Die Elster unter dem Fensterbrett schackerte laut. --

Es hörte sich an, wie das Lachen eines teuflischen Kobolds.

Silbe für Silbe, Ton für Ton hatte die Stille die Worte und das hämische

Gelächter eingeschluckt mit gierigem, gespenstischem Mund. -- Sie waren

entstanden und verstummt wie das Herüberklingen eines Geschehnisses aus

biblischer Vorzeit, das in der Kammer eines armseligen Handwerkers spukhaft

wieder auferstand. -- -- -- --

Ein hallender Glockenschlag von der Nicolaskerk dröhnte durchs Zimmer und

zerriß mit seinem Vibrieren einen Augenblick den Bann.

»Ich möchte gehen, es greift mich zu sehr an,« wandte sich Eva flüsternd zu

Sephardi und ging zur Tür.

Sie wunderte sich, daß sie die Turmuhr die ganze Zeit über nicht gehört

hatte, wo doch erst wenige Stunden vorüber waren, daß es Mitternacht

geläutet haben mußte.

»Kann man den alten Mann so ohne Hilfe allein lassen?« -- fragte sie

Swammerdam, der die Übrigen stumm zur Eile antrieb, und blickte zu

Klinkherbogk hin. »Er scheint noch immer in Trance zu sein? Und auch das

Kind schläft.«

»Er wird bald erwachen, wenn wir fort sind,« beruhigte sie der

Schmetterlingssammler, aber durch seine Worte klang ein leiser Unterton

verhaltner Angst, -- »ich will später nach ihm sehen.«

Man mußte den Neger fast mit Gewalt hinausdrängen, -- seine Blicke hingen

fiebrig an den Goldmünzen auf der Tischplatte; Eva sah, daß Swammerdam ihn

nicht aus den Augen ließ und, als alle die Treppe hinuntergingen, rasch

umkehrte, die Dachkammer des Schuhmachers absperrte und den Schlüssel

einsteckte. -- -- --

Mary Faatz war vorausgelaufen, um den Gästen Mäntel und Hüte aus dem Zimmer

im vierten Stock zu bringen und dann einen Wagen zu holen.

»Wenn nur der König aus Mohrenland wiederkommt; wir haben ihn ohne Abschied

ziehen lassen; oh Gott, warum ist das Fest der Wiedergeburt so traurig

verlaufen!« jammerte Fräulein de Bourignon, als sie mit Swammerdam, der

ihnen das Geleite gegeben hatte und wortkarg mit verstörtem Gesicht neben

ihnen stand, vor dem Haustor auf die Droschke warteten, die sie in das

Béginenstift, Eva in ihr Hotel und Doktor Sephardi nach Hause bringen

sollte; -- aber das Gespräch stockte bald und wollte nicht wieder in Fluß

kommen.

Die Geräusche des Volksfestes in der Warmoesstraat waren erstorben, nur

hinter den verhängten Fenstern der Schenke am Zee Dyk spielte noch ein

Banjo wilde Tänze.

Die Wand des Hauses, die gegen die Nicolaskirche gekehrt war, lag in tiefem

Schatten, -- die andere Seite, auf der die Giebelkammer des Schusters hoch

über der Gracht in das ferne Nebelmeer des Hafens hineinsah, glitzerte naß

und weiß in grellem Mondlicht.

Eva trat an das Geländer, das die Gasse gegen die Gracht abschloß, und

blickte in das schwarze, unheimliche Wasser.

Wenige Meter von ihr entfernt berührte die eiserne Kette, die vom Dachkran,

am Fenster des Schuhmachers vorbei, herabhing, mit dem untern Ende einen

schmalen, kaum fußbreiten Mauervorsprung.

Ein Mann stand in einem Boot und machte sich an der Kette zu schaffen; als

er die helle Frauengestalt erblickte, bückte er sich rasch nieder und

wandte den Kopf weg.

Eva hörte den Wagen um die Ecke kommen und eilte fröstelnd zu Sephardi

zurück; -- einen Herzschlag lang, sie wußte nicht warum und wieso, war die

Erinnerung an die weißen Augen des Negers wieder in ihr wach geworden. --

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Der Schuster Klinkherbogk träumte, er ritte auf einem Esel durch die Wüste,

an seiner Seite die kleine Katje, und vor ihm her schritt als Führer der

Mann mit der Hülle vor dem Antlitz, der ihm den Namen Abram gegeben hatte.

Tag und Nacht ritt er so, da sah er am Himmel eine Luftspiegelung, und ein

Land, üppig und herrlich, wie er noch nie eins gesehen, senkte sich herab,

und der Mann sagte ihm, es hieße Morija.

Und Klinkherbogk klomm einen Berg empor, baute einen Holzstoß und legte

Katje oben darauf.

Dann reckte er seine Hand aus und faßte das Messer, daß er das Kind

schlachte. Sein Herz war kalt und ohne Mitleid, denn er wußte nach der

Schrift, daß er einen Widder opfern werde zum Brandopfer an Katjes Statt.

Und als er das Kind geopfert hatte, nahm der Mann die Hülle vom Gesicht,

das glühende Zeichen auf seiner Stirn verschwand und er sprach:

»Ich zeige dir, Abraham, mein Angesicht, auf daß du von nun an das Ewige

Leben habest. Das _Zeichen_ des Lebens aber nehme ich von meiner Stirne,

damit sein Anblick dir nimmermehr dein armes Hirn verbrenne. Denn meine

Stirn ist deine Stirn und mein Antlitz ist dein Antlitz. Dies, wisse, ist

in Wahrheit die »zweite Geburt«: daß du eins bist mit mir und erkennest,

daß ich, dein Führer zum Baum des Lebens, du selbst gewesen bist. --

Viele sind, die mein Gesicht gesehen haben, aber sie wissen nicht, daß es

die zweite Geburt bedeutet, darum mag es sein, daß sie das ewige Leben

jetzt nicht finden.

Noch einmal wird der Tod zu dir kommen, ehe du durch die schmale Pforte

schreitest, -- und vorher die Taufe mit Feuer als brennendes Bad des

Schmerzes und der Verzweiflung.

Du hast es selbst so gewollt.

Dann aber wird deine Seele in das Reich, das ich dir bereitet habe,

eingehen, so wie ein Vogel aus seinem Kerker fliegt ins ewige Morgenrot.«

--

Klinkherbogk sah, daß das Antlitz des Mannes aus grünem Golde war und den

ganzen Himmel erfüllte, und er erinnerte sich einer Zeit, da er als junger

Mensch, um denen den Pfad ebnen zu helfen, die nach ihm kämen, im Gebet ein

Gelübde getan hatte, er wolle keinen Schritt mehr vorwärts gehen auf dem

geistigen Wege, es sei denn, daß der Herr des Schicksals die Bürde einer

ganzen Welt auf ihn lege.

Der Mann verschwand.

Klinkherbogk stand in tiefer Finsternis und hörte ein donnerndes Rollen,

das langsam verblaßte, bis es nur mehr klang, als rassele in weiter Ferne

ein Wagen über holpriges Pflaster. Allmählich kam er zu sich, das Traumbild

in seinem Gedächtnis verblich und er sah, daß er in seiner Dachkammer war

und -- eine blutige Ahle in der Hand hielt.

Der Docht der herabgebrannten Kerze kämpfte mit dem Verlöschen und der

flackernde Schein ließ das Gesicht der kleinen Katje, die erstochen auf dem

zerschlissenen Divan lag, fahl aus der Dunkelheit aufzucken.

Der Wahnwitz einer grenzenlosen Verzweiflung fiel über Klinkherbogk her.

Er wollte sich die Ahle in die Brust stoßen, -- die Hand gehorchte ihm

nicht. Er wollte aufbrüllen wie ein Tier, -- ein Krampf hatte seine

Kinnlade gepackt und er konnte den Mund nicht öffnen, -- er wollte sich den

Schädel an der Wand zerschmettern, -- seine Füße taumelten, als wären sie

in den Gelenken zerbrochen.

Der Gott, zu dem er sein ganzes Leben lang gebetet hatte, wachte in seinem

Herzen auf, zur grinsenden Teufelsfratze verwandelt.

Er wankte zur Tür um Hilfe zu holen, rüttelte daran, bis er zusammenfiel,

-- die Tür war verschlossen.

Dann schleppte er sich zum Fenster, riß es empor und wollte nach Swammerdam

schreien, -- da hing zwischen Himmel und Erde ein schwarzes Gesicht und

starrte ihn an.

Der Neger, der an der Kette heraufgeklettert war, schwang sich ins Zimmer.

Einen Augenblick sah Klinkherbogk einen schmalen, roten Streifen unter den

Wolken im Osten; -- wie ein Blitz kam ihm die Erinnerung wieder an seinen

Traum, und er breitete sehnsüchtig die Arme nach Usibepu aus wie nach dem

Erlöser.

Der Neger prallte entsetzt zurück, als er das verklärte Lächeln in

Klinkherbogks Zügen bemerkte, dann sprang er auf ihn zu, faßte ihn am Hals

und brach ihm das Genick.

Eine Minute später hatte er sich die Taschen mit dem Gold vollgestopft und

schleuderte die Leiche des Schusters aus dem Fenster.

Klatschend fiel sie in die trüben, stinkenden Gewässer der Gracht, und über

den Kopf des Mörders hinweg flog die Elster in die Morgendämmerung mit dem

jauchzenden Jubelruf: »Abraham! Abraham!«

Das grüne Gesicht: Ein Roman · 第 16 / 38 题