Fünftes Kapitel

Eva van Druysen hielt den alten Schmetterlingssammler zurück, ehe sie mit

ihm den Übrigen folgte, die bereits in die Dachkammer Klinkherbogk's

hinaufstiegen.

»Verzeihen Sie, Herr Swammerdam, ich möchte Ihnen nur kurz eine Frage

stellen, obwohl ich Sie eigentlich sehr viel zu fragen hätte. -- Was Sie

vorhin über Hysterie gesagt haben und über die Kraft, die in den Namen

verborgen liegt, hat mich tief berührt, -- aber andrerseits --«

»Darf ich Ihnen einen Rat geben, Mejufrouw?« -- Swammerdam blieb stehen und

sah ihr ernst in die Augen. -- »Ich begreife sehr wohl, daß das, was Sie

vorhin mit angehört haben, Sie nur verwirren muß. Dennoch können Sie großen

Nutzen daraus ziehen, wenn Sie es als erste Lehre auffassen und geistige

Unterweisung nicht bei andern suchen, sondern in sich selbst. Nur die

Belehrungen, die der eigene Geist uns schickt, kommen zur rechten Zeit und

für sie sind wir reif. Für die Offenbarungen an andern müssen Sie taub und

blind werden. Der Pfad zum ewigen Leben ist schmal wie die Schärfe eines

Messers; Sie können andern weder helfen, wenn Sie sie taumeln sehen, noch

dürfen Sie Hilfe von ihnen erwarten. Wer auf andere schaut, verliert das

Gleichgewicht und stürzt ab. Hier gibt's kein gemeinsames Vorwärtsschreiten

wie in der Welt, und so unbedingt nötig auch ein Führer ist: er muß aus dem

Reich des Geistes zu Ihnen kommen. Nur in irdischen Dingen kann ein Mensch

Ihnen als Führer dienen und seine Handlungsweise eine Richtschnur sein, um

ihn zu beurteilen. Alles, was nicht aus dem Geist kommt, ist tote Erde, und

wir wollen zu keinem andern Gott beten, als zu dem, der sich in unsrer

eignen Seele offenbart.«

»Wenn sich aber kein Gott in mir offenbart?« fragte Eva verzweifelt.

»Dann müssen Sie in einer stillen Stunde nach ihm rufen mit Aufgebot aller

Sehnsucht, deren Sie fähig sind.«

»Und dann, glauben Sie, wird er kommen? Wie leicht wäre das!«

»Er wird kommen! Aber -- entsetzen Sie sich nicht: -- zuerst als Rächer

Ihrer früheren Taten, als der furchtbare Gott des Alten Testamentes, der

gesagt hat: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Er wird sich offenbaren in

plötzlichen Veränderungen Ihres äußern Lebens. Alles müssen Sie zuerst

verlieren, sogar --« Swammerdam sagte es leise, als fürchte er sich, sie

könne es hören -- »sogar Gott, wenn sie ihn immer von neuem finden wollen.

-- Erst, wenn Ihre Vorstellung von Ihm -- gereinigt von Gestalt und Form

und jeglichem Begriff von Außen und Innen, Schöpfer und Geschöpf, Geist und

Stoff, ist, werden Sie Ihn --«

»Sehen?«

»Nein. Niemals. Aber mit Seinen Augen werden Sie _sich_ sehen. Dann sind

Sie frei von der Erde, denn Ihr Leben ist in Seines eingegangen und Ihr

Bewußtsein ist nicht mehr vom Leibe abhängig, der wie ein wesenloser

Schatten dem Grab entgegen geht.«

»Welchen Zweck haben aber dann die Schläge des äußeren Lebens, von denen

Sie sprechen? Sind sie eine Prüfung oder eine Strafe?«

»Es gibt weder Prüfungen noch Strafen. Das äußere Leben mit seinen

Schicksalen ist nichts als ein Heilungsprozeß, für den einen mehr, für den

andern weniger schmerzhaft, je nachdem der Betreffende krank ist an seiner

Erkenntnis.«

»Und Sie glauben, wenn ich Gott rufe, wie Sie sagen, wird sich mein

Schicksal verändern?«

»Sofort! Nur wird es sich nicht »verändern«, es wird werden wie ein

galoppierendes Pferd, das bis dahin im Schritt gegangen ist.«

»Ist _Ihr_ Schicksal denn so im Sturm abgelaufen? Sie verzeihen die Frage,

aber nach dem, was ich über Sie gehört habe --«

»Ist es sehr eintönig dahingeflossen, meinen Sie, Mejufrouw,« ergänzte

Swammerdam lächelnd. »Erinnern Sie sich, was ich Ihnen vorhin gesagt habe?:

'Blicken Sie nie auf andere.' -- Der eine erlebt eine Welt, und dem andern

erscheint's eine Nußschale. Wenn Sie im Ernst wollen, daß Ihr Schicksal

galoppiert, müssen Sie -- ich warne Sie davor und rate es Ihnen zugleich,

denn es ist das einzige, was der Mensch tun soll, und gleichzeitig das

schwerste Opfer, das er bringen kann! -- müssen Sie Ihren innersten

Wesenskern, _den_ Wesenskern, ohne den Sie eine Leiche wären, (und sogar

nicht einmal das), anrufen und Ihm -- _befehlen_, daß Er Sie den kürzesten

Weg zu dem großen Ziel führt, -- dem einzigen, das des Erstrebens wert ist,

so wenig Sie es jetzt auch erkennen, -- erbarmungslos, ohne Rast, durch

Krankheit, Leiden, Tod und Schlaf hindurch, durch Ehren, Reichtum und

Freude hindurch, immer hindurch und hindurch wie ein rasendes Pferd, das

einen Wagen vorwärts reißt über Äcker und Steine hinweg und an Blumen und

blühenden Hainen vorbei! Das nenne ich: Gott rufen. Es muß sein wie ein

Gelöbnis vor einem lauschenden Ohr!«

»Aber, wenn dann das Schicksal kommt, Meister, und ich werde schwach und --

will umkehren?«

»Umkehren kann nur der auf dem geistigen Weg, -- nein, nicht einmal

umkehren, nur stehen bleiben, sich umsehen und zur Salzsäule werden, -- der

kein Gelöbnis abgelegt hat! Ein Gelöbnis in geistigen Dingen ist wie ein

Befehl, und Gott ist der -- Diener des Menschen in diesem Falle, um ihn

auszuführen. Entsetzen Sie sich nicht, Mejufrouw, es ist keine Lästerung!

Im Gegenteil! -- Darum (was ich Ihnen jetzt sage, ist eine Torheit, ich

weiß, denn es geschieht nur aus Mitleid, und alles, was aus Mitleid

geschieht, ist Torheit), warne ich Sie: geloben Sie nicht zu viel! Es

könnte Ihnen sonst gehen wie dem Schächer, dem am Kreuze die Knochen

gebrochen wurden!«

Swammerdams Gesicht war weiß geworden vor innerer Erregung.

Eva faßte seine Hand. »Ich danke Ihnen, Meister, ich weiß jetzt, was ich zu

tun habe.«

Der alte Mann zog sie an sich und küßte sie ergriffen auf die Stirn. »Der

Herr des Schicksals sei Ihnen ein barmherziger Arzt, mein Kind!«

* * * * *

Sie gingen die Stiege hinauf.

Wie unter einem jähen Gedanken blieb Eva eine Sekunde vor der Dachkammer

stehen. »Sagen Sie mir noch eins, Meister! Die vielen Millionen Menschen,

die geblutet und gelitten haben, sie haben doch kein Gelöbnis getan; wozu

war all der unendliche Jammer gut?«

»_Wissen_ Sie denn, daß sie kein Gelöbnis getan haben? Kann es nicht in

einem früheren Leben geschehen sein,« fragte Swammerdam ruhig, »oder im

Tiefschlaf, wenn die Seele des Menschen wach ist und am besten weiß, was

ihr frommt?«

Als risse ein Vorhang entzwei, sah Eva einen Augenblick in das blendende

Licht einer neuen Erkenntnis hinein. Die letzten wenigen Worte hatten ihr

mehr über die Bestimmung der Wesen enthüllt, als sämtliche Religionssysteme

der Welt imstande gewesen wären. Jede Klage über vermeintliche

Ungerechtigkeit des Schicksals mußte verstummen angesichts des Gedankens,

daß keiner einen andern Weg ging, als den selbstgewählten.

»Wenn Sie keinen Sinn in dem zu finden vermögen, was in unserm Kreis vor

sich geht, Mejufrouw, so lassen Sie sich dadurch nicht irre machen. Oft

führt ein Weg abwärts und ist doch die kürzeste Brücke zum nächsten

Anstieg. Das Fieber der geistigen Genesung sieht sich zuweilen an wie

teuflische Fäulnis. Ich bin nicht der 'König Salomo' und Lazarus Eidotter

ist nicht 'Simon der Kreuzträger', -- wie Fräulein de Bourignon es zu

äußerlich auffaßt, weil er Klinkherbogk einmal Geld in der Not geborgt hat,

-- aber an sich ist dieses Durcheinandermischen von Altem und Neuem

Testament deshalb noch kein Unsinn. -- Wir erblicken in der Bibel nicht nur

die Aufzeichnung von Geschehnissen einer verflossenen Zeit, sondern einen

Weg von Adam zu Christus, den wir an uns durchzumachen haben auf die

magische Art eines inneren Wachstums von 'Name' zu 'Name', das ist: von

Kraftentfaltung zu Kraftentfaltung,« sagte Swammerdam und half Eva die

letzten Treppenstufen hinauf, »von der Vertreibung aus dem Paradies zur

Auferstehung. Es kann für so manchen ein Weg voll Schrecknissen werden und

--«, er murmelte gepreßt wieder den Satz von dem Schächer, dem am Kreuz die

Knochen gebrochen worden waren, vor sich hin.

Fräulein de Bourignon hatte mit den Übrigen vor der Dachstube auf das

Kommen der beiden gewartet (nur Lazarus Eidotter war hinunter in seine

Wohnung gegangen) und überschüttete ihre Nichte mit einem Schwall von

Worten, ehe sie eintraten, um sie gebührend vorzubereiten:

»Denk nur, Eva, etwas unbeschreiblich Großes ist geschehen. Und gerade

heute am Kalendertage des Sonnwendfestes -- ach es ist ja so namenlos

tiefsinnig -- ja, was wollte ich nur sagen -- ja richtig, das große

Längstersehnte ist geschehen: in Vater Abram ist heute der Geistmensch als

Kindlein geboren worden, und er hat es in sich schreien hören, als er

gerade einen Absatz auf einen Stiefel festnagelte, was bekanntlich die

'zweite Geburt' ist, denn die 'erste', das ist das Bauchgrimmen, wie schon

in der Schrift steht, wenn man sie nur richtig deutet, und dann werden die

heiligen drei Könige vollzählig sein, denn Mary Faatz hat mir kürzlich

erzählt, sie kenne, wenn auch nur ganz flüchtig, einen schwarzen Wilden,

der in Amsterdam lebt, und vor einer Stunde hat sie ihn unten in der

Schenke durchs Fenster sitzen sehen, und ich habe sofort eine Fügung der

himmlischen Mächte darin erkannt, denn es kann natürlich nur der König

Kaspar aus Mohrenland sein; ach, es ist ja eine unsagbare Gnade, daß gerade

mir die Mission zuteil wurde, den dritten heiligen König ausfindig zu

machen, und ich kann es in meiner Seligkeit gar nicht mehr erwarten, bis

die Minute kommt und ich Mary hinunterschicken darf, um ihn heraufzuholen.«

Dabei öffnete sie die Tür und ließ alle der Reihe nach eintreten.

* * * * *

Der Schuhmacher Klinkherbogk saß steif und regungslos am Kopfende eines

langen, mit Sohlen und Werkzeugen bedeckten Tisches, die eine Seite seines

abgezehrten Gesichtes vom Fenster her in grellem Mondlicht, daß die weißen

Haare seines schüttern, holländischen Seemannsbartes wie metallene Fäden

glänzten, die andere in tiefer Finsternis.

Auf dem kahlen Schädel trug er eine Krone, zackig aus Goldpapier

geschnitten.

In der Kammer roch es sauer nach Leder.

Wie das haßerfüllte Zyklopenauge eines mit dem Leib in der Dunkelheit

verborgenen Ungeheuers glomm die gläserne Schusterkugel im Raum und warf

ihren Schein auf einen Haufen Zehnguldenstücke, die vor dem Propheten

lagen.

Eva, Sephardi und die Angehörigen des geistigen Kreises waren an der Wand

stehen geblieben und warteten.

Keiner wagte sich zu rühren; ein Bann hatte sich auf alle gelegt.

Die Blicke des Kommis hingen stier an dem Glanz der Münzen.

Zögernd krochen die Minuten in lautloser Stille, als wollten sie sich zu

Stunden dehnen, -- eine Motte schwirrte aus der Finsternis, kreiste als

weißer Funken um das Licht der Kerze und verbrannte knisternd in der

Flamme.

Unbeweglich, wie aus Stein gehauen, starrte der Prophet in die gläserne

Kugel, den Mund offen, die Finger über den Goldstücken verkrampft, und

schien auf Worte zu lauschen, die aus weiter Ferne zu ihm kamen.

Ein dumpfer Lärm, der von der Hafenschenke auf der Gasse plötzlich

heraufdrang und sogleich erstarb, als habe jemand das Haustor unten

geöffnet und wieder zugeschlagen, glitt durchs Zimmer und erstickte in der

Luft.

Wieder Totenstille.

Eva wollte zu Swammerdam hinsehen, aber eine ungewisse Furcht, sie könne in

seinem Gesicht die gleiche bange Ahnung eines nahenden Unheils lesen, die

ihr selbst fast den Atem raubte, hielt sie davon ab. Einen Pulsschlag lang

glaubte sie sich zu erinnern, eine leise, kaum vernehmliche Stimme am

Tische hätte gesagt: »Herr, laß diesen Kelch an mir vorübergehen,« dann

zerbröckelte der Eindruck unter den verlorenen Klängen des fernen

Kirmestrubels, die ein Lufthauch am Fenster vorbeitrug.

Sie blickte auf und sah, daß die Spannung in den Zügen Klinkherbogks

nachließ und in Verwirrung überging.

»Es ist ein groß Getöse in der Stadt,« hörte sie ihn murmeln, »und ihre

Sünde ist schwer. Darum will ich hinabfahren und sehen, ob sie alles getan

haben, das vor mich kommen ist, oder ob's nicht also sei, daß ich's wisse.«

»So waren die Worte Jehovas nach dem ersten Buch Mosis,« sagte Schwester

Sulamith mit bebenden Lippen und bekreuzigte sich, »bevor Er Feuer und

Schwefel regnen ließ. -- -- Zürne nicht, Herr, daß ich rede: man möchte

vielleicht zehn Gerechte in der Stadt finden!«

Sofort sprang das Motiv auf Klinkherbogk über und weckte in ihm die Vision

eines kommenden Weltuntergangs. Mit eintöniger Stimme, als läse er

geistesabwesend etwas vor, sprach er zur Wand hin:

»Ich sehe einen Sturmwind herbrausen über die Erde, der da machet, daß

alles, was aufrecht steht, ein Wagrechtes wird unter seiner Wut und eine

Wolke fliegender Pfeile. Er reißet die Gräber auf, und die Leichensteine

und Schädel der Toten sind gleich einem Hagelschauer, der in der Luft fegt.

Bläst das Wasser aus den Flüssen und Deichen, pfützet es von seinem Munde

weg wie Sprühregen und legt die Pappeln an den Straßen und hohen Bäume als

wehende Schöpfe am Boden hin. Und das um der Gerechten willen, die die

lebendige Taufe haben;« -- seine Worte wurden wieder klanglos -- »der aber,

auf den ihr wartet, wird nicht kommen als ein König, ehe die Zeit nicht

vollendet ist; erst muß der Vorbote in euch sein, als ein neuer Mensch, um

das Reich zu bereiten. Dennoch werden ihrer viele sein mit neuen Augen und

Ohren, auf daß es nicht abermalen heiße von den Menschen: sie haben Ohren

und hören nicht, sie haben Augen und sehen nicht; aber« -- Schatten einer

tiefen Traurigkeit legten sich auf sein Gesicht -- »aber auch unter ihnen

sehe ich Abram nicht! Denn jeglichem wird zugemessen nach seinem Maß, und

er hat, ehe die Geburt des Geistes reif worden, den Schild der Armut von

sich getan und seiner Seele ein gülden Kalb gegossen, den Sinnen ein

Tanzfest zu bereiten. Noch eine kleine Weile, und ihr habet ihn nicht mehr.

-- Der König aus dem Mohrenland wird ihm die Myrrhen des andern Lebens

bringen und seinen Leib den Fischen der trüben Wässer zum Fraße vorwerfen,

denn das Gold Melchiors ist eingekommen, bevor das Kind in der Krippe lag

und hätte den Fluch wegnehmen können, der auf jeglichem Golde ist. Also ist

es zum Unheil erboren, noch ehe die Nacht weicht. -- Und der Weihrauch

Balthasars ist zu spät gekommen.

Aber du, Gabriel, höre: strecke die Hand nicht nach der Ernte, die nicht

weiß ist zum schneiden, daß die Sichel den Knecht nicht verwunde und dem

Weizen den Schnitter nehme.«

Fräulein de Bourignon, die während seiner Rede des öftern verzückt geseufzt

hatte, ohne sich auch nur zu bemühen, ihren dunkeln Sinn zu erfassen,

unterdrückte einen Freudenschrei, als ihr Geistesname »Gabriel« genannt

wurde, und wisperte Mary Faatz, die daraufhin eiligst die Stube verließ,

hastig ein paar Worte zu.

Swammerdam, der es bemerkte, wollte sie daran hindern, aber er kam zu spät,

-- das Mädchen lief bereits die Treppe hinab.

Müde ließ er die Hand sinken und schüttelte nur resigniert den Kopf, als

ihn die »Hüterin der Schwelle« verwundert anblickte.

Der Schuster war einen Augenblick zu sich gekommen und rief ängstlich nach

seiner Enkelin, versank aber gleich darauf wieder in seine Ekstase.

* * * * *

In der Matrosenschenke »Prins van Oranje« hatte fast die ganze Zeit über

eine wüste Gesellschaft von fünf Leuten beisammen gesessen und anfangs

Karten gespielt; später, als die Nacht weiter vorrückte und das Lokal sich

mit allerhand Gesindel vom Zee Dyk füllte, daß bald kaum mehr Platz war, um

die Ellenbogen ausstrecken zu können, zogen sich die Herren in das

Nebenzimmer zurück, in dem tagsüber die Kellnerin Antje wohnte, ein

unförmliches, geschminktes Weibsbild in rotseidenem Rock bis zum Knie, mit

fettem Hals, einem flachsgelben Zopf, Hängebusen und zerfressenen

Nasenflügeln, -- »die Hafensau«, wie sie von den Stammgästen genannt wurde.

Es waren: der Wirt der Spelunke -- ehemals Steuermann auf einem

brasilianischen Farbholzschiff, ein untersetzter, stiernackiger Kerl in

Hemdsärmeln, die Pratzen blautätowiert und in den Ohrläppchen, von denen

das eine halb abgebissen war, kleine goldene Ringe, -- dann der Zulu

Usibepu in dunkelblauem Leinenanzug, wie ihn die Heizer auf den Dampfern

tragen, -- ein buckliger Varietéagent mit langen, scheußlichen

Spinnenfingern, -- der Professor Zitter Arpád, der erstaunlicherweise

wieder seinen Schnurrbart besaß und auch seine übrige Toilette der neuen

Umgebung angepaßt hatte, -- und als fünfter ein sonnengebräunter,

sogenannter »Inder« im weißen Smoking der Tropen, einer jener jungen

Plantagenbesitzerssöhne, die zuweilen aus Batavia oder andern

niederländischen Kolonien nach Europa kommen, um das holländische Vaterland

kennen zu lernen, und dann in wenigen Nächten auf die sinnloseste Art ihr

Geld in Verbrecherkneipen vertun.

Seit einer Woche schon »wohnte« der junge Herr im »Prins van Oranje« und

hatte seitdem auch nicht ein einziges Mal das Tageslicht gesehen, außer

gegen Morgen einen Streifen Dämmerung hinter dem grünverhängten Fenster,

ehe ihm vor Trunkenheit die Augen zufielen und er sich unausgezogen und

ungewaschen auf den Divan warf, um bis spät in den nächsten Abend hinein zu

schlafen. Und dann ging es eilig von neuem an bei Würfeln und Karten, Bier,

schlechtem Wein und Fusel, mit Freihalten von Hafengelichter, chilenischen

Matrosen und belgischen Dirnen, bis der letzte Scheck von der Bank

zurückgewiesen wurde und die Reihe an Uhrkette, Ringe und Manschettenknöpfe

kam.

Zu diesem Schlußfeste hatte der Wirt seinen Freund Zitter Arpád einzuladen

sich verpflichtet gefühlt, und der Herr Professor war denn auch pünktlich

erschienen und hatte gewissermaßen als Picknickbeitrag den Zulukaffern, der

als hervorragender Artist stets bares Geld besaß, mitgebracht.

Einige Stunden lang hatten die Herren bereits dem Macao gehuldigt, ohne daß

es einem von ihnen gelungen wäre, die Glücksgöttin dauernd an seine Seite

zu fesseln, denn so oft der Professor versuchte, mit den Karten die Volte

zu schlagen, jedesmal grinste der Varietéagent und Herr Zitter fühlte sich

bemüßigt, mit seiner Kunstfertigkeit noch ein Weilchen inne zu halten, da

es ihm natürlich nicht passen konnte, seinen schwarzen Schützling mit dem

Buckligen zu teilen.

Umgekehrt verhielt es sich ebenso hinsichtlich des »Inders«, und daher

sahen sich die beiden rivalisierenden Ehrenmänner zu ihrem Leidwesen

genötigt, das erstemal im Leben ehrlich zu spielen, -- eine Beschäftigung,

die, nach dem melancholischen Ausdruck ihrer Gesichter zu schließen, sie an

verflossene Kinderzeiten, als es noch um Knackmandeln und Nüsse ging,

erinnern mochte.

Der Wirt selbst spielte aus freien Stücken ehrlich -- zur Feier des Tages.

Er empfand es seinen Gästen gegenüber als Kavalierspflicht, -- nur, daß ihm

diese für den Fall eines Verlustes den Schaden nachher wieder vergüten

mußten, war selbstverständlich und bedurfte keiner weiteren Vereinbarung,

-- der »Inder« war viel zu harmlos, um auch nur den Gedanken des Mogelns zu

erfassen, und der Zulu in die Geheimnisse der weißen Magie noch viel zu

wenig eingeweiht, als daß er es hätte wagen dürfen, vermittelst

Zuhülfenahme eines fünften Asses Zaubereien zu seinen Gunsten einzuleiten.

Erst gegen Mitternacht, als die lockenden Banjomelodien im Gassenlokal

anfingen, immer stürmischer die Anwesenheit des jungen Mäcens zu heischen,

die schnapsdurstige Menge ihre Ungeduld nicht länger zu meistern vermochte

und schließlich sogar eine à la Pony frisierte Dirne ins Zimmer trat, um

besorgt nach dem Verbleib ihres »Bräutigams« zu sehen, vollzog sich eine

Umgruppierung der Streitkräfte, die zur Folge hatte, daß der »Inder« und

der Zulu im Handumdrehen von Herrn Zitter und dem Varietéagenten auf

gemeinsame Rechnung S. E. & O. ausgeplündert waren. --

Des Herrn Professors hervorstechendste Charaktereigenschaft war

Freigebigkeit, und daher ließ er es sich nicht nehmen, Fräulein Antje in

das nunmehr geleerte Spielzimmer zu einem gemeinsamen Souper mit seinem

Freunde Usibepu zu bitten, dessen Vorliebe für auserlesene Gerichte und ein

Getränkegemisch aus denaturiertem Spiritus und salpetersäurehaltigen

Essenzen, namens »Mogador«, er genau kannte.

Die Unterhaltung bei Tisch bewegte sich fast ausschließlich in einem

Kauderwelsch von Negerenglisch, Kapjargon und Basutodialekt, welche

Sprachen die beiden Herren meisterhaft beherrschten; nur die Kellnerin

mußte sich zumeist auf Glutblicke, Zungeherausstrecken und sonstige

international verständliche Gesten beschränken, um ihren Teil zur Anregung

des Gastes beizutragen.

Gesellschaftsmensch durch und durch, verstand es der Professor nicht nur

aufs trefflichste, das Gespräch keine Sekunde ins Stocken geraten zu

lassen, -- er behielt auch sein Hauptziel, dem Zulu das Geheimnis

abzuknöpfen, wie man mit bloßen Füßen auf glühenden Steinen wandeln könne,

ohne sich zu verbrennen, unentwegt im Auge und ersann tausend Listen, um

seinen Zweck zu erreichen.

Der geschickteste Beobachter hätte ihm nicht angesehen, daß ihn nebenbei

noch ein Gedanke unablässig quälte, der mit einer vertraulichen Botschaft

Antje's: -- der Schuster Klinkherbogk oben unter dem Dach habe nachmittags

in der Schenke einen Tausendguldenschein gegen Gold umwechseln lassen, --

in enger Beziehung stand.

Unter dem Einfluß des feurigen Mogadors, des leckeren Mahles und der

Sirenenkünste der jungen Dame geriet der Zulukaffer bald in einen Zustand

wachsender Raserei, der es geraten erscheinen ließ, alle spitzigen oder

zerbrechlichen Gegenstände aus dem Zimmer zu entfernen, und vor allem ihn

selbst vor der Berührung mit den rauflustigen Matrosen im Gassenlokal, die,

Antjes wegen eifersüchtig, nur darauf lauerten, mit ihren Messern über »den

Nigger« herzufallen, fernzuhalten.

Eine listig hingeworfene, hämische Bemerkung des Professors, das

Zauberkunststück mit den heißen Steinen sei ein plumper Schwindel, brachte

den Zulu schließlich derart außer Rand und Band, daß er alles kurz und

klein zu schlagen drohte, wenn man ihm nicht auf der Stelle ein Becken mit

glühenden Kohlen reiche.

Zitter Arpád, der nur auf diesen Moment gewartet hatte, ließ den längst

bereitstehenden Kübel hereintragen und die glühenden Kohlen auf dem

Zementboden des Zimmers ausschütten.

Sofort kauerte sich Usibepu nieder und atmete den erstickenden Dunst mit

offenen Nüstern ein. Seine Augen bekamen allmählich einen gläsernen

Ausdruck.

Er schien etwas zu sehen, und seine Lippen zuckten wie im Zwiegespräch mit

einem Phantom.

Dann sprang er plötzlich auf, stieß einen markerschütternden Schrei aus, --

so schrill und furchtbar, daß das Gejohle der Menge in der Gassenschenke

jäh verstummte, und sie sich Kopf an Kopf mit totenblassen Gesichtern

lautlos an die Tür des Zimmers drängte, um hereinzuspähen.

Eine Sekunde später hatte er sich die Kleider vom Leib gerissen und

vollführte splitternackt, muskelstrotzend wie ein schwarzer Panther, Schaum

vor dem Mund und den Kopf in wahnwitziger Geschwindigkeit vor- und

rückwärts schleudernd, einen Tanz um die Glut herum.

Der Anblick war derart grausig und erregend, daß es selbst den wilden

chilenischen Matrosen den Atem verschlug vor panischem Schrecken und sie

sich an der Wand halten mußten, um nicht von den Bänken herunterzufallen,

auf die sie gestiegen waren.

Der Tanz endete mit einem Ruck wie unter einem unhörbaren Befehl; der Zulu

schien mit einemmal wieder ganz bei Bewußtsein, -- nur sein Gesicht war

aschgrau geworden, -- trat langsam und gemessen mit bloßen Füßen auf die

glühenden Kohlen und blieb mehrere Minuten lang unbeweglich darauf stehen.

Keine Spur von Brandgeruch, der verraten hätte, daß seine Haut versengt

worden wäre. Als er von dem Gluthaufen herabstieg, fand der Professor seine

Sohlen völlig unversehrt und nicht einmal heiß.

Ein junges Mädchen in der schwarzblauen Tracht der Heilsarmee, die

mittlerweile leise von der Gasse hereingekommen war, hatte den letzten Teil

der Vorstellung mit angesehen und nickte dem Zulu, den sie zu kennen

schien, freundlich einen Gruß zu.

»Ja, wo kommst denn du her, Mary?« rief die Hafensau erstaunt, umarmte sie

und küßte sie zärtlich auf beide Wangen.

»Ich habe Mister Usibepu heute abend durchs Fenster hier sitzen sehen, --

ich kenne ihn vom Café Flora her, wo ich ihm mal die Bibel hab' auslegen

wollen, aber er kann ja leider nur wenig Holländisch --« erklärte Mary

Faatz, -- »und eine feine alte Dame aus dem Béginenstift schickt mich, ich

soll ihn hinaufbringen, und noch zwei vornehme Herrschaften sind auch

oben.«

»Wo oben?«

»No, halt bei dem Schuster Klinkherbogk.«

Zitter Arpád fuhr herum, als er den Namen hörte, tat aber gleich darauf so,

als kümmere es ihn weiter nicht, und fing an, den Zulu, der in seinem

Triumph für Fragen zugänglicher war als sonst, geschickt in seinem

afrikanischen Kauderwelsch auszuholen.

»Ich beglückwünsche meinen Freund und Gönner, den Mister Usibepu aus

Ngomeland und bin stolz zu sehen, daß er ein großer Quimboiseur ist und in

den Zauber Obeah T'changa eingeweiht.«

»Obeah T'changa?« rief der Neger; »Obeah T'changa das da!« -- er schnippte

verächtlich mit den Fingern. -- »Ich Usibepu große Medizin, ich Vidû

T'changa. Ich grüne Gift-Vidû-Schlange.«

Mit Gedankenschnelle reimte sich der Professor ein paar Ideen zusammen. Er

glaubte eine Spur gefunden zu haben. Gelegentlich hatte er im Verkehr mit

indischen Artisten gehört, der Biß gewisser Schlangen rufe bei Individuen,

die sich an das Gift zu gewöhnen imstande seien, abnormale Zustände

erstaunlichster Art, wie Fernsehen, Nachtwandeln, Unverwundbarkeit und

dergleichen hervor. -- Warum sollte, was in Asien möglich war, nicht bei

den afrikanischen Wilden ebenfalls vorkommen?!

»Ich bin auch von der großen Zauberschlange gebissen,« renommierte er und

deutete auf eine ixbeliebige Narbe an seiner Hand.

Der Zulu spuckte geringschätzig aus. -- »Vidû nicht wirkliche Schlange.

Wirkliche Schlange dreckiger Wurm. Vidû-Schlange grüne Geisterschlange mit

Menschengesicht. Vidû-Schlange ist ein Souquiant. Ihr Name ist Zombi.«

Zitter Arpád verlor die Fassung. Was waren das für Worte? Er hatte sie noch

nie gehört: Souquiant? Es schien französischen Ursprungs zu sein. Und was

bedeutete: Zombi?! -- Er war unklug genug, seine Unkenntnis offen

einzugestehen, und gab sein Ansehen dem Neger gegenüber damit ein für

allemal preis.

Usibepu reckte sich hochmütig auf und erklärte: »Ein Mensch, der Haut

wechseln kann, ist ein Souquiant. Lebt ewig. Ein Geist. Unsichtbar. Kann

alles zaubern. Der Vater der schwarzen Menschen war Zombi. Die Zulus seine

Lieblingskinder. Sie gingen aus seiner linken Seite hervor.« -- Er schlug

sich auf den mächtigen Brustkasten, daß es dröhnte. -- »Jeder Königszulu

weiß geheimen Namen von Zombi. Wenn ihn ruft, so Zombi erscheint als große

Gift-Vidû-Schlange mit grünes Menschengesicht und heiliges Fetischzeichen

auf Stirne. Wenn Zulu erstesmal sieht Zombi und Zombi hat Gesicht verhüllt,

so Zulu muß sterben. Wenn aber Zombi erscheint mit verdecktes Stirnzeichen

und grünes Gesicht offen, so Zulu lebt und ist Vidû T'changa, große Medizin

und Herr über Feuer. Ich, Usibepu, bin Vidû T'changa.«

Zitter Arpád biß sich ärgerlich auf die Lippen. Er sah ein, daß sich mit

dem Rezept nichts anfangen ließ.

Umso eifriger bot er sich Mary Faatz als Dolmetscher an, die den inzwischen

wieder angekleideten Zulu durch Gebärden und Worte zu überreden suchte, ihr

zu folgen.

»Die Herrschaften werden sich ohne mich mit ihm nicht verständigen können,«

redete er auf sie ein, aber sie ließ sich nicht überzeugen.

Endlich begriff Usibepu, was Mary von ihm wollte, und ging mit ihr die

Treppe hinauf in Klinkherbogks Wohnung.

* * * * *

Der Schuster saß noch immer, die Papierkrone auf dem Kopf, vor dem Tisch.

Die kleine Katje war zu ihm geeilt, und er hatte die Arme erhoben, als

wollte er das Kind an seine Brust ziehen, sie aber gleich darauf sinken

lassen und wieder in die Kugel gestarrt, als der somnambule Zustand

abermals Besitz von ihm ergriff.

Auf den Zehenspitzen schlich die Kleine an die Wand zurück neben Eva und

Sephardi.

Die Stille im Zimmer war noch tiefer und quälender geworden als vordem, --

konnte von Geräuschen nicht mehr durchbrochen werden, fühlte Eva --, wurde

nur dichter und lauernder, wenn ein leises Rascheln der Kleider oder ein

Knacken in den Dielen sich bisweilen hervorwagte, -- war zur bleibenden

Gegenwart geronnen, unberührbar von den Schwingungen der Töne, -- glich

einem schwarzsammetnen Teppich, auf dem Reflexe von Farben schwimmen, ohne

in die Tiefe dringen zu können.

Unsicher suchende Schritte kamen die Treppe im Hause herauf und näherten

sich der Dachkammer. --

Eva empfand es, als taste sich ein Würgengel aus der Erde empor.

Entsetzt zuckte sie zusammen, als unvermutet die Tür hinter ihr leise

knarrte und der Neger wie ein riesenhafter Schatten im Halbdunkel

auftauchte.

Auch die anderen waren heftig erschrocken, aber niemand getraute sich,

seine Stellung zu verändern, -- als sei der Tod über die Schwelle getreten

und blicke suchend von einem zum andern.

Das Gesicht Usibepu's zeigte keinerlei Verwunderung über die seltsame

Umgebung und die Stille, die im Zimmer herrschte.

Er war unbeweglich stehen geblieben und verschlang Eva mit glühenden

Blicken, ohne den Kopf zu wenden, bis Mary ihr zu Hilfe kam und sich stumm

vor sie stellte.

Das Weiße seiner Augen und die blitzenden Zähne hingen in der Finsternis

wie gespenstische Lichtflecke.

Eva kämpfte ihr Grauen nieder und zwang sich, unverwandt zum Fenster zu

schauen, vor dem, im Mondschein glitzernd, aus einem Kran im Dachfirst eine

armdicke eiserne Kette starr hinab in die Tiefe hing.

Leises, kaum hörbares Plätschern spielte in der Luft, wenn, vom Nachthauch

bewegt, das Wasser der beiden gabelförmig zusammenfließenden Grachten unten

an das Gemäuer des Hauses schlug. --

Das grüne Gesicht: Ein Roman · 第 14 / 38 题