Um ½3 Uhr kam tief unter uns die Mulde von Releche mit den blaugrünen

Seenaugen und der blauen Rauchsäule des Lagerfeuers unserer Arrieros

in Sicht. Um 4 Uhr waren wir unten und verabschiedeten mit einer

reichlichen Libation Feuerwasser und einer klingenden Extrazulage

unsere unermüdlichen Peones, die am selben Nachmittag und Abend noch

bis nach Penipe hinabliefen. Wir selbst folgten am nächsten Tag nach

einer ruhevollen Lagernacht. Um Mittag waren wir wieder in Penipe, und

nach kurzer Mittagspause für Mensch und Tier eilten wir weiter nach

Riobamba.

Der Antisana.

1. Der Anmarsch.

Südlich von Quito, eine halbe Stunde von der Stadtgrenze entfernt,

steht auf der Fußebene des Pichincha eine kleine, 200 Meter hohe

Vulkankuppe von auffallend regelmäßiger Gestalt: Panecillo, das

Zuckerhütchen, nennen die Einheimischen den Hügel. Seine freie,

dominierende Lage (3050 Meter) macht ihn zu einem Aussichtspunkt

ersten Ranges. Der droben Stehende sieht sich von einem mächtigen

Bergkranz umgeben. Im Rücken hat er den breiten, von tiefen

Quebradas zerschluchteten Pichincha, an den sich nach Süden und

Norden in langer Linie die Vulkanberge der Westkordillere anreihen,

fast lauter Viereinhalbtausender und noch höhere, und nach Osten

schweift der Blick über die weite, nach Süden und Osten ansteigende

Mulde des Rio San Pedro und seiner Nebenflüsse weg auf die lange

Bergmauer der Ostkordillere, die hier nicht so viele einzelne große

Vulkangipfel trägt wie die Westkordillere und geschlossener, finsterer,

unzugänglicher erscheint als jene.

Auf keiner Seite hat der Beschauer Schneeberge in seiner Nähe. »Ewige

Schneehäupter« tauchen erst in weiter Entfernung von Quito auf. Im

großen, von breiten Lücken unterbrochenen Halbkreis umziehen sie im

Süden und Osten das Panorama des Panecillo; es sind von Süden her der

doppelzackige Iliniza (5305 Meter), dann der Riesenkegel des Cotopaxi

(6005 Meter), daneben der kleinere Sincholagua (4988 Meter), weiter

östlich die große Stumpfpyramide des Antisana (5756 Meter), darauf

der niedrigere, aber stark vergletscherte Sara-urcu (4725 Meter) und

zuletzt der dem Chimborazo ähnelnde mehrgipfelige, von Eisströmen

übergossene Cayambe (5840 Meter).

In dem großen Halbkreis dieser ragenden Schneehäupter imponierten mir

der Antisana und der Cayambe am meisten, und der Antisana zog mich

vermöge seiner herrlichen Gestalt und seiner starken Vergletscherung

mit magischer Gewalt an.

Für eine Besteigung und Untersuchung des _Antisana_ gibt es nur _ein_

geeignetes Standquartier am Fuß des Berges, den Hato Antisana an der

Westsüdwestseite. Die Reise dorthin von Quito läßt sich in zwei Tagen

über den Rio San Pedro und die Orte San Rafael, Pintac, Hacienda

Pinantura und den Paß Puerta de Guamani machen. Am 26. Juli früh

brach ich mit Herrn Reschreiter und meiner alten Karawane von drei

Einheimischen und zehn Mulas nach Osten auf. Zuerst führte die Straße,

die theoretisch auch zum Fahren bestimmt ist, steil zum Bergrücken

Poingasi hinan.

Droben öffnet sich plötzlich vor uns das Land zu unseren Füßen.

Das Auge schweift freudig über die sonnige, weite Quitomulde mit

ihren unzähligen Hügeln und grünen Feldern, Haciendas und Dörfern,

Baumgruppen und Bachschluchten. Ein ungewohntes Kulturlandschaftsbild

im ecuatorianischen Hochland.

Auf einem fürchterlich gepflasterten Serpentinenweg geht es dann

zum Rio San Pedro hinunter. Die Mulas rutschen und stolpern; wer

hier stürzt, bricht unfehlbar das Genick. Aber wäre der Weg nicht

gepflastert, so wäre er an dem steilen Berghang in der Regenzeit

monatelang überhaupt nicht passierbar. Das läßt man sich wohl in

der »Provinz« gefallen, aber nicht hier in der Nähe der Hauptstadt,

deren reiche Leute ihre Haciendas draußen in der Quitomulde haben und

jederzeit mit ihnen verkehren wollen.

Eine alte Steinbrücke führt uns unten über die tiefe, kaum 10 Meter

breite Quebrada eines Nebenflusses des Rio San Pedro, in deren Grund

die tuffbraunen Fluten gurgeln. Lotrecht und glatt wie mit dem

Spaten sind die Wände des Cañons in den Tuff eingeschnitten, und

diese Tuffmassen, diese klammartigen Erosionsschluchten treffen wir

fernerhin überall in der Quitomulde, wo wir Bäche zu passieren haben.

Jenseits des Dorfes Conocoto (2594 Meter) überschritten wir auf einer

neuen Eisenbrücke die schäumenden Wasser des stattlichen, 20 Meter

breiten Rio San Pedro und kamen durch Staub und Glut nach Mittag im

Städtchen Sangolqui (2561 Meter) an, wo uns die übliche Staffage der

ecuatorianischen Provinzstädtchen umgab: baufällige, wegen der Erdbeben

nur einstöckige Häuser; Schmutz, Schweine und Hühner auf den Straßen,

wenige und lumpige Menschen.

Ganz allmählich hebt sich unser Terrain ostwärts. Zur Linken

haben wir den frei in der Talebene stehenden, stark abgestumpften

Vulkankegel Ilaló (3161 Meter), weiter zur Rechten erheben sich die

breiten Sockel des Pasochoa (4255 Meter) und des Sincholagua (4988

Meter). In der Lücke zwischen beiden erscheint aber in der Ferne

der Wunderberg Cotopaxi mit seinem ungeheuern, schnurgerade nach

Osten hinausflatternden Wolkenschleier. Auf seiner wolkenfreien

Nordwestflanke glitzern drei Gletscher im Sonnenlicht.

Die Sonne stand schon tief zwischen dem Pichincha und dem Atacatzo, als

wir in das kleine Kirchdorf _Pintac_ (2925 Meter) einzogen. Da aber das

Nest bitterwenig einladend aussah, ritten wir ohne Aufenthalt nach der

Hacienda Pinantura weiter, die nur eine kleine Stunde entfernt sein

sollte. Erst ging es auf langgestreckten, buschbewachsenen Höhenrücken

entlang, in deren graugelbe Tuffmassen der Reitpfad durch langjährige

Benutzung oft mehrere Meter tief eingeschnitten war. Darauf wurde

die Landschaft mehr und mehr páramoartig. Schon schlichen nächtliche

Schatten aus den Niederungen an den Bergen empor. Plötzlich standen wir

am scharfen Rand einer düstern Talschlucht, der _Quebrada Guapál_, die

in der Dämmerung nur noch tiefer erschien, und sahen im Abendschein am

jenseitigen Rand die Hütten der Hacienda Pinantura. Da hinabzureiten

wäre in der Dunkelheit für einen Ortsunkundigen Selbstmord; nur unser

Führer riskierte es. Wir andern tappten und rutschten zu Fuß auf dem

steinigen, tiefgefurchten, buschbewachsnen Pfad hinter ihm her, unsere

Tiere am Zügel nachziehend. Es war stockfinstere Nacht geworden,

und der dünne Schimmer der Mondsichel drang nur mit vereinzelten

Blinklichtern ins Dickicht. Alle paar Minuten lag einer von uns am

Boden und machte seinem Zorn und Schmerz durch einen kräftigen Fluch

Luft. Wer das letztere noch nicht gekonnt hat, der lernt es in Ecuador.

Endlich brausten unter uns die Wasser im Talgrund. Ohne eine Spur davon

im Dickicht zu sehen und ohne zu ahnen, wohin es ging, kletterte ich in

der Finsternis auf meine herangezogene, widerstrebende Mula und ließ

sie gottbefohlen ihren Weg im Dunkeln suchen. Sie folgte, vorsichtig

tastend und laut schnaubend, dem Tier des Führers, aber langsam

landete mich das brave Tier am andern Ufer ohne Sturzbad. So ging es

dicht hintereinander durch vier reißende Bacharme. Beim vierten half

schon das einfallende Mondlicht mit, und allmählich näherten wir uns

dem jenseitigen Oberrande der Quebrada, wo die Hütten der _Hacienda

Pinantura_ (3174 Meter) vor uns auftauchten. Ein altes Weib öffnete

auf des Führers Zuruf das verrammelte Tor. Wir nahmen vom sogenannten

Zimmer des Mayordomo Besitz, wo neben Haufen von Kartoffeln und Mais

ein zerbrochener Tisch und ein Möbel standen, das einst vermutlich

ein Sofa gewesen war, und in der Ecke sogar eine Art Bettstelle mit

Strohsack. Alles klebte von Schmutz; die aus Lehm zusammengepatzte

Stubendecke war, wie gewöhnlich, halb heruntergefallen, und natürlich

war es hundekalt, da ebenso natürlich kein Ofen vorhanden war. Aber

unsere Schlafsäcke halfen uns über alle Widrigkeiten hinweg.

Vor Sonnenaufgang des nächsten Morgens trat ich vor die Haciendamauer

an den Rand der düstern Quebrada Guapál. Darüber hinweg weitet

sich eine wundervolle Aussicht nach Westen über die große, langsam

westwärts sich senkende Ebene der Quitomulde bis zum fernen dunstigen

Pichincha, der langgestreckt und mit sanften Hängen das Panorama im

Westen abschließt. Seine breiten Gipfel heben sich nur wenig über

die flache Wölbung des schildförmigen Massivs, der höhere Südgipfel

(Guagua-Pichincha 4787 Meter) mit ein wenig Schnee, aber ohne die

leiseste Spur eines Kraterwölkchens.

Nach Osten schweifte der Blick über die leicht ansteigende Ebene

bis zum breitbuckeligen, felsigen Sincholagua, dessen kleiner

Gipfelgletscher im Morgenlicht rosig schimmerte, und südwestlich hinter

seinen langen dunklen Ausläufern leuchtete aus der Ferne die oberste

Firnkuppe des Cotopaxi herüber, der eine zarte orangerote Dampfwolke

entflatterte wie eine feingetönte Straußenfeder.

Die schnell aufsteigende Sonne mahnte zum Aufbruch. Mit nur fünf

Peones im Gefolge, die am Antisana unser Gepäck von den Maultieren

übernehmen sollten, ritten wir los. Der Pfad führt langsam an der

steilen Innenwand der Quebrada bergan. Unsere ganze Aufmerksamkeit war

aber nun von einem auf der Talsohle liegenden Lavastrom, dem _Volcan de

Antisanilla_, gefesselt, dem größten Lavastrom Ecuadors.

Sein Ende liegt bei 3045 Meter im Talgrund, und bis dahin zieht der

»Volcan« (Lavastrom) wie ein riesiger Damm oder wie ein hochgewölbter

Gletscher in der Quebrada entlang. Im Endteil hat er noch eine

Mächtigkeit von etwa 130 Meter bei etwa 200 Meter Breite. Seine

Oberfläche erreicht aber nirgends ganz das Niveau der oberen Talränder.

Oft ist er in der Mitte seiner Laufrichtung eingesunken und rechts und

links von großen Längskämmen überragt. Man sieht dem Volcan überall

die allmähliche Erstarrung in langsamer Bewegung an. Er ist dick mit

Trümmern bedeckt, so daß man das Ganze leicht für bloße Schuttmassen

halten kann.

Hell hebt sich bei Sonnenlicht der graubraune Lavastrom von den

grünen baum- und buschbewachsenen Talwänden der Quebrada Guapál

ab. Seine Oberfläche hat aber doch trotz seiner Jugend schon einen

grünlichen Anflug, stellenweise sogar einen Überzug von Vegetation.

Es sind Flechten, kleine Gräser, Farne, Steinbrechstauden und

niedriges Gestrüpp, die sich auf seinen harten Blöcken, Schlacken

und Sanden angesiedelt haben. Für die Dauer dieses stillen, aber

harten Kampfes der Pflanzen um neuen Boden haben wir gerade im

Lavastrom von Antisanilla einen guten Maßstab an seinem ziemlich genau

festzustellenden Alter. Wie Theodor Wolf nachgewiesen hat, war der

Lavastrom 1767 schon vorhanden, und da Humboldt eine Eruption des

Antisana aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts, »wahrscheinlich von

1728«, erwähnt, aber von weiteren Ausbrüchen nichts berichtet wird, so

kann man mit ziemlich großer Sicherheit das jetzige Alter des Volcan

auf 1¾ Jahrhunderte berechnen.

Nach kurzem Ritt schwenkten wir aus der Quebrada Guapál südwärts ab

und kamen draußen auf dem Plateau wieder in eine Zone von bösartigen

Tuffen, in die sich die Reitwege noch tiefer eingeschnitten haben als

in die Tuffe zwischen Pintac und Pinantura. Steil geht es dann über

grasige Páramohügel hinauf, wo die höchsten kleinen Gerstenfelder der

ganzen Gegend bei 3380 Meter liegen, und endlich durch ein primitives,

das Vieh abhaltendes Holzgatter, die Puerta de Guamani (3544 Meter).

Hier stehen wir plötzlich wieder am Rand der Quebrada Guapál und

haben darin von neuem den Lavastrom von Antisanilla vor uns, und zwar

in seiner großartigsten Mittelpartie. Hier wälzt er sich auf der

uns gegenüberliegenden nördlichen Talseite, unsichtbar woher, einem

versteinerten Katarakte gleich, über den Rand der Quebrada und über die

hohe Talwand hinab in den Talgrund.

Breit und mächtig wie der Niagarafall kommt er über den Talrand

herunter. Es muß ein Schauspiel sondergleichen gewesen sein, als hier

seine Schlacken und Blockmassen in furchtbarem, unaufhörlichem Drängen

und Schieben, getrieben von der unsichtbaren Gewalt des glühenden

Magmainnern, mit Knirschen, Krachen und Donnern in die Tiefe des Tals

stürzten, wo der wütende Kampf mit den Bachwassern begann, und als dann

im Tal die ungeheure höllische Schlange dampfend und lärmend, träge,

aber unaufhaltsam weiterkroch.

Die Sonne hatte es den ganzen Vormittag gut mit uns gemeint. Dann

hatten verdächtige lange Cirrusstreifen immer dichter den Zenit

umschleiert, und nun begann es, je weiter wir auf die offenen Páramos

hinaufkamen, immer steifer aus Osten vom Antisana her zu blasen. Dort

hing dickes Gewölk tief herunter und gönnte uns keinen einzigen Blick

auf den nahen Schneeriesen. Bei 4000 Meter rasteten wir in einer

flachen Mulde inmitten einer wunderbaren Flora von kniehohen Culcitien,

die hier zu Hunderten ihre hellgrauen pelzumhüllten, von faustgroßen

grauen Blütenköpfen beschwerten Gestalten zwischen dem dunklen Grün der

Werneriapolster emporstreckten.

Jenseits der Culcitienmulde erschien endlich vor uns im wehenden Nebel

die längliche strohgedeckte Steinhütte des _Hato del Antisana_ (4095

Meter), die wir um die Mitte des Nachmittags erreichten. Nachdem die

Hacienda, die früher hier gestanden hatte, in den neunziger Jahren

abgebrannt war, benutzt man jetzt die daneben in einer windgeschützten

Bodensenke gelegene Hütte als Hato. Er ist mit 4095 Meter eine

der höchstgelegenen menschlichen Wohnungen Ecuadors. Als Bewohner

fanden wir drei indianische Hirten vor, die den mittlern Raum für

uns freigaben. Es sind nur vier rohe Steinmauern mit dem Grasdach

darüber, ohne Fensteröffnungen und ohne Rauchabzug. Hier machten wir

Standquartier für unsere Antisanatour.

Zwischen uns und dem Berg zieht welliges Páramogelände, eine

grünlichbraune Hochsteppe, leicht hinan, durchwunden vom rötlichgrauen

Band eines mächtigen jungen Lavastroms, des Guagraialina-Volcans. An

der Stelle, wo dieser am westlichen Bergeshang hervorkommt, legt sich

um die uns zugekehrte südwestliche und westliche Bergseite zwischen

4500 und 4800 Meter Höhe ein breiter Gürtel von hellgrauem frischen

Moränenschutt, und darüber strebt das schneeige Bergmassiv des Antisana

zu zwei runden Gipfeldomen himmelan; rechts der steilere, von schroffen

Felswänden getragene Südgipfel (5620 Meter), links der höhere, breitere

Nordwestgipfel (5756 Meter), dazwischen ein etwas niedrigerer zackiger

Sattel mit dem kleinen, spitzen Westgipfel; alles überzogen von einem

ungeheuern Firn- und Eismantel, der, in den oberen Bergpartien wild

zerrissen, in den unteren sanft ausgeglichen, bis zur Moränenzone bei

4800 Meter herabwallt.

Den ersten vergeblichen Versuch, den Antisana zu besteigen, hat

Alexander von Humboldt 1802 gemacht. Nach ihm ist Alphons Stübel am 25.

September 1871 bis zu 5493 Meter Höhe gelangt. Bezwungen worden aber

ist auch dieser Berg bisher nur durch Edward Whymper am 10. März 1881.

Wir haben vom 28. bis 30. Juli 1903 an und auf dem Eis des Antisana

gearbeitet und die Westseite bis über Stübels höchsten Punkt auf dem

Mittelgrat bestiegen.

2. Die Besteigung.

(Siehe Karte, Seite 130.)

Wir hatten in aller Klarheit auf dem offen vor uns ausgebreiteten

Bergpanorama die Richtung ausfindig gemacht, in der ein Vordringen

in die höchsten Regionen möglich erschien, und wollten oben von der

Ursprungsstelle des Guagraialina-Lavastroms, der hier unten am Hato

del Antisana endet, über die Firnfelder hinauf zum Sattel zwischen den

beiden Gipfeln aufsteigen, um dann eventuell nordwärts dem Hauptdom

zuzustreben. Das war im allgemeinen auch Stübels und Whympers Route.

[Illustration: Der Canonico (5355 ~m~), Nordgipfel des Cerro Altar.

Nach einer Zeichnung von Rudolf Reschreiter.]

In der Frühe des 28. Juli lag um unsern Hato dicker Reif bei 2° Kälte,

und die Luft war unsichtig von Nebel. Als aber um 7 Uhr die Sonne über

den Eiskamm des Antisana herüberblitzte, brachen wir auf und ritten

an der Westseite des Lavastroms entlang über ebene Páramoflächen

bergan. Der Pfad war gut, das Wetter schön, der Wind noch linde. Der

Antisana hatte eine prachtvoll kuppelförmige, weiße Wolkenhaube über

seine beiden Gipfel gestülpt, die ihn als einen einzigen ungeheuern

Schneedom erscheinen ließ. Vom Rand der Haube flossen fortwährend

kleine Wolkenzüge nach der Westseite herab und verflatterten schnell;

das nämliche schöne, aber nichts Gutes versprechende Spiel, wie wir

es am obern Chimborazo erst angestaunt und dann schmerzlich zu fühlen

bekommen hatten.

[Illustration: Nordwestseite der Caldera des Cerro Altar.]

Zu unserer Rechten zog der _Guagraialina-Volcan_ hochgewölbt und

blockig einher. Nach einer Stunde kletterte unser Pfad an einer

günstigen, sattelartigen Stelle über den Lavawall weg. Und da lohnte es

sich wahrlich, eine kurze Umschau über dieses merkwürdige Gebilde der

jüngsten vulkanischen Tätigkeit des Antisanakegels zu halten. Wie eine

dunkelbraune, grüngefleckte Riesenschlange windet sich der Lavastrom

von der mittlern Westseite des Antisana auf den leicht abfallenden

unteren Berghängen herab. Wir sehen ihn oben (bei 4700 Meter) unter den

Moränenhalden der Eisgrenze hervorkommen. Er ähnelt im Aussehen und in

der Gestalt sehr dem Antisanilla-Volcan, aber er ist weder so lang noch

so hoch noch so breit wie jener; seine Länge mißt etwa fünf Kilometer,

seine Höhe in den mächtigsten Teilen 40 bis 50 Meter, seine Breite bis

zu 500 Meter. Auch dieser Volcan erscheint wulstförmig, dammartig, hat

steile Seitenböschungen und eine unregelmäßig hügelige Oberfläche. In

der Mittelachse seiner ganzen Längserstreckung ist er mehr oder weniger

eingesunken, so daß er eine breite Rinne mit höheren Seitendämmen

bildet. Die Entstehung ist klar: Während die Seitenteile des Lavastroms

schnell erkaltet und erstarrt sind, ist die glühende Lava zwischen

ihnen weitergeflossen. Allmählich erstarrte auch die ganze Oberfläche,

und die Lava floß, immer zäher und träger werdend, wie in einem Tunnel

weiter. Als dann der Inhalt des Tunnels ausgeflossen war, sank die

Oberfläche des Tunnels ein.

[Illustration: Der Hato del Antisana (4095 ~m~).]

Der Guagraialina-Volcan ist aber nicht der einzige seiner Art

am Antisana. Von seinem Rücken aus sehen wir am Südwesthang des

Berges, nahe der Eisgrenze, ebenfalls unter dem hellgrauen Kranz

von jungen Moränen einen zweiten, kürzern, aber im Endteil breitern

Volcan herauskommen, der dem unsern in seiner ganzen Erscheinung

gleicht. Seinen Namen Sarahuazi (Maisberg) führt er von den vielen

gelblichen Bimssteinbröckchen, die an seinem obern Ende (4715 Meter)

aufgeschichtet liegen.

Schließlich trifft nördlich von uns unser suchendes Auge auf einen

dritten Lavastrom, den Yana-Volcan (~yana~ = schwarz oder dunkelbraun),

den höchstragenden von allen, der wie eine schwarze zackige, 50 bis

60 Meter hohe Mauer aus der Eisdecke des Antisana bei 5050 Meter

heraustritt und das weiße Firnfeld durchschneidet, aber nahe unter der

Eisgrenze mit etwa 300 Meter Breite endet. Er sieht noch frischer aus

als der Guagraialina und hat noch mehr als dieser eine ausgeprägte

Rinnenform.

Vom Ostfuß des Guagraialina eilten wir in einem breiten Bachtal dem

Westgletscher des Antisana entgegen, der oben in das Tal mündet.

Links von der Gletscherzunge wurde auf den obersten Felsen des

Guagraialina-Volcan unser in Aussicht genommener Lagerplatz sichtbar.

Dorthin hatten wir eine alte grasbewachsene Ufermoräne des einst so

viel längern Gletschers zu erklettern, die mit schönen Aufschlüssen bis

zu etwa 4200 Meter Höhe herabreicht. Um ½11 Uhr waren wir nach längerm

Stolpern und Steigen über Schlacken und Sande mit unseren Tieren auf

dem obersten kleinen Grasfleck angelangt, wo im Schutz einiger großer

Lavablöcke die _Zeltchen aufgeschlagen_ wurden (4695 Meter). Ich

schickte die Karawane nach dem Hato hinunter, von wo sie uns in zwei

Tagen abholen sollte. Bei uns blieben Santiago und unser indianischer

»Führer«, der aber nie vorher hier oben gewesen war.

Der _Pflanzenwuchs_ dringt auf unserm Volcan in einer langen Zunge

weit in die vegetationslose Zone der jungen Moränen vor, die rechts

und links von unserm Lavadamm sich bergab erstrecken. Am ganzen

westlichen Antisana rückt die Vegetation in ziemlich geschlossener

Gras- und Staudendecke bis dicht an die Moränengrenze hinan. Es fehlt

hier jener öde Gürtel von Bimssteinanhäufungen, der am Chimborazo

und am Cotopaxi von der Moränengrenze an noch einige 100 Meter

tiefer am Berg hinabreicht und dem Andrang des vegetabilen Lebens

äußerst lange und zähe Widerstand leistet. Es fehlt aber auch, da

die Schneegrenze des Antisana wegen seiner großen Feuchtigkeit

verhältnismäßig tief liegt, jene sterile Zone von Gehängeschutt, die

sich auf Bergen mit hochliegender Schneegrenze, wie dem Chimborazo,

zwischen die Moränen und die Vegetationsgrenze aus klimatischen Gründen

einschiebt. Auf unserm in die Eiswelt eindringenden Lavastrom, der

wie eine schmale Halbinsel in ein Polarmeer hineinragt, verschwinden

mit zunehmender Höhe von etwa 4300 Meter an allmählich die höheren

Gräser; die geselligen Kräuter überwiegen, aber kleine Gräser und

Zwergsträucher sind noch zahlreich eingestreut. Von 4500 Meter an

wird die Vegetationsdecke immer offener und dünner, aber noch am

Rand der sterilen, den Oberteil des Volcans verschüttenden Moränen

bei 4700 Meter ist das Wachstum so kräftig, daß man annehmen muß,

diese Formation, die man wohl am besten als Fels- und Geröllformation

bezeichnet, würde, wenn der Lavastrom noch 100 bis 200 Meter höher

hinauf reichte, in langsamer Auflösung ebenso hoch hinaufgehen, ehe

sie an den klimatischen Extremen ihre letzte Schranke findet. Nur

die tiefliegende Eisgrenze des Antisana, nicht extreme Temperaturen

oder extreme Trockenheitsgrade lassen hier die Vegetation nicht höher

steigen.

Es ist eine prächtige _Gletscherlandschaft_, die unser Zeltlager in

der Runde umgibt. Zum Berg hingewandt haben wir rechts von uns und

über unserm Lavastrom die lange Eiszunge des Westgletschers, links

einen höher am Berg endenden kürzern Eisstrom, beide auf mächtigen

Moränenkegeln ruhend, und weiter das große Firnfeld, dessen weite

Flächen sich zum Sattelkamm zwischen den beiden Antisanagipfeln

hinanheben.

Hochtouren im tropischen Amerika · 第 7 / 11 段