn, auf seiner Hut zu sein, aber
bald wachte in ihm ein so echtes und inniges Gefühl von Zusammengehörigkeit
mit Eva auf, daß jeder Vergleich mit dem, was er bisher Liebschaft genannt
hatte, von selbst wegfiel.
Das unvermeidliche prickelnde Etwas, das sich infolge der stummen
Gedankenübertragung zwischen beiden entspann, war zu deutlich, als daß es
Pfeill mit seinem scharfen Blick hätte lange verborgen bleiben können. --
Was ihn dabei schmerzlich berührte, war der Ausdruck eines mühsam
verhaltenen, tiefen Weh's, das um die Augen Sephardi's lag und aus jedem
Worte der mit krampfhafter Hast geführten Rede des sonst so schweigsamen
Gelehrten hervorklang.
Er fühlte, daß dieser einsame Mensch eine stille, aber vielleicht um so
heißere Hoffnung zu Grabe trug.
»Wohin, glauben Sie, Herr Doktor,« fragte er, als Sephardi seine Erzählung
beendet hatte, »mag der seltsame Weg wohl führen, den der 'geistige Kreis'
Swammerdams oder des Schuhmachers Klinkherbogk zu gehen sich einbildet? Ich
fürchte, in ein uferloses Meer von Visionen und -- --«
»-- und daran geknüpften Erwartungen, die niemals erfüllt werden,« --
Sephardi zuckte traurig die Schultern, -- »es ist das alte Lied von den
Pilgern, die ohne Führung in der Wüste zum gelobten Land wandern und, eine
trügerische Fata morgana vor Augen, dem qualvollen Tode des Verdurstens
entgegenschreiten. Es hat noch immer mit dem Schrei geendet: 'mein Gott,
mein Gott, warum hast du mich verlassen'!«
»Bei all den andern, die an den Schuhmacher und sein Prophetentum glauben,
mögen Sie recht haben,« mischte sich Eva van Druysen ernst ins Gespräch,
»aber bei Swammerdam irren Sie sich. Ich weiß es gewiß. Denken Sie daran,
was Baron Pfeill uns von ihm erzählt hat! Den grünen Käfer hat er doch
gefunden! Ich kann nicht loskommen von der Überzeugung: es ist ihm
beschieden, auch das Größere zu finden, nach dem er sucht.«
Sephardi lächelte trüb. »Ich wünsche es ihm von Herzen, aber er wird
bestenfalls, wenn er nicht früher darüber zugrunde geht, am Schluß nur zu
dem gewissen: 'Herr, in deine Hände befehle ich meinen Geist' gelangen. --
Glauben Sie mir, Fräulein Eva, ich habe mehr über jenseitige Dinge
nachgedacht, als Sie wohl vermuten, und habe mir ein Menschenleben lang
Kopf und Herz zermartert, ob es denn wirklich kein Entrinnen aus dem
irdischen Kerker gibt. -- Nein, es gibt keines! -- Der Zweck des Lebens
ist, auf den Tod zu warten.«
»Dann wären die noch die Klügsten,« wendete Hauberrisser ein, »die nur dem
Vergnügen leben.«
»Gewiß. Wenn sie es imstande sind. Aber mancher bringt es eben nicht
zuwege.«
»Und was soll _der_ dann tun?« fragte Pfeill.
»Liebe üben und die Gebote halten, wie es in der Bibel steht.«
»Das sagen Sie?!« rief Pfeill erstaunt. »Ein Mensch, der alle
Philosophiesysteme von Lao Tse bis Nietzsche durchstudiert hat! Wer ist
denn der Erfinder dieser 'Gebote'? Ein sagenhafter Prophet, ein angeblicher
Wundertäter. Wissen Sie, ob er nicht nur ein Besessener war? Glauben Sie,
daß ein Schuster Klinkherbogk nicht nach fünftausend Jahren im gleichen
legendenhaften Glanz dastehen wird, wenn sein Name bis dahin nicht längst
vergessen ist?«
»Gewiß, wenn sein Name bis dahin nicht längst vergessen ist,« sagte
Sephardi einfach.
»Sie nehmen also einen Gott an, der über den Menschen thront und ihre
Geschicke lenkt? Können Sie das in Einklang mit irgendwelchem logischen
Denken bringen?«
»Nein, das kann ich nicht. Will es auch nicht. Ich bin Jude, vergessen Sie
das nicht. Ich meine: nicht nur Jude der Religion nach, sondern auch Jude
der Rasse nach, -- und als solcher komme ich immer wieder zum alten Gott
meiner Vorfahren zurück. Es liegt im Blut, und das Blut ist stärker als
alle Logik. Freilich sagt mir mein Verstand, daß ich mit meinem Glauben in
der Irre gehe, aber mein Glaube sagt mir auch, daß ich mit meinem Verstand
in der Irre gehe.«
»Und was täten Sie, wenn Ihnen, wie es dem Schuster Klinkherbogk geschehen
ist, ein Wesen erschiene und Ihnen Ihr Handeln vorschriebe?« forschte Eva.
»An seiner Botschaft zu zweifeln versuchen. Wenn mir das gelänge, so würde
ich seinem Rate nicht folgen.«
»Wenn es Ihnen aber nicht gelänge?«
»Dann wäre meine Handlungsweise von selbst gegeben, nämlich: ihm zu
gehorchen.«
»Ich würde es auch dann nicht tun,« murmelte Pfeill.
»Eine Denkungsart wie die Ihre müßte nur bewirken, daß Ihnen ein
jenseitiges Wesen, wie der -- nennen wir es: »Engel« Klinkherbogks niemals
erscheinen kann, aber seine stumme Weisung würden Sie trotzdem befolgen.
Allerdings in der festen Überzeugung, aus eigener Machtvollkommenheit zu
handeln!«
»Oder umgekehrt,« widersetzte sich Pfeill, »Sie würden sich einbilden, Gott
spräche zu Ihnen durch den Mund eines Phantoms mit grünem Gesicht, während
in Wirklichkeit Sie selbst es wären.«
»Wo soll da ein wesentlicher Unterschied liegen?« entgegnete Sephardi. »Was
ist eine Mitteilung? Ein Gedanke, in _laute_ Worte gekleidet. -- Und was
ist ein Gedanke? Ein _leises_ Wort. Also auch im Grunde nichts anderes, als
eine Mitteilung. Wissen Sie so genau, daß ein Einfall, den Sie haben,
tatsächlich in Ihnen geboren wird und nicht eine Mitteilung von irgendwoher
ist? Ich halte es für mindestens ebenso wahrscheinlich, daß der Mensch
nicht der Erzeuger, sondern nur ein Empfangsapparat -- ein feiner oder ein
grober -- für alle Gedanken ist, die -- nehmen wir einmal an: von der Erde
als Mutter gedacht werden. Das gleichzeitige Auftreten ein und derselben
Idee, wie es doch so häufig vorkommt, spricht Bände für meine Theorie.
_Sie_ freilich, wenn Ihnen so etwas passiert, werden immer sagen, Sie
hätten ursprünglich den betreffenden Einfall gehabt und die andern wären
von Ihnen bloß angesteckt worden. Ich könnte darauf erwidern: Sie waren nur
der erste, der diesen in der Luft liegenden Gedanken aufgefangen hat wie
eine drahtlose Depesche vermittelst eines sensitiveren Gehirns, -- die
andern haben ihn ebenfalls aufgefangen; bloß später als Sie. -- Je
selbstbewußter und kraftvoller nun jemand ist, desto mehr wird er zu der
Ansicht neigen, der eigne Schöpfer eines großen Gedankens zu sein; je
schwächer und weicher hingegen, um so leichter wird er glauben, die
betreffende Idee sei ihm -- eingegeben worden. Im Grunde haben beide recht.
Ich bitte, ersparen Sie mir das 'wieso'; ich möchte mich nicht gerne in die
schwierige Erläuterung eines allen Menschen gemeinsamen Zentral-Ich's
verlieren. -- Was die Erscheinung des grünen Gesichtes bei Klinkherbogk,
als Übermittler einer Botschaft oder eines Gedankens, betrifft, -- was, wie
ich schon vorhin sagte, dasselbe ist -- so verweise ich Sie auf die
wissenschaftlich bekannte Tatsache, daß es zweierlei Kategorien von
Menschen gibt: die eine, die in Worten, und die andere, die in Bildern
denkt. Nehmen wir an, Klinkherbogk hätte sein Leben lang in Worten gedacht,
und plötzlich will sich ihm ein völlig neuer Gedanke, für den es noch gar
kein Wort gibt, aufdrängen -- ihm 'einfallen', sozusagen; wie könnte sich
dieser Gedanke anders kundgeben, als durch die Vision eines redenden
Bildes, das eine Verbindungsbrücke zu ihm sucht, -- in Klinkherbogks, in
Herrn Hauberrissers und in Ihrem Falle als ein Mann oder ein Porträt mit
grünem Gesicht?«
»Gestatten Sie nur eine kurze Unterbrechung,« bat Hauberrisser. -- »Der
Vater Fräulein van Druysens hat, wie Sie kurz nach Ihrem Eintritt im Laufe
der Schilderung Ihres Besuchs bei Klinkherbogk erwähnten, den Mann mit dem
erzgrünen Gesicht wörtlich den 'Urmenschen' genannt, -- ich selbst hörte
meine Vision im Vexiersalon sich mit einem ähnlichen Namen bezeichnen, --
Pfeill glaubte, das Porträt des Ewigen Juden, also ebenfalls eines Wesens,
dessen Ursprung weit in der Vergangenheit zurückliegt, gesehen zu haben, --
wie erklären Sie, Herr Sephardi, diese höchst merkwürdige Übereinstimmung?
Als einen uns allen 'neuen' Gedanken, den wir nicht mit Worten, sondern nur
durch ein Bild begreifen könnten, das sich unserm innern Auge darstellt?
Ich für meinen Teil, so kindisch es Ihnen klingen mag, glaube viel eher: es
ist ein und dasselbe spukhafte Geschöpf, das da in unser Leben getreten
ist.«
»Das glaube auch ich,« stimmte Eva leise bei.
Sephardi dachte einen Augenblick nach. -- »Die Übereinstimmung, die ich
erklären soll, scheint mir zu beweisen, daß es ein und derselbe 'neue'
Gedanke ist, der sich Ihnen allen dreien aufdrängen und verständlich machen
wollte, beziehungsweise: noch machen will. Daß das Phantom unter der Maske
eines Urmenschen auftritt, bedeutet, denke ich, nichts anderes, als: ein
Wissen, eine Erkenntnis, sogar vielleicht eine außerordentliche seelische
Fähigkeit, die einstmals in längst vergangenen Zeiten des
Menschengeschlechts existiert hatte, bekannt war und in Vergessenheit
geriet, will wiederum neu werden, und ihr Kommen in die Welt gibt sich als
Vision einigen wenigen Auserlesenen kund. -- Verstehen Sie mich nicht
falsch, ich sage nicht, daß das Phantom etwa kein selbständig existierendes
Wesen sein _könnte_, -- im Gegenteil, ich behaupte sogar: jeder Gedanke ist
ein solches Wesen. -- Der Vater Fräulein Eva's hat übrigens den Ausspruch
getan: 'Er -- der Vorläufer -- ist der _einzige Mensch_, der _kein_
Gespenst ist'.«
»Vielleicht verstand mein Vater darunter, dieser Vorläufer sei ein Wesen,
das die Unsterblichkeit erlangt hat. Glauben Sie nicht?«
Sephardi wiegte bedächtig den Kopf. -- »Wenn jemand unsterblich wird,
Fräulein Eva, bleibt er als unvergänglicher Gedanke bestehen; gleichgültig,
ob er zu unsern Gehirnen als Wort oder als Bild Zutritt zu erlangen vermag.
Sind die Menschen, die auf Erden leben, unfähig, ihn zu erfassen oder zu
»denken«, -- so stirbt er deswegen noch nicht; er wird ihnen nur ferne
gerückt. -- -- -- Um auf den Disput mit Baron Pfeill zurückzukommen: ich
wiederhole, ich kann als Jude von dem Gott meiner Väter nicht weg. Die
Religion der Juden ist in ihrer Wurzel eine Religion selbstgewählter und
absichtlicher Schwäche, -- ist ein Hoffen auf Gott und das Kommen des
Messias. Es gibt, ich weiß, auch einen Weg der Kraft. Baron Pfeill hat ihn
angedeutet. Das Ziel bleibt dasselbe; in beiden Fällen kann es erst erkannt
werden, wenn das Ende erreicht ist. Falsch ist an sich weder der eine noch
der andere Weg; unheilvoll wird er erst dann, wenn ein Schwacher, oder ein
Mensch, der voll Sehnsucht ist wie ich, den Weg der Kraft wählt, und ein
Starker den Pfad der Schwäche. Einstmals, zur Zeit Mosis, als es bloß zehn
Gebote gab, war es verhältnismäßig leicht, ein Zadik Tomim -- ein
vollkommen Gerechter -- zu sein, heute ist es unmöglich, wie jeder fromme
Jude weiß, der sich bemüht, die zahllosen rituellen Gesetze zu halten.
Heute muß Gott uns helfen, sonst können wir Juden den Weg nicht mehr gehen.
Die darüber klagen, sind Toren, -- der Weg der Schwäche ist nur
vollkommener und leichter geworden, und dadurch ist auch der Pfad der Kraft
klarer, denn keiner, der sich selbst erkennt, kann sich mehr auf das Gebiet
verirren, in das er nicht gehört. -- Die Starken haben keine Religion mehr
nötig; sie gehen frei und ohne Stock; diejenigen, die nur an Essen und
Trinken glauben, brauchen ebenfalls keine Religion; sie haben sie _noch
nicht_ nötig. -- Sie bedürfen keines Stockes, denn sie gehen nicht, sie
bleiben stehen.«
»Haben Sie nie etwas von einer Möglichkeit, die Gedanken zu beherrschen,
gehört, Herr Sephardi?« fragte Hauberrisser, »ich meine es nicht im
alltäglichen Sinne des sogenannten Sichbeherrschenkönnens, das man besser
das Unterdrücken einer Gefühlswallung und so weiter nennen sollte. Ich
denke dabei an das gewisse Tagebuch, das ich gefunden habe und von dem
Pfeill vorhin erzählte.«
Sephardi erschrak.
Er schien die Frage erwartet oder befürchtet zu haben, und warf einen
schnellen Blick auf Eva.
In seinem Gesicht malte sich wiederum derselbe Ausdruck von Schmerz, den
Baron Pfeill schon früher an ihm bemerkt hatte.
Dann raffte er sich auf, aber man hörte ihm an, wie er sich zum Reden
zwang:
»Das Herrwerden über die Gedanken ist ein uralter heidnischer Weg zum
wirklichen Übermenschentum, aber nicht zu jenem, von dem der deutsche
Philosoph Nietzsche gesprochen hat. -- Ich weiß nur sehr wenig darüber. Mir
graut davor. -- -- In den letzten Jahrzehnten ist mancherlei über die
»Brücke zum Leben« -- so lautet die echte Bezeichnung dieses gefahrvollen
Pfades -- von Osten her nach Europa gedrungen, aber zum Glück so wenig, daß
keiner, der die ersten Schlüssel nicht hat, sich zurecht finden könnte. Das
Wenige hat schon genügt, um viele tausend Menschen, besonders Engländer und
Amerikaner, die alle diesen Weg der Magie -- es ist nichts anderes --
erlernen wollten, außer Rand und Band zu bringen. Eine umfangreiche
Literatur ist darüber entstanden und ausgegraben worden, zu Dutzenden
laufen Schwindler aller Rassen herum, die sich als Eingeweihte gebärden, --
aber, Gott sei Dank, noch weiß kein einziger, wo die Glocke hängt, die da
läutet. -- Scharenweise sind die Leute nach Indien und Tibet gepilgert,
ohne zu wissen, daß dort das Geheimnis längst erloschen ist. Sie wollen es
noch heute nicht glauben. -- Wohl haben sie dort etwas gefunden, was einen
ähnlichen Namen trägt, -- aber es ist etwas anderes, das schließlich nur
wieder zum Weg der Schwäche, den ich vorhin erwähnt habe, oder zu den
Verwirrungen eines Klinkherbogk führt. Die paar alten Originalschriften,
die darüber existieren, klingen sehr offenherzig, sind aber in Wahrheit der
Schlüssel beraubt und der sicherste Zaun, um das Mysterium zu schützen. --
Es hat auch einmal unter den Juden eine 'Brücke zum Leben' gegeben, und die
Bruchstücke, die ich darüber kenne, stammen aus dem 11. Jahrhundert. Ein
Vorfahre von mir, ein gewisser Salomon Gebirol Sephardi, dessen
Lebensbeschreibung in unserer Familienchronik fehlt, hat sie in
doppelsinnigen Randbemerkungen zu seinem Buch Megôr Hayyîm niedergelegt und
wurde deshalb von einem Araber ermordet. Angeblich soll eine kleine
Gemeinde im Orient, die in blaue Mäntel gekleidet geht und ihre Herkunft
merkwürdigerweise von eingewanderten Europäern -- Schülern der ehemaligen
Goldenen- und Rosen-Kreuzer -- ableitet, das Geheimnis in seiner Gänze noch
bewahren. -- Sie nennen sich: Paradâ, das ist 'Einer, der zum andern Ufer
hinübergeschwommen ist'.«
Sephardi stockte einen Moment und schien an einem Punkt in der Erzählung
angelangt zu sein, über den hinwegzukommen, er seine ganze Kraft aufbieten
mußte.
Er krampfte die Nägel in die Handflächen, und sah eine Weile stumm zu
Boden.
Endlich riß er sich auf, blickte Eva und Hauberrisser abwechselnd fest an
und sagte klanglos:
»Wenn es aber einem Menschen gelingt, über die 'Brücke des Lebens'
hinüberzuschreiten, so ist es ein Glück für die Welt. Es ist fast mehr, als
wenn ihr ein Erlöser geschenkt wird. -- Nur etwas ist vonnöten: ein
einzelner kann dieses Ziel nicht erreichen, _er braucht dazu -- -- eine
Gefährtin_. -- Nur durch eine Verbindung männlicher und weiblicher Kräfte
ist es überhaupt möglich. Darin liegt der geheime Sinn der Ehe, der der
Menschheit seit Jahrtausenden verloren gegangen ist.« -- Die Sprache
versagte ihm, er stand auf und trat ans Fenster, um sein Gesicht zu
verbergen, ehe er scheinbar wieder ruhiger fortfahren konnte: »_Wenn ich
Ihnen beiden mit meinem geringen Wissen über dieses Gebiet jemals
behilflich sein kann, so verfügen Sie über mich._«
* * * * *
Wie ein Blitz trafen Eva seine Worte. -- Sie verstand jetzt, was in ihm
vorgegangen war. -- Die Tränen schossen ihr in die Augen.
Daß Sephardi mit dem durchdringenden Scharfblick eines Menschen, der sein
ganzes Leben in Abgeschlossenheit von der Außenwelt zugebracht, die Dinge,
die sich zwischen Hauberrisser und ihr anbahnten, vorausgesehen hatte, lag
auf der Hand. Was aber mochte ihn bewogen haben, die Entwicklung der
aufkeimenden gegenseitigen Verliebtheit, die unausweichlich vor ihnen lag,
auf so hemmungslose Weise abzukürzen, -- sie beide fast brüsk zu einer
Entscheidung zu drängen?
Wäre nicht sein ganzes Wesen so über jeden Zweifel erhaben echt gewesen, --
hätte sie an den raffinierten Versuch eines eifersüchtigen Nebenbuhlers
glauben müssen, der durch wohlberechnetes Dazwischenfahren ein sich
spinnendes zartes Gewebe zerreißen will. --
Oder war es vielleicht der heroische Entschluß eines Menschen, der sich
nicht stark genug fühlt, die langsame Marter allmählicher Entfremdung von
einer heimlich geliebten Frau zu ertragen, und es vorzieht, selber ein Ende
zu machen, statt vergeblich zu kämpfen?
Eine Ahnung drängte sich ihr auf, als müsse noch irgend etwas anderes der
Grund seines schnellen Handelns sein, -- etwas, was mit seinem Wissen über
die »Brücke des Lebens« zusammenhing, von der er, offenbar absichtlich, mit
so knappen Worten gesprochen hatte. -- --
Sie gedachte der Worte Swammerdams vom plötzlichen Galoppieren des
Schicksals; sie klangen ihr in den Ohren.
Als sie in der verflossenen Nacht vom Geländer der Gracht des Zee Dyk in
die dunklen Wasser hinabgestarrt hatte, war der Mut über sie gekommen, dem
Rat des alten Mannes zu folgen und mit Gott zu reden.
Was sie jetzt erlebte -- war es bereits die Folge davon? -- Eine bange
Angst, daß es so sein müsse, erschreckte sie. -- Das Bild der finstern
Nikolaskirche, das eingesunkene Haus mit der eisernen Kette und der Mann in
dem Boot, der sich so scheu vor ihr zu verbergen getrachtet hatte, huschte
schreckhaft wie die Erinnerung an einen bösen Traum durch ihr Bewußtsein.
Hauberrisser stand am Tisch und ließ wortlos und erregt die Blätter eines
Buches durch die Finger laufen.
Eva fühlte, daß es an ihr war, die peinliche Stille zu brechen.
Sie ging zu ihm, sah ihm fest in die Augen und sagte ruhig:
»Die Worte Doktor Sephardi's sollen nicht der Anlaß sein, daß eine
befangene Stimmung zwischen uns Platz greift, Herr Hauberrisser; sie sind
aus dem Mund eines Freundes gekommen. Was das Schicksal mit uns vorhat,
können wir beide nicht wissen. Heute sind wir noch frei, ich wenigstens bin
es; will uns das Leben zusammenführen, werden wir es weder ändern können,
noch wollen. -- Ich sehe nichts Unnatürliches und nichts Beschämendes
darin, diese Möglichkeit ins Auge zu fassen. -- Morgen früh fahre ich nach
Antwerpen zurück; ich könnte die Reise verschieben, aber es ist besser, wir
kommen jetzt für längere Zeit nicht zusammen. Ich möchte nicht die
Unsicherheit mit mir herumtragen, Sie oder ich hätten unter dem Eindruck
einer kurzen Stunde voreilig ein Band geknüpft, das sich später nicht mehr
ohne Schmerz lösen ließe. -- Wie ich aus der Erzählung Baron Pfeills
erfahren habe, sind Sie einsam -- wie ich; lassen Sie mich das Gefühl
mitnehmen, daß ich es von jetzt an nicht mehr bin und jemand Freund nennen
darf, mit dem mich gemeinsam die Hoffnung verbindet, einen Weg zu suchen
und zu finden, der jenseits der Alltäglichkeit liegt. -- Und zwischen uns«
-- sie lächelte zu Sephardi hinüber, -- »bleibt die alte, treue
Freundschaft bestehen, nicht wahr?«
Hauberrisser ergriff die dargebotene Hand und küßte sie.
»Ich bitte Sie nicht einmal, Eva, -- seien Sie mir nicht böse, daß ich Sie
mit dem Vornamen nenne, -- Sie möchten in Amsterdam bleiben und nicht
reisen. Es wird das erste Opfer sein, das ich bringe, daß ich Sie am selben
Tage noch verliere, wo ich Sie -- -- --«
»Wollen Sie mir den ersten Beweis Ihrer _Freundschaft_ geben?« unterbrach
Eva schnell; »dann reden Sie jetzt nicht mehr von mir. Ich weiß, daß es
weder Höflichkeit noch leere Form ist, die Ihnen die Worte, die Sie sagen
wollen, eingibt, -- aber, bitte, beenden Sie den Satz nicht. Ich möchte,
daß -- die Zeit uns belehren soll, ob wir einander mehr sein werden als
Freunde.« -- --
Baron Pfeill war aufgestanden, als Hauberrisser zu sprechen begonnen hatte,
und wollte unauffällig, um die beiden nicht zu stören, das Zimmer
verlassen. Da er sah, daß ihm Sephardi nicht folgen konnte, ohne dicht an
ihnen vorüber zu gehen, trat er an das runde Ecktischchen neben der Tür und
griff nach dem Zeitungsblatt.
Ein Ausruf der Bestürzung entfuhr ihm, nachdem er die ersten Zeilen
durchflogen hatte:
»Am Zee Dyk ist heute nacht ein Mord geschehen!« --
Laut und die nebensächlichen Stellen eilig überspringend, las er den
andern, die erschreckt aufhorchten, vor:
»=Der Täter bereits entdeckt.=
Wir bringen zu unserm Bericht in der Mittagsausgabe nachträglich folgendes:
Als der am Zee Dyk wohnhafte Privatgelehrte Jan Swammerdam noch vor
Tagesanbruch die von ihm aus bisher unaufgeklärten Gründen von außen
abgeschlossene Dachkammer Klinkherbogks aufsperren wollte, fand er sie halb
offen stehen und erblickte beim Betreten des Zimmers die blutüberströmte
Leiche der ermordeten kleinen Katje. Der Schuster Anselm Klinkherbogk war
verschwunden, ebenso eine größere Summe Geldes, die er nach Aussage
Swammerdams noch am Abend besessen hatte.
Der Verdacht der Polizei richtete sich sofort auf einen im Hause
bediensteten Kommis, den eine Frau gesehen haben will, wie er sich mit
einem Schlüssel in der Dunkelheit an der Tür der Dachkammer zu schaffen
machte. Er wurde sofort in Haft genommen, aber bereits wieder in Freiheit
gesetzt, da sich inzwischen der wirkliche Täter selbst gestellt hat.
Man vermutet, daß der greise Schuhmacher zuerst und hierauf sein Enkelkind,
das vermutlich über dem Lärm erwacht war, ermordet worden ist. -- Seine
Leiche wurde offenbar aus dem Fenster hinab in die Gracht geschleudert. --
Ein Abschleppen des Wassers führte bisher zu keinem Resultat, da der Grund
an dieser Stelle mehrere Meter tief aus weichem Morast besteht.
Es ist nicht ausgeschlossen, wenn auch wenig wahrscheinlich, daß der Täter
den Mord in einem Dämmerzustand begangen haben könnte, wenigstens sind
seine Angaben vor dem Kommissär äußerst verworren. -- Das Geld geraubt zu
haben, gibt er zu. Es handelt sich also um einen Raubmord. Das Geld, man
spricht von mehreren tausend Gulden, soll dem Schuster Klinkherbogk von
einem stadtbekannten Verschwender geschenkt worden sein. -- Eine Warnung,
wie übel angebracht derartige Wohltäterlaunen oft sein können.« -- -- --
Pfeill ließ das Blatt sinken und nickte traurig vor sich hin.
»Und der Täter?« fragte Fräulein van Druysen hastig. »Natürlich der
grauenhafte Neger?«
»Der Täter?« -- Pfeill schlug die Seite um, »der Täter ist -- -- -- dahier
steht's: Als Täter bekannte sich ein alter russischer Jude, namens
Eidotter, der ein Spirituosengeschäft im selben Hause betreibt. Es ist
höchste Zeit, daß endlich am Zee Dyk usw., usw.«
»Simon, der Kreuzträger?« rief Eva erschüttert. »Ich glaube nun und nimmer,
daß er ein so scheußliches Verbrechen mit Vorbedacht hat begehen können!«
»Auch nicht in einem Dämmerzustand,« murmelte Doktor Sephardi.
»Sie meinen also, es war der Kommis Hesekiel?«
»Der ebensowenig. Schlimmstenfalls wollte er mittels eines Nachschlüssels
die Dachkammer aufsperren, um das Geld zu stehlen, und wurde im letzten
Moment daran verhindert. -- Der Neger war der Mörder; es liegt auf der
Hand.«
»Was kann aber um Himmelswillen den alten Lazarus Eidotter veranlaßt haben,
sich für den Täter auszugeben?«
Doktor Sephardi zuckte die Achseln. -- »Vielleicht glaubte er im ersten
Schrecken, als die Polizei kam, Swammerdam habe den Schuster umgebracht,
und wollte sich für ihn opfern. In einem Anfall von Hysterie. -- Daß er
nicht normal ist, habe ich auf den ersten Blick gesehen. Erinnern Sie sich,
Fräulein Eva, was der alte Schmetterlingssammler über die Kraft gesagt hat,
die im Namen verborgen liegt? -- Eidotter braucht seinen Geistesnamen Simon
nur eine genügend lange Zeit 'geübt' zu haben und es ist keineswegs
ausgeschlossen, daß sich in ihm folgedessen die Idee eingewurzelt hat, ein
Opfer für andere zu bringen, wann immer sich die Gelegenheit ergeben würde.
Ich bin sogar der Ansicht, daß der Schuster Klinkherbogk, bevor er selbst
ermordet wurde, das kleine Mädchen im Religionswahnsinn getötet hat. -- Er
hat viele Jahre hindurch den Namen Abram geübt, das ist erwiesen, -- hätte
er statt dessen das Wort Abra_ham_ innerlich wiederholt, wäre die
Katastrophe der Schlachtung Isaak's kaum eingetreten.«
»Was Sie da sagen, ist mir ein vollkommenes Rätsel,« fiel Hauberrisser ein;
»ein Wort beständig in sich hineinsprechen sollte das Schicksal eines
Menschen bestimmen oder ändern können?«
»Warum nicht? Die Fäden, die die Taten eines Menschen lenken, sind gar
fein. Was im ersten Buch Mosis über die Umänderung der Namen Abram in
Abraham und Sarai in Sarah steht, hat mit der Kabbala -- oder eher noch mit
andern, weit tieferen Mysterien zu tun. -- Ich habe gewisse Anhaltspunkte,
daß es falsch ist, die geheimen Namen _auszusprechen_, wie der Kreis
Klinkherbogks es tut. -- Wie Sie vielleicht wissen, bedeutet jeder
Buchstabe im Hebräischen gleichzeitig eine Zahl, zum Beispiel: S = 21, M =
13, N = 14. Wir sind also imstande, einen Namen in Ziffern zu verwandeln
und aus diesen Verhältniszahlen in der Vorstellung geometrische Körper zu
konstruieren: einen Würfel, eine Pyramide und so weiter. Diese
geometrischen Formen sind es, die sozusagen das Achsensystem unseres bis
dahin gestaltlosen Innersten werden können, wenn wir es in der richtigen
Weise und mit der nötigen Gedankenwucht imaginieren. Wir machen dadurch
unsere 'Seele' -- ich habe keinen andern Ausdruck dafür -- zu einem
Krystallgebilde und schaffen ihr die darauf bezüglichen ewigen Gesetze. --
Die Ägypter haben sich die Seele in ihrer Vollendung als Kugel gedacht.«
»Worin könnte nach Ihrer Ansicht, falls der bedauernswerte Schuster
wirklich seine Enkelin getötet haben sollte,« fragte Baron Pfeill sinnend,
»der Fehler in der 'Übung' gelegen haben? Ist der Name Abram so
grundverschieden von Abra--ham?«
»Klinkherbogk hat _sich selbst_ den Namen Abram gegeben; er wuchs aus
seinem eignen Unterbewußtsein hervor, daher das Verhängnis! Es fehlte das
von Oben-Herabkommen der Neschamah, wie wir Juden es nennen -- des
geistigen Hauches der Gottheit -- hier in diesem Falle der Silbe 'ha'. In
der Bibel wurde dem Abra--ham das Opfer des Isaak erlassen. Der _Abram_
hätte zum Mörder werden müssen, so wie Klinkherbogk es geworden ist. --
Klinkherbogk hat in seinem Durst, das Ewige Leben zu suchen, selber den Tod
gerufen. -- Ich sagte vorhin, wer schwach ist, soll nicht den Weg der Kraft
gehen. Klinkherbogk ist von dem Pfade der Schwäche -- des Wartens --, der
für ihn bestimmt war, abgewichen.«
»Aber irgend etwas muß doch für den armen Eidotter geschehen!« rief Eva.
»Sollen wir denn untätig zusehen, wie er verurteilt wird?«
»So rasch geht das Verurteilen nicht,« beruhigte sie Sephardi. »Morgen früh
will ich zu dem Gerichtspsychiater Debrouwer -- ich kenne ihn von der
Universität her -- gehen und mit ihm sprechen.«
»Nicht wahr, Sie nehmen sich auch des armen alten Schmetterlingssammlers an
und schreiben mir nach Antwerpen, wie es ihm geht?« bat Eva, stand auf und
reichte nur Pfeill und Sephardi zum Abschied die Hand. »Und auf Wiedersehen
in nicht allzuferner Zeit.«
Hauberrisser verstand sofort, daß sie von ihm begleitet zu sein wünschte,
und half ihr in den Mantel, den der Diener hereingebracht hatte.
* * * * *
Die Kühle der Abenddämmerung lag feucht um die duftenden Linden, wie sie
durch den Park schritten. Steinerne griechische Statuen schimmerten weiß
aus dem Dunkel belaubter Bogengänge und träumten beim Plätschern der in den
verirrten Lichtern der Bogenlampen vom Schlosse her silbrig glitzernden
Fontänen.
»Darf ich Sie nicht zuweilen in Antwerpen besuchen kommen, Eva?« fragte
Hauberrisser gepreßt und fast schüchtern. »Sie verlangen von mir, ich soll
warten bis die Zeit uns zusammenbringt. Glauben Sie, daß es durch Briefe
besser geschieht, als wenn wir uns sehen? Wir fassen doch beide das Leben
anders auf als es die Menge tut, warum eine Wand zwischen uns schieben, die
uns nur trennen kann?«
Eva wandte den Kopf ab. »Wissen Sie denn wirklich genau, daß wir für
einander bestimmt sind? -- Das Zusammenleben zweier Menschen mag etwas sehr
Schönes sein, -- warum geschieht es dann so häufig, ja, beinah immer, daß
es nach kurzer Zeit in Abneigung und Bitternis endet? -- Ich habe mir schon
oft gesagt, daß etwas Unnatürliches darin liegen muß, wenn ein Mann sich an
eine Frau kettet. Es kommt mir so vor, als brächen ihm dadurch die Flügel.
-- -- Bitte, lassen Sie mich zu Ende sprechen, ich kann mir denken, was Sie
sagen wollen -- --«
»Nein, Eva,« unterbrach Hauberrisser rasch, »Sie irren; ich weiß, was Sie
fürchten, das ich sagen könnte; Sie wollen nicht hören, was ich für Sie
empfinde, und darum schweige ich auch darüber. -- Die Worte Sephardi's, so
ehrlich sie gemeint waren und so sehr ich aus tiefstem Herzen hoffe, daß
ihr Sinn in Erfüllung gehen möge, haben doch -- ich fühle das immer
schmerzlicher -- eine fast unübersteigbare Schranke zwischen uns gesetzt.
Wenn wir uns nicht mit aller Kraft bemühen, sie niederzureißen, wird sie
dauernd zwischen uns stehen. Und doch bin ich eigentlich innerlich froh,
daß es nicht anders gekommen ist. -- Daß eine Ehe aus Nüchternheit zwischen
uns geschlossen werden könnte, haben wir beide nicht zu befürchten; -- was
uns gedroht hat, -- verzeihen Sie, Eva, daß ich die Worte 'wir' und 'uns'
gebrauche, -- war, daß uns die Liebe und der Trieb allein zusammengeführt
hätten. -- Doktor Sephardi hat recht gehabt, als er sagte, der Sinn der Ehe
sei den Menschen verloren gegangen.«
»Das ist es doch, was mich quält,« rief Eva. »Ich stehe ratlos und hilflos
vor dem Leben wie vor einem gefräßigen, scheußlichen Ungeheuer. Alles ist
schal und abgenützt. Jedes Wort, das man gebraucht, ist staubig geworden.
Ich komme mir vor wie ein Kind, das sich auf eine Märchenwelt freut -- und
ins Theater geht und schminkebeklexte Komödianten sieht. -- Die Ehe ist zu
einer häßlichen Einrichtung herabgesunken, die der Liebe den Glanz raubt
und Mann und Frau zur bloßen Zweckmäßigkeit erniedrigt. Es ist ein
langsames, trostloses Versinken im Wüstensand. -- Warum ist es bei uns
Menschen nicht wie bei den Eintagsfliegen?« -- sie blieb stehen und blickte
sehnsüchtig zu einem lichtbeglänzten Brunnen hin, den goldene Wolken
schwärmender Falter wie ein wogender Feenschleier umgaben, -- »Jahre
kriechen sie als Würmer über die Erde, bereiten sie sich vor auf die
Hochzeit, wie auf etwas Heiliges, -- um einen einzigen kurzen Tag der Liebe
zu feiern und dann zu sterben.« -- Sie hielt plötzlich inne und schauderte.
Hauberrisser sah an ihren dunkel gewordenen Augen, daß ein Gefühl tiefster
Ergriffenheit über sie gekommen war. Er zog ihre Hand an seine Lippen.
Eine Weile stand sie regungslos, dann schlang sie langsam, wie in halbem
Schlaf, beide Arme um seinen Nacken und küßte ihn. -- -- -- --
»Wann wirst du mein Weib werden? Das Leben ist so kurz, Eva.«
Sie gab keine Antwort, und ohne ein Wort zu sprechen, gingen sie
nebeneinander her dem offenen Gittertor zu, vor dem der Wagen Baron
Pfeill's wartete, um Eva nach Hause zu bringen.
Hauberrisser wollte seine Frage wiederholen, ehe sie von ihm Abschied nahm;
sie kam ihm zuvor, blieb stehen und schmiegte sich an ihn.
»Ich sehne mich nach dir,« sagte sie leise, »wie nach dem Tod. Ich werde
deine Geliebte sein, ich weiß es gewiß, -- aber das, was die _Menschen_ Ehe
nennen, wird uns erspart bleiben.«
Er erfaßte die Bedeutung ihrer Worte kaum; er war wie betäubt von dem
Glück, sie in seinen Armen zu halten, -- dann teilte sich ihm der Schauer
mit, der noch in ihr lag, und er fühlte, daß sich ihm das Haar sträubte und
sie beide von einem eisigen Hauch umfangen wurden, als nähme der Engel des
Todes sie unter seine Schwingen und trüge sie beide weit weg von der Erde
in die Blütengefilde einer ewigen Wonne.
Als er aus dem Zustand der Starrheit erwachte, wich das fremdartige,
beseeligende Verzücktsein des Sterbens, das er empfunden hatte wie einen
alle Sinne verzehrenden Rausch, langsam von ihm und an dessen Stelle trat,
wie er dem Wagen nachblickte, der ihm Eva entführte, das Nagen einer
unbestimmten, qualvollen Angst, sie nie mehr wiederzusehen.