in einem wegen seiner Baufälligkeit verlassenen stallartigen
Gartenhäuschen eines der Dorfhonoratioren unter, das wir erst
ausmisteten, ehe wir unsere Schlafsäcke auf dem Lehmfußboden ausbreiten
konnten. Aber es bot wenigstens Schutz gegen Wind und Regen der Nacht.
Steil, steinig und sandig wie vom Chambotal nach Penipe, so geht es
auch am nächsten Tag von Penipe zum Berggrat, der Loma de Nabuso,
hinauf, wo in der Tiefe der Rio blanco aus der Ostkordillere in den
Chambo einmündet. Es ist ein stellenweise verteufelt heikles Reiten.
Wenn hier einmal ein Tier ausgleitet, rollt es rettungslos ein paar
hundert Meter den jähen, kahlen Berghang hinunter in den reißenden
Chambo. Die Maultiere bezwingen das schwierige Terrain in ruhigem,
stetigem Klettern, langsamer, aber sicherer als die Pferde, die an
schlimmen Stellen dem Reiter oder der Last durch heftige Bewegung
gefährlich werden können. Mit jeder weitern Viertelstunde weicht
der Landschaftscharakter mehr von dem des vulkanischen Terrains ab,
das wir am Tage vorher durchzogen haben. Alle Bergformen sind hier
schroffer, energischer, die Täler tiefer und doch breiter als drüben im
Vulkangebiet. Von der Loma de Nabuso (2931 Meter) geht es wieder steil
ins Tal des Rio blanco hinunter.
Nach anderthalb Stunden von Penipe aus hatten wir die Talsohle des
Rio blanco erreicht (2610 Meter) und folgten seinem Lauf aufwärts.
Der Bach braust und springt über Stock und Stein wie ein echter
Wildbach irgendeines Tiroler Bergtals, und wie seine Tiroler
Verwandten so führt auch er hellgrau getrübtes Wasser als Zeichen
seiner Abstammung aus vergletscherten, moränenreichen Bergeshöhen;
daher sein Name Rio blanco, weißer Bach. Die Luft ward frischer,
kühler, feuchter, je weiter wir talauf ritten. Kehle und Lunge
schwelgten. Allmählich vollzieht sich auch ein Wechsel in der
Vegetation. Die Charakterpflanzen der trockenen, warmen Hochebene,
die Agaven, Opuntien, Euphorbien, verschwinden, und es erscheinen
feuchtigkeitsliebende Formen. Wald aber gibt es auch hier nur in
schmalen Strichen und Säumen an den tiefgeschluchteten Bachläufen,
die dem Rio blanco von Osten her zueilen. Leider wimmelt es in diesen
feuchten Dickichten von Moskitos. Wir waren deshalb froh, als es nach
Passieren des Rio Tarau wieder auf grasigen, freien Berglehnen hinauf
zu einer Talstufe ging, wo zwischen Mais-, Bohnen- und Kartoffelfeldern
ein halb zerfallenes Landhäuschen und einige Hütten stehen: es ist
die Hacienda Candelaria (2765 Meter), deren Besitzer uns mit frischer
Milch labte – ein seltener Genuß im viehreichen Ecuador! Das Tal
erweitert sich weiterhin auffallend; es wird muldenförmig mit ziemlich
flachem Boden, in den der Rio blanco tief und steil eingeschnitten ist.
Hier wird das Land belebter, kultivierter. Es erscheinen Felder und
weitzerstreute Hütten.
Die Talform, die Strohhütten, das zahlreiche weidende Vieh, die
Kartoffelfelder, die erquickend frische Luft, die klare Beleuchtung
und vor allem die Vegetation an den Wegen und Rainen versetzten uns in
eine subalpine Landschaft Europas oder Nordamerikas. Freudig begrüßten
wir unter den Pflanzen gute alte Bekannte aus der Heimat: Brombeeren,
Berberitzen, Fuchsien, Salbei, Ranunkeln, Alchemillen, Brennesseln,
Wegerich, Adlerfarn usw., ja an einer Wiesenecke lachte uns sogar ein
Büschel wilder blaugelber Stiefmütterchen entgegen. Dann stiegen wir
im Zickzack zu einer Talstufe hinauf, wo die vereinzelten Hütten von
Releche (Hacienda 3117 Meter) liegen, und betraten oberhalb davon eine
Waldparzelle, in der sich plötzlich eine wunderhübsche Wiese öffnete.
Daneben blinkten zwei kleine Seen.
Die Waldwiese auf der Terrasse von _Releche_ ist ein wirklich idealer
Lagerplatz (3323 Meter). Schnell waren am Waldsaum unsere beiden
Zeltchen aufgestellt, während sich die Peones im Dickicht selbst
einrichteten. Wieder einmal genossen wir den Reiz eines stillen
Gebirgslagers und stiller häuslicher Enge inmitten einer großen Natur:
die Zelte, Feuer, Menschen und Tiere dicht beieinander, Wasser und Holz
in bequemer Nähe, während ringsum die große einsame Bergwildnis uns
teilnahmlos anzuschauen schien.
Gegen Sonnenuntergang legte sich eine wundersame ruhige Stimmung auf
die Landschaft. Gänzliche Windstille ringsum, aber hoch über den uns
schützenden Bergrücken segelten die abendlich geröteten Wolken eilig
nach Westen. Wie am Abend eines deutschen Vorfrühlingstags pfiff von
einem fernen Baumwipfel eine Drossel ihr kurzstrophiges Lied, andere
Drosseln hüpften pickend auf der Wiese umher, und auf dem nächsten See
flatterten ein paar kleine Enten. An den Blüten der Fuchsiensträucher
aber, die auf den verwetterten Berberitzenbäumen am Waldesrand
schmarotzen, schwirrten hurtig einige Kolibris und ließen ihre grün
metallischen Brustfedern und ihre rotschillernden Schwanzfedern im
Licht der Abendsonne wahrhaft Funken sprühen.
Nach Sonnenuntergang begann im Wald der schrille Gesang
unzähliger Zikaden, und während wir, von leichtem Paramitoregen
ins Zelt getrieben, lagen, lasen und rauchten, schwirrten um die
trüberleuchteten Zeltwände große Käfer, und in ihren brummenden Baß
klangen die hohen klaren Glockenstimmchen der Laubfrösche hinein, die
uns leider noch viel Regen prophezeiten.
In der Nacht trommelten denn auch stundenlang die Tropfen auf unser
Zeltdach, und am Morgen lag alles in dichtem nässenden Nebel, als wir
mit acht Peones zum Cerro Altar aufbrachen. Unsere Arrieros, die wegen
der Steilheit mit den Tieren zurückblieben, richteten sich für die
nächsten zwei Tage in einer kleinen Laubhütte möglichst regensicher
ein. Die oberste Bergwaldzone, durch die wir nun weiter stiegen,
machte uns viel zu schaffen. Von Schlinggewächsen, grünen Epiphyten,
langen grauen Bartflechten und dicht wucherndem Unterholz ist der Wald
durchsponnen und gleichsam verfilzt. Bis an die Knöchel versinkt der
Fuß in dem schwarzen Morast des Pfades, den das oben in den Páramos
weidende Vieh beim Auf- und Abtrieb zertrampelt, und über gestürzte
Baumstämme weg müssen sich die Peones mit ihren Lasten abmühen. Bald
wird der Anstieg so steil, daß an Stelle des Pfades Stufen und Löcher
treten, in denen der Fuß Halt sucht. Alles trieft von Nässe, und auf
dem schlüpfrigen lehmigen Boden gleitet einer nach dem andern fluchend
aus. Trotzdem ließen die Peones ihre Lasten nicht liegen. In 3490 Meter
Höhe überschritten wir die obere Waldgrenze. 200 Meter höher hatten
wir über dem letzten Fuchsiengestrüpp die Grasregion des Páramo bei
3700 Meter erreicht, wo der Boden etwas fester war. Aber die Steilheit
hielt an, und dazu gesellte sich auf der freien Höhe kalter Wind mit
fortdauerndem Nebeltreiben.
Bei 4200 Meter Höhe traten wir in die Region der Polsterformation
ein. Weithin verdrängen an feuchteren, leicht gesenkten Stellen die
dunkelgrünen, bis zu ½ Meter hohen runden Kissen von ~Werneria~,
~Pectophytum~ und ~Azorella~ den Graswuchs fast gänzlich. Die Polster
der dichtgedrängten kleinen Pflanzen sind so fest, daß man mit dem
eisenspitzigen Stock nur oberflächlich eindringen kann, aber neben
ihnen heben sich zahlreiche kniehohe Blütenstengel einer goldgelben
~Senecio~ empor, wie freundliche Lichtgestalten aus schwerer träger
Materie. Die Sonne, die sie hervorgezaubert, ließ uns jedoch im Stich.
Der Nebel teilte sich zwar etwas, aber der Blick reichte nicht weit:
nur braungrasige Kuppen und Berglehnen. Dazu begann es gegen Mittag bei
4230 Meter lustig zu schneien.
Jetzt war es an der Zeit, die tiefgesunkenen Lebensgeister meiner
Peones durch eine reichliche Spende von Maisbranntwein (Chicha) zu
heben, den ich zu diesem Behuf in gehöriger Menge mitgenommen hatte.
Das Zeug schmeckt abscheulich, ist aber den Indianern der höchste der
Genüsse. Die Kerle folgten denn auch dem großen strohumflochtenen
Schnapskrug wie die Sarazenen der Fahne des Propheten.
Glücklicherweise waren wir bald danach auf der Höhe des
langgestreckten, dem Altar vorgelagerten Bergrückens (Loma de
Tunguraquilla). In tausendfachen Windungen läuft der Pfad nahe seinem
Grat um kleine Sümpfe und Bachrisse herum nach Osten, immer durch
struppiges, büscheliges Páramogras, bis er in 4275 Meter Höhe plötzlich
steil nach Südosten in ein breites trogförmiges Tal abbiegt, dessen
tiefgeschluchteten, unpassierbaren Mittellauf wir hier oben auf diesem
Umweg hatten umgehen müssen. Es ist das _Val de Collanes_.
In Regen, Wind und Schnee stiegen wir an den abschüssigen grasigen
Hängen auf dem von Nässe und Lehm glitschglatten Pfad zur sumpfigen
Ebene des Collanes-Tales hinab, ein typisches altes Gletscherbett,
das nach Osten in ein ungeheures, von Schnee und Eis erfülltes
Felsen-Amphitheater übergeht: die _Caldera des Altar_. Ein wundervolles
hochalpines Diorama im Treiben der Nebel. Hier endlich beginnt das
vulkanische Gestein des Cerro Altar. Unten scheuchten wir eine Herde
halbwilder Rinder auf, die stürmisch entflohen wie ein Rudel Hirsche.
Wir folgten dem festen Geröllsaum des Baches, dessen grautrübes Wasser
die »Gletschermilch« verrät, bis an den Fuß der vordern Calderawand, wo
sich oben rechts und links von den Eismassen her zwei alte Moränenwälle
in die Talebene vorschieben und an den Enden miteinander verschmelzen.
Dichter, von Moos und Flechten fast erdrückter niedriger Buschwald hat
ihre Blockhaufen überwuchert, und dort, am untern Rand der südlichen
Moräne, wo es Brennholz und Wasser gibt, fand sich bald ein geeignetes
Plätzchen (3964 Meter) für unsere beiden Zelte, während die Peones sich
abseits eine Zweig- und Grashütte bauten. Es war ein trüber, nasser,
kalter _Lagerplatz_. Wetter und Weg hatten uns allen tüchtig zugesetzt,
neun volle Stunden waren wir von Releche an auf den Beinen gewesen, und
es versteht sich, daß wir nach Einnahme unserer üblichen Reissuppe uns
schleunigst in die trockenen, weichen, warmen Schlafsäcke verkrochen,
mit dankbaren Gefühlen für die seligen Opossums, die uns ihren molligen
Pelz im Dienst der Wissenschaft geopfert hatten.
Am nächsten Morgen war bei hellerm Wetter die Situation klarer. Wir
sahen uns in einem ungeheuern Taltrog, dessen steile, himmelhohe
Felswände sich im Osten zum Kraterzirkus des Altar halbkreisförmig
zusammenschließen. Der gletscherbedeckte Calderaboden (Plazabamba
genannt) liegt etwa 340 Meter über unserm Lagerplatz, und von uns
hinauf ziehen die beiden hochgewölbten Schutt- und Blockwälle, die uns
bekunden, daß die Gletscherzunge, die jetzt dort oben in 4300 Meter
Höhe auf einer steilen Felsstufe endet, sich einst bis hierherunter
zu 3960 Meter Höhe erstreckt hat. In dieser Ausdehnung ist der
Gletscher lange Zeit stationär gewesen, während deren er diese großen
Schuttmassen an seinem Rande absetzen konnte. Als dreißig Jahre vor mir
die deutschen Geologen Reiß und Stübel hier weilten und in wiederholten
längeren Besuchen den vulkanischen Bau des Cerro Altar studierten,
reichte der Kratergletscher noch in einer imposanten Eiskaskade bis an
den Fuß der Felsstufe herab.
Die bezeichneten alten Moränenwälle stellen aber nicht die äußersten
Grenzen der einstigen Gletscherausdehnung dar, sondern der Eisstrom
erstreckte sich in einer noch frühern Periode bedeutend weiter in das
Collanes-Tal hinaus. Wenn wir oberhalb unseres Lagers vom Kamm der
alten südlichen Moräne talabwärts schauen, sehen wir etwa 1½ Kilometer
weiter draußen an der südlichen grasigen Steilwand des trogförmigen
Collanes-Tals bis zu etwa 200 Meter hinauf vier terrassenartige Stufen
ziemlich parallel übereinander und parallel dem Talgrund entlang
ziehen, die mit großen und kleinen Blöcken besetzt sind und offenbar
Abstufungen alter Ufermoränen darstellen. Noch weiter draußen, am
Ende des Taltrogs, schließt ein mehrfach gestufter, bogenförmiger
Schuttwall, eine alte Endmoräne schönster Ausbildung von ungefähr 20
Meter Höhe, das trogförmige, flachsohlige Collanes-Tal querüber ab.
[Illustration: Die Caldera des Cerro Altar, vom Collanes-Tal aus.
Nach einer Zeichnung von Rudolf Reschreiter.]
Bis hierher haben wir also in dem »~U~-Tal« das vollkommene Bild
eines alten Gletscherbettes, in dem der von den Firnmassen der
Caldera genährte Altargletscher vor Jahrtausenden, aber immer noch
in einer geologisch jungen Vergangenheit – denn der Altar selbst
ist nicht älter als pleistozän – als ein bis 300 Meter dicker und
bis 2½ Kilometer langer Eisstrom das Tal erfüllt, ausgeräumt und
ausgeschliffen hat. Dann hat er sich, wie die Moränen zeigen, in
mehreren Abschmelzungsperioden mit dazwischenliegenden Ruhepausen
zurückgezogen, zuletzt bis in den Kraterkessel des Altar, indem er das
rezente Rückzugsgebiet mit frischen Schuttdecken überzog.
[Illustration: Marktplatz in Quito mit Klosterkirche San Francisco.]
Aber noch eine weitere Eigentümlichkeit fällt uns von unserm
Aussichtspunkt aus auf. Die Seitenwände des Tals sind bis zur Höhe
von etwa 300 Meter über dem Talboden an allen Vorsprüngen und Kanten
abgerundet und ausgeglichen. Darüber rücken die Wände in einer schiefen
Terrasse oder Leiste etwas zurück, und oberhalb von dieser sind sie
in allen ihren Formen eckig und rauh. Der untere Teil der Talmulde
mit den abgerundeten Formen ist ganz offenbar ein »Tal im Tale«, und
die Talleiste am Fuß des obern Talniveaus ist ein »Trogrand«, der
Rest eines alten Talbodens, in den der jüngere, tiefere, schmälere
Taltrog eingesenkt ist. Diese und andere glaziale Anzeichen, z. B.
die Hängetäler der Seitenbäche, bestätigten meine Vermutung, daß das
Collanes-Tal das Erzeugnis einer zweimaligen Vergletscherung ist. Näher
will ich hier nicht darauf eingehen.
[Illustration: Hochland-Indianer in Quito.]
Nach beendeter Umschau über das Collanes-Tal stiegen wir auf der
südlichen alten Ufermoräne zum Rand des Kraterbodens (Plazabamba)
empor, wo die Gletscherstirn bei 4300 Meter liegt. Noch deckte Nebel
die Caldera und die sie krönenden Felstürme, als wir uns aufmachten.
Der Anstieg war anfangs bequem durch Geröll, niedriges Gestrüpp und
über grasige Lehnen; aber im letzten Drittel gab es steile Felswände,
und erst gegen 9 Uhr waren wir am Oberrand der Felsstufe, über die das
Gletscherbächlein ins Collanes-Tal hinabrinnt, und betraten frischen
Moränenschutt und Eis. Neben uns ragte die südliche Felswand des
Caldera-Eingangs vertikal auf, bis über 30 Meter hoch hinauf prachtvoll
geschliffen und geschrammt, als hätten viele Tausende schwerer
Lastwagen ihre Radspuren daran zurückgelassen. Auf dem höchsten der
schuttbedeckten Eishügel machten wir im Kraterkessel halt.
Während wir uns zu orientieren suchten, wichen allmählich die Nebel
und gaben den ganzen _Kraterzirkus_ mit Ausnahme der höchsten Grate
und Spitzen frei. Wir stehen wie in einem ungeheueren Kar mit 1000
Meter hohen Steilwänden, aber dieses Kar hat nicht die uns bekannte
Lehnsesselform, die Karwände werden nicht von der Rückenlehne nach
den Seitenlehnen hin niedriger, sondern gerade am Eingang türmen sich
rechts und links die beiden Hauptgipfel empor, der »Canonico« auf der
Nordseite, der »Obispo« auf der Südseite, die mit 5355 Meter und 5405
Meter Höhe alle anderen Teile der Zirkuswände weit überragen. In der
Runde senken sich von den Felswänden große Firn- und Eismassen zum
Zirkusboden hinab, ein im Durchmesser über 1000 Meter weites Eis- und
Schuttfeld. Fünf niedrige, runde Felsbuckel gliedern dieses Eisfeld in
sechs primäre, kleine Gletscher, die zur tiefer gelegenen Mitte sich
vereinen und nun als ein einziger Eisstrom zum Ausgang des Kessels
fließen, der am Ende unter seinem Moränenschutt ganz verschwindet.
Ein auffallender schneebedeckter, etwa 200 Meter hoher Felskegel,
der sich im Kraterzirkus dem Fuß des »Canonico« anlehnt, scheint ein
Eruptionskegel in der Caldera zu sein, durch den sich die letzten
vulkanischen Zuckungen des Berges Luft gemacht haben. Wie in einem
Flußbett nach Ablauf des Hochwassers ein langes Band von allerlei
Rückständen, Schlamm, Sand, Holzstücke usw., am Uferhang liegenbleibt,
bis sie vom Regen abgespült werden, so liegen hier, als Flutmarken des
einstigen Gletscherhochstandes, allenthalben Moränenschuttbänder bis
100 Meter hoch über der jetzigen Gletscheroberfläche an den felsigen
Berglehnen. Rück- und Niedergang des Eises, wohin man blickt!
Die Sonne brannte in der windstillen Caldera nachgerade so kräftig auf
uns herab, daß wir trotz der 4344 Meter Höhe die Röcke auszogen und
unseren Arbeiten hemdsärmelig oblagen. Nach Mittag schien die ganze
Umgebung in langsame Bewegung geraten zu wollen; überall rieselten
dünne Schmelzwässer und knisterte und prasselte der ausgeschmolzene
Sand und Geröllschutt, überall gab nun die Moränendecke rutschend nach,
wenn man sich auf ihr bewegte. Und als wir um ½3 Uhr zur Rückkehr nach
den Zelten aufbrachen, hatte sich das Gletscherbächlein, das am Morgen
nur dünn geflossen war, in einen stattlichen Bach verwandelt, der sich
aus dem niedrigen Gletschertor durch alle die Schuttmassen Bahn brach
und unmittelbar danach als brausender Wasserfall in das Collanes-Tal
hinabstürzte.
Am späten Nachmittag wurde es auch in den höchsten Regionen des Altar
klarer und lichter, und schließlich stand der ganze riesige Berg im
goldenen Licht der Abendsonne vor uns. Die beiden vordersten Ecktürme,
der Obispo und der Canonico, ähneln in ihrer trotzigen Gestalt und
wilden Schönheit dem Eiger und dem Matterhorn. Über 1000 Meter
starren ihre jähen, nur wenig Firn festhaltenden inneren Wände über
dem Calderaboden empor, während die äußeren in zahllosen Steilstufen
abfallen und in mehreren Karen kleine Hängegletscher tragen, die in den
herrlichsten Blaubändern leuchten. Die schönste Firnkuppel des Altar
ist aber die hinter dem Obispo mitten auf der südlichen Zirkuswand
aufgetürmte »Monja grande« (große Nonne). Man begreift schlechterdings
nicht, wie sich die mächtige Firnkappe auf dem steilen Felsturm halten
kann.
Auf der Hinterwand des Zirkus thront gerade gegenüber dem breiten
Eingangstor ein kolossaler, dreizackiger Felsklotz (5294 Meter), der
den Namen »Tabernaculo« erhalten hat. Er liegt auf dem Altar wie ein
Tabernakel zwischen zwei riesigen Kerzenträgern, was wohl die Herren
Reiß und Stübel zu dieser Namengebung veranlaßt haben mag; denn die
hübschen Namen Canonico, Obispo, Monja, Tabernaculo usw. für die
einzelnen Gipfel sind keine landesüblichen, sondern von Reiß und Stübel
verliehene, da es keine einheimischen gibt. Auch auf dem Tabernaculo
und auf vielen Zinnen der nördlichen Zirkuswände lagern mächtige
Firnmassen in hoher Wölbung und mit weit überstehenden Wächten, die der
ständige Ostpassat herübergebogen hat.
Daß der Altar so, wie er heute dasteht, nichts Ursprüngliches ist,
sondern nur die Ruine eines noch größern Berggebildes, haben selbst die
Eingeborenen mit ihrer geringen Beobachtungsgabe gesehen und gedeutet.
Ich habe von Bewohnern Riobambas oft die Meinung gehört, der Berg sei
früher noch höher gewesen als der Chimborazo, sei aber vor einigen
Jahrhunderten durch Erdbeben zum Einsturz gebracht worden. Sie haben
wohl darin, daß der Berg einst höher gewesen und dann zerstört worden
sei, das Richtige getroffen, aber die Zeit haben diese kurzlebigen,
kurzdenkenden Menschen erklärlicherweise viel zu kurz bemessen. Was
können sie wissen, was geologische Zeiträume bedeuten! Der Legende,
daß der Berg gegen Ende des 15. Jahrhunderts in sich zusammengesunken
sei, ist übrigens auch kein Geringerer als A. von Humboldt zum Opfer
gefallen. Er berichtet von einem alten indianischen Manuskript, das
diese Katastrophe beschrieben habe, aber der deutsche Reisende Moriz
Wagner hat später nachgewiesen, daß Humboldt sich »eine Lüge hat
aufbinden lassen«.
Naturgewalten haben allerdings den Berg zu der heutigen Ruine gemacht,
aber diese Zerstörung hat sich allmählich in riesigen Zeiträumen
vollzogen. Sein kolossaler Kraterzirkus, seine Caldera, ist in seiner
Anlage ein Werk vulkanischer Kräfte; er ist dadurch entstanden, daß
mit dem Erlöschen der Eruptionen ein großer Teil der Magmamassen in
den weiten Eruptionsschlot zurücksank, weil die Kraft fehlte, sie
über den Kraterrand hinauszuheben. Es ist der Vorgang der »Sackung«,
wie er an so vielen Vulkanen gerade der Hochanden Ecuadors zu
beobachten ist. Den so entstandenen Kraterzirkus haben aber dann in
unablässiger, jahrtausendelanger Arbeit Wind und Wetter, vor allem das
Eis ausgeweitet, sie haben die steilen Felswände geschaffen, die ihn
jetzt umgeben, sie haben, von innen und von außen angreifend, die hohen
Zinnen und die schmalen Grate geschliffen, die ihn jetzt bekrönen. Die
Ruine des Altar ist ihr Werk.
Als am Abend die gelben, violetten und rosaroten Töne auf Fels und
Firn verblaßten, wurde es sehr schnell kühl (6 Uhr +3°). Aus den nahen
Sümpfen des Collanes-Tales erklang vielstimmiges, melancholisches
Unkenkonzert, und bald drangen von dort Scharen kleiner Stechmücken zu
uns herüber, vor deren Angriffen wir uns in unsere dichtschließenden
Zelte und Schlafsäcke zurückzogen. Als ich in der Nacht, durch den
Donner einer Lawine geweckt, nach dem Wetter sah, lag die stille große
Landschaft in zauberhaftem Mondlicht, und gerade vor uns im Einschnitt
des hochwandigen Collanes-Tals funkelte der Jupiter so blendend und
riesengroß am wolkenlosen Nachthimmel, daß ich zuerst ein Meteor zu
erblicken glaubte. Wer den Sternenhimmel in seiner ganzen Pracht sehen
will, muß in große Bergeshöhen der Äquatorialzone gehen.
Als wir mit steigender Sonne dem Altar Lebewohl sagten und den _Rückweg
nach Releche_ antraten, hatte der Gletscherbach im Collanes-Tal noch
eine dünne Eisdecke. Wir folgten dem Pfad, auf dem wir hergekommen,
und als wir, aus dem Tal auf den Nordhang heraussteigend, die ersten
Kuppen umkreisten, kam plötzlich die Nordwestfront des Canonico in
Sicht, die uns auf dem Herweg im Nebel verborgen geblieben war. Wie da
die prachtvolle Pyramide sich aus den Wolken aufbäumte, entrang sich
uns beiden ein lautes jubelndes Hurra! Auf ihren riesigen schroffen
Südwänden halten sich keine größeren Firnlager, aber auf der uns voll
zugewandten Nordwestfassade steigen Firn und Eis in unzähligen Stufen
und Brüchen über die Felswände zum schuttbedeckten Sockel herab, wo das
Eis in zwei kleinen Gletschern ausläuft.
Beim Aufstieg zur Loma de Tunguraquilla konnte ich wieder einmal die
Leistungsfähigkeit der Peones bewundern. Mit ihren 40 bis 60 Pfund
schweren Lasten auf dem Rücken stürmten diese Burschen eine Stunde lang
ohne Rast den steilen, grasigen Berg hinauf in einem Tempo, daß uns
beiden nur mit Eispickel und Rucksack beschwerten Europäern der Atem
ausging und das Herz zu springen drohte. Oben angelangt, vergossen die
Leute zwar Ströme von Schweiß, waren aber sonst nicht im mindesten von
der Anstrengung ermattet; sie haben Herzen wie eiserne Pumpen.
Diesmal war unser Marsch über diese Páramohöhen sonnig, warm und
aussichtsreich. Ein frischer Wind fauchte im hohen Sigsiggras, wie in
einem heimatlichen Fichtengehölz, kleine Hasen huschten blitzschnell
durch die Grasbüschel, und ein auf Rücken und Seiten blaugrau, an Kehle
und Bauch rotbraun gezeichneter Fuchs jagte über die Hänge. Links,
am fernen Horizont, dehnen sich zwei parallele lichtgraue Bänder in
unabsehbare Weite: die Westkordillere, deren Einzelheiten auf diese
Entfernung schwinden und nur eine unendlich lange gleichförmige,
horizontale Mauer übriglassen; und über ihr in geringem Abstand,
ebenso gleichförmig, ebenso lang, ebenso horizontal, die Schichten der
alltäglichen Mittagswolken. Aber über die endlose Wolkenbank hinaus
ragt als einzige und höchste Landmarke der Gipfel des Chimborazo mit
seiner silberblanken Firnkuppel.