Sechstes Kapitel

Hauberrisser hatte bis gegen Mittag geschlafen, trotzdem spürte er eine

bleierne Müdigkeit in allen Gliedern, als er die Augen aufschlug.

Die Spannung, zu erfahren, was in der Rolle stand, die ihm in der Nacht

übers Gesicht gelaufen war, und woher sie gekommen sein könnte, hatte ihn

den ganzen Schlummer hindurch verfolgt wie das gewisse peinigende

Wartegefühl, das einem die Ruhe zu scheuchen pflegt, wenn man sich vor dem

Schlafengehen vornimmt, pünktlich zu einer gewissen Stunde und Minute zu

erwachen.

Er erhob sich, untersuchte die Wände der Nische, in der das Bett stand, und

fand auch bald ohne Mühe das aufklappbare Fach in der Täfelung, in dem sie

offenbar gelegen hatte. Bis auf eine zerbrochene Brille und ein paar

Kielfedern war es vollkommen leer und, nach den Tintenflecken zu schließen,

von dem früheren Bewohner des Zimmers als kleiner Hilfsschreibtisch benutzt

worden.

Hauberrisser bog die Blätter gerade und bemühte sich, sie einigermaßen zu

entziffern.

Die Schriftzüge waren stark verblaßt, an manchen Stellen bereits

unleserlich, und viele Seiten unter dem Einfluß der Mauerfeuchtigkeit

untrennbar zu schimmligem Pappendeckel zusammengebacken, so daß wenig

Hoffnung blieb, sich jemals im Inhalt zurechtfinden zu können.

Anfang und Ende fehlten, und das noch Vorhandene schien, wie die häufige

Ausstreichung von Sätzen verriet, eine Art Entwurf zu irgendeiner

schriftstellerischen Arbeit -- vielleicht zu einem Tagebuch -- zu sein.

Wer der Verfasser gewesen sein mochte, war nirgends ersichtlich,

ebensowenig Datum oder Jahreszahl, die einen Anhaltspunkt für das Alter des

Manuskriptes ergeben hätten.

Mißmutig wollte Hauberrisser die Rolle weglegen und sich wieder

ausstrecken, um die Stunden gestörten Schlummers nachzuholen, da fiel sein

Blick, wie er die Seiten ein letztes Mal durch die Finger laufen ließ, auf

einen Namen, der ihn so erschreckte, daß er einen Moment zweifelte, richtig

gelesen zu haben.

Leider war die Stelle bereits verblättert und seine Ungeduld, sie

wiederzufinden, machte die Arbeit des Suchens vergeblich.

Dennoch hätte er einen Eid schwören mögen, daß es der Name »Chidher Grün«

gewesen sein mußte, der ihm aus dem Dokument entgegengesprungen war. Er sah

ihn deutlich vor sich, wenn er die Augen schloß und sich die betreffende

Stelle vergegenwärtigte.

Die Sonne strahlte heiß durch das vorhanglose, breite Fenster herein; das

Zimmer mit den gelbseiden bespannten Wänden war mit goldenem Glanze

erfüllt, und doch, trotz all der Pracht des Mittagszaubers, faßte

Hauberrisser einen Augenblick das Grauen an; ein Grauen, das er bisher

nicht gekannt hatte, -- jenes Grauen, das ins Leben tritt ohne scheinbar

zureichenden Grund, aus der Nachtseite der Seele herüberschreit wie ein

Geschöpf der Dämmerung, um sich gleich darauf, geblendet vom Licht, wieder

spurlos zu verkriechen.

Er fühlte, daß es nicht von dem Manuskript ausging, auch nicht mit dem

abermaligen Hereinspielen des Namens Chidher Grün in Zusammenhang stand; --

es war das plötzliche, tiefe Mißtrauen gegen sich selbst, das ihm bei

hellem Tage den Boden unter den Füßen wegzog.

Rasch beendete er seine Toilette und klingelte.

»Sagen Sie mal, Frau Ohms,« fragte er die alte Haushälterin, die ihm seine

Junggesellenwirtschaft führte, als sie das Frühstück auf den Tisch stellte,

»wissen Sie zufällig, wer früher hier gewohnt hat?«

Die Alte dachte eine Weile nach.

»Gehört hat das Haus vor vielen Jahren, so weit ich mich erinnern kann,

einem bejahrten Herrn, der, wenn ich mich nicht irre, sehr reich und ein

Sonderling gewesen sein soll. Später stand es lange leer und ging dann in

den Besitz der Waisengelderverwaltung über, Mynheer.«

»Und haben Sie keine Ahnung, wie er geheißen hat und ob er noch lebt?«

»Kann leider nicht dienen, Mynheer.«

»Gut, ich danke.«

Hauberrisser machte sich daran, die Rolle nochmals durchzulesen.

Der erste Teil des Manuskriptes behandelte, wie er bald erkannte, einen

Rückblick des Verfassers und schilderte in kurzen, abgerissenen Sätzen das

Schicksal eines Menschen, der vom Unglück verfolgt, alles nur Erdenkliche

versucht hatte, um sich eine lebenswerte Existenz zu schaffen. Aber

jedesmal waren seine Bemühungen im letzten Augenblick gescheitert. -- Wieso

er später, gewissermaßen über Nacht, zu großen Reichtümern gelangt war,

ließ sich nicht ersehen, da ein paar Bogen fehlten.

Hauberrisser mußte mehrere Blätter, die völlig vergilbt waren, ausscheiden;

was darauf folgte, mochte einige Jahre später geschrieben worden sein, denn

die Tinte war frischer und die Handschrift zitterig, wie unter dem Einfluß

zunehmenden Lebensalters. Ein paar Sätze, deren Inhalt eine gewisse

Ähnlichkeit mit seiner eigenen Gemütsverfassung aufwies, notierte er sich

besonders, um den Zusammenhang besser überblicken zu können:

»Wer da glaubt, er hätte das Leben um seiner Nachkommen willen, belügt sich

selbst. Es ist nicht wahr: die Menschheit hat keinen Fortschritt gemacht.

Es scheint nur so. Sie hat nur Einzelne hervorgebracht, die wirklich

fortgeschritten sind. Im Kreise laufen, heißt: nicht vorwärts kommen. Wir

müssen den Kreis durchbrechen, sonst haben wir nichts getan. Die da wähnen,

das Leben beginne mit der Geburt und ende mit dem Tod, -- freilich, die

sehen den Kreis nicht; wie sollten sie ihn durchbrechen!«

Hauberrisser blätterte um.

Die ersten Worte oben am Rande, die er las, schlugen ihm ins Gesicht.

»Chidher Grün!«

Er hatte sich also doch nicht geirrt.

In atemloser Spannung durcheilte er die nächsten Zeilen. Sie gaben so gut

wie keinen Aufschluß. Der Name Chidher Grün bildete das Ende eines Satzes,

auf der Seite vorher fehlte der Anfang; sie gehörte demnach nicht dazu.

Keine Möglichkeit, die Spur weiter zu verfolgen, die doch mit Sicherheit

schließen ließ, daß der Verfasser der Schrift irgendeine feste Vorstellung

mit dem Namen verbunden, -- vielleicht sogar einen gewissen »Chidher Grün«

persönlich gekannt hatte.

Hauberrisser griff sich an den Kopf. Was da mit einemmal in sein Leben

getreten war, sah sich an, als treibe eine unsichtbare Hand ein boshaftes

Spiel mit ihm.

So interessant das Manuskript noch im selben Abschnitt zu werden versprach

-- er konnte die Geduld nicht mehr aufbringen, weiter zu lesen. Die

Buchstaben tanzten vor seinen Augen.

Er hatte es satt, sich noch länger von albernen Zufällen narren zu lassen.

»Ich werde der Sache ein Ende machen!« -- er rief nach der Haushälterin und

beauftragte sie, einen Wagen zu holen -- »Ich fahre ganz einfach in den

Vexiersalon und lasse mir den Herrn Chidher Grün herausrufen,« beschloß er.

Gleich darauf sah er ein, daß sein Vorhaben nicht viel mehr als einen

Schlag ins Wasser bedeutete, »denn«, überlegte er, »was kann der alte Jude

dafür, daß mich sein Name verfolgt wie ein Kobold?« -- aber Frau Ohms hatte

sich bereits auf den Weg gemacht.

Unruhig schritt er im Zimmer auf und ab.

»Ich benehme mich wie ein Wahnsinniger,« legte er sich zurecht; »was geht

mich die Sache eigentlich an? Statt in Ruhe dahinzuleben -- wie ein

Spießbürger,« ergänzte eine hämische Stimme in seiner Brust, und sofort

verwarf er den angefangenen Gedanken. »Hat mir das Schicksal noch nicht

genug Lehren gegeben,« sagte er sich vorwurfsvoll, »daß das Dasein ein

himmelschreiender Unsinn ist, wenn man es so lebt, wie die Menschheit es

tut? Selbst, wenn ich das Hirnverbrannteste begänne, das sich ausdenken

läßt, -- immer noch wäre es gescheiter, als zurückzufallen in den Trott des

Althergebrachten, dessen letztes Ziel ein zweckloser Tod ist.«

Der Ekel am Dasein meldete sich wieder leise in ihm, und er sah ein, daß

ihm nichts mehr blieb, -- wollte er sich von dem später oder früher

unabwendbaren Selbstmord aus Überdruß retten, -- als sich, eine Zeitlang

wenigstens, widerstandslos treiben zu lassen, bis ihm das Geschick entweder

über die Wende hinweg zu einem dauernd festen Standpunkt verhalf, oder ihm

mit ehernen Worten zurief: es gibt nichts neues unter der Sonne, der Zweck

des Lebens ist: zu sterben. --

Er nahm die Rolle, trug sie in sein Bücherzimmer und sperrte sie in seinen

Schreibtisch.

So argwöhnisch gegenüber der Möglichkeit sonderbarer Geschehnisse war er

bereits geworden, daß er das Blatt, auf dem der Name Chidher Grün obenan

stand, abtrennte und in seine Brieftasche steckte.

Es geschah nicht aus Aberglauben, sie könne verschwinden, sondern lediglich

aus dem Wunsche, das Papier greifbar bei sich zu tragen und nicht auf

Erinnerung allein angewiesen zu sein; -- es war die instinktive

Abwehrstellung eines Menschen, der die verwirrenden Einflüsse des

Gedächtnisses vermeiden will und nicht gesonnen ist, auf die Wahrnehmungen

durch die äußern Sinne zu verzichten, falls verblüffende Zufälle das

gewohnte Bild des Alltags ins Schwanken bringen sollten.

»Der Wagen steht unten,« meldete die Haushälterin, »und dies Telegramm ist

soeben abgegeben worden.«

»Bitte komm zuverlässig heute zum Tee. Größere Gesellschaft, unter andern

dein Freund Ciechoñski, leider auch die Rukstinat, Fluch und Enterbung,

wenn du mich im Stiche läßt.

Das grüne Gesicht: Ein Roman · 第 17 / 38 题