begann und unser Cholo zwischen Felsblöcken eine Küche zurechtmachte,
stieg ich mit Santiago, der allerlei tragen mußte, auf den
Moränenhügeln zum Eis des _Westgletschers_ empor. Dabei bemerkte ich
etwa 50 Meter unterhalb des offenen Gletscherfußes an Wasserrissen, daß
unter dem Schutt das pure Eis liegt. Auf dem rutschigen Schutt kamen
wir in einer Stunde auf das Eisfeld selbst hinauf (bei 4900 Meter),
wo nach rechts und links der West- und der Guagraialinagletscher
abzweigen; aber nördlich vom Guagraialinagletscher tritt nun noch
ein anderer längerer Eisstrom hervor, der dort gegen den dunklen
Yana-Volcan anströmt und von ihm in zwei wildbewegte Arme gespalten
wird. Ich nenne ihn Yanagletscher. Die blauweißen Eismassen
kontrastieren scharf mit dem dunkelbraunen Lavastrom, den sie
umschließen. Trotzdem spricht sich in der langgezogenen, gewundenen
Gestalt und in den schrundigen, zackigen Oberflächen beider eine
gewisse Verwandtschaft zwischen dem erstarrten Feuerstrom und dem
erstarrten Wasserstrom aus. Aber das ganze Landschaftsbild sagt uns,
daß die Erstarrung des Wasserstroms keine Bewegungslosigkeit ist. An
geologischen Zeitmaßen gemessen, erscheinen die Firn- und Eisfelder des
Antisana in ihrem großen Zusammenhang als ein bewegtes Meer, das gegen
den breiten Küstensaum der Moränenzone anbrandet und ihn da und dort
mit der mächtigen Spritzwelle einer Gletscherzunge überflutet. Auch
dieses Meer hat seine Gezeiten, in denen es als Ganzes zurückweicht
oder vordringt, aber ihre Dauer rechnet nach Tausenden von Jahren.
Diese Gletscher des westlichen Antisana sind nicht in Tälern
eingezwängte Eisströme wie unsere alpinen, sondern Zipfel des großen,
den Antisanakegel umhüllenden Eismantels, die da über den im ganzen
gleichmäßig verlaufenden Saum des Mantels vorspringen, wo in kaum
bemerkbaren Bodenvertiefungen das Eis mehr hindrängt als an anderen
Stellen. Lange Gletscherzungen können sich nicht bilden, da wegen
der Kegelgestalt der Berge das Zehrgebiet der Eisdecke breiter ist
als das Nährgebiet. Es handelt sich also am Antisana um sogenannte
»Firngletscher«.
Auf dem schneebedeckten Eisfeld über dem Westgletscher wanderten
wir wie im bequemen Spaziergang bergan. Es ist lauter Gletschereis,
was wir unter den Füßen haben. Wohl ein Kilometer breit und fünf
bis sechs Kilometer lang, bedeckt dieser untere Saum des großen
Antisana-Eismantels die schwachgeneigten niederen Hänge des Berges.
Bergaufwärts ist das Eisfeld anfangs ganz spaltenlos, geht dann aber
mit dem Beginn der starken Steigung in große Eisbrüche über, die für
den obern Antisana charakteristisch sind. Der Schneeüberzug unseres
Eisfeldes war körnig und fest und trug vorzüglich. Weithin glänzte die
Oberfläche von blankem »Eisfirnis«. Ich sah, daß wir am nächsten Tag
anfangs leichtes Spiel haben würden. Das Nebeltreiben um die Gipfel
beruhigte und lichtete sich zeitweilig, so daß ich photographieren und
mit dem Fernglas die Firnfelder der Gipfelregion und des Sattelgrates
inspizieren konnte. Da sah ich u. a., daß dort oben viele der dem Wind
und der Sonne stark exponierten Firnkuppen und Hänge jene eigenartige,
in zahllose Klippen und Zacken zerfressene Oberfläche (Nieve penitente,
Büßerschnee, Zackenfirn) hatten, wie wir sie schon in den obersten
Regionen des Chimborazo beobachtet hatten. Sie sind hier wie am
Chimborazo auf die oberste Region von etwa 5400 Meter an beschränkt, wo
der Wind, die Sonnenstrahlung, die Lufttrockenheit und die Verdunstung
am stärksten und wo die durchlässige Firndecke am dicksten und noch am
wenigsten fest vereist ist.
Von dem flachen Schneefeld, wo der Westgletscher abzweigt, stiegen
wir auf die Zunge des Gletschers; sie ist von der Wurzel (etwa 4900
Meter) bis zum Ende (4580 Meter) etwa anderthalb Kilometer lang. Mit
steilen, oft senkrechten Seitenwänden von 10 bis 15 Meter Höhe hebt
sich die langgestreckte Eismasse über die Schutthalden, die ihren Fuß
bedecken. Der Gletscher schmiegt sich nicht wie unsere Alpengletscher
mit flachgeböschter Oberfläche in sein konkaves Bett, sondern ragt
dammartig daraus empor wie einer der oben geschilderten Lavaströme.
Querspalten sind zahlreich, aber nicht tief und meist mit Schnee
gefüllt. Je näher dem Zungenende, desto mehr zerklüftet und an den
Seiten zerschmolzen ist der Gletscher, und schließlich löst er sich in
ein großes Haufenwerk von Séracs und bizarr gestalteten Schmelztrümmern
auf, unter denen der Eisfuß wie ein zäher Teig breit ausläuft.
Vor der Gletscherstirn (4580 Meter), die sich auf einem hohen
Schuttkegel erhebt, liegen vier konzentrische Moränenbögen und
bezeichnen vier Haltepunkte im Rückgang des Gletscherendes. Die
unterste Grenze dieser jungen Endmoränen ist bei etwa 4500 Meter
zu ziehen. Und darunter dehnt sich ein Rundhöckergebiet älterer
Gletscherwirkung, deutlich erkennbar bis zu ungefähr 4200 Meter hinab
und etwa 600 Meter breit, zum südlich benachbarten Lavastrom Sarahuazi
hinüber aus.
Ins _Lager_ zurückgekehrt, fanden wir zwei zufriedene Menschen vor:
Herr Reschreiter war vergnügt, weil ihm seine Farbenskizze des
Westgletschers vortrefflich gelungen war, und der Cholo schmunzelte,
weil er einen delikaten Locro zustande gebracht hatte. Als wir den
beiden Kunstwerken die gebührende Ehre angetan hatten, legten wir
uns an den Felsen in die warme Sonne, schauten den Rauchwölkchen
unserer Tabakspfeifen nach und dachten an weiter nichts als an die
Schönheit der Welt. Den ganzen Tag war es auffallend windstill und
warm gewesen. Nirgends auf unserer Reise in Hochecuador haben wir
einen so windstillen Lagerplatz gehabt wie hier. Obwohl wir oben die
vom Ostwind getriebenen Wolken über den Firnsattel wie einen breiten
Wasserfall herabgleiten und zerfließen sahen, spürten wir doch hier
in 4700 Meter Höhe kaum einen Hauch. Wir waren im Windschatten des
Berges. Erst spät am Nachmittag gewannen die aufsteigenden Luftströme
die Oberhand, und mit ihnen zogen schwere Nebel von unten herauf
und umwirbelten uns gegen Abend erst mit Graupeln und dann mit
feinflockigem Schnee, so daß wir bald ein weißes Zeltlager hatten. In
der Nacht klärte es sich auf, aber nun fegte der allnächtliche Fallwind
stoßweise vom Berg herunter und drückte die Temperatur auf –2°.
Am Morgen waren die Zelte steif gefroren, der Schnee draußen hart.
Aber die erhoffte Klarheit war mangelhaft. Der Berg hatte seinen
üblichen großen runden Wolkenhelm und überschüttete uns schon wieder
mit einzelnen Graupelböen. Im Westen hingegen, nach dem interandinen
Hochland und seinen Vulkanbergen hin, war es herrlich klar. Dort
präsentierte der Cotopaxi im rosaroten Morgensonnenglanz seine
beschneite Nord- und Ostseite. Auf der Nordseite strecken einige
lange Lavaströme ihre dunklen Grate bis zu etwa 5000 Meter Höhe
in den Schneemantel hinauf, während auf der Ostseite der dort nur
wenig gezackte Saum der Firn- und Eisdecke bis etwa 4400 Meter und
stellenweise 4300 Meter herunterreicht. Ein feiner Puder von Neuschnee
lag auf der Ostseite des Cotopaxi bis zu etwa 4000 Meter herab; auf
den Osthängen des Sincholagua ungefähr ebenso tief, aber auf denen des
Rumiñagui, des Corazon und des Iliniza, die schon nahe an oder auf der
Westkordillere stehen, beträchtlich höher.
Während es bei uns leise weitergraupelte, setzte ich mich nach 7 Uhr
mit Herrn Reschreiter und Santiago bergauf in Bewegung. Sobald wir aus
unserm Felsenschutz heraus waren, überfiel uns gleich der pfeifende,
eisige Wind und der uns entgegenstiebende körnige Neuschnee. Um 8 Uhr
waren wir über die Moränen weg an der Eisgrenze bei 4900 Meter Höhe,
und nun ging es mit dem Seil auf dem festgefrorenen Schneefeld flott
bergan. Das ganze Firnfeld schien gegen uns in Bewegung zu sein: in
Tausenden von kleinen Strömen floß der windgetriebene Hochschnee auf
uns zu. Noch legten sich uns keine Spalten in den Weg, und noch hatten
uns die vom Mittelgrat herabflutenden Wolken nicht erreicht. Aber
nach einer Stunde begannen mit der stärkern Steigung des Berghanges
die Spalten bei 5100 Meter Höhe. Da sie großenteils mit Neuschnee
verweht waren, hieß es vorsichtig sein. Herr Reschreiter, der hier
als vorderster am Seil ging, sondierte mit dem Pickel Schritt für
Schritt, aber plötzlich brach er durch und saß bis an die Brust
in einem Loch, während sein Unterkörper frei über der Tiefe hing.
Glücklicherweise fand er für seine Fußspitze einen Stützpunkt in der
Spaltenwand. Behutsam verankerte er sich seitwärts mit dem Pickel im
festen Eis, langsam drehte er sich auf die Seite, langsam zogen wir mit
gegengestemmten Pickeln am straffen Seil, und nach ein paar Sekunden
konzentrierter Kraftanspannung standen wir wieder beieinander.
Nun ward von uns noch vorsichtiger, noch langsamer vorgegangen. Wir
hielten die Richtung auf einen großen Eisturm nahe unter dem Sattel
zu, von wo ein Traversieren durch das Klüftegewirr ostwärts zum Kamm
hinauf möglich erschien. Der Schnee war nun, als wir in die Region der
jagenden Wolken kamen, oft zu brett- oder schindelartigen, ein bis zwei
Finger dicken, flachliegenden Wehen angeblasen, die aber ganz gut
gangbar waren. Spalte nach Spalte wurde überschritten oder übersprungen
oder umgangen. So oft die Luft etwas klarer wurde, machte ich eine
photographische Aufnahme mit der Handkamera. Gegen 11 Uhr standen wir
mitten in dem großartigsten Eisgeklüfte. Rechts und links und vor uns
klafften dunkle Schlünde und starrten Wände und Türme und Zinnen von 20
bis 35 Meter Höhe empor, alles um so phantastischer, als es, von Nebeln
mehr und mehr umweht, gespenstig da und dort plötzlich auftauchte und
wieder verschwand. In den Spalten schimmerte das Eis je nach der Dichte
und Beleuchtung hellblau und meergrün und in größerer Tiefe ultramarin
und braunviolett.
In vielen Windungen die Séracs und Spalten umgehend oder auf vereisten
Schneebrücken überschreitend, gelangten wir allmählich in das Niveau
des großen Eisturms, der uns von Anfang an die Richtung gewiesen
hatte; aber der Firnhang wurde immer steiler und schwieriger, der
Wind immer wütender, der Nebel immer dichter, das Schneestieben immer
toller. Trotz der schweren Arbeit fühlte keiner von uns besondere,
aus der Bergeshöhe resultierende Beschwerden. Santiago, der sich mit
Tüchern wie ein altes Bauernweib eingebunden hatte, wimmerte bisweilen
ein wenig, aber er hielt aus. Unsere dicken Schneehauben bewährten
sich wieder vortrefflich. Darüber aber waren wir von Schnee und Eis
inkrustiert wie der berühmte Eispeter im Bilderbuch von Wilhelm Busch.
Endlich betraten wir einen ziemlich breiten Firnrücken vor einem
Steilabsturz; unter uns ein graues, düsteres Nebelchaos. Das war die
_Caldera des Antisana_ und unser Standpunkt der Sattel zwischen den
beiden Gipfeln (5505 Meter). Zu sehen war aber hier so gut wie nichts.
Nur das stand fest, daß wir bei dem Wetter nicht daran denken konnten,
über die Klüfte und Wände, die uns noch vom Hauptgipfel trennten,
wegzukommen. Der erste Versuch, den ich machte, führte uns gleich an
einen Schrund von über 20 Meter Breite und unsichtbarer Tiefe, so daß
wir ohne langes Zögern umkehrten.
Von unseren heraufführenden Spuren war schon nahe unter dem Sattel
nichts mehr zu erkennen. Der Wind hatte sie weggefegt oder mit
Kornschnee ausgeglättet. Wir begannen daher nach dem Kompaß und nach
der Erinnerung eine »~ice-navigation~« – wie es Whymper nennt –, die
im Nebel und Sturm verteufelt heikel war und unsere Aufmerksamkeit
auf das höchste anspannte. Aber glücklich wandten wir uns wieder
zwischen den bösartigen Spalten durch und erreichten nach einer Stunde
unterhalb der Bruchregion das große Firnfeld, wo wir in flottem Tempo
ausgreifen konnten. Der Schnee fiel aber jetzt auch hier so dicht,
daß eine Orientierung nach außen unmöglich war. Es entstand erst eine
Meinungsverschiedenheit über die einzuschlagende Richtung, doch ich
bestand auf strengstes Befolgen meines Kompasses, dessen Weisungen
ich schon beim Aufstieg öfters notiert hatte, und in dieser Richtung
steuernd, landeten wir um 2 Uhr richtig an derselben Stelle, wo wir am
Morgen das Eis betreten hatten. Des Seiles ledig, eilten wir nun hurtig
über die Moränenhalden hinab und standen bald, immer noch von etwas
Schnee, von Regen und von Wind begleitet, wieder bei unseren Zelten.
Die triefnassen Wettermäntel flogen herunter, und unser enges, aber
stets von neuem gebenedeites Bergheim nahm uns wieder auf.
Im stillen Zeltchen Tee trinkend, gerösteten heißen Mais kauend und
Cigarillos rauchend, warteten wir in Geduld, bis uns der Verabredung
gemäß unsere Arrieros mit den Mulas abholten. Trotz des nichtsnutzigen
Wetters kamen die Braven mit nur wenig Verspätung um Mitte des
Nachmittages an. Die beiden Männer waren ganz friedlichen, freundlichen
Sinnes, obgleich sie wieder einmal stundenlang mit ihren Bastsandalen
im schneeigen Schlick patschen mußten. Diese heitere Seelenstimmung
war, wie ich schnell merkte, durch gründliche Imprägnierung mit
Chichaschnaps hervorgerufen. Weniger vergnügt waren die »Bestias« über
das Wetter. Das hatte aber das Gute, daß sie mit uns unaufhaltsam
freundlicheren Gefilden am Bergesfuß zudrängten und auf dem Pfad der
Páramos von selbst einen Trab anschlugen, der uns noch vor Dunkelwerden
zum _Hato Antisana_ zurückbrachte. Schneidender Ostwind und strömender
Regen verfolgten uns bis unter das schützende Dach. Der Antisana hatte
es offenbar darauf abgesehen, sich uns auch einmal in seiner ganzen,
als »brava« verschrieenen Abscheulichkeit zu zeigen und uns für unsere
Frechheit, daß wir seinen Rücken betreten hatten, einen gründlichen
Denkzettel zu verabreichen.
Am nächsten Morgen stand der Berg wieder mit seinem großen weißen
Wolkenhut vor uns wie am Morgen vorher. Gern hätte ich noch einen oder
zwei Tage drangewandt, um die nordwestliche lange Gletscherzunge am
Yana-Volcan oder die Eisverhältnisse auf der Südseite zu untersuchen,
aber unsere Zeit war auf das knappste bemessen. Ich mußte mich
deshalb, während die Karawane sich zur Rückreise rüstete, mit einem
kurzen Vorstoß zum Südfuß des Antisana hin begnügen, um von den
dortigen Zuständen etwas mehr zu sehen, als es vom Hügel am Hato
aus möglich war. Jenseits des Guamanihügels erreichte ich bald eine
zweite Bodenschwelle, die eine ziemlich freie Übersicht über die
_Südwestseite_ des Berges gewährte.
Ich sah nun den Sarahuazi-Volcan östlich vom Westgletscher unter den
Moränenhalden hervorkommen und in ein breites niedriges Hügelland
auseinanderlaufen, und ich sah östlich davon die Eisgrenze des Antisana
sich leicht zum Südfuß des Berges senken, wo mit einem mächtigen
vorspringenden Felssporn die riesigen Felswände des Südgipfels
beginnen. Ich sah aber auch, daß dort die Felswände zu einem großen
amphitheatralisch in den Bergkörper hineingewölbten Kar abfallen,
das die charakteristische Lehnsesselform und einen ebenen Boden hat.
Cuchu ist die indianische Bezeichnung für diese typische Talform, die
immer ein Merkmal einstiger stärkerer Gletscherwirkung ist. Das vor
uns liegende heißt Corral-cuchu, weil die Hirten des Hato dort einen
Viehzaun (~corral~) haben. Ein noch größeres Kar von ganz ähnlicher
Gestalt liegt südöstlich daneben; es ist das San Simon-cuchu. Beide
Karböden gehen weiter draußen in enge Bachtäler über, durch welche die
Gletscherwasser abfließen. In jedem der beiden Kare liegt ein breiter,
kurzer, steiler Gletscher mit großen Spalten und Stufenbrüchen.
Zum Hato del Antisana gegen 9 Uhr zurückgekehrt, fand ich die Karawane
reisefertig. Sofort setzten wir uns zum Rückmarsch in Bewegung, der
uns an diesem Tag über Pinantura hinaus bis zur Hacienda Rosario
in der Quitomulde bringen sollte. Ich schlug aber diesmal bis zum
Antisanilla-Volcan einen etwas südlichern Pfad ein als auf der
Herreise, der sich als etwas kürzer erwies. Dabei passierten wir im
Anfang eine breite, flache Bachmulde, in der sich Scharen scheuer
Rinder tummelten und Schwärme von ibisartigen, krummschnäbeligen
Vögeln schreiend umherflogen. Es ist der von den Einheimischen
»Bandurria« (~Thersiticus caudatus~) genannte Vogel, ein möwengroßes,
dunkelgraues Tier mit weißen Bändern über den Flügeln, das der
Ostkordillere, namentlich dem Antisana, eigentümlich ist und mit seinem
Schnepfenschnabel in den Sümpfen der Páramos nach Nahrung wühlt, aber
auch im Mist der Rinderherden nach freßbarem Inhalt sucht.
An der Quebrada Puyurima bekamen wir einen guten Ausblick auf die Ost-
und Nordseite des _Sincholagua_. Ganz langsam hebt sich von uns aus die
braungraue Páramofläche 10 Kilometer zur breiten Felspyramide dieses
alten Vulkanes hin, ein Landschaftsbild von trister Einförmigkeit
und Leblosigkeit. Droben schimmern Schneeflecken auf den Wänden. Die
steile, lange Ostwand hat keine Gletscher, aber auf der Nordseite
hängt zwischen den beiden felsigen Gipfeln nahe dem Nordgipfel ein
kleiner Steilgletscher in die weite, nach Norden offene und einem
großen Kar gleichende Caldera hinab, deren obere rechte Hälfte der
Länge nach ausfüllend. Rechts und links von seiner Stirn ziehen je zwei
parallele Ufermoränen bis zum Kargrund in etwa 4200 Meter Höhe, wo eine
dreistufige Endmoräne die jüngeren Glazialbildungen abschließt.
Der Quebrada Puyurima folgend und weiter wieder am Lavastrom von
Antisanilla entlang reitend, trafen wir vor Mitte des Nachmittags in
der Hacienda Pinantura ein, kreuzten wieder die Quebrada Guapál, die
jetzt bei vollem Tageslicht nicht mehr die Schrecken hatte wie auf
dem Nachtmarsch der Herreise, und eilten jenseits durch die Tuff-
und Lößschluchten nach Pintac hinab, von wo wir gegen Abend in der
_Hacienda Rosario_ zum Nachtquartier anlangten.
Am Abend setzte die untergehende Sonne den ganzen Himmel in Flammen,
als ob sie noch im Erlöschen einen Weltenbrand entzünden wollte.
Vor der glühenden gelb-rot-violetten Dämmerungslohe standen im
Westen die schon nächtlich schwarzen Silhouetten der langgestreckten
Vulkane Pichincha, Atacatzo und Corazon, während über ihnen dunkle,
goldgesäumte Wolkenbänke, an der Oberseite zu ungeheueren Höhen
aufgetürmt, an der Unterseite wagerecht abgeschnitten und seitlich
durch lange Ausläufer miteinander zu einem Ganzen verbunden, noch
ein Gebirge über dem Gebirge, ein himmlisches über dem irdischen,
ins Dasein zu rufen schienen. In diesem Lande der großen Monotonie,
der Einförmigkeit der Linien und Flächen, der Eintönigkeit der
Farben und Stimmungen, scheint der Himmel mit seiner abendlichen und
frühmorgendlichen Farbenpracht dem Landschaftsbild die Schönheitsreize
verleihen zu wollen, die ihm die Erde versagt hat. Wir standen stumm in
Anschauen versunken, bis die Nacht dem zauberischen Schauspiel ein Ende
machte.
[Illustration:
X. Martinez, Quito.
Die Ostkordillere, von Pinantura (3175 ~m~) aus. Hinten die
Ausbruchswolke des Cotopaxi.]
Am Morgen regnete es in Strömen. Aber je weiter wir aus dem
Bereich der nassen Ostkordillere nach Westen kamen, desto heller
wurde es; die Westkordillere lag in schönster Klarheit. Von der
Höhe des Poingasi-Rückens warfen wir einen Abschiedsblick auf die
durcheilte weite Quitomulde und stiegen dann, ihr den Rücken wendend,
vom Tuffrücken des Poingasi westwärts nach Quito hinab, das in
lethargischer Ruhe und Stille unter uns lag. Um 7 Uhr waren wir von
der Hacienda Rosario weggeritten, nach 12 Uhr zogen wir wieder in die
Hauptstadt ein.
[Illustration:
Ölgemälde von Troya im Grassimuseum in Leipzig.
Der Antisana aus Südwest, von oberhalb des Hato (4300 ~m~).]
Der Cotopaxi.
1. Der Berg.
Von allen Schneebergen Ecuadors hat von jeher keiner so sehr das
Interesse der Ecuatorianer selbst erregt wie der Cotopaxi. Das verdankt
er seiner Lage, seiner Gestalt und seiner vulkanischen Tätigkeit.
Einer die Ost- mit der Westkordillere verbindenden Vulkanreihe
(Quilindaña-Cotopaxi-Rumiñagui-Corazon) angehörend, ist er so weit in
die interandine Hochebene vorgeschoben, daß er vom Norden und Süden
des Hochlands gut zu sehen ist. Wo wir auch im Hochlande reisten, fast
überall trat, sobald sich die Fernsicht öffnete, der wundervolle weiße
Riesenkegel des Cotopaxi aus den Wolken hervor, einzig in seiner Art,
nie zu verwechseln mit einem der anderen großen Schneehäupter, der
majestätische Zentralvulkan von Hochecuador. Ganz frei vom Fußpunkt
bis zum Gipfel, ohne Vorberge und Zwischenstufen, präsentiert er sich
auf der Westseite, und dort zieht stundenlang über seine Basisebene
die einzige große Verkehrsstraße des Hochlands hin, von Latacunga nach
Quito, auf der jährlich viele Tausende im vollen Angesicht des Berges
von Norden nach Süden oder umgekehrt wandern.
[Illustration: Stirn des Westgletschers (4580 ~m~) des Antisana.]
Den Cotopaxi kennen die Hochlandsbewohner alle, während sie über
die anderen Bergerscheinungen sehr oft im ungewissen sind. Für
die gewaltige Größe und Schönheit dieser Berggestalt sind sogar die
für Natureindrücke so stumpfen Ecuatorianer empfänglich: »~hecho
como al torno~« (wie auf der Drehbank gemacht), sagten vom Cotopaxi
schon zu Humboldt die Eingeborenen bewundernd. Freilich, bei solcher
gelegentlichen Bewunderung aus der Ferne ist es immer geblieben. Nur
wenige Ecuatorianer haben die Schneeregion des Berges betreten, und
diese wenigen immer nur in Begleitung von europäischen Reisenden.
Gewöhnlich waren es indianische Träger, die es um des klingenden Lohnes
willen taten. Von den »Gebildeten« des Landes, die sich mehr aus
Neugierde oder Eitelkeit als aus ernstem Wissens- oder Tatendrang einem
der europäischen Forscher angeschlossen haben, ist erst ein einziger
(A. Sandoval mit Theodor Wolf) zum Gipfel gelangt, weil weder ihre
physische Kraft noch ihr Mut noch ihre Energie ausreichten.
[Illustration: Die Vulkanberge von Mittelecuador
Maßstab 1 : 400000
Kartographische Anstalt von F. A. Brockhaus, Leipzig]
Der Cotopaxi erhebt sich zu seiner 6005 Meter messenden Höhe (mit
der mächtigen Firnhaube des Jahres 1903) aus der etwa 3000 Meter
hohen Ebene des Rio Cutuchi im Westen, während auf den anderen Seiten
sein Fuß auf dem Vorland in 3700 bis 3800 Meter Höhe steht. Auf der
höchsten, der Westseite, gemessen, ragt sein Haupt also nur etwa
3000 Meter über seine Hochebenenbasis empor; er gehört somit nach
seiner _relativen_ Höhe als Bergindividuum trotz seiner rund 6000
Meter betragenden Gipfelhöhe nicht zu den Riesen seines vulkanischen
Geschlechts, unter denen zum Beispiel der Kilimandjaro von einer
etwa 700 Meter hohen Ebene zu 6010 Meter emporsteigt, also eine
relative Höhe von rund 5300 Meter hat. Aber kein anderer aktiver
Vulkan der Welt hat eine größere _absolute_ Höhe als der Cotopaxi.
Über seine Umgebung erhebt er sich gleich der Zitadelle eines
gewaltigen Festungsvierecks, dessen vorgeschobene Werke die kleineren
Nachbarvulkane Rumiñagui, Pasochoa und Sincholagua sind.
Dem Anblick der großen Zahl seiner Beschauer entrückt und am wenigsten
bekannt ist die _Ostseite_ des Berges. Sie ist die steilste und
kürzeste Seite, da ihre Basis schon bei 3800 Meter dem vor- und
untergelagerten Fußgebirge aufsitzt. So große Aschenfelder wie auf den
anderen Seiten des Berges gibt es hier nicht, denn die vorherrschenden
östlichen Winde tragen die leichten Auswürflinge des Gipfelkraters
nach Westen. Aber um so gewaltiger ist im Osten die Überflutung von
Lavaströmen, da der östliche Kraterrand etwas eingeschartet ist und
die flüssige Glut am ersten übertreten läßt. In neuerer historischer
Zeit hatten sich die Laven mehr nach der Westseite ergossen, aber
gerade dadurch ist jetzt der Westrand des Kraters wieder höher
geworden als der Ostrand. Nicht nur die Lavaströme haben die Hänge der
Ostseite wild zerrissen und, am Abhang erkaltend, ohne den Bergfuß
selbst zu erreichen, zahllose Stufen und Dämme aufgebaut, sondern
auch die von den plötzlichen Schneeschmelzen herabgesandten Wasser-
und Schlammströme haben diese Bergseite tief gefurcht und ihre großen
Massen von Gesteinstrümmern ostwärts in das weite Hochtal »Valle
vicioso« gewälzt. Aber nur in den unteren Teilen der Osthänge treten
diese Zerstörungen und Neubildungen zutage; in den oberen größeren
Partien umhüllt den Kegel jetzt ein mächtiger Firn- und Eismantel,
dessen Randgletscher hier infolge der von Osten kommenden starken
atmosphärischen Niederschläge sich weiter bergab (bis etwa 4300 Meter)
ausdehnen als auf den anderen Seiten. Der Firnmantel ist aber in der
Mitte seiner ganzen Vertikallänge etwas eingebogen und verdeckt
dort mit Eis und Schnee die breite steile Bahn, die von den über den
Kraterrand quellenden und am jähen Berghang abstürzenden Lavamassen
im Massiv des Kegels ausgefahren ist. Frühere Besteiger haben diese
Formation auf der Ost- wie auf der Westseite ohne Schneebedeckung
gesehen.