Also doch! -- -- -- --

»Wünscht der Herr ein verlängertes Eintrittsbillet?« fragte der Kellner

leise, vertauschte flink das gelbe Tischtuch mit einer weißen Damastdecke,

stellte einen Strauß Tulpen in die Mitte und legte silberne Bestecke auf.

Ein ungeheurer Ventilator fing an zu surren und saugte die plebejische Luft

empor.

Livrierte Diener zerstäubten Parfüms, ein roter Sammetläufer rollte seine

Zunge auf über dem Boden bis über das Podium, Klubsessel aus grauem Leder

wurden hereingeschoben.

Man hörte das Vorfahren von Wagen und Automobilen auf der Straße.

Damen in Abendtoiletten von ausgesuchter Eleganz, Herren im Frack strömten

herein: dieselbe internationale, scheinbar feinste Gesellschaft, die

Hauberrisser abends sich in den Zirkus hatte drängen sehen.

In wenigen Minuten waren die Räume voll bis zum letzten Platz.

Leises Klirren von Lorgnonketten, halblautes Lachen, Knistern seidner

Röcke, Duft von Damenhandschuhen und Tuberosen, blitzende Perlenrivièren

und Brillanttropfen, Zischen von Champagnerflaschen, das spröde Rascheln

der Eisstücke in den silbernen Kühlern, wütendes Kläffen eines

Schoßhündchens, weiße, diskret gepuderte Frauenschultern, Schaumwellen von

Spitzen, süßlich scharfer Geruch von kaukasischen Zigaretten; -- das Bild,

das der Saal soeben noch geboten, war nicht mehr zu erkennen.

Wieder saßen an Hauberrissers Tisch vier Damen, -- eine ältere mit goldner

Lorgnette und drei jüngere, -- eine schöner als die andere: Russinnen mit

schmalen, nervösen Händen, blondem Haar und dunklen Augen, die niemals

zwinkerten, den Blicken der Herren nicht auswichen und sie dennoch nicht zu

sehen schienen.

Ein junger Engländer, dessen Frack von weitem den ersten Schneider verriet,

kam vorüber, blieb eine Weile stehen, wechselte ein paar verbindliche Worte

mit ihnen -- ein feines, vornehmes, todmüdes Gesicht; der linke Ärmel, leer

bis zur Achsel, baumelte schlaff herab und ließ seine schmächtige hohe

Gestalt noch schmaler erscheinen; das Monokel wie festgewachsen in der

tiefen Knochenhöhle unter der Braue.

Lauter Menschen ringsum, die der Spießer aller Völker instinktiv haßt wie

der krummbeinige Dorfköter den hochgezogenen Rassehund, -- Geschöpfe, die

den breiten Massen immer ein Rätsel bleiben, ihr ein Gegenstand der

Verachtung und des Neides zugleich sind, -- Wesen, die in Blut waten

können, ohne mit der Wimper zu zucken, und ohnmächtig werden, wenn eine

Gabel auf dem Teller kreischt, -- die wegen eines schiefen Blickes zur

Pistole greifen und ruhig lächeln, wenn man sie beim Falschspielen ertappt,

-- die ein Laster alltäglich finden, vor dem der »Bürger« sich bekreuzigt,

und lieber drei Tage dursten, als aus einem Glas trinken, das ein anderer

benutzt hat, -- die an den lieben Gott glauben wie an etwas

Selbstverständliches, aber sich von ihm absondern, weil sie ihn für

uninteressant halten, -- die für hohl gelten bei solchen, die voll

Plumpheit als Lack und Tünche zu durchschauen glauben, was in Wirklichkeit

seit Geschlechtern zum wahren Wesenskern geworden ist, und doch weder hohl

sind, noch das Gegenteil, -- Geschöpfe, die keine Seele mehr haben und

deshalb der Inbegriff des Verabscheuungswürdigen sind für die Menge, die

nie eine Seele haben wird, -- Aristokraten, die lieber sterben als kriechen

und mit unfehlbarem Spürsinn den Proleten in einem Menschen wittern, ihn

tiefer stellen als ein Tier und unbegreiflicherweise vor ihm

zusammenknicken, wenn er zufällig auf dem Thron sitzt, -- Mächtige, die

hilfloser werden können als ein Kind, wenn das Schicksal nur die Stirne

runzelt, -- -- Werkzeuge des Teufels und sein Spielball zugleich. -- -- --

--

Ein unsichtbares Orchester hatte den Hochzeitsmarsch aus Lohengrin beendet.

Eine Glocke schrillte.

Der Saal wurde still.

An der Wand über der Bühne leuchteten in winzigen Glühbirnen Buchstaben

auf:

! La Force d'Imagination !

und ein französisch friseurhaft aussehender Herr in Smoking und weißen

Handschuhen, mit schütterem Haar und Spitzbart, schlaffen, gelben

Hängebacken, eine kleine rote Rosette im Knopfloch und tiefe Schatten um

die Augen, trat aus dem Vorhang heraus, verbeugte sich und setzte sich

stumm auf einen Sessel inmitten des Podiums.

Hauberrisser nahm an, es werde irgendein mehr oder weniger zweideutiger

Vortrag, wie man sie in Kabaretts zu hören bekommt, folgen, und blickte

ärgerlich weg, als der Darsteller -- ob aus Verlegenheit, oder sollte ein

ordinärer Witz daraus werden? -- an seiner Toilette zu nesteln begann.

Eine Minute verging, und noch immer herrschte lautlose Stille im Saal und

auf der Bühne.

Dann setzten gedämpft zwei Geigen im Orchester ein, und wie aus weiter

Ferne blies schmachtend ein Waldhorn: »Behüt' dich Gott, es wär zu schön

gewesen, behüt' dich Gott, es hat nicht sollen sein.«

Erstaunt nahm Hauberrisser seinen Operngucker und schaute auf die Bühne.

Vor Entsetzen fiel ihm beinahe das Glas aus der Hand. Was war das! War er

plötzlich wahnsinnig geworden? Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirne --

kein Zweifel, ja, er war wahnsinnig geworden! Unmöglich konnte das, was er

sah, in Wirklichkeit auf dem Podium -- hier vor hunderten von Zuschauern,

Damen und Herren der noch vor Monaten vornehmsten Kreise -- stattfinden.

Vielleicht in einer Hafenschenke am Nieuwe Dyk oder als medizinisches

Kuriosum in einem Hörsaal, aber hier?!

Oder träumte er? War ein Wunder geschehen und der Zeiger der Zeit in die

Epoche Ludwigs XV. zurückgesprungen? -- -- --

Der Darsteller hielt beide Hände fest auf die Augen gepreßt wie jemand, der

sich innerlich mit Aufgebot seiner ganzen Phantasie irgend etwas so lebhaft

wie möglich vorzustellen wünscht -- -- --, erhob sich dann nach einigen

Minuten. Verbeugte sich hastig. Und verschwand.

Hauberrisser warf einen schnellen Blick auf die Damen an seinem Tisch und

die Gesellschaft in der Nähe. Niemand verzog auch nur eine Miene.

Nur eine russische Fürstin leistete sich die Ungeniertheit, zu

applaudieren.

Als sei überhaupt nichts geschehen, ging man heiter plaudernd zur

Tagesordnung über.

Hauberrisser hatte die Empfindung, als säßen mit einemmal lauter Gespenster

um ihn herum; er fuhr mit den Fingern über das Tischtuch und sog den mit

Moschus durchtränkten Blütenduft ein: -- das Gefühl der Unwirklichkeit

steigerte sich in ihm nur noch bis zum tiefsten Grauen.

Abermals schrillte die Glocke und der Saal wurde dunkel.

Hauberrisser benützte die Gelegenheit und ging.

Draußen auf der Gasse schämte er sich beinah seiner Gemütsbewegung.

Was war, im Grunde genommen, eigentlich so Schreckliches geschehen?, fragte

er sich. Nichts, was nicht weit schlimmer in ähnlicher Art nach längeren

Zeitläufen in der Geschichte der Menschheit immer wiedergekehrt wäre: das

Wegwerfen einer Maske, die nie etwas anderes bedeckt hatte als bewußte oder

unbewußte Heuchelei, sich als Tugend gebärdende Temperamentlosigkeit oder

in Mönchsgehirnen ausgebrütete asketische Ungeheuerlichkeiten! -- Ein

krankhaftes Gebilde, so kolossal, daß es schließlich einem zum Himmel

ragenden Tempel geglichen, hatte ein paar Jahrhunderte lang Kultur

vorgetäuscht; jetzt fiel es zusammen und legte den Moder bloß. War das

Aufbrechen eines Geschwüres denn gräßlicher und nicht weit weniger

furchtbar als sein beständiges Wachsen? Nur Kinder und Narren, die nicht

wissen, daß die bunten Farben des Herbstes die Farben der Verwesung sind,

jammern, wenn statt des erwarteten Frühlings der tödliche November kommt.

So sehr sich Hauberrisser auch bemühte, sein Gleichgewicht wiederzufinden,

indem er kühles Erwägen an Stelle des vorschnellen Gefühlsurteils setzte:

das Grauen wich den Argumenten nicht -- blieb hartnäckig bestehen, so, wie

der Stein, weil sein innerstes Leben die Schwere ist, sich nicht durch

Worte verrücken läßt.

Ganz allmählich, als flüstere es ihm eine Stimme in zögernden Sätzen

silbenweise ins Ohr, wurde ihm nach und nach klar und verständlich, daß

dieses Grauen nichts anderes war als wiederum dieselbe dumpfe, drosselnde

Furcht vor etwas Unbestimmtem, die er schon so lange kannte -- ein

plötzliches Gewahrwerden unaufhaltsamen Hinabsausens der Menschheit in die

Verderbnis.

Daß heute einem Publikum als selbstverständliches Schauspiel erscheinen

konnte, was gestern noch als Gipfel der Unmöglichkeit gegolten hätte, war

das Atembeklemmende dabei, -- dieses: »in rasenden Galopp verfallen« und

»wie vor einem am Wege auftauchenden Gespenst scheu gewordene Ausbrechen«

der sonst so geduldig schreitenden Zeit in die Dunkelheit geistiger Nacht

hinein.

Hauberrisser fühlte, daß er wieder einen Schritt weiter hinabgeglitten war

in jenes unheimliche Reich, in dem die Dinge der Welt um so schneller sich

in wesenlosen Schein schemenhafter Unwirklichkeit auflösen, je krasser sie

sind.

Er betrat eins der beiden schmalen Seitengäßchen, die links und rechts das

Tingeltangel umgaben, und schritt gleich darauf an einem Laubengang aus

Glas vorüber, der ihm merkwürdig bekannt vorkam.

Als er um die Ecke bog, stand er vor dem mit Rollblech verschlossenen Laden

Chidher Grün's; das Lokal, das er soeben verlassen, war nur der rückwärtige

Teil des sonderbaren, turmähnlichen Hauses in der Jodenbreestraat mit dem

flachen Dach, das schon nachmittags seine Aufmerksamkeit erregt hatte.

Er blickte empor zu den beiden trüben Fenstern, -- auch hier wieder der

befremdende Eindruck von Unwirklichkeit: das ganze Gebäude glich täuschend

in der Dunkelheit einem ungeheuern menschlichen Schädel, der mit den Zähnen

des Oberkiefers auf dem Pflaster ruhte.

Unwillkürlich verglich er auf dem Wege zu seiner Wohnung das phantastische

Durcheinander im Innern dieses Schädels aus Mauerwerk mit den vielerlei

krausen Gedanken in dem Kopfe eines Menschen, und Mutmaßungen, als könnten

hinter der finstern steinernen Stirne da oben Rätsel schlafen, von denen

Amsterdam sich nichts träumen ließ, verdichteten sich in seiner Brust zu

einem beklemmenden Vorgefühl gefährlicher, an der Schwelle des Geschickes

lauernder Ereignisse.

War die Vision des Gesichtes aus grünem Erz im Laden des Vexiersalons

wirklich nur ein Traum gewesen?, überlegte er.

Die regungslose Gestalt des alten Juden vor dem Pulte nahm plötzlich in

seiner Erinnerung alle Merkmale einer schattenhaften Luftspiegelung an, --

schien weit eher einem Traum entsprungen zu sein, als das erzene Gesicht.

Hatte der Mann tatsächlich mit den Füßen auf dem Boden gestanden? Je

schärfer er sich das Bild zu vergegenwärtigen suchte, um so mehr zweifelte

er, daß es der Fall gewesen war.

Er wußte mit einemmal haargenau, daß er die Schubladen des Pultes durch den

Kaftan hindurch deutlich gesehen hatte.

Ein jähes Mißtrauen gegenüber seinen Sinnen und der anscheinend so fest

begründeten Stofflichkeit der Außenwelt flammte, tief aus der Seele

hervorbrechend wie ein blitzartiges Licht, einen Augenblick in ihm auf, und

gleichsam als Schlüssel zu den Geheimnissen derartiger unerklärlicher

Vorgänge, fiel ihm ein, was er schon als Kind gelernt: daß das Licht

gewisser, unfaßbar weit entfernter Sterne in der Milchstraße am Himmel

siebzigtausend Jahre braucht, um zur Erde zu gelangen, und man daher (gäbe

es so scharfe Fernrohre, um jene Weltenkörper dicht vor's Auge zu rücken)

dort oben nur Begebenheiten schauen könnte, so wirklich und wahrhaftig, als

vollzögen sie sich soeben, die seit siebzigtausend Jahren bereits in das

Reich der Vergangenheit versunken sind. Es mußte also -- ein Gedanke von

erschütternder Furchtbarkeit! -- in der unendlichen Ausdehnung des

Weltenraumes _jedes_ Geschehen, das einmal geboren worden, ewig als Bild,

aufbewahrt im Licht, bestehen bleiben. »So gibt es also -- wenn auch

außerhalb des Bereiches menschlicher Macht -- eine Möglichkeit,« schloß er,

»Vergangenes zurückzubringen?«

Als hinge die Erscheinung des alten Juden vor dem Pulte mit diesem Gesetze

einer gespenstischen Wiederkunft irgendwie zusammen, gewann sie plötzlich

für ihn ein schreckhaftes Leben.

Er fühlte das Phantom gleichsam in Armesnähe neben sich hergehen,

unsichtbar für die äußern Augen und doch weit gegenwärtiger als jener

leuchtende, ferne Stern dort oben in der Milchstraße, den alle Menschen

sehen konnten Nacht für Nacht, und der trotzdem schon seit siebzigtausend

Jahren am Himmel erloschen sein konnte -- --

Vor seiner Wohnung, einem engen, zweifenstrigen, altertümlichen Hause mit

einem Vorgärtchen, blieb er stehen und sperrte das schwere eichene Tor auf.

So deutlich war seine Empfindung geworden als ginge jemand neben ihm, daß

er sich unwillkürlich umblickte, bevor er eintrat.

Er klomm die kaum brustbreite Treppe empor, die, wie fast in allen

holländischen Häusern, steil wie eine Feuerleiter in einer ununterbrochenen

Flucht von ebener Erde bis hinauf unter das Dach lief, und ging in sein

Schlafzimmer.

Ein Raum, schmal und langgezogen, die Decke getäfelt, nur ein Tisch und

vier Stühle in der Mitte; alles andere: Schränke, Kommoden, Waschtisch,

sogar das Bett, eingebaut in die mit gelber Seide bespannten Wände.

Er nahm ein Bad und legte sich schlafen.

Beim Auslöschen des Lichtes fiel sein Blick auf den Tisch, und er sah dort

einen würfelförmigen grünen Karton stehen.

»Aha, das Delphische Orakel aus Papiermaché, das man mir aus dem

Vexiersalon geschickt hat«, legte er sich mit bereits entschwindendem

Bewußtsein zurecht.

Eine Weile später fuhr er halb aus dem Schlummer auf; er glaubte ein

merkwürdiges Geräusch gehört zu haben, als schlüge eine Hand mit kleinen

Stäben auf den Fußboden.

Es mußte jemand im Zimmer sein!

Aber er hatte doch die Haustür fest zugeschlossen! Er erinnerte sich genau.

Vorsichtig tastete er an der Wand hin nach dem Drücker des elektrischen

Lichtes, da berührte ihn etwas, das sich anfühlte wie ein kleines Brett,

mit leisem, schnellem Schlag am Arm. Gleichzeitig hörte er ein Klappen in

der Mauer, und ein leichter Gegenstand rollte über sein Gesicht.

Im nächsten Augenblick blendete ihn die aufleuchtende Glühbirne.

Wieder ertönte das Geräusch der klopfenden Stäbe.

Es kam aus dem Innern der grünen Schachtel auf dem Tisch.

»Der Mechanismus in dem albernen pappendeckelnen Totenkopf wird losgegangen

sein; das ist alles,« brummte Hauberrisser ärgerlich. Dann griff er nach

dem Ding, das ihm übers Gesicht gekollert war und auf seiner Brust lag.

Es war eine zusammengebundene Rolle Schreibpapier, mit engen, verwischten

Schriftzeichen bedeckt, wie er mit halbwachen Augen erkannte.

Er warf sie aus dem Bett hinaus, drehte das Licht ab und schlief wieder

ein.

»Sie muß von irgendwo herabgefallen sein, oder bin ich an ein Klappfach in

der Wand angekommen, in dem sie gelegen hat«, raffte er seine letzten

klaren Gedanken zusammen, dann formten sie sich immer dichter und dichter

zu konfusen Phantasiegebilden, und schließlich stand als Traumgestalt,

wahllos aufgebaut aus den Eindrücken des Tages, ein Zulukaffer vor ihm, auf

dem Kopf eine rotwollene Gockelhaube, die Füße geschmückt mit grünen

Froschzehen, hielt in der Hand die Visitenkarte des Grafen Ciechoñski, und

das schädelhafte Haus in der Jodenbreestraat stand grinsend dabei und kniff

zwinkernd bald das eine, bald das andere Auge zu.

Das ferne bange Heulen einer Schiffssirene im Hafen war das letzte

Überbleibsel aus der Sinnenwelt, das Hauberrisser noch eine kleine Strecke

hinabbegleitete in die Abgründe des Tiefschlafs.

Das grüne Gesicht: Ein Roman · 第 11 / 38 题