Pfeill sah erstaunt auf. »Haben Sie mir deshalb telegraphiert?«

»Ja. Wir waren gestern in Leyden, um das Bild zu besichtigen, erfuhren

jedoch, daß niemals ein ähnliches Gemälde in der Sammlung existiert habe.

Direktor Holwerda, den ich gut kenne, versicherte mir, es hingen überhaupt

keine Bilder dort, da das Museum nur ägyptische Altertümer und -- -- --«

»Erlauben Sie, daß ich dem Herrn erzähle, warum mich die Sache so

interessiert?« mischte sich die junge Dame lebhaft in das Gespräch. »Ich

möchte Sie nicht mit einer breiten Schilderung meiner Familienverhältnisse

langweilen, Baron, ich will daher nur kurz sagen: in das Leben meines

verstorbenen Vaters, den ich unendlich geliebt habe, spielte ein Mensch,

oder -- es klingt vielleicht sonderbar -- eine 'Erscheinung' hinein, die

oft monatelang sein ganzes Denken erfüllte.

Ich war damals noch zu jung -- vielleicht auch zu lebenslustig -- um das

Innenleben meines Vaters zu begreifen, (meine Mutter war schon lange tot)

aber jetzt ist plötzlich alles von damals wieder in mir wach geworden, und

eine beständige Unruhe quält mich, Dingen nachzugehen, die ich längst hätte

verstehen lernen sollen.

Sie werden denken, ich sei überspannt, wenn ich Ihnen sage, ich möchte

lieber heute als morgen aufhören zu leben. -- Der blasierteste Genußmensch

kann, glaube ich, dem Selbstmord nicht näher sein als ich;« -- sie war mit

einemmal ganz verwirrt geworden und faßte sich erst, als sie sah, daß

Pfeill ihr mit tiefem Ernst zuhörte und die Stimmung, in der sie sich

befand, sehr rasch zu verstehen schien. -- »Ja, und das mit dem Bild, oder

der 'Erscheinung': welche Bewandtnis es damit hatte? Ich weiß so gut wie

nichts darüber. Ich weiß nur, mein Vater sagte oft, wenn ich -- damals noch

ein Kind -- ihn über Religion oder über den lieben Gott fragte, daß eine

Zeit nahe bevorstünde, wo der Menschheit die letzten Stützen fortgerissen

würden und ein geistiger Sturmwind alles wegfegen würde, was jemals Hände

aufgebaut hätten.

Nur jene seien gefeit gegen den Untergang, die -- das waren genau seine

Worte -- die das erzgrüne Antlitz des Vorläufers, des Urmenschen, der den

Tod nicht schmecken wird, in sich schauen können.

Als ich dann jedesmal neugierig in ihn drang und wissen wollte, wie dieser

Vorläufer aussehe, ob er ein lebender Mensch sei oder ein Gespenst oder der

liebe Gott selbst, und woran ich ihn erkennen könne, wenn ich ihm auf dem

Wege zur Schule gelegentlich begegnen sollte, sagte er immer: Sei ruhig,

mein Kind, und grüble nicht. Er ist kein Gespenst, und wenn er auch einmal

zu dir kommen wird wie ein Gespenst, so fürchte dich nicht, er ist der

einzige _Mensch_ auf Erden, der _kein_ Gespenst ist. Auf der Stirne trägt

er eine schwarze Binde, darunter ist das Zeichen des ewigen Lebens

_verborgen_, denn wer das Zeichen des Lebens offen trägt und nicht tief

innen verborgen, der ist gebrandmarkt wie Kain. Und schritte er auch im

Glanz einher wie ein wandelndes Licht: er wäre ein Gespenst und ein Raub

der Gespenster. Ob er Gott ist, das kann ich dir nicht sagen; du würdest's

nicht begreifen. Begegnen kannst du ihm überall, am wahrscheinlichsten

dann, wenn du es am wenigsten erwartest. Nur reif mußt du dazu sein. Auch

Sankt Hubertus hat den fahlen Hirsch mitten im Getümmel der Jagd erblickt,

und als er ihn mit der Armbrust töten wollte. --«

»Als dann viele Jahre später« -- fuhr Fräulein van Druysen nach einer Pause

fort -- »der grauenhafte Krieg kam und das Christentum sich so unsagbar

blamierte --«

»Verzeihen Sie: die Christenheit! Das ist das Gegenteil,« unterbrach Baron

Pfeill lächelnd.

»Ja, natürlich. Das meine ich: die Christenheit; -- da dachte ich, mein

Vater hätte prophetisch die Zukunft geschaut und auf das große Blutbad

angespielt --«

»Sicher hat er den Krieg nicht gemeint,« fiel Sephardi ruhig ein, »äußere

Geschehnisse wie ein Krieg, und mögen sie noch so entsetzlich sein,

verhallen wie harmloser Donner an den Ohren _aller_ derer, die den Blitz

nicht gesehen haben, und vor deren Füßen es nicht eingeschlagen hat; sie

fühlen bloß das 'Gott sei Dank, mich hat's nicht getroffen'.

Der Krieg hat die Menschen in zwei Teile gerissen, die einander nie mehr

verstehen können, -- die einen haben in die Hölle geblickt und tragen das

Schreckbild stumm in der Brust ihr Lebtag lang, bei den andern ist es kaum

mehr als Druckerschwärze. Zu diesen gehöre auch ich.

Ich habe mich genau geprüft und mit Entsetzen an mir erkannt und sage es

ohne Scheu offen heraus: das Leid der Abermillionen ist spurlos an mir

abgeglitten. Warum lügen?! Wenn andere von sich das Gegenteil sagen und sie

sprechen die Wahrheit, will ich gern und demütig vor ihnen den Hut ziehen;

aber ich kann ihnen nicht glauben; es ist mir unmöglich zu denken, daß ich

so viel tausendmal verworfener bin als sie. -- Aber entschuldigen Sie,

gnädiges Fräulein, ich habe Sie unterbrochen.«

»Er ist ein Mensch mit einer aufrechten Seele, der sich der Blöße seines

Herzens nicht schämt,« dachte Baron Pfeill und warf einen Blick voll Freude

in das dunkelhäutige stolze Gelehrtengesicht Sephardis.

»Da glaubte ich, mein Vater hätte auf den Krieg angespielt,« nahm die junge

Dame ihre Erzählung wieder auf, »aber allmählich fühlte ich, was heute

jeder spürt, der nicht von Stein ist, -- daß eine würgende Schwüle aus dem

Erdboden steigt, die mit dem Tod nicht verwandt ist, und diese Schwüle,

dieses Nicht-leben-und-nicht-sterben-Können, wird mein Vater, denke ich,

mit den Worten gemeint haben: Die letzten Stützen werden der Menschheit

fortgerissen.

Als ich nun Doktor Sephardi von dem erzgrünen Gesicht des Urmenschen, wie

ihn mein Vater nannte, erzählte, und ihn, da er doch in solchen Gebieten

ein großer Forscher ist, bat, mir zu sagen, was ich von all dem halten

solle, und ob nicht vielleicht mehr dahinter stecken könne als eine

Wahnvorstellung meines Vaters, erinnerte er sich, von Ihnen, Baron, gehört

zu haben, Sie kennten ein Porträt -- -- --«

»das leider nicht existiert,« ergänzte Pfeill. »Ich habe Doktor Sephardi

von diesem Bild erzählt, alles das stimmt; auch daß ich -- allerdings seit

ungefähr einer Stunde nicht mehr -- fest überzeugt war, das Bild vor

Jahren, -- wie ich annahm, in Leyden, -- gesehen zu haben, stimmt.

Jetzt stimmt für mich nur noch das eine: ich habe es sicher niemals im

Leben gesehen. Weder in Leyden, noch irgendwo anders.

Heute Nachmittag sprach ich noch mit einem Freund über das Bild, sah es in

der Erinnerung in einem Rahmen an einer Wand hängen; dann, als ich zum

Bahnhof ging, um nach Hause zu fahren, erkannte ich plötzlich, daß dieser

Rahmen nur scheinbar, so wie hinzuphantasiert, das Bildnis des olivgrünen

Gesichtes in meinem Gedächtnis umgab, und ich ging sofort in die

Heerengracht zu Doktor Sephardi, um mich zu überzeugen, ob ich ihm damals

vor Jahren wirklich von dem Porträt erzählte, oder auch das am Ende nur

geträumt hätte.

Wie das Bild in meinen Kopf gekommen sein mag, ist mir ein unlösbares

Rätsel. Es hat mich früher oft bis in den Schlaf verfolgt; ob ich auch

geträumt habe, es hinge in Leyden in einer Privatsammlung, und die

Erinnerung an diesen Traum dann für ein Begebnis der Wirklichkeit gehalten

habe?

Noch verwickelter wird die Sache für mich dadurch, daß, während Sie,

gnädiges Fräulein, vorhin von Ihrem Vater erzählten, mir das Gesicht wieder

mit geradezu betäubender Deutlichkeit erschien, -- nur anders, lebendig,

beweglich, mit bebenden Lippen, als wolle es sprechen, nicht mehr tot und

starr wie ein Gemälde -- --.«

Er brach plötzlich seine Rede ab und schien nach innen zu lauschen, so als

ob das Bild ihm etwas zuflüstere.

Auch Sephardi und die junge Dame schwiegen betroffen.

Von der Heerengracht herauf ertönte klangvoll das Spiel einer der großen

Orgeln, wie sie in Amsterdam auf ponybespannten Wagen abends zuweilen

langsam durch die Straßen fahren.

»Ich kann nur annehmen,« begann Sephardi nach einer Weile, »daß es sich in

diesem Falle bei Ihnen um einen sogenannten hypnoiden Zustand handelt, --

daß Sie einmal im Tiefschlaf, also ohne bewußte Wahrnehmung, irgend etwas

erlebt haben, das sich dann später unter der Maske eines Porträts in die

Begebenheiten des Tages einschlich und mit diesen zu scheinbarer

Wirklichkeit verwuchs. -- Sie müssen nicht fürchten, daß so etwas krankhaft

oder abnormal wäre,« fügte er hinzu, als er sah, daß Pfeill eine abwehrende

Handbewegung machte, »solche Dinge kommen weit häufiger vor, als man

glaubt, und wenn man ihren wahren Ursprung aufdecken könnte: -- ich bin

überzeugt, wie Schuppen würde es uns von den Augen fallen und wir wären mit

einem Schlage eines zweiten fortlaufenden Lebens teilhaftig, das wir in

unserem jetzigen Zustand im Tiefschlaf führen, ohne es zu wissen, weil es

jenseits unseres körperlichen Daseins liegt und während unseres

Zurückwanderns über die Brücke des Traumes, die Tag und Nacht verbindet,

vergessen wird. -- Was die Ekstatiker der christlichen Mystik von der

'Wiedergeburt' schreiben, ohne die es unmöglich sei, 'das Reich Gottes zu

schauen', scheint mir nichts anderes zu sein, als ein Aufwachen des bis

dahin wie tot gewesenen Ichs in einem Reich, das unabhängig von den äußeren

Sinnen existiert, -- im 'Paradies', kurz und gut.« -- Er holte ein Buch aus

einem Spind und deutete auf ein Bild darin. »Der Sinn des Märchens vom

Dornröschen hat sicherlich darauf Bezug, und ich wüßte nicht, was diese

alte, alchemistische illustrierte Darstellung der 'Wiedergeburt' hier: ein

nackter Mensch, der aus einem Sarge aufsteht und daneben ein Totenschädel

mit einer brennenden Kerze auf dem Scheitel, anders bedeuten sollte? --

Übrigens, da wir gerade von christlichen Ekstatikern sprechen: Fräulein van

Druysen und ich gehen heute Abend zu einer solchen Versammlung, die am Zee

Dyk stattfindet. Kurioserweise spukt auch dort das olivgrüne Gesicht.«

»Am Zee Dyk?« jubelte Pfeill, »das ist doch das Verbrecherviertel! Was hat

man Ihnen denn da wieder aufgebunden?«

»Es ist nicht mehr so schlimm wie früher, höre ich, nur eine einzige,

allerdings sehr üble Matrosenschenke 'Zum Prins van Oranje' ist noch

vorhanden; sonst leben nur harmlose, arme Handwerker in der Gegend.«

»Auch ein greiser Sonderling mit seiner Schwester, ein verrückter

Schmetterlingssammler namens Swammerdam, der sich in freien Stunden

einbildet, der König Salomo zu sein. Wir sind bei ihm zu Gast geladen,«

fiel die junge Dame fröhlich ein; »meine Tante, ein Fräulein de Bourignon,

verkehrt täglich dort. -- Nun -- was sagen Sie jetzt, was für vornehme

Beziehungen ich habe? -- Um Irrtümern vorzubeugen: sie ist nämlich eine

ehrwürdige Stiftsdame aus dem Béginenkloster und von überschäumender

Frömmigkeit.«

»Was?! Der alte Jan Swammerdam lebt noch?« rief Baron Pfeill lachend, »der

muß doch schon neunzig Jahre alt sein? Hat er immer noch seine

zweifingerdicken Gummisohlen?«

»Sie kennen ihn? Was ist das eigentlich für ein Mensch?« fragte Fräulein

van Druysen lustig erstaunt. »Ist er wirklich ein Prophet, wie meine Tante

behauptet? Bitte, erzählen Sie mir doch von ihm.«

»Mit Vergnügen, wenn's Ihnen Spaß macht, mein Fräulein. Nur muß ich mich

ein wenig eilen und quasi jetzt schon Abschied von Ihnen nehmen, sonst

versäume ich abermals meinen Zug. Jedenfalls Adieu im Voraus. Aber Sie

dürfen nichts Unheimliches oder dergleichen erwarten -- die Sache ist

lediglich komisch.«

»Umso besser.«

»Also: Ich kenne Swammerdam seit meinem vierzehnten Jahr, -- später verlor

ich ihn natürlich aus den Augen.

Ich war damals ein fürchterlicher Lausbub und betrieb alles, das Lernen

selbstverständlich ausgenommen, wie ein Besessener. Unter anderem den

Terrariensport und das Insektensammeln.

Wenn's wo einen Ochsenfrosch oder eine asiatische Kröte von Handkoffergröße

in einem Naturaliengeschäft gab, schon daß ich sie besaß und in großen

heizbaren Glaskästen bändigte.

Nachts war ein Gequake, daß in den Nachbarhäusern die Fenster klirrten.

Und was das Viehzeug an Ungeziefer zum Fressen brauchte! Säckeweis mußte

ich es herbeischaffen.

Daß es heute in Holland so wenig Fliegen mehr gibt, ist ausschließlich

meiner damaligen Gründlichkeit beim Futtersammeln zu verdanken.

Zum Beispiel die Schwaben -- die habe _ich_ ausgerottet.

Die Frösche selbst bekam ich nie zu Gesicht; bei Tage waren sie unter den

Steinen verkrochen, und nachts bestanden meine Eltern hartnäckigerweise

darauf, daß ich schliefe.

Schließlich riet mir meine Mutter, ich solle die Biester freilassen und

bloß die Steine behalten -- es käme auf dasselbe heraus und sei einfacher

-- aber ich wies solche verständnislosen Vorschläge natürlich entrüstet

zurück.

Meine Emsigkeit im Insektenfangen wurde allmählich Stadtgespräch und zog

mir eines Tages das Wohlwollen des entomologischen Vereins zu, der damals

aus einem ixbeinigen Barbier, einem Pelzhändler, drei pensionierten

Lokomotivführern und einem Präparator am naturwissenschaftlichen Museum

bestand, der jedoch an den Sammelausflügen nicht mitmachen durfte, da seine

Frau es nicht erlaubte. Es waren lauter gebrechliche alte Herren, die teils

Käfer, teils Schmetterlinge sammelten und eine seidene Fahne verehrten, auf

der die Worte eingestickt waren: Osiris, Verein für biologische Forschung.

Trotz meiner Jugend wurde ich als Mitglied aufgenommen. Noch heute besitze

ich das Diplom, das mit den Worten schließt: 'Wir entbieten Ihnen unsern

besten biologischen Gruß'.

Warum man auf meinen Eintritt in den Klub so versessen war, wurde mir bald

klar. Sämtliche biologische Greise waren nämlich entweder halb blind und

infolgedessen außerstande, die in Baumritzen versteckten Nachtfalter zu

erspähen, oder es machte sich ihnen das Vorhandensein von Krampfadern bei

dem zur Käferjagd nicht zu missenden Dünensandwaten störend bemerkbar.

Andere wieder wurden regelmäßig -- wahrscheinlich infolge der Aufregung --

beim Schwingen des Netzes nach dem hurtigen Pfauenauge im entscheidenden

Augenblick von einem rasselnden Hustenausbruch befallen, der sie der

erhofften Beute jedesmal verlustig gehen ließ.

Von allen diesen Bresthaftigkeiten besaß ich keine einzige, und eine Raupe

mehrere Kilometer weit auf einem Blatt zu entdecken, war mir eine

Kleinigkeit; kein Wunder daher, daß die findigen Greise auf den Gedanken

gekommen waren, sich meiner und noch eines Schulkameraden von mir als Spür-

und Jagdhund zu bedienen.

Nur einer von ihnen, eben jener Jan Swammerdam, der damals bestimmt schon

fünfundsechzig Jahre zählte, übertraf mich weit, was das Auffinden von

Insekten anbelangte. Er brauchte nur einen Stein umzudrehen, und schon lag

eine Käferlarve oder sonst etwas Ersehnenswertes darunter.

Er stand im Geruch, die Gabe des Hellsehens auf diesem Gebiete als Folge

eines mustergiltigen Lebenswandels in sich erweckt zu haben. -- Sie wissen

ja, Holland hält viel von Tugend!

Ich habe ihn nie anders gesehen als in einem schwarzen Gehrock, den

kreisförmigen Abdruck eines unter die Weste geschobenen

Schmetterlingsnetzes zwischen den Schulterblättern und unter den Schößen,

ein kurzes Stück herausragend, den grünen Stiel davon.

Weshalb er nie einen Hemdkragen trug, sondern statt dessen um den Hals die

zusammengefaltete Borte einer alten Leinwandlandkarte, erfuhr ich, als ich

ihn einmal in seiner Dachkammer besuchte. Ich kann nicht hinein, erklärte

er mir und deutete auf einen Schrank, der seine Wäsche enthielt: Hybocampa

Milhauseri -- das ist nämlich eine seltene Raupe -- hat sich dicht neben

dem Scharnier verpuppt und braucht drei Jahre, bis sie auskriecht.

Bei unsern Exkursionen benutzten wir alle die Eisenbahn; nur Swammerdam

ging hin und her zu Fuß, denn er war zu arm, um die Kosten zu erschwingen,

und damit er sich die Schuhsohlen nicht durchlief, bestrich er sie mit

einer geheimnisvollen Kautschuklösung, die im Laufe der Zeit zu einer

mehrere Finger dicken Lavaschicht erhärtete. Ich sehe sie heut noch vor

mir.

Seinen Lebensunterhalt bestritt er durch den Verkauf seltener

Schmetterlingsbastarde, die zu züchten ihm bisweilen gelang, doch reichte

der Erlös nicht, um zu verhindern, daß seine Gattin, die stets nur ein

liebevolles Lächeln für seine Marotten hatte und geduldig die Armut mit ihm

trug, eines Tages an Entkräftung starb. --

Seit jener Zeit vernachlässigte Swammerdam die finanzielle Seite des

Daseins ganz und gar und lebte nur noch seinem Ideal, nämlich: einen

gewissen grünen Mistkäfer zu finden, von dem die Wissenschaft behauptet, er

kapriziere sich darauf, genau siebenunddreißig Zentimeter unter der Erde

vorzukommen, und auch da nur an Orten, deren Oberfläche mit Schafdünger

bedeckt sei.

Mein Schulkamerad und ich bezweifelten dieses Gerücht aufs lebhafteste,

waren aber in der Verworfenheit unserer jugendlichen Herzen ruchlos genug,

von Zeit zu Zeit Schafmist, den wir zu diesem Behuf immer in der Tasche zu

tragen pflegten, an besonders harten Stellen der Dorfstraßen heimlich

auszustreuen und uns indianerhaft zu freuen, wenn Swammerdam bei seinem

Anblick wie ein irrsinnig gewordener Maulwurf sofort zu graben anfing.

Eines Morgens jedoch begab sich buchstäblich ein Wunder, das uns aufs

tiefste erschütterte.

Wir machten einmal wieder einen Ausflug; voran trabten die Greise und

meckerten das Vereinslied:

'Eu--prep--ia

pudica (das ist nämlich der lateinische Name eines sehr schönen

Bärenspinners)

sind leider keine da,

doch wären welche hier,

steckt' ich sie gleich zu mir'

und den Zug schloß, baumlang, hager, schwarz gekleidet wie immer, und den

Handspaten gezückt: Jan Swammerdam. Auf seinem lieben, alten Gesicht lag

der Ausdruck geradezu biblischer Verklärung, und als man ihn nach der

Ursache fragte, sagte er nur geheimnistief, er hätte in der Nacht einen

verheißungsvollen Traum gehabt.

Gleich darauf ließen wir unauffällig eine Prise Schafmist fallen.

Swammerdam erspähte sie, blieb stehen, entblößte sein Haupt, tat einen

tiefen Atemzug und blickte, von Hoffnung und Glauben durchschauert, lange

zur Sonne auf, bis seine Pupillen ganz klein wie Nadelköpfe waren; dann

beugte er sich nieder und fing an zu scharren, daß die Steine nur so

flogen.

Mein Schulkamerad und ich standen dabei, und in unsern Herzen frohlockte

der Satan.

Plötzlich wurde Swammerdam totenblaß, ließ den Spaten fallen und starrte,

die Hände verkrampft und an den Mund gedrückt, in das Loch, das er gewühlt

hatte.

Gleich darauf holte er mit zitternden Fingern einen grünschillernden

Mistkäfer aus der Tiefe hervor.

Er war so ergriffen, daß er lange kein Wort sprechen konnte, nur zwei dicke

Tränen liefen an seinen Wangen herunter; endlich sagte er leise zu uns:

heute Nacht im Traum ist mir der Geist meiner Frau erschienen mit

leuchtendem Angesicht wie eine Heilige, und sie hat mich getröstet und mir

verheißen, daß ich den Käfer finden werde. --

Wir zwei Lausbuben schlichen uns stumm weg wie Verbrecher und konnten

einander an diesem Tag vor Scham nicht mehr ins Gesicht sehen.

Mein Schulkamerad sagte mir später, er habe sich noch lange vor seiner

eigenen Hand entsetzt, die in demselben Momente, als er mit dem alten Mann

einen grausamen Scherz habe machen wollen, vielleicht das Werkzeug einer

Heiligen gewesen sei.«

* * * * *

Als es dunkel geworden war, begleitete Doktor Sephardi Fräulein van Druysen

zum Zee Dyk, einer krummen, stockfinsteren Gasse, die sich im

unheimlichsten Viertel Amsterdams am Zusammenfluß zweier Grachten in

unmittelbarer Nähe der düstern Nicolas Kerk hinzog.

Über den Häusergiebeln der benachbarten Warmoesstraat, in der die

sommerliche Kirmes bereits in vollem Gange war, stieg der rötliche Schein

der beleuchteten Schaubuden und Zelte zum Himmel empor und verdichtete die

Luft, vermischt mit dem weißen Dunst der Stadt und dem grellen Glitzern des

Vollmonds auf den Dächern, zu einem phantastisch schillernden Nebelhauch,

in dem die Schlagschatten der Kirchtürme als lange spitzige Dreiecke aus

schwarzem Schleier schwebten.

Wie das Pochen eines großen Herzens tönte das Schlapfen der Motore herüber,

die die zahlreichen Karussels drehten.

Das atemlose Geklingel der Leierkasten, das Wirbeln der Trommeln und die

schrillen Stimmen der Ausrufer, unterbrochen von dem Peitschenknallen aus

den Schießbuden, vibrierten durch die dunkeln Straßen und ließen ein von

Fackelglanz beschienenes Bild ahnen, in dem eine wogende Volksmenge

Bretterstände voll Pfefferkuchen, farbigem Zuckerwerk und zottig bebarteten

Menschenfressergesichtern aus geschnitzten Kokosnüssen, umdrängte; im

Kreise umhersausende, buntbemalte Ringelspielpferde, auf- und niederjagende

Schaukeln, nickende Mohrenköpfe mit weißen Gipspfeifen als Zielscheiben,

ungehobelte Tische mit reihenweise eingesteckten Taschenmessern, um mit

Ringen darnach zu werfen, fettglänzende Seehunde in hölzernen Bassins voll

schmutzigen Wassers, Zelte mit wehenden Wimpeln und wackelnden

Spiegelfacetten, kreischende Kakadus in silbernen Reifen, Fratzen

schneidende Affen und im Hintergrund, Schulter an Schulter: Reihen schmaler

Häuser wie eine Schar stumm zuschauender schwärzlicher Riesen mit weißen,

viereckig vergitterten Augen. -- --

Die Wohnung Jan Swammerdams lag im vierten Stock abseits von dem Getriebe

des lärmenden Volksfestes in einem schief nach vorne gesunkenen Gebäude, in

dessen Keller sich die berüchtigte Matrosenschenke »Prins van Oranje«

befand.

Ein mürber Staubgeruch nach Kräutern und getrockneten Pflanzen, dem kleinen

Drogenmagazin neben dem Eingang entströmend, erfüllte das Innere des Hauses

bis hinauf zum Dach, und ein Ladenschild mit der Lockschrift: »Hier

verkoopt men sterke dranken« verriet, daß außerdem noch ein gewisser

Lazarus Eidotter tagsüber eine Schnapsbudike in den Gefilden des Zee Dyk

betrieb.

Doktor Sephardi und Fräulein van Druysen kletterten die hühnersteigartige

Treppe hinauf und wurden sogleich von einer alten Dame mit schneeweißen

Locken und kreisrunden Kinderaugen, der Tante Fräulein van Druysens, voll

Herzlichkeit mit den Worten empfangen: »Willkommen, Eva, und willkommen

auch du, König Balthasar, im neuen Jerusalem!« --

Eine Versammlung von sechs Leuten, die alle andächtig um einen Tisch herum

gesessen hatten, erhoben sich verlegen, als die beiden eintraten, und

wurden von Fräulein de Bourignon vorgestellt:

»Hier Jan Swammerdam und seine Schwester,« -- ein altes verhutzeltes

Weiblein mit holländischer Haube und »Krulletjes« an den Ohren knixte

unaufhörlich, -- »dann Herr Lazarus Eidotter, der zwar nicht zu unserm

geistigen Kreis gehört, aber er ist 'Simon der Kreuzträger',« -- (»und im

selben Hoose wohn' jach ooch, mit Verloob,« ergänzte stolz der Angeredete,

ein greisenhafter, russischer Jude im Talar), -- »ferner Fräulein Mary

Faatz von der Heilsarmee -- sie hat den Geistesnamen Magdalena -- und unser

lieber Bruder Hesekiel« -- sie wies auf einen jungen Menschen mit

blatternarbigem, verschwommenem Gesicht, das aussah, als wäre es aus

Brotteig geknetet, und wimperlosen, entzündeten Augen, »er ist Angestellter

unten in dem Drogengeschäft und trägt den Geistesnamen Hesekiel, weil er,

wenn die Zeit erfüllt ist, die Geschlechter richten wird.«

Doktor Sephardi warf einen ratlosen Blick auf Fräulein van Druysen.

Ihre Tante, die es bemerkte, erklärte: »Wir tragen alle Geistesnamen; zum

Beispiel Jan Swammerdam ist der König Salomo, seine Schwester heißt

Sulamith und ich bin 'Gabriele', das ist die weibliche Form des Erzengels

Gabriel, aber gewöhnlich nennt man mich die Hüterin der Schwelle, denn mir

liegt es ob, die zerstreuten Seelen im Weltall zu sammeln und ins Paradies

zurückzuführen. Doch das werden Sie später alles besser verstehen, Herr

Doktor, denn Sie gehören zwar zu uns, aber ohne es zu wissen; Ihr

Geistesname ist König Balthasar! Haben Sie noch nie Kreuzigungsschmerzen

gehabt?«

Sephardi wurde immer verwirrter.

»Schwester Gabriele geht, fürchte ich, ein wenig zu stürmisch vor,« nahm

Jan Swammerdam lächelnd das Wort. »Vor vielen Jahren ist nämlich hier im

Hause ein wahrer Prophet des Herrn erstanden, ein schlichter Schuhmacher

namens Anselm Klinkherbogk. Sie werden ihn heute noch kennen lernen. Er

wohnt über uns.

Wir sind keineswegs Spiritisten, wie Sie vielleicht annehmen, Mynheer;

fast, möchte ich sagen, das Gegenteil, denn wir haben nichts zu tun mit dem

Reiche der Toten. Unser Ziel ist das ewige Leben. -- Jedem Namen nun liegt

eine geheime Kraft inne, und wenn wir diesen Namen mit geschlossenen Lippen

in unser Herz hineinsprechen, unablässig, bis er für Tag und Nacht

beständig unser Wesen erfüllt, so ziehen wir die geistige Kraft in unser

Blut hinein, das, in den Adern kreisend, mit der Zeit unsern Körper

verändert.

Diese allmähliche Wandlung unseres Leibes, -- denn nur er allein muß

verändert werden, der Geist an sich ist bereits vollkommen seit Anbeginn,

-- gibt sich in allerlei Gefühlen kund, die die Vorboten des Zustandes

sind, der 'geistige Wiedergeburt' heißt.

Ein solches Gefühl ist zum Beispiel die Empfindung eines gewissen

bohrenden, nagenden Schmerzes, der zeitweilig kommt und geht, ohne daß wir

erkennen können warum, anfangs nur im Fleische wühlt, dann aber die Knochen

ergreift und uns ganz durchdringt, bis, als Zeichen der 'ersten Taufe', das

ist die 'Taufe mit Wasser', die Kreuzigung des untern Grades erreicht ist,

das heißt: Wundmale an den Händen auf unbegreifliche Weise sich öffnen und

Wasser daraus hervortritt,« -- er und die übrigen, mit Ausnahme Lazarus

Eidotters, hoben die Hände in die Höhe, und man sah tiefe, runde Narben

darin wie von Nägelwunden.

»Aber das ist ja Hysterie!« rief Fräulein van Druysen entsetzt.

»Nennen Sie es ruhig Hysterie, Mejufrouw; _die_ 'Hysterie', unter der _wir_

stehen, ist nichts Krankhaftes. Zwischen Hysterie und Hysterie ist ein

großer Unterschied. Nur diejenige Hysterie, die Hand in Hand geht mit

Ekstase und Geistesverwirrung, ist einer Krankheit gleichzustellen und

führt nach abwärts, die _andere_ Art jedoch ist die Geistes_entwirrung_ --

das 'Kommen zur Klarheit', und ist der Weg nach aufwärts, der über das

Erfassen der Erkenntnisse durch das Denken hinaus den Menschen zum Wissen

durch direktes 'Schauen' führt.

In der Schrift heißt dieses Ziel das 'innere Wort', und, wie der Mensch der

heutigen Zeit denkt, indem er, ohne sich dessen bewußt zu sein, Worte im

Gehirn lispelt, so spricht im geistig wiedergeborenen Menschen eine andere

geheimnisvolle Sprache mit neuen Worten, in denen es kein 'Mutmaßen' und

keinen Irrtum mehr gibt. Dann ist das Denken ein neues Denken geworden --

ist Magie und nicht mehr ein armseliges Verständigungsmittel, -- ist ein

Offenbarwerden der Wahrheit, in deren Licht der Irrtum verschwindet, weil

die Zauberringe der Gedanken sodann ineinander greifen und nicht mehr

nebeneinander liegen.«

»Und sind Sie so weit, Herr Swammerdam?«

»Wenn ich so weit wäre, säße ich nicht hier, Mejufrouw.«

»Sie sagten, der gewöhnliche Mensch denke, indem er im Gehirn Worte bilde;

wie ist es nun,« fragte Sephardi interessiert, »bei jemand, der taubstumm

geboren ist und keine Sprache kennt?«

»Dann denkt er teils in Bildern, teils in der Ursprache.«

»Lassen Se mir aach ämol reden, Swammerdamleben!« rief Lazarus Eidotter

streitlustig dazwischen: »Gut, Sie haben Kabbala, ich hab' aber auch

Kabbala. 'Im Anfang war das Wort' ist falsch übersetzt. 'Bereschith' heißt

auf deitsch das 'Koppwesen', Ihnen gesagt, und nicht: 'im Anfang'. Auf was

herauf: 'im Anfang'??«

»Das Kopfwesen!« murmelte Swammerdam und versank eine Weile in tiefes

Grübeln; »ich weiß. Aber der Sinn bleibt derselbe.«

Die andern hatten schweigend zugehört und sahen einander bedeutungsvoll an.

Eva van Druysen fühlte instinktiv, daß sie bei dem Wort »Kopfwesen« an das

»olivgrüne Gesicht« gedacht hatten, und blickte fragend zu Doktor Sephardi

hinüber, der ihr unmerklich zunickte.

»Auf welche Weise ist Ihrem Freunde Klinkherbogk die Gabe der Prophetie

zuteil geworden und wie äußert sie sich?« brach er endlich das

Stillschweigen, da niemand Miene machte zu reden.

Jan Swammerdam fuhr wie aus dem Traum auf: »Klinkherbogk? Ja;« -- er

sammelte sich: -- »Klinkherbogk hat sein Leben lang Gott gesucht, bis es

sein ganzes Denken verzehrte und er vor beständiger Sehnsucht viele Jahre

nicht mehr schlafen konnte. Eines Nachts saß er wie gewöhnlich vor seiner

Schusterkugel, -- Sie wissen, derartige Kugeln aus Glas verwenden die

Schuhmacher und stellen sie vor brennende Kerzen, um bei der Arbeit besser

sehen zu können, -- da wuchs aus dem Lichtfunken in ihrem Innern eine

Gestalt, trat zu ihm, und es wiederholte sich, was in der Apokalypse steht:

der Engel gab ihm ein Buch zu verschlingen und sagte: »Nimm hin und

verschling's und es wird dich im Bauch grimmen, aber in deinem Munde wird's

süß sein wie Honig.« Das Gesicht der Erscheinung war verhüllt, nur ihre

Stirne war frei, und ein grünleuchtendes Kreuz glühte darauf.«

Eva van Druysen fielen die Worte ihres Vaters über die Gespenster ein, die

das Zeichen des Lebens offen trügen, und einen Augenblick faßte es sie an

wie kalte Furcht.

»Seit jener Zeit hatte Klinkherbogk das 'innere Wort',« kam Swammerdam

wieder auf seine Rede zurück, -- »und es sagte ihm und durch seinen Mund

auch mir -- denn ich war damals sein einziger Schüler -- wie wir leben

sollten, um von dem Holz des Lebens zu essen, das im Paradies Gottes ist.

Es wurde uns die Verheißung: nur noch ein kleines Weilchen, und aller

Jammer des irdischen Daseins würde von uns weichen und wir sollten wie Hiob

tausendfältig wiedererhalten, was das Leben uns nähme.«

Doktor Sephardi wollte einwenden, wie gefährlich und trügerisch es sei,

solchen Prophezeiungen aus dem Unterbewußtsein Glauben zu schenken, aber er

erinnerte sich noch rechtzeitig an Baron Pfeills Erzählung von dem grünen

Käfer. Überdies sah er ein, daß jede Warnung hier wohl zu spät käme.

Der alte Mann schien den Sinn seiner Gedanken halb und halb erraten zu

haben, denn er fuhr fort: »Es sind jetzt schon fünfzig Jahre her, daß uns

diese Verheißung gegeben wurde, aber man muß sich in Geduld fassen und, was

auch kommen möge, an der Übung festhalten, die darin besteht, den

Geistesnamen ohne Unterlaß in unser Herz hineinzumurmeln, bis die

Wiedergeburt vollendet ist.« -- Er sagte die Worte ruhig und scheinbar voll

Zuversicht, aber in seiner Stimme klang ein leises Zittern, wie die

Vorahnung einer kommenden, grauenvollen Verzweiflung, das verriet, wie sehr

er sich zusammennahm, um die andern nicht in ihrem Glauben zu erschüttern.

»Fünfzig Jahre schon machen Sie diese Übung!? Es ist furchtbar!« fuhr es

Doktor Sephardi unwillkürlich heraus.

»Ach, es ist ja so himmlisch schön, zu sehen, wie alles in Erfüllung geht,«

säuselte Fräulein de Bourignon verzückt, »und wie sie aus dem Weltenraum

hier zusammenströmen, die hohen Geister, und sich um Abram scharen -- das

ist nämlich der Geistesname Anselm Klinkherbogks, denn er ist der Erzvater

-- und hier im ärmlichen Zee Dyk von Amsterdam den Grundstein legen zum

neuen Jerusalem. Mary Faatz (sie war früher eine Prostituierte und jetzt

ist sie die fromme Schwester Magdalena),« flüsterte sie hinter der Hand

ihrer Nichte zu, »ist gekommen und -- und Lazarus ist vom Tode auferweckt

worden -- -- aber, ja richtig, Eva, von dem Wunder habe ich dir in dem

Brief, den ich dir kürzlich schrieb, um dich aufzufordern, zu uns in den

Kreis zu kommen, doch noch gar nichts erwähnt. Denk nur: Lazarus ist durch

Abram vom Tode auferweckt worden!« -- Jan Swammerdam stand auf, trat ans

Fenster und blickte stumm hinaus in die Finsternis. -- »Ja, ja, leibhaftig

vom Tode auferweckt worden! Er ist wie tot in seinem Laden gelegen, und da

kam Abram und hat ihn wieder lebendig gemacht.«

Aller Augen richteten sich auf Eidotter, der sich betreten abwandte und

gestikulierend und achselzuckend Doktor Sephardi im Flüsterton erklärte, es

sei allerdings etwas an der Sache, -- »bewußtlos, freilich, bin ich gewest;

vielleicht tot; warum soll ich nicht tot gewesen sein? Ich bitt' Sie, ä

alter Mann wie ich!«

»Und darum beschwöre ich dich, Eva,« richtete Fräulein de Bourignon ihre

Rede mit größter Eindringlichkeit an ihre Nichte, »tritt ein in unsern

Bund, denn das Reich ist nahe herbeigekommen, und die letzten werden die

ersten sein.«

Der Kommis aus dem Drogengeschäft, der bis dahin, ohne ein Wort gesprochen

zu haben, neben Schwester Magdalena gesessen und ihre Hand in der seinen

gehalten hatte, erhob sich plötzlich, schlug mit der Faust auf den Tisch

und schrie, die entzündeten Augen weit aufgerissen, mit lallender Zunge:

»Jo, jo, jo -- -- d--d--die Ersten w--w--werden die Leleletzten sein, und

eher geht ein Ka--Ka-- -- --«

»Er kommt in den Geist. Der Logos spricht aus ihm,« rief die Hüterin der

Schwelle, »Eva, bewahre jedes Wort in deinem Herzen!«

»-- -- Ka--Kamel durch ein N--N--N--N--«

Jan Swammerdam eilte zu dem Besessenen, auf dessen Gesicht sich der

Ausdruck viehischer Bosheit malte, und beruhigte ihn durch magnetische

Striche über Stirn und Mund.

»Es ist nur der 'Gegensatz', wie wir es nennen, Mejufrouw,« redete

Schwester Sulamith, die alte Holländerin, begütigend Fräulein von Druysen

zu, die ängstlich zur Tür geflohen war. »Bruder Hesekiel leidet manchmal

darunter, und dann gewinnt die niedere Natur die Oberhand über die höhere.

Aber es geht schon vorüber;« -- der Kommis hatte sich auf alle Viere

niedergelassen und bellte und knurrte wie ein Hund, während das Mädchen aus

der Heilsarmee neben ihm kniete und ihm zärtlich die Haare streichelte --

»denken Sie nicht schlecht von ihm; wir sind allzumal Sünder, und Bruder

Hesekiel bringt sein Leben Tag aus, Tag ein da unten in dem dunkeln Magazin

zu, da kommt es dann, wenn er einmal reiche Leute sieht -- Sie verzeihen,

daß ich es so offen sage, Mejufrouw -- wie Erbitterung über ihn und

umnachtet seinen Geist. Glauben Sie mir, Mejufrouw, Armut ist eine schwere

Last; woher soll ein so junges Herz wie seines, immer so viel Gottvertrauen

nehmen, um sie zu tragen!«

Eva van Druysen tat zum erstenmal in ihrem Leben einen Blick in die

Abgründe des Daseins und, was sie früher in Büchern gelesen, stand jetzt in

furchtbarer Wirklichkeit vor ihr.

Und doch war es nur ein kurzer Blitzschein gewesen, der kaum hinreichte,

die Finsternis einiger Schluchten zu zerreißen.

»Wie viel und weit Schrecklicheres,« sagte sie sich, »muß erst in der Tiefe

schlummern, in die so selten das Auge eines vom Schicksal Begünstigten zu

schauen vermag.«

Wie durch eine geistige Explosion von den Hüllen mühsam anerzogener

menschlicher Umgangsformen losgerissen, hatte sich ihr eine Seele in

häßlicher Nacktheit gezeigt, zum wilden Tier erniedrigt im selben

Augenblick, als die Worte dessen fielen, der um der Liebe willen am Kreuz

sein Leben ließ.

Das Bewußtsein einer riesengroßen Mitschuld, begangen durch weiter nichts,

als durch bloße Zugehörigkeit zu einer bevorzugten Gesellschaftsklasse und

dem so selbstverständlich scheinenden Mangel an Interesse gegenüber dem

Leid des Nächsten -- eine Unterlassungssünde, winzig wie ein Sandkorn in

der Ursache und verheerend wie eine Lawine in der Wirkung -- erfüllte Eva

mit tiefem Schrecken; so wie ein Mensch sich entsetzen mag, der in

Gedankenlosigkeit mit einem Seile zu spielen glaubt und plötzlich gewahrt,

daß er eine Giftschlange in Händen hält.

Als Sulamith von der Armut des Kommis erzählte, hatte Eva in der ersten

Aufwallung nach der Börse gegriffen, -- es war die gewisse Reflexbewegung,

mit der das Herz den Verstand überrumpeln zu können wähnt, -- dann schien

ihr die Gelegenheit, zu helfen, schlecht gewählt, und der feste Vorsatz,

das Versäumte später besser und gründlicher nachzuholen, trat an die Stelle

der Tat.

Die altbewährte Kriegslist des Vaters der Lüge, Zeit zu gewinnen, bis die

Regungen des Mitleids verflogen sind, war Sieger geblieben.

Hesekiel hatte sich inzwischen von seinem Anfall erholt und weinte still

vor sich hin.

Sephardi, der wie die vornehmen portugiesischen Juden Hollands unverrückbar

an der Gewohnheit seiner Vorfahren, nie ein fremdes Haus zu betreten, ohne

ein kleines Geschenk mitzubringen, festhielt, benützte die Gelegenheit, um

die Aufmerksamkeit von dem Kranken abzulenken: er wickelte ein silbernes

Räucherfäßchen aus und überreichte es Swammerdam.

»Gold, Weihrauch und Myrrhen -- die heiligen drei Könige aus dem

Morgenland!«, flüsterte die »Hüterin der Schwelle« mit vor Rührung

erstickter Stimme, die Augen fromm zur Decke erhoben. »Als es gestern hieß,

Sie kämen, Herr Doktor, Eva zu uns zu begleiten, gab Ihnen Abram den

Geistesnamen Balthasar, und siehe: Sie sind gekommen und haben Weihrauch

gebracht! König Melchior, -- er heißt im Leben Baron Pfeill, ich weiß es

von der kleinen Katje, -- ist heute auch schon geistig erschienen« -- sie

wandte sich geheimnisvoll zu den Übrigen, die erstaunt aufhorchten, -- »und

hat Geld geschickt. Oh, ich sehe es mit den Augen des Geistes: auch Kaspar,

der König aus Mohrenland, ist nicht mehr ferne;« -- sie zwinkerte Mary

Faatz, die ihren Blick verständnisvoll erwiderte, selig zu: -- »ja, mit

Riesenschritten geht die Zeit ihrem Ende --«

Ein Klopfen an der Tür unterbrach sie, und die kleine Enkelin Katje des

Schusters Klinkherbogk trat herein und meldete:

»Ihr sollt schnell alle hinauf kommen, der Großvater hat die zweite

Geburt.«

Das grüne Gesicht: Ein Roman · 第 13 / 38 题