Weniger tief als auf der Ostseite reicht auf der _Südseite_ die

Firn- und Eisdecke herab. Sie endet in ungefähr 4650 Meter Höhe am

Fuß der Felsmasse »Picacho«, die schroff, verwittert, ruinenhaft aus

dem Südhang des Berges hervorragt und ein vereinzeltes Überbleibsel

des ältern, vom Cotopaxi verschütteten vulkanischen Fußgebirges ist.

Sie hat zum Cotopaxi dasselbe Verhältnis wie die Somma zum Vesuv.

Auch von jüngeren Lavaströmen, Schlammströmen, Wasserrissen bemerkt

man auf der südlichen Bergseite relativ wenig, da der hochgewölbte

südliche Kraterrand seit langem ein Überfluten der Laven nach Süden

verhindert hat. Flach läuft der Südfuß bei 3700 Meter in die südlichen,

schildförmigen, älteren Vorberge aus, die, von jüngerer Asche bedeckt,

sich unabsehbar nach Süden dehnen.

Auch auf der entgegengesetzten, der _Nordseite_, steht der Fuß des

Cotopaxi in etwa 3700 Meter Höhe auf dem ältern Grundgebirge. Dorthin

aber in den weiten Binnenraum zwischen ihm selbst und seinen drei

kleineren Nachbarn Rumiñagui, Pasochoa und Sincholagua hat der große

Vulkan ungeheuere Ausbruchmassen, Lavaströme, Schlammfluten und

Aschenregen, entsandt; und über dieser Wildnis thront der höchste

Gipfel des Berges, die schneeige runde Nordkuppe, von der aus sich

der weite Firnmantel bis zu 4700 Meter herabsenkt. Wegen dieser hohen

Gipfelkuppe und weil man hier den elliptischen Kraterrand von der

Schmalseite sieht, hat die Nordseite des Berges die ausgeprägteste

Kegelform, während auf der Westseite, wo sich der elliptische

Kraterrand in der Längsansicht zeigt und keinen hochragenden Gipfel

trägt, der Kegel stark abgestumpft und breiter erscheint.

Am gleichmäßigsten in seiner Ausdehnung und Begrenzung legt sich der

Schneemantel um die _Westseite_ des Berges. Bis zu durchschnittlich

4700 Meter breitet er sich hier bergab aus, wird in der Mitte oben

bloß von zwei dunklen Felsflecken durchbrochen und ist am Rande nur

von wenigen einspringenden Lavawällen und vorspringenden ganz kurzen

Gletscherzungen gesäumt. Darunter aber sinken die dunklen Berghänge

noch weitere 1700 Meter bis zu seiner Basis ab, die hier auf der

Westseite nicht wie auf den anderen Seiten ein bergiges, ödes Vor-

und Unterland ist, sondern die interandine Hochebene selbst, durch

die sich gemächlich der Cutuchifluß windet, und von deren Wiesen,

Feldern, Gehöften und Dörfern sich einzelne Ausläufer zu dem großen

Vulkan vorschieben wie Vorposten gegen den Feind. Seine Feindschaft

gegen alles Lebendige offenbart sich gerade auf dieser Westseite

furchtbar durch die Aschenfälle und Schlammströme, die er weit

über das Kulturland entsandt hat. Und wie ein unablässig mahnendes

Warnungssignal flattert in kurzen Intervallen am Gipfel eine kleine

weiße Fahne von Kraterdämpfen. Aber gerade dieses harte Nebeneinander

von Lebensdrang und Todesgefahr macht den Anblick des Berges von der

Westseite so eindrucksvoll. Und dazu zeigt er sich von keiner andern

Seite dem Beschauer so breit, so groß, so ebenmäßig in seinem Aufbau

wie von dieser, von der ihn weitaus die meisten Menschen des Hochlandes

sehen.

Von Westen gesehen, hat der Cotopaxi keinen andern großen Berg als

Nebenbuhler neben sich. Auf keiner andern Seite holt die wundervolle

vulkanische Kurve seines Profils, deren Schönheit uns auch auf den

anderen Seiten begeistert, so weit aus wie auf dieser. Der kraftvolle

Nachdruck dieser Kurvenführung liegt in dem letzten obersten Schwung,

wie in einem titanischen, von der Erde zum Himmel geführten Hieb.

Unwiderstehlich zieht diese Bogenlinie den Blick zuerst nach oben.

Dann gleitet er mit den abwärts führenden Firnrinnen, Lavaströmen und

Wasserrissen langsam zum Bergesfuß zurück, wo die große Kurve ganz

sanft in die Horizontale der Basisebene ausklingt. »Bergschleppe«

nennen die Japaner in treffendem Vergleich bei ihren Vulkanen den

unmerklichen Übergang des untern Berghangs in die horizontale Richtung.

In diesem breiten festen Aufruhen auf seinem Fundament empfinden und

erkennen wir ein weiteres Element seiner Größe. Es ist nicht wie am

Ätna, wo der Eindruck der Breite über den der Höhe überwiegt, sondern

die Höhenwirkung dominiert am Cotopaxi entschieden. Aber wie am Ätna

und ähnlichen Vulkanen sagt uns zugleich dieses breite Auslaufen seines

Sockels, daß dieser Berg nicht durch hebende Kräfte erbaut ist, sondern

durch die von oben herabfließenden Lavaströme und Aschenregen, deren

Massen immer mehr abnehmen müssen, je weiter sie sich vom zentralen

Ausbruchspunkt entfernen.

Diesen eigenartigen bauenden Kräften verdankt der Cotopaxi seinen

_Stil_. Seine Form verrät zugleich seinen Bau und seine Jugend. Er ist,

aus einiger Entfernung gesehen, ein Vulkankegel von architektonischer

Symmetrie. Auch die Schar von kleinen parasitären Eruptionskegeln fehlt

ihm, wie sie zum Beispiel den Kilimandjaro umringen und ihm teilweise

aufsitzen. Deshalb ist eine große Ruhe und eine ruhige Größe in der

Erscheinung des Cotopaxi, die durch den riesigen, gleichmäßigen, drei

Viertel der Bergeshöhe umschließenden Schnee- und Eispanzer noch mehr

gesteigert wird. Daß die symmetrische Gestalt nicht starr wirkt,

verhindert das lebendige Spiel der Wolken, des Lichtes, der Farbe

und die bewegte Umfassungslinie der Pflanzen- und Schneedecke. Dabei

überlegen wir, daß die kolossale absolute Höhe dieses Berges von rund

6000 Meter noch längst nicht erreicht würde, wenn wir den Ätna und den

Vesuv und den Stromboli übereinanderstellen könnten. Wir ahnen die

große Ursache, die dieser Erscheinung zugrunde liegt; die Vorstellung

von den ungeheuren vulkanischen Kräften, die diesen ebenmäßigen

Riesenbau errichtet haben, flößt uns das Gefühl des Erhabenen ein

und löst in uns neben den ästhetischen auch ethische Geistesregungen

höherer Ordnung aus.

Die Versuche, den Gipfel dieses höchsten tätigen Vulkans der Erde zu

besteigen, beginnen mit Alexander von Humboldt. Seinem im Mai 1802

unternommenen Versuch folgten Boussingault und Hall im Dezember 1831,

der deutsche Reisende Moriz Wagner im Dezember 1858, aber erreicht

wurde der Gipfel von Santa Ana am Westfuß aus erst am 27. November

1872 durch Wilhelm Reiß. Seinem Reisegefährten Alphons Stübel glückte

der Versuch wenige Monate später ebenfalls. Vier Jahre danach, nur ein

Vierteljahr nach dem furchtbaren Ausbruch vom 26. Juni 1877, nahm der

an der Universität Quito als Geolog tätige Deutsche Theodor Wolf den

Berg abermals in Angriff und erreichte den Krater auf einer neuen Route

im September 1877, wobei auch die höchste Spitze des Kraterrandes, der

Nordgipfel, zum ersten Male betreten wurde. Auf der gleichen Route

hatte der spätere deutsche Staatssekretär des Reichsschatzamtes,

Freiherr von Thielmann, im Januar 1878 Erfolg. Der Klassiker des

Alpinismus, Edward Whymper, hat den Berg, den Wolf-Thielmannschen

Spuren folgend, mit Schweizer Führern gleichfalls bezwungen. Das war

im Februar 1880; seitdem hatte bis auf meine Zeit keines Menschen Auge

wieder den Krater gesehen.

2. Der Anmarsch.

Das Wetter war regnerisch und nebelig, als wir am 11. Juli 1903 von

Latacunga nach dem Dorf Mulaló am Südwestfuß des Cotopaxi ritten; meist

über ebenes Terrain. Zuerst ging es an braunwässerigen eiligen Bächen

zwischen ummauerten Gärten und Feldern entlang, dann über das breite,

flache Schwemmtal des vom Cotopaxi kommenden Rio Aláques, wo uns die

ungeheuren Massen von Geröll, Kies und großen Blöcken, die der Fluß zu

beiden Seiten seines jetzigen Bettes ausgebreitet hat, zum erstenmal

einen Begriff von der furchtbaren Wirkung der Schlammströme geben, die

der Berg bei Eruptionen durch seine Schmelzwasser entsendet. Über 4

Meter hoch liegen hier noch die Schottermassen der Eruption des Jahres

1877.

Den Verlauf dieser »Avenida« (Schlammstrom) vom 26. Juni 177

schildert recht anschaulich Wilhelm Reiß: »Mit dumpfem Brausen, fast

mit fernem donnerähnlichen Getöse wälzen sich die mit vulkanischer

Asche, Gesteinstrümmern, glühenden Lavablöcken und großen Eismassen

vermischten Gewässer am Abhang herab. An den unteren Gehängen drängen

sie sich in den dort eingeschnittenen Schluchten zusammen, dieselben

bis zu Höhen von 60 bis 100 Meter erfüllend, über die Seitenwände

sich ergießend und auf den Abhängen Schutthügel bis zu 20 und 30

Meter Höhe absetzend. Am Fuß des Berges aber, wo die Wasserläufe nur

wenig eingeschnitten sind, überschreiten sie die Talbetten und dehnen

sich als wilde Schlammfluten über das Land aus, alles vernichtend

und zerstörend. Häuser, Haciendas, Fabriken, Menschen und Vieh mit

sich fortreißend, bildeten 1877 die Schlammfluten zwischen Mulaló und

Latacunga einen weiten See von ungefähr 28 Kilometer Länge und 1,6

Kilometer Breite, in dessen ganzer Ausdehnung das Land nach Ablauf der

Gewässer etwa ein Meter hoch mit Schlamm, Schutt und Detritus bedeckt

war. Alle Straßen wurden zerstört, alle Brücken weggerissen; in der

Umgegend von Latacunga berechnete man den Verlust an Menschenleben

auf etwa 300 Personen, obgleich der Ausbruch bei Tage erfolgte und

viele sich retten konnten. Mit einer Geschwindigkeit von etwa 10

Meter in der Sekunde (!) brausten die Fluten dahin. Drei Stunden nach

seinem Eintreffen in Mulaló zerstörte der Schlammstrom bereits die 15

geographische Meilen entfernte Brücke über den Rio Pastaza am Fuß des

Tunguragua; er erhob sich dort 100 Meter hoch in dem 12 Meter breiten

Flußbett. Ähnlich einem Lavastrom, seitlich wie von einer Mauer oder

einem hohen Damm begrenzt, bewegten sich die Schlammassen vorwärts;

sie überstürzten sich wie hohe Wellen, die sich fortwährend nach vorn

überschlugen.«

Auf einer wegen der Unsicherheit des Flusses immer interimistischen

Brücke von Balken, Rohrgeflecht und Kiesbewurf setzten wir über

den 12 Meter breiten Aláquesfluß, folgten jenseits dem Ostrand der

interandinen Hochebene, die hier sumpfig und binsenbewachsen ist wie

ein alter Seeboden, und stiegen dann gemächlich durch etwas reichlicher

bebautes Land zum Dörfchen _Mulaló_ (3073 Meter) an, das mit seiner

kleinen Kirche und seinen 20 bis 30 Häusern auf einem niedrigen Hügel

liegt, wodurch es bisher von der Zerstörung durch die Schlammströme des

Cotopaxi bewahrt geblieben ist, die dicht daneben das Land überschwemmt

und verwüstet haben. Aber die Aschenregen und Steinbombardements

seines furchtbaren Nachbars Cotopaxi haben den Ort ebenso getroffen

wie die übrige Umgebung, am verderblichsten wohl im April 1768, wo die

Häuser durch die glühenden Schlacken in Brand gesetzt, elf Personen

durch vulkanische Bomben erschlagen wurden und wo der Aschenregen eine

anderthalb Fuß dicke tödliche Schicht auf die Gegend legte. Die Ruine

der damals zerstörten alten Kirche steht noch neben der neuen. Im Haus

des freundlichen »Padre Cura« (des Pfarrers) stiegen wir ab.

Der Aufforderung des Pfarrers folgend, meldeten sich am Morgen nach

unserer Ankunft eine größere Zahl Peones zu unserer Begleitung, als

wir brauchten. Die engere Auswahl traf der Vater des Priesters. Der

alte Herr machte mit den Leuten kurzen Prozeß. Er bestimmte einfach die

kräftigsten zum Mitgehen, und als einer von ihnen einen Einwand erhob,

schrie er ihn wütend an, entriß ihm den langen Stock, den die Peones

zu tragen pflegen, und hieb ihm damit über den dicken Filzhut, daß es

krachte und stäubte. Die Logik dieses Verfahrens war zwingend; in fünf

Minuten waren wir handelseinig.

Vom Cotopaxi bekamen wir auch hier nichts weiter zu sehen als die

untere Region bis zur Grenze des ewigen Schnees (bei 4700 Meter), von

dem kurze, spitze Zungen ausliefen. Darauf und darunter bis tief in

die Páramoregion herab lag dichter Neuschnee. Der Pfarrer versicherte,

der Berg werde nach starkem Neuschnee meistens ganz klar und bleibe

es zwei bis drei Tage. Äußerst wechselvoll ist am Berg das Spiel der

Wolken. Am Morgen bis gegen 9 Uhr zieht bis zur Höhe von 4000 Meter ein

langer schmaler Ring von Stratuswolken aus Osten über Süden nach Westen

dicht um den Cotopaxi. Darüber ist ein Raum von etwa 1000 Meter Höhe

ziemlich wolkenfrei, und über ihm steigen auf dem Westhang des Berges

einzelne Wolkengruppen von Westen her bergan. Ganz oben kommt der

Wolkenzug wieder aus Osten. Allmählich aber gewinnt von 9 Uhr an der

östliche Luftzug die Oberhand, und bald ziehen alle Wolken des Berges

nach Westen.

Am Mittag des 12. Juli ritten wir mit unserer kleinen Karawane und

einem noch in letzter Stunde als Führer engagierten alten Hirten, der

angeblich die ganze Süd- und Westseite des Berges bis zur Firngrenze

hinauf kannte, nach Norden weg. Gleich hinter Mulaló betraten wir

das Gebiet der Schlamm- und Schuttströme, die sich, ungeheuren Muren

unserer Alpen gleich, durch die südwestlichen Bachschluchten des

Cotopaxi herabgewälzt und nach Austritt in die Ebene zu riesigen

Trümmerfeldern ausgebreitet haben. Furchtbar ist die Vermurung im

Bereich des Rio Saquimálag mit seinen Zuflüssen. Unter den jüngeren

Eruptionen haben die von 1853, 1877 und 1881 am meisten zu diesen

Verwüstungen beigetragen. Dreiviertel Stunde ritten wir über das

Trümmerfeld, das sich westwärts noch viel breiter ausflacht. Kolossale

Blöcke verschiedenster Gesteinsarten sind zu Tausenden darüber

verstreut und geben uns eine annähernde Vorstellung von der Gewalt

dieser Schlammfluten.

Weiterreitend stiegen wir bald in die Quebrada des Rio Saquimálag (3145

Meter) hinab, der in einem etwa 150 Meter breiten Cañon zwischen 25 bis

30 Meter hohen Steilwänden von Tuff und Lapilli nach Südwesten fließt.

Die Talsohle ist durch Geröll und Sand zu einer Ebene ausgefüllt,

in der sich der Fluß fortschlängelt. Wenn aber bei Eruptionen die

Schmelzwasser mit ihren Schlammfluten kommen, erfüllen sie in wenigen

Minuten den ganzen 150 Meter breiten Cañon bis zum Rand.

All dieses Land ist begreiflicherweise nur sehr wenig mit Pflanzen

bewachsen. Es ward erst allmählich besser, als wir aus der Quebrada

Saquimálag auf die Hochterrasse hinaufkamen, wo die kleine _Hacienda

Ilitio_ (3275 Meter) inmitten von Lupinenfeldern steht.

Mehr als vorher merkten wir beim Weiterreiten, daß das Gelände in

Stufen ansteigt. Die lange, aus der Ferne ganz ungebrochen erscheinende

Kurve der Vulkanböschung ist in Wirklichkeit eine lange Folge von

kurzen und langen Stufen, die zum Berggipfel hin immer steiler werden.

Teils sind sie durch die übereinandergeflossenen, an der Stirn

steil abbrechenden Lavaströme entstanden, teils durch die rückwärts

einschneidende Erosion der Bäche. In einer solchen Erosionsbucht,

Hondon de León genannt, ging es nun durch Busch und Gras auf eine

Stufe hinauf, wo nur noch vereinzelte, von Wind und Wetter zerzauste

Berberitzenbäume und wenige Sträucher der rotweiß blühenden Fuchsie im

hohen grauen Grase stehen.

Kaum hatten wir diesen Páramo betreten (3450 Meter), da erschienen auch

schon in Scharen die lieblichsten Kinder der alpinen Flora Ecuadors,

die Gentianen. Da die Lasttiere erschöpft waren und Wasser in der Nähe

war, während es weiter oben bis an den Schnee keines mehr gab, ließ ich

hier im hohen Gras die Zelte zum _ersten Cotopaxilager_ aufschlagen

(3670 Meter), so daß uns für den nächsten Tag bis zur Schneegrenze

noch etwa 1000 Meter übrigblieben.

Während sich die Peones an der Baumgrenze für die Nacht ein dürftiges

Schutzdach aus Zweigen zusammensteckten und meine beiden Arrieros

eine Biwakküche improvisierten, trat endlich der langersehnte Moment

ein, wo wir den Bergriesen, dem wir nun schon so nahe auf den Leib

gerückt waren, in Wirklichkeit zu sehen bekamen. Nach einem prasselnden

Regenschauer riß das graue Gewölk im Nordosten auseinander, und da

stand der Cotopaxi in seiner ganzen Größe, frei vom Scheitel bis zur

Sohle. Wieviel hundertmal ich auch seit Jahren Bilder des Cotopaxi

betrachtet und studiert hatte, wie oft ich auch von seiner Schönheit

und Erhabenheit gelesen und gehört hatte, _so_ hatte ich ihn mir doch

nicht vorgestellt. Und Freund Reschreiter ebensowenig. Die plötzliche

Erscheinung ergriff uns wie ein Zauber. Wir schauten hinauf, in Andacht

versunken. Dann löste sich die Gemütsspannung in hellen Jubel aus; doch

bald gewannen wieder Verstand und Wille die Oberhand, und jeder tat,

was seines Amtes war: Reschreiter zeichnete und malte (siehe buntes

Umschlagbild), und ich photographierte, maß und suchte den ganzen Berg

mit dem Fernglas ab.

Von uns aus bergauf läuft nach wenigen 100 Metern die Páramovegetation

in ihre letzten Zungen und Flecken aus, dann folgt ein breites Band

von graubrauner Bimsstein- und Schuttwüste, durchzogen von zahllosen

Neuschneestreifen, und darüber schwingt sich der gewaltige Schneekegel

zum dunkelblauen Himmel auf, in so blendender Weiße, daß sich die

Augen von Zeit zu Zeit abwenden müssen. Lückenlos lag der ungeheure

Firnmantel um den Berg, einzig unterbrochen durch zwei relativ kleine

dunkle Felspartien an der obern Westseite. Von vielen Seiten schien

der Aufstieg zum abgestumpften Gipfel möglich, am direktesten im

Westnordwesten, am nächsten aber für uns im Westsüdwesten auf die

Südwestkuppe zu. Alles dies erweckte uns frohe Hoffnungen für die

nächsten Tage.

Unterdessen war es im Lager wohnlich geworden. Die Arrieros lagen vor

ihren primitiven Zeltchen im Gras und rauchten, die Peones kauerten

unter ihrem schnell hergerichteten Laubdach um ein qualmendes Feuer und

verzehrten schmatzend und schweigsam ihren gerösteten Mais, den »Mote«,

und wir setzten uns vor unser kleines Zelt an den Klapptisch auf unsere

beiden Blechkoffer, tranken Tee, ließen uns die warme Sonne behaglich

auf den Rücken brennen, weideten uns an der unvergleichlichen Aussicht

hinauf zum schneeigen Bergriesen oder hinunter in die bräunlich

violette, von silbernen Wasserfäden durchwobene Ebene, hinüber zum

breiten dunklen Rumiñagui und zum doppelzackigen firntragenden Iliniza

und fern hinaus zum herrlichen Kuppeldom des Chimborazo und gingen

wieder einmal auf in der ewig jungen Schönheit unserer alten Mutter

Erde. Hoch über uns zog ein Kondor – die sich regelmäßig einzustellen

pflegten, wenn wir irgendwo ein Lager aufgeschlagen hatten – seine

Kreise am dunkelblauen Firmament, und am nahen Bach flatterten

wilde Tauben und girrten im Liebesspiel. Das ist die Poesie dieser

Gebirgslager, die man gegen keinerlei Bequemlichkeiten der Welt

eintauschen möchte!

Am nächsten Morgen bannte uns zunächst ein kräftiger Regen stundenlang

ins Lager. Gegen 9 Uhr aber blitzte plötzlich die Sonne durch die

nassen Nebel, und sofort waren wir auf den Beinen zum _Weitermarsch_.

Bis zur nächsten Hügelhöhe kannte sich unser alter Führer noch aus;

wir indes ebenfalls. Dann aber hörte seine Wissenschaft auf, und die

unserige begann, soweit sie uns nun der Berg selber lehrte.

Bis hierher hatte uns offener alpiner Busch begleitet. Von 4000 Meter

an bis 4250 Meter finden sich nur noch wenige weit versprengte, dicht

an den Boden geschmiegte Polsterchen von Alchemillen und kleine

Büschel eines violetten Grases, dann durchreiten wir bis 4700 Meter

eine hochalpine Wüste, ein »Arenal«, ein wellig ansteigendes Gelände

von Lapilli, Schlacken, Bimsstein, vulkanischer Asche und Staub,

dunkelgrau bis rotbraun in der Gesamtfärbung und größtenteils so fest,

daß Menschen und Maultiere ohne viel Rutschen und Einsinken darauf

fortkommen können. Nur selten ragt aus der Schuttdecke ein großer

zackiger Felsklotz darunterliegender Laven.

Am Unterrand dieser wasserlosen Lapilliwüste brandet das Meer des

vegetabilen Lebens empor, gewinnt da und dort etwas Terrain, weicht an

anderen Stellen zurück, immer in Bewegung, immer wechselnd, aber in

meßbaren Zeiten doch stets an ein bestimmtes Strandniveau gebunden wie

der Ozean an der Festlandsküste. Das Bild vom unaufhörlichen schweren

Kampf des Lebens gegen die feindlichen Gewalten der anorganischen Natur

tritt uns nirgends in solcher Größe und Anschaulichkeit entgegen wie

an der Vegetationsgrenze hoher Gebirge. Und wir selbst stellen uns

mitten hinein, indem wir durch die Wüstenzone der Schnee- und Eisgrenze

entgegenziehen, die als eine zweite vielbewegte Strandlinie das andere,

von oben herabwogende Meer der Firnfelder und Gletscher säumt. Auch

dort ein ewiges Fluten und Zurückebben, und zwischen den beiden großen

einander entgegenstrebenden Massenbewegungen, zwischen dem Leben und

dem Tod, der schmale trennende Streifen vermeintlichen Festlandes, das

unbewegt und unbeweglich erscheint, aber doch ebenso in fortwährender

Bewegung ist.

Nun begannen wir auch die Gewalt des Windes zu fühlen. Mit wachsender

Stärke braust er aus Osten vom Berg herab uns entgegen, böenartig und

stoßweise, und zwingt uns bald, von unseren Tieren zu steigen, da

diese nicht mehr vorwärts zu bringen sind, sondern bei jedem neuen

Windstoß kehrtmachen und dem Sturm die unempfindlichere Rückseite

entgegenstemmen. Wir werfen den Tieren die Zügel über den Hals und

gehen voran; sie folgen langsam, weit hinter ihnen die beiden Arrieros

mit den Lasttieren, die ihre Bürden immer noch weiter bergan schleppen,

so sauer ihnen auch das Atemholen in der dünnen Höhenluft mit Schnauben

und Keuchen und zitternden Flanken wird. Weit hinter den Tieren der

Trupp meiner zum Lastentragen angeworbenen Peones, die wegen der

Ausdauer der Tiere überhaupt nicht in Tätigkeit traten, und am Schluß

der träge Dolmetscher Santiago und der alte »Führer«, der nie vorher in

dieser Bergeshöhe gewesen war.

Mein etwas nördlicher Kurs brachte uns bald an den Steilrand der tiefen

Schlucht des Puca-huaico. Ich sah, daß sie sich hier nur mit großem

Zeit- und Kraftverlust traversieren ließ, darum blieb ich auf unserer

bisherigen Seite und stieg ostwärts, den Schneefeldern entgegen, weiter

bergan.

[Illustration:

Paul Großer 1902.

Der Antisana von Westsüdwest aus; Standpunkt 4300 ~m~.]

Wir blieben auf dem »Arenal« bis zur Höhe von 4576 Meter, wo das

erste Neuschneefeld begann und die hohe Stirn eines ältern Lavastroms

ein kleines, ziemlich ebenes Aschenfeld halb umschließt. Hier an den

Felsen, bergwärts einigermaßen geschützt gegen den scharfen Wind,

wurden die beiden _Zeltchen aufgestellt_ und mit schweren Steinen

ringsum verankert. Kochwasser lieferte uns der Schnee, Trinkwasser

hatten wir in einem Fäßchen mitgebracht, und Feuerholz hatten wir von

den letzten verwetterten Chuquiraguasträuchern mitgenommen. In unserer

Zeltumgebung wuchs nichts mehr als ein versprengtes Exemplar von

~Senecio microdon~, ein zwerghaftes, pelzhaariges Polsterchen, und eine

einzige ~Hypochaeris sessiliflora~, eine kaum 2 Zentimeter hohe kleine

Rosette.

[Illustration: Der Westgletscher des Antisana.

Nach einer Zeichnung von Rudolf Reschreiter.]

Sobald alles in Ordnung gebracht war, schickte ich Menschen und Tiere

nach der Hacienda Ilitio zurück, von wo aus sie uns in zwei Tagen

wieder abholen sollten. Wir waren unser vier geblieben; außer uns

beiden Europäern mein Faktotum Santiago und ein junger gutmütiger, in

Wollponcho und doppelte Schaffellhosen gepackter Indianer, der Feuer

machen, Schnee schmelzen, Reis kochen und während unserer Hochtour das

»Haus« hüten sollte.

3. Die Besteigung.

Hochtouren im tropischen Amerika · 第 9 / 11 段