Baron Pfeill hatte in der Absicht, den Spätnachmittagszug nach Hilversum
noch zu erreichen, wo sein Landhaus »Buitenzorg« lag, die Richtung nach der
Central Spoorweg-Station eingeschlagen und war bereits durch ein Gewimmel
von Zelten und Buden hindurch dem beginnenden abendlichen Kirmesgetriebe
entronnen und in der Nähe der Hafenbrücke angelangt, da verriet ihm der wie
auf ein Zeichen eines Orchesterdirigenten hereinbrechende, ohrenbetäubende
Lärm der hundert Glockenspiele auf den Kirchtürmen, daß es sechs Uhr war
und er die Bahn nicht mehr erreichen konnte.
Rasch entschlossen ging er wieder in die Altstadt zurück.
Es war ihm fast eine Erleichterung, daß er den Zug versäumt hatte und ihm
noch ein paar Stunden Zeit blieben, um eine Angelegenheit in Ordnung zu
bringen, die ihm unablässig im Kopf herumging, seit er Hauberrisser
verlassen hatte.
Vor einem wundervollen, altertümlichen Barockbau aus rötlichen,
weißumrahmten Ziegeln in der düstern Ulmenallee der Heerengracht blieb er
stehen, sah einen Augenblick hinauf zu dem ungeheuren Schiebefenster, das
fast die ganze Höhe und Breite des ersten Stockes einnahm, und zog dann an
dem schweren, bronzenen Türdrücker inmitten des Portals, der zugleich die
Hausglocke bildete.
Es verging eine Ewigkeit, bis ein alter livrierter Diener mit weißen
Strümpfen und maulbeerfarbenen seidenen Kniehosen öffnen kam.
»Ist Herr Doktor Sephardi zu Hause? -- Sie kennen mich doch noch, Jan,
wie?« Baron Pfeill suchte nach einer Visitenkarte. »Bringen Sie, bitte,
diese Karte hinauf und fragen Sie ob --«
»Der gnädige Herr erwartet Sie bereits, Mynheer. Wenn ich bitten darf?« --
Der Alte ging die schmale, mit indischen Teppichen belegte und an den
Wandseiten mit chinesischen Stickereien verkleidete Treppe voraus, die so
steil war, daß er sich an dem gewundenen Messinggeländer halten mußte, um
nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
Ein stumpfer, betäubender Geruch nach Sandelholz erfüllte das ganze Haus.
»Erwartet mich? Wieso?« fragte Baron Pfeill erstaunt, da er seit Jahren
Doktor Sephardi nicht mehr gesehen hatte und ihm vor knapp einer halben
Stunde erst der Einfall gekommen war, Sephardi aufzusuchen, um eine
Erinnerung an das Bild des »Ewigen Juden« mit dem olivgrünen Gesicht in
gewissen Einzelheiten festzustellen, die in seinem Gedächtnis einander
seltsam widersprachen und merkwürdigerweise nicht übereinstimmen wollten
mit dem, was er Hauberrisser im Café erzählt hatte.
»Der gnädige Herr hat Ihnen heute vormittag nach dem Haag telegraphiert und
Sie um Ihren Besuch gebeten, Mynheer.«
»Nach dem Haag? Ich wohne doch schon lange wieder in Hilversum. Es ist
lediglich ein Zufall, daß ich heute hergekommen bin.«
»Ich werde den gnädigen Herrn sofort verständigen, daß Sie hier sind,
Mynheer.«
Baron Pfeill setzte sich und wartete.
Bis ins kleinste stand alles genau auf demselben Platze wie damals, als er
zum letztenmal hier gewesen: auf den Sitzen der schweren geschnitzten
Stühle schillernde Samarkandseidenüberwürfe, die beiden überdachten
südniederländischen Sessel neben dem prachtvollen, säulengeschmückten Kamin
mit den goldeingelegten moosgrünen Nephritkacheln, in buntleuchtenden
Farben Ispahanteppiche auf den schwarzweißen Steinquadern des Fußbodens,
die blaßrosa Porzellanstatuen japanischer Prinzessinnen in den Nischen der
Täfelung, ein Wangentisch mit schwarzer Marmorplatte, an den Wänden
Rembrandtsche und andere Meister-Porträts von den Vorfahren Ismael
Sephardis: eingewanderte, vornehme portugiesische Juden, die das Haus im
siebzehnten Jahrhundert von dem berühmten Hendrik de Keyser bauen ließen,
darin gelebt hatten und gestorben waren.
Pfeill verglich die Ähnlichkeit dieser Menschen einer vergangenen Epoche im
Geiste mit den Zügen Doktor Ismael Sephardis.
Es waren dieselben schmalen Schädel, dieselben großen, dunkeln,
mandelförmigen Augen, die gleichen dünnen Lippen und leicht gebogenen
scharfen Nasen, derselbe weltfremde, fast hochmütig verächtlich blickende
Typus der Spaniolen mit den unnatürlich schmalen Füßen und weißen Händen,
der mit den gewöhnlichen Juden der Rasse Gomers, den sogenannten
Aschkenasi, kaum mehr gemein hat als die Religion.
Nirgends auch nur eine Spur der Anpassung an eine anders gewordene Zeit in
diesem, sich durch die Jahrhunderte ewig gleich bleibenden
Gesichtsschnitte.
Eine Minute später wurde Baron Pfeill von dem eintretenden Doktor Sephardi
begrüßt und einer jungen, blonden, auffallend schönen Dame von etwa
sechsundzwanzig Jahren vorgestellt.
»Haben Sie mir wirklich telegraphiert, lieber Doktor?« fragte Pfeill, »Jan,
sagte mir --«
»Baron Pfeill hat so feinfühlige Nerven,« erklärte Sephardi lächelnd der
jungen Dame, »daß es genügt, einen Wunsch zu denken, und schon erfüllt er
ihn. Er ist gekommen, ohne meine Depesche erhalten zu haben. -- Fräulein
van Druysen ist nämlich die Tochter eines verstorbenen Freundes meines
Vaters,« er wandte sich an Pfeill, »und von Antwerpen hergereist, um mich
in einer Angelegenheit um Rat zu fragen, in der aber nur Sie Bescheid
wissen. Es betrifft ein Bild, -- oder besser gesagt, könnte damit
zusammenhängen, -- von dem Sie mir einmal erzählten, Sie hätten es in
Leyden in der Oudheden-Sammlung gesehen, und es stelle den Ahasver dar.«