Am Abend ward uns ein unbeschreiblich farbenzauberischer

Sonnenuntergang zuteil. Der sinkende Sonnenball verwandelte den Himmel

in ein wahres Feuermeer von Rot, Purpur, Gelb, Orange, Violett und

Grün und versetzte die alten Vulkane und ihre Lavaströme in rote Glut,

als wären sie wieder lebendig geworden wie vor Jahrtausenden. Langsam

erstarb dann das Feuer in immer blaueren Tönen und wurde schließlich

durch pechschwarze Wolken ganz ausgelöscht, die vom interandinen

Hochland heraufzogen. Wir erwarteten ein schweres Gewitter, aber bald

begann es bei stillem Wetter leicht und friedlich zu schneien. Die

Nacht im warmen Zelt verlief in guter Ruhe. Nur weckte mich mehrmals

ein tiefes Brummen und Donnern (Bramidos), das vom Krater oben

herabkam, am meisten vergleichbar dem dumpfen Brausen einer fernen

Meeresbrandung. Gegen Morgen klärte sich das Wetter ganz auf, aber

damit stellte sich bei –2° ein schneidender Fallwind aus den oberen

Bergregionen ein, der uns hart anpackte. Bei Tagesgrauen um ¾6 Uhr

machten wir uns auf den Weg. Ich nahm diesmal als dritten Mann Santiago

mit, der ja schon auf dem Firn des Chimborazo Proben ganz tüchtiger

Leistungsfähigkeit abgelegt hatte – wenn er mußte – und uns jetzt durch

das Tragen des Proviants und einiger Instrumente entlasten sollte. Ich

hatte ihn in meine alpine Reservekleidung gesteckt und mit einem festen

langen Stock versehen und band ihn trotz seines Widerstrebens mit an

das Gletscherseil.

Zwei Stunden ging es auf den unteren, mit 20 bis 30° Neigung noch

mäßig steilen Schneehängen ganz gut. Der Schnee war fest und ließ

sich gut treten. Einen Fuß tief unter der Oberfläche lag das blanke

Eis. Dann aber begann der kalte, um die Ostseite des Berges herum uns

direkt entgegenfauchende Wind, der uns bisher nur lästig gewesen war,

uns mit steigender Stärke wirkliche Beschwerden zu machen. In der

Höhe tobte er noch viel heftiger. Wir sahen, wie er oben den feinen

pulverigen Hochschnee in langen grauen Fahnen wie Nebel über die

Firnkämme blies und wie der windgepeitschte Schneestaub in Tausenden

von schmalen Rieselbändern über die Firnhänge förmlich herabgeflossen

kam. Gleichzeitig führte uns der Wind einen penetranten Geruch von

schwefeliger Säure entgegen als ersten unfreundlichen Gruß von dem noch

1000 Meter über uns verborgenen Gipfelkrater.

Bisher waren wir auf der Südwestseite des Berges im Morgenschatten

gewesen. Gegen 8 Uhr blitzten die ersten Sonnenstrahlen gerade über

den Gipfelrand herüber und zauberten unter Mitwirkung der aus dem

Krater aufsteigenden Wasserdämpfe eine wunderbare orangegelbe Aureole

um den silberweißen Scheitel des Vulkans. Die Atmosphäre flimmerte

und zuckte wie über unseren heimatlichen sommerlich erhitzten Feldern

und Wegen. Der Reflex des Sonnenlichts auf den Firnfeldern wurde

bald so enorm, daß wir trotz allen Einsalbens im Gesichtsausschnitt

unserer Schneehauben einen starken Gletscherbrand davontrugen und die

Augen trotz der grauen Schneebrillen sich röteten. In den mittleren

Bergesregionen sahen wir nun die Firnhänge im Sonnenlicht wie Spiegel

funkeln, so daß mir lebhaft das Märchen vom gläsernen Berg und der

verwunschenen Prinzessin in den Sinn kam, die von dem hinaufkletternden

Ritter unter Preisgabe seines kleinen Fingers erlöst wird. Die

Firnhänge waren dort, wie wir beim Näherkommen erkannten, auch an

der Oberfläche total vereist. Darum begann nun das _Stufenschlagen_.

Stellenweise war auf dem eisigen Firn der feine Hochschnee in zackigen

Lappen angeweht, die sich oft in langen Reihen hinzogen wie eine

vielbewegte Barometerkurve und unter dem Fuß leicht wegbrachen.

Entsprechend der Gleichmäßigkeit des unter dem Eis liegenden

Bergkörpers war die Zahl der Spalten gering; erst weit oben, wo es sehr

steil wurde, nahmen sie zu.

Das spröde Eis splitterte beim Stufenhauen wie Glas. Das gab oft

schwere Arbeit für Herrn Reschreiter, der die längste Zeit als

vorderster Mann am Seil das Stufenschlagen besorgte, während ich meist

als zweiter für meinen mit weniger guten Nagelschuhen versehenen

Hintermann die Stufen vertiefte, gelegentlich den Ausgleitenden

festhielt und im übrigen Notizen schrieb, Instrumente ablas und mit

der Handkamera Aufnahmen machte. Wir haben trotz möglichster Vermeidung

der ganz aperen Stellen über 2000 Stufen geschlagen, und so ging es

recht langsam im Zickzack mit 35 bis 40° Steigung weiter aufwärts.

Rückwärts gewandt, traf der Blick auf das blendend weiße wallende

Wolkenmeer unter uns, das nur durch wenige Lücken die tief darunter

versenkten, in violette Schatten getauchten Hochebenen durchschimmern

ließ, und im Süden in weiter Ferne auf den inselgleich aus dem

Wolkenmeer aufragenden Schneedom des Chimborazo. Östlich aber von ihm

hob sich über die weiße Wolkenschicht eine noch viel höhere, teils

dunkelgraue, teils kupferbraune pilzförmige Masse gegen den lichtblauen

Horizont, die ungeheuere Eruptionswolke des Sangayvulkans (5323 Meter).

Ihre Höhe konnte ich auf annähernd 10000 Meter schätzen.

Um 10 Uhr, nach viereinhalbstündigem Steigen, hielten wir kurze

Rast; wir waren mit 5278 Meter Höhe dem Gipfel, den wir am Tag

vorher in 4 bis 5 Stunden zu bezwingen gedacht hatten, genau zur

Hälfte nahegerückt: rund 700 Meter lagen unter uns bis zum obersten

Lager, rund 700 Meter über uns bis zum Kraterrand. Noch waren wir

gut bei Kräften, aber die Einwirkung der großen Höhe spürte ich doch

in gänzlicher Appetitlosigkeit und in heftiger, auch beim Ausruhen

fortdauernder Herzpulsation: 125 Schläge in der Minute. Dazu stellte

sich bald ein anderer Feind ein, der Nebel. Schon lange hatte die

wachsende Sonnenwärme die Dünste der unteren Bergregionen in wallende

Bewegung gebracht. Langsam waren die Nebelschwaden bergauf vorgerückt,

aber immer wieder vom Ostwind der Höhe zurückgeschlagen worden. Nun

waren sie, während der Wind etwas nachließ, plötzlich da und gaben

das eroberte Terrain stundenlang nicht wieder frei. Auf unseren

vorherigen Hochtouren hatten wir die Erfahrung gemacht, daß man in den

Gipfelregionen der Kordilleren zwischen 10 oder 11 Uhr vormittags und

4 Uhr nachmittags fast immer mit Nebel rechnen muß. Ein ganz klarer

Tag ist eine außerordentliche Seltenheit, die uns auch in der besten

Jahreszeit nicht ein einziges Mal beschert war. Hier aber auf dem

Cotopaxi waren wir besser daran als auf den anderen Schneebergen, weil

hier am Tag ein Irregehen im Nebel kaum möglich ist. Bei der ungemein

gleichmäßigen Form des Bergkegels führt ein konsequentes Aufsteigen auf

dem steilsten Firnhang sicher zum Ziel, falls die Kräfte ausreichen und

falls man nicht auf offene, brückenlose Spalten trifft, die in der Nähe

des Kraterrandes häufiger werden.

Wir hielten also unsern bisherigen Kurs auf dem steilsten Schneehang

vier weitere Stunden voll mühseliger Steigarbeit ein, bis wir gegen 2

Uhr bei einem Aufreißen der Nebelhüllen nördlich von uns einige dunkle

Wände aus dem Firn emporragen sahen, die wir schon am Morgen von unten

als eine dem westlichen Oberrand des Berges ziemlich naheliegende

Felsmasse beobachtet hatten. Jetzt erkannten wir, daß von dort aus

inmitten der Westseite die Erkletterung des Kraterrandes weniger

schwierig war als auf unserer Südwestseite, wo uns weiterhin große

Spalten entgegendrohten. Also wurde vorsichtig über halb verwehte

Firnklüfte hinüber traversiert und am Fuß der Felsen in 5828 Meter

Höhe eine Viertelstunde gerastet. Die Steilwand ist ein schneefreies,

kleines Stück der Berglehne selbst, etwa 30 Meter hoch und 100 Meter

breit, eine dunkelgraue zermürbte Lava, die an vielen Stellen von

hellgrauen, strohgelben und lichtgrünen Krusten überzogen ist. Zu

meiner Überraschung fühlte sich das Gestein heiß an, und nun sah

ich auch aus vielen schmalen Rissen und Löchern dünne Dampfstrahlen

austreten. Daher also die Schneefreiheit und die Krustenbildung. An den

Rändern der Felsen hingen große Eiszapfen und lagen dicke Eisharnische,

und darüber stieg der Firnhang steil weiter zu dem noch unabsehbaren

Gipfel hinauf.

Hier erklärte unser dritter Mann, Santiago, er sei am Ende seiner

Kräfte, er könne nicht weiter mitgehen und wolle auf unsere Rückkehr

warten. Er streckte sich an den warmen Fels und schlief ein. Wir

ließen die Rucksäcke mit Mänteln und Proviant bei ihm, steckten nur

das Allernötigste zu uns und lösten das Seil, da auch für uns beide

ein Zusammensteigen am Seil über die brüchigen Felsen unpraktisch

war. Dieses Stück Felsenkletterei war, obgleich an und für sich eine

greuliche Arbeit, doch durch die Abwechslung der Bewegung und der

Umgebung eine wahre Erholung nach dem bisherigen achteinhalbstündigen

unaufhörlichen Schneetreten und Eishacken. In den oberen Teilen der

Felsen wurde die Lava ganz schlackig und löste sich beim Anstoßen in

Schollen ab. Es sind Reste der Lavaströme, die sich vom Kraterrand

über die Steilwände herabgewälzt haben und nach Zerreißung ihres

Zusammenhangs den jähen Berghang hinuntergerutscht sind. Die Hände

bekamen hier mehr zu tun als die Eispickel; oft ging es nur auf

allen vieren. Darüber im Schnee ließ es sich wieder besser an.

Selbstverständlich spürten wir nachgerade die große Luftdünne und

eine starke Ermüdung, ich noch mehr als mein zehn Jahre jüngerer

35jähriger Kamerad, aber von den schlimmen Erscheinungen des Soroche,

der eigentlichen Bergkrankheit, blieben wir verschont. Auf die große

Lufttrockenheit reagierten von Zeit zu Zeit die Lungen und der

Kehlkopf mit einem stoßhaften, krampfartigen Husten.

Der oberste Bergkegel steigt von etwa 5750 Meter an mit 40 bis 42°

empor. Da das Nebelwehen nachgelassen hatte, konnten wir minutenlang

die noch zu bewältigenden Firnfelder bis zu einem feinen Grat der

hohen Nordwestkuppe übersehen. Das Ziel schien noch so weit, daß mir

einige Momente ernstliche Zweifel aufkamen, ob wir bei der vorgerückten

Stunde – es war ½3 Uhr geworden – den Kraterrand erreichen könnten,

ohne uns der Gefahr einer nächtlichen Verspätung auszusetzen, denn die

Sonne geht ja hier unter dem Äquator um 6 Uhr unter, und um ½7 Uhr ist

bereits finstere Nacht; man hat also höchstens 13 Stunden Tageshelle

von ½6 Uhr früh bis ½7 Uhr abends. Der Gedanke jedoch, nach soviel

Arbeit so nahe am Ziel ohne schwere Widerstände in Eis oder Fels oder

Luft die Waffen strecken und sieglos umkehren zu sollen, trieb uns

vorwärts.

So kamen wir in kurzem in die oberste Region, wo die Steilhänge

in große Firnstufen und diese in lange Rücken und Hügelreihen

übergehen, lauter Schnee und Eis von sonderbaren, blumenkohlartigen

Oberflächenformen, die immer phantastischer wurden, je mehr wir uns dem

Gipfelkrater näherten. Die Stufenbildung des Firns ist zweifellos durch

darunterliegende Lavawülste und Lavatreppen verursacht, die von den

Magmaergüssen des Kraters hier oben am Rande erkaltet hängengeblieben

sind, während die Hauptmassen hinabgerutscht sind.

[Illustration: Eisbrüche am Antisana, bei 5320 ~m~.]

Noch eine Viertelstunde lavierten wir mit äußerster, nach Pausen der

Ermattung immer wiederholter Konzentration von Kraft und Willen durch

die wie riesige Wogen immer wieder vor uns aufsteigenden Firnhügel.

Aber die Oberfläche war fest und ließ den Fuß sicher auftreten. Herr

Reschreiter war ein Stück voraus, ich zurück beim Photographieren der

wundersamen Firngebilde, die hier die Form von weißen Korallenbänken

hatten. Da höre ich unfern über mir seinen Ruf: »Der Krater ist da!«

und bin in einigen Minuten bei ihm.

[Illustration: Westseite des Cotopaxi, von Santa Ana de Tiupullo (3150

~m~) aus.]

Unmittelbar vor uns öffnet sich die Erde, und aus schwindelnder Tiefe

gähnt uns der ungeheure Schlund des _Gipfelkraters_ an. Mit einem

Seufzer der Erleichterung und Genugtuung stoßen wir die Eispickel in

den Firn und setzen uns zu ruhigem Schauen auf einen Schneehügel. In

wenigen Minuten ist alles körperliche Unbehagen verschwunden; eine

angenehme körperliche und geistige Abspannung, nicht Ermüdung, kommt

über mich, während die Sinne und die Beobachtungslust in alter Weise

wieder rege werden. Und damit wächst auch erst das rechte Triumphgefühl

über den schwer erkämpften Sieg empor, das mir im Moment der

Zielerreichung gänzlich gefehlt hatte.

[Illustration: Der Krater des Cotopaxi, vom Westrand (5940 ~m~) aus.

Nach einer Zeichnung von Rudolf Reschreiter.]

Zuerst stehen wir ratlos vor den ungeheuren Dimensionen, für die

uns jeder Maßstab in dieser Landschaft fehlt. Wir können nur unser

eigenes Körpermaß auf unsere Umgebung übertragen. Der Krater ist

etwas elliptisch, seine längste Achse (Nord-Süd) 750 bis 800 Meter,

seine kurze Achse (Ost-West) 500 bis 550 Meter lang. Dabei hat er,

soweit man hinuntersehen kann, eine Tiefe von 400 bis 500 Meter, d.

i., um einen geläufigen Vergleich zu ziehen, etwa die dreifache Höhe

des Kölner Doms. Zu dieser Tiefe fallen von allen Seiten die inneren

Kraterwände jäh mit 60 bis 80° Neigung ab, nach unten trichterförmig

zusammengezogen, mehrfach in Stufen übergehend und auf diesen Stufen

und zahllosen Gesimsen so viel Raum lassend, daß sich auf

ihnen wieder Schnee- und Eisbänke festsetzen können. Von ihnen wie

von den Firnhügeln des Kraterrandes hängen gigantische Eiszapfen

von 20 bis 30 Meter Länge und 2 bis 3 Meter Dicke, stellenweise

in wahren Baldachinen, über den finsteren Abgrund hinunter. Im

Gegensatz zu den hellen Schnee- und Eismassen stehen die felsigen

Kraterwände in düsteren vielfältigen Farben da. Jede der horizontal

übereinanderliegenden Bänke von Lava und von Tuff- und Lapillischichten

ist anders gefärbt. In den oberen Lagen herrschen rötliche Töne

vor, darunter sind graue in der Mehrzahl, und unter diesen, wo die

aufsteigenden Dämpfe noch heiß sind, den Fels zerfressen und Krusten

absetzen, dämmert das Gestein graugrün, hellgrau, gelb und auch weiß.

Gips und Inkrustationen von Schwefel scheinen dort stark vertreten zu

sein.

[Illustration: Firn am obern Westhang des Cotopaxi mit

Rauhfrostbildungen.]

In der Tiefe von etwa 400 Meter ist nichts mehr zu erkennen als

emporquellender weißer und hellgrauer Dampf; doch ist dieser jetzt

nicht besonders dicht und stark. Von Zeit zu Zeit läßt sich im Innern

ein dumpfes Grollen vernehmen, wie wir es schon beim Aufstieg an

der Außenseite gehört hatten. Auch war einmal ein lautes rollendes

Getöse vernehmbar wie von einer fernen niederbrausenden Lawine, worauf

eine große Dampfwolke emporquoll, den ganzen Krater erfüllte und uns

einige Sekunden in eine penetrante Atmosphäre von schwefeliger Säure

einhüllte. Dann aber blieb es wieder bei dem ununterbrochenen mäßigen,

meist geräuschlosen Aufsteigen von balligen Dampfsäulen wie aus einem

riesigen, ruhig siedenden Kochkessel. Ob die Hauptmasse des Dampfes

im Grund des Kratertrichters aus einem einzigen, weit hinein offenen

Schacht aufsteigt, oder ob er aus einem verschütteten Kratergrund

durch zahllose Fumarolen und Solfataren zwischen Schutt und Blöcken

hervordringt, konnten wir nicht klar erkennen. Mir schien das erstere

der Fall zu sein.

[Illustration: Nordwestgipfel des Cotopaxi (6000 ~m~) mit

Rauhfrostbildungen.]

Ein wundervoller Kontrast: dieser ungeheure heißdampfende Kraterschlund

und seine obere _Firn- und Eisumwallung_. Wir können sie auf den uns

gegenüberliegenden Kraterrändern auch von ihrer Innenseite überblicken.

Hatten unsere Vorgänger hier oben nur relativ wenig oder infolge neuer

Eruptionen gar keinen Schnee angetroffen und den Kraterrand als einen

5 bis 6 Meter breiten Wall von nackten Lavablöcken oder Auswürflingen

gesehen, so umschließen jetzt auf allen Seiten Firnkuppen und Eisgrate

den Kraterkessel als eine Krone, wie sie so groß und so herrlich nur

des Königs aller Vulkane würdig ist. Die Schneeansammlungen haben

den Kraterrand oft um das Doppelte verbreitert. Von 10 bis über 60

Meter hoch lagern die Firn- und Eismassen auf dem Gestein und brechen

zum Krater hin in steilen, oft überhängenden Wänden ab. An mehreren

Stellen sieht man frische Brüche, von denen gewaltige Eislawinen in die

kochende Tiefe hinabgestürzt sind[1].

[Illustration: Westsüdwestseite des Cotopaxi, vom mittleren Lager (3670

~m~) aus.]

Was aber diese über 6000 Meter hohe Schneelandschaft des

Cotopaxigipfels in ihrem äußern Aussehen von allen anderen mir

bekannten alpinen Schneelandschaften unterscheidet, das sind die höchst

seltsamen Oberflächenformen dieser hügeligen Firnmassen. Alle diese

runden, breiten Firnhügel und Firnrücken bis etwa 150 Meter weit

auf den Außenmantel des Kraters hinab sind überzogen von Millionen

runder finger- bis armlanger Firnblätter, die gleichmäßig die Hügel

und die Mulden bedecken und aussehen wie dicke hellgraue Schuppen

oder Schindeln. Meist sind die einzelnen Blätter wieder mehrfach

gelappt gleich den Blättern der Feige oder des Weinstockes. An anderen

Stellen gleichen sie hängenden Straußenfedern, wieder an anderen den

Korallenbänken der Madreporen. Alle Formen sind gerundet, nirgends

eckig, und überall ist ihre Oberfläche krustig und pelzig, nicht glatt

vereist wie die Firnoberfläche in den tieferen Regionen des Bergkegels.

Auch in Ecuador habe ich diese eigenartigen Firngebilde nirgends wieder

gesehen. Es sind sicherlich nicht Schmelzformen der Sonne oder des

Windes, sondern Kristallisationen des aus dem Krater aufsteigenden

Wasserdampfes, also eine Art Rauhfrost, wie er ähnlich auch bei uns

daheim einmal vorkommt. Hier und da, wo in diese immer in Bewegung

befindlichen Firnmassen Spalten und Klüfte gerissen sind, sind auch

diese oft von den Rauhfrostblättern überzogen und teilweise überbrückt,

was ganz wunderbare Effekte von Schneegirlanden und Schneelauben

hervorzaubert. An einigen anderen Stellen wieder sind tiefe

dolinenartige Löcher oder Höhlen von ein bis zwei Meter Durchmesser

teils lotrecht, teils schief in den Firn eingesenkt, die ebenfalls

von solchen Schneeblättern überhangen sind, aber ihre Entstehung,

wie mir scheint, weder Bewegungen im Firn noch von oben einwirkenden

Schmelzagentien verdanken, sondern warmen Stellen des felsigen

Untergrundes, wo heiße Dämpfe aus Löchern und Spalten austreten.

[Illustration: Krater des Cotopaxi mit Rauhfrostblättern, Südhälfte.]

Die mächtigste Auftürmung der Firnmassen und damit der höchste Gipfel

des Berges liegt auf der Nordseite des Kraterrandes. Dort erhebt

sich der Firn in einer stolzen Pyramide etwa 65 Meter hoch über

den Kraterrand, dessen felsige Oberkante wir an dem innern Absturz

deutlich erkennen können. Von der westlichen Böschung dieses höchsten

nördlichen Schneegipfels zieht eine wundervolle scharfe Firnschneide

zu dem flachen Firnrücken der Westseite hinab, auf deren mittlerm

Teil wir stehen. Unser Standpunkt, dessen Höhe ich barometrisch auf

5940 Meter gemessen habe, ist ungefähr 65 Meter niedriger als die

höchste nördliche Gipfelkuppe. Dieser würde damit eine Höhe von 6005

Meter, etwas mehr oder weniger je nach der aufliegenden Firnmenge,

zuzusprechen sein.

Während unseres Aufenthalts auf dem Kraterrand blies der Ostsüdostwind

stetig, aber mäßig, so daß es bei –2° ganz gut auszuhalten war. Beim

Schauen, Messen, Schreiben, Photographieren, Skizzieren hatte aber

keiner von uns beiden an das Schwinden der Zeit gedacht. Ich bekam

deshalb einen gelinden Schreck, als ich, endlich nach der Uhr sehend,

fast 4 Uhr ablas. Wir hatten also nur noch 2½ Stunden Tageslicht für

den Abstieg, wo uns der Aufstieg 9½ Stunden gekostet hatte. Eilig

traten wir über die oberen Firnhügel den _Rückzug_ an und rutschten

bald über die obenerwähnten Felsen zu unserm wartenden Begleiter hinab,

der sich unterdessen wieder erholt hatte. Ohne längern Aufenthalt,

als die Seilbefestigung erforderte, ging es weiter und in unseren

noch guterhaltenen Spuren flott bergab, indem wir auf den weicher

gewordenen Firnhängen mit Springen und Gleiten die zahllosen Zickzacks

abschnitten, die wir bergaufwärts hatten treten und hauen müssen.

Der Nebel hatte sich sehr gelichtet, aber von Westen her rückte eine

kolossale schwarze Wolkenmauer auf uns los, als wollte sie uns

erdrücken. Auf den unteren Schneefeldern der Westseite fußend, stieg

sie vor uns kerzengerade himmelan, so hoch wie der Cotopaxi selber

und von der dahinterstehenden Sonne mit einem schmalen weißglühenden

Rand umsäumt; ein wunderbares, nie vorher gesehenes Phänomen von

unheimlicher Größe, Gestalt und Farbe. In unseren Alpen würde eine

ähnliche Erscheinung einen fürchterlichen Gewittersturm verkündet

haben, hier auch in den Monaten der Regenzeit; aber jetzt im Verano

löste sich das drohende Phantom in ein wirbelndes Schneegestöber auf,

das unsere Schritte nur noch mehr beflügelte. Einige Male verloren wir

unsere alte, kaum mehr zu erkennende Spur, fanden sie aber nach einigem

Kreuz- und Quergehen wieder und erreichten ohne weitern Zwischenfall

wirklich vor Sonnenuntergang bei ganz klar gewordenem Wetter die

Schneegrenze.

Nachdem wir das Seil abgelegt hatten, mußten wir uns einige Zeit mit

Santiago abgeben, der sehr erschöpft war. Dann bummelten wir über die

Felsen an unseren den Weg zeigenden Steinmännern vorbei zum Lagerplatz,

dessen Rauchsäule wir längst bemerkt hatten, und waren noch vor

gänzlicher Dunkelheit bei unseren _Zelten_, wo uns der zurückgebliebene

Indianer mit Bangen erwartet hatte. Der Appetit, der mir den ganzen Tag

gefehlt hatte, stellte sich nun in beängstigender Stärke wieder ein,

und nach Vertilgung alles vorhandenen Eßbaren schliefen wir, während

es draußen wieder schneite und der Bergwind unsere steifgefrorenen,

knisternden Zeltwände peitschte, in unseren molligen Pelzsäcken zwölf

Stunden ohne Unterbrechung. Gegen Mittag des nächsten Tages kamen, wie

verabredet, unsere Arrieros trotz fortdauernden Schneegestöbers mit den

Tieren wieder herauf und brachen unser Lager ab, während wir gemütlich

vorausschlenderten.

Weiter unten enthüllte sich uns noch einmal der Cotopaxi in seiner

ganzen Schönheit, und dankbar kehrte unser Blick immer wieder zu seinen

silberschimmernden Höhen zurück. Das Schneegestöber der letzten Nacht

hatte nicht viel ausgerichtet. Die Sonne hatte seine Spuren und die der

Schneefälle der beiden Vortage in den unteren Regionen größtenteils

weggewischt. Darum zeigte sich jetzt der Rand des Schneemantels tief

gezackt und eingeschnitten. Jeder der schwarzen Einschnitte ist ein

wallförmiger Lavastrom. Wie die Fangarme eines gigantischen Polypen

halten alle diese dunklen Lavabänder den Bergkörper umklammert. Ihr

zerklüftetes, durchlässiges Gestein und bei den jüngsten vielleicht

noch etwas Eigenwärme lassen den Schnee der niederen dünneren Randlagen

nicht lange auf ihnen liegenbleiben. Die Höhe dieser zur Zeit der

größten Abschmelzung sich zeigenden »wirklichen« Schneegrenze habe

ich gemessen: auf der Ostseite bei 4550 Meter, Südseite 4730 Meter,

Westseite 4850 Meter, Nordseite 4900 Meter; d. h. sie hat sich, seit

sie vor 30 Jahren zuletzt gemessen wurde, um 100 bis 180 Meter aufwärts

verschoben. Von alten Gletscherspuren ist am Cotopaxi nichts zu

bemerken. Er ist dafür zu jung.

Am Spätnachmittag des 15. Juli ritten wir, schwerbeladen mit

geologischen Handstücken, Pflanzen und sonstiger Ausbeute, wieder im

Pfarrhof von _Mulaló_ ein. Der Pfarrer nahm lebhaftes Interesse an

unserm Erfolg und Bericht. Die Dorfbewohner aber, die sich auf die

Nachricht von unserer Rückkehr einfanden, um ihre Neugierde zu stillen

und zu klatschen, zogen, nachdem sie viel Dummes gefragt, uns wenig

zugehört, viel geschwatzt, viel getrunken, geraucht und gespuckt

hatten, abends wieder heim mit Kopfschütteln und Achselzucken. Keiner

von ihnen glaubte unseren Berichten. Ich hörte, wie einer draußen

sagte: »Kein Mensch ist noch auf dem Cotopaxi gewesen. Vor 20 bis 30

Jahren erzählten es auch schon einige Europäer, aber sie haben alle

gelogen. Und nun lügen diese beiden Alemanes ebenfalls. Solche Berge

kann kein Mensch ersteigen, und wenn einer doch hinaufkäme, würde er

oben sterben.« Das ist die Überzeugung der bergscheuen Ecuatorianer von

jeher gewesen, und sie wird es voraussichtlich immer bleiben.

Fußnoten:

[1] Während des Ausbruchs von 1911 schmolz diese Eiskrone weg

und ließ die nackten Felsen des Kraterrandes zutage treten,

wodurch sich auch die Höhe des Berges etwas verminderte.

Inzwischen dürfte sich die Firnhaube zum Teil wenigstens

wieder neu gebildet haben.

Alte Reisen und Abenteuer

Bd. 1 =Fornão de Magalhães=, Die erste Weltumseglung.

Bearbeitet von ~Dr.~ _H. Plischke_

Bd. 2 =Ulrich Schmidel=, Abenteuer in Südamerika. Bearb. von

_Curt Cramer_

Bd. 3 =J. Cook=, Die Suche nach dem Südland. Bearbeitet von

~Dr.~ _H. Damm_

Bd. 4 =Peter Kolb=, Zum Vorgebirge der Guten Hoffnung.

Bearbeitet von ~Dr.~ _P. Germann_

Bd. 5 =Christoph Kolumbus=, Die Entdeckg. Amerikas. Bearb. v.

~Dr.~ _H. Plischke_

Bd. 6 =Kapitän Phillip=, Gründung der Strafkolonie Sydney.

Bearbeitet von ~Dr.~ _H. Plischke_

Hochtouren im tropischen Amerika · 第 10 / 11 段